Überraschung! Neue Songs von Rick McPhails Mint Mind

Mint Mind, Band, Rick McPhail, my new skateboard, EP, record, songs, cat In Musikbranche und Medien gibt es gerne große „Ohhs“ und „Ahhs“, wenn Künstler ohne viel Vorankündigung ein neues Album oder neue Songs „droppen“. Meist steht der Grad des Aufsehens natürlich in Proportion zur Popularität des jeweiligen Pop-Acts. U2, Kanye West, Björk, Radiohead und Beyoncé haben alle bereits für Überraschungsoutput gesorgt. Ob das nun ein Marketingkniff war oder die Artisten lediglich Bock auf das Momentum des Spontanen hatten, darf diskutiert werden.

Ich jedenfalls freue mich dieser Tage sehr über eine unerwartete Mail in meinem Postfach. „New release from mint mind“ informiert mich die Betreffzeile. Und aus dem Brief schaut mich auch schon das Logo der Band an. Eine Katze mit Augenklappe, die vor zwei gekreuzten Gurken ihr struppiges Fell erstreckt. Ähnlich dem St. Pauli-Logo, bloß ohne Knochen.

Halfpipe outta space

Ich mag den super selbstgebastelten Charme der Figur, die bestens zu dem schlurfigen Charme ihres menschlichen Pendants passt: Mint Mind ist das Projekt von Tocotronic-Gitarrist Rick McPhail, der mit „near mint“ vor vier Jahren bereits ein sehr feines Album veröffentlicht hat. Die neue EP heißt „my new skateboard“. Und die vier Songs lassen sich ganz easy gegen Spende bei Bandcamp herunterladen.

Spätestens an dieser Stelle merkt Ihr natürlich, dass es sich bei dem aktuellen Mint-Mind-Release nicht um ein globales, viral gehendes Surprise-Megaevent handelt. Aber das Ausmaß der eigenen Freude hängt ja zum Glück nicht von der kollektiv gehypten Größe des Künstlers ab.

Der Titelsong der neuen EP ist eine satt drückende Rocknummer. Gitarre und Gesang scheinen durch so viele Verzerrer, Effektgeräte und Hallmaschinen zu laufen, als skate der Hörer durch eine Halfpipe outta space. Rund und rund. Ich mag sehr, wie der Sound bratzt und driftet und immer weiter nach vorne drängt. Ein wilder cooler Ritt, der aber dennoch nicht mackerhaft breitbeinig daherkommt, sondern sehr sympathisch lässig dahin brettert.

Jeder rollt in seiner und ihrer eigenen Art durchs Leben

Im Original stammt die Nummer von der einstigen britischen Rockband Love And Rockets. Statt eines Skateboards wird da ein Motorrad besungen respektive kultisch verehrt. Im Vergleich zu der zweirädrigen Variante ist die Version von Mint Mind ein wenig dreckiger, bleibt aber zugleich eine schöne Hommage. Ich mag diese Umwidmung auf das eigene bevorzugte Fortbewegungsmittel. Jeder rollt schließlich in seiner und ihrer eigenen Art durchs Leben.

Und wo wir gerade musikalisch schon einmal in den Weltraum aufgestiegen sind: Der zweite neue Song von Mint Mind – das Cover eines Sesamstraßen-Songs – klärt uns darüber auf, dass das lyrische Ich nicht auf dem Mond leben möchten. „I don’t want to live on the moon“ ist eine Low-Fi-Hymne mit Slacker- und College-Rock-Flair sowie selig machendem Aus- und Aufbruchschorus.

Entstehungsprozesse bei Mint Mind

Die weiteren zwei Stücke auf der EP sind Demo-Versionen älterer Songs: „in series or parallel“ sowie „mind over matter“. Ich mag solche Einblicke in Entstehungsprozesse sehr gerne. Wenn die Musik noch im Prozess steckt, noch etwas entblößter ist. Aber gerade dadurch ihren ganz eigenen Wert und Reiz besitzt.

Also, in Hamburg oder anderswo: Achtet auf die Katze mit der Augenklappe. Sie ist fuzzy und freundlich.

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Neu entdeckt: Herr D.K. und Botschaft im Knust

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Wie kommen eigentlich neue Bands in mein Leben? Auf vielen Wegen, klar. Aber meistens tauchen sie schlichtweg auf in der eigenen (zugegebener Maßen auf Pop fokussierten) Wahrnehmung. Ein Freund postet ein Video auf Facebook. Eine Freundin erzählt von einer Vorband, die sie gesehen hat. Ich lese erste kleine Sympathiebekundungen auf Blogs und in den sozialen Netzwerken. Da beginnt etwas zu kursieren.

Im „New Yorker“ gibt es die schöne Rubrik „The Talk Of The Town“ mit Notizen, Neuig- und Merkwürdigkeiten. Und dieses Stadt- oder Szenegespräch findet durchaus auch in Hamburg statt. Wenn etwas brodelt. Oder sachte wächst. Und ich liebe es, dieses Gefühl von Anfang, Aufregung und auch Risiko mitzuerleben, das dieser Phase innewohnt. Aus diesem Grund schaue ich mir wahnsinnig gerne Bands an, die ich neu für mich entdeckt habe. Die noch unbekannter sind. Die gerade erst aufbrechen in dieses weite Feld namens Öffentlichkeit. In mir regt sich dann eine Mischung aus Entdeckergeist und Mitfiebern. Hinzu kommt die Magie des Noch-Nicht-So-Routinierten.

Herr D.K. – trunkene Qualität

Ich freue mich daher sehr auf diesen Donnerstagabend im Knust, in dessen Café gleich zwei Hamburger Bands spielen, die ich bereits eine Weile auf dem Zettel habe: Herr D.K. und Botschaft.

Auf Herr D.K. stieß ich Anfang des Jahres über ihr Video zu dem Song „Weißt du wieso“ – ein schöner Schwarz-Weiß-Clip, der auf einem Live-Auftritt im Molotow basiert. Allein wegen der Location war mein Interesse natürlich schon einmal geweckt. Aber nicht nur deshalb.

Da war dieser Sound zwischen Erschöpfung und Zuversicht. Wie ich als Hörerin mit der dunklen Stimme des Sängers hinein schlurfen kann in den Song, um dann mit den Gitarren schneller mitzulaufen. Dazu die nachdenkliche, rätselhafte Lyrik. „Wenn du dich aus dir selbst vertreibst“ heißt es da. Und „Bier wird langsam zu Champagner.“ Die dekadente Variante von „Wasser zu Wein“. Das gefällt mir.

Herr D.K., Band, Pop in Hamburg, Konzert, Knust, ClubDie Nummer „Weißt du wieso“ spielt Herr D.K. an diesem Abend im Knust als erstes. Ein sehr guter Start. Ich hatte die Band bereits im Sommer bei den „Knust Acoustics“ in der reduzierten Variante erlebt. Jetzt komplett zu fünft und verstärkt auf der Bühne hat ihr Sound einen fein justierten Wumms. Der tiefe Gesang besitzt eine trunkene Qualität. Lavieren durchs Leben. Mit der Innenschau nach Außen gehen. Was ist das? Indie-Chanson, Kaschemmen-Folk, Schlendrian-Rock? Ich gehe da jedenfalls gerne mit.

Botschaft – keine Parolen, keine blöden

Der Auftritt von Herr D.K. mit seinem dunklen Charisma ergänzt sich sehr gut mit der ersten Band des Abends, Botschaft. Ich fühle mich ein wenig so, als würde ich musikalisch vom Spätsommer in den Herbst geleitet. Botschaft mit ihren hellen Gitarrenläufen, mit dem hohen Gesang, mit ihrer ganzen Popverliebheit driften hinüber auf die sonnenbeschienene Seite der Melancholie.

In der Tradition von Popbands mit Anspruch wie Die Sterne loten sie aus, wie sich das Ich im Kollektiv bewegt, wie es sich positioniert und manipuliert, wie es scheitert und strebt. Da äußert sich ein Unbehagen. Aber keine Parolen, keine blöden. Sondern klug gedacht und komplex gemacht.

Wie einst bei der so genannten Hamburger Schule bin ich angetan davon, wie sich unsexy deutsche Worte mit einem Groove kombinieren lassen. Als solle das Herz heavy pulsieren, aber das Hirn dann bitte doch noch mitdenken. „Herrschaftsfrei“ ist solch ein schön sperriges Wort. „Man kann vom Bedürfnis abstrahieren“ ist solch ein Satz. Zu finden ist er in dem Song „Niederlage“, über dessen Video ich vor einiger Zeit erstmals auf die Band aufmerksam wurde.

Bundesjugendspiele, Schützenfest, Subkulturerweckung

Wirklich berührt hat mich jedoch der neue Clip zu der Nummer „Sozialisiert in der BRD“, ein Zusammenschnitt aus Homevideos von Sänger und Gitarrist Malte Thran aus den 80er- und 90er-Jahren sowie TV-Schnipseln von MTV bis Zapfenstreich, von Kohl bis Lilo Wanders. Bundesjugendspiele, Schützenfest, Subkulturerweckung. Gemeinsam mit der Musik ist das keine Ha-Ha-Retro-Show im Best-Of-Format, sondern eher eine funky flirrende Reflexion, wohin das eigene Aufwachsen führt. „In die Karrieren sortiert“ ist eine Formulierung, die hängen bleibt.

Mir versetzt das beim Anschauen einen nostalgischen Stich. Szenen steigen auf, an die ich lange nicht gedacht habe. Weihnachtsfeste mit Musikvortrag. Die Identität zusammen puzzeln im Medienkonsum. Die Wurschtigkeit der Pubertät. Das Behütete als Privileg und das Überdenken desselben. Und ich muss an eine Freundin denken, die im Osten aufgewachsen ist. Wie selbstverständlich lebe ich eigentlich mit meinem westlichen Blick? Ich bin froh, wenn Kunst derart anregend ist.

Komplizenschaften im Popleben

Das Tolle an diesem Abend ist zudem, wie sich das Hamburger Popleben stets weiter fortschreibt. Und das auch mittels Komplizenschaften. In beiden Bands spielen diverse Musiker, die auch in andere Projekte involviert sind oder waren. Bei Herr D.K. etwa Timo Meinen von der ehemaligen Punkrockband Findus am Schlagzeug, bei Botschaft am Bass Peter Tiedeken, einst bei Station 17 und The Robocop Kraus.

Herr D.K. hat soeben seine EP „Zwischen uns“ veröffentlicht, Botschaft bringt Anfang 2019 ihr Debütalbum heraus. Ich bin und bleibe gespannt.

Das Konzert ist für die Reihe „RockCity On Air“ mitgeschnitten worden und geht am 7. November bei NDR Info auf Sendung.

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Der Sinnstifter: Nils Wülker präsentiert Live-Album “Decade”

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Muss jedes Tun immer und ständig eine Funktion haben, einem Zweck dienen, ein Resultat erzielen? „Conquering The Useless“ heißt der Song, mit dem Trompeter Nils Wülker sein Live-Album „Decade“ eröffnet. Der Titel gefällt mir überaus gut. Das Unnütze will erobert werden in unserer durchgetakteten, optimierten Welt.

Nils Wülker liefert einen musikalischen Leitfaden für mehr Leichtigkeit

Bei Wülker klingt das erst tastend, dann immer selbstbewusster tänzelnd. Wie ein musikalischer Leitfaden für mehr Leichtigkeit. Und neben Piano und Percussion tritt sein Trompetenspiel zudem in Dialog mit einer E-Gitarre, die diesem ergebnisoffenen Treiben eine weitere dynamische Ebene hinzufügt.

Decade“, übrigens Wülkers zehntes Album, erscheint am 28. September bei Warner Music. Der Musiker ist jüngst von Hamburg nach München gezogen, um den Bergen näher zu sein, in denen er mit Vorliebe wandert. Diese Woche kehrte er jedoch in seine alte Wahlheimt zurück, um seine Platte einer kleinen Gästeschar im schicken Apartmenthaus Das Freytag im Hamburger Stadtteil Uhlenhorst vorzustellen. Nicht etwa live, sondern im Gespräch mit Moderator Hannes Erdmann als Aufzeichnung für den Radiosender 917xFM.

Die Anwesenden lauschen gemeinsam schweigend der Musik

Der schöne Effekt: Neben der Unterhaltung zwischen Künstler und Redakteur lauschen die Anwesenden einfach gemeinsam schweigend der Musik. Da keine Bühnenshow zu betrachten ist, hat dieser Prozess etwas sehr Kontemplatives, Konzentriertes. Und ich muss daran denken, wie ich mich früher viel häufiger mit Freunden zum Musikhören getroffen habe, bevor Songs im Stream ständig und überall verfügbar waren. Wie heilig es war, mit einer neuen Platte jemand anderen zu besuchen und die Aufnahmen zusammen wahrzunehmen, zu analysieren, sich gemeinsam in eine bestimmte Stimmung versetzen zu lassen.

Musik ist nicht Nutzen bringend, aber Sinn stiftend“, sagt Nils Wülker über seinen Song „Conquering The Useless“. Diese Unterscheidung finde ich grandios. Verdeutlicht sie doch, dass Kunst selbstverständlich einen hohen Wert besitzt, aber eben keinen eins zu eins messbaren. In der Werbung erzählen sie uns, dass Waschmittel xy super sauber wäscht. Aber niemand würde sagen, dass Album xy die Seele zu 100 Prozent reinigt – oder bei Metal und Blues womöglich schwärzt. Dafür ist Kulturgenuss zu individuell, zu eigensinnig. Zum Glück.

Wie steht es um das Verhältnis von Komposition und Improvisation?

Nils Wülker, der übrigens ein äußerst entspannt wie freundlich dreinschauender Mensch ist, erzählt dann noch von dem organischen Wechsel zwischen Komposition und Improvisation auf „Decade“. Das eine bedingt das andere. Und während wir einem weiteren Song lauschen, muss ich darüber nachdenken, wie es in meinem eigenen Leben um das Verhältnis von Komposition und Improvisation bestellt ist. Wie viel ist Planung? Wie viel Spontanes lasse ich zu? Wie geerdet bin ich? Und wie frei?

Nils Wülkers Songs sind für mich auch Lektionen darin, unterschiedliche Situationen und Gefühle nicht nur anzunehmen, sondern dem Lauf der Dinge mit einer eigenen Stimme zu begegnen. Jede Emotion, jedes Erlebnis hat ein eigenes Tempo, eine eigene Melodie, einen eigenen Spannungsbogen.

“Decade” ist Jazz, Pop, Funk, Hip Hop

Nils Wülker atmet mit seinem Instrument. Ruhigere Phasen klingen satt und innig – wie in der Nummer „Season“, bei dem der Gesang von Rob Summerfield diesen seelenvollen Eindruck noch verstärkt. Bei anderen Stücken beschleunigen Atmung und Puls. Das Trompetenspiel wird suchender, schneller, euphorischer. Ton um Ton anders. Gehaucht, gedehnt, gestoßen.

Insgesamt, finde ich, birgt Wülkers Musik eine sehr große Wärme. Sie bleibt auf der smoothen Seite des Lebens. Sie ist dem Menschen zugewandt.

Wer Schubladen aufziehen möchte, muss gleich mehrere nehmen: Jazz, Pop, Funk, Hip Hop. Vielleicht bleiben aber auch einfach alle geschlossen. Und wir hören schlichtweg zu.

Nils Wülker live: 25. Oktober 2018, Mojo Club

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Festival “Müssen alle mit”: Arme und Energie, Nerven und Notwist

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Bei mir ist gerade große Ausprobierphase angesagt. Am Samstag habe ich beim Festival „Müssen alle mit“ in Stade, kurz MAMF, am Einlass bei der Bändchenausgabe gearbeitet. Ich finde es hochgradig spannend, welches logistische Drumherum nötig ist, um einen Tag lang ein solches Pop-Open-Air über die Bühne zu bringen. Eine feine Meisterleistung an Koordination und Teamwork, Professionalität und Improvisation, Geduld und Leidenschaft.

"Müssen alle mit", MAMF, Festival, Stade, Pop in Hamburg, Pop, Musik, Open Air, Die Nerven, Band Unterschiedliche Gewerke kommen zusammen – etwa die Thekencrew vom Knust aus dem Karoviertel, das Künstlercatering von der Wilhelmsburger Kaffeeklappe sowie der Backline-Service vom Instrumentenhandel Rückkopplung auf St. Pauli. Für mich gehört das alles zur Popkultur dazu. Von der Security, die die Taschen kontrolliert, über den stets am Walkie-Talkie hängenden Veranstalter bis hin zum Musiker, der letztendlich im Rampenlicht steht. Und wir am Einlass dürfen die rund 2000 Besucher des “Müssen alle mit” willkommen heißen. Eine Aufgabe, die Spaß macht. Und die in variierenden Wiederholungsschlaufen abläuft.

“Müssen alle mit”: Check-in in der Halfpipe

Immer und immer wieder: Anschauen und anlächeln, „bitte zu mir“ und „herzlich willkommen“, Ticket checken und einreißen, Bändchen nehmen und um den Arm legen, zur Zange greifen und die Metallöse am Bändchen zudrücken, Programmheft anreichen und viel Spaß wünschen. Minütlich grüßt das Murmeltier. Kontakt um Kontakt um Kontakt. Die Gäste ziehen weiter aufs Gelände. Songs von Zimt, Swutscher, Goldroger und Rocko Schamoni wehen zu unserem Stand herüber, der in eine Halfpipe des örtlichen Skaterparks hineingebaut wurde. Keep on rolling.

Mit jeder S-Bahn aus Hamburg erhöht sich der Rhythmus. Neue Gesichter. Neues Lächeln. Neue Arme. Arme mit Festivalbändchensammlung. Arme mit Schmuck. Ab und an sogar Arme mit Uhren. Weiße und schwarze, braune und rote. Dünne und dicke, junge und alte. Glatte und raue, bunte und beschriftete. Diese Arme gehören entspannten Menschen. Leute, die auf der Wiese sitzen und Musik hören möchten. Die vor der Bühne stehen und ausrasten wollen. All diese unterschiedlichen Arme führen an diesem Tag nichts Böses im Schilde. Es sind keine Arschlocharme. Es sind Arme, die zusammenkommen. Die sich nur ab und an in den Himmel strecken, wenn ein Song von der Bühne gerade besonders berührend ist. Das ist gut.

Angenehm verstört bis amüsiert bei Die Nerven

Um kurz nach 17 Uhr habe ich Feierabend, was mir zum Glück Zeit lässt, einige Bands des “Müssen alle mit” anzuschauen. Am meisten freue ich mich auf Die Nerven aus Stuttgart, die ich noch nie live gesehen habe, und auf The Notwist aus Weilheim, bei denen es lange her ist.

"Müssen alle mit", MAMF, Festival, Stade, Pop in Hamburg, Pop, Musik, Open Air Bei den Nerven fällt mir als erstes auf, dass die drei Musiker auf der breiten Bühne sehr nah beieinander stehen. Das gefällt mir, hat es doch etwas sehr Vertrautes, Verbundenes. Kompakte Energie. Dringlicher Krach. Weltschmerzende Wut. Nervöse Takte. Akzentuiertes Atmen. Irritierender Hall. Ich bin sofort drin und aufgesogen und angenehm verstört bis amüsiert von diesem Rock und Punk und Nichts und Allem.

Drummer Kevin Kuhn ist wunderbar drüber mit seinem MAD-Shirt an irrem Blick. Bassist Julian Knoth schaut freundlich in die Menge. Und Sänger Max Rieger ist ganz selbstverständlich da mit seinen rätselhaften Texten. „Finde niemals zu dir selbst.“ Diesen Satz wiederholt er in Schlaufe. Und wie er diese Worte singt, klingen sie desillusioniert und hoffnungsvoll zugleich. Das ist sehr schön. Das rotiert in mir.

"Müssen alle mit", MAMF, Festival, Stade, Pop in Hamburg, Pop, Musik, Open Air, The Notwist, Band Bei The Notwist legt sich langsam das Dunkel über den Park in Stade, so dass weiße und bunte Lichtkegel die Band und ihren Sound atmosphärisch einkleiden können. Sechs Musiker wirken an Gitarre, Bass und Schlagzeug, an Vibrafon und Percussion, an Synthesizern und elektronischen Effektgeräten. Sechs Arme eines Organismus, der alle Körper vor der Bühne nach und nach absorbiert mit seinem Klang. Halb Mensch, halb Maschine. Ein Geschöpf, dass die Störgeräusche unserer Zeit in Musik fließen lässt. Es knistert und brutzelt, drängt und driftet, wächst an zur Überwältigung, zieht sich zurück, packt einen von hinten. Einfallsreich und freidrehend, merkwürdig und einnehmend.

The Notwist: Etwas öffnet sich sperrangelweit

The Notwist verstehen es seit jeher, so etwas wie einen Rave für Melancholiker zu entfesseln. Und wenn dann bei einem Song wie „Pick Up The Phone“ der sanfte Gesang von Markus Acher einsetzt, dann öffnet sich etwas sperrangelweit. Etwas in mir fällt ab und wird leichter. Und ich bin erneut dankbar, dass Musik so etwas kann. Und noch viel mehr.

"Müssen alle mit", Festival, Stade, Pop in Hamburg, Pop, Musik, Open Air, Kettcar, Band Zwischen Die Nerven und The Notwist spielt Kettcar als Ersatz für die erkrankt ausfallenden Turbostaat. Eine Hamburger Bank. Zigfach erlebt. Rock und Rückgrat. „Das Humanitäre ist nicht verhandelbar“, sagt Sänger und Gitarrist Markus Wiebusch zum Kettcar-Song „Sommer ’89“, der von Fluchthilfe erzählt. Von Courage. Starker Applaus. “Müssen alle mit”.

Den Hauptact Zweiraumwohnung schwänze ich und fahre müde mit der S-Bahn nachhause. Es ist gleich 23 Uhr. MAMF-Rückreisende mischen sich mit jenen, die es vom Stadtrand aus zum Feiern auf den Kiez zieht. Träge Arme treffen auf Alarm und Adrenalin. Und die Stadt schreibt sich stetig fort.

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Laut sein, klug sein: Releasekonzert von Leto im Hafenklang

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In diesen Tagen ist es wichtig laut zu sein. Lauter. Aber auch klüger. Empathischer. Musik kann ein Beitrag dazu sein. Sie kann anregen und auffordern. Wie zum Beispiel der Song „Karma“, den die Hamburger Postpunkband Leto bei ihrem Albumreleasekonzert im Hamburger Hafenklang spielt. Die Nummer basiert auf einem Erlebnis in einem Regionalzug, in dem die Musiker Zeuge von rassistischen Kommentaren wurden.

Verwirrung und Anspannung, Ohnmacht und Wut hat das Quartett in ein Stück von presslufthammerartiger Intensität verpackt. Dazu die Zeilen: „Die Welt geht vor die Hunde / Ich würd ja helfen, nur nicht heute / Ich kann es nicht mehr schlucken / Mich nicht mehr weiter ducken / Jedes Wort ein Schlag / Life hits me hard, life hits me hard“.

Klar, es ist „nur ein Lied“. Aber ich bin an diesem Abend froh um dieses Ventil. Ich bin dankbar für den Goldenen Salon, diesen bunten Ort, der seine Besucher im wahrsten Sinne des Wortes zusammenschweißt. Stufe für Stufe, die ich zum Club hinauf steige, erhöht sich die Wärme, die Dichte an Aufklebern an den Wänden, die Intensität des Sounds.

Zweieinhalb Jahre hat Leto am Debüt „Vor die Hunde“ gearbeitet

Die Stimmung unter der Discokugel ist familiär. Zweieinhalb Jahre hat Leto an dem Debütalbum „Vor die Hunde“ gearbeitet. Sänger und Gitarrist Jannes spricht und winkt so honigkuchenglücklich in den Saal, dass es ein herrlicher Kontrast ist zur Wucht der Musik. Die Nummern von Leto preschen melodiös geradeaus, getrieben vom Berserkerbeat von Schlagzeuger Pascal. Mitunter gibt es Breaks in den Songs, die eine tolle Spannung aufbauen. Davon hätte ich mir noch ein paar mehr gewünscht. Schön vielschichtig gepackt werde ich wiederum, wenn Jannes sowie Bassist Paul und Gitarrist Phill sich alle drei an die Mikros klemmen und mehrstimmig singen. Diese versierte Energie überträgt sich alsbald auch auf das Publikum, das näherrückt, tanzt, mitsingt.

Nach der Show fällt sich die Band in die Arme, was noch einmal unterstreicht, wie besonders und verbindend dieser Moment ist. Im Anschluss dann schweiß- und endorphinüberströmt runter von der Bühne und hin zu den Plattenfirmeneltern Anne und Jürgen von Rookie Records, die Leto unter Vertrag genommen haben. Dieses hoch sympathische Label feiert übrigens am 10. November seinen 22. Geburtstag. Ebenfalls im Goldenen Salon des Hafenklangs. Erneut eine gute Gelegenheit, laut zu sein. Miteinander.

Leto live: Do 20.9., 20 Uhr, im Grünen Jäger beim „Reeperbahn Festival“

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“Reeperbahn Festival” 2018: Biggy Pops tierische Top Ten

"Reeperbahn Festival", Fox, Pop, Hamburg

Jetzt kommt die Zeit, in der die Tiere wieder hinein wollen. Heute früh bin ich bereits von einer kompakten Spinne, einem langbeinigen Exemplar sowie diversen Marienkäfern begrüßt worden. Partytime!

Es wird kälter. Die Tiere sind unruhig. Sie dürfen wieder in die Clubs, ohne dass dieser Einkehrtrieb vom Rausgehzwang unterdrückt wird. Dach und Druck statt Himmel und Heiterkeit.

Passend zu diesem aufkommenden Indoor-Feeling hat die große Hamburger Club-Sause, dasReeperbahn Festival”, nun seinen Timetable für die tollen Tage vom 19. bis 22. September veröffentlicht. Und weil ich heute ohnehin schon über Tiere nachdachte und da ich ja nun irgendwie mal anfangen möchte mit dem Durchhören der vielen angekündigten Festival-Acts, ziehe ich einfach die nun folgende Kategorie an den Haaren beziehungsweise am Fell herbei.

Hier ist sie also:
Biggy Pops Top Ten der tierischen Teilnehmer des “Reeperbahn Festivals”.

Jaguwar: Mi 29.9., 23.20 Uhr, Nochtspeicher

Das Raubtier mit der arty Schreibweise. Ich habe diese Berliner Band Anfang des Jahres bereits in meiner Radiosendung Das Draht auf Byte FM gespielt. Damals war soeben ihr Debütalbum „Ringthing“ beim Hamburger Label Tapete Records erschienen. Ich mag den hall-verliebten, halb ausgetüfftelten, halb hingebretterten Sound des Trios. Der Gesang von Oyèmi Noize lässt mich kurz an Juliana Hatfield denken. Ein Tier, in dessen Adern Wave und Noise und Rock und Pop pulsiert. Und das sich beim Gitarrenspiel gerne auf die Pfoten guckt. Das klingt dunkel und zugleich von der Sonne geküsst.

Goat Girl: Mi 19.9., 0 Uhr, Häkken & Do 20.9., 21.30 Uhr, Knust

Yeah, yeah, yeah! Vier Ladies aus London, die sich dem bockigen Ziegentum im allerbesten Sinne verschrieben haben: Die Hufe gewetzt und das Fell struppig spielt Goat Girl einen coolen, lasziven und angenehm spröden Mix aus Indierock, Sixtiesbeat, Jingle-Jangle-Pop und Postpunk. Als Roller-Derby-Fangirl liebe ich Kampfnamen. Und mit Clottie Cream, Rosy Bones, Naima Jelly and L.E.D. sind bei dieser Band vier Premium-Pseudonyme am Start. Besonders amüsant finde ich das Video zu „The Man“, in dem Goat Girl die Beatles-Hysterie geschlechterumgedreht nachspielen: Auf der Bühne rocken die Ziegen, flennend am Zaun davor hängen die Typen. Mäh, mäh! Ich bin gespannt, wie das beim “Reeperbahn Festival” so zugehen wird.

DeWolff: Do 20.9., 17 Uhr, Molotow Backyard & Fr 21.9., 22.30 Uhr, Knust

Aahuuuu! Meister Isegrim heult gerne laut. Doch als ich DeWolff das erste Mal 2017 beim Festival „Sommer in Altona“ im Zirkuszelt sah, spielte die Band aus den Niederlanden wegen Lärmschutzauflagen das wohl leiseste Konzert ihrer Geschichte. Ich freue mich daher schon sehr darauf, das Trio mit ihrem psychedelischen Südstaatenrock im wortwörtlichen Sinne aufgedreht zu erleben. Ich verspreche mir nicht weniger davon als ein Biest, das gerne im Dreck wühlt und sich im Sound verbeißt.

Lion: Do, 20.9., 21 Uhr, St. Pauli Kirche

Mitunter sind Klischees ja auch was Feines. Wer sich im Popkontext eine Person mit dem Künstlernamen Lion vorstellt, könnte flugs bei Beth Lowen landen – blondbraune Mähne, lauernder Blick und kraftvoller Auftritt. Das Wichtigste jedoch: Diese Löwin besitzt eine Stimme, die nicht sanft schnurrt, sondern wild und rau aus den tiefsten Tiefen emporsteigt. Die Australierin, die es nach England verschlagen hat, ist eine unberechenbare Musikerin, die sich mal scheinbar dösend dem Singer-Songwriter-Sound hingibt, um dann blitzschnell mit der Pranke des Rock ‘n’ Roll zuzuschlagen. Wer sich auf Safari in die St. Pauli Kirche wagt, dürfte dort also eher Aufschrei als Andacht finden.

The Dogs: Do 20.9., 23 Uhr, Karatekeller im Molotow

Und wo wir schon bei Stereotypen sind: Bei einer Band, die The Dogs heißt, stelle ich mir ein paar räudige Typen mit dicken Koteletten und verschwitzten T-Shirts vor, die sich irgendwo zwischen Britpop und Punk bewegen, viel Bier trinken und noch mehr davon verschütten. Nun ja, knapp vorbei ist auch daneben. Die norwegischen Hunde, von denen an dieser Stelle die Rede sein soll, sind äußerst adrette Erscheinungen mit schwarzen Hemden und schnieke zurückgekämmten Haaren. Wenn ich mir ihre Songs zwischen Garagen- und Punkrock so anhöre, beschleicht mich allerdings der Verdacht, dass es live durchaus wüst zugehen könnte bei diesem Rudel. Die Frage ist nur: Sechs kläffende Köter im Karatekeller des Molotow – wo soll da noch das Publikum hin?

Walrus: Fr 21.9., 14 Uhr, Kukuun

Wenn sich Walrösser an Land hieven, machen sie einen recht schwerfälligen Eindruck. Im Wasser hingegen gleiten sie elegant dahin, sie überraschen mit entspannten Drehungen und Wendungen. Ganz so verhält es sich mit der Rockband namens Walrus. Schlurfige Typen, deren Songs so psychedelisch dahin driften und mit Wucht um die Kurve kommen, als schwämme das Robbentier durch ein Korallenriff. Alles so schön bunt hier. Und so angenehm verschwommen. Diese wunderbaren Weirdo-Walrosse stammen übrigens aus Halifax und spielen im Kukuun, dem Haus der Kanadier, die beim “Reeperbahn Festival” traditionell einen großen Aufschlag hinlegen. Da dürfte gewiss einiges an Stimmung überschwappen. Und jetzt alle: „I Am The Walrus“!

Cat Clyde: Fr 21.9., 20.50 Uhr, Schulmuseum

Diese Katze hat den Blues. Und Soul. Und sie besitzt den weiten traurigen Blick, der tief ins Herz des Country hineinzuschauen versteht. In dem Poesiealbum namens Facebook gibt sie an, dass sie alte Westernfilme liebt. Und wir malen uns aus, wie sie dunkel schnurrend diese düsteren Geschichten anschaut, um sie in ihrer Seele abzulagern und später in ihre eigenen schönen Storys zu verwandeln. Dann spielt sie auf ihrer Gitarre Melodien von betörender Schlichtheit, während ihre Stimme zeitlos und facettenreich ertönt. Ein Gesang, der sich in unserer Inneres schleicht, um dort – ganz Katze – zu machen, was er will.

Milkywhale: Sa 22.9., 19.30 Uhr, Häkken

Menschen sollten viel mehr alleine in ihren Wohnungen und Häusern umher tanzen. Unbeobachtet. Albern. Ausgelassen. Sehr schön demonstriert das die junge Isländerin namens Melkorka Sigríður Magnúsdóttir in ihrem Video zu „Birds Of Paradise“, wo sie zu einem feinen, sich euphorisch steigernden Electro-Pop auf Socken durch die Räume tobt. An ihrer Seite jedoch kein milchiger Wal, wie der Name ihres Duos vermuten ließe, sondern ein träge dreinschauender Windhund. Wieso nicht? Je mehr Tiere, desto besser. Die betörenden wie beschwingten Sounds stammen von ihrem Kompagnon Árni Rúnar Hlöðversson, seines Zeichens zudem Mitglied der Band FM Belfast. Spätestens seit dem Roman „Per Anhalter durch die Galaxis“ wissen wir ja, dass sich eine Rakete in einen Wal verwandeln kann. Vielleicht wird es bei diesem Konzert umgekehrt der Fall sein.

Mammal Hands: Sa 22.9., 23.10 Uhr, Resonanzraum

Mammal Hands – Säugetierhände. Willkommen in der Oberkategorie des Tierlichen. Und was fabrizieren sie, die Hände? Jazz. Schwelgerische, atmende, organische, sich in Schlaufen wiederholende und stets leicht variierende, sachte wachsende Musik. Quasi Evolution zum Zuhören. Saxofon, Schlagzeug und Piano sowie Keyboard bilden ein dreiköpfiges wunderschönes Übertier, das beim “Reeperbahn Festival” im Resonanzraum des Feldstraßenbunkers in seinem entsprechenden Habitat zu betrachten ist.

Black Foxxes: Sa 22.9., 23.15 Uhr, Kaiserkeller

Sind Füchse, die sich mit zwei x schreiben, doppelt so schlau und gerissen wie andere? Mag sein. Vielleicht sind sie auch einfach nur wütender und melancholischer. Das britische Trio Black Foxxes nennt seinen Sound selbst Romantic Gloom. Und da erinnern wir uns doch flugs an all die Fabeln, die den Fuchs an und für sich umgarnen. Und an die Nachrichten, die Reineke immer häufiger bei den großen Städten sehen. Wird da das Tier menschlicher oder der Mensch tierischer? Die Black Foxxes jedenfalls sprechen und schreien mit ihrem brachialen Indierock unsere innersten Instinkte an. Fuchs, du hast den Grunge gestohlen. Gut so.

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Liebe und Revolution: Blumfeld auf Kampnagel

Mein popkulturelles Wochenende war nicht gerade ereignisarm mit dem Konzert der Beginner am Freitag sowie dem Festival „Burger Invasion“ im Molotow am Samstag. Um das Triple-B voll zu machen, folgt nun am Sonntag der ausverkaufte Auftritt von B wie Blumfeld als Abschluss des Internationalen Sommerfestivals auf Kampnagel.

Ich habe bereits auf meiner Jukebox-Seite darüber geschrieben, wie wichtig und wegbegleitend diese Hamburger Band für mich war und ist. Und als ich mich in der großen Halle K6 umschaue, weiß ich, dass ich mit dieser biographischen Verbundenheit nicht alleine bin. Zahlreiche Fans 40 plus versammeln sich da mit diesem gewissen erwartungsvollen Blick. Die Band, 1990 gegründet, hat in Originalbesetzung zur „Love Riots Revue“ geladen.

Wird das live hinhauen nach all Jahren mit der Liebe und der Revolution, mit dem Rock und dem Pop? Wird diese Haltung, wird die Poesie Mark und Bein erschüttern oder bloß verstaubte Behauptung bleiben?

Hat das alles noch etwas zu bedeuten?

Als Jochen Distelmeyer – Sänger, Gitarrist, Ikone – die Bühne betritt, drängt sich dieses abgedroschene Goethe-Zitat in den Kopf: „Von Zeit zu Zeit seh’ ich den Alten gern“. Weißes Sommerjackett, fedrig wehendes Haar – kann er tragen, klar. Als er dann mit seinen Kompagnons von einst – Bassist Eike Bohlken und Schlagzeuger André Rattay – zu spielen beginnt, unterstützt von Daniel Florey an Piano und Gitarre, überkommt mich kurz die Angst: Oh Gott, wird das jetzt so ein Gemucke von alten Männern? Hat das alles noch etwas zu bedeuten? Die Musik? Die eigene Geschichte?

Das Set von Blumfeld beginnt mit einer Solonummer von Distelmeyer aus dem Jahr 2009: „Einfach so“. Interessanter Move. Schön wütend zudem. Und dann, mit dem Anfang des zweiten Liedes, hat mich die Band wieder völlig gepackt. Es liegt etwas in den Akkorden, das mich abholt. Scharf und sehnsuchtsvoll. Eine alte Nummer von 1992. „Von der Unmöglichkeit Nein zu sagen ohne sich umzubringen“. Harter guter Stoff. Und für das Drama und die Dramaturgie, damit wir alle auch so richtig heftig wechselbaden in den Gefühlen, folgt aus dem selben Jahr der Song „Viel zu früh und immer wieder Liebeslieder“. Die Stimme weniger schneidend. Zarter. Ein Kissen. Ein weiches Fallen.

Weiter geht es mit Mystery und Hysteria und History

Ich bin müde vom Wochenende und froh um meinen Sitzplatz. Ich kann mich fokussieren und der Sound ist gut, wird sogar immer besser, nachdem die Fans in den Stehreihen weit vorne vehement lauteren Gesang einfordern und Jochyboy immer wieder seine Gitarren stimmt („die h-Seite“). Gut ist er drauf, dieser Typ.

„Alles chicko, alles chillaxed, schönen Urlaub gehabt?“, fragt er süffisant. Und ich überlege kurz, ob er sich diese Aneinanderreihung von Zisch-Lauten vorab zurechtgelegt hat oder ob das Lautmalerische einfach in ihm wohnt wie in anderen Menschen die Mathematik oder die Gabe zum Kochen.

Weiter geht es mit Mystery und Hysteria und History. Ab dem Stück „Weil es Liebe ist“ holt Distelmeyer den Gitarristen und Produzenten Tobias Levin auf die Bühne. Das freut mich sehr. Denn die heimlichen Stars gehören doch ab und an ins Rampenlicht. Musikbergwerker, ohne die die ganze Kunst keinen Brennstoff hätte.

Blumfeld lieferte immer schon Trost für die Überreizten

In insgesamt fünf Akten kommt die Band in diesen zwei Stunden auf die Bühne. Und ja, logisch, es gibt die klar gesetzten Höhepunkte: Distelmeyer im sexy dance alleine bei „Tausend Tränen Tief“. Die krachende Sozialisationshymne „Verstärker“ – tausendmal betanzt, tausendmal berührt. Und „Diktatur der Angepassten“ als nach wie vor hoch aktuelle Analyse zur Zeit. Doch mich zerlegt es in der Mitte des Konzerts.

„Letzte Nacht meinte meine Mutter / sie sei so müde und erledigt / und ich dachte, mir geht’s ähnlich / an den Haufen von Geschichte“, proklamiert Distelmeyer zu Beginn von „Pro Familia“. Ich kann die Lyrics im Kopf mitsingen. Und das Mantra zeigt Wirkung. Es macht spürbar, wie das Erschöpfte häufig nur ganz knapp unter der Oberfläche liegt.

Blumfeld lieferte immer schon Trost für die Überreizten und Entfremdeten, die Müden und Irritierten. Und ich muss an jene denken, die selbst solche Musik nicht retten kann. Deren Haut zu dünn ist zwischen Innen und Außen. Und das Außen zu viel und das Innen zu dunkel. Und ich fühle diese Verpflichtung, ein möglichst wahrhaftiges Leben zu leben. Und als säße die Band in meinem Kopf, spielt sie im Anschluss „Wir sind frei“. Die ultimative Aufforderung, „eine kleine Utopie“ zu wagen. Durchzuatmen. Loszugehen. Jochyboy, Du alter Tearjerker. Okey dokey. Schon verstanden.

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Acht Stunden Inspiration: “Burger Invasion” im Molotow

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Ich liebe das Molotow. Vor allem, wenn in dem Club auf St. Pauli ein Festival stattfindet. Wenn also auf allen drei Stockwerken Bands spielen und DJs auflegen. Ich fühle mich dann immer wie in einem Pop-Zauberwürfel. Ständig wechseln die Ebenen, die Farben, der Sound. Kästchen für Kästchen, Raum für Raum, Bühne für Bühne gilt es zu erkunden. Und bei jeder Bewegung ergeben sich neue Kombinationen, andere Muster, ungewohnte Einblicke. Sehr schön ist das. Eine Art aufregende Geborgenheit.

Burger Invasion, Burger Records, Label, Festival, Molotow, Club, St. Pauli, Hamburg, Merchandise, Flyer, Records, Tapes An diesem Samstag öffnet das Molotow seine Türe für die “Burger Invasion”. Zwar gibt es im Hinterhof tatsächlich Bulettenbrötchen vom Team des nahe gelegenen Lokals Grilly Idol. Doch der Name stammt eigentlich von der 2007 gegründeten kalifornischen Plattenfirma Burger Records, die für feinen Schrammel- und Schlonzrock sowie herzöffnenden Powerpop steht. Die Hamburger Veranstalter Sebastian Tim und Timotheus Wiesmann sind Fans des Labels, das seine Musik bevorzugt auf Kassetten veröffentlicht.

Sofort muss ich daran denken, wie ich in den 80er- und 90er-Jahren mit meinen TDK-Tapes an der Stereoanlage meiner Eltern sitze, um Musik von Freunden zu überspielen, Songs aus dem Radio aufzunehmen oder Mixe zu machen und um Cover zu basteln. Die ganze Sache spricht meine nostalgische Seite an und verströmt zudem ein sehr sympathisches Flair von Do-It-Yourself-Kultur.

“Burger Invasion”, Komplizenschaften weit über die Stadtgrenzen hinaus

Sebastian Tim und Timotheus Wiesmann jedenfalls haben im Austausch mit den Burger-Records-Gründern Sean Bohrman and Lee Rickard nun zum zweiten Mal ein Programm mit lokalen und internationalen Bands zusammengestellt – eben die “Burger Invasion”. Mir gefällt es sehr gut, wie da Komplizenschaften weit über die Stadtgrenzen hinaus geknüpft werden. Ein gutes Mittel, damit die Popkultur in Hamburg nicht im provinziellen Lokalpatriotismus versandet.

Bereits draußen vor dem Club am Ende der Reeperbahn kündet ein Poster von der großen Sause: Ein Burger sendet wie ein Raumschiff in einschlägigen Science-Fiction-Filmen einen Lichtstrahl auf die Erde. Ich muss sehr lachen über dieses größenwahnsinnige wie angenehm spackige Artwork. Gut gelaunt entern wir also am Nachmittag das Molotow – um den Laden acht Stunden später wieder zu verlassen. Ein Clubbesuch als Tagwerk. Eine Schicht lang Shows und Schnacken, Menschen und Magie, Treppen auf und ab, an die Bar, aufs Klo, in den Hinterhof, Luft schnappen, Leute treffen, Gucken und Lächeln, Hören und Driften, Spüren und Tanzen.

Lichtscheues Gesindel wollen wir sein

Wir gleiten sanft hinein in die Invasion mit My Friend Peter aus Graz, die in der Skybar im zweiten Stock einen entschleunigt groovenden Pop mit hübsch verpeilter Aura spielen. Die Sonne scheint prall durch die Fenster. Unten zieht der Kiez grell vorbei.

Burger Invasion, Burger Records, Label, Festival, Molotow, Club, St. Pauli, Hamburg, Band, Juniore, France, Sixties, Rock Bei den Franzosen von Juniore im Erdgeschoss-Saal zieht dann doch jemand die Vorhänge zu. Passt auch besser zu dem sixties-inspirierten Psychedelic-Rock des Trios. Lichtscheues Gesindel wollen wir sein. Und die Band hat ohnehin ihre eigene Sonne mitgebracht. Der Keyboarder und Gitarrist trägt eine goldene Maske, die ins nachmittägliche Dunkel hinein funkelt. Die Kasseler Combo Catch As Catch Can wiederum macht im Karatekeller ohnehin vergessen, dass draußen noch Tag ist. Garagenrock in der räudigsten Ecke des Pop-Zauberwürfels. Angekommen im Ausgehmodus.

Feinripp-Remmidemmi mit Blondie-Charme

Immer weiter lassen wir uns verwirren und durchströmen von der Vielfalt, dem Krach, dem Schillernden der Musik. Toller eruptiver Gesang von der Formation Erregung Öffentlicher Erregung aus Hamburg und Berlin. Roher Rock ‘n’ Roll-Schub an nackter Haut von der Rotterdamer Band Iguana Death Cult. Und linkische Lieblichkeit mit den hyperharmonischen Popmelodien der New Yorker Cut Worms. Zudem eine einnehmende Wolke aus Hall von den Texanern Holy Wave. Hochtouriger Punkrock mit gutem Schreifaktor von Häxxan aus Tel Aviv. Und Feinripp-Remmidemmi mit Blondie-Charme der Abriss-Rock ‘n’ Roller Amyl And The Sniffers aus Australien.

Burger Invasion, Burger Records, Label, Festival, Molotow, Club, St. Pauli, Hamburg, Band, Garagerock, Rick McPhail, Frehn Hawel Eine spannende Entdeckung, die der Pop-Zauberwürfel Molotow für mich bei der “Burger Invasion” hervorbringt: Tocotronic-Gitarrist Rick McPhail kann vorzüglich Schlagzeug spielen und präsentiert gemeinsam mit Hamburgs Frehn Hawel einen famos krachenden wie akzentuiert wütenden Garagenrock im Karatekeller. Hawels Tipp: „Nie das Handtuch vergessen bei einem Auftritt in dieser Schwitzbude!“

Fenster, eine sanft Grenzen sprengende Band

Restlos begeistert mich das Konzert von Fenster in der Skybar, eine sanft Grenzen sprengende Band aus Deutschland, den USA, Frankreich und England. Ich finde es unfassbar interessant, diesem Quartett zuzuhören, wie sie da eine Popmusik produzieren, die schwelgerisch betört und sphärisch entführt, die Tempi wechselt und Pausen lässt, in denen die eigenen Assoziationen atmen können. Das Fenster weit offen. Humorvoll, einfallsreich, wunderschön. Hinter mir stehen einige Typen, die in regelmäßigen Abständen fasziniert ein einziges Wort wiederholen: „geil“. Stimmt.

Hinzu kommt: Sängerin JJ Weihl lebt in New York. Und wenn ich mir die so heiß geliebte Stadt als Mensch vorstellen sollte, käme vermutlich solch eine eigensinnige und hoch charismatische Person dabei heraus. Wie sie dasteht mit ihrem weiß-rosa gestreiften Kleid und ihren weißen Boots und dem halb blonden Haar. Plus ihr facettenreicher Gesang – geil.

„Labskaus, Diggi!“

Aus diesem Himmel geht es dann noch einmal hinab in den Keller, zum amüsanten wie durchpustenden Abschluss dieser irrlichternden Invasion. Das Duo Swearing At Motorists aus Dayton, Ohio / Hamburg ist ein Gitarre-Schlagzeug-Inferno, das nicht nur mit wilden Songs über Pizza und Liebe besticht, sondern auch durch komödiantisches Potential. „Labskaus, Diggi!“ Diesen freudigen Ausruf von Sänger Dave Doughman möchte ich mir auf ein T-Shirt drucken lassen. Auf seiner Brust wiederum prangt ein alt vertrauter Spruch: „Ich bin neu in der Hamburger Schule“. Genau. Und es gibt Bier als Pausenbrot. Bei dieser Tages- und Nachtschicht “Burger Invasion” im Molotow. Satt und glücklich radeln wir nach Hause.

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Hip Hop, Hamburgliebe, Historie: Beginner auf dem Großmarkt

Beginner, concert, Hamburg, Hip Hop, stage, crowd

Es gibt diese Momente auf einem Konzert, da geschieht etwas mit einem. Da verändert sich das Energie-Level. Vom Beobachten zum Machenmüssen. Vom Draufschauen zum Drinsein. Vom Kopfnicken zum Jumparound. Das passiert mal direkt am Anfang eines Konzerts, bei den ersten Tönen. Mitunter braucht es aber eine Weile, bis der Bass den Alltag aus dem Körper gepumpt hat und das Blut im Fluss der Musik pulsieren kann.

Beginner, Hip Hop, Merchandise, Ticket, Cup, Hamburg, Pop in Hamburg Das erste von zwei ausverkauften Konzerten der Hiphopper Beginner auf dem Hamburger Großmarkt (zweimal 11.000 Leute) startet sympathisch. Ein kleiner Schnack an der Fahrradgarderobe und am Eingang eine Spende für die Seenotrettung. Auf dem Gelände selbst schaue ich mir zu den letzten Reimen von Afrob aus dem Vorprogramm die Banner an, die die Bühne flankieren – eine Art Hamburg-Ode im Keith-Haring-Style. Weiß auf Schwarz tummeln sich da Füchse und Udo, Stadtwappen und Michel, das Logo von Sprayer Oz und dem Plattenladen Groove City, aber auch die ein oder andere Nachricht: „Sternbrücke bleibt!“ und „Viva la Bernie“ zum Beispiel.

Besser role model als Topmodel

Streetart-Shoutouts für eine faire Stadtkultur. Und feine Hinweise darauf, dass da eine Band zwar massiv erfolgreich ist mit zwei Nummer-eins-Alben und Platin und Bling, aber ihren Fame dann doch lieber ohne dumpfe Image-Huberei für gute Zwecke zu nutzen weiß. Ein Fuchs muss tun, was ein Fuchs tun muss. Und das bedeutet eben, sich nicht wie Teflon durch die eigene Stadt, durch unsere Welt zu bewegen. Besser role model als Topmodel.

Dementsprechend positiv eingegroovt positioniere ich mich oben in einem Doppeldeckerbus, von wo aus sich Areal und Bühne überblicken lassen. Das Schiffshupen-Intro von „Ahnma“ schiebt sich ultimativ über die Fläche. DJ Mad thront mit seinem Gerät auf einer funkelnden Pyramide. Eizi Eiz und Denyo werfen sich an die Rampe, springen fit, rappen scharf. Historie. Hamburgliebe. Humor. Der Part von Gzuz kommt vom Band. Beziehungsweise vom Publikum. Das ist textsicher bis zur letzten Silbe. Arme in der Luft. Ein vibrierendes Kraftfeld.

Mein Bus-Untersatz wankt bereits amtlich. „Bambule, yes yo“. Wir sprechsingen jedes Wort mit bei „Hammerhart“. Und ich freue mich über den optimistischen „Gustav Gans“ mit seinem tapsigen Charme. Mit tanzenden Plüschtieren bekommt man mich ja immer.

Beginner und Advanced Chemistry und Samy Deluxe

Aber es gibt diesen einen Moment, in dem es mich definitiv nach vorne zieht: Die Beginner erzählen von ihrem 2016er-Album „Advanced Chemistry“ und von der Band, nach der sie die Platte benannt haben. Von der Vorbildfunktion. Von der Bedeutung. Und dann kommen sie tatsächlich auf die Bühne, die Heidelberger Helden von damals. Und heute. „Fremd im eigenen Land“. Der Meilensteinsong für Deutschrap mit Bewusstsein. Gänsehaut galore.

Damals, Anfang der 90er-Jahre, ist mir Rapper Toni L. mit seiner schlapphütigen Zeigefinger-Art im Musikfernsehen eher auf die Nerven gegangen. Seinen Kompagnon Torch fand ich irgendwie reeller. Aber jetzt will ich das unbedingt hart feiern. Dass Advanced Chemistry Beats und Flow mit Anstand und Aussage populär gemacht haben. Dass die Beginner diese Idee fortführen. Dass sich Gestern und Heute verbinden. Dass wir achtsam und aktiv bleiben müssen. Gegen Abschottung. Für Miteinander.

Beginner, concert, Hamburg, Hip Hop, stage, crowdEs treibt mich vor die Bühne, wo ich alte Bekannte treffe und neue kennenlerne. Wo Licht und Nebel und Wumms und Worte in den Himmel flackern. Wo es anfängt zu regnen und die Leute einfach weiter tanzen. Wo es wüst ist und zugleich unglaublich entspannt. Die Haare werden nass. Die Turnschuhe verlassen den Boden. Rudeltiere ringsherum. Samy Deluxe erscheint, rappt rapide und „zerstört alles“, wie Eizi Eiz amüsiert anerkennt. Weiter geht es auf Feuerrädern durch die Nacht. „Es war einmal“. „Liebeslied“. „Danke“. Danke? Wir haben zu danken.

Mehr Hip Hop und weitere Musik aus Hamburg gibt’s in meiner Jukebox

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“Sommer in Altona”: Country in der City

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Ich bin immer wieder schwer beeindruckt von Menschen, die in einer Wiese nicht bloß eine Wiese sehen, sondern einen Ort, an dem Leute zusammenkommen, Musik hören, sich begegnen. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Eine Wiese darf auch gerne eine Wiese bleiben und nicht jeder Platz in der Stadt muss stets einen Zweck, eine Funktion, einen Nutzen haben. Aber im Fall von „Sommer in Altona“ gefällt mir die temporäre Bespielung des Parks am Nobistor äußerst gut.

Einen Monat lang zeigt uns die Hamburger Platten-, PR- und Bookingfirma Popup Records mit ihrer (von der Stadt unterstützten) Konzertreihe, was im öffentlichen Raum möglich ist zwischen den Polen “kommerzielles Großevent” und “Umsonst-und-Draußen”. Ein hoch sympathisches Pop-Festival direkt vor der Haustüre nämlich, für das niemand Easy-Jet-Open-Air-Hopping quer durch Europa betreiben muss. Und das auf Kooperationen in verschiedene Richtungen setzt.

PR Newman spielt Songs von dringlicher Beiläufigkeit

An diesem Abend präsentiert das Hamburger Label Devil Duck Records vier Bands aus seinem wachsenden Portfolio. Zwei Künstler spielen bei freiem Eintritt im lauschigen Biergarten, zwei Bands treten später im – ausverkauften – Zirkuszelt auf. Ein schöner Kompromiss.

Am Eingang werde ich aufgefordert, für die Alimaus zu spenden, die nahe Tagesstätte für Obdachlose. Denn der „Sommer in Altona“ möchte kein in der Nachbarschaft gelandetes Raumschiff sein, das ohne Kontakt zur Umwelt sein Spektakel aussendet. Kommunikation ist der Schlüssel.

Wie hingewürfelt stehen Biergarnituren und Liegestühle unter alten Bäumen, flankiert von Getränkestand, Käsegrill und Dixi-Klos. Die Sonne scheint milde durch die Blätter über uns, als PR Newman Songs von dringlicher Beiläufigkeit in den Abendhimmel schickt. Ein junger schmaler Typ aus Texas mit Stimme, Gitarre, Mundharmonika und Dylan’eskem Charme. Das PR in seinem Namen steht übrigens für Punkrock. Ein hübscher Beweis dafür, dass Punk nicht zwingend etwas mit Krawall und Lautstärke zu tun haben muss, sondern womöglich vielmehr mit einer gewissen ruppigen, gewitzten bis querdenkenden Attitüde. Und mit einem Gesang, der die Zuhörer fein aufzuwühlen versteht.

Jon Kenzies Laut-Leise-Spiel sorgt für tolle Dynamik

Im Anschluss stellt Devil-Duck-Chef Jörg Tresp den Briten Jon Kenzie vor, den er beim Straßenmusizieren entdeckt hat. Zur akustischen Gitarre singt Kenzie schwelgerische Songs voller Blues, Soul, Folk. Sein Gesang besitzt einen satten warmen Klang, den er wie mit einem inneren Verstärker noch einmal hoch regeln kann, was on the road ohne Mikrofon gewiss von Vorteil ist. Beim „Sommer in Altona“ sorgt sein Laut-Leise-Spiel für eine tolle Dynamik.

Ein wenig scheinen die Lauschenden ringsherum auch den Sommer zu verabschieden. Die Wetteraussichten für die kommenden Tage ist nicht so dolle, der Herbst naht. Noch einmal ohne Jacke dasitzen. Luft auf der Haut. Alles abspeichern. Die Schwangere, die an einem Baum lehnt. Die bärtigen Bikertypen, die so freundlich gucken. Die tätowierten Beine, die aus Kniestrümpfen ragen. Die Gesichter, die die Elbstrandsonne gebräunt hat. Die Wespen, die Bierbecher entern. Die Frau mit Hut und Hund, die übers Grün flaniert. Das Paar, was einfach lächelnd dasitzt.

Drinnen im Zirkuszelt dann Energiewechsel. Mehr Feier als Abend. Mit Whiskey Shivers entern fünf Musiker die Bühne, denen die Spielfreude aus jeder Pore zu tropfen scheint. Die Texaner sind so etwas wie eine Multikulti-Redneck-Band, die einen absolut famosen Mix aus Bluegrass, Hillbilly und Countrymusik spielt. Frontmann Bobby Fitzgerald, seines Zeichens Sänger und Highspeed-Virtuose an der Fiddle, ist eine ärmellose, barfüßige Turbo-Erscheinung samt Vokuhila-Frisur, die er mit größter Selbstverständlichkeit trägt. Die Songs der Whiskey Shivers rasseln und rattern mit Hochgeschwindigkeit in die kleine Arena hinein. Dauergrinsen. Dance op de deel. Es riecht nach Schweiß und Spänen.

The Dead South besticht durch herrlich räudiges Charisma

Eine perfekte Einheizung für The Dead South, dem Hauptact des Abends, zu dem noch wesentlich mehr Leute ins Zirkuszelt strömen. Diverse Fans im Publikum tragen T-Shirts der Band oder haben sich direkt den Look der Combo angeeignet, deren männliche Mitglieder in weißen Hemden mit schwarzen Hosenträgern auftreten. Banjo-Spielerin Eliza Mary Doyle wiederum erinnert in schwarzem Kleid mit roter Blume im Haar an eine Saloon-Lady.

Die Kanadier fabrizieren einen ultra coolen, grandios dreckigen und zugleich äußerst mitreißenden Sound aus Folk, Bluesgrass und Rock ‘n’ Roll. Die Band besticht durch ihr herrlich räudiges Charisma – und die ein oder andere Tanzeinlage. Doch wie die verschiedenen Saiteninstrumente von Mandoline über Cello bis Gitarre fein ineinandergreifen, bringt die Seele noch einmal auf einem anderen Level zum Schwingen. Und die Saunatemperaturen unter der Zeltkuppel lassen den Geist zusätzlich angenehm irrlichtern. Ein musikalischer Desperado-Trip.

Wieder draußen dann: atmen, abkühlen. Und schließlich abreisen. Nach Hause. Mit dem Rad.

Im Winter werde ich an dieser Wiese vorbeifahren. Und an den Sommer denken. In Altona.

Weitere Konzerte für Countrymusiclovers gibt’s bei Yeehaw Hamburg

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