„Sowas von egal“ – dunkle Raritäten zum Tanzen

Ich liebe kulturelle Komplizenschaften. Eine Kooperation, mit der ich so nicht unbedingt gerechnet hätte, ist jene für den Sampler „Sowas von egal“. Bureau B, Sublabel der Hamburger Plattenfirma Tapete Records, hat sich mit den DJs der Partyreihe „Damaged Goods“ zusammengetan. Gemeinsam haben sie die Werkschau „Sowas von egal“ kompiliert. Die Platte versammelt 14 Songs, die laut Untertitel in folgende Kategorie fallen: „German Synth Wave Underground 1980 – 1985“.

Bureau B ist schwerpunktmäßig auf Wiederveröffentlichungen aus dem Krautrockbereich spezialisiert, widmet sich aber auch elektronischer Musik und aktuellen Künstlern. Die Bureau-B-Releases eint meiner Ansicht nach ihre Obskurität im allerbesten Sinne sowie der Wille zum popmusikalischen Wagnis. Auch wenn also die deutschsprachigen Wavesongs auf „Sowas von egal“ nicht gerade nach krautrockigen Improvisationen klingen, passen sie aufgrund ihres avantgardistischen Ansatzes bestens zu Bureau B.

Auf „Sowas von egal“ verdichtet sich das aufkommende Computerzeitalter

Es sind Songs, die ihre Ära widerspiegeln, ohne sich dem Zeitgeist anzubiedern. Stücke, die eine Nische nicht ausleuchten, sondern dunkel schillernd einkleiden. Und deren Hörerinnen und Hörer zum Teil einer verschworenen Gemeinschaft werden dürfen.

Auf „Sowas von egal“ verdichtet sich das aufkommende Computerzeitalter der frühen 80er-Jahre in einem Sound, der auf harte, reduzierte Beats und Melodien aus dem Synthesizer setzt. Die vertonte Elektrifizierung, Mechanisierung und Digitalisierung unserer Existenz. Themen wie die Symbiose von Mensch und Maschine faszinieren und beklemmen zugleich, sie regen einerseits sexuelle Fantasien an und erzählen andererseits von der Einsamkeit vor dem Bildschirm. Intoniert zum Beispiel in „Computermädchen“ von dem Schweizer Duo El Deux. Eine Nummer, die auch mehr als 30 Jahre später hoch aktuell ist.

Die Szene tanzte zum Kalten Krieg

Andere Stücke auf „Sowas von egal“ wiederum sind stärker in ihrer Historie verhaftet. Beispielsweise „Die Russen kommen“ von Berlin Express und „US Invasion“ von Pension Stammheim. Letzteres ist ein nervöses Stück mit Proklamation, das weit entfernt davon ist, reine leichte Partymusik zu sein. Die Szene tanzte zum Kalten Krieg, zum politischen Diskurs, auch zum gezielten Tabubruch.

„Sowas von egal", Cover, Autobahn, Sampler, bureau b, label, german, wave, pop, 80ties, gothic, ndw, djs, damaged goods, record, music Mich fasziniert die stilistische wie inhaltliche Vielfalt auf „Sowas von egal“. So lässt die Formation 08/15 den damaligen Tennishype in einen Song fließen – mit monotonem Beat, realen Spielgeräuschen und einem ganz eigenen lakonischen Humor. In Wiederholung singt eine verzerrte Stimme „1000 gelbe Tennisbälle schlagen sie an ihrer Kelle“. Der Sport wird durch diesen akustischen Kniff zur stupiden Fließbandarbeit und lässt sich somit als Fortsetzung der Leistungsgesellschaft werten.

Das musikalische Erbe glitzert  düster und fein unter der Discokugel

Den DJs von „Damaged Goods“ – Jojo Brandt, Reklovski und Marco Flöß – war es für ihre Reihe wichtig, „eine tanzbare Party abseits von gängigen und überstrapazierten (schwarzen) Elektro-Klischees ins Leben zu rufen“. Dieser so in den Linernotes formulierte Anspruch ist auf „Sowas von egal“ deutlich zu hören.

Ich finde es großartig, dass sich die drei auf die Suche nach Raritäten machen, diese bei „Damaged Goods“ auflegen und somit das klangliche Gestern auf die heutige Tanzfläche bringen. So verstaubt das musikalische Erbe nicht, sondern glitzert weiter düster und fein unter der Discokugel.

Partys zu David Bowie, Nick Cave, The Smiths oder The Cure

Marco und Jojo kenne ich bereits lange aus dem Hamburger Nachtleben. Und die beiden betreiben noch auf weiteren Veranstaltungen klug, charmant und mitreißend popkulturelle Geschichtspflege. Mit Abenden zu David Bowie, Nick Cave, The Smiths oder The Cure appellieren sie an alle Fanherzen. Gleichzeitig bringen die beiden die Nerdseele in uns auf heavy rotation. Denn Marco und Jojo spielen auf diesen Partys immer auch Weggefährten der verehrten Pophelden sowie aktuelle Künstler und Bands, deren Musik zum Werk ihrer Ikonen passt.

Ich erinnere mich gerne an die beiden vergangenen Bowie-Abende 2018 und 2017 jeweils im Januar im Nachtasyl über dem Thalia Theater. Selten habe ich ein derart gemischtes Publikum gesehen. Vom Glamrocker bis zur Steampunkerin, von der Indierockanhängerin bis zum Gothicvertreter. Wie da alle inbrünstig mitsangen und tanzten und sich einfach freudetrunken anstrahlten, hat die Glückseligkeitsakkus schon sehr stark aufgeladen.

Highlight war für mich zudem, dass Marco und Jojo mich mit der mobilen Nebelmaschine durch den Saal laufen ließen. Und alles löste sich aufs Schönste auf um mich herum. Sowas von egal. Sowas von da.

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Wiebke Colmorgen: „Plattkinner” (Junius)
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