In was für einer Gemeinschaft wollen wir leben? Und welche Rolle spielt dabei die Musik? „Imagine Togetherness“ lautet das Motto des diesjährigen Reeperbahn Festivals. In einer Zeit sich zuspitzender polarisierender Diskurse finde ich den Ansatz richtig gut. Da wird nicht so getan, als sei schon alles kollektiv in Butter. Wir sind gefragt. Mit unserer Vorstellungskraft. Und unseren Ideen. Mit Engagement und Verantwortung. Und ein Ort wie das Reeperbahn Festival, wo an vier Tagen auf St. Pauli mehr als 450 Bands und Artists auftreten, kann in im besten Fall so etwas wie ein Reallabor sein. Als ich am Mittwoch beim Festival Village auf dem Heiligengeistfeld einchecke, fällt mir sofort auf: Die Togetherness funktioniert zum 20. Jubiläum weiterhin ganz konkret. Eine kleine Runde gedreht zwischen Flatstock-Poster-Convention und Open-Air-Bühnen — und schon habe ich zwei Dutzend Leute getroffen. Eine umarmende Atmosphäre. Ein kreativer Buzz aus Musikerinnen und Musikern, Branchenprofis und Fans.
„Imagine Togetherness“ muss für das gesamte Musik-Ökosystem gelten
Ich erinnere mich an die Anfangsjahre des Reeperbahn Festivals, in denen die ganze Club-Sause noch wesentlich kleiner war. Alles fühlte sich noch unverbundener an. Roher, mehr nach Ausprobieren. Seit einigen Jahren ist eher Kritik zu hören, dass das ganze Unterfangen zu groß gewachsen sei. Mit sieben Millionen Euro Förderung vom Bund und 850.000 Euro aus Hamburg allein in diesem Jahr. Hinzu kommen weitere zwei bis drei Millionen Euro aus den Eintrittserlösen und Sponsoring. Wie lässt sich dieses Geld im Sinne der Togetherness auch auf Clubs und Artists gerecht verteilen? Festivalleiter Detlef Schwarte nutzte das Opening, um zu mehr Gemeinsinn und Zusammenarbeit innerhalb des Ökosystems Musikindustrie aufzurufen. Ein hehres Anliegen, für das gewiss noch reichlich dicke Bretter gebohrt und Diskussionen geführt werden müssen.
Die eigentliche Togetherness liegt für mich natürlich erst einmal in der Musik an sich. Etwa in den Songs von Sofie Royer. Sängerin, Multiinstrumentalistin und Produzentin. Geboren in Kalifornien, mit österreichisch-iranischem Background, ansässig in Wien. Ihre Songs singt sie auf Englisch, Deutsch und Französisch. Quasi in einer Person gebündelte Togetherness. Im Docks spielt sie mit ihrer Band eine Collide-Session. Eine Kooperation von arte und Reeperbahn Festival, die im Nachgang auf YouTube und in der Mediathek zu sehen sein wird. Ich lasse mich umfangen von Sofie Royers sphärisch-komplexem Sound. Unter anderem spielt sie Geige, loopt diese und singt mit einnehmend tiefer Stimme vom Fallen und Vergessen, vom Jungsein und von Illusionen. Casual und intensiv. So soll Pop sein.

Hiesige Acts international: eine Diskussion von Tokio Hotel bis Ikkimel
Einen Tag später ist Sofie Royer zu Gast auf einem Panel, das ich für die Konferenz des Reeperbahn Festivals moderiere. Das Thema: „Glocalisierung & Co. – Create Local, Sell Weltweit: Wie klappt das?‟. Es geht darum, wie sich Musik aus dem deutschsprachigen Raum international vermarkten lässt. Und welche Strategien greifen können, um Fans in einzelnen Regionen der Welt zielgenau anzusprechen. Ich freue mich sehr darüber, wie toll dieses Panel besetzt ist. Mit dabei sind zudem: Quirin Fischer, Senior Marketing Manager International Export für Warner Music Central Europe. Und Hannah Pfitzenmaier, die bei der Karsten Jahnke Konzertdirektion im Tour-Bereich arbeitet und umfassendes Wissen im Bereich K-Pop-Marketing mitbringt.
Die Best-Practice-Beispiele reichen von Modern Talking bis Ikkimel, von Tokio Hotel bis BTS. Interessant finde ich unter anderem die Diskussion darum, dass die Sprache im TikTok-Zeitalter immer weniger eine Rolle spielt für die Reichweite. Entscheidend sei vielmehr der Vibe eines Songs. Am Beispiel des „Vielleicht Vielleicht“-Remixes von Millenium Kid erläutert Quirin, wie sich anhand von Daten der globale Verbreitungsweg eines Songs verfolgen lässt. Und welche Strategien daraus resultieren. Hannah rät besonders jungen Acts zu einem langem Atem. Gerade mit dem Wissen, dass der Fokus heutzutage eben nicht nur auf der Produktion von Musik liegt, sondern eben auch im Content-Creating. Sofie macht noch einmal eindrücklich darauf aufmerksam, wie finanziell herausgefordert Indie-Artist sind. Hinzu kommen Auflagen und Einreise-Regularien im internationalen Touring-Geschäft. Ihre jüngsten US-Auftritte bestritt Sofie zum Beispiel nicht mit ihrer eigentlichen Band, sondern mit Musikern vor Ort.

Systemkritik, Wut, Geschlechtergerechtkeit: Songs spiegeln die Weltlage
Hürden minimieren. Chancen erhöhen. Ein täglicher Struggle. Und das inmitten der turbulenten Weltlage. Bei vielen Artists auf dem Reeperbahn Festival spiegelt sich diese Gemengelage in den Songs wieder. Sei es der junge Hamburger Punkrocker Louis Ottley, der seine roh gesungene Systemkritik ironischer Weise ausgerechnet in der Haspa Filliale von der Kette lässt. Sei es der Star der Stunde, Nina Chuba, die bei ihrem Überraschungsauftritt im Festival Village ihr „Rage Girl“ entfesselt.
Bei manchen Acts erschließt sich das Kritisch-Hintersinnige erst bei längerem Zuhören. Das Duo Fliegende Haie aus München kommt zunächst sehr spaß-kapellig rüber. Mit einem Song über Promiskuität in der Kleinstadtsauna. Doch dann kriegen sich mich völlig mit ihren ravigen Nummern über die Ängste beim nächtlichen Nachhauseweg sowie über den Hustle der Menstruation. Irgendwo zwischen Madonna und Venga Boys fordern Fliegende Haie vehement Empathie und Geschlechtergerechtigkeit ein.
Apropos: Die Booking-Quote beim Reeperbahn Festival liegt 2025 bei 56 Prozent FLINTA*-Artists und 44 Prozent männlichen Acts. Eine wunderbare Ausgeglichenheit, die leider im ganzjährigen Livemusik-Geschehen so überhaupt nicht der Realität entspricht.
Club Check zeigt, wie erschreckend unterrepräsentiert weibliche Acts sind
Bei der wie immer glitzernd-inspirierenden Reception „Fish You Were Here“ präsentiert RockCity Hamburg aktuelle Zahlen. Gemeinsam mit den musicHHwomen* hat der Verein am Festival-Freitag einen Club Check der Jahre 2022 bis 2025 veröffentlicht. Die Studie befasst sich mit der Frage: „Wie steht es um die Geschlechtergerechtigkeit auf Hamburgs Clubbühnen?“
Eines der Ergebnisse: „Weiblich gelesene Künstlerinnen machten 2023 nur 16,1 Prozent aller auftretenden Personen aus. Nicht-binäre Acts blieben mit 0,3 Prozent nahezu unsichtbar.“ Ich kann nur sagen: Ich bin entsetzt und dachte wirklich aus tiefstem Herzen, die sich gerne als progressiv gebende Musikszene sei da schon weiter. Zum Glück gehen RockCity und die musicHHwomen* konstruktiv an die Sache ran und geben Handlungsempfehlungen mit auf den Weg, um den Wandel zu befördern.

Reden über Musikjournalismus: von Deep Dives und female nerdism
Zu einer diversen Popkultur gehört auch ein breit aufgestellter Musikjournalismus. Bei der Konferenz sprechen dazu die Kolleg*innen Lina Burghausen, Matilda Jelitto und Torsten Groß mit Moderator Christoph Lindemann. Gerade Matilda demonstriert mit ihren ausführlichen Musik-Analysen auf YouTube sowie flankierend in den Sozialen Medien, dass ausgereifte Deep Dives durchaus gefragt sind. Lina zeigt für mich, zu was für unfassbar spannenden Formaten female nerdism führen kann. Bei ihr unter anderem zu dem Blogprojekts 365 Fe*male MCs. Sie hat auf dem Panel auch immer wieder die (Nicht-)Finanzierbarkeit von Musikjournalismus angesprochen. Für mich sind Kolleginnen wie Lina und Matilda echte role models. Und ein wenig heilt dann auch mein jüngeres musikjournalistisches Ich, das Ende der 90er und in den Nuller-Jahren so häufig an die patriarchale Decke stieß.
Ich bin sehr dankbar, dass männliches Gatekeeping allmählich aufbricht. Und dass sich in meinem Umfeld tolle Menschen befinden, mit denen ich mich regelmäßig auf Augenhöhe austauschen kann. Auf dem Reeperbahn Festival treffe ich zum Beispiel immer wieder Caro und Andreas vom Online-Magazin Musicspots. Vor und zwischen den Bühnen sprechen wir angeregt über Musik und damit verbundene soziale Themen. Ihre Insights bei Musicspots kann ich unbedingt empfehlen.
Reizüberflutung Reeperbahn Festival: wie die Energie hin und her flippert
Die Togehterness beim Reeperbahn Festival ist für mich immer wieder auch ein absolut reizüberflutender Flow. Netzwerken bei diversen Firmen- und Länder-Receptions. Input von der Konferenz. Schöne Zufallsgespräche auf dem Kiez. Und immer wieder Musik. Schwitzen im Club. Wie die Energie zwischen Band und Publikum hin und her flippert. Klänge. Kaputtsein. Liebe. Das kann mitunter ganz schön überwältigend sein.
Großartig finde ich, dass die Hamburgerin Maria Preuß auf der Konferenz ein Gesprächsformat für neurodivergente Menschen anbietet. Personen mit Autismus, ADHS, Dyslexie, Dyspraxie, Tourette, Synästhesie oder Hochsensibilität sind von Events wie dem Reeperbahn Festival besonders herausgefordert. Wie ist da eine Teilhabe im Musikbusiness möglich? Leider kann ich an Marias Session nicht teilnehmen, da sie parallel zu meinem Panel stattfindet. Aber ich werde dieses wichtige Thema im Auge behalten.
Musikstadt Hamburg als tatsächliches Tor zur Welt: von Afrika bis Asien
Was das Reeperbahn Festival wesentlich besser hinbekommt als in den Anfangsjahren: Dass die Musikstadt Hamburg wirklich ein Tor zur Welt ist. Dass ich auf St. Pauli also nicht nur Konzerte mit anglo-amerikanischem Fokus erlebe. Direkt angesprochen hat mich etwa der Auftritt des schweizerisch-marokkanischen Musikers Sami Galbi. Mit seiner Band verwebt er Raï und Chaâbi mit treibendem Electro.
Begeistert bin ich zudem von der Afro Futuristic Convention, die am Freitag im Schmidtchen über die Bühne geht. Die Aktivistin und Musikerin Onejiru präsentiert mit ihrem Netzwerk verschiedene Stimmen aus Afrika und der Diaspora. Im Wechsel von Gesprächen und Livemusik geht es um kulturelle Identität, Engagement und Empowerment. Und darum, Narrative zum Positiven zu verändern. Eine absolute Entdeckung ist für mich die Sängerin Mariama mit ihrem Nomadic Soul und ihrer selbstermächtigenden Haltung. Beim Reeperbahn Festival veröffentlicht das Kollektiv Future Female Africa zudem die Hymne „The Time Is Now“. Die Frauen sagen dazu: „This song is more than music – it’s a movement. A call to raise our voices, to stand together, and to shape the future collectively“. Ein starkes Statement.

Von Wah Wah Wah bis Big Ocean: Korea zwischen Indie-Szene und K-Pop
Aufgrund meines großen Interesses für K-Pop gehe ich natürlich auch zur Reception der koreanischen Delegation ins Mojo Café. Mit Wah Wah Wah, Dabda, Drinking Boys And Girls Choir sowie Lee Seung Yoon wurden vier Bands aus dem rockigeren Spektrum nach Hamburg entsendet. Sehr spannend ist die Panel-Diskussion unter dem Titel „What You Might Want to Know About Korean Music Scene Beyond K-Pop‟. Während vor rund zehn Jahren in Korea offenbar noch ein großer Kampf zwischen Indie-Szene und K-Pop-Business bestand, findet nun eine Annäherung statt. Im Sound, aber vor allem auch über Kollaborationen.
Mit Big Ocean tritt am Samstag dann noch eine richtige K-Pop-Band im Bahnhof St. Pauli auf. Da die drei Mitglieder gehörgeschädigt sind, binden sie auch Gebärdensprache in ihre Choreografien ein. Und das K-Pop-Fandom hat in Hamburg voll abgeliefert: In der Seoulstation an der Wandsbeker Chaussee findet am Nachmittag vor dem Konzert ein Fan-Signing mit Big Ocean statt. Dem Reeperbahn Festival tut es meiner Meinung nach sehr gut, sich so weiter innerhalb der Stadt zu vernetzen. Und vor allem auch jüngere Zielgruppen anzusprechen.
Wie lässt sich Togetherness auf dem Reeperbahn Festival verjüngen?
„Junge Menschen sind gerade dabei, sich von Newcomer*innen-Musik, von der Graswurzel-Kultur abzuwenden“, sagte Detlef Schwarte im Vorfeld des Reeperbahn Festivals dem Hamburger Abendblatt. Und weiter: „Wir müssen aufpassen, dass wir den Anschluss nicht verlieren.“ Mit 43.000 Gästen liegt das Reeperbahn Festival bei 75 bis 80 Prozent Auslastung im Vergleich zum Vor-Corona-Niveau, erklärt Alex Schulz, Geschäftsführer der veranstaltenden RBX GmbH. Insofern tuen die Organisatoren gut daran, für die Ausgabe 2026 eine Ermäßigung für Musikfans unter 30 Jahren anzubieten. Für noch mehr Togetherness.
Hörtipp
Im NDR Nachtclub Überpop spreche ich mit Bookerin Ariane Mohr sowie den Musikerinnen Yaama und lina-mariah über die Bedeutung des Reeperbahn Festivals und die Situation von Newcomer*innen. Nachzuhören in der Mediathek.

