K-Pop-Stores in Seoul – Shopping als Storytelling

Auf meiner Recherche-Reise nach Seoul vergangenes Jahr habe ich mich unter anderem mit der vielfältigen Produktpalette im K-Pop befasst. Also wie sich mit Recorded Music und Merchandise tatsächlich Geld verdienen lässt. In diesem Blogpost möchte ich von den realen Orten in Seoul erzählen, an denen sich K-Pop kaufen lässt. Also von den langfristig(er) existenten Geschäften. Und vor allem: Wie Musik inszeniert wird. Denn bemerkenswert ist zunächst, wie viel Raum die Popkultur insgesamt einnimmt. Wie präsent sie ist. Mit welcher Freude und Professionalität sie verbreitet wird. Und zwar eine Art von Pop, die bei uns oftmals als stark weiblich gelesen marginalisiert wird. Deren Merchandise gerne als Schnickschnack und Gedöns abgetan wird. Anders in Korea: Soft-Power-Faktoren werden so clever kombiniert, dass sich die Fans zwischen Musik, Beauty und Mode, virtueller und analoger Welt in einem Storytelling wiederfinden, dass sie immer auch ein Stück selbst mitgestalten können. Und wollen. Eine umfassende interaktive Erfahrung.

Von old schoolig bis wühlig: Hotspot für K-Pop-Stores ist Myeongdong

In einem weiteren Blogpost werde ich über kurzfristig ausgerichtete Pop-up-Stores, Cross-Branchen-Kooperationen und innovative Release-Konzepte schreiben, die analoge und virtuelle Welten miteinander koppeln. Doch fangen wir erst einmal grundsätzlich an. Geschäfte, die einem Plattenladen im klassischen west-europäischen und anglo-amerikanischen Stil nahekommen, gibt es im K-Pop-Bereich in Seoul kaum. Stets ist die Auslage in gewisser Weise kuratiert. Und in der Regel gibt es eben meistens nicht nur die Tonträger an sich zu kaufen.

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Von Alben bis Souvenirs: K-Mecca in Myeongdong.

Hotspot für K-Pop-Stores ist das quirlige Shopping-Viertel Myeongdong. Von Music Korea bis zur K-Pop Palette finden sich dort gut ein Dutzend Shops. Buruttrak ist wohl eines der ältesten Musikgeschäfte. Eröffnet 1978. Dieser Laden kommt einem Old-School-Record-Store wohl am nächsten. Und hier lässt sich auch das ein oder andere ältere Schätzchen von CD bis Vinyl finden. Allerdings ist die absolute Zugekramtheit im Buruttrak bereits eine Show an sich. Es gibt zwar Genre-Schilder. Aber vieles liegt und steht in Stapeln und Kartons vor und in den Regalen. Eine gemütliche Musik-Höhle. Mit einer älteren Dame in einer Nische an der Kasse, von wo aus sie einen guten Blick auf Straße und Shop gleichermaßen hat.

K-Mecca: am Eingang empfangen einen Magazin-Cover mit K-Pop-Idols

Die aktuelle Single „Spaghetti“ von Le Sserafim und J-Hope, die spektakulär wie eine Pasta-Packung gestaltet ist, findet sich im Buruttrak lässig zwischen andere Alben gestopft. Die Myengdong 8ga-gil hinab sieht das im K-Mecca schon ganz anders aus. Hier ist die gesamte Produkt-Palette rund um den „Spaghetti“-Release prominent in Szene gesetzt. Unter anderem ist die Single auch als Mini-CD erhältlich, verpackt in einem typischen Ramen-Becher. Mit einem Tierchen in Spaghetti-Optik im Innern.

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Produktpalette zum Single-Release „Spaghetti“ von Le Sserafim featuring J-Hope, präsentiert im K-Mecca.

Das K-Mecca ist ein zweistöckiger Mix, der im fließenden Übergang neue Alben, Lightsticks und Souvenirs verkauft. Und natürlich Merch Merch Merch von Schlüsselanhängern bis zu Passport-Cases. Durchaus rummelig. Aber auch sehr schön zum Stöbern. Und am Eingang empfangen einen wie in einer Ausstellung spektakuläre Magazin-Cover mit K-Pop-Idols.

K-Pop als Erlebnis: Shops mit Lounge, Photo-Boxen und Selfie-Spots

Jeder Store hat seinen eigenen Twist und ist mitunter auf bestimmte Artists ausgerichtet. So liegt der Fokus bei K-Pop Friends in Myeongdong primär auf den großen Acts. Eine Stray-Kids-Fotogallerie begrüßt die Gäste im ersten Stock. Und im zweiten Stock schlägt unter anderem das BTS-Fan-Herz höher. Mit Sammelobjekten bis hin zur RM-Zahnbürste. Ikonisch sind die Treppen hinauf, auf denen die Namen von K-Pop-Gruppen farbig beleuchtet erstrahlen.

K-Pop ist ein permanentes Erlebnis. Und die Stores sind vor allem auch eine stete Option, diese Erzählung selbst weiterzuführen. Mit Fotos, in Stories, auf den Social-Media-Plattformen. Viele K-Pop-Shops warten mit eigenen Photo-Boxen und liebevoll gestalteten Selfie-Spots auf. Und die Myeongdong-Filiale von With Muu hat im dritten Stock sogar eine Lounge, um sich vom Shopping zu erholen. Inklusive Gacha-Automaten. Also Maschinen, wo nach Geldeinwurf Plastikkugeln mit kleinen Überraschungen herauskommen.

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Der Hype ist real: With Muu in Myeongdong im Style von „K-Pop Demon Hunters“.

Die Fassade von With Muu ist, als ich im November dort bin, komplett im Design von „K-Pop Demon Hunters“ gestaltet. Die Figuren aus dem Netflix-Überhit sind omnipräsent in Seoul. Die Straßenstände sind voll von Shirts, Anhängern und Taschen, die Huntr/x, Saja Boys, den Tiger Derpy und den Vogel Sussie zeigen. Ein weiteres Zeichen, wie schnell Korea auf Hypes reagiert.

Quer durch Seoul: Underground Mall, Idol Store, Ktown4U, The SameE

Wie auch bei der Produktpalette sind K-Pop-Stores in Seoul für jeden Geldbeutel und Geschmack zu finden. In den Underground Shopping Malls, etwa in Myeongdong, lassen sich günstig Alben und Merch wie Kalender und Tassen erstehen. Überbordernde Butzen und Nischen, die zum Entdecken einladen. In Hongdae wiederum besuche ich den Idol Store, der in Metal- und Glas-Optik sleek in die Straße hineinragt. Die Alben sind auf grauen monolithischen Blöcken aufgebaut.

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K-Pop-Fülle in der Myeongdong Underground Shopping Mall.

Zahlreiche K-Pop-Stores haben Dependancen in gleich mehreren Stadtteilen. Ktown4U etwa ist prominent in der COEX Mall in Gangnam lokalisiert, hat aber auch eine kleinere Filiale in der Anyoung Mall in Insadong. In dem Shop ist unter dem Motto „K Style Week“ zudem ein Counter mit Kosmetik aufgebaut, die zum Look der Idols passt.

Direkt nebenan liegt der stylische Store The SameE. Sehr aufgeräumt, fast im Stile einer Galerie, wird dort Merchandise von YG Entertainment präsentiert. Neben Hybe, SM und JYP ist YG eines der vier großen Labels des K-Pop. Textilien zur vergangenen „Deadline“-Tour von Blackpink finden sich dort ebenso wie ein plüschiges Lightstick-Cape von Treasure. Also eine Art Bärchen-Mütze für den Leuchtstab der Gruppe.

KWANGYA: ein K-Pop-Store wie ein unterirdisch gelandetes Raumschiff

Ich finde es beeindruckend, wie die Firmen ihren Appeal durch echte Stores vergrößern und so einen weiteren Anziehungspunkt für die Fans schaffen. Meines Wissens hat Warner in Hamburg oder Universal in Berlin keine eigenen Shops, die ihre Artists featuren. Wieso eigentlich nicht?

Wenn ich nur einen K-Pop-Store in Seoul besuchen könnte, dann wäre das wohl immer wieder KWANGYA. Als wäre ein Raumschiff direkt unter der Zentrale von SM Entertainment am Seoul Forest in Seoungsu gelandet. Wie ein K-Pop-Museum im futuristischen Ambiente erscheint dieser Laden, wenn sich die silbernen Türen öffnen. Ein transparenter rosafarbener Kreis lässt bereits von außen erahnen, was sich da für eine Welt im Inneren eröffnet. Eine achteckige Regalkonstruktion für Alben und Merchandise wirkt wie die Brücke eines Spaceshuttles.

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Vitrine im KWANGYA in Seongsu zum Release von U-Know (Titelbild ebenfalls aus dem Store).

 

Die K-Pop-Goodies werden im KWANGYA unter durchsichtigen Bodenplatten ebenso dargeboten wie in Vitrinen, in deren Glas inspirierende Kernbotschaften aktueller Releases erscheinen. Die Wände sind bedeckt mit Video-Screens. Überall flackert und ballert es. Das Virtuelle des Plattformzeitalters, in dem K-Pop zu seiner globalen Reichweite gewachsen ist, verschränkt sich mit dem realen Erlebnis.

Spezialisierungen von Photocards bis zu plüschigen Idol-Alter-Egos

Bei meinem Besuch im KWANGYA wird unter anderem das fünfte Jubiläum der Gruppe aespa angekündigt. Zur Produktpalette gehört da auch eine Digitalkamera im aespa-Design. Wenig verwunderlich. Feiert die Ästhetik der Nullerjahre doch gerade ein starkes Revival. Allerdings mit den Mitteln von heute.

Absolut faszinierend ist zudem, wie spezialisiert manche K-Pop-Stores sind. Poca Spot in Myeongdong ist ein mehrstöckiger Laden rund um die begehrten Photokarten der Idols. Inklusive Automat, bei dem sich zwar die Gruppe, aber nicht das Motiv auswählen lässt. Der Spieltrieb ist da natürlich wieder voll geweckt.

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Zerobaseone und ihre plüschigen Alter Egos im K-Pop Square in Hongdae

Freunde des Flauschigen werden im K-Pop Square in Hongdae fündig. Der Store versammelt ausschließlich plüschige Alter Egos von K-Pop-Idols. Noch einmal eine komplett eigene Welt für sich. Seit Herbst 2017 etwa verteilen sich die BT21-Cartoon-Charaktere von BTS rund um den Erdball. Physische Repräsentanzen der Idols, zuhause bei den Fans. Und die Geschichten des K-Pop, so verselbstständigen sie sich weiter.

Audiovisuelle Eindrücke zu Popkultur in Korea gibt es auf Instagram, zum Beispiel in meinem Highlight „Seoul Pop 25“

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