Roller Derby – das neue Fanzine ist da

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Mein Begriff von Popkultur ist weit gefasst. Ganz klar liegt mein Fokus auf Musik. Aber sich nur auf diesen einen Bereich zu fokussieren, würde der ganzen bunten Sache nicht gerecht werden. Literatur, Magazine, Serien, Filme, Fashion können Popkultur sein. Und eben auch Sport. Vor allem im Fall von Roller Derby, jenem famosen Vollkontaktsport, in dem zumeist Frauen hart aber herzlich gegeneinander anfahren.

Neben Training und Turnieren gehört zum Roller Derby ein ganz eigener Kosmos aus DIY-Attitüde, Fankultur und eben Musik, der vor allem eine große Offenheit feiert. Jede und jeder kann mitmachen, unabhängig von Alter, Körperform, Gender und sexueller Orientierung.

In Hamburg skaten die Harbor Girls seit 2008

Bereits in den 1930er-Jahren entstanden, erlebte der Sport um die Jahrtausendwende einen neuen Schub und kam Anfang der Nuller-Jahre von den USA verstärkt nach Europa. In Hamburg skaten die Harbor Girls seit 2008, mittlerweile angedockt an den FC St. Pauli, mit viel Know-how, Coolness und Leidenschaft. Das Grundprinzip ist einfach: Gefahren wird im Oval gegen den Uhrzeigersinn. Die sogenannte Jammerin versucht, am gegnerischen Block vorbeizufahren. Für jede überholte Spielerin gibt es einen Punkt. Nebenbei legt meist ein DJ Musik auf. Die Stimmung ist euphorisch, fair und familiär.

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Fanzine Nr. 2, fotografiert von Derby Digger

Mich hat die gesamte Atmosphäre direkt absolut angesprochen. Als ich im Frühjahr einen Bout, also ein Spiel der Harbor Girls Hamburg besuchte, war ich daher hoch erfreut, dass dort ein neues Fanzine für Roller Derby auslag. Der Derby Digger. Ich las das Heft am nächsten Tag sofort von der ersten bis zur letzten Seite durch, war fasziniert von Vielfalt, Spaß, Professionalität und mir war klar: Ich möchte mitmachen. Rollschuhlaufen ist lange her bei mir, Schreiben jedoch nicht.

Derby Digger, das Fanzine für Roller Derby Kultur, feiert Ausgabe Nr. 2

Ich mailte also Herausgeber Joachim an, der als DJ Luetten in Hamburg auch Clubs und Kneipen mit Ska, Reggae und Rocksteady versorgt. Nun feiert Derby Digger Nr. 2 an diesem Donnerstag seinen Release. Und Luetten sowie yours DJ Biggy Pop legen zu diesem freudigen Anlass gemeinsam auf der Barkasse Frau Hedi auf. Ich bin schon extrem gespannt auf die neue Ausgabe und freue mich auf all die Beiträge der anderen Autoren, zudem auf das Layout von Julia und auf die Fotos, etwa von Regularman.

Mir wurde die Ehre zuteil, ein Porträt von Jammerin Miss Zoffi zu schreiben, das ich hier – in freundlicher Absprache mit Luetten – nun präsentieren darf. Quasi als Appetizer für das restliche Heft, das die Tage auch in der Buchhandlung Schanzenviertel, im Strips & Stories, im Nachladen sowie im Fanladen St. Pauli zu haben sein dürfte. Popkultur auf Papier. Zum Anfassen. Zum Aufheben. Zum Liebhaben.

Artikel aus dem Derby Digger: „Jammen als Way Of Life“ von Biggy Pop

Furchtlosigkeit, Taktik, Ausdauer, Intuition – seit ich 2012 das erste Mal ein Roller-Derby-Spiel erlebte, haben mich die Jammer*innen besonders fasziniert. Ich hatte damals mein Erspartes zusammengekratzt und eine Auszeit vom Job genommen, um einige Wochen in New York leben zu können. Mitten in der Sinnsuche sah ich also bei einem Bout in Brooklyn diese Frauen, wie sie mit Wucht, Spaß und Geschick auf jene zurasten, die ihnen im Weg standen. Wie sie es immer wieder versuchten, bis die Hürden überwunden waren und sie befreit weiter rollen konnten. Ich dachte mir: Wäre es nicht fantastisch, mit dieser Energie sein Leben zu leben?

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Miss Zoffi, fotografiert von Regularman

Ich bin also hoch beglückt, Jahre später mit Sophie alias Miss Zoffi einen Menschen kennenlernen zu dürfen, der Jammen definitiv als Way of Life versteht. Wir treffen uns an einem sonnigen Tag in Berlin und setzen uns zur Mittagspause mit Salat und Schorle an die Spree.

Als erstes fallen mir die windschnittigen Streifen in ihrer Kurzhaarfrisur auf. Nachhaltig angetan bin ich von Sophies entspannter und zugleich leidenschaftlicher Art, mit der sie erzählt: Wie sie im März 2018 in die Hauptstadt gezogen ist, um international bei den Berlin Bombshells (Bear City Roller Derby) zu fahren. Und wie das Derbyverse im Allgemeinen und das Jammen im Besonderen seit sechs Jahren ihr Leben prägt.

Der Sport, das Teamgefühl, die Community. Alles passte

Ich war schockverliebt!“ Das war ihr erstes Gefühl, nachdem eine Arbeitskollegin (Rough Rudie) sie 2012 zum Recruiting Day der Hamburg Harbor Girls mitgenommen hatte. Sophie war von München über Trier und Mainz frisch in die Hansestadt gezogen und wollte Leute kennenlernen. Der Sport, die unterschiedlichen Persönlichkeiten, das Teamgefühl, die Community. Alles passte. Ein neues Zuhause.

Ich hatte vorher gar nichts mit Rollschuhlaufen oder Skaten am Hut. Dann habe ich gemerkt: Ich habe Talent und möchte gucken, wie weit ich kommen kann“, erzählt Sophie. Anfangs habe sie durchaus Hemmungen gehabt, mit Vollspeed auf ein Pack zuzufahren. „Das ist eine mentale Herausforderung.“ Was ihr half: Trainieren. Auf den Skates sicherer werden. Und: Taktik üben. „Wie reagieren die Blocker*innen? Wie kann ich sie austricksen? Ich muss mir vorher einen Plan a, b und c machen“, erklärt Sophie.

Viel gelernt hat sie von erfahrenen Roller-Derby-Profis wie der Berliner Vereinsgründerin Master Blaster. Und bei Bootcamps mit Fahrer*innen aus England und den USA, etwa mit Scald Eagle aus Denver. „Scald Eagle ist riesig und stark, sie kann Bewegungen perfekt analysieren und schneidet durch das Pack wie Butter. Ihre Tipps habe ich aufgesaugt wie ein Schwamm.“

Miss Zoffi: „Ich bin körperlich stärker geworden“

Hochachtung hat Sophie vor den Blocker*innen, die im Training auch ein wenig leiden müssten, wenn die Jammer*innen ihre Einsätze üben. „Leider treffen wir die Blocker*innen dann auch mal in der illegalen Blocking Zone, zum Beispiel im Rücken“, sagt Sophie – und ergänzt amüsiert: „Aber was wäre die Alternative? Rollende Sandsäcke?“ Um ihre Strategie zu verbessern, sei es für sie absolut sinnvoll, im Training immer mal wieder im Pack zu fahren: „Wir Jammer*innen haben oft einen Tunnelblick, während die Blocker*innen den Überblick behalten müssen. Das ist extremes Multitasking.“

Was mich noch interessiert: Wie hat Roller Derby Sophies übriges Leben verändert? „Ich bin körperlich stärker geworden“, erzählt sie. „Ich war zwar vorher auch schon selbstbewusst, aber Roller Derby hat das noch verstärkt. Ich sehe: Ich kann was, ich bin gut darin. Das macht mich stolz und das macht Spaß. Und mich inspiriert, dass so viele andere Frauen ihre Stärke nach außen tragen.“ Wenn Sophie über Roller Derby spricht, ist da ganz viel Wärme und Klarheit in ihrer Stimme. Das ist wirklich ansteckend.

Für Bear City kümmert sich Miss Zoffi zudem um Sponsoringanfragen

Von 2015 bis 2017 spielte Sophie in der Bundesliga für die Harbor Girls, dann wechselte sie nach Berlin, deren A-Team zu den ersten 28 weltweit gehört. Dreimal in der Woche geht sie zum Training, hinzu kommen Sondertrainings und regelmäßige Besuche im Fitnessstudio. Für Bear City kümmert sie sich zudem um Sponsoringanfragen.

Wenn Freunde sagen, Roller Derby sei doch „nur ein Hobby“, muss sie widersprechen. „Am liebsten würde ich das hauptberuflich machen. Andererseits finde ich den DIY-Gedanken toll. Die Frage ist, ob die Leidenschaft auf der Strecke bleibt, wenn der Sport zu stark professionalisiert und kommerzialisiert würde“, sagt sie nachdenklich.

Roller Derby – Liebe von und zu den Fans

Letzten Endes ist Sophie natürlich auch selbst schlichtweg ein riesiger Roller-Derby-Fan. Wenn sie mit dem Team Germany zur WM nach Manchester fährt wie im Februar 2018 oder zu den Big O nach Oregon im Mai diesen Jahres, dann freut sie sich irre, all die Top-Spiele anschauen zu können, zum Beispiel den Bout Australien gegen USA. „Da war schon was los.“

Und dass Fans unvergessliche Momente schaffen können, das hat Sophie selbst mit den Deckhands bei den Harbor Girls erlebt: „Wir hatten ein Spiel gegen Birmingham vor einigen Jahren. Der Gegner hat uns echt niedergemacht. Aber da gab es diese eine Situation, wo ich einen Apex Jump geschafft habe. Danach bin ich auf Knien in Richtung Deckhands gerutscht und alle sind aufgesprungen und haben mir zugejubelt“, erzählt Sophie. „Das ist das tollste Gefühl der Welt, von solchen Fans angefeuert zu werden. Immer, wenn ich mich motivieren möchte, denke ich an diesen Moment zurück.“

Inspiration für alle Kurven und Hürden im Leben

Alle können mitmachen, eine Rolle spielen, sich gegenseitig pushen. Sophie liebt, wie vielfältig das Derbyverse ist. Dass etwa Vereine wie St. Depri ihren Platz in diesem Kosmos finden. Und dass es keine Altersgrenze gibt. „Wenn ich mal als Jammer*in in Rente gehe, würde ich gerne Announcer*in werden“, erzählt Sophie, die bald 30 wird. Und dann blickt sie auf die Spree und sagt noch: „Wenn ich nicht mit Roller Derby angefangen hätte, was ich da alles verpasst hätte – das wäre total verrückt.“

Wow – die Begegnung mit Sophie hallt noch lange nach. Wie sehr sie verkörpert, dass sich Herzlichkeit und Ambition nicht ausschließen, hat mich total begeistert. Und wie die Fahrer*innen gegenseitig ihre eigenen Rolemodels sind und ihre Skills abfeiern. Definitiv eine Inspiration für alle Kurven und Hürden im Leben.

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Konzert für “Viva La Bernie” – das ist Hamburg

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7.000.000 – diese Zahl hängt in knallig grünen Ziffern im Innenhof an der Bernstorffstraße 117 in Altona auf der Grenze zu St. Pauli. Mehr als 100 Menschen leben und arbeiten seit 30 Jahren in dieser Hofgemeinschaft. Handwerker und Künstler wirken in Ateliers, Studios und Werkstätten. Ein gewachsenes, konstruktives Miteinander, das Stadtplaner an anderen Orten Hamburgs erst händeringend neu erschaffen wollen. In der „Bernie“, wie das Areal von Aktiven und Nachbarn liebevoll genannt wird, ist dieser „kreative urbane Mix“ seit Jahrzehnten gelebte Realität.

Viva La Bernie, Bernstorff 117, Bernstorffstraße, Hamburg, backyard, artists, concert, party, hiphop Obwohl ich in der „Bernie“ nicht ansässig bin, ist es auch meine Realität. Mein Bild von Hamburg. Wegen solcher Inseln, wegen des Subkulturellen und schön Spröden bin ich vor mehr als 20 Jahren hergezogen. Wo keine Kanten sind, bleibt nichts hängen. Der Charakter einer Stadt gleitet sonst ab an glatten Glasfassaden.

Mehr als 120 private Kreditgeber und Unterstützer für “Viva La Bernie”

Sieben Millionen – diese unfassbar hohe Summe hat der Verein „Viva La Bernie“ nun in Euro aufgebracht, um sein Refugium von jenem Berliner Investor zurückzukaufen, der das Grundstück vor etwa einem Jahr erstanden hat. Mehr als 120 private Kreditgeber und Unterstützer haben sich zusammengetan, darunter die Musiker Samy Deluxe, Jan Delay, Y’akoto und Rocko Schamoni, die Bands Deichkind, Fünf Sterne Deluxe und Slime, Maler Daniel Richter, Autor Heinz Strunk, Filmemacher Fatih Akin, FC St. Pauli-Präsident Oke Göttlich und die Initiative Viva con Agua.

Viva La Bernie, Bernstorff 117, Bernstorffstraße, Hamburg, backyard, artists, concert, party, hiphop Das ist Hamburg für mich. Dieser Zusammenhalt. Diese Haltung. Dieser Glaube an einen Wert, der sich nicht in einer Summe von sieben Millionen Euro bemessen lässt. Ein Wert für das Seelenheil der Stadt. Für den sozialen Frieden. Für eine Balance zwischen Kaufmannsleben und Kunst.

Am Freitag hat „Viva La Bernie“ in seinen Hof geladen, um diesen Support zu feiern. Und als ich mit vielen anderen gegen halb sieben auf das kleine Gelände ströme, kann ich nicht anders als permanent zu denken: Das ist Hamburg.

Fettes Brot fragt: „Wo sind meine Leute da draußen“

Das ist Hamburg. Wenn Menschen jung und alt, schwarz, weiß und regenbogenbunt zusammenstehen, reden, trinken, lachen, sich umarmen. Kids haben sich mit knallgrünen „Viva La Bernie“-Aufklebern plakatiert. Leute eilen von der Arbeit herbei. Die coolen Hänger mit den schrägen Käppis schauen ganz freundlich. Zwei Graumelierte lehnen beim Rotwein an der Wand, die mit knallgrünen „Viva La Bernie“-Schriftzügen beklebt ist. Ein Banner weht im Wind. Eine entspannte Block-Party.

Das ist Hamburg. Wenn der Bass massiert. Wenn was passiert. Wenn die Rapper der Stadt von einer Brücke zwischen den Hofgebäuden ihre Reime in die Nacht werfen. Wenn Fettes Brot fragt: „Wo sind meine Leute da draußen“. Und wenn alle Leute da sind. Wenn der Hof voll ist. Und die Herzen noch voller. Wenn alle ihren Booty shaken. Und die Mundwinkel nicht mehr runterkommen. Wenn drei schwule Mädchen durch Hamburg gehen, dann bleibt keiner einen Augenblick lang ruhig stehen.

Die Energie, die an diesem Abend erzeugt wird, strahlt bis zum Mond

Das ist Hamburg. Wenn DJ Dynamite unseren Brustkorb pochen lässt. Und wenn D-Flame wie mit eingebautem Megaphon rappt: „Sorry, kein Bock auf deine Story“. Kein Bock auf ein Hamburg, das so sauber ist, dass ich die Schuhe ausziehen muss, wenn ich vor die Türe trete. Stattdessen sehr viel Bock auf Gängeviertel, Moloch, Viktoriakaserne, Golden Pudel Club, Zinnwerke und all die anderen freien Räume.

Viva La Bernie, Bernstorff 117, Bernstorffstraße, Hamburg, backyard, artists, concert, party, hiphop Das ist Hamburg. Wenn Samy Deluxe gemeinsam mit Jan Delay von den Beginnern den Hof beben lässt. Wenn ich kurz befürchte, die ausrastende Menge sorgt für den Abriss des Ganzen. Der Sound bratzt, die Worte treffen. „Ich und du und er und sie und es.“ Türlich türlich kommt da ein Weckruf nach dem anderen. Und eine Euphoriewelle nach der nächsten.

Das ist Hamburg. „Digger, ich bin nicht allein hier / Ich hab’ meine Posse bei mir / Und es geht rampampam / Alle Lampen an!“ Das Soli-Bier ist längst ausverkauft. Hände in die Luft und wir springen, springen, springen. Die Energie, die an diesem Abend bei „Viva La Bernie“ erzeugt wird, strahlt bis zum Mond. Islands in the stream, this is what we are. Und die Insel namens Bernie, sie ist im Flow. Gut so. Bleib so.

Vertontes Tagebuch: Patrick Siegfried Zimmers Album „Memories I-X“

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Ich freue mich immer, Patrick Siegfried Zimmer in Hamburg durch die Straßen gehen zu sehen. Das schwarze Haar gescheitelt. Der Blick tief und freundlich. Die Kleidung elegant und schlicht. Der Gang entschieden und ruhig. Ein aus der Zeit gefallener Mensch, dessen Erscheinen für mich stets kurz einen Effekt hat wie in manchen Filmen. Da verändert sich mit dem Eintreten einer Figur der Raum, das Tempo, die Wahrnehmung.

Wenn ich Patrick Siegfried Zimmer begegne, scheint die Welt kurz zu einem melancholischen Schwarz-Weiß-Film zu werden. Eine Geschichte, in der die Sinne sensibler eingestellt sind und die Herzen langsamer schlagen. Ein fein justiertes Innehalten. Auf der Moll-Seite des Lebens. Aber nicht ohne Humor.

Patrick Siegfried Zimmer, album, record, MEMORIES I-X, artwork Aufs Schönste verdichtet sich dieses Empfinden auf dem neuen Album „Memories I-X“, das Patrick Siegfried Zimmer diesen Freitag veröffentlicht. Viele kennen den stilbewussten Künstler noch unter seinem Pseudonym finn., unter dem er seit 2003 Musik machte. Doch für eine derart persönliche Platte wie die aktuelle soll offenbar ganz und gar der eigene Namen stehen.

Der Musiker, Designer und Filmemacher („Anhedonia“) öffnet uns sein musikalisches Tagebuch. Er erzählt uns zur Akustikgitarre, zu Streichern, Piano und Bläsern, zu Pfeifen und Glockenschlag von Liebe und Trauer, von Berührungen und Erinnerungen, von Ängsten und der Ewigkeit.

Schwermütige Walzer, brüchige Leichtigkeit

Im Vordergrund ist stets die Stimme von Patrick Siegfried Zimmer. Sie stellt eine warme Nähe her, wie es gute Chansonniers und Country-Sänger können. Die dunklen Kammern des Herzens werden zum Resonanzraum für diesen intensiven wie unaufdringlichen Gesang. Ob in einer geheimnisvollen und zugleich aufwühlenden Ballade wie „Sorrows“, die „Memories I-X“ eröffnet. Oder in einer zarten Lullaby-Nummer wie „Winds“, die den Reigen aus zehn Songs beschließt. Manche Lieder besitzen die Qualität eines schwermütigen Walzers, andere verströmen eine brüchige Leichtigkeit.

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Patrick Siegfried Zimmer, fotografiert von Caroline Polly Fox

Sehr gut gefällt mir, dass eine Nummer wie „Silhouette“ als sachtes Liebeslied daherkommt. Und dann bricht nach gut zwei Minuten ein kleiner beschwingter Shala-Lalala-Part ein. Unvorhergesehen wie unsere merkwürdige wunderschöne Existenz insgesamt.

Besonders spricht mich das Stück „Paris“ an. Vielleicht, weil ich dieser Tage gerade solch eine große Sehnsucht nach dieser Stadt verspüre. Vielleicht aber auch wegen des gospeligen und opulenten Charismas, das Patrick Siegfried Zimmer in diesem dunkel-tänzelnden Chanson versprüht.

Patrick Siegfried Zimmer plant Tagebuch-Projekt bis ins Alter

Für mich ist „Memories I-X“ der ideale Begleiter an einem Tag, an dem ich das erste Mal die Heizung angestellt und mir einen Kalender für das kommende Jahr gekauft habe. Die Tage kürzer, die Innenschau länger. Wir kühlen aus nach einem langen Sommer und müssen uns die Seele wärmen. Wir blicken auf das, was war, und ziehen daraus, was sein könnte. Und die Musik eröffnet uns diese Freiheit.

Mit seinem Werk hat sich Patrick Siegfried Zimmer übrigens einiges vorgenommen. Neun weitere Teile mit Tagebucheinträgen sollen folgen. Stets im Abstand von drei Jahren. Der Künstler wird also ein alter Mann werden. Und bei solch seliger Musik ein erfüllter zudem.

Patrick Siegfried Zimmer live in Hamburg:
Do 27.9., 18 Uhr, Schaufensterkonzert bei Michelle Records
Fr 28.9., 21 Uhr, Nachtasyl im Thalia Theater

Weitere Reviews:
Mint Mind 
Tilman Rossmy

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Reeperbahn Festival 2018, Tag 4 – Finale und Fazit

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All die Musik und all die Menschen, all die Gespräche, Gesichter und Geschichten driften noch drunter und drüber durch Hirn und Herz am Tag nach dem Reeperbahn Festival. Langsam runterkommen. Zeit, Bilanz zu ziehen.

Die Organisation

Auch im 13. Jahr dieser Clubsause denke ich: Wow, was für eine logistische Meisterleistung. An vier Tagen und Nächten gibt es auf St. Pauli rund 500 Konzerte plus Hunderte weitere Veranstaltungen aus Kunst, Film und Konferenzteil an 90 Locations, die hoch professionalisiert bespielt werden. Das Reeperbahn Festival 2018 erlangt zudem einen neuen Besucherrekord: 45.000 Popfans und Konferenzteilnehmer kamen auf den Kiez.

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Gesehen auf einer Jeansjacke im Molotow

Und was mit hundertprozentiger Gewissheit eintritt: der Faktor Zufall. Etwa das kurzfristig krankheitsbedingt abgesagte Konzert von Ibeyi in der Elbphilharmonie. All das will geregelt und kommuniziert werden. Sollte es für solche großen Acts wie beim Theater eine zweite Besetzung geben? Wäre das noch Rock ‘n’ Roll? Aber wäre es nicht auch unfassbar cool, hätte ein Hamburger Newcomer im Großen Saal spontan als Ersatz zur Wandergitarre greifen können?

Die Besucher

Mich faszinieren Festivals immer besonders, wenn jede und jeder dort seine und ihre Nische finden kann. Und durch das Reeperbahn Festival führen Tausende individuelle Wege. Vermutlich würde es gegen Trilliarden Persönlichkeitsrechte verstoßen, die Einlassbänder mit einem Tracker (ähnlich wie bei Vogelbeobachtungen) auszustatten. Aber vier Tage und Nächte lang die Bahnen der Besucher zu verfolgen, wäre extrem spannend. In meinem Freundes- und Bekanntenkreis allein gibt es bereits die unterschiedlichsten Verhaltensweisen zu betrachten.

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Queen Zee im Backyard des Molotow

Die Superorganisierte wechselt mit Stundenplan im Halbstundentakt von einer Band zur nächsten. Die Netzwerkerin ist zu so vielen Meet & Greets eingeladen, das sie erwägt, Tupperschüsseln mitzubringen, um sich die nächsten Monate von den Festivalhäppchen zu ernähren.

Der Ergebnisoffene lässt sich treiben und trudelt von diversen Vor-der-Türe-Schnacks zu Konzerten und zurück. Der Geschäftsmann arbeitet sich von Termin zu Termin und hat maximal drei Bands gesehen. Die Genrefixierte grast sämtliche Hip-Hop-Acts beim Reeperbahn Festival ab. Der Energieeffiziente bleibt die gesamte Festivalzeit im Molotow und vergnügt sich dort vor mittlerweile vier Bühnen (quasi ein Hurricane Festival auf kleinstem Raum). Die Erschöpfte nimmt sich am Freitag einen Festival-Off-Day, um am Samstag ausgeruht in den Endspurt gehen zu können. Und dann gibt es noch die Ticketbesitzerin, deren freier Wille über das Programm siegt – im Stile von: „Es ist so schönes Wetter, ich lege mich jetzt an den Elbstrand“.

Persönlichkeiten 2018

Zwei Menschen sind für mich beim Reeperbahn Festival 2018 herausragend präsent. Beide sind mit ihrem Auftreten und ihren Aussagen so etwas wie der „Talk Of The Festival“. Sie erschaffen einen positiven Buzz. Die Rede ist von Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda und Linda Perry, Sängerin und Songschreiberin der 4 Non Blondes sowie Produzentin, Labelmanagerin und in diesem Jahr Mitglied in der Jury des Newcomer-Awards Anchor.

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Artwork beim Anchor Award

Carsten Brosda gibt optisch im Anzug den seriösen Politiker, ist aber in seinen Worten ein freiheitsliebender Geist. Auf dem Festival ruft er Rede um Rede emphatisch und euphorisierend dazu auf, unsere demokratischen Werte zu verteidigen und mit der Kraft der Musik unseren diversen, offenen Lebensstil zu beflügeln.

Als Gegenbeispiel zu einem freiheitlichen Dasein nennt er einen Vorfall aus den USA: Auf dem Plattencover zu „Songs Of Resistance“ von Marc Ribot will eine Sängerin, die an einem der Songs beteiligt ist, nicht namentlich genannt werden. Sie hat Angst, dass ihre Inhalte der Trump-Regierung missfallen und ihr das Visum entzogen wird. Und Brosda fragt sich: „Wo leben wir eigentlich?“ In was für – im negativen Sinne – irren Zeiten? Bei der Verleihung des Anchor Awards am Samstagabend im St. Pauli Theater wünscht er sich für uns alle vor allem eines: „being different without fear“. Diese Formulierung wiederholt Brosda mehrfach. Starker Applaus.

Linda Perry, das personifizierte „Don’t Fuck With Me“

Definitiv anders – und furchtlos – ist Linda Perry. Die schmale Frau mit dem markanten Hut ist beim Reeperbahn Festival auf Panels und in Interviews zu erleben. Sie ist die Stimme, die permanent sagt: „Aber der Kaiser ist doch nackt“. Eine radikale Wahrheitssucherin und -aussprecherin. Das personifizierte „Don’t Fuck With Me“.

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Die Jury des Anchor Award (v.l.): Linda Perry, Cassandra Steen, Tony Visconti, Skye Edwards und Jason Bentley

Ich kann mir gut vorstellen, dass es nicht zuletzt ihrer famosen Kratzbürstigkeit zu verdanken ist, dass es mit Faces On TV sowie Tamino beim Anchor 2018 direkt zwei Gewinner gibt. Recht unverblümt macht Perry bei der Verleihung deutlich, dass sie von allen acht Nominierten, die die Jury im Laufe des Festivals live erlebt hat, mehr erwartet. An Performance. An Energie. Rock ‘n’ Roll sei schließlich kein 9-to-5-Job. Ihre Ansprüche seien hoch. Auch an sich selbst.

Linda Perry ist ein zähes Biest. Eine Naturgewalt. Einerseits blafft sie den Moderator an, ob er Angst vor ihr habe. Andererseits sorgt sie mit ihrem Auftritt bei der Anchor-Gala für meinen intensivsten Gänsehaut-Moment des Festivals. Gemeinsam mit den Sängerinnen Skye Edwards von Morcheeba und Cassandra Steen von Glashaus interpretiert sie – am Flügel spielend und begleitet vom wunderbaren Kaiser Quartett – ihren Hit „What’s Up“. Eine zarte Reprise. Ich muss mich wirklich zusammenreißen, vor lauter Schönheit nicht loszuheulen.

Entwicklungen

Das Reeperbahn Festival zeigt zunehmend Haltung zu gesellschaftlichen, aber auch brancheninternen Themen. Das gefällt mir.

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Metronomy beim Anchor Award

Der Anchor Award ist – vor allem im Vergleich zum eingestellten, auf Verkaufszahlen basierenden Echo – ein guter Impuls in der Landschaft der Poppreise. Wieso ständig das ohnehin schon Exzellente auszeichnen, wenn doch das Künftige unterstützt werden kann? Der Anchor ist geschmackvoll inszeniert und gehaltvoll in der Auseinandersetzung mit Musik. Das zeigt allein die offensichtliche Uneinigkeit der Jury. Was kann Popkultur denn besseres passieren, als dass sie Anlass zu beherzten Diskussionen ist. Dass sie nicht egal ist. Dass sie lebt.

Mehr Musikerinnen auf den Bühnen

Fantastischer Weise deutlich spürbar sind die Auswirkungen des Keychange-Programms, das der britische Musikfonds PRS Foundation 2017 initiiert hat. Mehr als 100 Musikfestivals aus Europa und Kanada, darunter das Reeperbahn Festival, haben sich verpflichtet, dass 50 Prozent der musikalisch Mitwirkenden bis 2022 Frauen sein sollen. Sprich: mehr Musikerinnen auf den Bühnen. Das heißt vor allem: mehr Abwechslung. Top.

Zu erleben ist das am Samstag zum Beispiel bei den estnischen Rapperinnen von Hoax. Im Karatekeller des Molotow hauen die beiden hochfrequent ihren Sprechgesang heraus. Wut und Humor, Power und Skills. Die Menge feiert das. Yeah!

Ideen fürs Reeperbahn Festival 2019

So ein verdichtetes Popkultur-Erlebnis wie das Reeperbahn Festival wirft bei mir sofort das Kopfkino an, was noch alles möglich wäre. Von daher anbei einige Ideen, Anregungen und Wünsche meinerseits für das Reeperbahn Festival 2019.

1. Noch mehr Vielfalt

Ich wünsche mir noch mehr stilistische Vielfalt, mehr abgefahrenen Kram und vor allem noch mehr Input aus anderen Ländern – ungewohnte Rhythmen, überraschende Melodien, noch mehr unterschiedliche Sprachen aus Südamerika, Afrika und Asien.

2. Kuratierte Abende

Helen Schepers von der Fahrradgarderobe, die ich beim Helga Award kennenlerne, erzählt mir von einem Jazzfestival in den Niederlanden, auf dem einzelne Musiker Abende kuratieren. Eine sehr schöne Idee. Ich wünsche mir als neues Fangirl eine Nacht mit Künstlern, die Linda Perry auswählt. Ein Abend von Jarvis Cocker oder Damon Albarn fände ich ebenfalls fein. Bitte denken Sie groß.

3. Hamburg-Abend

Im Hamburg-Haus im St. Pauli Museum haben sich beim Reeperbahn Festival 2018 hiesige Labels wie Backseat und hfn music präsentiert. Sehr gut ist das. Wie wäre es zudem mit einem Abend ausschließlich mit Acts aus Hamburg? So hätten Besucher von außerhalb die Chance, geballt Talente aus der Hansestadt zu erleben.

4. Open Stage

Das Reeperbahn Festival arbeitet mittlerweile derart professionell, dass mir ein wenig das anarchische Moment fehlt. Wie wäre es als kleines Guerilla-Element mit einer Open Stage am Mittwochabend? Bands könnten sich vor Ort anmelden und werden nach dem Losverfahren auf die Bühne gebeten. Eine Jury oder das Publikum wählt den Gewinner, der dann am nächsten Tag einen Slot im Festival-Programm erhält.

5. Internationale Blogger Battle

Da ich selbst gerade angefangen habe, über Popmusik in Hamburg zu bloggen, bin ich natürlich sehr dafür, dieses Medium zu pushen. Wie wäre es also beim Reeperbahn Festival 2019 mit einer internationalen Blogger Battle? Schreiber (und Podcaster) aus verschiedenen Ländern berichten aus ihrer ganz individuellen Perspektive über das Festival. Ich stelle mir das äußerst inspirierend vor.

6. Schlafbärenquartier

Das Reeperbahn Festival ist in manchen Momenten einfach nur fordernd, ja anstrengend. Mitunter möchte ich als Besucherin einfach nur eine halbe Stunde Ruhe haben, um mich dann wieder frisch auf all die neue Musik einlassen zu können. Wie wäre es daher mit einem (akustisch abgeschotteten oder mit Noise-Cancelling-Headphones versehenen) Ruheraum, einer Chilloutarea, einem Entspannungsseparee? Oder, wie ich es nennen würde, einem Schlafbärenquartier? Gerne mit Massage-Einheit. Danke.

See you next year

Ich jedenfalls bin sehr gespannt auf das Reeperbahn Festival 2019. Jetzt ist ja erstmal ein Jahr Zeit, um sich auszuruhen.

Zum Nachgucken

Wer tolle Fotos vom Reeperbahn Festival sehen möchte, dem seien die Instagram-Accounts von Charles Engelken und Stefan Malzkorn empfohlen.

Zum Nachlesen – mein Reeperbahn Festival 2018
Klaus Voormann: Vernissage zum Reeperbahn Festival
Tag 1 – positiver Schockzustand
Tag 2 – preisverdächtig
Tag 3 – Nachdenken über Musikjournalismus

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Reeperbahn Festival, Tag 3 – Nachdenken über Musikjournalismus

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Den dritten Tag beim Reeperbahn Festival starte ich am Nachmittag mit zwei Panels zum Thema Musikjournalismus. Eine Diskussionsrunde beschäftigt sich mit der hiesigen Popmedienlandschaft, die andere mit der internationalen.

Ich finde es großartig, dass der Konferenzteil des Reeperbahn Festivals auf vielen verschiedenen Ebenen die Möglichkeit bietet, sich auszutauschen und zu reflektieren. Zum Beispiel über Pop und Politik oder über Geschlechtergerechtigkeit im Musikbusiness. Mich hat das Thema Musikjournalismus an diesem dritten Festivaltag – gedanklich und ganz real – nicht mehr losgelassen. Deshalb möchte ich mich in diesem Blogpost darauf fokussieren, bevor ich dann aufbreche zum großen Finale am vierten und letzten Tag beim Reeperbahn Festival 2018.

Daniel Koch, letzter Chefredakteur der „Intro“, plädiert für Optimismus

Beide Panels – das deutschsprachige wie das internationale – werden moderiert von Johnny Häusler, seines Zeichens Musiker, Journalist und Veranstalter der Web-Konferenz re:publica. Solche Persönlichkeiten live zu erleben, finde ich an und für sich schon immer äußerst spannend.

In beiden Runden skizzieren die Diskutanten kurz die radikalen Einbrüche im Popprintjournalismus. Die „Intro“ in Deutschland, der „New Musical Express“ in Großbritannien und „The Village Voice“ in New York sind nur einige Beispiele für eingestellte gedruckte Musik- und Kulturmagazine. Daniel Koch, letzter Chefredakteur der „Intro“ von 2014 bis 2018, erzählt, dass die kostenlos ausgegebene Zeitschrift über Anzeigen nicht mehr zu finanzieren war. Statt jedoch in ein großes Lamento zu verfallen, plädiert er für Optimismus in unserer Zunft. Da bin ich ganz bei ihm.

Innovative Formate, um mit Menschen in Kontakt zu treten

Daniels Blick nach vorne richtet sich auf innovative Formate, die sich erst noch ausprobieren, aber deutlich wachsen. Zum Beispiel auf den Podcast „Machiavelli“ der WDR-Plattform Cosmo, der Rap und Politik verhandelt. Oder auf „St. Vincent’s Mixtape Delivery Service“. Fans liefern da der Künstlerin Infos zum eigenen Musikgeschmack. Und St. Vincent bastelt ihnen – auf dem Musikkanal Beats 1 von Apple – individuell zugeschnittene Playlisten.

Ich mag den Ansatz, die technischen Neuerungen nicht ständig als Überforderung und Fluch zu verstehen, sondern als Chance, auf neue Art miteinander in Kontakt zu treten. Ich muss dabei immer an meine gute Freundin Anke Mönning von Garnstories denken, die handgefärbte Wolle verkauft. Das klingt zunächst super oldschool. Aber ihre Vermarktung hat sie komplett über Instagram entwickelt. Und mittlerweile verkauft sie ihre knallig-bunten Produkte bis nach Australien.

Lust auf Information und Inspiration statt “boring as fuck”

Auch Mary Anne Hobbs von der BBC sieht Social Media als Werkzeug, ihr Programm zu (neuen) Hörern zu bringen. Zu Herzen gehen mir ihre Ausführungen, wie sie als Teenager mit den Füßen scharrend am Kiosk auf den „New Musical Express“ gewartet hat. Noch auf der Straße habe sie die Zeitschrift nach ihren Lieblingsmusikern und -autoren durchsucht. Nachts habe sie dann das Heft von der ersten bis zur letzten Seite unter der Bettdecke mit Hilfe einer Taschenlampe durchgelesen.

Dieser Enthusiasmus berührt mich nachhaltig. Denn ich bin zutiefst der Überzeugung, dass diese ultimative Lust auf gut geschriebene Texte, auf spannende Geschichten, auf Information und Inspiration nicht einfach versiegt ist mit Abnahme der popkulturellen Printprodukte. Und wenn ein Gast im Publikum anmerkt, Reviews zu lesen sei „boring as fuck“ in Zeiten permanenter Musikverfügbarkeit, dann müssen sich die Medienmacher eben fragen: Wie mache ich mein Storytelling (wieder) spannend?

Salwa Houmsi: kritische Zwischentöne auf Social-Media-Kanälen

Absolut beeindruckt hat mich in diesem Zusammenhang die jüngste Teilnehmerin der Diskussion, Salwa Houmsi. Die 22-Jährige zählt zu den Gewinnerinnen des International Music Journalism Award, der auf dem Reeperbahn Festival vergeben wird. Sie moderiert unter anderem für Radio Fritz in Berlin mit Spezialisierung auf Deutschrap und legt unter dem DJ-Namen Salwa Benz Hiphop und Artverwandtes auf.

Mit mehr als 16.000 Followern auf Instagram ist Salwa definitiv eine Influencerin, auch wenn der Begriff auf dem Panel kontrovers diskutiert wird. Ihren Einfluss und ihre Rolle hinterfragt Salwa klug und unverkrampft. Zum Beispiel wünscht sie sich, in den schnelllebigen sozialen Medien, in denen viel polarisierend über das Prinzip “hop oder top” funktioniert, mehr kritische Zwischentöne einbringen zu können.

Große Strategien und Masterpläne werden auf den beiden Panels in der Kürze der Zeit nicht entworfen. Und die Branche wird definitiv noch lange im Umbruch sein. Ich bin wirklich gespannt, welche Wege sich noch öffnen werden, um über Musik zu berichten und diese den Menschen näher zu bringen.

Live-Radio-Show auf dem Reeperbahn Festival

Eine sehr zeitgemäße Methode ist es, analog zum boomenden Live-Geschäft, direkt mitten hinein ins Leben zu gehen mit journalistischen Formaten. Dass diese Rechnung aufgeht, zeigt sich später an diesem Freitag bei „NDR Blue Backstage“. Vor der Alten Liebe Bar direkt am Spielbudenplatz auf St. Pauli hat sich eine Schlange gebildet, um: Radio zu hören. Wobei “hören” nicht das ausreichende Wort ist. Vielmehr geht es um das Erleben mit allen Sinnen.

NDR Blue Backstage, NDR, Radio, Live, Show, Club, Pop, Festival, Alte Liebe Bar, Hamburg, hosts, Jan Möller, Siri Keil, Reeperbahn Festival, LIFE, Band Die beiden NDR-Moderatoren Siri Keil und Jan Möller empfangen beim Reeperbahn Festival live on air Gäste. Festivalchef Alexander Schulz zum Beispiel erzählt von den Auswirkungen des Sturms auf das Programm an diesem Freitag. Zudem spielen Künstler live im hübsch dekorierten Schaufenster der Bar, etwa die britische Indierockband Life. Siri unterhält sich mit Sänger Mez über die Wut in seinen Lyrics. Und über seine soziale Arbeit mit Jugendlichen.

Die Atmosphäre im Raum ist locker, lebendige Geräusche wie Applaus sind ausdrücklich erwünscht. Schließlich sollen die Hörer, die nicht physisch anwesend sind, sondern an den Empfangsgeräten, ein Gefühl für die Veranstaltung bekommen. Vor Ort wiederum genieße ich sehr, wie sich die Konzentration einer Live-Aufzeichnung auf mich als Besucherin überträgt. Ich bin ganz da und wach und kann mich voll auf Gespräche und Musik fokussieren.

Ich werde ganz gewiss weiter über das Thema Musikjournalismus nachdenken. Und nach diesem Tag auf dem Reeperbahn Festival bin ich mir umso sicherer, dass der Popjournalismus der Zukunft neben Know-how und Handwerk vor allem Charakter, Haltung und Offenheit benötigt. Er braucht neben Information eben auch Identität und Inspiration, zudem Austausch und Komplizenschaft. Ich bleibe optimistisch.

Hier lässt sich nachlesen, wie mein Tag 1 und Tag 2 auf dem Reeperbahn Festival verliefen.

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Reeperbahn Festival, Tag 2 – preisverdächtig

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Wieso besuchen Menschen eigentlich das Reeperbahn Festival? Der stets süffisante wie satirische Kollege Linus Volkmann singt in seinem neuesten Video für das WDR-Format „Cosmo“: „Wer will betrunkene Plattenbosse sehen? Der muss diese Woche nach Hamburg gehen.“ Ha ha, herrlich. Klar, Netzwerken beim Bier gehört gewiss zu diesem Poptrubel dazu. Aber zum Glück geht es ja letztlich doch um: Musik.

Der Täubling, Rap, Hiphop, Bunny, weird, Reeperbahn Festival, Prinzenbar, Hamburg, Clubs, Pop Und viel spannender (sowie hochgradig irritierender) als betrunkene Plattenbosse finde ich zum Beispiel einen rappenden Typen, der aussieht, als habe der Joker aus Batman einen Hasen gefrühstückt. Der Täubling aus Leipzig sorgt am zweiten Tag des Reeperbahn Festivals in der Prinzenbar rasch für Einlassstopp. Zu old-schooligen Beats feuert dieser horrormaskierte Typ wie ein degenerierter Hase Cäsar seine Frontalbeschimpfungen heraus. Flankierend schenkt ein barbrüstiger Lakai Champagner aus und ein androgynes Wesen im Regenmantel tanzt sich schlängelnd um den Hauptperformer herum.

Zwischen Der Täubling und Altın Gün: Kontrast ist Königin

Das Reeperbahn Festival lebt für mich davon, sich wechselbadend in unterschiedliche popmusikalische Zustände begeben zu können. Der Satz „and now to something completely different“ lässt sich hervorragend praktizieren. Das hält die Synapsen auf Trab. Zum Beispiel, wenn es nach Der Täubling direkt zu Altın Gün in den Kaiserkeller geht. Eine Art türkische Variante von Sly And The Family Stone. Satt groovende, psychedelische Funk- und Rock-Energie, die sofort meine innere Lavalampe anschaltet. Das Sextett aus Amsterdam ist toll aufeinander eingespielt. Betörender Gesang, grandios verschachtelte Rhythmik, fließende Melodien von Gitarre, Keyboard und Saz.

Und dies sind nur zwei Beispiele aus der zweiten Nacht des Reeperbahn Festivals, die zeigen: Kontrast ist Königin.

Reeperbahn Festival, Clubs, Italian, Showcase, Aquarama, Sommersalon Begonnen habe ich Tag zwei entspannt am frühen Nachmittag mit Pizza und Focaccia beim Italian Showcase im Sommersalon. Immer mehr Länder schicken, zum Teil über eigene Pop-Export-Büros, ihre vielversprechenden Musiker aufs Reeperbahn Festival. Die Sonne scheint wie ein natürlicher Scheinwerfer auf die Schaufensterbühne dieses kleinen Kiezladens. Und die Band Aquarama aus Florenz spielt einen schönen Surfpop, mit dem sich sehr hübsch in Kommendes driften lässt.

Natürlich ist das Reeperbahn Festival für mich tatsächlich auch eine gute Gelegenheit, Menschen und ihr Musikbusiness kennenzulernen. Ich kann zudem Leute treffen, mit denen ich bisher nur gemailt, aber noch nie von Angesicht zu Angesicht gesprochen habe. So habe ich zum Beispiel ein interessantes Gespräch mit Hele Maurer von Rola Music.

Die Firma mit Sitz in Portland, Wien und neuerdings auch Hamburg bietet Booking, Management und Promotion schwerpunktmäßig für Newcomer. Das finde ich großartig, denn ich liebe es, unbekannte Bands zu entdecken. Haley Heynderickx etwa, eine der Rola-Künstlerinnen, ist eine Amerikanerin mit philippinischen Wurzeln, die einen irisierenden, intensiven sowie warm verzerrten Folkrocksound produziert.

Helga Award, die wahnwitzigste Gala auf dem Reeperbahn Festival

Vom Onyx Hotel, wo viele Business-Meetings stattfinden, eile ich einmal quer über die Reeperbahn zum Imperial Theater. In der plüschigen Spielstätte wird der Helga Award verliehen – ein Preis, der die Festivalkultur des Landes auszeichnet. Und der als die wahnwitzigste Gala des Reeperbahn Festivals gilt.

Reeperbahn Festival, Hamburg, Pop, Clubs, Helga Award, Festivals, Hamburger Kneipenchor, Biggy Pop Initiiert hat diese anarchisch inspirierte Sause der „Festivalguide“ des leider eingestellten Musikmagazins „Intro“. Aber der Helga Award wird fortbestehen, verkündet der einstige „Festivalguide“-Chefredakteur Carsten Schumacher von der Bühne aus. Gemeinsam mit dem hoch charmanten Entertainer Bernd Begemann moderiert er den Abend. Und ich darf eine Laudatio halten darf, worüber ich mich sehr freue.

Im Namen der famosen Initiative Oll Inklusiv, die Menschen 60+ in die Clubs dieser Stadt bringt, überreiche ich den Preis für das „aufregendste Festival für alte Menschen“. Oder, wie ich es nenne: das ollste dollste Festival. Zur Begrüßung auf der Bühne gibt es aber erst einmal ein Bier als Pausenbrot, das mir eine Hand aus einer Klappe reicht. Das nenne ich mal gastfreundlich.

Oll Inklusiv gratuliert dem A Summer’s Tale Festival

Es gewinnt das A Summer’s Tale, das seit vier Jahren in der Lüneburger Heide ein nachhaltig angelegtes Mehrgenerationen-Kulturprogramm bietet. Stephan Thanscheidt vom Veranstalter FKP Scorpio nimmt die lustig schwingende Helga-Trophäe (und eine Flasche Jägermeister) entgegen. Glückwünsch und Prost!

Zu den weiteren Gekürten zählen unter anderem das Watt En Schlick sowie das Dockville Festival, laudatiert von Helen Schepers von der Fahrradgarderobe. Zudem schmettert der Hamburger Kneipenchor unter Leitung von Stefan Waldow inbrünstig einige Lieder. Und unter immer lauter werdenden Helga-Rufen steuert diese etwas andere Award-Show dem großen Finale mit Gruppenfoto entgegen. Eine absolut glückselig machende Veranstaltung, die vor der Türe in anbrechender Dunkelheit weiter gefeiert wird.

Harte Tür bei den VUT Indie Awards

Ich verquatsche mich so schön, dass ich im Anschluss in die Verleihung der VUT Indie Awards im Schmidts Tivoli – trotz braver Anmeldung vorab – nicht mehr hineinkomme. Zu spät dran. Vermutlich sitzen dort all die betrunkenen Plattenbosse, von denen Linus gesprochen hat. Aber harte Tür ist nun mal harte Tür.

Apropos hart. Nachts texte ich wieder mit einer Freundin, die ebenfalls auf dem Reeperbahn Festival unterwegs ist. Und die ich bisher nicht getroffen habe, weil unsere Timetables zu unterschiedlich sind. Ihr Highlight des Tages: Gzuz von 187 Straßenbande am Kiosk stehen sehen. Mmh, diesen Programmpunkt habe ich gar nicht in der Festival-App gefunden. War bestimmt ein Secret Act.

Wie mein erster Tag auf dem Reeperbahn Festival 2018 verlief, lässt sich hier nachlesen.

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Reeperbahn Festival, Tag 1 – positiver Schockzustand

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Es ist Reeperbahn Festival, wenn du mittags mit dem Betreiber des Bioladens um die Ecke bereits erste Konzerttipps austauschst. Und wenn du nachts zuhause noch mit einer Freundin textest, wie denn nun der Auftritt dieser einen Rapperin war, den du verpasst hast. Reeperbahn Festival ist ein State Of Mind. Ein popkulturelles Kraftfeld.

Ich brauche immer eine Weile, um in diesen anderen Aggregatzustand zu wechseln. Die geballte Ladung Mensch plus die hoch dosierte Zahl an Konzerten, die St. Pauli ab Mittwoch auflädt, erzeugt eine Energie, die erst einmal bei mir ankommen muss. 42.000 Besucher werden auf bis zu 500 Konzerten erwartet. Am ersten Festivaltag befinde ich mich daher gerne in einer Art positiven Schockzustand.

Vier Tage Reeperbahn Festival, das bedeutet für mich jedes Mal auch: loslassen lernen. Sich trotz all der Gesprächstermine, Meet & Greet-Veranstaltungen und eben Konzerte zunehmend treiben lassen. Sich der Reizüberflutung hingeben. Und da ich mich möglichst schnell wieder ins Geschehen werfen möchte, anbei flugs einige Schlaglichter des ersten Festivaltags.

Ankommen im Festival Village: Uwe, Folk und grüne Pillen

Ich checke im Festival Village ein, wo ich am Vorabend bereits die Vernissage der Klaus-Voormann-Ausstellung besucht habe. Das temporäre Dorf auf dem Heiligengeistfeld erlebt sein zweites Festival-Jahr und ist wesentlich schöner sowie gemütlicher gestaltet als bei seinem Debüt. Ich treffe Hamburgs womöglich größten Musikfan, nennen wir ihn Uwe. Er plant, am Nachmittag bei Ray Cokes’ Reeperbahn Revue als Gast an die Bühnenbar gebeten zu werden. Was ihm, wie ich später erfahre, auch gelingt. Beeindruckend hartnäckige Leidenschaft.

Auf der Brausehersteller-Bühne spielt der Kanadier Jon Bryant feinen Folk und fragt die Umstehenden, ob es in Hamburg gute Spas gebe. Unverständige Blicke. Wellness kommt definitiv nach dem Festival, nicht währenddessen. Ein Sponsor verteilt Ohrstöpsel, Seifenblasen und giftig grüne Pfefferminzbonbons, die sich nach Mitternacht bestimmt gut als Drogen verkaufen lassen. In einem Container lasse ich mich für die Organisation SOS Mediterranee fotografieren, die sich für die Rettung Schiffbrüchiger im Mittelmeer einsetzt. Eine irritierende Gleichzeitigkeit.

Opening Reeperbahn Festival: Ray, Geld und Aushängeschilder

Im Schmidts Tivoli findet, knackig moderiert von dem alles wegmoderierenden Ray Cokes, die offizielle Eröffnung statt. Bürgermeister Peter Tschentscher spricht ebenso wie Festivalchef Alexander Schulz und die französische Botschafterin Anne-Marie Descôtes. Denn Frankreich ist diesjähriges Partnerland des Reeperbahn Festivals. Sie alle plädieren für eine von Popkultur beförderte offene Gesellschaft. Und sie mahnen an, dass all die Musiker, die uns so eine tolle Zeit bescheren, anständig vergütet gehören. Das ist sehr gut.

Hellhörig gemacht hat mich die Aussage von Andreas Görgen vom Auswärtigen Amt, der das Reeperbahn Festival neben dem Filmfest Berlinale und der Frankfurter Buchmesse als eines der drei kulturellen Aushängeschilder in Deutschland bezeichnet. Wow.

Das Reeperbahn Festival erhält bis Ende 2019 zusätzlich zur bisherigen Unterstützung 2,55 Millionen Euro aus Bundesmitteln. And more to follow. Ich freue mich, dass Popkultur derart gepusht wird. Und gleichzeitig denke ich sofort darüber nach, wie es um die Finanzierung und Förderung all der kleinen und größeren Clubs in Hamburg durchs Jahr hindurch bestellt ist.

Drei Highlights: Alma, Endorphine und Lob den Backlinern

Joel Culpepper in Angie’s Nightclub: Der Sänger aus London bündelt den Geist von James Brown und Prince in seinem stetig groovenden movenden Körper, um sich selbst dann noch mit all den Rappern dieser Welt zu kreuzen. Ein Glücksfall von Festival-Fund, der bereits am frühen Abend zu zwingend tanzender, mitsingender, schwitzender Glückseligkeit führt. Erste Endorphine.

Alma im Docks: Die finnische Sängerin wird von ihrer DJ (geile Metalkutte!) angesagt wie mindestens Beyoncé. Auf die Bühne kommt dann ein pummeliger Emo-Teenager in Schwarz mit langem knallblondem Haar. Famoser Kontrast. Denn dann powert diese Soulstimme samt Beats und Geballer durch den Saal. Pop zwischen cool und happy. Und eine riesige Inspiration, sich einfach mit seinem individuellen Körper, seiner eigenen Art, mit seinem ganzen schönen merkwürdigen fantastischen Selbst in diese Welt zu werfen. Schockverliebt.

1000 Gram im Headcrash: Wir sind eine Viertelstunde vor Konzertbeginn in dieser famos ranzigen Location am Hamburger Berg. Und niemand ist da. Der Barmann füllt gerade den Kühlschrank auf. Ich habe Angst, dass das eine ganz traurige Veranstaltung wird. Doch fünf Minuten vor der Show füllt sich der Raum schlagartig.

Reeperbahn Festival, Clubs, Hamburg, St. Pauli, Pop, France, concerts, Biggy Pop, 1000 Gram, Band, Berlin, Headcrash Die ausgefuchsten Festival-Besucher haben sich verwöhnter Weise bereits daran gewöhnt, dass die fleißigen Stagehands, Backliner und Bühnentechniker mittlerweile ein pünktlich wie am Schnürchen laufendes Event wuppen. Applaus für alle, die nicht im Rampenlicht stehen! Und für die darin sowieso. In diesem Fall 1000 Gram aus Berlin, ein Quintett von schlonziger Liebenswürdigkeit. Hymnischer Slackerrock. Mehrstimmige Gitarren- und Gesangsmelodien. Kurzer 90er-Jahre-Flashback von der allerbesten Sorte.

Und heute ist dann wieder heute.

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Klaus Voormann: Vernissage zum Reeperbahn Festival

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Niemand kann so gut Haare zeichnen wie Klaus Voormann“, sagt Illustrator Stefan Kiefer. Und tatsächlich. Wenn ich an das Coverbild zum Beatles-Album „Revolver“ denke, das Voormann vor mehr als 50 Jahren gezeichnet hat, dann tauchen vor meinem geistigen Auge vor allem die vielen feinen Haare der Fab Four auf. Wild und wehend sind sie bei Paul, John und George. Glatt zum Pilzkopf gekämmt bei Ringo. Die Gesichter sind minimalistisch gehaltene Collagen aus Foto und Strich. Doch die Haare scheinen ihre ganz eigenen Geschichten zu erzählen. Aus ihnen ragen die Flausen und Fantasien und Figuren auf, die das übrige Cover zieren.

Exhibition, Klaus Voormann, Reeperbahn Festival, Hi-life, Illustration, Paintings, Collage, Beatles, Hamburg, Coverart Den Satz mit den Haaren sagt Kiefer im Laufe seiner Laudatio auf Klaus Voormann, dessen Bilder während des Reeperbahn Festivals in einem Zelt auf dem Heiligengeistfeld zu sehen sind. Die Vernissage am Vorabend der großen Clubsause ist ein schönes Warm-Up für vier volle tolle Tage und Nächte. Mir gefällt es, mich an diesem Abend ganz auf die Kunst konzentrieren zu können. Ohne dass direkt zig andere Konzerte und Programmpunkte an einer anderen Ecke auf dem Kiez nach Aufmerksamkeit rufen.

Heinz Rudolf Kunze, Twiggy, Turbonegro

Gleichzeitig ist natürlich die grandiose Musikfülle auf St. Pauli genau der Grund, warum die Ausstellung exakt an diesen Ort gehört. Wo die Beatles Klaus Voormann trafen. Und die Fotografin Astrid Kirchherr. Wo die Band erwachsen wurde. Der Titel „It started in Hamburg“ passt also sehr gut für diese Schau, die von der Hamburger Agentur Hi-Life und ihrem Gründer Uriz von Oertzen in Kooperation mit dem Reeperbahn Festival realisiert wurde.

Exhibition, Klaus Voormann, Reeperbahn Festival, Hi-life, Illustration, Paintings, Collage, Beatles, Hamburg, Coverart, Heinz Rudolf KunzeZu sehen sind frühe und spätere Coverartworks. Von der Reihe „Pioneers of Jazz“ über Heinz Rudolf Kunzes Album „Reine Nervensache“ bis hin zu dem ikonografischen Cover für Turbonegros Platte „Scandinavian Leather“. Klaus Voormanns Arbeiten speisen sich aus Einflüssen von Hamburg bis Los Angeles, von Twiggy bis eben zu den Beatles.

Klaus Voormann, eine klassische Mehrfachbegabung

Je länger ich Klaus Voormanns Werke betrachte, desto mehr entfalten sie in mir eine melancholische Kraft. Es sind Bilder, die von detaillierter Beobachtung leben. Die in sich ruhen und zugleich von einem freien, mitunter psychedelisch anmutenden Geist durchdrungen sind. Fast scheint es, als besäßen all die Illustrationen, Collagen und Gemälde einen eigenen Soundtrack, einen individuellen Klang. Ihnen ist anzusehen, dass Klaus Voormann eben auch Musiker ist. Eine klassische Mehrfachbegabung.

Exhibition, Klaus Voormann, Reeperbahn Festival, Hi-life, Illustration, Paintings, Collage, Beatles, Hamburg, Coverart Der Künstler selbst läuft freundlich lächelnd durch die Ausstellung. Ein Mann mit feinem weißem Haar und warmem Blick. Im Gespräch mit Laudator Stefan Kiefer erzählt er, welche Energie die Beatles ausgelöst haben in ihm. In einer Zeit, als es zuvor nur Catharina Valente und Vicco Torriani gegeben habe. Zudem stellt der 80-Jährige seinen Sohn und seine Tochter in den Vordergrund. Die beiden haben maßgeblich an der Ausstellung und an einem neuen Buch über das Werk ihres Vaters mitgewirkt.

Kultursenator Brosda: Offenheit der Popkultur verstärken

Rock ‘n’ Roll hält offenbar jung. Denn auch Astrid Kirchherr sitzt mit cooler Tarnjacke, feschem Kurzhaarschnitt und wachen Augen im Publikum. Ihre Fotografien der frühen Beatles in Hamburg hängen nach wie vor in meinem alten Jugendzimmer am Niederrhein. In meiner Jukebox erzähle ich, wie ich die Beatles als Teenager einst für mich entdeckte. Und auch bei vielen der anwesenden Gäste ist deutlich zu spüren, wie jede und jeder seine ganz eigene Verbindung zur Musik der Beatles und zur Kunst von Klaus Voormann hat.

Exhibition, Klaus Voormann, Reeperbahn Festival, Hi-life, Illustration, Paintings, Collage, Beatles, Hamburg, Coverart, Turbonegro Die freie, kritische, experimentelle und offene Haltung der Popkultur zu bewahren und zu verstärken, dafür plädiert Kultursenator Carsten Brosda in seinem Grußwort eindringlich. Gerade in unseren heutigen Tagen, in denen Kräfte von rechts wirken, müssten wir jenen Spirit verteidigen, der in den 60er-Jahren entstand. „Manchmal trägt eine Nacht tanzend im Club mehr zum kulturellen Verständnis bei als zehn Seminare an einer Universität“, sagt Brosda dann noch. Yeah!

Ich werde ab heute Nachmittag diesem wunderbaren Kulturauftrag nachgehen und mir als erste Amtshandlung mein Einlassband im Festival Village auf dem Heiligengeistfeld abholen.

Orientierung fürs Festival mit Biggy Pop, Diffus, Testspiel und dem NDR

Für alle, die noch Orientierung suchen: In meinem Blogpost „Biggy Pops tierische Top Ten“ habe ich ein etwas anderes Genre eröffnet und stelle zehn Acts von der Ziege bis zum Wal vor, die auf dem Reeperbahn Festival spielen.

Die geschätzten Kollegen der Online-Musik-Magazine Diffus sowie Testspiel empfehlen jeweils fünf Newcomer, die es sich auf dem Reeperbahn Festival anzuschauen lohnt. Ich liebe solche Auflistungen samt fundierter Beschreibungen. Und dass beide Redaktionen jeweils unterschiedliche fünf Favoriten nennen, spricht für das Reeperbahn Festival als Entdeckerveranstaltung.

Direkt auf dem Reeperbahn Festival sorgen unter anderem die werten Radiokollegen mit ihrer moderierten Show „NDR Blue Backstage“ immer von 18 bis 19 Uhr in der Alten Liebe Bar für weiteren Input und Inspiration sowie Live-Musik. Eine perfekte Kombination, um dann gut informiert in die Nacht zu starten.

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Die Music Business Summer School, ein Pop-Intensivkurs

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Das Reeperbahn Festival steht kurz bevor. Längst sind diese vier Tage und Nächte auf St. Pauli nicht nur von Konzerten geprägt, sondern sie bilden mit Konferenzteil und Showcases auch einen wichtigen Treffpunkt für die Popbranche. Ich freue mich schon sehr darauf, derart geballt jede Menge musikverrückte Menschen zu treffen. Das wird ein toller pop-verliebter Ausnahmezustand.

Im Vorfeld dieser schönen Reizüberflutung namens Reeperbahn Festival existiert in Hamburg seit sechs Jahren die Music Business Summer School. An sechs Tagen beschäftigen sich da Akteure aus dem Musikgeschäft in Seminaren intensiv mit den aktuellen Entwicklungen ihrer Branche. Die Dozentinnen und Dozenten kommen mitten aus der Praxis. Das heißt: Neben professionellen Erkenntnissen und Theorien, Arbeitsweisen und Strategien können sie auch viele Tricks und Kniffe weitergeben.

Music Business Summer School, IHM, Hamburg Media School, Pop, Business, Workshop, Learning Ich bin Fan von lebenslangem Lernen. Von daher finde ich die Idee großartig, mit solch einer jährlichen „Schulwoche“ im eigenen Metier am Ball zu bleiben und sich austauschen zu können. Ich freue mich daher sehr, einen Tag als Gasthörerin an der Music Business Summer School 2018 teilzunehmen.

Module in Publishing, Live-Entertainment sowie Label- und Vertriebsarbeit

Der Veranstalter, die Interessengemeinschaft Hamburger Musikwirtschaft, kooperiert mit der Hamburg Media School. Das hat den sehr schönen Vorteil, dass die Seminare in deren charmantem Backsteinbau an der Finkenau stattfinden. Klar, es lässt sich überall lernen. Aber auf so einem Campus mit der Hochschule für Angewandte Wissenschaften sowie der Miami Ad School in Sichtweite komme ich direkt viel mehr in kreative und konzentrierte Stimmung.

Music Business Summer School, IHM, Hamburg Media School, Pop, Business, Workshop, Learning, Poster, Design, CI Die Music Business Summer School startete 2013 mit dem Bereich Publishing, der sich mit Verlagsmanagement beschäftigt. Im vergangenen Jahr kam das (boomende) Segment Live Entertainment, also das Konzertgeschäft hinzu. Ganz neu ist der Zweig Recorded Music, der sich mit Label- und Vertriebsarbeit befasst. Und den ich als erstes besuche.

Marketing lernen von Major- und Indie-Labels

An diesem Vormittag steht beim Recorded-Music-Modul der Music Business Summer School das Thema Marketing auf dem Programm. Maria Kramer, die bei Sony Music / Columbia als Head Of Marketing für den Sektor Dance zuständig ist, steht mit ihrer Arbeit dafür, wie sich die Aufmerksamkeit weg vom Album hin zum einzelnen Song verschiebt. Zwar fokussiert sich die elektronische Tanzmusik schon lange auf einzelne Tracks, die auf dem Dancefloor gut ankommen. Aber das Streaming mit seinen Playlisten hat diesen Trend extrem intensiviert.


Zu Marias Track-Marketing im Genre Dance, aber auch in den Bereichen Rap, Urban und Pop gehört daher auch die genaue Analyse, wann ein Titel wie häufig wie lange gestreamt wurde, wie sich einzelne Videos auf Youtube entwickeln, wie häufig ein Song im Radio gespielt wird, wie oft Hörer den Track über Shazam abfragen und und und. Hinzu kommen Auswertungen der Social-Media-Kanäle des Musikers. Diese Daten dienen dazu, das Potenzial des Künstlers sowie dessen Fan-Struktur zu ermitteln. Vor allem aber kann die Marketing-Abteilung mit Hilfe dieses Monitorings fortwährend laufende und kommende Kampagnen optimieren.

Solche daten-getriebenen Kampagnen mögen dem intuitiv agierenden Popfan erst einmal unromantisch erscheinen. Aber letztlich geht es ja im besten Fall darum, dass der Musiker gehört wird und seinen Lebensunterhalt verdienen kann. „Der Künstler sollte immer im Mittelpunkt stehen.“ Diese Aussage stammt von Nina Stepanek, Deputy Director Marketing International bei Warner Music, die anhand von Superstar Ed Sheeran sehr anschaulich deutlich macht, wie vielfältig eine Marketing-Kampagne im Pop abläuft. Diesmal für ein Album, das je nach Genre zum Glück doch noch seine Hörer findet.

Die Kampagne zu Ed Sheerans Album „÷

Seit 23 Monaten läuft die Kampagne zu Ed Sheerans Album „÷“ nun, erläutert Nina. Angefangen mit einem Showcase in Hamburg im November 2016 über den Vorverkaufsstart zur Tour bis zu digitaler Anzeigenschaltung sowie Video- und Instagram-Aktionen. Dass eine Kampagne so lange so hochtourig läuft, sei ungewöhnlich, erzählt Nina. Bei einem wie Ed Sheeran, der vom Singer-Songwriter in Pubs einen erstaunlichen Aufstieg hingelegt hat, funktioniert aber offenbar einiges anders.

Sehr interessant finde ich zum Beispiel, dass vor dem Album zwei Singles gleichzeitig veröffentlicht wurden – „Shape Of You“ und „Castle On The Hill“. Spannend ist zudem die Überlegung, mit „÷“ im Marketing mehr in die Breite zu gehen und die etwas älteren Hörer abzuholen, nachdem Warner Music mit dem Vorgängeralbum „ד offensichtlich bereits eine junge Zielgruppe erreicht hatte. Die Plattenfirma kooperierte zu diesem Zweck verstärkt mit dem Medium Fernsehen, in diesem Fall unter anderem mit dem Sender Vox, wo Ed Sheeran in kleinen Clips vor und nach den Werbeblöcken erschien.

Überrascht hat mich, mit welchem Feingefühl das Marketing betrieben wird. „Bei der Ed-Sheeran-Kampagne ist ständig etwas passiert. Wir haben aber auch sehr genau die Social-Media-Kommentare beobachtet, um zu sehen, ob wir zu viel Input produzieren, also ob wir zurückfahren müssen, um Luft zu schaffen“, erklärt Nina.

Als kleineres Label mit Glaubwürdigkeit punkten

Sehr gut gefällt mir, dass im Wechsel mit Nina, die ja ein Major Label vertritt, eine Plattenfirmenchefin aus dem Indie-Bereich spricht. Marit Posch ist studierte Juristin und hat klassischen Gesang studiert, bevor sie anfing, im Electro-Bereich zu arbeiten. Das ist – nebenbei bemerkt – etwas, das ich an der Musikbranche sehr liebe: Es gibt keinen Parade-Einstieg ins Business. Und viele Menschen im Pop kommen mit spannenden Biografien um die Ecke, die ich so nicht erwartet hätte.

Marit ist Mitbetreiberin von Monkeytown Records, die unter anderem den Electro-Act Modeselektor veröffentlichen. Sie erläutert, dass sie drei Viertel der Aufgaben, die bei einem großen Label auf verschiedene Abteilungen verteilt werden, selbst erledigt. Etwa Media-Kooperationen und Streaming-Management. Zwar analysiere sie auch Daten, aber längst nicht so umfangreich wie ein Major. Dafür reichen die Kapazitäten einfach nicht aus.

Doch obwohl sie viel spitzer kalkulieren müsse, gebe es eben auch effektive Marketing-Mittel, die im Electro-Bereich eine gute Wirkung erzielen. Remixe anderer Künstler zum Beispiel. Zudem könne ein Indie-Label stärker mit Glaubwürdigkeit punkten und sich so selbst als Marke aufbauen. Das sei das große Ziel: Dass Fans die Platten wegen des Labels kaufen, das als eine Art musikalisches Gütesiegel fungiert.

Music Business Summer School, IHM, Hamburg Media School, Pop, Business, Workshop, Learning, Balcony Nach diesem kompakten und informationsreichen Seminarblock ist bei der Music Business Summer School eine knackige Mittagspause angesagt. Die Teilnehmer, die selbst im Booking, bei Veranstaltern oder Verlagen und bei Plattenfirmen arbeiten, treffen sich auf dem sonnendurchfluteten Balkon der Hamburg Media School zu Essen und Kaffee, zum Durchpusten und Reden. Eine anregende Atmosphäre.

Arndt Scheffler von white label eCommerce spricht über Ticketing

Am Nachmittag geht es für mich in der Music Business Summer School weiter mit dem Bereich Live Entertainment. Und mit einem Vortrag von Arndt Scheffler, der 2012 die Firma white label eCommerce mitbegründet hat. Das Hamburger Unternehmen ist spezialisiert auf verschiedene, individuell zugeschnittene Lösungen, um online Tickets zu verkaufen. Dementsprechend referiert Arndt über das Ticketing und dessen Entwicklungen.

Music Business Summer School, IHM, Hamburg Media School, Pop, Business, Workshop, Learning, Poster, Design, CI Natürlich sei eine technisch einwandfrei laufende Benutzeroberfläche entscheidend für Ticketverkäufe. Keiner sitzt schließlich gerne vor einer Server-Fehlermeldung. Aber was für ihn entscheidend ist: der Content. Der Erfolg liegt für Arndt ganz klar darin, dass verschiedenen Partner vom Künstler über das Management bis hin zum Veranstalter noch enger zusammenarbeiten, um zielgruppenspezifische Angebote zu machen.

Als innovatives Beispiel nennt er die Beautymesse Glow, die kontinuierlich mit ihrer Fanbase kommuniziere. Und die nicht nur Tickets für die jungen Besucherinnen der Messe anbietet, sondern auch Karten für eine Entspannungslounge, in der die Eltern verweilen können.

Ein Fazit der Music Business Summer School: keine Angst vor Veränderung

Die Zukunft liegt für Arndt zudem ganz klar im Digitalen, vor allem in Ticket-Apps auf dem Smartphone und – weiter noch – im Bereich künstliche Intelligenz. Und wie die Marketing-Frauen zuvor ist er ein regelrechter Analyse- und Auswertungsfreak. Für ihn sind diese Tools ein Mittel, um aus Fehlern zu lernen, um reagieren zu können, um sich zu verbessern und um wach zu bleiben.

Sein Credo ist es, nicht an bewährten Strategien festzuhalten und keine Angst vor Veränderung zu haben. Das finde ich überaus inspirierend. Natürlich wird auch sehr viel Unsinn mit neuer Technologie angestellt. Aber dieser positive Ansatz gefällt mir sehr gut, da er über rein daten-getriebenes Verhalten dann doch wieder beim Menschen landet. Und im besten Fall bei der Musik.

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Nørden Festival: Ausflug in das Bullerbü des Pop

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Gerade als ich dachte, der Gründungsboom bei Festivals würde ein wenig ausklingen, poppte das Nørden Festival in Schleswig an der Schlei auf der Open-Air-Landkarte auf. Das schlicht und schön gestaltete Programmheft versprach ein ambitioniertes Programm aus Musik von Indierock über Soul bis Deutschpop, zudem Artistik und Freiluftaktivitäten wie Bogenschießen, Stand-Up-Paddeling und Sauna. Und das direkt an drei Wochenenden von Ende August bis Mitte September, jeweils von Donnerstag bis Sonntag. Kein ganz kleines Projekt also.

Nørden Festival, Schleswig, Open Air, Festival, Pop, Rock, Design, Hygge Ich bewundere derart kreativen wie unternehmerischen Mut. Und ich liebe es, mir neue Festival-Gelände anzuschauen. Mich interessiert, welche Ideen zutage treten und wie die Macher es schaffen, eine bestimmte Atmosphäre zu erzeugen. Also fahre ich am Freitag mit einer Freundin von Hamburg hoch nach Schleswig-Holstein, um das rden Festival zu erkunden.

Unser erster Eindruck: Wir fühlen uns sofort sehr wohl. Das liegt vor allem an den vielen dunkelrot angestrichenen Holzhütten, die wie hingewürfelt auf der grünen Wiese stehen. Die Häuschen beheimaten Bars und kulinarisches Angebot, den Merchandise-Stand sowie kleine Design- und Mode-Shops. Und auch die Licht- und Tonpulte der Hauptbühne sind in einem der Hütten untergebracht. Wimpel- und Lichterketten, die kreuz und quer über dem Gelände hängen, unterstreichen den malerischen Effekt zusätzlich.

Das Nørden Festival macht spürbar, wie nah wir an Skandinavien leben

Heutzutage wird diese Art von nordischer Heimeligkeit gerne auch bei uns mit dem dänischen Wort Hygge bezeichnet. Für mich ist das allerdings schlichtweg der Bullerbü-Effekt. Ich denke sofort an die Geschichten von Astrid Lindgren, in denen die Kinder sehr selbstbestimmt in der Natur auf Entdeckungsreise gehen. Und dass das rden Festival direkt am Stadtstrand von Schleswig an der Schlei gelegen ist, potenziert den Eindruck von verwunschener Idylle noch einmal.

Das rden Festival macht für mich sehr gut spürbar, wie nah wir in Norddeutschland an Skandinavien leben. Und dass zudem eine starke Verbindung zu den baltischen Ländern existiert. Das schlägt sich an diesem Freitag sehr schön im künstlerischen Programm nieder.

Nørden Festival, Schleswig, Open Air, Festival, Pop, Rock, Design, Hygge, Gløde, Band, musician, Schlei, waterDen Auftakt macht der Musiker Gløde, ein grundsympathischer Typ, der eigentlich mit Band auftritt, an diesem frühen Abend aber solo unterwegs ist. Seine warmherzigen Singer-Songwriter-Lieder singt er – wahlweise zu akustischer Gitarre oder Piano – auf Deutsch oder Dänisch. Ein perfekter Soundtrack, um den Blick von der Bühne über das schilfbewachsene Ufer der Schlei wandern zu lassen und den wilden Formationsflügen der Stare zuzuschauen. Ein ruhiges Gefühl von Freiheit.

„Jetzt ist die Zeit, den Sommer gehen zu lassen, und sich zu freuen, dass er nächstes Jahr wiederkommt“, sagt Gløde ganz freundlich und zuversichtlich.

Carnival Youth singen zum Teil auf Lettisch

Der Herbst zieht äußerst frisch über die Schlei heran. Zehen und Nase werden kalt. Wir trinken daher den ersten Glühwein des Jahres und lauschen, bei einer Hütte direkt am Wasser, dem herzerweiternden mehrstimmigen Gesang von The Notes. Das Trio aus Estland singt Teile seines Repertoires in seiner Landessprache. Mit gefällt das sehr, diesen unvertrauten Klängen zuzuhören. Eine schöne Reise im Kopf lässt sich so beginnen.

Nørden Festival, Schleswig, Open Air, Festival, Pop, Rock, Design, Hygge, Carnival Youth, Band Und fortgeführt wird dieser Ausflug in sprachliche Gefilde mit dem Konzert von Carnival Youth aus Riga, die ebenfalls nicht nur auf Englisch, sondern auch auf Lettisch singen. Eine tolle Kombination ist das zusammen mit dem rhythmusverliebten Indiepop des Quartetts. Harmonien, Tempiwechsel und viele feine musikalische Details ergeben einen hymnischen und mitreißenden Sound. Schon lange habe ich keine Band mehr erlebt, die derartig dauerhaft strahlt bei einem Auftritt. Das macht unglaublich Spaß. Und lädt dazu ein, sich in der mittlerweile hereingebrochenen Dunkelheit warm zu tanzen, um später dann angefüllt und glücklich durch die Nacht zurück nach Hamburg zu fahren.

Das Konzept des Nørden Festivals muss erst noch ankommen

Wieder zuhause, wo die Häuser höher und weniger hölzern sind, lese ich beim Schleswig-Holsteiner Zeitungsverlag ein Interview mit Manfred Pakusius, dem aus Hamburg stammenden Veranstalter des Nørden Festivals. Darin erfahre ich, dass es bei dieser Premiere rund 2000 Dauergäste gab, aber die Resonanz in der Region noch verhalten ausgefallen sei. Einer der Hauptgründe: Das komplexe Konzept müsse erst nach und nach bei den Leuten ankommen.

Nørden Festival, Schleswig, Open Air, Festival, Pop, Rock, Design, Hygge, letters, typographyIch muss gestehen, dass ich mich bei meinem Besuch sehr stark auf die Musik fokussiert habe und die übrigen Angebote wie etwa die Feuer-Akrobatik weniger beachtet habe. Ich mag jedoch den Gedanken, dass jeder Gast seine Vorlieben herauspicken kann. So entsteht eine entspannte Mischung aus Stadtfest und Popfestival, das nicht zu uncool ist für die Jugend und nicht zu wüst für die Älteren. Oder umgekehrt.

Das rden Festival, das mit städtischen, regionalen und europäischen Mitteln gefördert wird, hat mit der Stadt Schleswig einen Fünf-Jahres-Vertrag abgeschlossen. Ich bin gespannt, wie sich dieses anspruchsvolle Projekt entwickelt. Und ich plane fest, im kommenden Jahr wieder hinzufahren – ins Bullerbü-Open-Air-Land im Norden.

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