Musik, Reflexion und Neustarts im Herbst

Biggy Pop, Blog, Baltic Sea, Music Journalist

In den vergangenen Wochen ist es ein wenig ruhiger zugegangen auf diesem Blog über Musik in Hamburg. Das liegt zum einen daran, dass ich viel gearbeitet und organisiert, mich engagiert und Kontakte gepflegt habe. Zum anderen habe ich nach gut einem Jahr Selbstständigkeit und Bloggen das Bedürfnis, innere Einkehr zu halten. Zu reflektieren und Ideen für die Zukunft zu entwickeln. Begünstigt wird dieser Prozess, diese Gär- und Entwicklungsphase, durch die Jahreszeit. Ich liebe den Herbst, da er einerseits die Seele durchpustet und andererseits im Dunklen alles mehr zur Ruhe kommt. 

Diese beiden Seiten spiegeln sich bei mir aktuell auch im Musikhören wider. Ich genieße es zum Beispiel außerordentlich, mich bei einem Festival wie dem Molotow Cocktail mit neuer lauter und wilder Musik aus Hamburg vollzusaugen. Umgehauen hat mich etwa eine Band wie Glue Teeth, die ihren intensiven Mix aus Hardcore und Postpunk bis in die letzte Faser hinein zelebriert. Und ein großes Lob geht wie immer an das Molotow selbst, das einem ermöglicht, soviel positives Brodeln aus dieser Stadt live zu erleben. 

Der Soundtrack, um die Gedanken zu sortieren

Joshua Radin, Albumcover, Musik, Singersongwriter, record, Here Right NowZuhause höre ich momentan wiederum viel leise aufspielende Musikerinnen und Musiker. Ich brauche einen ruhigeren Soundtrack, um meine Gedanken zu sortieren. Um noch stärker zu sondieren, wohin die Reise gehen soll. Und um all diese Anregungen und Ziele aufzuschreiben. 

Seit einigen Wochen auf Dauerrotation ist zum Beispiel der US-amerikanische Singersongwriter Joshua Radin mit seinem sachte gepickten Gitarrenspiel auf „Here, Right Now“. Auch der berückende Pianopop von June Cocó hat eine feine anregende Wirkung. Ihr neues Album „Fantasies & Fine Lines“ erreichte mich bereits vor einigen Wochen. Und ich freue mich schon sehr auf ihr Releasekonzert am Freitag in der Hebebühne in Altona. 

Improvisation von Sofia Härdig und Inspiration von Anna Ternheim

Zum Glück kommt auch beruflich derzeit viel Musik zu mir, die meinem November-Gefühl entspricht. Die also diese Mischung aus Bilanzieren und Aufbrechen unterstützt. Für das Visions-Magazin habe ich beispielsweise das frei atmende Artrockwerk „This Big Hush“ der Schwedin Sofia Härdig besprochen. Eine Platte, die überdeutlich macht, wie wichtig Improvisation ist. Wie gut das Leben klingt, wenn neue Impulse hineinwehen dürfen. 

Anna Ternheim, Musik, musician, A Space For Lost Time, radio, interview, NDR Info, Nachtclub Überpop
Anna Ternheim, fotografiert von Chris Shonting

Sehr prägend war für mich in den vergangenen Wochen auch das Album „A Space For Lost Time“ von Anna Ternheim. Für die Radiosendung NDR Nachtclub Überpop habe ich die schwedische Musikerin in Berlin zum Interview getroffen. Für mich ist es eine große Inspiration, wie offen Anna Ternheim über ihre Lyrics, über Liebe und Tod, Ängste und Selbstverantwortung spricht. 

20 Pfund an Angst verloren

Mit dem Titel „A Space For Lost Time“, so erzählte Anna Ternheim, möchte sie einen inneren Raum eröffnen, wo jede und jeder das Gefühl bekommt, dass Dinge möglich sind. Dass wir neue Entscheidungen treffen können. Dass es nicht zu spät ist. Und dass man verpasste Chancen auch nachholen kann. Vielleicht ist das einfach eine Frage der inneren Haltung, des State Of Mind, sagte sie. 

Es sei nicht einfach aus der Komfortzone herauszutreten. Aber Anna Ternheim habe persönlich das Gefühl: Jedes Mal, wenn sie diesen Schritt gewagt hat, sei sie belohnt worden. Ob sie nun eine Beziehung beendete, die zu nichts geführt hat. Oder ob sie etwas unternommen hat, von dem ihr alle abgeraten haben. Jedes Mal, wenn sie etwas getan hat, was sie für wichtig hielt, obwohl es hart und anstrengend war, sei sie mit einem guten Gefühl belohnt worden. Sie könne dann wieder atmen. Als ob sie 20 Pfund an Angst verloren habe.

Anna Ternheim erklärte dann noch: Die Art und Weise, wie wir einen beherzten, verändernden Schritt das eine Mal gegangen sind, bedeutet nicht, dass wir ein für alle mal herausgefunden haben, wie das Ganze funktioniert. Diese fortwährende Suche nicht schleifen zu lassen, sondern mutig und neugierig zu bleiben, finde ich sehr erstrebenswert. Deswegen habe ich mich in der jüngeren Vergangenheit besonders gerne mit Neustarts beschäftigt.

Zu Gast bei Say Say: Neustart mit Hip-Hop

Say Say, Soulful Hiphop radio, Hamburg, radio, Host, Freddy Staudacher, Morning Show, MusikIch war zum Beispiel zu Gast in der Morningshow von Say Say, einem Hamburger Webradio für soulful Hip-Hop. Moderator Freddy Staudacher hat seinen Sender im Frühjahr 2018 gegründet, nachdem er Jahre lang als gut verdienender Businessanwalt gearbeitet hatte. Wer ihn im entspannten Flow an Mikro und Plattenspielern erlebt, der merkt schnell, dass seine Umorientierung hin zur Musik genau richtig war.

Im Studio auf Kampnagel habe ich eine Stunde lang über meinen eigenen journalistischen Werdegang, über meine musikalische Sozialisation und übers Auflegen auf der Barkasse Frau Hedi gesprochen. Und wir haben von mir mitgebrachtes Vinyl gespielt — von Aretha Franklins „Don’t Go Breaking My Heart“ bis zu Bobby Hebbs „Sunny“, von der Rock Steady Crew über Lauryn Hill und Charles Bradley bis zu Mary J Blige.

Der Hamburger Musikpreis, verschlankt am Start

Neu aufgestellt hat sich auch der Hamburger Musikpreis, ehemals Hans genannt. Vergeben wird die Auszeichnung von der Interessengemeinschaft Hamburger Musikwirtschaft, kurz IHM. Nach einer Pause im vergangenen Jahr ging der Hamburger Musikpreis nun mit fünf Kategorien neu und verschlankt an den Start. Im Vordergrund standen die nominierten Newcomer, die bei der Verleihung im Mojo Club auch alle drei auftraten. Elaborierter hypnotischer Rock von Monako, Gesamtkunstwerk-Electropop von Kuoko und wütend-feministischer Hip-Hop von One Mother, die letztlich auch das Preisgeld von 5000 Euro mit nachhause nahmen.

Hamburger Musikpreis, Hamburg, Pop, Award, Musik, Newcomer, One Mother, Stage, Jury
One Mother beim Hamburger Musikpreis, fotografiert von Thomas Ertmer

In diesem Jahr war ich Teil der Jury. In meinem Blogpost über das Landesrockfestival in Rostock hatte ich bereits geschildert, wie gerne ich mit anderen passioniert über Musik spreche. Das war auch in der aktuellen Hamburger Runde der Fall. Einfach fielen die finalen Entscheidungen für den Hamburger Musikpreis allerdings nicht.

Unsere langen Vorschlagslisten galt es auf drei Nominierte pro Kategorie einzudampfen. Und viele Herzblutfavoriten blieben dabei auf der Strecke. Natürlich lässt sich dementsprechend immer über den Sinn und Zweck von Preisen an sich streiten. Aber Streit ist ja eben auch: Austausch, Dialog, Kommunikation. Und all das gab es auch nach der offiziellen Verleihung im Mojo reichlich.

Pop, Präsenz, Polarisierung

Die Reaktionen auf Preis und Veranstaltung reichten von schlimm bis klasse. Ein gehörig polarisierendes Spektrum. Manche monierten hakende Einspieler, abwesende Künstler und ein wenig lokalpatriotisches Moderatorenduo (aus Köln). Manche hätten sich mehr Pop-Präsenz gewünscht. Und mehr Aufmerksamkeit beim anwesenden Branchenpublikum. Andere lobten den anarchischen Charme der Gala. Und wieder andere freuten sich, dass ansonsten weniger sichtbare Acts und innovative Projekte gewonnen haben.

Hamburger Musikpreis, Hamburg, Pop, Award, Musik, Newcomer, Kuoko, Stage, Jury
Kuoko beim Hamburger Musikpreis, fotografiert von Thomas Ertmer

Das Kollektiv EQ Booking, das sich für Diversität im Musikbusiness einsetzt, erhielt den Preis in der Kategorie „Beste Freunde“. Das stetig wachsende Netzwerk musikHHwomen wurde als Initiative des Jahres geehrt. Und Künstler des Jahres wurde der geschmeidig brummkreiselnde Musiker Carsten Erobique Meyer. Die Kollegin Nele Hinner hat für den Musikblog Soundkartell einen ausführlichen Rückblick über den Abend geschrieben.

Lieblingslieder brauchen Freiräume

Zum Lieblingslied 2019 kürte die Jury Deichkinds „Richtig gutes Zeug“. Ich durfte die Laudatio in dieser Kategorie halten. Besonders wichtig war mir zu betonen: Solch ein Hit, solch ein Krachersong, der alle anderen zu überragen scheint, ist definitiv kein One-Hit-Wonder. Sprich: Solche Nummern entstehen nicht aus dem Nichts. Wer ein Lieblingslied schreibt, hat in der Regel schon zahlreiche andere Lieder geschrieben. Es bedarf also Herzblut, Know-how, Zeit und auch Zweifel, um ein Lieblingslied zu schreiben. Und: Freiräume. Wir in Hamburg müssen immer wieder darauf achten, dass diese erhalten bleiben, wachsen und gedeihen.

Damit das kreative Brodeln und Gären weitergehen kann. Damit die Musik weiter spielt. Damit wir uns entwickeln können.

Follow my blog with Bloglovin

„Hamburg Vinyl“ — eine popkulturelle Zeitreise mit Albumcovern

Vinyl, Hamburg, Hamburg Vinyl, Book, Buch, Records, Cover, Artwork, Photography, Bernd Jonkmanns, Journalist, Christoph Dallach, Onkel Pös, Tom Waits, Cher, Liverbirds

Journalisten sollen ja bitte möglichst kritisch auf die Geschehnisse der Welt blicken. Der Beruf bringt es aber dankenswerter Weise auch mit sich, das Gute und Inspirierende in seiner Vielfalt darstellen zu können. Und genau das haben ZEIT-Autor Christoph Dallach und Fotograf Bernd Jonkmanns nun getan. Ihr Buch „Hamburg Vinyl — 33 Hamburg-Cover und ihre Geschichte“ ist nicht weniger als eine feine Hommage an die hiesige Popkultur. An all die Szenen von Pö bis Pudel. An all die musikalischen und optischen Ideen durch die Jahrzehnte hinweg. Sei es Freddy Quinn, wie er für „Heimweh nach St. Pauli“ 1963 klassisch am Hafen posiert. Oder sei es der Dead Eagle Club, der für seine „Kiez“-EP 2016 das massive Antlitz des Feldstraßenbunkers nutzt.

Ich habe Christoph vor einigen Jahren kennengelernt, als wir beide auf dem Reeperbahn Festival zu Gast waren bei den Kollegen von NDR Info in der Sendung „Backstage“. Seitdem ist Christoph mir als leidenschaftlicher Plattensammler bekannt, der sich von Vinylläden magisch angezogen fühlt und die Geschäfte auch ohne Kaufabsicht nicht selten mit einer prall gefüllten Tasche verlässt. 

Spurensuche im Quadrat

Bernd bin ich das erste Mal im vergangenen Jahr bei einem gemeinsamen Termin im Nochtspeicher begegnet. Für das Magazin der Handelskammer berichteten wir damals über  die Club- und Kioskkultur auf St. Pauli. Im Gespräch stellten wir fest, dass wir beide ursprünglich aus Wesel am Niederrhein stammen. Und wer an Orten aufgewachsen ist, die keine Großstädte sind, weiß: Das verbindet. Bernd ist mindestens so fasziniert von Plattenläden wie Christoph, hat er doch diesen liebevoll geführten Spezialistenshops im Jahr 2015 mit dem Band „Recordstores“ ein tolles Denkmal gesetzt. 

Passender Weise ist „Hamburg Vinyl“, das aktuelle Buch von Christoph und Bernd, quadratisch aufgemacht. Immerhin geht es ja um legendäre, lokalverliebte wie einfallsreiche Albumcover. Auch wenn eine Langspielplatte nicht ganz in die Maße dieses knapp 100 Seiten starken Werks hineinpasst. Sehr gut gefällt mir, wie sich die beiden sowohl textlich als auch visuell auf Spurensuche begeben haben. Die jeweilige Story der 33 Platten wird  von Christoph nicht nur informativ und anekdotisch geschildert. Bernd hat die Cover auch jeweils an ihrem Ursprungsort inszeniert und fotografiert. 

Vinyl, Hamburg, Hamburg Vinyl, Book, Buch, Records, Cover, Artwork, Photography, Bernd Jonkmanns, Journalist, Christoph Dallach, Onkel Pös, Tom Waits, Cher, Liverbirds

So dokumentiert „Hamburg Vinyl“ zugleich den Wandel der Stadt. Etwa bei der Platte „Onkel Pös Carnegie Hall — Live im Onkel Pö“ der Hamburg Allstars ’75. Auf der Albumhülle ist die geschichtsträchtige Hamburger Musikkneipe zu sehen. Zwar befindet sich neben dem Haus am Lehmweg nach wie vor eine Litfaßsäule, wie der direkte Vergleich zeigt. Doch die Räumlichkeiten werden längst anderweitig genutzt und beherbergen heute das Lokal einer Trattoria-Kette.

Vinyl, Hamburg, Hamburg Vinyl, Book, Buch, Records, Cover, Artwork, Photography, Bernd Jonkmanns, Journalist, Christoph Dallach, Onkel Pös, Tom Waits, Cher, Liverbirds

Liverbirds an der Alster, Cher und Sonny vorm Hotel Atlantic

Toll finde ich zum Beispiel die Geschichte der Liverbirds, die mit vielen O-Tönen von Mary McGlory (heute Dostal) erzählt wird. „Girls don’t play guitar“, soll John Lennon gesagt haben, als ihm einst „Englands allererste weibliche Rockband“ vorgestellt wurde. Die vier Frauen kamen Anfang der 60er-Jahre nach Hamburg, um — wie die Beatles — im Star-Club zu spielen. Und mit der Alster im Hintergrund entstand auch das Cover zu ihrer 7-Inch-Single „Loop De Loop“ von 1966. 

Vinyl, Hamburg, Hamburg Vinyl, Book, Buch, Records, Cover, Artwork, Photography, Bernd Jonkmanns, Journalist, Christoph Dallach, Onkel Pös, Tom Waits, Cher, Liverbirds

Da ich Cher gerade erst in einer beeindruckenden Show in der Barclaycard Arena gesehen habe, freue ich mich besonders über ein Cover, dass sie in jungen Jahren zeigt. Gemeinsam mit ihrem damaligen Mann Sonny steht die Sängerin vor dem Hotel Atlantic. Chers Blick schweift in die Ferne. Sonny betrachtet eine Kamera, die er soeben in der Innenstadt gekauft hatte, wie sich Günter Zint erinnert.

Der Fotograf hatte das Paar damals in Hamburg begleitet. Sein Bild ziert nun eine LP des Deutschen Schallplattenclubs aus dem Jahr 1967. Mit dem roten Hosenanzug, den Cher auf dem Cover trägt, durfte sie damals nicht in die Bar des Hotel Atlantic. Die Plattenfirma, so erzählt Günter Zint, habe dann einfach einen extra Raum angemietet, in dem alle gekleidet sein durften, wie sie wollten. Was für andere Zeiten das doch waren. 

„Hamburg Vinyl“: Mit Tom Waits’ „Rain Dogs“ ins Lehmitz

Die Auswahl der Cover in „Hamburg Vinyl“ reicht von Udo Lindenbergs „Reeperbahn“ (1977) über Palais Schaumburg in Hagenbecks Tierpark (1981) bis zu Jan Delays „Wir Kinder vom Bahnhof Soul“ (2009), fotografiert an der Sternbrücke. Ein ikonischer Ort der Hamburger Clubkultur, verewigt im Albumartwork. 

Vinyl, Hamburg, Hamburg Vinyl, Book, Buch, Records, Cover, Artwork, Photography, Bernd Jonkmanns, Journalist, Christoph Dallach, Onkel Pös, Tom Waits, Cher, Liverbirds

Eines der einprägsamsten Cover ist sicherlich das Bild des Fotografen Anders Petersen, mit dem Tom Waits’ Platte „Rain Dogs“ gestaltet wurde. Eine Ode an die Gestrandeten der Großstädte, so wie der Schwede Petersen sie von 1967 bis 1971 in der Kiezkneipe Lehmitz fotografierte. Auf dem Album schmiegt sich da ein junger Mann namens René schlafend oder betrunken an eine ältere Dame namens Lily, die den Erschöpften hysterisch lachend an sich drückt. Ohnehin ist St. Pauli erwartungsgemäß Ballungsgebiet für Albumcoverdesign, wie eine Karte vorne im Buch zeigt.  

Musik aus Hamburg auf allen Kanälen

Ganz so ungefördert, wie es im Vorwort zu „Hamburg Vinyl“ klingt, ist die hiesige Popkultur dank Labelförderung, Musikstadtfonds und Live Concert Account zum Glück übrigens nicht. Aber, da gebe ich den Verfassern recht: Es darf — gerade im Vergleich zu Hochkultur — gerne substanziell mehr Geld geben für all die schöne, schräge Musik aus und in der Hansestadt. Ob sie nun auf Vinyl erscheint, mit eindrucksvoller Optik, oder auf anderen Kanälen.     

„Hamburg Vinyl – 33 Hamburg-Cover und ihre Geschichte“ ist im Junius Verlag erschienen und kostet 24,99 Euro. 

Follow my blog with Bloglovin

And the winner is… Als Jurorin beim Landesrockfestival in Rostock

Landesrockfestival, Mecklenburg-Vorpommern, Rostock, band, contest, PopKW, concerts, Mau Club, winner, SOAB, Animal's Secret, Jury

An meinem Job liebe ich es besonders, neue Menschen und neue Musik kennenzulernen. Und mich mit ersteren über letzteres auszutauschen. Gerne nerdig, beherzt, detailversessen. Und mit der Passion für catchy Melodien. Für einen herzerweiternden Song. Für Überraschendes und Merkwürdiges. Für eine Energie, die trägt. An diesem Samstag kommt sehr viel von diesen beglückenden Faktoren zusammen. Der mecklenburg-vorpommersche Musikverband PopKW hat mich als Jurorin zu seinem Landesrockfestival nach Rostock eingeladen. 

Landesrockfestival, das klingt für manche Ohren erst einmal angestaubt. Aber Verbandschefin Selina Pavlitschek erzählt unserer Juryrunde beim Abendessen, dass dieser Wettbewerb eine lange Tradition hat. Und da sich der Titel nun einmal etabliert habe, solle er zur 27. Ausgabe nun auch nicht mehr geändert werden. Letztlich ist das Landesrockfestival aber offen für alle Pop-Genres. Und so erklingen in Rostock durchaus diverse Stile. 

Der M.A.U. Club in Rostock

Das Landesrockfestival geht im Rostocker M.A.U. Club über die Bühne, eine malerisch am Hafen gelegene Spielstätte mit angenehm alternativer Patina. 1996 ist das M.A.U. in diese Location gezogen. Und der angeschlossene Verein hat es sich explizit zur Aufgabe gemacht, „in Rostock die jugend- und soziokulturelle Vielfalt mit einem klaren Livemusikbezug zu fördern“. Das finde ich extrem unterstützenswert. Lässt sich doch mit reinen DJ-Abend in der Regel der schnellere Euro machen, da die gesamte Konzertproduktion wegfällt. 

Landesrockfestival, Mecklenburg-Vorpommern, Rostock, band, contest, PopKW, concerts, Mau Club, winner, SOAB, Animal's Secret, JuryBeim Landesrockfestival ist Livemusik in logistischer Reinkultur zu erleben. Sechs Bands stehen für jeweils 20-minütige Slots auf dem Programm. Während der flotten Umbaupausen ziehen wir Juroren uns in einen der Backstage-Räume zurück, um über das Gesehene und Gehörte zu diskutieren. Ich fühle mich sofort wohl an diesem Ort mit seinen vielen Aufklebern und Konzertplakaten von Tocotronic bis Vierkanttretlager. Und besonders glücklich bin ich mit meinen Mitjuroren. 

Lisa Reuter betreibt mit Kingmanagement ihre eigene Firma, mit der sie unter anderem die Band Milliarden, Singersongwriter Max Prosa und den Hamburger Rapper Fayzen betreut. Daniel Kempf ist ebenfalls Künstlermanager, zudem Booker und Veranstalter. Er hat das Immergut Festival begründet und auch dafür gesorgt, dass tolle Bands wie Arcade Fire und Death Cab For Cutie erstmals nach Deutschland kamen. 

Über Musik reden

Ich habe mich sehr gefreut, die beiden persönlich kennenzulernen. Welchen Zugang haben Menschen zu Musik? Wer achtet auf welche Aspekte? Und welche Worte lassen sich für ein Konzerterlebnis finden? Besonders gut gefällt mir, wie klug, klar, konstruktiv und vor allem leidenschaftlich Lisa und Daniel über die einzelnen Bands sprechen. Ohne Schnickschnack und Schönfärberei, aber mit reichlich Erfahrungswissen. Und mit viel Liebe zur Musik. An dieser Stelle also noch einmal einen herzlichen Dank an Selina von PopKW, dass sie uns so fein zusammengewürfelt hat. 

Über den Sinn und Zweck von Musikwettbewerben lässt sich natürlich vortrefflich streiten. Ist das nun cool oder uncool oder wie man sich fühlt? Für mich überwiegen die Vorteile: Newcomer bekommen eine Chance, sich zu präsentieren. Das Publikum erhält einen stilistisch gemixten Abend, der sich ein wenig nach Wundertüte anfühlt. Und die Gewinner kriegen bestenfalls noch finanzielle Unterstützung, um ihre Laufbahn weiter anzuschieben. Beim Landesrockfestival ist das eine durchaus stattliche Summe: Für den ersten Platz gibt es 4000 Euro Preisgeld. An eine zweite Band gehen zudem 3000 Euro als Tourförderung. 

Die Gewinner beim Landesrockfestival 2019: Animal’s Secret und SOAB

Zu erleben sind an diesem Abend im M.A.U.: akzentuierter Rock mit Funk- und Ska-Einflüssen von Jane And The Rain, souveräner wie energiegeladener Grunge von Range Of Movement, smarter Rap von Brigo und gospel-inspirierter Folkpop von Modicum Of Hope.

Auf dem zweiten Platz landen SOAP, die uns mit ihrer ultracharmanten Spielfreude sowie mit einem Sound zwischen Rock, Rap und Surfpunk überzeugen. Zudem besitzen ihre Lyrics eine beachtliche Bandbreite — von einer Spaßnummer übers Saufen bis hin zu einem emotionalen Song über Depression. SOAP hat bereits auf Festivals in Russland und China gespielt. Und ich bin gespannt, wohin sie mit ihrem Preisgeld noch reisen werden. 

Landesrockfestival, Mecklenburg-Vorpommern, Rostock, band, contest, PopKW, concerts, Mau Club, winner, SOAB, Animal's Secret, Jury
Animal’s Secret im Backstage des M.A.U. Club in Rostock

Unsere absolute Jury-Nummer-Eins ist Animal’s Secret. Vier naturcoole sowie freundliche Typen, die gerade ihr Abitur gemacht haben. Und die auf der Bühne sehr selbstverständlich einen irren Farb- und Mustermix tragen, den sich kein Hipster ausdenken kann. Vor allem beeindruckt uns aber der Sound: In einen Song baut dieses Quartett lässig so dermaßen viele Ideen, Hooks, Genres, Tempi- und Stimmwechsel ein, dass wir gebannt vor der Bühne stehen. 

Wie etwa ist dieser eine Popsong so schnell in eine Noise-Orgie geraten? Das ist alles mitunter noch etwas überbordend und unaufgeräumt, aber äußerst interessant. Und es macht Spaß. Hinzu kommt das Gefühl, dass da noch viel mehr gehen kann mit dieser Band. Ein Eindruck, den die Menge offenbar teilt: Auch der Publikumspreis geht an Animal’s Secret. Großer Jubel bei der Preisverleihung, die Moderator Tobias Wolff gegen Mitternacht in knackigem Flow über die Bühne bringt. 

Produktion in Bahrenfeld

Im Anschluss geben wir als Jury jeder Band noch Feedback zu ihrem Auftritt. Ich hoffe, dass unsere — natürlich jeweils subjektiven — Tipps und Ansichten alle motivieren, ihr ganz eigenes Ding weiterzuentwickeln. Von Animal’s Secret erfahren wir im Gespräch, dass sie mit Produzent Kristian Kühl in seinem Studio in Bahrenfeld bereits einige Songs aufgenommen haben. So gibt es sogar einen kleinen feinen Bezug gen Hamburg.

Es würde mich sehr freuen, die Band bald mit einer eigenen Show in einem Club irgendwo zwischen Elbe und Alster zu sehen. Damit Animal’s Secret kein Geheimtipp bleibt.  

Follow my blog with Bloglovin

Miu mit „Modern Retro Soul“: Sängerin und Strippenzieherin

Miu, Modern Retro Soul, Album, Cover, Music, record, Porträt, Singer, Soul, Jazz, Hamburg

Es gibt diesen einen prägnanten Satz auf dem neuen Album von Miu, der in mir direkt auf Heavy Rotation gegangen ist. Das liegt zum einen daran, dass der Song dazu einfach ungemein cool und beschwingt ins Herz hineinspaziert. Mit tänzelnder Orgel, pointierten Bläsersätzen und Mius lässig schillerndem Gesang.

Zum anderen erfasst dieser Satz aber auch bestens den künstlerischen Kosmos, den die Hamburger Musikerin um sich herum geschaffen hat. „I am working so hard / to make it look easy“, singt Miu auf ihrer dritten Platte „Modern Retro Soul“, die diesen Freitag erscheint. 

Wer bringt heutzutage denn noch ein Doppelalbum heraus?

Miu, Modern Retro Soul, Album, Cover, Music, record, Porträt, Singer, Soul, Jazz, Hamburg
alle Fotos von Zauke Photography

Oh ja, was hat diese Frau hart gearbeitet, um etwas wirklich Großes und Poetisches zu erschaffen. Wer bringt heutzutage denn noch ein Doppelalbum heraus? Und das dann auch noch als Independent-Künstlerin ohne Plattenfirma im Rücken? „Sing doch auf Deutsch“. Oder: „Veröffentliche doch lieber nur Singles nacheinander“. Allen Vermarktungstipps zum Trotz hat Miu ihr Ding durchgezogen. Und das mit Hilfe ihrer Fans, ihrer Freunde und ihrer ganz besonderen Energie. 

Ich habe Miu vor fünf Jahren bei einem Interview kennengelernt, das wir in ihrer damaligen Wohnung in Eidelstedt geführt haben. Ihre Katzen streiften ums Klavier. Und Marilyns Konterfei grüßte von der Wand. Damals hat mich Mius Charisma sofort angesteckt. Eine verspielte Ernsthaftigkeit. Augenzwinkernd und zugleich klar im Gespräch. In Musik und Stil wiederum verkörperte Miu für mich immer schon die Symbiose aus alter Seele und frischem Wind, aus old school und Zeitgeist.

Und das ist genau die Bandbreite, die sie auf „Modern Retro Soul“ wagt. Ihr Sound speist sich deutlich hörbar aus einer immensen Liebe für Ikonen des Soul, Jazz und Blues. Sie umarmt aber zugleich aktuelle Einflüsse von Pop bis Indierock.  Ella Fitzgerald trifft auf die Black Keys, Diana Ross auf Alabama Shakes. 

Miu, Sängerin und Songschreiberin, Geschäfts- und Do-It-Yourself-Frau

Da ist zum Beispiel „9 Lives“. Eine dunkel vibrierende Selbstbehauptungshymne, die einen mit sattem Beat und Twist auf die Tanzfläche zieht. Und mindestens neun Leben scheint Miu tatsächlich zu haben. Sie ist nicht nur Sängerin, Songschreiberin und Komponistin. Sie ist zugleich Geschäfts- und Do-It-Yourself-Frau, Labelbetreiberin und Alle-Strippen-Zieherin — etwa, wenn es darum geht, „mal eben“ Drehs für ihre Videos in Paris oder Spanien zu organisieren.

Miu, Modern Retro Soul, Album, Cover, Music, record, Porträt, Singer, Soul, Jazz, Hamburg

Zudem ist Miu leidenschaftliche Lobby-Arbeiterin: Mit Ladies.Artists.Friends. holt sie künstlerische Komplizinnen auf die Bühne. Bei RockCity, dem Hamburger Zentrum für Popularmusik, engagiert sie sich für fairere Bedingungen im Musikschaffen. Und bei der Hamburg School of Music gibt sie ihr Know-how als Dozentin weiter. Da ich als Selbstständige selbst ständig viele Bälle parallel in der Luft zu halten habe, inspirieren mich derart zupackende Menschen immer sehr. 

„Fuck You Very Much“, munter-wütender Abgesang auf die Musikbranche

Ihre Festanstellung als Marketing-Expertin in einer Werbeagentur hat Miu längst gekündigt, um sich mit Haut und Haaren ihrer Kunst zu widmen. Sicherheiten derart konsequent loszulassen, bedingt ja immer auch, sich seinen eigenen Ängsten zu stellen. Und dieser Mut, diese Lebensklugheit klingen in vielen ihrer aktuellen Songs an. Etwa in „Moving Out“. Ein Aufbruchssong, der bluesig brodelt. In dem die Gitarren spannungsgeladen verzerren. Und in dem Mius Stimme trotzig strahlt. 

Miu, Modern Retro Soul, Album, Cover, Music, record, Porträt, Singer, Soul, Jazz, HamburgSehr gut gefällt mir ebenfalls „Fuck You Very Much“. Ein munter-wütender Abgesang auf die Musikbranche und all ihre vermeintlichen gut gemeinten Ratschläge: „Nimm doch lieber zehn Kilo ab, dann bist du bestimmt erfolgreicher“. Oder: „Wir können dich nicht bezahlen für dein Konzert, aber dafür bekommst du ja die Aufmerksamkeit.“

Miu konnte es nicht mehr hören und hat lieber ihre Community mobilisiert. Mittels Crowdfunding hat sie mehr als 22.000 Euro für die Produktion von „Modern Retro Soul“ akquiriert. Als Dankeschön warten nun selbst gestrickte Mützen und Wohnzimmerkonzerte auf ihre vielen Sponsoren. 

Musikerinnen wie Amanda Palmer machen es derzeit eindrucksvoll vor, dass sich im Pop jenseits von gängigen Strukturen neue Finanzierungswege erschließen lassen. Palmer lässt sich nach einem Mitgliederprinzip von ihren „Patrons“ langfristig bei Projekten fördern. Das bedeutet im Umkehrschluss vor allem: eine intensive Interaktion mit der eigenen Community.

Neu justieren, dem eigenen Sound nachspüren

Auch Miu tauscht sich auf vielen verschiedenen Ebenen mit ihren Fans aus. Über Social Media und in ihrem eigenen Podcast „Modus Miu“ erzählt sie regelmäßig von ihren Aktivitäten rund um Album und Auftritte, etwa von den Aufnahmen zu „Modern Retro Soul“ im Studio Nord bei Produzent Gregor Henning. Und ihre Community hat auch ein Wörtchen mitzureden: Miu lässt zum Beispiel abstimmen, wie ihr Merchandise aussehen soll.

Musik auf all diesen Ebenen zu erschaffen, zu verbreiten und mit der eigenen Persönlichkeit zu beleben, ist exakt Mius Sache. Dass ist ihr in jeder Begegnung — ob nun online oder offline — deutlich anzumerken. Doch all das zu jonglieren, ist eben auch: „working hard to make it look easy“. In ihrer Minidoku zu „Modern Retro Soul“ (wann auch immer sie die noch gedreht und geschnitten hat) erzählt Miu offen von der Belastung als Berufsmusikerin dieser Tage. Dass sie sich nach ihren beiden ersten Alben erst einmal wieder neu justieren musste. Viel Musik hören. Ihrem eigenen Sound nachspüren. Um dann nach und nach Einflüsse von außen herein zu lassen.

Instrumentelle Bandbreite von Mellotron bis zu Streichern

Ihr Partner, der Musiker und Produzent Magnus Landsberg, hat sich bei „Modern Retro Soul“ ebenso eingebracht wie zahlreiche befreundete Popkünstlerinnen und -künstler, etwa Kristoffer Hünecke von Revolverheld und Ben Schadow von Rhonda, die Soloartisten Jonathan Jeremiah und Emma Longard, Songschreiberin Jim Button und Sängerin Sarajane. 

Miu, Modern Retro Soul, Album, Cover, Music, record, Porträt, Singer, Soul, Jazz, HamburgDass das Album organisch gewachsen ist, ist deutlich zu hören. Sowohl musikalisch mit einer instrumentellen Bandbreite von Mellotron bis zu Streichern, als auch inhaltlich. „Modern Retro Soul“ lotet unsere Existenz aus. Von einem düsteren Drama wie „Holy Grail“ bis zum verheißungsvollen Schmelz von „So Much More“.

„Modern Retro Soul war für mich eine Reise, bei der ich den Sinn wiedergefunden habe, warum ich eigentlich Musik mache“, sagt Miu. Ich bin wirklich gespannt, wohin ihr Weg mit dieser Platte führen wird. Und wie sie all die neuen Nummern mit ihrer Band umsetzen wird. Live habe ich Miu bereits in unterschiedlichsten Locations erlebt — vom lauschigen Gartenfest bis zur Elbphilharmonie.

Für mein Empfinden, hat Miu mit ihrem Doppelalbum auf mehreren Ebenen riesige Sprünge hingelegt. Ihre Stimme ist noch vielfältiger geworden. Erdig, verletzlich, cool, selbstbewusst, aufregend, leuchtend. Die Stücke sind feiner arrangiert, detailverliebter. Sie hat sich stilistisch geöffnet. Und ist doch umso mehr sie selbst. 

Follow my blog with Bloglovin

Reeperbahn Festival — Fazit 2019: Lasst uns reden

Anchor Award, St. Pauli Theater, Hamburg, Reeperbahn Festival, Bob Rock, Toni Visconti, Peaches, Kate Nash

Vier Tage Reeperbahn Festival sind vorüber. Und all die erlebten Konzerte, aber vor allem all die Begegnungen rotieren in mir. Bei der 14. Ausgabe der stetig wachsenden Hamburger Clubsause ging es für mich diesmal vor allem um eines: Kommunikation. Wenn, wie in diesem Jahr, mehr als 50.000 Popfans und darunter 5900 Konferenzteilnehmer zu Konzerten, Kunstprogramm und Diskussionsrunden zusammenkommen, stellt sich ganz automatisch die Frage: Wie tauschen sich all diese Menschen aus?

Reeperbahn Festival, Festival Village, atmosphere, St. Pauli
Reeperbahn Festival Village, fotografiert von Dario Dumancic (Titelbild von Stephan Wallocha)

Der Einstieg in diese gesprächsintensive Welt namens Reeperbahn Festival war für mich ein Termin, der gar nicht auf dem offiziellen Programm stand: das Nett-Working des Labels Euphorie, der Booking-Agentur Koralle Blau, des Clubs Uebel & Gefährlich sowie weiterer blitzgescheiter Musikakteure aus Hamburg. Was kann einer Großveranstaltung eigentlich Besseres passieren, als dass sich die wirklich coolen Kids an die Sache ranhängen? Solche Off-Aktionen adeln meiner Ansicht nach jedes Mainstream-Event. 

Reeperbahn Festival: vieles in Bewegung gekommen

Das Nett-Working-Team hatte im Guerilla-Style vor den Kiosk an der Reeperbahn Nr. 5 geladen. Als ich dort am frühen Nachmittag ankam, war der Bürgersteig bereits voller munter plaudernder Leute. Ich brauche immer einen Moment, um mich an solch große Ansammlungen zu gewöhnen. Aber die Gastgeber haben alle Eintreffenden so herzlich willkommen geheißen, dass der Übergang wirklich leicht fiel. Das ist für mich eine enorme Qualität: Kontakt aufbauen. Einander wirklich wahrnehmen. Menschen in Verbindung bringen. Und dann war da noch: Sonne. Ein erstes Alster. Und ein zweites. Offene Gesichter. Und sehr lustige Unterhaltungen.

Rollerskate Jam, Autoscooter, Heiligengeistfeld, Festival Village
Neu im Festival Village: die tolle Skate-Disco im Autoscooter vom Rollerskate Jam, fotografiert von Lisa Meinen

Für mich ist bei diesem Reeperbahn Festival vieles in Bewegung gekommen. Sowohl persönlich als auch inhaltlich. Den größten Einfluss hatte meiner Ansicht nach die internationale Initiative Keychange, die sich für Geschlechtergerechtigkeit einsetzt: Bis 2022 sollen ebenso viele weibliche, trans- und non-binäre Künstlerinnen und Künstler auf den Bühnen musizieren, singen, reden, ausrasten und sich zeigen wie Männer.

Keychange und die Folgen

Aus verschiedenen Gründen stand ich einer Quotenregelung lange Zeit mit gemischten Gefühlen gegenüber. Geht es nicht um die Musik an sich, unabhängig von wem sie kommt? Und liefert eine 50/50-Regelung nicht all den Gestrigen noch mehr Argumente, dass eine Frau dann eben nur aufgrund der Statistik und nicht wegen ihrer Qualifikation dort steht, spielt, spricht? 

Wie sich das Reeperbahn Festival in den vergangenen Jahren entwickelt hat, ist jedoch ein äußerst gutes Beispiel dafür, dass eine Quote zu Hundert Prozent sinnvoll ist als Übergangslösung hin zu einer ganz selbstverständlichen Gleichberechtigung. Was für ein Segen, wenn sich Pop derart ausdrücklich mit gesellschaftlich wichtigen Prozessen verbindet. Mich persönlich hat es extrem inspiriert, bei der Eröffnungsveranstaltung engagierte und empathische Ladies wie Charlotte Roche, Peaches und Kate Nash zu erleben. Der Tonfall ändert sich. Die Themen ebenso. Auch in all den Gesprächen, die ich im Laufe des Reeperbahn Festivals geführt habe. 

Der Festival Award Helga: vehementes Querdenkertum

Noch nie habe ich mich in so kurzer Zeit mit so vielen verschiedenen Menschen geballt  und kontrovers über Gleichberechtigung ausgetauscht: Wie überfällig dieser Ausgleich ist. Wie sich Männer in dieser Bewegung positionieren. Und dass „Frauenmusik“ bitte ein für allemal wirklich kein eigenes Genre ist. The times they are a-changin’. Und wie das nun mal so ist bei aufbrechenden Strukturen: Die Kommunikation gestaltet sich in diesem Prozess mitunter ebenfalls durchaus eruptiv. Zu erleben war das unter anderem bei der Verleihung des Festival-Awards Helga am Donnerstag im Imperial Theater. 

Helga Award, Carsten Schumacher, Bernd Begemann, Imperial Theater
Carsten Schumacher und Bernd Begemann moderierten im Imperial Theater den Helga Award

Ich war in diesem Jahr Teil der Jury für die Kategorie „Inspirierendste Festivalidee“. Gewonnen hat das alínæ lumr, das in der ostdeutschen Provinz mit einem bunt-diversen Programm gegen kulturelle Ödnis und braune Versumpfung ansteuert. Das vehemente Querdenkertum des alínæ lumr-Teams zeigte sich auf der Bühne überdeutlich: Jene, die den Preis entgegennahmen, merkten mit Nachdruck an, dass doch zwei Frauen im nächsten Jahr den Award moderieren könnten. Die beiden Gastgeber Carsten Schumacher und Bernd Begemann, die den Helga auch in diesem Jahr mit gewohnt anarchischer Euphorie angeschoben haben, reagierten erst einmal sichtlich und hörbar verdutzt. Keine angenehme Situation.  

Mir erschien das ganze Szenario wie eine Familienfeier, bei der einiges Ungesagte auf den Tisch kommt: Das anfangs gut gelaunte Fest kippt in den Konflikt, geht aber dennoch weiter. Ob Provokation das Mittel der Wahl sein muss, sei dahingestellt. Und vor allem der teils harsche Tonfall hat mich noch nachdenklicher gestimmt, wie Menschen miteinander umgehen. Und inwiefern die Aggressivität so mancher Diskussion in den sozialen Medien auch vor der eigenen Filterblase sowie dem realen Leben nicht halt macht. Aber langfristig betrachtet kann durch das Tohuwabohu bei den Helga Awards ja durchaus eine konstruktive Kraft entstehen. Ich bin gespannt darauf. 

Bausa statt Foals: Die Schonfrist ist vorbei

Kommunikation kann immer wieder auch schief laufen. Gerade, wenn so viele unterschiedliche Akteure beteiligt sind. So rief es enorme Verwunderung hervor, dass auf der Warner-Nacht am Freitag nach dem krankheitsbedingten Ausfall der Band Foals als Ersatz der Rapper Bausa auftrat. Dessen teils heftig sexistische sowie homophobe Texte laufen der Botschaft der Keychange-Initiative diametral entgegen. Die Kollegen von Kaput — Magazin für Insolvenz und Pop haben auf Facebook eine Aussage des Reeperbahn Festivals veröffentlicht. Das Festival-Team erklärt: Sie halten es für einen Fehler, dass Bausa in der Warner Music Night auftritt. 

Das Statement besagt weiter: „Bausa wurde von Warner Music nach der kurzfristigen Absage der Indie-Band Foals ohne Rücksprache mit uns oder dem Team des Docks als Spielstätte nachträglich in das Line-Up der Warner Music Night genommen. In der vergangenen 14-jährigen engen Zusammenarbeit mit Warner Music wurden wir bislang in die Auswahl aller Künstler*innen einbezogen. Eine Vorgehensweise wie diese hätten wir uns trotz der Kurzfristigkeit auch für diesen Künstler gewünscht.“ Dass sich das Reeperbahn Festival derart ausdrücklich gegenüber einem Majorlabel und wichtigen Partner positioniert, finde ich überraschend — und stark. Die Schonfrist ist definitiv vorbei.

Doors Open, Reeperbahn Festival, Operettenhaus, St. Pauli

Clubkultur als Basis: „Molotow must stay“

All diese Prozesse können auf dem Reeperbahn Festival jedoch nur in Gang kommen mit all den grandios arbeitenden Clubs als Grundlage. Das Molotow wählte seine ganz eigene Art der Kommunikation: über Buttons und Aufkleber, die das Team eifrig verteilte. Leider ist der Slogan „Molotow must stay“, der während der Diskussion um die Esso-Häuser entstand, auch am Standort Nobistor wieder aktuell. Steigende Mieten bedeuten eine extrem unsichere Zukunft für das weit über Hamburg hinaus bekannte Zuhause von Indie und Rock. 

Was tun? Das Molotow selbst empfiehlt zunächst: „Geht mehr auf Konzerte. Kauft Merch und versucht so, eine vielfältige Clubkultur am Leben zu erhalten. Das gilt im Übrigen nicht nur für das Molotow, sondern für alle Subkultur-Clubs, die aktive Newcomer-Förderung und spannende Programme abseits des Mainstreams auf die Beine stellen.“ Denn im Endeffekt sind mit dem (nach wie vor) vielfältigen Programm in Hamburg jeden Tag Entdeckungen wie auf dem Reeperbahn Festival zu machen.

Welche Band fandest Du am besten — und warum?

Das ist natürlich integraler Bestandteil des Reeperbahn Festivals: All die Gespräche mit Freunden über Musik. Welche Band fandest Du am besten — und warum? Mich haben unter anderem die Niederländer Feng Suave mit ihrem traumwandlerischen Softrock fasziniert: Die Band spielte ihre Instrumente einfach mit einer unglaublich feinsinnigen Chemie. Wie beglückend sich Stimmen ineinander verweben und aneinander reiben können, durfte ich bei Ider im Häkken erleben. Und der Australier Dobby hat mit seinem frischen Old-School-Rap einfach extrem toll mit dem Publikum kommuniziert. Flow auf und vor der Bühne.

Dobby, Australian, Hiphop, Rap, Molotow Skybar, Reeperbahn Festival
Dobby in der Molotow Skybar

Das Reeperbahn Festival ist ein Driften durch musikalische und emotionale Zustände. Dahinschmelzen bei Celeste im Imperial Theater. Weinen bei Anna Ternheim in der Elbphilharmonie. Staunen bei The Hormones im Nochtspeicher. Und Ausrasten zu Rebecca Lou im Indra. 

Anna Ternheim, Kaiser Quartett, Elbphilharmonie
Anna Ternheim und das Kaiser Quartett in der Elbphilharmonie, fotografiert von Florian Trykowski

Panels moderieren: „30 Years Of Wacken“

Am Donnerstag habe ich dann zum ersten Mal den Seitenwechsel vollzogen und saß selbst auf der Bühne, um zwei Panels zu moderieren. Und, was soll ich sagen: Es hat unfassbar viel Spaß gemacht. Mit den Festivalgründern Thomas Jensen und Holger Hübner sprach ich im gut gefüllten Schmidtchen über „30 Years Of Wacken“. Mich beeindruckt immer wieder, wenn Menschen mit einer gewissen Punk-Attitüde mit Projekten anfangen und diese dann leidenschaftsgetrieben wachsen. Dieses Machen und Tun, so erzählte Holger, sei nach wie vor das beste Prinzip. Sprich: Planen und Reflektieren gehören natürlich dazu, aber letztlich muss irgendwann das Ausprobieren folgen. 

Das Gespräch habe ich nicht alleine geführt, sondern gemeinsam mit Jon Chapple vom britischen Musikbusinessmagazin IQ. Und das ist ein weiterer Effekt des Reeperbahn Festivals und seiner angegliederten Konferenz: Fachleute aus der ganzen Welt kommen zusammen, reden miteinander, arbeiten gemeinsam. Besonders gefreut hat mich, dass Jon beim International Music Journalism Award des Reeperbahn Festivals zum besten Musikbusinessjournalisten gekürt wurde. Herzlichen Glückwunsch!

Session zu Online-Marketing von Live Events

Mein zweites Panel in einer Suite des Onyx Hotels drehte sich um „Concerts, Content & Communication“, also um Strategien in der digitalen Kommunikation und im Online-Marketing von Live Events. In die Runde konnte ich auch diverse Anregungen aus der Music Business Summer School einbringen, die dem Reeperbahn Festival vorgelagert ist. Ich bin nach wie vor begeistert, wie klug das Konferenz-Team das Panel zusammengestellt hat. 

Meine Fragen gingen an Festival-Profi András Berta aus Ungarn, PR-Stratege Thomas Bohnet aus München und Marketing-Experte Moritz Bremer von Neuland Concerts. Eine beruhigende Erkenntnis aus der Session kam von András: Trotz all der Datenanalyse im Online-Bereich sei die Kommunikation im Live-Bereich nach wie vor ein People’s Business. Sprich: Reden hilft nach wie vor. Thank god!

Magische Momente mit Peaches, Kate Nash und Alyona Alyona

Und dann gab es beim Reeperbahn Festival noch diese magischen Momente, die das Zwischenmenschliche feiern. Jede und jeder wird da seine ganz eigene Geschichte erzählen können. Für mich war es der Moment, als die Jury beim Anchor Award gemeinsam Bowies „Moonage Daydream“ spielte — und Peaches zusammen mit Kate Nash auf einmal ins Publikum stürmte.

Peaches, Anchor Award
Peaches beim Anchor Award, fotografiert von Nadine Wenzlick

Die beiden suchten sich ausgerechnet unsere Sitzreihe aus, um mitten in der Menge ein Arme wedelndes Happening zu starten. Als Peaches auf mich zukam, fühlte ich mich wie ein fünfjähriges Kind, an dessen Geburtstag gerade eine riesige tolle Torte hereingetragen wird. Als sie dann direkt neben mir zur Party animierte, schwankte meine Mimik munter zwischen OMG OMG OMG und Honigkuchenpferdgrinsen. 

Und das Empowerment riss nicht ab: Die ukrainische Rapperin Alyona Alyona gewann den Anchor Award. Eine Persönlichkeit, die im positiven Sinne mehrfach Grenzen überschreitet. Die mit ihren Lyrics nicht auf Nummer sicher geht. Und gerade deshalb zum Austausch anregt. Also: Lasst uns weiter reden. Und natürlich Musik hören. 

Alyona Alyona, Ukraine, Hiphop, Anchor Award
Alyona Alyona meets Biggy Pop, fotografiert von Anne Kleinfeld

Follow my blog with Bloglovin

Zum Weiterlesen mein Blick aufs vergangene Jahr:

Reeperbahn Festival 2018, Tag 4 – Finale und Fazit

Music Business Summer School: Wie funktioniert Marketing im Pop?

Music Business Summer School, Hamburg Media School, IHM, Tik Tok, Twitch, Marketing, Music Promotion, Pop, Business, Apps, Digital Marketing, Social Media, Workshops, classrooms

Das fröhliche Pop-Remmidemmi namens Reeperbahn Festival steht vor der Türe — mit seinen mehr als 900 Programmpunkten von Live-Musik über Posterkunst bis hin zu Film. Ich bin dieses Jahr erstmals auch als Moderatorin dabei und bin schon äußerst gespannt auf meine Gesprächsgäste. Doch bevor die große Popsause vom 18. bis 21. September auf St. Pauli steigt, lädt die Interessengemeinschaft Hamburger Musikwirtschaft, kurz IHM, im nun mehr siebten Jahr zu seiner Music Business Summer School. 

Eine Woche lang bieten Profis aus dem Musikgeschäft maßgeschneiderte Seminare und Workshops. Und da die jeweiligen Kurse mit maximal 20 Leuten extra übersichtlich gehalten werden, entstehen schnell anregende Diskussionen. Ich bin großer Fan davon, wenn geballt Know-how zusammenkommt und ein offener Austausch möglich ist. Von daher freue ich mich, dass die IHM mich auch in diesem Jahr als Gasthörerin für einen Tag eingeladen hat. Über meinen ersten Besuch bei der Music Business Summer School habe ich im vergangenen Jahr bereits auf dem Blog geschrieben. 

Music Business Summer School: aus der Branche für die Branche

Ort und Struktur sind gleich geblieben: Erneut kooperiert die IHM mit der Hamburger Media School und nutzt die einladend hellen Räume an der Finkenau. Und wie 2018 befasst sich die Music Business Summer School parallel mit drei Bereichen des Popgeschäfts: Labelarbeit und Vertriebsmangament (Recorded Music), Veranstaltungswirtschaft (Live Entertainment) und Musikverlagswesen (Music Publishing).

Music Business Summer School, Hamburg Media School, IHM, Tik Tok, Twitch, Marketing, Music Promotion, Pop, Business, Apps, Digital Marketing, Social Media, Workshops, classrooms

Diese Weiterbildungswoche funktioniert nach dem Prinzip: „aus der Branche für die Branche“. Von daher kommt auch auf Teilnehmerseite bereits reichlich Erfahrung zusammen: Die meisten arbeiten bei Plattenfirmen oder Konzertagenturen, in der Promotion oder in Clubs. Oder sie befinden sich mitten in der Ausbildung und holen sich eine extra Portion Wissen aus erster Hand. 

Marketing bei Warner Music mit Larissa Lüters

Ich habe mir einen Tag ausgesucht, an dem das Thema Marketing im Mittelpunkt steht. Mir gefällt an diesem Bereich, dass das Traditionelle fortwährend mit dem Innovativen kombiniert werden muss. Am Vormittag spricht Larissa Lüters, Senior Brand Manager bei Warner Music, zwei kurzweilige Stunden über ihre Arbeit.

Music Business Summer School, Hamburg Media School, IHM, Tik Tok, Twitch, Marketing, Music Promotion, Pop, Business, Apps, Digital Marketing, Social Media, Workshops, classroomsDas klassische Denken von Albumveröffentlichung zu Albumveröffentlichung sei längst aufgebrochen. Bei Rockbands wie Linkin Park, Slipknot und Panic! At The Disco, die zu Larissas Portfolio gehören, gehe es vielmehr darum, konstant am Aufbau der künstlerischen Marke zu arbeiten. Und das geschieht mit einer Vielzahl von Aktionen, die sich aufgrund der Digitalisierung zunehmend komplexer gestalten. 

Beruhigend zu hören: Auch im Marketing lautet die Devise nicht zwingend „viel hilft viel“. Zunächst gelte es, so erzählt Larissa, die Entfaltung einer Band aufmerksam zu beobachten. Entwickelt sich ein Song — zum Beispiel in den USA oder Groß Britannien — zum Hit, sei das einer von vielen Hinweisen darauf, nun auch im Bereich Deutschland / Österreich / Schweiz aktiv zu werden. 

Von klassischer Pressearbeit bis zum LiveStreaming-Videoportal Twitch

Larissa erläutert, wie sich eine Marketingkampagne planen lässt. Und welche Fragen sich dabei stellen. Welches Produkt möchte ich überhaupt verkaufen? Eine einzelne Single oder ein Album? Welches Ziel verfolgen Künstler und Team langfristig? Welches Budget habe ich? Und wie viel Zeit? Ausführlich stellt Larissa ihren Marketing-Werkzeugkasten vor — von Offline-Maßnahmen wie Plakatierung, Print-Anzeigen und Fan-Events über klassische Pressearbeit bis hin zur stetig wachsenden Zahl von Online-Möglichkeiten. Neben Standard-Social-Media-Plattformen wie Facebook und Instagram geht sie intensiver auf das Live-Streaming-Videoportal Twitch ein. 

Hauptsächlich wird Twitch genutzt, um live Gaming-Sessions zu übertragen — inklusive Kommentierung durch Spieler und Zuschauer. Ein hochgradig interaktives Format, in dem sie Musik sehr zielgerichtet platzieren könne, erklärt Larissa. So lasse sich zum Beispiel filtern, ob ein Song nur bei Minecraft oder etwa überhaupt nicht bei Ballerspielen eingesetzt werden solle. Aber auch im reinen Musikbereich findet Twitch bereits Anwendung. DJs veröffentlichen live ihre Sets, Bands zeigen ihre Proben und Musikfans streamen ihren Besuch bei Festivals.

Beispiel: die Popband Kaleo und ihre Single „Way Down We Go“

Eine Plattform wie Twitch eignet sich natürlich nicht zur Vermarktung jedes Genres. Am Beispiel des Warner-Acts Kaleo zeigt Larissa, wie deren Single „Way Down We Go“ über die TV-Serie „Blindspot“ erfolgreich wurde. Messbar daran, dass zahlreiche Fernsehzuschauer den Song noch während der Ausstrahlung über den Erkennungsdienst Shazam abgerufen hätten. Neben der steten Analyse solcher Zahlen sei jedoch das Bauchgefühl nach wie vor wichtig, betont die Marketing-Expertin.

Music Business Summer School, Hamburg Media School, IHM, Tik Tok, Twitch, Marketing, Music Promotion, Pop, Business, Apps, Digital Marketing, Social Media, Workshops, classrooms

In der Mittagspause versammeln sich alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Music Business Summer School auf dem Balkon, der alle Seminarräumen säumt. Die Sonne scheint. Und das Catering hat Zutaten für leckere Bowls bereitgestellt. Zeit, das Gehörte sacken zu lassen. Und sich zu unterhalten. Ich setze mich zu zwei tollen umtriebigen Ladies, die ich schon länger aus der Hamburger Musikszene kenne. 

Vorteile der Music Business Summer School: lernen und netzwerken

Imke Machura betreibt das Netzwerk Raketerei, das Popkünstlerinnen beim Einstieg in die Branche unterstützt. Und sie arbeitet seit fünf Jahren gemeinsam mit dem Jazzposaunist Nils Wogram für dessen Label nWog Records, unter anderem als Produktmanagerin. „Ich habe mir alles selbst beigebracht. Ich nutze die Music Business Summer School, um zu überprüfen, ob ich irgendwo blind spots habe, ob ich also etwas übersehe in meiner Arbeit. Und natürlich bin ich zum Netzwerken hier“, erzählt Imke gut gelaunt. Sie überlegt, sich nächstes Jahr für den Bereich Musikverlagswesen einzuschreiben. 

Julia Nordholz ist DJ, Schauspielerin, Moderatorin, Kulturwissenschaftlerin, Projektmanagerin und seit neuestem Sprecherin des VUT Nord, dem Verband unabhängiger Musikunternehmen. „Mir gefällt vor allem das entspannte Klima, sich auszutauschen. Über die einzelnen Bereiche hinweg können wir über Gemeinsamkeiten und Defizite sprechen“, sagt Julia über die Music Business School. Sie treibt vor allem die Frage um: „Wie lassen sich Independent-Firmen am Musikstandort Hamburg besser unterstützen?“ 

Bereits diese kurze Begegnung zeigt, wie engagiert bei der Music Business Summer School Themen diskutiert werden. Und ein wenig Klassenfahrtsgefühl darf natürlich auch nicht fehlen. So erfahre ich zudem, dass jenseits des Kursprogramms gemeinsame Ausflüge wie eine Barkassenfahrt auf der Elbe oder ein Musikquiz im Gängeviertel anliegen. Doch zunächst gilt es, am Nachmittag weitere Einsichten in die Popbranche zu gewinnen.

Marketing im Live Entertainment mit Experten von FKP Scorpio

Im Bereich Live Entertainment sprechen Katja Wittenstein und Dario Dumancic von der Hamburger Konzertagentur FKP Scorpio über Veranstaltungsmarketing. Die Firma wurde 1990 von Folkert Koopmans gegründet und hat mittlerweile neben Deutschland Büros in sieben weiteren Ländern mit insgesamt 200 Mitarbeitern. FKP ist eine Tochtergesellschaft des Ticket-Unternehmens CTS Eventim und zählt zu den größten Festivalveranstaltern Europas. Ich finde es extrem aufschlussreich, direkten Input aus solch einem hoch professionalisierten Kontext zu erhalten. 

Allein Katjas Vita zeigt, wie sehr sich der Live-Sektor gewandelt hat: Vor 15 Jahren hat sie bei FKP angefangen, damals als „eierlegende Wollmilchsau“, wie sie erzählt. Mittlerweile  hat sich ihr Aufgabenfeld stark fokussiert: Sie ist Director Marketing mit einem Team von 21 Leuten. Dazu gehört seit fünf Jahren auch Dario als Head Of Digital Marketing. 

Welche Kampagnen funktionieren — und welche nicht?

Mir gefällt sehr gut, wie anschaulich und vor allem humorvoll die beiden einen Überblick geben über ihr Gebiet. Katja schlüsselt auf, wer welche Medien nutzt und wie sich so mit dem Marketing entsprechend andocken lässt. Sympathisch: Nach dem Prinzip „aus Fehlern lernen“ zeigen die zwei auch, welche Aktivitäten nicht so gut funktioniert haben. So führte etwa eine TV-Kampagne für die FKP-Festivals Hurricane und Southside 2019 nicht zu gesteigertem Kartenverkauf, obwohl mit The Cure und den Foo Fighters durchaus eine ältere (noch Fernsehen schauende) Zielgruppe zu erreichen gewesen wäre. 

Music Business Summer School, Hamburg Media School, IHM, Tik Tok, Twitch, Marketing, Music Promotion, Pop, Business, Apps, Digital Marketing, Social Media, Workshops, classrooms

Bei den vielen Marketing-Beispielen aus dem analogen Bereich, die Katja gibt, finde ich ihre Ausführungen zu den so genannten City Lights besonders interessant. Ich persönlich nehme die beleuchteten Werbeträger im Stadtbild genauso wahr wie geklebte Papierplakate an Bauzäunen. Katja berichtet jedoch, dass die City Lights eine deutlich höhere Werbewirkung erzielen würden als klassische Poster. Zudem fungieren sie — wie etwa eine 360-Grad-Animation von Greenpeace zeigt — als Schnittstelle hin zum Digitalen. 

Konkrete Tipps fürs digitale Marketing

Und somit sind wir an diesem Nachmittag bei der Music Business School in Darios Domäne angelangt. Seine Schilderungen veranschaulichen eindrücklich, wie sehr sich das digitale Marketing in den vergangenen Jahren diversifiziert hat. Gefühlt hätte er eine Woche sprechen können über Webseiten und E-Mail-Marketing, über Apps und Social-Media-Plattformen — und wie sich mit ihnen bis in den Mikrobereich hinein Zielgruppen ansteuern lassen. 

Toll finde ich, dass Dario zahlreiche konkrete Tipps gibt, was aktuell wichtig ist für digitales Marketing: Daten pflegen und analysieren, aber den gesunden Menschenverstand dabei nicht ausschalten. Verstärkt Bewegtbild auf verschiedenen Kanälen anwenden. Zudem gelte: Frequenz ist nicht alles, Ästhetik und Inhalt führen häufig nachhaltiger zum Ziel. Und Dario motiviert dazu, neugierig zu sein auf den steten Wandel, der sich online ereignet. So stellt er auf Nachfrage aus dem Kurs TikTok ausführlicher vor.

Die App TikTok: Adele-Challenge mit Gummibärchen

Dreh- und Angelpunkt der chinesischen App sind die sogenannten Challenges, die durch Hahstags verbreitet werden. Bekannt ist zum Beispiel die Adele-Challenge: Ihr Hit „Someone Like You“ wird da von Usern mit Gummibärchen, Avengers-Figuren oder Getränkedosen nachgestellt. Ein weitere Besonderheit bei TikTok sei der Ansatz, dass man die Plattform auch komplett ohne Registrierung nutzen kann und anderen Accounts nicht folgen muss, um die Inhalte zu konsumieren, erläutert Dario. 

Seine abschließende Erkenntnis lässt sich bestens auf verschiedene Lebensbereiche anwenden: „Es gibt nicht die eine Wahrheit. Also recherchiert, bildet Euch weiter und seid vor allem mutig, Dinge auszuprobieren.“ 

Ich jedenfalls bin auch nach meinem zweiten Besuch sehr angetan von der großen Praxisnähe und konstruktiven wie inspirierenden Atmosphäre bei der Music Business Summer School. Und ich bin gespannt, wie sich das Projekt in den kommenden Jahren weiterentwickeln wird. 

Follow my blog with Bloglovin

Nørden Festival: Immer noch die Musik

Nørden Festival, Schleswig, Baltic Sea, Festival, Open air, Niels Frevert, Grapell, Janos, concerts, art, culture, theatre, literature, schlei

„Aufräumen mit Marie Kondo“ ist eine beliebte Netflix-Serie, in der Menschen lernen können, das Volumen an Dingen in den eigenen vier Wänden zu vermindern. Die Poetry-Slammerin Selina Seemann erzählt auf der Bühne des Nørden Festivals in Schleswig ihre ganz eigene Version von Entrümpelung: Sie gerät in einen regelrechten Ausmist-Wahn — so lange, bis ihre Wohnung komplett niederbrennt und nur eine auf ihrer Schulter hockende Socke übrig bleibt. 

Nørden Festival, Schleswig, Baltic Sea, Festival, Open air, Niels Frevert, Grapell, Janos, concerts, art, culture, theatre, literature, schleiDas Bedürfnis nach Reduktion und Übersicht ist in unseren komplexen Tagen offenbar besonders ausgeprägt — wie auch immer wir es dann zu erfüllen versuchen. Insofern passt Selina Seemanns Text hervorragend zu dem Open Air, das an drei Wochenenden noch bis zum 15. September an der Schlei stattfindet.

Auf diesem Blog hatte ich bereits im vergangenen Jahr über meinen ersten Besuch beim Nørden Festival geschrieben. Und über das Konzept, Pop, Kunst, Literatur, Film, Straßentheater sowie Workshop-Angebote aus dem baltischen und skandinavischen Raum zu präsentieren. Um mir anzuschauen, wie sich das Nørden Festival bei seiner zweiten Ausgabe entwickelt hat, fahre ich am Sonntag mit zwei Freundinnen von Hamburg aus Richtung dänische Grenze. 

Nørden Festival: Poetry Slam und schwedischer Pop

Zunächst fällt auf, dass die Buden mit Handwerkskunst und Kulinarischem nun kompakter beieinander stehen. Die kleine Flaniermeile, die direkt beim Eingang beginnt, gefällt mir gut. Und da bei der Gästezahl trotz steigender Tendenz angesichts des großzügigen Geländes weiterhin Luft nach oben ist, freuen sich die Anbieter gewiss über gebündelte Besucherströme.

Nørden Festival, Schleswig, Baltic Sea, Festival, Open air, Niels Frevert, Grapell, Janos, concerts, art, culture, theatre, literature, schlei
Der Schwede Janos auf der Gartenbühne an der Schlei.

Was mir beim Nørden Festival erneut extrem gut gefällt, ist die im besten Sinne entschleunigende Wirkung. Ich bin zwar durchaus Fan von Krawall und Remmidemmi. Aber dass es da nicht — wie bei anderen Open Airs — an jeder Stelle wummert und lockt und kracht und promotet, ist für so einen Spätsommersonntag durchaus angenehm. Wir schlendern zum Strand und über Steg, der ins spiegelglatte Wasser ragt. Und wir betrachten jene, die nur mit einem Handtuch bekleidet dampfend am Ufer stehen, da sie soeben aus dem Sauna-Fass kommen. 

Zeit, sich einzulassen. Zum Beispiel auf den Vortrag der Autorinnen und Autoren beim Norden Slam. Auf Texte wie den von Quinn Christiansen, der mitreißend und überaus amüsant erzählt, wie normal Homosexualität ist. Der Schwede Janos wiederum sieht mit Sonnenbrille, Sweatshirt und Ballonseidenhose aus, als käme er gerade von einem 72-Stunden-Rave. Doch dann singt er auf der lauschigen Gartenbühne mit Blick auf die Schlei schönste Singersongwriter-Oden. Ihm folgen seine Landsleute Grapell, die den Nachmittag mit ihren mehrstimmigen Popharmonien angenehm soft dahindriften lassen.

Niels Frevert: auch mal nach Norden reisen

Besonders freue ich mich beim Nørden Festival auf das Konzert von Niels Frevert am frühen Abend. Seine lebensklugen Songs sind mir seit Jahren gute Begleiter, Katalysatoren und mitunter auch Rettungsanker. Erst zwei Tage zuvor ist sein neues Album „Putzlicht“ erschienen: Gitarrenpop über das Ringen nach Worten und die Suche nach Schönheit. Doch beim Auftritt auf der Hauptbühne setzt er mit seiner Band zunächst auf alte Vertraute. Auf Lieder wie „Baukran“ und „Speisewagen“. Und selbstironisch gibt es die Nummer „Der Typ, der nie übt“. Vor dem Losfahren hätten sie noch proben müssen, sagt Frevert. Nun gut. Hier und da ein verpasster Einsatz. Aber Dynamik und Details der Musik, die sind doch sehr beglückend.

Nørden Festival, Schleswig, Baltic Sea, Festival, Open air, Niels Frevert, Grapell, Janos, concerts, art, culture, theatre, literature, schleiUnd Frevert ist gut aufgelegt. Ein schöner Kontrast zu seinen berührenden Stücken. Toll sei es, erzählt der Musiker, für ein Konzert auch mal nach Norden zu reisen und nicht immer nur nach Süden. Und überhaupt: Wo denn die Schleswiger so ihre Platten kaufen würden. „Haithabu-Vinyl“ rufen einige aus dem Publikum.

Mit Stücken wie „Immer noch die Musik“, „Putzlicht“  und „Als könnte man die Sterne berühren“ kommt dann noch reichlich neues Material. Und die hell tänzelnden Gitarren und der sehnsuchtsvolle Gesang verweben sich mit der Dämmerung und fliegen fort mit den dunklen Vogelschwärmen, die vorbeiziehen. Lichter gehen an. Ein Blinken am Horizont. Als ob das Glück schon immer so war.

Follow my blog with Bloglovin

Nørden Festival, Schleswig, Baltic Sea, Festival, Open air, Niels Frevert, Grapell, Janos, concerts, art, culture, theatre, literature, schlei

Biggy Pop – Take Five: Meine Hamburger Pop-Woche

Take Five, Biggy Pop, Mirror Balls, record Player, Rosita Stereo

Bei „Biggy Pop – Take Five“ geht es heute um meine ganz persönliche Popwoche, aus der ich fünf Aspekte herausgepickt habe. Und das war gar nicht so einfach. Denn in dem Zeitfenster, in dem wir uns gerade befinden, ist schlichtweg irre viel los.

Die Sommerferien sind vorbei. Das musikalische Leben nimmt auch jenseits von Open Airs wieder Fahrt auf. Und bevor das Reeperbahn Festival popkulturell alles in einem großen Strudel absorbiert, bitten Veranstalter und Netzwerker noch einmal um unsere bestenfalls ungeteilte Aufmerksamkeit. Tage und vor allem Abende, an denen ich mich hervorragend fünfteilen könnte, ohne dass es in Hamburg langweilig würde.

Die hier herausgestellten Punkte von „Biggy Pop – Take Five“ sollen vor allem abbilden, wie vielfältig die hiesige Szene agiert. Und beim Lesen möchte ich definitiv dazu anregen, rauszugehen und mitzumischen. Viel Spaß!

1. Sommerfest von Clubkombinat und Popup Records

Auf dem Gelände von Sommer in Altona mit seinem hübschen Zirkuszelt lud die Bahrenfelder Plattenfirma Popup Records am Montag gemeinsam mit dem Clubkombinat Hamburg zum Sommerfest. Ein lauschiges Hallo von rund 300 passionierten Pop-Arbeitern und Musik-Nerds in unmittelbarer Nähe zur Reeperbahn.

Clubkombinat, Sommerfest, Popup Records, Label, Pop, Hamburg, Panel, Clubs, Sommer in Altona, Music, Networking, Gettogether

Für mich hatte der Abend noch eine besondere Bedeutung. Denn das Clubkombinat, das sich für die Belange der Hamburger Spielstätten einsetzt, feiert in diesem Jahr seinen 15. Geburtstag — und ich durfte eine vierteilige Dokumentation zum Jubiläum verfassen. Zudem erzählt ein Film die Geschichte des Vereins, dessen Dreh ich journalistisch begleitet habe. 

Clubkombinat, Sommerfest, Popup Records, Label, Pop, Hamburg, Panel, Clubs, Sommer in Altona, Music, Networking, Gettogether
Fotos: Clubkombinat

An diesem Abend wurde jedoch nicht nur getrunken und geredet, sondern auch öffentlich diskutiert. Unter dem Titel „15 Jahre Clubkombinat — Music was my first love“ unterhielten sich Susanne „Leo“ Leonhard (Docks/Prinzenbar), Claudia Mohr (Waagenbau), Holger Jass (Ex-Onkel Pö) und der Rapper Das Bo. Moderiert wurde der Talk von meiner grandiosen NDR-Kollegin Siri Keil, die mit mir zum Team des neuen Formats Nachtclub Überpop gehört. Ich liebe es, wenn auf einem Fleck derart geballtes Pop-Engagement zusammenkommt. 

2. MusicHHwomen MeetUp

Unglaublich viel popkulturelle Kompetenz und Leidenschaft war am Dienstag beim Netzwerktreffen der Initiative MusicHHwomen zu erleben. Bei schwül-dampfenden Höchsttemperaturen versammelten sich Popkünstlerinnen und Musiker, Journalistinnen, PR-Fachfrauen, Veranstalterinnen, Labelmitarbeiterinnen, Bookerinnen, Technikerinnen und Musikmalocherinnen unterm Dach der Bar Kleiner Donner in der Schanze. Die Community hat sich 2017 mit dem Ziel gegründet, all den coolen Ladies aus dem Business eine Plattform zu bieten. Der Verein RockCity Hamburg, treibende Kraft hinter diesem Netzwerk, bot einen ersten Einblick in die MusicHHwomen-Datenbank, die offiziell zum Reeperbahn Festival gelauncht wird. 

Rockcity, musicHHwomen, networking, women, pop, business, meetup, database, speaker, biggy pop

Ich bin immer wieder stark beeindruckt, welch konstruktive Atmosphäre das RockCity-Team zu erzeugen versteht. An diesem Abend durfte ich als eine von vier Speakerinnen von meinem Werdegang als Musikjournalistin und Texterin erzählen. Im Anschluss wurden wir Expertinnen an Tische gesetzt, um individuell Fragen zu beantworten. Ich bin ganz baff, mit wie viel Elan und Persönlichkeit zahlreiche Frauen in die Branche drängen. Dutzende inspirierende Gespräche und Kurz-Coachings später radelte ich erfüllt nach Hause.

Rockcity, musicHHwomen, networking, women, pop, business, meetup, database, speaker, biggy pop, Doreen Schimk, Warner Music
Doreen Schimk von Warner Music im Gespräch, fotografiert von Julia Schwendtner (ebenso obiges Foto)

Besonders nachhaltig bin ich von den anderen Speakerinnen und ihren Geschichten begeistert: Die einflussreiche Musikmanagerin Rita Flügge-Timm erzählte klug davon, wie sie ihren Weg ins Musikgeschäft fand und welche Begegnungen von Falco über Roger Cicero bis zu Udo Lindenberg sie in ihrem Schaffen geprägt haben. Promotion-Powerhouse Doreen Schimk von Warner Music berichtete leidenschaftlich von ihrer Flucht aus der DDR 1988, vom Engagement in der Roten Flora bis hin zu ihrer heutigen Major-Position mit Dutzenden Mitarbeitern. Und Pianistin Gudrun Lehmann schilderte aufschlussreich, warum sie bevorzugt Musik für Filme und Serien komponiert — und weshalb sie sich für Pro Quote Film einsetzt. Moderiert wurde diese anregende Sause von Sängerin Sarajane.

3. Neue Konzertorte für Hamburg

Das altehrwürdige Hansa Theater ist eigentlich ein Ort für bunte Varieté-Abende mit dressierten Tieren und bauchredenden Menschen, mit Artisten und Clowns. Jetzt haben sich die Betreiber Thomas Collien und Ulrich Waller entschlossen, das Haus am Steindamm nahe des Hauptbahnhofs erstmals für Konzerte zu öffnen. Gemeinsam mit dem Musikjournalisten Stefan Krulle gründeten sie den St. George Club — benannt nach dem Viertel, in dem das plüschige Theater mit seinen knapp 500 Sitzen beheimatet ist. Den Anfang machte am Mittwoch — bei gefühlt 50 Grad Raumtemperatur — der Jazztrompeter Nils Wülker mit seiner Band. Ein eindringliches Konzert, dessen guter Sound große Lust macht auf mehr Musik im Hansa Theater. 

Ich freue mich immer, wenn sich in der Stadt weitere Spielstätten finden, wo Pop zu erleben ist. Von daher bin ich sehr gespannt auf die neue Open-Air-Fläche, die nun für die Saison 2020 angekündigt wurde. Im Juli nächsten Jahres will STP Hamburg Konzerte auf dem Gelände vor dem Volksparkstadion eine Reihe von Konzerten mit bis zu 20.000 Besuchern veranstalten. Als erste bestätigte Show treten am 11. Juli 2019 die Rapper Alligatoah, Pimpulsiv, DNP und Sudden alias Trailerpark auf. Eingeweiht wurde das Areal bereits im August 2017 mit einem ausverkauften Konzert der dänischen Band Volbeat. Weitere Ankündigungen sollen in den kommenden Wochen folgen.

4. Aktuelle Alben aus Hamburg

Onejiru, Record, Cover, Higher Than High, Singer, Hamburg, KeniaWie rührig die Hamburger Pop-Szene ist, lässt sich zum Glück nicht nur an Arbeiten im Hintergrund ablesen, sondern auch an neuen Veröffentlichungen. In der Popkolumne des Hamburger Abendblatts schreibe ich über die aktuellen Alben von Sängerin und Aktivistin Onejiru, von Slacker-Queen Ilgen-Nur, von der Soul-Supergroup namens Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen sowie von Keele, deren Album ich zudem bereits auf dem Blog besprochen habe.

5. Auflegen auf der Hedi

Für mich ist es immer ein ganz besonderes Erlebnis, auf der Barkasse Frau Hedi Musik aufzulegen. Meistens agiere ich solo als Biggy Pop — natürlich immer verstärkt durch ein tolles Skipper- und Barteam.

DJ, Biggy Pop, Frau Hedi, boat, cruise, Hamburg, Harbour, Club, PartyDiesen Samstag geht es jedoch mit meinem heiß geliebten Radiokollektiv Das Draht an Bord. Normalerweise produzieren wir journalistisch kuratierte Sendungen für das Internetradio Byte FM. Ab 19.30 Uhr geht es mit Soul, Hiphop, Indierock und Pop aber wogend  über die Elbe. Ich liebe es, die Atmosphäre unter den Anwesenden musikalisch aufzugreifen und mit meinem Set zu euphorisieren. Außerdem: Hafen und Herzblut, Schnaps und Sound — mehr Sommer geht kaum. Kommt gerne vorbei, es gibt noch Karten. 

Follow my blog with Bloglovin

Die Höchste Eisenbahn: Pop und Pasta im Molotow

Die Höchste Eisenbahn, Album, Tapete Records, Ich glaub dir alles, Pop, Release, concert, Molotow, Club, Hamburg, St. Pauli

Es gibt Bands, die strahlen eine große Wärme und Offenheit aus. Etwa, wenn sie singen: „Ich will das Leben / und ich will, dass es mich will“. Zu erleben ist das ganz konkret vor einigen Tagen im Molotow. Die Höchste Eisenbahn aus Berlin hat zum Konzert nach St. Pauli gebeten, um die Veröffentlichung ihres dritten Albums „Ich glaub dir alles“ zu feiern. 

Die Höchste Eisenbahn, Album, Tapete Records, Ich glaub dir alles, Pop, Release, concert, Molotow, Club, Hamburg, St. PauliNach einem vollen Tag hänge ich mit Hirn und Herz noch halb in Arbeitsdingen, als ich am Club ankomme. Der Hinterhof des Molotow dampft vom Regen. Und vom Nudelwasser. Denn Eisenbahner Francesco Wilking verteilt gemeinsam mit Schlagzeuger Max Schröder Pasta samt Soße an die Gäste. Moritz Krämer wiederum – wie Wilking Sänger, Gitarrist und Keyboarder der Band – schenkt Wein aus. Und Bassist Felix Weigt legt im DJ-Container beglückende Popsongs auf.

Die besten Partys finden in der Küche statt. Selbst wenn diese zwischen hohen Mauern auf dem Kiez improvisiert ist. Selbst wenn das Nudelwasser direkt über dem Gullideckel abgegossen wird. Womöglich gerade dann.

Humorvoll in ihren Ansagen, gastfreundlich in ihren Songs

Ein Ankommen in Musik. Gucken und Hallo. Umarmen und Gespräche. Gerade erst gesehen. Eine ganze Weile nicht gesprochen. Ging es neulich noch lange? Nächste Konzerte? Privates und Politik. Dies und das. Reichlich vertraute Gesichter. Und viele neue. Manche sind später in dem Video von Die Höchste Eisenbahn zu sehen, dass nebenbei in einer Ecke des Molotow-Hofs fotografiert wird. 

Die Höchste Eisenbahn, Album, Tapete Records, Ich glaub dir alles, PopWährend in der Küchenecke in Ermangelung weiterer Soße neue Nudelrezepte ausprobiert werden, spielt Die Höchste Eisenbahn ein etwa einstündiges Set. Humorvoll in ihren Ansagen ist die Band. Und gastfreundlich auch in ihren Songs, die eine umarmende Qualität haben.

Was mir bei der neuen Platte wieder super gefällt, ist der ganz eigene Blick auf das, was man Lebenswirklichkeit nennt: irgendwie quer draufgeschaut, mit kluger Leichtigkeit, zudem mit beiläufiger Nonchalance besungen. Die Songs sind im allerbesten Sinne catchy, verspielt, poppig. Rote Luftballons und kleine fiese Monster. Hallo Welt. Hallo Harmonie.

Die Höchste Eisenbahn fabriziert eine Art smarte Disco

Besonders eindrücklich ist mir von diesem Konzert das Stück „Kinder der Angst“ im Kopf geblieben. 80er-Keyboard-Drive, treibender Beat, akzentuiert beschwingte Gitarren, Handclap-Charme und euphorischer Wechselgesang. „Ich sing so lange, bis ihr mich alle liebt“, verkünden Wilking und Krämer. Alles geht so beherzt nach vorne, dass die dunkel dräuenden Wolken am Himmel kurz rosarot erscheinen. Die Höchste Eisenbahn fabriziert eine Art smarte Disco, in der die Angst und die Liebe gemeinsam feiern dürfen. 

Die Höchste Eisenbahn sind Moritz Krämer (Gesang, Texte, Gitarre, Klavier/Synthies), Francesco Wilking (Gesang, Texte, Gitarre, Klavier/Synthies), Felix Weigt (Bass, Klavier/Synthies, Klanglabor), Max Schröder (Schlagzeug, Percussion)
Die Höchste Eisenbahn sind (v.l.) Moritz Krämer (Gesang, Texte, Gitarre, Klavier/Synthies), Felix Weigt (Bass, Klavier/Synthies, Klanglabor), Max Schröder (Schlagzeug, Percussion) und Francesco Wilking (Gesang, Texte, Gitarre, Klavier/Synthies). Fotografiert von Joachim Gern.

Produziert hat das neue Album Moses Schneider (u.a. Annenmaykanntereit, Tocotronic, Dendemann). Erschienen ist es beim Hamburger Label Tapete Records, wo vor zehn Jahren mit „Jedes Tier“ auch das bisher letzte Studioalbum von Wilkings Band Tele erschien. Die Popband kenne ich noch aus ihrer Freiburger Zeit, wo sie sich Anfang der Nuller-Jahre gründete. 

Ich liebe es sehr, wenn bestimmte Stimmen zu Lebensbegleitern werden. Und wenn sich dieser Sound immer wieder wandelt und in neuen Kontexten erscheint. So spannt sich ein popkultureller Bogen von der Vergangenheit bis in die Zukunft, in dem sich die eigene Biografie widerspiegelt. Ein musikalischer Halt. Und ein Aufbruch mit jedem neuen Song. 

Follow my blog with Bloglovin