Reeperbahn Festival, Tag 1 – positiver Schockzustand

Es ist Reeperbahn Festival, wenn du mittags mit dem Betreiber des Bioladens um die Ecke bereits erste Konzerttipps austauschst. Und wenn du nachts zuhause noch mit einer Freundin textest, wie denn nun der Auftritt dieser einen Rapperin war, den du verpasst hast. Reeperbahn Festival ist ein State Of Mind. Ein popkulturelles Kraftfeld.

Ich brauche immer eine Weile, um in diesen anderen Aggregatzustand zu wechseln. Die geballte Ladung Mensch plus die hoch dosierte Zahl an Konzerten, die St. Pauli ab Mittwoch auflädt, erzeugt eine Energie, die erst einmal bei mir ankommen muss. 42.000 Besucher werden auf bis zu 500 Konzerten erwartet. Am ersten Festivaltag befinde ich mich daher gerne in einer Art positiven Schockzustand.

Vier Tage Reeperbahn Festival, das bedeutet für mich jedes Mal auch: loslassen lernen. Sich trotz all der Gesprächstermine, Meet & Greet-Veranstaltungen und eben Konzerte zunehmend treiben lassen. Sich der Reizüberflutung hingeben. Und da ich mich möglichst schnell wieder ins Geschehen werfen möchte, anbei flugs einige Schlaglichter des ersten Festivaltags.

Ankommen im Festival Village: Uwe, Folk und grüne Pillen

Ich checke im Festival Village ein, wo ich am Vorabend bereits die Vernissage der Klaus-Voormann-Ausstellung besucht habe. Das temporäre Dorf auf dem Heiligengeistfeld erlebt sein zweites Festival-Jahr und ist wesentlich schöner sowie gemütlicher gestaltet als bei seinem Debüt. Ich treffe Hamburgs womöglich größten Musikfan, nennen wir ihn Uwe. Er plant, am Nachmittag bei Ray Cokes’ Reeperbahn Revue als Gast an die Bühnenbar gebeten zu werden. Was ihm, wie ich später erfahre, auch gelingt. Beeindruckend hartnäckige Leidenschaft.

Auf der Brausehersteller-Bühne spielt der Kanadier Jon Bryant feinen Folk und fragt die Umstehenden, ob es in Hamburg gute Spas gebe. Unverständige Blicke. Wellness kommt definitiv nach dem Festival, nicht währenddessen. Ein Sponsor verteilt Ohrstöpsel, Seifenblasen und giftig grüne Pfefferminzbonbons, die sich nach Mitternacht bestimmt gut als Drogen verkaufen lassen. In einem Container lasse ich mich für die Organisation SOS Mediterranee fotografieren, die sich für die Rettung Schiffbrüchiger im Mittelmeer einsetzt. Eine irritierende Gleichzeitigkeit.

Opening Reeperbahn Festival: Ray, Geld und Aushängeschilder

Im Schmidts Tivoli findet, knackig moderiert von dem alles wegmoderierenden Ray Cokes, die offizielle Eröffnung statt. Bürgermeister Peter Tschentscher spricht ebenso wie Festivalchef Alexander Schulz und die französische Botschafterin Anne-Marie Descôtes. Denn Frankreich ist diesjähriges Partnerland des Reeperbahn Festivals. Sie alle plädieren für eine von Popkultur beförderte offene Gesellschaft. Und sie mahnen an, dass all die Musiker, die uns so eine tolle Zeit bescheren, anständig vergütet gehören. Das ist sehr gut.

Hellhörig gemacht hat mich die Aussage von Andreas Görgen vom Auswärtigen Amt, der das Reeperbahn Festival neben dem Filmfest Berlinale und der Frankfurter Buchmesse als eines der drei kulturellen Aushängeschilder in Deutschland bezeichnet. Wow.

Das Reeperbahn Festival erhält bis Ende 2019 zusätzlich zur bisherigen Unterstützung 2,55 Millionen Euro aus Bundesmitteln. And more to follow. Ich freue mich, dass Popkultur derart gepusht wird. Und gleichzeitig denke ich sofort darüber nach, wie es um die Finanzierung und Förderung all der kleinen und größeren Clubs in Hamburg durchs Jahr hindurch bestellt ist.

Drei Highlights: Alma, Endorphine und Lob den Backlinern

Joel Culpepper in Angie’s Nightclub: Der Sänger aus London bündelt den Geist von James Brown und Prince in seinem stetig groovenden movenden Körper, um sich selbst dann noch mit all den Rappern dieser Welt zu kreuzen. Ein Glücksfall von Festival-Fund, der bereits am frühen Abend zu zwingend tanzender, mitsingender, schwitzender Glückseligkeit führt. Erste Endorphine.

Alma im Docks: Die finnische Sängerin wird von ihrer DJ (geile Metalkutte!) angesagt wie mindestens Beyoncé. Auf die Bühne kommt dann ein pummeliger Emo-Teenager in Schwarz mit langem knallblondem Haar. Famoser Kontrast. Denn dann powert diese Soulstimme samt Beats und Geballer durch den Saal. Pop zwischen cool und happy. Und eine riesige Inspiration, sich einfach mit seinem individuellen Körper, seiner eigenen Art, mit seinem ganzen schönen merkwürdigen fantastischen Selbst in diese Welt zu werfen. Schockverliebt.

1000 Gram im Headcrash: Wir sind eine Viertelstunde vor Konzertbeginn in dieser famos ranzigen Location am Hamburger Berg. Und niemand ist da. Der Barmann füllt gerade den Kühlschrank auf. Ich habe Angst, dass das eine ganz traurige Veranstaltung wird. Doch fünf Minuten vor der Show füllt sich der Raum schlagartig.

Reeperbahn Festival, Clubs, Hamburg, St. Pauli, Pop, France, concerts, Biggy Pop, 1000 Gram, Band, Berlin, Headcrash Die ausgefuchsten Festival-Besucher haben sich verwöhnter Weise bereits daran gewöhnt, dass die fleißigen Stagehands, Backliner und Bühnentechniker mittlerweile ein pünktlich wie am Schnürchen laufendes Event wuppen. Applaus für alle, die nicht im Rampenlicht stehen! Und für die darin sowieso. In diesem Fall 1000 Gram aus Berlin, ein Quintett von schlonziger Liebenswürdigkeit. Hymnischer Slackerrock. Mehrstimmige Gitarren- und Gesangsmelodien. Kurzer 90er-Jahre-Flashback von der allerbesten Sorte.

Und heute ist dann wieder heute.

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