Reeperbahn Festival 2026 – verbunden in die Zukunft

Beim Reeperbahn Festival kommt mir immer mal wieder eine Zeile aus dem alten Blumfeld-Song „Graue Wolken“ in den Sinn: „Dann steh ich auf und gehe unter Menschen“. So einfach, so real, so wichtig. Bei Hamburgs viertägiger Konzert- und Konferenz-Sause sind es sehr viele Menschen. 45.000 an der Zahl. Sie tummeln sich auf St. Pauli, um 425 Acts aus 44 Ländern in mehr als 40 Spielstätten zu sehen. Um über die Zukunft der Musikbranche zu diskutieren. Und um Kontakte zu knüpfen. Eine positive Reizüberflutung. Für mich als Musikjournalistin ist das Reeperbahn Festival eine Mischung aus Inspirationsquelle und Begegnungsstätte. Und ich habe ganz stark den Eindruck: In Zeiten von Rechtsruck und kulturellem Backlash ist eine solche Zusammenkunft im Zeichen der Popkultur umso bedeutender. Das Unmittelbare und die Nähe. Die Gespräche und Umarmungen. Das Wechselspiel zwischen Musik und Menschen. Auf geballtem Raum unterschiedliche Sprachen zu hören und verschiedene Perspektiven zu erfahren.

„Forever legit?“: Welche Relevanz hat die Popbranche für junge Menschen

Es geht in dieser 21. Ausgabe besonders darum, sich nicht auf dem etablierten Status quo auszuruhen. Unter dem Motto „Forever legit?“ hinterfragt das Reeperbahn Festival, welche Relevanz die Musik- und Kreativwirtschaft vor allem bei jungen Menschen hat. Richtig toll finde ich daher ein Projekt wie die Delegationsreise von RockCity Hamburg: Mit einer Gruppe junger Musiker*innen erkundet der Verein das Festival. Und zwar mit einem passgenauen Programm, das nicht nur von Konzert zu Konzert führt, sondern vor allem Verbindungen befördert. Bei Preisverleihungen, Paneldiskussionen und vor allem bei den zahlreichen Receptions von Plattenfirmen, Veranstaltungsagenturen und Institutionen.

Denn: Networking ist Übungssache. Ich erinnere mich, wie ich Anfang der Nuller-Jahre das erste Mal bei der Fachmesse Popkomm in Köln als angehende Journalistin zu Gast war. Ich kannte original eine Person. Und die wollte ich natürlich nicht die ganze Zeit belagern.

Networking beim Festival: check your privileges und Empathie zeigen

Umso wichtiger finde ich es, Offenheit herzustellen, Leute einander vorzustellen und nicht zu gatekeepen. Diese einander zugewandte Atmosphäre ist beim Reeperbahn Festival für mich immer wieder zu spüren. Und dass ich mich mittlerweile sehr verbunden fühle mit der Musikbranche, liegt auch daran, dass sie immer diverser geworden ist. Weiblich gelesene und queere Personen sowie People of Color sind wesentlich präsenter auf, vor und hinter den Bühnen als noch vor Jahren und Jahrzehnten. Natürlich mit sehr viel Luft nach oben und Rückschläge inklusive, gerade für Menschen mit migrantischer Geschichte. Da gilt verstärkt: die eigenen Privilegien hinterfragen, besser Zuhören, mehr Empathie zeigen.

Musikerin, Adjua, Sommersalon
Die walisisch-ghanaische Musikerin Adjua im Sommersalon (Titelbild: Remote Bondage im Festival Village, fotografiert von David Reineke)

Für mich persönlich ist es erst einmal schlichtweg erleichternd, weniger Mansplaining-Monologe anhören, weniger Machtgehabe navigieren und dementsprechend weniger maskieren zu müssen. Der Austausch wird aufrichtiger und interessanter. Und das Engagement einer Initiative wie Keychange, die sich seit 2017 für Gendergerechtigkeit in der Branche einsetzt, ist deutlich zu spüren.

Popkulturelles Glück: Remote Bondage, Adjua, Chameleon Lime Whopiepie

Mit großem Selbstverständnis kann ich beim Reeperbahn Festival ein Line-up erleben, das wirklich vielfältig ist. Das Quintett Remote Bondage aus Berlin verzückt mich direkt zum Auftakt am Mittwoch im Festival Village mit ihrem Powerpunkpop, der irgendwo im freudvollen Kosmos zwischen TicTacToe und Blond viel queer-feministischen Glitzer in die Seele rieseln lässt.

Im Sommersalon berührt mich die walisisch-ghanaische Musikerin Adjua mit ihrem warmen Gitarrenspiel und ihrem nahbaren Gesang. Ein wunderbares Durchatmen, bevor es in die Nochtwache geht zu Chameleon Lime Whopiepie. Das japanische Trio um Sängerin und Rapperin Chi- entführt sein Publikum kurz in eine Art dystopisches Wunderland zwischen Rave und RnB, Hasenkostümen und LED-Flackern.

Chameleon Lime Whopiepie, Japan, Nochtwache
Chameleon Lime Whopiepie aus Japan in der Nochtwache

Reeperbahn Festival: zwischen den Zuständen switchen auf St. Pauli

Als freiberufliche Musikjournalistin switche ich beim Reeperbahn Festival permanent zwischen Konzerten und Networking. Und mein Nerd-Herz blutet immer wieder, da ich nicht auch noch all die Konferenz-Veranstaltungen mitnehmen kann. Zumal mit Music Frontiers zum ersten Male ein Programm dabei ist, das sich speziell auf Tec und KI fokussiert. In zahlreichen Clubs, Kneipen und Off-Spaces schaue ich unterdessen bei Receptions vorbei. Unter anderem beim Dockville Festival, bei den Agenturen Karsten Jahnke und Morgenwelt, bei Catharina Boutari und dem Empfang ihrer Plattenfirma Pussy Empire Recordings, beim Estland Showcase, beim „Indie Klönschnack“ der unabhängigen Musikfirmen und bei „Das Treffen“ am Knust, dem Festival-Spin-off der Hamburger Musikszene. Das ist schon unglaublich und durchaus überwältigend, was da an Know-how und Energie auf St. Pauli zusammenkommt.

Vom Merchandise-Profi bis zur popkulturellen Aktivistin habe ich viele neue Leute kennengelernt. Und zwischendurch veranstaltet man dann zum Runterkommen einfach seine eigene Reception zu dritt oder zu zweit. Etwa mit den lieben bloggenden Kolleginnen Caro Schwarz von Musicspots und Andreas Seibert-Wussow von Queerdurchslandmusic (#burgerreception). Oder mit der guten Agnes Chung, die beim Festival im Dauereinsatz ist mit ihrer Start-up- und KI-Expertise. Talk of the Festival sind immer wieder auch die verschärften Bedingungen, unter denen aktuell Live- und Popkultur produziert wird. Umso alarmierender sind die bestehenden und drohenden Kürzungen des Bundes in diesem Bereich.

Von Hamburg Music bis RockCity: Popförderung in Zeiten des Sparens

Die Sparmaßnahmen sind auch Thema bei „Soundcheck Hamburg“, dem traditionellen Empfang von Hamburg Music Business, der Hamburg Marketing GmbH und der Kulturbehörde. Über die Paneldiskussion mit Vertretenden der Bürgerschaft habe ich für das Hamburger Abendblatt berichtet. Vielen lieben Dank auch an Moderatorin Diana Huth, die sich mehrfach auf die Serie „Der Beat der Stadt“ bezogen hat, die ich diesen Sommer für das Abendblatt über die Hamburger Musikszene geschrieben habe. Ich freue mich sehr, dass meine journalistische Arbeit gesehen wird und Impulse im Diskurs geben kann.

Tenor ist für mich nach wie vor: Popkultur ist eine künstlerische, wirtschaftliche und demokratiefördernde Kraft. Und dementsprechend ist deren Support auch keine rein kulturpolitische Aufgabe, sondern ein Querschnittsthema, das die Musikbranche im Zusammenschluss mit verschiedenen Behörden, Wirtschaft und gesellschaftlichen Einrichtungen leidenschaftlich und innovativ angehen muss. Zu diesem Fazit kommt auch RockCity-Geschäftsführerin Andrea Rothaug, die bei der Konferenz des Reeperbahn Festivals ihr neues Buch vorstellt, das Ende des Jahres im Schott Verlag erscheint: „We Are Pop!“. Darin schlüsselt sie gewohnt sachkundig und anregend auf, was hierzulande alles dazu gehört, um Popkultur nachhaltig zu unterstützen.

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Andrea Rothaug präsentiert ihr Buch „We Are Pop!“ auf der Konferenz beim Reeperbahn Festival

Ich freue mich sehr, dass ich zu den zehn Gast-Autor*innen gehöre, die ein Kapitel zu dem Buch beigetragen haben. Wer diesen Blog schon länger verfolgt, wundert sich wahrscheinlich nicht, dass es bei mir darum gehen wird, was die hiesige Popförderung von K-Pop lernen kann.

Koreanische Indie- und Popkultur vom Hamster-Rave bis zu „Ta Ta“

Apropos koreanische Popkultur: Seit 2017 präsentiert die KOCCA, die Korea Creative Content Agency, ganz unterschiedliche Acts auf dem Reeperbahn Festival (hier ein Interview aus dem Jahr 2021 auf Biggy Pop Blog). In Kooperation mit der Hamburger Agentur popup-records hat KOCCA in diesem Jahr erstmals koreanische und hiesige Delegierte ins Restaurant Hanmi auf St. Pauli zu einem Mittagessen eingeladen. Zu Gast sind da unter anderem Artists und Managements jener Bands, die später auf der großen Open-Air-Bühne des Spielbudenplatzes auftreten: die Rockband can’t be blue, das Electro-Duo Fat Hamster & Kang New, die K-Pop-Girlgroup Kiiras und die Rapper Okashii.

Ich sitze beim Essen neben dem Musiker Fat Hamster und finde es überaus spannend, mich über die Indie- und Musikszene Koreas auszutauschen. Ein freundlicher reflektierter Gesprächspartner, der wenige Stunden später mit seinem Duo Fat Hamster & Kang New ein anarchisches Electro-Spektakel entfesselt.

Im Anschluss beschert mir Kiiras mit ihrem catchy K-Pop-Hit „Ta Ta“ samt sweeter Choreo den Ohrwurm des Festivals. Super schön (und wenig verwunderlich), dass ich bei diesem Korean Spotlight auf dem Spielbudenplatz auch Jenna und Liza von den Magazinen Radioactive und K-Pop in Germany treffe. Denn am besten netzwerkt es sich beim Reeperbahn Festival ja nach wie vor auf der Straße. Bei Zufallsbegegnungen. Bei einem herzlichen Plausch, der oftmals viel zu kurz ist. Denn schon geht’s weiter. Auf zur nächsten Entdeckung. Und dieses Konzept funktioniert auch für das Publikum, das mit der ganzen Branchenbubble gar nichts am Hut hat.

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Die K-Pop-Gruppe Kiiras auf dem Spielbudenplatz auf St. Pauli

Raus aus der Bubble, rein ins Publikum: das Festival-Konzept funktioniert

Eine kleine, natürlich nicht repräsentative Umfrage in meinem musikaffinen Umfeld mit anderweitigen Hauptberufen ergibt: Sich als Gast mit Festival-Ticket treiben zu lassen, ist zwar eine feine Sache, kann aber auch zu einer gewissen Wahllosigkeit führen und auch mal zäh sein. Denn nicht jedes Konzert, in das man hineintrudelt, entspricht nun mal den eigenen Vorlieben und wird zum neuen Highlight in der persönlichen Playlist. Doch sich vorab bereits durchs Programm zu hören, kann „einen bunten Plan“ ergeben, der sehr gut aufgeht. O-Ton: „Da war von Singer-Songwriterin über Techno-DJ bis Pop-Punk alles dabei, ein sehr gelungener Abend.“ Und weiter: „Ich mag die Atmosphäre und mir ist positiv aufgefallen, dass viele female Artists dabei sind.“

Eine Freundin, die ohne Ticket die kostenlosen Konzerte im Festival Village erkundet hat, hat Acts wie Sūn Byrd, Dolphin Love, Efeu und Robine für sich entdeckt. Ihr Fazit: „Bei der Acoustics Bühne war eine superschöne gelöste Atmosphäre. Die Leute hatten alle richtig Bock auf Musik.“

Und dieser Bock auf Musik, diese Offenheit sollte unbedingt bewahrt und immer wieder neu befeuert werden. Vor allem auch für die jungen Generationen.

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