Klaus Voormann: Vernissage zum Reeperbahn Festival

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Niemand kann so gut Haare zeichnen wie Klaus Voormann“, sagt Illustrator Stefan Kiefer. Und tatsächlich. Wenn ich an das Coverbild zum Beatles-Album „Revolver“ denke, das Voormann vor mehr als 50 Jahren gezeichnet hat, dann tauchen vor meinem geistigen Auge vor allem die vielen feinen Haare der Fab Four auf. Wild und wehend sind sie bei Paul, John und George. Glatt zum Pilzkopf gekämmt bei Ringo. Die Gesichter sind minimalistisch gehaltene Collagen aus Foto und Strich. Doch die Haare scheinen ihre ganz eigenen Geschichten zu erzählen. Aus ihnen ragen die Flausen und Fantasien und Figuren auf, die das übrige Cover zieren.

Exhibition, Klaus Voormann, Reeperbahn Festival, Hi-life, Illustration, Paintings, Collage, Beatles, Hamburg, Coverart Den Satz mit den Haaren sagt Kiefer im Laufe seiner Laudatio auf Klaus Voormann, dessen Bilder während des Reeperbahn Festivals in einem Zelt auf dem Heiligengeistfeld zu sehen sind. Die Vernissage am Vorabend der großen Clubsause ist ein schönes Warm-Up für vier volle tolle Tage und Nächte. Mir gefällt es, mich an diesem Abend ganz auf die Kunst konzentrieren zu können. Ohne dass direkt zig andere Konzerte und Programmpunkte an einer anderen Ecke auf dem Kiez nach Aufmerksamkeit rufen.

Heinz Rudolf Kunze, Twiggy, Turbonegro

Gleichzeitig ist natürlich die grandiose Musikfülle auf St. Pauli genau der Grund, warum die Ausstellung exakt an diesen Ort gehört. Wo die Beatles Klaus Voormann trafen. Und die Fotografin Astrid Kirchherr. Wo die Band erwachsen wurde. Der Titel „It started in Hamburg“ passt also sehr gut für diese Schau, die von der Hamburger Agentur Hi-Life und ihrem Gründer Uriz von Oertzen in Kooperation mit dem Reeperbahn Festival realisiert wurde.

Exhibition, Klaus Voormann, Reeperbahn Festival, Hi-life, Illustration, Paintings, Collage, Beatles, Hamburg, Coverart, Heinz Rudolf KunzeZu sehen sind frühe und spätere Coverartworks. Von der Reihe „Pioneers of Jazz“ über Heinz Rudolf Kunzes Album „Reine Nervensache“ bis hin zu dem ikonografischen Cover für Turbonegros Platte „Scandinavian Leather“. Klaus Voormanns Arbeiten speisen sich aus Einflüssen von Hamburg bis Los Angeles, von Twiggy bis eben zu den Beatles.

Klaus Voormann, eine klassische Mehrfachbegabung

Je länger ich Klaus Voormanns Werke betrachte, desto mehr entfalten sie in mir eine melancholische Kraft. Es sind Bilder, die von detaillierter Beobachtung leben. Die in sich ruhen und zugleich von einem freien, mitunter psychedelisch anmutenden Geist durchdrungen sind. Fast scheint es, als besäßen all die Illustrationen, Collagen und Gemälde einen eigenen Soundtrack, einen individuellen Klang. Ihnen ist anzusehen, dass Klaus Voormann eben auch Musiker ist. Eine klassische Mehrfachbegabung.

Exhibition, Klaus Voormann, Reeperbahn Festival, Hi-life, Illustration, Paintings, Collage, Beatles, Hamburg, Coverart Der Künstler selbst läuft freundlich lächelnd durch die Ausstellung. Ein Mann mit feinem weißem Haar und warmem Blick. Im Gespräch mit Laudator Stefan Kiefer erzählt er, welche Energie die Beatles ausgelöst haben in ihm. In einer Zeit, als es zuvor nur Catharina Valente und Vicco Torriani gegeben habe. Zudem stellt der 80-Jährige seinen Sohn und seine Tochter in den Vordergrund. Die beiden haben maßgeblich an der Ausstellung und an einem neuen Buch über das Werk ihres Vaters mitgewirkt.

Kultursenator Brosda: Offenheit der Popkultur verstärken

Rock ‘n’ Roll hält offenbar jung. Denn auch Astrid Kirchherr sitzt mit cooler Tarnjacke, feschem Kurzhaarschnitt und wachen Augen im Publikum. Ihre Fotografien der frühen Beatles in Hamburg hängen nach wie vor in meinem alten Jugendzimmer am Niederrhein. In meiner Jukebox erzähle ich, wie ich die Beatles als Teenager einst für mich entdeckte. Und auch bei vielen der anwesenden Gäste ist deutlich zu spüren, wie jede und jeder seine ganz eigene Verbindung zur Musik der Beatles und zur Kunst von Klaus Voormann hat.

Exhibition, Klaus Voormann, Reeperbahn Festival, Hi-life, Illustration, Paintings, Collage, Beatles, Hamburg, Coverart, Turbonegro Die freie, kritische, experimentelle und offene Haltung der Popkultur zu bewahren und zu verstärken, dafür plädiert Kultursenator Carsten Brosda in seinem Grußwort eindringlich. Gerade in unseren heutigen Tagen, in denen Kräfte von rechts wirken, müssten wir jenen Spirit verteidigen, der in den 60er-Jahren entstand. „Manchmal trägt eine Nacht tanzend im Club mehr zum kulturellen Verständnis bei als zehn Seminare an einer Universität“, sagt Brosda dann noch. Yeah!

Ich werde ab heute Nachmittag diesem wunderbaren Kulturauftrag nachgehen und mir als erste Amtshandlung mein Einlassband im Festival Village auf dem Heiligengeistfeld abholen.

Orientierung fürs Festival mit Biggy Pop, Diffus, Testspiel und dem NDR

Für alle, die noch Orientierung suchen: In meinem Blogpost „Biggy Pops tierische Top Ten“ habe ich ein etwas anderes Genre eröffnet und stelle zehn Acts von der Ziege bis zum Wal vor, die auf dem Reeperbahn Festival spielen.

Die geschätzten Kollegen der Online-Musik-Magazine Diffus sowie Testspiel empfehlen jeweils fünf Newcomer, die es sich auf dem Reeperbahn Festival anzuschauen lohnt. Ich liebe solche Auflistungen samt fundierter Beschreibungen. Und dass beide Redaktionen jeweils unterschiedliche fünf Favoriten nennen, spricht für das Reeperbahn Festival als Entdeckerveranstaltung.

Direkt auf dem Reeperbahn Festival sorgen unter anderem die werten Radiokollegen mit ihrer moderierten Show „NDR Blue Backstage“ immer von 18 bis 19 Uhr in der Alten Liebe Bar für weiteren Input und Inspiration sowie Live-Musik. Eine perfekte Kombination, um dann gut informiert in die Nacht zu starten.

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Die Music Business Summer School, ein Pop-Intensivkurs

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Das Reeperbahn Festival steht kurz bevor. Längst sind diese vier Tage und Nächte auf St. Pauli nicht nur von Konzerten geprägt, sondern sie bilden mit Konferenzteil und Showcases auch einen wichtigen Treffpunkt für die Popbranche. Ich freue mich schon sehr darauf, derart geballt jede Menge musikverrückte Menschen zu treffen. Das wird ein toller pop-verliebter Ausnahmezustand.

Im Vorfeld dieser schönen Reizüberflutung namens Reeperbahn Festival existiert in Hamburg seit sechs Jahren die Music Business Summer School. An sechs Tagen beschäftigen sich da Akteure aus dem Musikgeschäft in Seminaren intensiv mit den aktuellen Entwicklungen ihrer Branche. Die Dozentinnen und Dozenten kommen mitten aus der Praxis. Das heißt: Neben professionellen Erkenntnissen und Theorien, Arbeitsweisen und Strategien können sie auch viele Tricks und Kniffe weitergeben.

Music Business Summer School, IHM, Hamburg Media School, Pop, Business, Workshop, Learning Ich bin Fan von lebenslangem Lernen. Von daher finde ich die Idee großartig, mit solch einer jährlichen „Schulwoche“ im eigenen Metier am Ball zu bleiben und sich austauschen zu können. Ich freue mich daher sehr, einen Tag als Gasthörerin an der Music Business Summer School 2018 teilzunehmen.

Module in Publishing, Live-Entertainment sowie Label- und Vertriebsarbeit

Der Veranstalter, die Interessengemeinschaft Hamburger Musikwirtschaft, kooperiert mit der Hamburg Media School. Das hat den sehr schönen Vorteil, dass die Seminare in deren charmantem Backsteinbau an der Finkenau stattfinden. Klar, es lässt sich überall lernen. Aber auf so einem Campus mit der Hochschule für Angewandte Wissenschaften sowie der Miami Ad School in Sichtweite komme ich direkt viel mehr in kreative und konzentrierte Stimmung.

Music Business Summer School, IHM, Hamburg Media School, Pop, Business, Workshop, Learning, Poster, Design, CI Die Music Business Summer School startete 2013 mit dem Bereich Publishing, der sich mit Verlagsmanagement beschäftigt. Im vergangenen Jahr kam das (boomende) Segment Live Entertainment, also das Konzertgeschäft hinzu. Ganz neu ist der Zweig Recorded Music, der sich mit Label- und Vertriebsarbeit befasst. Und den ich als erstes besuche.

Marketing lernen von Major- und Indie-Labels

An diesem Vormittag steht beim Recorded-Music-Modul der Music Business Summer School das Thema Marketing auf dem Programm. Maria Kramer, die bei Sony Music / Columbia als Head Of Marketing für den Sektor Dance zuständig ist, steht mit ihrer Arbeit dafür, wie sich die Aufmerksamkeit weg vom Album hin zum einzelnen Song verschiebt. Zwar fokussiert sich die elektronische Tanzmusik schon lange auf einzelne Tracks, die auf dem Dancefloor gut ankommen. Aber das Streaming mit seinen Playlisten hat diesen Trend extrem intensiviert.


Zu Marias Track-Marketing im Genre Dance, aber auch in den Bereichen Rap, Urban und Pop gehört daher auch die genaue Analyse, wann ein Titel wie häufig wie lange gestreamt wurde, wie sich einzelne Videos auf Youtube entwickeln, wie häufig ein Song im Radio gespielt wird, wie oft Hörer den Track über Shazam abfragen und und und. Hinzu kommen Auswertungen der Social-Media-Kanäle des Musikers. Diese Daten dienen dazu, das Potenzial des Künstlers sowie dessen Fan-Struktur zu ermitteln. Vor allem aber kann die Marketing-Abteilung mit Hilfe dieses Monitorings fortwährend laufende und kommende Kampagnen optimieren.

Solche daten-getriebenen Kampagnen mögen dem intuitiv agierenden Popfan erst einmal unromantisch erscheinen. Aber letztlich geht es ja im besten Fall darum, dass der Musiker gehört wird und seinen Lebensunterhalt verdienen kann. „Der Künstler sollte immer im Mittelpunkt stehen.“ Diese Aussage stammt von Nina Stepanek, Deputy Director Marketing International bei Warner Music, die anhand von Superstar Ed Sheeran sehr anschaulich deutlich macht, wie vielfältig eine Marketing-Kampagne im Pop abläuft. Diesmal für ein Album, das je nach Genre zum Glück doch noch seine Hörer findet.

Die Kampagne zu Ed Sheerans Album „÷

Seit 23 Monaten läuft die Kampagne zu Ed Sheerans Album „÷“ nun, erläutert Nina. Angefangen mit einem Showcase in Hamburg im November 2016 über den Vorverkaufsstart zur Tour bis zu digitaler Anzeigenschaltung sowie Video- und Instagram-Aktionen. Dass eine Kampagne so lange so hochtourig läuft, sei ungewöhnlich, erzählt Nina. Bei einem wie Ed Sheeran, der vom Singer-Songwriter in Pubs einen erstaunlichen Aufstieg hingelegt hat, funktioniert aber offenbar einiges anders.

Sehr interessant finde ich zum Beispiel, dass vor dem Album zwei Singles gleichzeitig veröffentlicht wurden – „Shape Of You“ und „Castle On The Hill“. Spannend ist zudem die Überlegung, mit „÷“ im Marketing mehr in die Breite zu gehen und die etwas älteren Hörer abzuholen, nachdem Warner Music mit dem Vorgängeralbum „ד offensichtlich bereits eine junge Zielgruppe erreicht hatte. Die Plattenfirma kooperierte zu diesem Zweck verstärkt mit dem Medium Fernsehen, in diesem Fall unter anderem mit dem Sender Vox, wo Ed Sheeran in kleinen Clips vor und nach den Werbeblöcken erschien.

Überrascht hat mich, mit welchem Feingefühl das Marketing betrieben wird. „Bei der Ed-Sheeran-Kampagne ist ständig etwas passiert. Wir haben aber auch sehr genau die Social-Media-Kommentare beobachtet, um zu sehen, ob wir zu viel Input produzieren, also ob wir zurückfahren müssen, um Luft zu schaffen“, erklärt Nina.

Als kleineres Label mit Glaubwürdigkeit punkten

Sehr gut gefällt mir, dass im Wechsel mit Nina, die ja ein Major Label vertritt, eine Plattenfirmenchefin aus dem Indie-Bereich spricht. Marit Posch ist studierte Juristin und hat klassischen Gesang studiert, bevor sie anfing, im Electro-Bereich zu arbeiten. Das ist – nebenbei bemerkt – etwas, das ich an der Musikbranche sehr liebe: Es gibt keinen Parade-Einstieg ins Business. Und viele Menschen im Pop kommen mit spannenden Biografien um die Ecke, die ich so nicht erwartet hätte.

Marit ist Mitbetreiberin von Monkeytown Records, die unter anderem den Electro-Act Modeselektor veröffentlichen. Sie erläutert, dass sie drei Viertel der Aufgaben, die bei einem großen Label auf verschiedene Abteilungen verteilt werden, selbst erledigt. Etwa Media-Kooperationen und Streaming-Management. Zwar analysiere sie auch Daten, aber längst nicht so umfangreich wie ein Major. Dafür reichen die Kapazitäten einfach nicht aus.

Doch obwohl sie viel spitzer kalkulieren müsse, gebe es eben auch effektive Marketing-Mittel, die im Electro-Bereich eine gute Wirkung erzielen. Remixe anderer Künstler zum Beispiel. Zudem könne ein Indie-Label stärker mit Glaubwürdigkeit punkten und sich so selbst als Marke aufbauen. Das sei das große Ziel: Dass Fans die Platten wegen des Labels kaufen, das als eine Art musikalisches Gütesiegel fungiert.

Music Business Summer School, IHM, Hamburg Media School, Pop, Business, Workshop, Learning, Balcony Nach diesem kompakten und informationsreichen Seminarblock ist bei der Music Business Summer School eine knackige Mittagspause angesagt. Die Teilnehmer, die selbst im Booking, bei Veranstaltern oder Verlagen und bei Plattenfirmen arbeiten, treffen sich auf dem sonnendurchfluteten Balkon der Hamburg Media School zu Essen und Kaffee, zum Durchpusten und Reden. Eine anregende Atmosphäre.

Arndt Scheffler von white label eCommerce spricht über Ticketing

Am Nachmittag geht es für mich in der Music Business Summer School weiter mit dem Bereich Live Entertainment. Und mit einem Vortrag von Arndt Scheffler, der 2012 die Firma white label eCommerce mitbegründet hat. Das Hamburger Unternehmen ist spezialisiert auf verschiedene, individuell zugeschnittene Lösungen, um online Tickets zu verkaufen. Dementsprechend referiert Arndt über das Ticketing und dessen Entwicklungen.

Music Business Summer School, IHM, Hamburg Media School, Pop, Business, Workshop, Learning, Poster, Design, CI Natürlich sei eine technisch einwandfrei laufende Benutzeroberfläche entscheidend für Ticketverkäufe. Keiner sitzt schließlich gerne vor einer Server-Fehlermeldung. Aber was für ihn entscheidend ist: der Content. Der Erfolg liegt für Arndt ganz klar darin, dass verschiedenen Partner vom Künstler über das Management bis hin zum Veranstalter noch enger zusammenarbeiten, um zielgruppenspezifische Angebote zu machen.

Als innovatives Beispiel nennt er die Beautymesse Glow, die kontinuierlich mit ihrer Fanbase kommuniziere. Und die nicht nur Tickets für die jungen Besucherinnen der Messe anbietet, sondern auch Karten für eine Entspannungslounge, in der die Eltern verweilen können.

Ein Fazit der Music Business Summer School: keine Angst vor Veränderung

Die Zukunft liegt für Arndt zudem ganz klar im Digitalen, vor allem in Ticket-Apps auf dem Smartphone und – weiter noch – im Bereich künstliche Intelligenz. Und wie die Marketing-Frauen zuvor ist er ein regelrechter Analyse- und Auswertungsfreak. Für ihn sind diese Tools ein Mittel, um aus Fehlern zu lernen, um reagieren zu können, um sich zu verbessern und um wach zu bleiben.

Sein Credo ist es, nicht an bewährten Strategien festzuhalten und keine Angst vor Veränderung zu haben. Das finde ich überaus inspirierend. Natürlich wird auch sehr viel Unsinn mit neuer Technologie angestellt. Aber dieser positive Ansatz gefällt mir sehr gut, da er über rein daten-getriebenes Verhalten dann doch wieder beim Menschen landet. Und im besten Fall bei der Musik.

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Nørden Festival: Ausflug in das Bullerbü des Pop

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Gerade als ich dachte, der Gründungsboom bei Festivals würde ein wenig ausklingen, poppte das Nørden Festival in Schleswig an der Schlei auf der Open-Air-Landkarte auf. Das schlicht und schön gestaltete Programmheft versprach ein ambitioniertes Programm aus Musik von Indierock über Soul bis Deutschpop, zudem Artistik und Freiluftaktivitäten wie Bogenschießen, Stand-Up-Paddeling und Sauna. Und das direkt an drei Wochenenden von Ende August bis Mitte September, jeweils von Donnerstag bis Sonntag. Kein ganz kleines Projekt also.

Nørden Festival, Schleswig, Open Air, Festival, Pop, Rock, Design, Hygge Ich bewundere derart kreativen wie unternehmerischen Mut. Und ich liebe es, mir neue Festival-Gelände anzuschauen. Mich interessiert, welche Ideen zutage treten und wie die Macher es schaffen, eine bestimmte Atmosphäre zu erzeugen. Also fahre ich am Freitag mit einer Freundin von Hamburg hoch nach Schleswig-Holstein, um das rden Festival zu erkunden.

Unser erster Eindruck: Wir fühlen uns sofort sehr wohl. Das liegt vor allem an den vielen dunkelrot angestrichenen Holzhütten, die wie hingewürfelt auf der grünen Wiese stehen. Die Häuschen beheimaten Bars und kulinarisches Angebot, den Merchandise-Stand sowie kleine Design- und Mode-Shops. Und auch die Licht- und Tonpulte der Hauptbühne sind in einem der Hütten untergebracht. Wimpel- und Lichterketten, die kreuz und quer über dem Gelände hängen, unterstreichen den malerischen Effekt zusätzlich.

Das Nørden Festival macht spürbar, wie nah wir an Skandinavien leben

Heutzutage wird diese Art von nordischer Heimeligkeit gerne auch bei uns mit dem dänischen Wort Hygge bezeichnet. Für mich ist das allerdings schlichtweg der Bullerbü-Effekt. Ich denke sofort an die Geschichten von Astrid Lindgren, in denen die Kinder sehr selbstbestimmt in der Natur auf Entdeckungsreise gehen. Und dass das rden Festival direkt am Stadtstrand von Schleswig an der Schlei gelegen ist, potenziert den Eindruck von verwunschener Idylle noch einmal.

Das rden Festival macht für mich sehr gut spürbar, wie nah wir in Norddeutschland an Skandinavien leben. Und dass zudem eine starke Verbindung zu den baltischen Ländern existiert. Das schlägt sich an diesem Freitag sehr schön im künstlerischen Programm nieder.

Nørden Festival, Schleswig, Open Air, Festival, Pop, Rock, Design, Hygge, Gløde, Band, musician, Schlei, waterDen Auftakt macht der Musiker Gløde, ein grundsympathischer Typ, der eigentlich mit Band auftritt, an diesem frühen Abend aber solo unterwegs ist. Seine warmherzigen Singer-Songwriter-Lieder singt er – wahlweise zu akustischer Gitarre oder Piano – auf Deutsch oder Dänisch. Ein perfekter Soundtrack, um den Blick von der Bühne über das schilfbewachsene Ufer der Schlei wandern zu lassen und den wilden Formationsflügen der Stare zuzuschauen. Ein ruhiges Gefühl von Freiheit.

„Jetzt ist die Zeit, den Sommer gehen zu lassen, und sich zu freuen, dass er nächstes Jahr wiederkommt“, sagt Gløde ganz freundlich und zuversichtlich.

Carnival Youth singen zum Teil auf Lettisch

Der Herbst zieht äußerst frisch über die Schlei heran. Zehen und Nase werden kalt. Wir trinken daher den ersten Glühwein des Jahres und lauschen, bei einer Hütte direkt am Wasser, dem herzerweiternden mehrstimmigen Gesang von The Notes. Das Trio aus Estland singt Teile seines Repertoires in seiner Landessprache. Mit gefällt das sehr, diesen unvertrauten Klängen zuzuhören. Eine schöne Reise im Kopf lässt sich so beginnen.

Nørden Festival, Schleswig, Open Air, Festival, Pop, Rock, Design, Hygge, Carnival Youth, Band Und fortgeführt wird dieser Ausflug in sprachliche Gefilde mit dem Konzert von Carnival Youth aus Riga, die ebenfalls nicht nur auf Englisch, sondern auch auf Lettisch singen. Eine tolle Kombination ist das zusammen mit dem rhythmusverliebten Indiepop des Quartetts. Harmonien, Tempiwechsel und viele feine musikalische Details ergeben einen hymnischen und mitreißenden Sound. Schon lange habe ich keine Band mehr erlebt, die derartig dauerhaft strahlt bei einem Auftritt. Das macht unglaublich Spaß. Und lädt dazu ein, sich in der mittlerweile hereingebrochenen Dunkelheit warm zu tanzen, um später dann angefüllt und glücklich durch die Nacht zurück nach Hamburg zu fahren.

Das Konzept des Nørden Festivals muss erst noch ankommen

Wieder zuhause, wo die Häuser höher und weniger hölzern sind, lese ich beim Schleswig-Holsteiner Zeitungsverlag ein Interview mit Manfred Pakusius, dem aus Hamburg stammenden Veranstalter des Nørden Festivals. Darin erfahre ich, dass es bei dieser Premiere rund 2000 Dauergäste gab, aber die Resonanz in der Region noch verhalten ausgefallen sei. Einer der Hauptgründe: Das komplexe Konzept müsse erst nach und nach bei den Leuten ankommen.

Nørden Festival, Schleswig, Open Air, Festival, Pop, Rock, Design, Hygge, letters, typographyIch muss gestehen, dass ich mich bei meinem Besuch sehr stark auf die Musik fokussiert habe und die übrigen Angebote wie etwa die Feuer-Akrobatik weniger beachtet habe. Ich mag jedoch den Gedanken, dass jeder Gast seine Vorlieben herauspicken kann. So entsteht eine entspannte Mischung aus Stadtfest und Popfestival, das nicht zu uncool ist für die Jugend und nicht zu wüst für die Älteren. Oder umgekehrt.

Das rden Festival, das mit städtischen, regionalen und europäischen Mitteln gefördert wird, hat mit der Stadt Schleswig einen Fünf-Jahres-Vertrag abgeschlossen. Ich bin gespannt, wie sich dieses anspruchsvolle Projekt entwickelt. Und ich plane fest, im kommenden Jahr wieder hinzufahren – ins Bullerbü-Open-Air-Land im Norden.

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Überraschung! Neue Songs von Rick McPhails Mint Mind

Mint Mind, Band, Rick McPhail, my new skateboard, EP, record, songs, cat In Musikbranche und Medien gibt es gerne große „Ohhs“ und „Ahhs“, wenn Künstler ohne viel Vorankündigung ein neues Album oder neue Songs „droppen“. Meist steht der Grad des Aufsehens natürlich in Proportion zur Popularität des jeweiligen Pop-Acts. U2, Kanye West, Björk, Radiohead und Beyoncé haben alle bereits für Überraschungsoutput gesorgt. Ob das nun ein Marketingkniff war oder die Artisten lediglich Bock auf das Momentum des Spontanen hatten, darf diskutiert werden.

Ich jedenfalls freue mich dieser Tage sehr über eine unerwartete Mail in meinem Postfach. „New release from mint mind“ informiert mich die Betreffzeile. Und aus dem Brief schaut mich auch schon das Logo der Band an. Eine Katze mit Augenklappe, die vor zwei gekreuzten Gurken ihr struppiges Fell erstreckt. Ähnlich dem St. Pauli-Logo, bloß ohne Knochen.

Halfpipe outta space

Ich mag den super selbstgebastelten Charme der Figur, die bestens zu dem schlurfigen Charme ihres menschlichen Pendants passt: Mint Mind ist das Projekt von Tocotronic-Gitarrist Rick McPhail, der mit „near mint“ vor vier Jahren bereits ein sehr feines Album veröffentlicht hat. Die neue EP heißt „my new skateboard“. Und die vier Songs lassen sich ganz easy gegen Spende bei Bandcamp herunterladen.

Spätestens an dieser Stelle merkt Ihr natürlich, dass es sich bei dem aktuellen Mint-Mind-Release nicht um ein globales, viral gehendes Surprise-Megaevent handelt. Aber das Ausmaß der eigenen Freude hängt ja zum Glück nicht von der kollektiv gehypten Größe des Künstlers ab.

Der Titelsong der neuen EP ist eine satt drückende Rocknummer. Gitarre und Gesang scheinen durch so viele Verzerrer, Effektgeräte und Hallmaschinen zu laufen, als skate der Hörer durch eine Halfpipe outta space. Rund und rund. Ich mag sehr, wie der Sound bratzt und driftet und immer weiter nach vorne drängt. Ein wilder cooler Ritt, der aber dennoch nicht mackerhaft breitbeinig daherkommt, sondern sehr sympathisch lässig dahin brettert.

Jeder rollt in seiner und ihrer eigenen Art durchs Leben

Im Original stammt die Nummer von der einstigen britischen Rockband Love And Rockets. Statt eines Skateboards wird da ein Motorrad besungen respektive kultisch verehrt. Im Vergleich zu der zweirädrigen Variante ist die Version von Mint Mind ein wenig dreckiger, bleibt aber zugleich eine schöne Hommage. Ich mag diese Umwidmung auf das eigene bevorzugte Fortbewegungsmittel. Jeder rollt schließlich in seiner und ihrer eigenen Art durchs Leben.

Und wo wir gerade musikalisch schon einmal in den Weltraum aufgestiegen sind: Der zweite neue Song von Mint Mind – das Cover eines Sesamstraßen-Songs – klärt uns darüber auf, dass das lyrische Ich nicht auf dem Mond leben möchten. „I don’t want to live on the moon“ ist eine Low-Fi-Hymne mit Slacker- und College-Rock-Flair sowie selig machendem Aus- und Aufbruchschorus.

Entstehungsprozesse bei Mint Mind

Die weiteren zwei Stücke auf der EP sind Demo-Versionen älterer Songs: „in series or parallel“ sowie „mind over matter“. Ich mag solche Einblicke in Entstehungsprozesse sehr gerne. Wenn die Musik noch im Prozess steckt, noch etwas entblößter ist. Aber gerade dadurch ihren ganz eigenen Wert und Reiz besitzt.

Also, in Hamburg oder anderswo: Achtet auf die Katze mit der Augenklappe. Sie ist fuzzy und freundlich.

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Neu entdeckt: Herr D.K. und Botschaft im Knust

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Wie kommen eigentlich neue Bands in mein Leben? Auf vielen Wegen, klar. Aber meistens tauchen sie schlichtweg auf in der eigenen (zugegebener Maßen auf Pop fokussierten) Wahrnehmung. Ein Freund postet ein Video auf Facebook. Eine Freundin erzählt von einer Vorband, die sie gesehen hat. Ich lese erste kleine Sympathiebekundungen auf Blogs und in den sozialen Netzwerken. Da beginnt etwas zu kursieren.

Im „New Yorker“ gibt es die schöne Rubrik „The Talk Of The Town“ mit Notizen, Neuig- und Merkwürdigkeiten. Und dieses Stadt- oder Szenegespräch findet durchaus auch in Hamburg statt. Wenn etwas brodelt. Oder sachte wächst. Und ich liebe es, dieses Gefühl von Anfang, Aufregung und auch Risiko mitzuerleben, das dieser Phase innewohnt. Aus diesem Grund schaue ich mir wahnsinnig gerne Bands an, die ich neu für mich entdeckt habe. Die noch unbekannter sind. Die gerade erst aufbrechen in dieses weite Feld namens Öffentlichkeit. In mir regt sich dann eine Mischung aus Entdeckergeist und Mitfiebern. Hinzu kommt die Magie des Noch-Nicht-So-Routinierten.

Herr D.K. – trunkene Qualität

Ich freue mich daher sehr auf diesen Donnerstagabend im Knust, in dessen Café gleich zwei Hamburger Bands spielen, die ich bereits eine Weile auf dem Zettel habe: Herr D.K. und Botschaft.

Auf Herr D.K. stieß ich Anfang des Jahres über ihr Video zu dem Song „Weißt du wieso“ – ein schöner Schwarz-Weiß-Clip, der auf einem Live-Auftritt im Molotow basiert. Allein wegen der Location war mein Interesse natürlich schon einmal geweckt. Aber nicht nur deshalb.

Da war dieser Sound zwischen Erschöpfung und Zuversicht. Wie ich als Hörerin mit der dunklen Stimme des Sängers hinein schlurfen kann in den Song, um dann mit den Gitarren schneller mitzulaufen. Dazu die nachdenkliche, rätselhafte Lyrik. „Wenn du dich aus dir selbst vertreibst“ heißt es da. Und „Bier wird langsam zu Champagner.“ Die dekadente Variante von „Wasser zu Wein“. Das gefällt mir.

Herr D.K., Band, Pop in Hamburg, Konzert, Knust, ClubDie Nummer „Weißt du wieso“ spielt Herr D.K. an diesem Abend im Knust als erstes. Ein sehr guter Start. Ich hatte die Band bereits im Sommer bei den „Knust Acoustics“ in der reduzierten Variante erlebt. Jetzt komplett zu fünft und verstärkt auf der Bühne hat ihr Sound einen fein justierten Wumms. Der tiefe Gesang besitzt eine trunkene Qualität. Lavieren durchs Leben. Mit der Innenschau nach Außen gehen. Was ist das? Indie-Chanson, Kaschemmen-Folk, Schlendrian-Rock? Ich gehe da jedenfalls gerne mit.

Botschaft – keine Parolen, keine blöden

Der Auftritt von Herr D.K. mit seinem dunklen Charisma ergänzt sich sehr gut mit der ersten Band des Abends, Botschaft. Ich fühle mich ein wenig so, als würde ich musikalisch vom Spätsommer in den Herbst geleitet. Botschaft mit ihren hellen Gitarrenläufen, mit dem hohen Gesang, mit ihrer ganzen Popverliebheit driften hinüber auf die sonnenbeschienene Seite der Melancholie.

In der Tradition von Popbands mit Anspruch wie Die Sterne loten sie aus, wie sich das Ich im Kollektiv bewegt, wie es sich positioniert und manipuliert, wie es scheitert und strebt. Da äußert sich ein Unbehagen. Aber keine Parolen, keine blöden. Sondern klug gedacht und komplex gemacht.

Wie einst bei der so genannten Hamburger Schule bin ich angetan davon, wie sich unsexy deutsche Worte mit einem Groove kombinieren lassen. Als solle das Herz heavy pulsieren, aber das Hirn dann bitte doch noch mitdenken. „Herrschaftsfrei“ ist solch ein schön sperriges Wort. „Man kann vom Bedürfnis abstrahieren“ ist solch ein Satz. Zu finden ist er in dem Song „Niederlage“, über dessen Video ich vor einiger Zeit erstmals auf die Band aufmerksam wurde.

Bundesjugendspiele, Schützenfest, Subkulturerweckung

Wirklich berührt hat mich jedoch der neue Clip zu der Nummer „Sozialisiert in der BRD“, ein Zusammenschnitt aus Homevideos von Sänger und Gitarrist Malte Thran aus den 80er- und 90er-Jahren sowie TV-Schnipseln von MTV bis Zapfenstreich, von Kohl bis Lilo Wanders. Bundesjugendspiele, Schützenfest, Subkulturerweckung. Gemeinsam mit der Musik ist das keine Ha-Ha-Retro-Show im Best-Of-Format, sondern eher eine funky flirrende Reflexion, wohin das eigene Aufwachsen führt. „In die Karrieren sortiert“ ist eine Formulierung, die hängen bleibt.

Mir versetzt das beim Anschauen einen nostalgischen Stich. Szenen steigen auf, an die ich lange nicht gedacht habe. Weihnachtsfeste mit Musikvortrag. Die Identität zusammen puzzeln im Medienkonsum. Die Wurschtigkeit der Pubertät. Das Behütete als Privileg und das Überdenken desselben. Und ich muss an eine Freundin denken, die im Osten aufgewachsen ist. Wie selbstverständlich lebe ich eigentlich mit meinem westlichen Blick? Ich bin froh, wenn Kunst derart anregend ist.

Komplizenschaften im Popleben

Das Tolle an diesem Abend ist zudem, wie sich das Hamburger Popleben stets weiter fortschreibt. Und das auch mittels Komplizenschaften. In beiden Bands spielen diverse Musiker, die auch in andere Projekte involviert sind oder waren. Bei Herr D.K. etwa Timo Meinen von der ehemaligen Punkrockband Findus am Schlagzeug, bei Botschaft am Bass Peter Tiedeken, einst bei Station 17 und The Robocop Kraus.

Herr D.K. hat soeben seine EP „Zwischen uns“ veröffentlicht, Botschaft bringt Anfang 2019 ihr Debütalbum heraus. Ich bin und bleibe gespannt.

Das Konzert ist für die Reihe „RockCity On Air“ mitgeschnitten worden und geht am 7. November bei NDR Info auf Sendung.

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Der Sinnstifter: Nils Wülker präsentiert Live-Album “Decade”

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Muss jedes Tun immer und ständig eine Funktion haben, einem Zweck dienen, ein Resultat erzielen? „Conquering The Useless“ heißt der Song, mit dem Trompeter Nils Wülker sein Live-Album „Decade“ eröffnet. Der Titel gefällt mir überaus gut. Das Unnütze will erobert werden in unserer durchgetakteten, optimierten Welt.

Nils Wülker liefert einen musikalischen Leitfaden für mehr Leichtigkeit

Bei Wülker klingt das erst tastend, dann immer selbstbewusster tänzelnd. Wie ein musikalischer Leitfaden für mehr Leichtigkeit. Und neben Piano und Percussion tritt sein Trompetenspiel zudem in Dialog mit einer E-Gitarre, die diesem ergebnisoffenen Treiben eine weitere dynamische Ebene hinzufügt.

Decade“, übrigens Wülkers zehntes Album, erscheint am 28. September bei Warner Music. Der Musiker ist jüngst von Hamburg nach München gezogen, um den Bergen näher zu sein, in denen er mit Vorliebe wandert. Diese Woche kehrte er jedoch in seine alte Wahlheimt zurück, um seine Platte einer kleinen Gästeschar im schicken Apartmenthaus Das Freytag im Hamburger Stadtteil Uhlenhorst vorzustellen. Nicht etwa live, sondern im Gespräch mit Moderator Hannes Erdmann als Aufzeichnung für den Radiosender 917xFM.

Die Anwesenden lauschen gemeinsam schweigend der Musik

Der schöne Effekt: Neben der Unterhaltung zwischen Künstler und Redakteur lauschen die Anwesenden einfach gemeinsam schweigend der Musik. Da keine Bühnenshow zu betrachten ist, hat dieser Prozess etwas sehr Kontemplatives, Konzentriertes. Und ich muss daran denken, wie ich mich früher viel häufiger mit Freunden zum Musikhören getroffen habe, bevor Songs im Stream ständig und überall verfügbar waren. Wie heilig es war, mit einer neuen Platte jemand anderen zu besuchen und die Aufnahmen zusammen wahrzunehmen, zu analysieren, sich gemeinsam in eine bestimmte Stimmung versetzen zu lassen.

Musik ist nicht Nutzen bringend, aber Sinn stiftend“, sagt Nils Wülker über seinen Song „Conquering The Useless“. Diese Unterscheidung finde ich grandios. Verdeutlicht sie doch, dass Kunst selbstverständlich einen hohen Wert besitzt, aber eben keinen eins zu eins messbaren. In der Werbung erzählen sie uns, dass Waschmittel xy super sauber wäscht. Aber niemand würde sagen, dass Album xy die Seele zu 100 Prozent reinigt – oder bei Metal und Blues womöglich schwärzt. Dafür ist Kulturgenuss zu individuell, zu eigensinnig. Zum Glück.

Wie steht es um das Verhältnis von Komposition und Improvisation?

Nils Wülker, der übrigens ein äußerst entspannt wie freundlich dreinschauender Mensch ist, erzählt dann noch von dem organischen Wechsel zwischen Komposition und Improvisation auf „Decade“. Das eine bedingt das andere. Und während wir einem weiteren Song lauschen, muss ich darüber nachdenken, wie es in meinem eigenen Leben um das Verhältnis von Komposition und Improvisation bestellt ist. Wie viel ist Planung? Wie viel Spontanes lasse ich zu? Wie geerdet bin ich? Und wie frei?

Nils Wülkers Songs sind für mich auch Lektionen darin, unterschiedliche Situationen und Gefühle nicht nur anzunehmen, sondern dem Lauf der Dinge mit einer eigenen Stimme zu begegnen. Jede Emotion, jedes Erlebnis hat ein eigenes Tempo, eine eigene Melodie, einen eigenen Spannungsbogen.

“Decade” ist Jazz, Pop, Funk, Hip Hop

Nils Wülker atmet mit seinem Instrument. Ruhigere Phasen klingen satt und innig – wie in der Nummer „Season“, bei dem der Gesang von Rob Summerfield diesen seelenvollen Eindruck noch verstärkt. Bei anderen Stücken beschleunigen Atmung und Puls. Das Trompetenspiel wird suchender, schneller, euphorischer. Ton um Ton anders. Gehaucht, gedehnt, gestoßen.

Insgesamt, finde ich, birgt Wülkers Musik eine sehr große Wärme. Sie bleibt auf der smoothen Seite des Lebens. Sie ist dem Menschen zugewandt.

Wer Schubladen aufziehen möchte, muss gleich mehrere nehmen: Jazz, Pop, Funk, Hip Hop. Vielleicht bleiben aber auch einfach alle geschlossen. Und wir hören schlichtweg zu.

Nils Wülker live: 25. Oktober 2018, Mojo Club

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Festival “Müssen alle mit”: Arme und Energie, Nerven und Notwist

"Müssen alle mit", MAMF, Festival, Stade, Pop in Hamburg, Pop, Musik, Open Air

Bei mir ist gerade große Ausprobierphase angesagt. Am Samstag habe ich beim Festival „Müssen alle mit“ in Stade, kurz MAMF, am Einlass bei der Bändchenausgabe gearbeitet. Ich finde es hochgradig spannend, welches logistische Drumherum nötig ist, um einen Tag lang ein solches Pop-Open-Air über die Bühne zu bringen. Eine feine Meisterleistung an Koordination und Teamwork, Professionalität und Improvisation, Geduld und Leidenschaft.

"Müssen alle mit", MAMF, Festival, Stade, Pop in Hamburg, Pop, Musik, Open Air, Die Nerven, Band Unterschiedliche Gewerke kommen zusammen – etwa die Thekencrew vom Knust aus dem Karoviertel, das Künstlercatering von der Wilhelmsburger Kaffeeklappe sowie der Backline-Service vom Instrumentenhandel Rückkopplung auf St. Pauli. Für mich gehört das alles zur Popkultur dazu. Von der Security, die die Taschen kontrolliert, über den stets am Walkie-Talkie hängenden Veranstalter bis hin zum Musiker, der letztendlich im Rampenlicht steht. Und wir am Einlass dürfen die rund 2000 Besucher des “Müssen alle mit” willkommen heißen. Eine Aufgabe, die Spaß macht. Und die in variierenden Wiederholungsschlaufen abläuft.

“Müssen alle mit”: Check-in in der Halfpipe

Immer und immer wieder: Anschauen und anlächeln, „bitte zu mir“ und „herzlich willkommen“, Ticket checken und einreißen, Bändchen nehmen und um den Arm legen, zur Zange greifen und die Metallöse am Bändchen zudrücken, Programmheft anreichen und viel Spaß wünschen. Minütlich grüßt das Murmeltier. Kontakt um Kontakt um Kontakt. Die Gäste ziehen weiter aufs Gelände. Songs von Zimt, Swutscher, Goldroger und Rocko Schamoni wehen zu unserem Stand herüber, der in eine Halfpipe des örtlichen Skaterparks hineingebaut wurde. Keep on rolling.

Mit jeder S-Bahn aus Hamburg erhöht sich der Rhythmus. Neue Gesichter. Neues Lächeln. Neue Arme. Arme mit Festivalbändchensammlung. Arme mit Schmuck. Ab und an sogar Arme mit Uhren. Weiße und schwarze, braune und rote. Dünne und dicke, junge und alte. Glatte und raue, bunte und beschriftete. Diese Arme gehören entspannten Menschen. Leute, die auf der Wiese sitzen und Musik hören möchten. Die vor der Bühne stehen und ausrasten wollen. All diese unterschiedlichen Arme führen an diesem Tag nichts Böses im Schilde. Es sind keine Arschlocharme. Es sind Arme, die zusammenkommen. Die sich nur ab und an in den Himmel strecken, wenn ein Song von der Bühne gerade besonders berührend ist. Das ist gut.

Angenehm verstört bis amüsiert bei Die Nerven

Um kurz nach 17 Uhr habe ich Feierabend, was mir zum Glück Zeit lässt, einige Bands des “Müssen alle mit” anzuschauen. Am meisten freue ich mich auf Die Nerven aus Stuttgart, die ich noch nie live gesehen habe, und auf The Notwist aus Weilheim, bei denen es lange her ist.

"Müssen alle mit", MAMF, Festival, Stade, Pop in Hamburg, Pop, Musik, Open Air Bei den Nerven fällt mir als erstes auf, dass die drei Musiker auf der breiten Bühne sehr nah beieinander stehen. Das gefällt mir, hat es doch etwas sehr Vertrautes, Verbundenes. Kompakte Energie. Dringlicher Krach. Weltschmerzende Wut. Nervöse Takte. Akzentuiertes Atmen. Irritierender Hall. Ich bin sofort drin und aufgesogen und angenehm verstört bis amüsiert von diesem Rock und Punk und Nichts und Allem.

Drummer Kevin Kuhn ist wunderbar drüber mit seinem MAD-Shirt an irrem Blick. Bassist Julian Knoth schaut freundlich in die Menge. Und Sänger Max Rieger ist ganz selbstverständlich da mit seinen rätselhaften Texten. „Finde niemals zu dir selbst.“ Diesen Satz wiederholt er in Schlaufe. Und wie er diese Worte singt, klingen sie desillusioniert und hoffnungsvoll zugleich. Das ist sehr schön. Das rotiert in mir.

"Müssen alle mit", MAMF, Festival, Stade, Pop in Hamburg, Pop, Musik, Open Air, The Notwist, Band Bei The Notwist legt sich langsam das Dunkel über den Park in Stade, so dass weiße und bunte Lichtkegel die Band und ihren Sound atmosphärisch einkleiden können. Sechs Musiker wirken an Gitarre, Bass und Schlagzeug, an Vibrafon und Percussion, an Synthesizern und elektronischen Effektgeräten. Sechs Arme eines Organismus, der alle Körper vor der Bühne nach und nach absorbiert mit seinem Klang. Halb Mensch, halb Maschine. Ein Geschöpf, dass die Störgeräusche unserer Zeit in Musik fließen lässt. Es knistert und brutzelt, drängt und driftet, wächst an zur Überwältigung, zieht sich zurück, packt einen von hinten. Einfallsreich und freidrehend, merkwürdig und einnehmend.

The Notwist: Etwas öffnet sich sperrangelweit

The Notwist verstehen es seit jeher, so etwas wie einen Rave für Melancholiker zu entfesseln. Und wenn dann bei einem Song wie „Pick Up The Phone“ der sanfte Gesang von Markus Acher einsetzt, dann öffnet sich etwas sperrangelweit. Etwas in mir fällt ab und wird leichter. Und ich bin erneut dankbar, dass Musik so etwas kann. Und noch viel mehr.

"Müssen alle mit", Festival, Stade, Pop in Hamburg, Pop, Musik, Open Air, Kettcar, Band Zwischen Die Nerven und The Notwist spielt Kettcar als Ersatz für die erkrankt ausfallenden Turbostaat. Eine Hamburger Bank. Zigfach erlebt. Rock und Rückgrat. „Das Humanitäre ist nicht verhandelbar“, sagt Sänger und Gitarrist Markus Wiebusch zum Kettcar-Song „Sommer ’89“, der von Fluchthilfe erzählt. Von Courage. Starker Applaus. “Müssen alle mit”.

Den Hauptact Zweiraumwohnung schwänze ich und fahre müde mit der S-Bahn nachhause. Es ist gleich 23 Uhr. MAMF-Rückreisende mischen sich mit jenen, die es vom Stadtrand aus zum Feiern auf den Kiez zieht. Träge Arme treffen auf Alarm und Adrenalin. Und die Stadt schreibt sich stetig fort.

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Laut sein, klug sein: Releasekonzert von Leto im Hafenklang

Leto, Punk, Postpunk, Band, Label, Rookie Records, Goldener Salon, Hafenklang, Hamburg

In diesen Tagen ist es wichtig laut zu sein. Lauter. Aber auch klüger. Empathischer. Musik kann ein Beitrag dazu sein. Sie kann anregen und auffordern. Wie zum Beispiel der Song „Karma“, den die Hamburger Postpunkband Leto bei ihrem Albumreleasekonzert im Hamburger Hafenklang spielt. Die Nummer basiert auf einem Erlebnis in einem Regionalzug, in dem die Musiker Zeuge von rassistischen Kommentaren wurden.

Verwirrung und Anspannung, Ohnmacht und Wut hat das Quartett in ein Stück von presslufthammerartiger Intensität verpackt. Dazu die Zeilen: „Die Welt geht vor die Hunde / Ich würd ja helfen, nur nicht heute / Ich kann es nicht mehr schlucken / Mich nicht mehr weiter ducken / Jedes Wort ein Schlag / Life hits me hard, life hits me hard“.

Klar, es ist „nur ein Lied“. Aber ich bin an diesem Abend froh um dieses Ventil. Ich bin dankbar für den Goldenen Salon, diesen bunten Ort, der seine Besucher im wahrsten Sinne des Wortes zusammenschweißt. Stufe für Stufe, die ich zum Club hinauf steige, erhöht sich die Wärme, die Dichte an Aufklebern an den Wänden, die Intensität des Sounds.

Zweieinhalb Jahre hat Leto am Debüt „Vor die Hunde“ gearbeitet

Die Stimmung unter der Discokugel ist familiär. Zweieinhalb Jahre hat Leto an dem Debütalbum „Vor die Hunde“ gearbeitet. Sänger und Gitarrist Jannes spricht und winkt so honigkuchenglücklich in den Saal, dass es ein herrlicher Kontrast ist zur Wucht der Musik. Die Nummern von Leto preschen melodiös geradeaus, getrieben vom Berserkerbeat von Schlagzeuger Pascal. Mitunter gibt es Breaks in den Songs, die eine tolle Spannung aufbauen. Davon hätte ich mir noch ein paar mehr gewünscht. Schön vielschichtig gepackt werde ich wiederum, wenn Jannes sowie Bassist Paul und Gitarrist Phill sich alle drei an die Mikros klemmen und mehrstimmig singen. Diese versierte Energie überträgt sich alsbald auch auf das Publikum, das näherrückt, tanzt, mitsingt.

Nach der Show fällt sich die Band in die Arme, was noch einmal unterstreicht, wie besonders und verbindend dieser Moment ist. Im Anschluss dann schweiß- und endorphinüberströmt runter von der Bühne und hin zu den Plattenfirmeneltern Anne und Jürgen von Rookie Records, die Leto unter Vertrag genommen haben. Dieses hoch sympathische Label feiert übrigens am 10. November seinen 22. Geburtstag. Ebenfalls im Goldenen Salon des Hafenklangs. Erneut eine gute Gelegenheit, laut zu sein. Miteinander.

Leto live: Do 20.9., 20 Uhr, im Grünen Jäger beim „Reeperbahn Festival“

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“Reeperbahn Festival” 2018: Biggy Pops tierische Top Ten

"Reeperbahn Festival", Fox, Pop, Hamburg

Jetzt kommt die Zeit, in der die Tiere wieder hinein wollen. Heute früh bin ich bereits von einer kompakten Spinne, einem langbeinigen Exemplar sowie diversen Marienkäfern begrüßt worden. Partytime!

Es wird kälter. Die Tiere sind unruhig. Sie dürfen wieder in die Clubs, ohne dass dieser Einkehrtrieb vom Rausgehzwang unterdrückt wird. Dach und Druck statt Himmel und Heiterkeit.

Passend zu diesem aufkommenden Indoor-Feeling hat die große Hamburger Club-Sause, dasReeperbahn Festival”, nun seinen Timetable für die tollen Tage vom 19. bis 22. September veröffentlicht. Und weil ich heute ohnehin schon über Tiere nachdachte und da ich ja nun irgendwie mal anfangen möchte mit dem Durchhören der vielen angekündigten Festival-Acts, ziehe ich einfach die nun folgende Kategorie an den Haaren beziehungsweise am Fell herbei.

Hier ist sie also:
Biggy Pops Top Ten der tierischen Teilnehmer des “Reeperbahn Festivals”.

Jaguwar: Mi 29.9., 23.20 Uhr, Nochtspeicher

Das Raubtier mit der arty Schreibweise. Ich habe diese Berliner Band Anfang des Jahres bereits in meiner Radiosendung Das Draht auf Byte FM gespielt. Damals war soeben ihr Debütalbum „Ringthing“ beim Hamburger Label Tapete Records erschienen. Ich mag den hall-verliebten, halb ausgetüfftelten, halb hingebretterten Sound des Trios. Der Gesang von Oyèmi Noize lässt mich kurz an Juliana Hatfield denken. Ein Tier, in dessen Adern Wave und Noise und Rock und Pop pulsiert. Und das sich beim Gitarrenspiel gerne auf die Pfoten guckt. Das klingt dunkel und zugleich von der Sonne geküsst.

Goat Girl: Mi 19.9., 0 Uhr, Häkken & Do 20.9., 21.30 Uhr, Knust

Yeah, yeah, yeah! Vier Ladies aus London, die sich dem bockigen Ziegentum im allerbesten Sinne verschrieben haben: Die Hufe gewetzt und das Fell struppig spielt Goat Girl einen coolen, lasziven und angenehm spröden Mix aus Indierock, Sixtiesbeat, Jingle-Jangle-Pop und Postpunk. Als Roller-Derby-Fangirl liebe ich Kampfnamen. Und mit Clottie Cream, Rosy Bones, Naima Jelly and L.E.D. sind bei dieser Band vier Premium-Pseudonyme am Start. Besonders amüsant finde ich das Video zu „The Man“, in dem Goat Girl die Beatles-Hysterie geschlechterumgedreht nachspielen: Auf der Bühne rocken die Ziegen, flennend am Zaun davor hängen die Typen. Mäh, mäh! Ich bin gespannt, wie das beim “Reeperbahn Festival” so zugehen wird.

DeWolff: Do 20.9., 17 Uhr, Molotow Backyard & Fr 21.9., 22.30 Uhr, Knust

Aahuuuu! Meister Isegrim heult gerne laut. Doch als ich DeWolff das erste Mal 2017 beim Festival „Sommer in Altona“ im Zirkuszelt sah, spielte die Band aus den Niederlanden wegen Lärmschutzauflagen das wohl leiseste Konzert ihrer Geschichte. Ich freue mich daher schon sehr darauf, das Trio mit ihrem psychedelischen Südstaatenrock im wortwörtlichen Sinne aufgedreht zu erleben. Ich verspreche mir nicht weniger davon als ein Biest, das gerne im Dreck wühlt und sich im Sound verbeißt.

Lion: Do, 20.9., 21 Uhr, St. Pauli Kirche

Mitunter sind Klischees ja auch was Feines. Wer sich im Popkontext eine Person mit dem Künstlernamen Lion vorstellt, könnte flugs bei Beth Lowen landen – blondbraune Mähne, lauernder Blick und kraftvoller Auftritt. Das Wichtigste jedoch: Diese Löwin besitzt eine Stimme, die nicht sanft schnurrt, sondern wild und rau aus den tiefsten Tiefen emporsteigt. Die Australierin, die es nach England verschlagen hat, ist eine unberechenbare Musikerin, die sich mal scheinbar dösend dem Singer-Songwriter-Sound hingibt, um dann blitzschnell mit der Pranke des Rock ‘n’ Roll zuzuschlagen. Wer sich auf Safari in die St. Pauli Kirche wagt, dürfte dort also eher Aufschrei als Andacht finden.

The Dogs: Do 20.9., 23 Uhr, Karatekeller im Molotow

Und wo wir schon bei Stereotypen sind: Bei einer Band, die The Dogs heißt, stelle ich mir ein paar räudige Typen mit dicken Koteletten und verschwitzten T-Shirts vor, die sich irgendwo zwischen Britpop und Punk bewegen, viel Bier trinken und noch mehr davon verschütten. Nun ja, knapp vorbei ist auch daneben. Die norwegischen Hunde, von denen an dieser Stelle die Rede sein soll, sind äußerst adrette Erscheinungen mit schwarzen Hemden und schnieke zurückgekämmten Haaren. Wenn ich mir ihre Songs zwischen Garagen- und Punkrock so anhöre, beschleicht mich allerdings der Verdacht, dass es live durchaus wüst zugehen könnte bei diesem Rudel. Die Frage ist nur: Sechs kläffende Köter im Karatekeller des Molotow – wo soll da noch das Publikum hin?

Walrus: Fr 21.9., 14 Uhr, Kukuun

Wenn sich Walrösser an Land hieven, machen sie einen recht schwerfälligen Eindruck. Im Wasser hingegen gleiten sie elegant dahin, sie überraschen mit entspannten Drehungen und Wendungen. Ganz so verhält es sich mit der Rockband namens Walrus. Schlurfige Typen, deren Songs so psychedelisch dahin driften und mit Wucht um die Kurve kommen, als schwämme das Robbentier durch ein Korallenriff. Alles so schön bunt hier. Und so angenehm verschwommen. Diese wunderbaren Weirdo-Walrosse stammen übrigens aus Halifax und spielen im Kukuun, dem Haus der Kanadier, die beim “Reeperbahn Festival” traditionell einen großen Aufschlag hinlegen. Da dürfte gewiss einiges an Stimmung überschwappen. Und jetzt alle: „I Am The Walrus“!

Cat Clyde: Fr 21.9., 20.50 Uhr, Schulmuseum

Diese Katze hat den Blues. Und Soul. Und sie besitzt den weiten traurigen Blick, der tief ins Herz des Country hineinzuschauen versteht. In dem Poesiealbum namens Facebook gibt sie an, dass sie alte Westernfilme liebt. Und wir malen uns aus, wie sie dunkel schnurrend diese düsteren Geschichten anschaut, um sie in ihrer Seele abzulagern und später in ihre eigenen schönen Storys zu verwandeln. Dann spielt sie auf ihrer Gitarre Melodien von betörender Schlichtheit, während ihre Stimme zeitlos und facettenreich ertönt. Ein Gesang, der sich in unserer Inneres schleicht, um dort – ganz Katze – zu machen, was er will.

Milkywhale: Sa 22.9., 19.30 Uhr, Häkken

Menschen sollten viel mehr alleine in ihren Wohnungen und Häusern umher tanzen. Unbeobachtet. Albern. Ausgelassen. Sehr schön demonstriert das die junge Isländerin namens Melkorka Sigríður Magnúsdóttir in ihrem Video zu „Birds Of Paradise“, wo sie zu einem feinen, sich euphorisch steigernden Electro-Pop auf Socken durch die Räume tobt. An ihrer Seite jedoch kein milchiger Wal, wie der Name ihres Duos vermuten ließe, sondern ein träge dreinschauender Windhund. Wieso nicht? Je mehr Tiere, desto besser. Die betörenden wie beschwingten Sounds stammen von ihrem Kompagnon Árni Rúnar Hlöðversson, seines Zeichens zudem Mitglied der Band FM Belfast. Spätestens seit dem Roman „Per Anhalter durch die Galaxis“ wissen wir ja, dass sich eine Rakete in einen Wal verwandeln kann. Vielleicht wird es bei diesem Konzert umgekehrt der Fall sein.

Mammal Hands: Sa 22.9., 23.10 Uhr, Resonanzraum

Mammal Hands – Säugetierhände. Willkommen in der Oberkategorie des Tierlichen. Und was fabrizieren sie, die Hände? Jazz. Schwelgerische, atmende, organische, sich in Schlaufen wiederholende und stets leicht variierende, sachte wachsende Musik. Quasi Evolution zum Zuhören. Saxofon, Schlagzeug und Piano sowie Keyboard bilden ein dreiköpfiges wunderschönes Übertier, das beim “Reeperbahn Festival” im Resonanzraum des Feldstraßenbunkers in seinem entsprechenden Habitat zu betrachten ist.

Black Foxxes: Sa 22.9., 23.15 Uhr, Kaiserkeller

Sind Füchse, die sich mit zwei x schreiben, doppelt so schlau und gerissen wie andere? Mag sein. Vielleicht sind sie auch einfach nur wütender und melancholischer. Das britische Trio Black Foxxes nennt seinen Sound selbst Romantic Gloom. Und da erinnern wir uns doch flugs an all die Fabeln, die den Fuchs an und für sich umgarnen. Und an die Nachrichten, die Reineke immer häufiger bei den großen Städten sehen. Wird da das Tier menschlicher oder der Mensch tierischer? Die Black Foxxes jedenfalls sprechen und schreien mit ihrem brachialen Indierock unsere innersten Instinkte an. Fuchs, du hast den Grunge gestohlen. Gut so.

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Liebe und Revolution: Blumfeld auf Kampnagel

Mein popkulturelles Wochenende war nicht gerade ereignisarm mit dem Konzert der Beginner am Freitag sowie dem Festival „Burger Invasion“ im Molotow am Samstag. Um das Triple-B voll zu machen, folgt nun am Sonntag der ausverkaufte Auftritt von B wie Blumfeld als Abschluss des Internationalen Sommerfestivals auf Kampnagel.

Ich habe bereits auf meiner Jukebox-Seite darüber geschrieben, wie wichtig und wegbegleitend diese Hamburger Band für mich war und ist. Und als ich mich in der großen Halle K6 umschaue, weiß ich, dass ich mit dieser biographischen Verbundenheit nicht alleine bin. Zahlreiche Fans 40 plus versammeln sich da mit diesem gewissen erwartungsvollen Blick. Die Band, 1990 gegründet, hat in Originalbesetzung zur „Love Riots Revue“ geladen.

Wird das live hinhauen nach all Jahren mit der Liebe und der Revolution, mit dem Rock und dem Pop? Wird diese Haltung, wird die Poesie Mark und Bein erschüttern oder bloß verstaubte Behauptung bleiben?

Hat das alles noch etwas zu bedeuten?

Als Jochen Distelmeyer – Sänger, Gitarrist, Ikone – die Bühne betritt, drängt sich dieses abgedroschene Goethe-Zitat in den Kopf: „Von Zeit zu Zeit seh’ ich den Alten gern“. Weißes Sommerjackett, fedrig wehendes Haar – kann er tragen, klar. Als er dann mit seinen Kompagnons von einst – Bassist Eike Bohlken und Schlagzeuger André Rattay – zu spielen beginnt, unterstützt von Daniel Florey an Piano und Gitarre, überkommt mich kurz die Angst: Oh Gott, wird das jetzt so ein Gemucke von alten Männern? Hat das alles noch etwas zu bedeuten? Die Musik? Die eigene Geschichte?

Das Set von Blumfeld beginnt mit einer Solonummer von Distelmeyer aus dem Jahr 2009: „Einfach so“. Interessanter Move. Schön wütend zudem. Und dann, mit dem Anfang des zweiten Liedes, hat mich die Band wieder völlig gepackt. Es liegt etwas in den Akkorden, das mich abholt. Scharf und sehnsuchtsvoll. Eine alte Nummer von 1992. „Von der Unmöglichkeit Nein zu sagen ohne sich umzubringen“. Harter guter Stoff. Und für das Drama und die Dramaturgie, damit wir alle auch so richtig heftig wechselbaden in den Gefühlen, folgt aus dem selben Jahr der Song „Viel zu früh und immer wieder Liebeslieder“. Die Stimme weniger schneidend. Zarter. Ein Kissen. Ein weiches Fallen.

Weiter geht es mit Mystery und Hysteria und History

Ich bin müde vom Wochenende und froh um meinen Sitzplatz. Ich kann mich fokussieren und der Sound ist gut, wird sogar immer besser, nachdem die Fans in den Stehreihen weit vorne vehement lauteren Gesang einfordern und Jochyboy immer wieder seine Gitarren stimmt („die h-Seite“). Gut ist er drauf, dieser Typ.

„Alles chicko, alles chillaxed, schönen Urlaub gehabt?“, fragt er süffisant. Und ich überlege kurz, ob er sich diese Aneinanderreihung von Zisch-Lauten vorab zurechtgelegt hat oder ob das Lautmalerische einfach in ihm wohnt wie in anderen Menschen die Mathematik oder die Gabe zum Kochen.

Weiter geht es mit Mystery und Hysteria und History. Ab dem Stück „Weil es Liebe ist“ holt Distelmeyer den Gitarristen und Produzenten Tobias Levin auf die Bühne. Das freut mich sehr. Denn die heimlichen Stars gehören doch ab und an ins Rampenlicht. Musikbergwerker, ohne die die ganze Kunst keinen Brennstoff hätte.

Blumfeld lieferte immer schon Trost für die Überreizten

In insgesamt fünf Akten kommt die Band in diesen zwei Stunden auf die Bühne. Und ja, logisch, es gibt die klar gesetzten Höhepunkte: Distelmeyer im sexy dance alleine bei „Tausend Tränen Tief“. Die krachende Sozialisationshymne „Verstärker“ – tausendmal betanzt, tausendmal berührt. Und „Diktatur der Angepassten“ als nach wie vor hoch aktuelle Analyse zur Zeit. Doch mich zerlegt es in der Mitte des Konzerts.

„Letzte Nacht meinte meine Mutter / sie sei so müde und erledigt / und ich dachte, mir geht’s ähnlich / an den Haufen von Geschichte“, proklamiert Distelmeyer zu Beginn von „Pro Familia“. Ich kann die Lyrics im Kopf mitsingen. Und das Mantra zeigt Wirkung. Es macht spürbar, wie das Erschöpfte häufig nur ganz knapp unter der Oberfläche liegt.

Blumfeld lieferte immer schon Trost für die Überreizten und Entfremdeten, die Müden und Irritierten. Und ich muss an jene denken, die selbst solche Musik nicht retten kann. Deren Haut zu dünn ist zwischen Innen und Außen. Und das Außen zu viel und das Innen zu dunkel. Und ich fühle diese Verpflichtung, ein möglichst wahrhaftiges Leben zu leben. Und als säße die Band in meinem Kopf, spielt sie im Anschluss „Wir sind frei“. Die ultimative Aufforderung, „eine kleine Utopie“ zu wagen. Durchzuatmen. Loszugehen. Jochyboy, Du alter Tearjerker. Okey dokey. Schon verstanden.

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