BTS: Konzert in Brüssel – die heilsame Energie der ARMY

Da stehe ich nun inmitten von rund 60.000 Menschen. Ich muss weinen. Und etwas löst sich in mir. „I am lost / can I come over“, singt BTS auf der Bühne. Mit der Menge, mit den Fans, mit ARMY. Einfach vorbeikommen, wenn man sich verloren fühlt. Was für ein schöner Gedanke. Eine freundschaftliche Fürsorge. BTS sprechen diese Einladung immer wieder aus. Nur kommen im Fall von RM, Jin, J-hope, Suga, Jimin, Jung Kook und V auf ihrer aktuellen Arirang-Welttour eben rund fünf Millionen Menschen vorbei. Beim ersten von zwei Brüssel-Konzerten im King-Baudouin-Stadion haben vor dem „Come Over“-Song zahlreiche Fans ihre liebevoll gestalteten Schilder hochgehalten. Gezeigt auf den großen Leinwänden, die die ausladende Mittelbühne überragen. Und jedes einzelne Schild wird heftig bejubelt.

Die Botschaften berühren mich sehr. „Durch Euch haben wir gelernt, uns selbst zu lieben“, steht auf einem der Plakate. Neben Song-Wünschen und Meme-Nachbildungen erzählen viele davon, wie die Musik von BTS ihnen geholfen hat. Wie heilsam die Songs, die Präsenz der Member und die Community sind. Genau diese Energie nimmt mich beim Konzert emotional absolut mit. Und macht mich auf eine sehr gute Weise durchlässig. In dieser Intensität habe ich das nicht erwartet.

BTS – wenn 60.000 individuelle Geschichten geballt zusammenkommen

Jede und jeder bringt eine ganz eigene Geschichte mit zu diesem Konzert. Von Ängsten, Selbstfindung und Miteinander, von Hoffnung, Überleben und Liebe. BTS hat sie alle auf ihrer Reise begleitet. Und beim lautstarken gemeinsamen Singen im Stadion verdichten sich all diese Emotionen und Erinnerungen. Viele finden Halt in dem Lebensgefühl, das die Gruppe repräsentiert. Achtsam, albern, verletzlich, erschöpft, reflektiert, selbstbewusst, sexy, begeisterungsfähig, nerdy, empowernd, menschlich.

Wenn diese 60.000 individuellen Geschichten geballt zusammenkommen, entsteht eine zutiefst verbindende Schönheit. Ein Gefühl, sich kollektiv aufgehoben zu fühlen und zugleich mit der eigenen Einzigartigkeit akzeptiert zu werden. Sich nicht schämen zu müssen. Weder für vermeintliche Schwächen, noch für stark weiblich gelesenes Fangirling. Ein Effekt, der von BTS selbst ausgeht. Von sieben Persönlichkeiten, die seit 2013 als Gruppe bestehen.

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Lebensentscheidung BTS: Fan-Plakat beim Konzert am 1. Juli im Stadion in Brüssel

„BTS at an ARMY concert“: die Fans singen, die Member hören zu

Therapeutin und K-Pop-Fan Noona’s Noonchi beschreibt sehr eindrücklich, wie aufmerksam sich die Member bei ihren Performances gegenseitig wahrnehmen. „They learn to shine together“, wie sie sagt. Ich rede und schreibe ja viel darüber, was sich von K-Pop lernen lässt. In der Musikbranche und fürs Leben. Und das ist wohl eine der wichtigsten Lektionen. Was für eine tolle Philosophie.

Und, oh boy, wie ARMY und BTS gemeinsam strahlen in Brüssel. Angefangen beim anarchischen Auftakt mit „Hooligan“, beim dem Maskierte mit rauchenden Fackeln die Bühne stürmen. Die Fans schicken den harten Rap des Songs lautstark ins Rund. Was für ein Schub. Einfach nur wow. Bei dem hoffnungsvollen „Swim“ haben die Member teils ihre Earpieces herausgenommen und lassen die Menge einfach singen. Ebenso bei dem Arirang-Chorus von „Body to Body“. Gänsehaut. „BTS at an ARMY concert“, wie es in einem Insta-Post so schön heißt. Und als ich mir inbrünstig die Seele aus dem Leib singe, habe ich ein ganz starkes Gefühl von: Ich bin am Leben. In jeder Faser meines Körpers. Was für ein Glück.

„Boy With Luv“ und „Oh my my my“ als Überraschungssongs

Mit jeweils zwei Überraschungssongs macht BTS gegen Ende der Show sich selbst und ARMY bei jedem Tourstopp ein Geschenk. Wie Suga übers ganze Gesicht strahlt, als das von ihm 2014 geschriebene und produzierte „Tomorrow“ ertönt: herzerweiternd. Und „Boy With Luv“ gerät zur euphorischen Party. „Oh my my my“. Wie die Show überhaupt von den vielen vertrauten, neuen und ungeplanten Details lebt. V, wie er einem weinenden Fan seine Jacke schenkt. Oder Long-Hair-Jimin, dessen androgyne Stylings wohl noch in Jahren studiert werden (diesmal mit eingeflochtenen Silberringen).

Den Ablauf des Konzerts kenne ich bereits von zwei Live-Viewings aus Tokio und Busan, die ich vorab in Hamburg im Kino gesehen habe (und von unzähligen Social-Media-Snippets). Und während sich im dunklen Saal zum Beispiel die grandiosen Outfits oder die Details der Choreos fokussiert studieren lassen, ist das Konzerterlebnis im Stadion multi-perspektivischer. Oder anders formuliert: Ich weiß nicht, wo ich zuerst hinschauen soll. Die sieben Member in echt auf der Bühne. Ihre Aktionen auf den Leinwänden. Der Ozean der Fans mit ihren Lightssticks, Bannern – und mit ihren Stimmen. Fanchants, Kreischen, Jubeln. Die Reden der Member sind da teils nicht in Gänze zu verstehen. Ein Rundum-Erlebnis, overwhelming und wholesome. Und eine Erfahrung, in die Fans bewusst investieren.

Brüssel ist komplett ARMYfied: internationaler Vibe in der Innenstadt

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I purple you, we waffle you: kreative Fankultur von der belgischen ARMY

Aus Italien, Finnland und den USA ist ARMY angereist. In meinem direkten Umfeld auf einer der oberen Tribünen versammeln sich Fans aus den Niederlanden, Ungarn und der Ukraine. Und ich habe sweete Freebies erhalten. Etwa einen Magneten mit einem Burger essenden Jimin. Und dieser internationale Vibe hat bereits vor dem Konzert die Brüsseler Innenstadt gänzlich erfasst. Unter dem Titel „Brussels x Seoul“ bieten viele Läden Specials zu BTS. Ich habe mir zum Beispiel bei Cosmeticary einen purple Smoothie geholt und noch eine koreanische Gesichtsmaske dazu bekommen. Fein!

Mit der Brüsseler Börse im Hintergrund laden Fans zum Random K-Pop Dance. In der Börse selbst bietet der BTS Pop-up Store offizielles Merchandise an. Die großen Papptüten mit den drei roten Kreisen des Arirang-Logos sind in der Stadt omnipräsent. Zudem cute und coole Outfits allerorten. Brüssel ist komplett ARMYfied. Und in der Metro-Station laufen BTS-Songs wie „Fire“ und „Dynamite“.

Positive popkulturelle Narrative: Gespräche, die durch Fankultur entstehen

Jemand anderes darf mal ausrechnen, was so eine Welttour für die Tourismuswirtschaft bedeutet. Und ich werde bestimmt noch viel davon erzählen, wie positiv popkulturelle Narrative wirken können. Aber jetzt sitze ich erst einmal ko und happy im Zug nach Hamburg und denke an die vielen großen wie kleinen Momente rund um diese BTS-Show. Etwa an die vielen Gespräche und Begegnungen, die durch die Fankultur entstanden sind.

Zum Beispiel heute in der Brüsseler Metro auf dem Weg zum Gare du Midi: Ein junger ARMY kommt in die Bahn. BTS-Trikot. Fotokarten an der Tasche. Die Haare pink und lila gestreift. Zwei ältere Frauen mit grauen Haaren in geblümten Kleidern loben den Look begeistert und erzählen, dass sie an Tag 1 ebenfalls auf dem Konzert waren. Sofort beginnt eine enthusiastische Unterhaltung. Solche Szenen rühren mich immer wieder unglaublich an. Und ich lächele noch ein bisschen mehr, als ich meine Heimreise antrete. Müde, glücklich, auch verwirrt. Ich weiß nicht so richtig, was da genau während und rund um das Konzert mit mir passiert ist. Und das ist das Magische daran.

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