Wer sich intensiv mit Popkultur beschäftigt, befasst sich nie ausschließlich nur mit Musik. Das darf ich in Seoul auf besonders eindrückliche Weise erleben. Einen Tag lang begebe ich mich auf eine geführte Tour rund um die berühmteste Boygroup des K-Pop: BTS. Unser Guide Jonathan Kim, ein sehr freundlicher wie kluger Mann mittleren Alters, ist selbst ARMY. Das heißt: Er gehört der stetig wachsenden Fangemeinde rund um BTS an. Und wie international und super sweet dieses Fandom ist, zeigt sich auf unserer zehnstündigen Tour aufs Allerschönste. Unsere zwölfköpfige Gruppe setzt sich aus Menschen zusammen, die aus Mexiko, Australien, den Philippinen, den USA, aus Frankreich und eben Deutschland stammen. Alles Frauen – bis auf einen interessierten Ehemann.
In dieser zehnstündigen Tour geht es um so viel. Natürlich um BTS und ihre beeindruckende Erfolgsgeschichte. Aber eben auch um die Geschichte des Landes, um Politik und Kultur, um Lebensbedingungen und das koreanische Mindset, um Essen und vor allem um ein Gefühl von Miteinander und Zugehörigkeit. Es geht darum, wie beeindruckend sich das Storytelling einer Stadt und eines Landes mit Popkultur aufladen lässt. Und letztlich geht es vor allem um das philosophische Prinzip des Jeong. Also darum, sich mit Menschen, Orten und Dingen auf einer feinen und tieferen Ebene verbunden zu fühlen. Eine eigene Poesie. All das ist Popkultur. Und insbesondere K-Pop.
Szenen aus Sugas „Daechwita“ im Dae Jang Geum Park reimaginieren
In einem komfortablen Minivan fahren wir zunächst hinaus aus Seoul Richtung Süden zum Dae Jang Geum Park. In diesem Filmset, eingebettet in sanfte Hügel, hat das Studio MBC bereits zahlreiche berühmte historische K-Dramen gedreht. Etwa „Jewel In The Palace“ (2003/2004) oder „The Red Sleeve“ (2021). Für mich als absoluter Fan koreanischer Serien ist dieser Spot bereits ein echtes Highlight. Für die BTS-ARMY ist diese Location ein Must-see, da Member Suga unter seinem Alter Ego Agust D dort das Video zu „Daechwita“ gedreht hat. Dem Titelsong seines 2020 veröffentlichten Mixtapes „D-2“. Mit dem impulsiven Track und vor allem dem Video reflektiert Suga die Korrespondenz zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Denn in der Kulissen-Landschaft des Dae Jang Geum Park lässt sich innerhalb weniger Minuten vom Silla-Königreich (57 v. Chr.-654) über die Goryeo-Epoche (918-1392) bis in die Joseon-Ära (1392-1897) flanieren. Zugleich erzählt das Video auch vom Größenwahn, der Herrschern oftmals innewohnt.

Unser Guide Jonathan liefert uns zahlreiche historische Details. Er fungiert aber auch mit unglaublicher Geduld als Fotograf, wenn die Fans unserer kleinen Reisegruppe in der Szenerie des „Daechwita“-Videos posieren. Etwa auf dem Joseon-Thron oder in einem Gefängnis aus der Silla-Zeit. So wird die Filmkulisse zu gelebter Geschichte, die Jahrhunderte alte Traditionen und Bauweisen mit heutiger Pop- und Fankultur verbindet. Ich liebe es sehr, wenn Orte derart mit Bedeutung aufgeladen werden. Und wenn sich verschiedene Elemente im Positiven zusammenfügen.
Jede und jeder verbindet ganz persönliche Geschichten mit BTS
Auf der gut einstündigen Fahrt zurück nach Seoul laufen, wie auf der Hinfahrt, Videos von BTS. Ich könnte stundenlang diese abwechslungsreiche Musik von Hip-Hop bis Balladen hören und dabei die koreanische Landschaft an mir vorbeifliegen lassen. Bei „Life Goes On“ aus dem November 2020 muss ich kurz ein paar Tränen verdrücken. Hat mir der Song in der Corona-Zeit doch sehr viel Kraft gegeben. Und genau das ist ein weiterer bemerkenswerter Aspekt der Fankultur, der sich auf dieser Tour zeigt: Jede und jeder verbindet ganz persönliche Geschichten mit der Musik von BTS. Vielen haben die Songs durch schwere Phasen geholfen. Und alle ziehen Energie aus der weltweiten Verbundenheit. Das zeigt sich im Laufe des Tages in verschiedenen Gesprächen in der Gruppe. Aber auch in Botschaften an die Band, die wir bei den kommenden Stationen von Fans lesen dürfen.

Jonathan zeigt unterwegs zudem die eindringliche Rede, die BTS-Leader RM vor wenigen Tagen bei der asiatisch-pazifischen Wirtschaftskonferenz APEC gehalten hat. In gut zehn Minuten erläutert er die Wucht der Hallyu, also der koreanischen Welle. Und er ruft die Wohlhabenden dazu auf, in Kreativität zu investieren. Wer ein erstes Verständnis von der Kraft des K-Pop gewinnen möchte, dem sei diese Rede sehr ans Herz gelegt. Zeigt sich doch, wie bereits oben beschrieben, dass sich über Popkultur ganz unterschiedliche Facetten verbinden lassen. Von globaler Ökonomie bis hin zu individueller Lebensgestaltung.
Lunch im Lokal Yoojung Sikdang: wunderbar nerdige weibliche Fankultur
Zur Mittagspause stoppen wir mitten in Seoul im Viertel Sinsa-dong. In dem Lokal Yoojung Sikdang (유정식당) hat BTS während ihrer Trainee-Zeit täglich gegessen. Also während ihrer frühen Ausbildungsphase zu K-Pop-Idols. Denn im Keller des Gebäudes lag das Tanzstudio, wo die Gruppe ihre Choreografien einstudierte. Mittlerweile ist das einfache Lokal zu einer absoluten Pilgerstätte der BTS-ARMY geworden. Von oben bis unten bepflastert mit Bildern der Stars. Jonathan hat uns den Tisch reserviert, wo BTS immer gesessen hat. Und, wie sich herausstellte, habe ich auf dem einstigen Stammplatz von J-Hope Platz genommen. Ich würde sagen: Killin’ it, girl!

Beim Essen unterhalten wir uns – natürlich – über BTS. Doch vor allem tritt eine wunderbar nerdige weibliche Fankultur zutage. Viele der Fans in der Gruppe haben maximal ein zwei Freund*innen, die sich ebenfalls für K-Pop interessieren. Viele gehen sehr passioniert auch alleine auf Konzerte. Und finden dort einen energetisierenden Zusammenhalt.
Beim ersten Dorm von BTS und beim alten Bürogebäude des Labels Big Hit
Nur wenige Gehminuten vom Lokal entfernt machen wir Halt bei der ersten Unterkunft, in der BTS nach ihrem Debüt im Jahr 2013 zusammen gelebt hat. Ein einfaches One-Bedroom-Apartment. Und weiter geht es zu Fuß zum ersten Büro ihrer Plattenfirma Big Hit in einem schlichten Eckgebäude. Die grauen Steine des Gebäudes und selbst die gelben Fahrbahn-Markierungen drumherum sind über und über mit Fan-Botschaften beschriftet. Ich quetsche immerhin noch ein kleines „Biggy“ mit schwarzem Filzstift an die Wand.

Jonathan erzählt uns, dass sich der Betreiber Bang Si-hyuk mit seiner K-Pop-Mission damals hoch verschuldet hatte. Hätte BTS anfangs nicht auf ihr Gehalt verzichtet, wäre der heutige Erfolg wohl kaum zustande gekommen. Mittlerweile ist Bang Si-hyuk als „Hitman Bang“ bekannt. Mit einem geschätzten Vermögen von rund drei Milliarden US-Dollar. Ein Aufstieg, der – wie Jonathan erläutert – auch die Strebsamkeit des koreanischen Mindsets widerspiegelt.
Elvis, Beatles, BTS – der K-Pop-Fan-Vibe ist noch einmal anders
Vorbei an einem Spielplatz im Hakdong Park, auf dem die Jungs gerne abhingen, laufen wir zum dritten Dorm, wo die sieben Member gemeinsam wohnten. Dieses mehrstöckige Gebäude in urbanem Waschbeton-Ambiente ist mittlerweile ein stylisches Café namens HyuGa. Natürlich auch voller Memorabilia. Eine ähnliche Art von leidenschaftlicher Huldigung habe ich höchstens in Graceland rund um Elvis oder in Hamburg in Bezug auf die Beatles erlebt. Aber dabei handelt es sich ja nun mal um nicht mehr existente Personen und Bands. Und der K-Pop-Fan-Vibe ist meinem Empfinden nach noch einmal ein anderer.
Viel dreht sich nicht nur um das Wissen über die Band, sondern auch um gegenseitigen Support. Um Themen wie Mental Health und soziales Engagement. Und obwohl K-Pop meines Erachtens kein Alter kennt, bringt er doch vor allem junge Menschen zusammen. Das stimmt mit sehr optimistisch.
Aura, Stadtpanorama, Erinnerungen – so funktioniert gutes Storytelling
So einen jungen frischen Wind atmet auch der nächste Stopp auf unserer Tour. Die Insel Nodeul mitten im Han River ist bekannt für die dort ansässigen Start-ups. Und für die romantische Picknick-Wiese mit Blick auf den Fluss. BTS drehte auf der Insel ihre 2021 Season’s Greetings sowie ihr Video zu „Run“ aus dem Jahr 2015. Und so wird ein einfaches Geländer zum J-Hope-Spot. Und eine Holzbank zur RM-Bench. Aura, Stadtpanorama, Erinnerungen – so funktioniert gutes Storytelling. Jonathan hat uns sogar animiert, unter der Hangang-Bridge die Lauf-Szene aus „Run“ nachzustellen. Ein großer Spaß.

Unsere Tour endet beim heutigen Gebäude von Hybe. Also bei dem Entertainment-Unternehmen, das aus Big Hit hervorgegangen ist. Und das mittlerweile zahlreiche Labels und Gruppen versammelt. Von einer einfachen Büro-Etage aus hat sich die Firma zu einem Konzern entwickelt, der nun einen ganzen Wolkenkratzer für sich vereinnahmt. An der glänzenden Fassade prangt Werbung für das koreanische Release der japanischen Boygroup &TEAM. Aber das ist eine der anderen vielen Geschichten des K-Pop. Zurück bleibt das Gefühl eines erfüllten Tages, der Wissen und Wärme mit Popkultur vereint.
Empfehlung:
Ich höre mich gerade mit großem Interesse und viel Freude durch die Folgen des Seoulified-Podcasts. Tolle Einblicke in den K-Pop mit viel Herz und Know-how.

