„Name a place that I could breathe on this map, world“, rappt RM in „Swim“. Den Kopf über Wasser halten. Atmen. In unseren turbulenten Zeiten. Und dann Schwimmen. Ein Zug nach dem anderen. In softem Flow erzählt der Song von Resilienz. Und von einer Sehnsucht, die uns weitermachen lässt. Dass BTS „Swim“ als erste Single ihres neuen Albums „Arirang“ ausgesucht hat, setzt den Vibe für ihr aktuelles Comeback. Vier Jahre haben die Fans, die ARMY, auf die Rückkehr von Jin, Suga, J-Hope, RM, Jimin, V und Jungkook gewartet. Und mit wie viel Herzenswärme und Aufregung dieses globale Event verbunden war, allein dafür liebe ich die Popkultur und K-Pop im Speziellen. Dass da ein derart positiver Vibe den gesamten Erdball erfasst, getrieben von Musik, ist absolut heilsam. Besonders emotional aufgeladen war für mich der Auftritt der Gruppe einen Tag nach Veröffentlichung von „Arirang“ am 21. März auf dem Gwanghwamun in Seoul.
Dieser weite Platz liegt vor den Toren des Gyeongbokgung, dem wichtigsten königlichen Palast der Joseon-Dynastie. Ein Raum zum Atmen, der die Geschichte Koreas mit dessen trend-beschleunigter Gegenwart verbindet. Ein Ort für Proteste. Aber auch Heimat der Outdoor Library, bei der Menschen friedlich lesend zusammenkommen. Während meiner Aufenthalte in Seoul bin ich immer wieder über den Gwanghwamun gelaufen. Und zuvor bereits in meinen Gedanken. Kannte ich den Platz doch als Schauplatz aus K-Dramen, also koreanischen Serien, allen voran „The King: Eternal Monarch“. Es geht um das individuelle Storytelling, das sich mit dem kollektiven verbindet. Es geht darum, diese narrativen Fäden weiterzuspinnen. Und dann stehen da sieben Männer auf dem Gwanghwamun auf einer Bühne, die davon sprechen, dass sie genauso unsicher sind wie wir. Dass sie zweifeln und Ängste haben. Übertragen von Netflix in 190 Länder. In den ersten 24 Stunden sahen mehr als 18 Millionen Menschen die Übertragung des BTS-Konzerts.
Album „Arirang“: die koreanische Musiktradition weitererzählen
Mit ihren Songs und dem Gwanghwamun-Auftritt entfaltet BTS nicht nur eine Softpower im kommerziellen Sinne, sondern vor allem kulturell. Und global gesellschaftlich. In Zeiten patriarchaler Machtwüterei auf so vielen Ebenen ist es für mich ein hoffnungsvolles Signal, diese Verletzlich- und Durchlässigkeit öffentlich auf so einem populären Level zu erleben. Und damit verkörpert BTS den Geist von „Arirang“ sehr bedacht und mit einer eigenen Schönheit. Knüpfen sie doch an eine jahrhundertealte koreanische Volksliedtradition an.
„Mehr als 3600 verschiedene Aufnahmen existieren von dieser Hymne, die zum Unesco-Weltkulturerbe zählt – und die Traumata, Sehnsucht und Streben des koreanischen Volkes in sich trägt. Arirang erklang zum Widerstand gegen die Besatzung durch Japan. Und das Lied birgt die Hoffnung auf Wiedervereinigung der koreanischen Halbinsel. Indem BTS ihr fünftes Album „Arirang“ nennt, signalisiert die Gruppe, dass sie sich der Geschichte ihres Landes verbunden fühlt und diese weitererzählt“, schrieb ich für den STERN über das Comeback von BTS.
BTS und der Druck in unserer aufmerksamkeitsökonomischen Zeit
Dass ich als Musikjournalistin für ein großes Magazin über K-Pop und BTS schreiben konnte, ist nicht nur ein persönlicher beruflicher Meilenstein. Ich bin wirklich dankbar, dass ich das Phänomen und die kulturellen Nuancen bis hin zum Konzept des „Arirang“-Logos ausgeruht erläutern konnte. Und dass ich sogar Eindrücke aus meiner BTS-ARMY-Tour durch Seoul einfließen lassen konnte. Denn häufig genug erlebe ich in Bezug auf K-Pop nach wie vor heftige Vorurteile. Zum einem wird Popmusik mit stark weiblich gelesenem Fandom nach wie vor marginalisiert und als nicht wertig genug abgestempelt. Zum anderen löst K-Pop immer wieder heftige Abwehrreaktionen aus, die in anti-asiatischen Rassismus münden. Da gibt es noch unfassbar viel zu tun.
Umso wichtiger, sich vom positiven Drive der Musik erfüllen zu lassen und auch deren Komplexität zu goutieren. Denn was ich ebenfalls festgestellt habe: in unserer aufmerksamkeitsökonomischen Zeit scheint der Druck groß zu sein, schnell mit einem Urteil über ein neues Album am Start zu sein. Erst recht, wenn der Hype vorab bereits so hochkocht wie bei „Arirang“. Der BTS-Account The Purple Source etwa fordert dazu auf, die neuen Songs frei von Erwartungen und mit Geduld anzuhören. Und somit der Gruppe eine künstlerische und persönliche Entwicklung zuzugestehen.
Letztlich geht es für mich in „Arirang“ darum, unsere eigenen Zustände zu akzeptieren und zu zelebrieren. Von Wut über Energie und Euphorie bis hin zu Introspektion und Melancholie. Hinein auch in Phasen, die sich unangenehm anfühlen, weil das Ziel unklar scheint und die eigene Vergänglichkeit spürbar wird. Dann gilt es erst recht, weiterzuschwimmen. Musik zu hören. Und Stille auszuhalten. Zu atmen.
Track „No. 29“: ein Glockenklang als Transit zwischen zwei Soundwelten
In die Geschichte und sich selbst hineinzuhorchen, dazu regt das zentrale Element des Albums an, der Track „No. 29“. Zu hören ist der Klang der Heiligen Glocke von König Seongdeok, einem historischen Artefakt, im Jahr 771 während der Silla-Dynastie entstanden. Im Katalog der südkoreanischen Nationalschätze ist das die Nummer 29. Nach dem tiefen Gong ist der Nachhall zu vernehmen, der in die Stille hineinführt. Diese Ruhe, dieses Atmen, diese Einkehr teilt „Arirang“ in zwei Hälften. In den impulsiven Auftakt mit fünf Songs. Und in den ruhigeren Teil mit acht Liedern.
„Body to Body“ ist für mich ein absolut eindrucksvoller Album-Opener. RM entfesselt eine Stadion-Energie und fordert alle auf, die Telefone beiseite zu legen und zu springen. Den Moment zu fühlen. Das Miteinander. Die Kraft der Fans. Das ist der „Need“, den BTS in diesem Song wieder und wieder formuliert. Ein Flirren in den Beats, abgelöst vom Gesang der Gruppe. Und vom Sample des „Arirang“-Volkslieds. Eine kunstvolle Hommage, die in die Zukunft hineinhallt.
„Hooligan“: die nervöse Schönheit des Säbelrasselns
Die zweite Nummer „Hooligan“ finde ich musikalisch enorm spannend. Vor allem das Intro. Kinematoskopische Streicher atmen Weite, gehen aber flugs über in einen gebrochenen Beat. Und nach wenigen Sekunden folgt ein Rhythmus, der aus scharf gewetzten Säbelklingen zu bestehen scheint. Wie sich da melodisches Durchatmen mit der Härte des Hip-Hop und nervösem Lachen als Stilmittel mischt, ist für mich eine starke musikalische Selbstbehauptung, die die Aura des Albums zwischen intro- und extrovertierten Facetten verdichtet.
Die Rezeption von „Arirang“ verlief bisher durchaus kontrovers. Einigen fehlt die poppige Catchyness von Hits wie „Dynamite“ und „Butter“. Anderen sind die Songs wegen der hohen englischsprachigen Anteile nicht mehr koreanisch genug. Alle diese Meinungen und Gefühle sind legitim. Es ist Popmusik. Es soll und darf Menschen unterschiedlich ansprechen. Interessant und gut wird es immer dann, wenn darüber ein Austausch entsteht. Denn auch die beherzte Diskussion und Analyse gehört ja zu einem globalen popkulturellen Phänomen wie BTS. Genauso übrigens wie ein vorübergehendes Schweigen und Sich-Sortieren.
„Aliens“: traditionelle koreanische Rhythmen und Laid-Back-Trap-Beats
Der Autor und Content Creator Jinwoo Park erläutert sehr toll, wie die Nummer „Aliens“ koreanische Elemente aufnimmt und in die Sprache des globalen Pop überführt. Er erklärt unter anderem, wie der Song auf Jungmori anspielt, einen mittelschnellen Rhythmus der traditionellen koreanischen Musik. Die schwer und hölzern in den Track hineinkrachenden Beats verweisen zudem auf traditionelle Percussion-Muster und zeigen Analogien zu Trap-Beats mit ihrem Laid-Back-Feeling. Und dann ist da Zeile „misfortune turns into blessings“, die an das Narrativ des Arirang-Volksliedes anknüpft und von der Trauer in den Optimismus leitet.
Insgesamt passiert in der ersten Hälfte, also vor dem Glockenschlag, musikalisch unglaublich viel auf „Arirang“. Der Übergang in den getrageneren Teil fiel mir beim ersten Hören gar nicht so leicht. Und mit einer schlafzimmerigen House-Nummer wie „One More Night“ bin ich nach wie vor nicht ganz warm geworden. Allerdings zeigt sich, dass ein hymnischer Song wie „Normal“ live sehr gut funktioniert. Beim Gwanghwamun-Konzert entfaltet die Nummer eine ganz eigene sentimentale Wucht. BTS reflektiert darin, wie surreal sich der eigene Fame anfühlt. Im lässig entschleunigten „they don’t know ´bout us“ geht die Gruppe wiederum darauf ein, dass Interpretationen zwangsläufig zu ihrem Schaffen gehören. „Everybody hears the story that they wanna“, heißt es in einer Zeile. Ob das nun Trotz ist oder ein pragmatisches Loslassen des eigenen Werks – jede und jeder erzählt die Lyrics, die Songs, die Geschichte ohnehin für sich weiter. So entsteht letztlich eine universelle Poesie.
„Into The Sun“: ein offenes Ende, das warm leuchtet
„Arirang“ endet mit „Into The Sun“, das durchflutet zu sein scheint von der Wärme Kaliforniens, wo das Album aufgenommen wurde. „I’ll follow you into the sun“, singen alle sieben Member zum Schluss immer wieder. Ein offenes freiheitliches Ende. Und der Anfang eines neuen Kapitels. „Arirang“ ist ein Album, mit dem ich mich wohl noch lange beschäftigen werde. Es lohnt sich, in diese Geschichte einzusteigen. Um die Nuancen zu entdecken. Und um aufzubrechen. So wie BTS auf einem Segelschiff im Video zu „Swim“. Welle für Welle nehmend.

