Open Club Day: Safari durch St. Paulis Spielstätten

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Tagsüber auf dem Hamburger Kiez unterwegs zu sein, ist für mich die ehrlichere Variante. Keine Dunkelheit, die das Triste einhüllt. Kein Neonlicht, das das Schäbige ausblendet. Die großen kleinen Glücksversprechen leuchten noch nicht so stark. Die Bürgersteige sind noch nicht so überladen mit Suchenden und Torkelnden, Glotzenden und sich bald Vermählenden. Ein ganz normales besonderes Viertel ist St. Pauli vor den Abendstunden. Ich mag diese Atmosphäre sehr, wenn der Stadtteil noch nicht nächtlich verwandelt ist. Von daher bin ich sofort dabei, als das Clubkombinat Hamburg am frühen Samstagnachmittag zum dritten Open Club Day lädt. Und ich bin offenbar nicht die einzige.

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Gut hundert Menschen warten vor dem Kaiserkeller auf der Großen Freiheit, um an der popkulturellen Tour zum Open Club Day teilzunehmen. Unser Guide Jan-Kristian Nickel vom Clubkombinat, der uns in den kommenden drei Stunden von Club zu Club führen wird, ist offensichtlich erstaunt ob des Zuspruchs. Und ich bin begeistert, wie gemischt die Gruppe für diese Club Safari ist. Junge  Hamburger, Zugezogene, aber auch viele Ältere schieben sich die Treppe in den legendären Club hinab. Ein Mann erzählt mir, dass seine Frau und er um die Ecke gewohnt haben. Ihren Hochzeitsunterricht hätten sie vor 40 Jahren in der gegenüberliegenden St. Joseph Kirche gehabt. Die läutet dann auch direkt mal, als wolle sie auf sich aufmerksam machen. Ich liebe solche Geschichten. Sie zeigen, dass St. Pauli viel mehr ist als ein von Touristen geflutetes Amüsierquartier.

Station 1: Kaiserkeller — von den Beatles bis zu Gothic Rock

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Bookerin Alina Gast (schwarzer Hoodie) und Jan-Kristian Nickel vom Clubkombinat (rechts) begrüßen die Gäste bei der ersten Station des Open Club Day auf St. Pauli

Unten im Kaiserkeller erläutert Bookerin Alina Gast kurz und knackig die bewegte Historie des 1959 eröffneten Clubs. Die sogenannte Beatles-Lounge erinnert daran, wie Gründer Bruno Koschmider die späteren Fab Four in dem Kellerladen spielen ließ. Mittlerweile hat der Kaiserkeller einen starken Fokus auf Partys zwischen Metal, Gothic und Rock. Und donnerstags treten Newcomerbands auf. Dass noch unbekannte Gruppen Auftrittsmöglichkeiten brauchen, ist immer wieder Thema auf dieser Tour zum Open Club Day. Und dass Clubs aufgrund steigender Mieten gleichzeitig bekannte Acts brauchen, die den Club füllen.

Die Philosophie des Open Club Day — europaweite Solidarität

Um auf die diversen Problemlagen aufmerksam zu machen, wurde 2018 europaweit der Open Club Day ins Leben gerufen. Vor allem soll dieser Tag aber die tolle Arbeit der Spielstätten zeigen. Das Herzblut. Das Know-how. Die Inspiration, die von Livemusik ausgeht. Konzerte und Clubkultur sind Teil des europäischen Selbstverständnisses. Deshalb öffnen mehr als 115 Clubs in 15 Ländern Europas ihre Türen für Gäste. Auch für jene, die sich womöglich nicht mehr im Nachtleben tummeln. Oder deren Freunde zu bequem sind, wie mir eine junge Teilnehmerin erzählt. An diesem Tag kann sie bestimmt gute Argumente sammeln, um ihre Leute mal zu einem Club-Bummel auf der Reeperbahn zu bewegen.

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Die Beatles Lounge im Kaiserkeller

Beim Open Club Day geht es darum, Hemmschwellen abzubauen. Die Anbindung an die Nachbarschaft und die Stadt ist ebenso wichtig wie das Empowerment von Clubbetreibern und Veranstalterinnen. „Der Open Club Day verbindet lokale Bühnen in ganz Europa in einer starken solidarischen Bewegung, die ihre Bedeutung als kulturelle, ökonomische und soziale Akteure bekräftigt“, heißt es auf der Seite zum Open Club Day.

Ich selbst habe mit 15, 16 Jahren angefangen, in Clubs zu gehen (die damals noch Discos hießen). Und ich kann gar nicht genug betonen, wie persönlichkeitsfördernd all die Stunden in diesen musikalischen, subkulturellen und freiheitlichen Zusammenhängen waren. Gemeinschaft, Eigensinn, Kunst, Konflikt, Tanz, Utopie. All das lässt sich in Clubs lernen.

Station 2: Lehmitz — auf dem Tresen tanzen

Lehmitz, Bar, Reeperbahn, Open Club Day, Hamburg, St. Pauli, ClubkombinatIn Hamburg existiert zum Glück (noch) eine unglaubliche Vielfalt, um Livemusik zu erleben und in ganz eigene popkulturelle Welten abzutauchen. Zum Beispiel die nächste Station auf unserer Tour. Das traditionsreiche Lehmitz. Eine wilde Kneipe. Und eine der wenigen inhabergeführten Läden auf dem Kiez.

Lehmitz, Bar, Reeperbahn, Open Club Day, Hamburg, St. Pauli, Clubkombinat, JägermeisterSeit 20 Jahren steht Bea Schulz hinterm Tresen, neben den auch schon mal „gepullert“ wird, wie sie unserer Gruppe erzählt. Diese mit allen Wassern und Schnäpsen gewaschene Frau hat bestimmt Anekdoten von St. Pauli bis zum Mond und zurück parat. Die Bühne im Lehmitz sei jedenfalls zu klein, weshalb die Gitarristen gerne mal auf der Bar spielen. Bea jongliert dann die Biere zwischen den Beinen der Musiker. Grandios.

Station 3: Häkken — 1, 2, 3, Soundcheck

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Die Band Smoothica auf der Bühne des Häkken

Die Tour zum Open Club Day zieht weiter ins Häkken im 2015 eröffneten Klubhaus St. Pauli. Kontrastprogramm. Klare Betonästhetik. Viel Licht. Und ein Balkon, der den Blick freigibt auf den Spielbudenplatz. Alex Schmitz, Chef für den reibungslosen Ablauf im Club an diesem Tag, erläutert das Geschehen auf der kleinen Bühne. Die junge Hamburger Band Smoothica, die einen feinen Mix aus Soul und Pop produziert, ist gerade beim Soundcheck.

Station 4: Bahnhof St. Pauli — Gema-Gebühren und Discokugelglanz

Bahnhof Pauli, Club, St. Pauli, Open Club DayZwei Etagen tiefer wiederum begegnen wir dem wie immer charmant schlecht gelaunten Alban Qoku, der im Bahnhof Pauli gerade auf die Band Twin Temple aus Los Angeles wartet.

Alban Qoku, Bahnhof Pauli, Club, St. Pauli, Metal, Rock, Mixer, CablesSatanischer Doo-Wop steht am Abend auf dem Programm. Klingt spannend. Bevor die Musik ertönt, schmiert Alban aber erst einmal ein paar Brötchen für die Crew. Eigentlich ist er Booker. Aber im Club-Betrieb hat letztlich niemand nur eine Aufgabe. Alban erläutert sehr realistisch, womit Spielstätten von Gema-Gebühren bis zu Ticketpreisentwicklungen zu kämpfen haben. Und auf Wunsch wirft er dann noch die große Discokugel an in diesem coolen Laden, der wie ein U-Bahn-Schacht gestaltet ist.

Station 5: Molotow — mit dem Fotoapparat durch den Karate-Keller

Aus der Dunkelheit geht es wieder hoch auf den Kiez und zur letzten Station des Open Club Day. Ins Molotow, über das ich bereits mehrfach hier auf dem Blog geschrieben habe, unter anderem über das Festival Burger Invasion. Fenja Möller, zuständig für Booking, PR und Produktion, erläutert die wechselvolle Raumsituation des 1990 eröffneten Molotow. Von den baufälligen Esso-Häusern am anderen Ende der Reeperbahn zog der Club über eine Interimslocation in das heutige dreigeschossige Domizil am Nobistor. Langfristige Zukunft: ungewiss.

An diesem Nachmittag ist es aber erst einmal amüsant und schön zu beobachten, wie die Damen und Herren mit ihren Fotoapparaten zum Beispiel den wunderbar räudigen Karate-Keller erkunden. Eine Mini-Bühne unter dem Hauptsaal des Molotow, die äußerst wichtig ist gerade für Newcomerbands.

 

Abschluss des Open Club Day: Polittalk zur Clubkultur

Open Club Day, Hamburg, St. Pauli, Clubkombinat, Molotow, MusicclubWie bedeutend solche Freiräume für die Musikstadt Hamburg sind, darum geht es in dem Polittalk am frühen Abend. Auf der Bühne des Molotow diskutieren unter dem Motto „Quo Vadis, Clubkultur 2020?“: Hansjörg Schmidt (SPD), René Gögge (Grüne), Ria Schröder (FDP), Dietrich Wersich (CDU) und Norbert Hackbusch (Die Linke) mit Thore Debor, Geschäftsführer des Clubkombinat Hamburg. Zudem sitzen auch Abgesandte einiger Spielstätten wie Nochtspeicher, Gängeviertel und Stubnitz im Publikum.

Als Interessenvertretung der Spielstätten- und Veranstaltungsszene hat das Clubkombinat sogenannte Wahlprüfsteine erarbeitet. Anhand dieser Eckpunkte prüft der Verein, was die einzelnen Parteien in Sachen Clubkultur in Hinblick auf die Hamburger Bürgerschaftswahl am 23. Februar 2020 planen. Die Themen der Diskussion gestalten sich umfangreich: Einrichtung eines Schallschutzfonds, Open-Air-Flächen im Hafenbereich, Bezüge aus der Tourismustaxe, Kulturschutzgebiete für Clubs, Bekämpfung von Mietwucher und die generelle Philosophie der Musikstadt Hamburg.

Leuchtturmprojekte versus Basisförderung?

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Thore Debor, Geschäftsführer des Clubkombinat Hamburg, im Gespräch mit René Gögge (Grüne), Ria Schröder (FDP), Dietrich Wersich (CDU), Hansjörg Schmidt (SPD) und Norbert Hackbusch (Die Linke) auf der Bühne des Molotow (v.l.)

Diskussionsleiter Thore legt den Fokus insgesamt stark auf den finanziellen Aspekt. Mit dem Live Concert Account hat das Clubkombinat gemeinsam mit der Kulturbehörde ein Instrument geschaffen, mit dem Clubs unkompliziert ihre Gema-Gebühren erstattet bekommen. Momentan sind 240.000 Euro von der Kulturbehörde im Topf. Zudem 35.700 Euro aus der Clubstiftung, die Gelder mit Hilfe eines eigenen Ticketing-Modells generiert. 2019 wurden so 59 Clubs mit 6022 Veranstaltungen und 726.000 Gästen gefördert.

Ich führe diese Zahlen deshalb so detailliert auf, da sie zeigen: Clubkultur ist kein Peanutsgeschäft. Und Livemusik verbindet. Hansjörg Schmidt von der SPD erklärt, dass nach wie vor ein gigantisches Missverhältnis bestehe zu der Unterstützung anderer Kulturbereiche. Die Privattheater etwa erhielten Millionen. Das Clubkombinat fordert daher eine Erhöhung des Live Concert Accounts auf 800.000 Euro. Ein konkretes Bekenntnis zu dieser Summe bleibt jedoch, gerade von den regierenden Parteien, aus.

Nobert Hackbusch von Die Linke setzt die Basisförderung, wie sie der Live Concert Account bietet, in Kontrast zu der „Wunderschatulle“, mit der der SPD-Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs (und sein CDU-Kollegen Rüdiger Kruse) Kulturgelder nach Hamburg bringen. Allein das Reeperbahn Festival erhält künftig 20 Millionen Euro zusätzliche Bundesmittel, wurde im November 2019 verkündet.

Mit der Kita in den Club?

Die Frage ist, wie sinnvoll popkulturelle Grabenkämpfe sind im Stile von: Wir wollen einen Teil von Eurem Kuchen. Schließlich lenkt ein Event wie das Reeperbahn Festival den Blick auch positiv auf die Clubkultur. Aber Hamburg müsse sich schon fragen, meint Thore, wie es um das Verhältnis von Basisförderung und Leuchtturmprojekten bestellt ist.

Ein Bewusstsein für Clubkultur und Livemusik zu schaffen, beginnt — so eine Stimme aus dem Publikum — bereits im Kindesalter. Wieso soll jedes Kind einmal die Elbphilharmonie besichtigen, aber nicht einen Musikclub auf St. Pauli? So ließe sich ein „Kulturbegriff für alle“ langfristig gewiss besser gestalten. Es bleibt viel zu tun.

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„Biggy Pop — Take Five“: Popmomente der Zehnerjahre

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Tschüs Zehnerjahre. Ahoi 20er. Ob sie nun wild, ruhig oder komplex werden mögen. In meiner Reihe „Biggy Pop — Take Five“ geht es heute um prägende persönliche Popmomente des vergangenen Jahrzehnts. Letztlich gibt es Hunderte und Tausende solcher Situationen, die musikalisch aufgeladen sind. Die bewegend, lehrreich und herzerweiternd waren. Aber womöglich bleiben jene Erlebnisse am ehesten in Erinnerung, die überdeutlich zeigen: Musik verbindet. 

Flight Of The Conchords in Kopenhagen: Die Reise zum Nerd

2010 war für mich das Jahr des Nerds. Ich überlegte, mit „Nerdship“ eine Singlebörse für merkwürdige Menschen zu eröffnen. Ich schrieb fürs Hamburger Abendblatt eine Geschichte über die Kultur des Kauzigen mit der Überschrift: „Im Informationszeitalter sind wir die Alpha-Männchen“. Ich kaufte trotz guter Augen eine Brille mit schwarzem Gestell, um meinen inneren Nerd zu kanalisieren. Und noch lieber als „The Big Bang Theory“ schaute ich „Flight Of The Conchords“. Jene Serie über zwei Neuseeländer in New York, die sich als Singer-Songwriter durchschlagen, aber so arm sind, dass sie sich eine Kaffeetasse teilen müssen. Ihre grandiosen Parodien auf Popsongs und Musikstile könnten einen natürlich zu der These verleiten: Es gibt nichts Neues mehr. Es bleibt nur noch, sich über Altes lustig zu machen. Aber da ich ja Kulturoptimistin bin, waren Flight Of The Conchords für mich einfach ein schön-schrulliger Auftakt der Zehnerjahre. Eine Aufforderung, quer auf die Dinge zu blicken.

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Beim Auflegen mit dem Radiokollektiv Das Draht in der Hasenschaukel auf St. Pauli 2010. Die Bar schloss 2016

Um dieses Lebensgefühl zu feiern, fuhren wir zu viert nach Kopenhagen, um unsere Underdog-Helden Flight Of The Conchords live zu erleben. In meinem Fotoalbum nannte ich die Reise den All-Girl-Nerd-Weekender. Unser Auto fing kurz vor Lübeck an, Geräusche zu machen. Ein Zwischenstopp bei einer Werkstatt am Wegesrand ergab, dass wir mit einem Mietwagen weiterfahren mussten. In Kopenhagen stellte sich heraus, dass es einen Buchungsfehler gab, weshalb wir ersatzweise in einem unglaublich versifften Bed And Breakfast einquartiert wurden. Die Stadt war teuer und ausgebucht. Also blieben wir. Am Kühlschrank hingen Fotos unserer Vermieterin Ulla aus besseren Tagen. Und wir überlegten, was wohl in der Zwischenzeit passiert sein mag. Warum irgendwann die Kraft fehlte, sich und die Wohnung zu sortieren. Wir stromerten durch die pittoreske Stadt. Unbeschwerte Tage voller neu wachsender Witze. Von dem Konzert im Falconer Salen weiß ich nur noch, dass wir relativ weit weg von der Bühne saßen. Dass es lustig, aber nicht weltbewegend war. Die guten Momente hatten wir bereits vorher geschaffen. 

Pulp und Sufjan Stevens beim Primavera Festival: Nostalgie und Neues

Im Jahr 2011 reisten wir zum Primavera nach Barcelona. Anlass war, dass die von uns verehrten Pulp ihr erstes Reunion-Konzert für das Festival angekündigt hatten. Wir waren also so alt geworden, dass wir Bands aus unserer Vergangenheit neu aufleben lassen wollten. Dass wir ein Gefühl von Aufbruch suchten, dass uns in den 1990er-Jahren prägte. „Let’s all meet up in the year 2000“, sang Jarvis Cocker damals. Wie weit das schon wieder weg schien. Und so standen wir um halb zwei nachts in der spanischen Sommernacht auf dem Asphaltboden des Open-Air-Geländes inmitten von Fans, die aus Manchester angereist waren. Und wir schrieen die Verse mit, als müssten wir ihre Gültigkeit lautstark in den dunklen Himmel meißeln. „Wanna live with common people like you.“ War das nun das Ende der Ironie und der Anfang der absoluten Retromania? Oder ein Abschied, der Platz machte für etwas Neues? Für Sufjan Stevens zum Beispiel, der ebenfalls auf dem Festival spielte.

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Fly me to the moon: Sufjan Stevens beim Primavera Festival 2011.

Keinen Künstler habe im Laufe der Zehnerjahre mehr angehört, schätze ich. Damals war ich noch kein Hardcore-Fan, aber wir stellten uns für sein Indoor-Konzert in einer Art Messehalle an. Und als er mit seinem Konzert begann, verschob sich etwas in mir. Einer dieser Popmomente, der abgespeichert bleibt, weil sich etwas öffnete. Verwirrend und beglückend und überwältigend. Die Band startete. Und ich fing an zu weinen. Heulen ist wohl das bessere Wort. Ich konnte ebenso wenig aufhören wie der Typ in der Reihe hinter mir. Eine spezielle Energie lag im Raum. Sufjan Stevens trug Engelsflügel. Und bunte Luftballons stiegen mit den Harmonien und der Melancholie und der Hoffnung empor. Ich bin immer wieder zutiefst dankbar, wenn sich solche magischen Popmomente ereignen. Nicht planbar. Und wunderschön.

Nils Koppruch: Abschiede und Weiterwirken

Die Zehnerjahre waren die Dekade, in der der Tod Einzug hielt. Privat und popkulturell. Die einfache Erkenntnis bleibt: Trauer ist letztlich der Auftrag, noch intensiver und bedachter zu leben. Noch freudvoller. Noch verzeihender. Noch leichter. Genannt sei an dieser Stelle Nils Koppruch. Gestorben am 10. Oktober 2012. Ich hatte noch nie einen Nachruf geschrieben über jemanden, den ich persönlich kannte. An diesem Tag bei der Zeitung zog ich mich in ein Einzelbüro zurück und hörte seine Lieder. Ich erinnerte mich an ein Kaffeetrinken an der Wohlwillstraße auf St. Pauli. Eine Stunde Wahrhaftigkeit, nach der andere ihr Leben lang suchen. Offener Blick unter Stirnfransen. Dieses Tiefe und Verschmitzte.

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Vernissage in der Galerie Oberfett mit Bildern von Nils Koppruch 2017

Immer wieder kommen Menschen zusammen, um sich von den Bildern inspirieren zu lassen, die Nils Koppruch geschaffen hat. Musikalisch und als Maler. Da war zum Beispiel dieser Abend in der Galerie Oberfett in Altona im September 2017, wo die Werke von Nils Koppruch zu einer einmaligen Ausstellung zusammengetragen wurden. Aus Wohn- und Kinderzimmern, Küchen, Büros und Cafés brachten Freunde und Fans seine Kunst herbei. Hirsche, Vögel und Wale. Badende und Angler. Nackte und Trinkende. Aus der Zeit und ins Leben gefallen. Und immer wieder singen Menschen seine Lieder. So zum Beispiel die Band Staring Girl bei einem Konzert im Knust Anfang 2019. Das Gute bleibt. Und verbindet. Nils Koppruch wusste das, als er sang: „Und erzähl mir die Stille, / mach, dass ich weiß, du bist immer noch da, / auch wenn du schweigst.“ 

Tonbandgerät in New York: Wegbegleitung durch die Zehnerjahre

Die gesamten Zehnerjahre durfte ich das Hamburger Quartett Tonbandgerät auf ganz unterschiedlichen Ebenen begleiten. Die nahbare Poesie von Texterin Sophia Poppensieker und der unmittelbare Gesang von Ole Specht hatten bei mir bereits 2008 mit dem Song „Ozean“ einen feinen Nerv getroffen. Isa Poppensieker am Bass und Jakob Sudau am Schlagzeug komplettieren diese ultimativ sympathische Band. Irgendwie strahlten die vier für mich schon immer eine verspielte Reife aus. Offen, neugierig und zugleich reflektiert. Und ich freue mich riesig, wie Tonbandgerät nach und nach gewachsen ist mit ihrem federleichten tiefgängigen Pop. Und wie gut sie nach wie vor miteinander wirken. Mit „Zwischen all dem Lärm“ ist 2018 das nun mehr dritte Album erschienen, das „die Geräte“ in diesem Jahrzehnt veröffentlicht haben.

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Auf der Brooklyn Bridge 2014

Einer meiner liebsten Popmomente mit Tonbandgerät ist ihr Auftritt in einer Schule in New York im Frühling 2014. Die Band war im Auftrag des Goethe Instituts auf Tour durch die USA. Mit Nightliner und allem drum und dran. Ich hatte bei Freunden in der Nähe übernachtet und lief am Morgen hoch nach Harlem, um Ole, Sophia, Isa und Jakob in der Aula der High School zu treffen. Das junge Publikum wurde mit den typischen gelben Schulbussen aus der Umgebung angekarrt. Die Schülerinnen und Schüler hatten die Songs von Tonbandgerät vorher im Unterricht durchgenommen. Und da standen sie die amerikanischen Fans dann mit ihren selbst gemalten Schildern, schrieen und sangen die Verse mit. „Es ist alles wieder da / nur irgendwann anders.“ Am Tag zuvor war ich mit der Band durch Manhattan und über die Brooklyn Bridge gelaufen. Etwas Vertrautes im Anderswo. Und Zeugnis dessen, wohin die eigene Schaffenskraft einen führen kann. 

Molotow: Tanzen im guten wilden Hamburg

Freunde dieses Blog wissen, dass ich großer Fan des Molotow Musikclubs bin. Der Laden steht für sehr vieles, was in dieser Stadt popkulturell schlecht läuft und gleichzeitig besonders toll ist. Verdrängung, Gentrifizierung, Unsicherheit und Arbeiten unter prekären Bedingungen einerseits. Und andererseits Solidarität, Ideenreichtum und das gute wilde Leben. Häufig habe ich bereits über Nächte im Molotow geschrieben. Über famose Festivals wie die Burger Invasion zum Beispiel. Oder über besondere Konzerte wie den Record-Release-Abend von Die Höchste Eisenbahn. Die Zehnerjahre sind für das 1990 gegründete Molotow die wohl bewegendste Dekade gewesen. 2013 der Auszug aus den Esso-Häusern. Der Umzug in ein Interimsquartier an der Holstenstraße. Und schließlich im Herbst 2014 der Einzug des Molotow in das jetzige Quartier am Nobistor — ein mehrgeschossige Entdeckeroase in Sachen Rock ’n‘ Roll. Und ein Zuhause für alle musikalischen Wahlverwandten.

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Eingangsbereich des Molotow im Frühjahr 2015

Oft sind es für mich die kleinen Popmomente, die mich immer wieder aufs Neue verbinden mit diesem Ort. Die Möglichkeit zum Beispiel, sich im Halbdunkel tanzend zu verlieren. Und die Musik noch einmal anders zu finden. Intensiver. Aufregender. Soghafter. Ich kann mich noch sehr gut erinnern, wie ich im Molotow das erste Mal „Red Eyes“ von The War On Drugs hörte — erschienen auf ihrem 2014er-Album „Lost In The Dream“. Verloren im Traum. Das Keyboard setzt ein. Die Gitarren kommen hinzu. Der Gesang startet unaufgeregt. Der Sound deutet die Euphorie bereits an. „I won’t get lost inside it all, I’m on my way.“ Zwischenzeitig explodiert dann der gesamte Song ganz sanft aufs Schönste. Und mit ihm die Tanzfläche. Das Herz sowieso.

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Musik, Reflexion und Neustarts im Herbst

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In den vergangenen Wochen ist es ein wenig ruhiger zugegangen auf diesem Blog über Musik in Hamburg. Das liegt zum einen daran, dass ich viel gearbeitet und organisiert, mich engagiert und Kontakte gepflegt habe. Zum anderen habe ich nach gut einem Jahr Selbstständigkeit und Bloggen das Bedürfnis, innere Einkehr zu halten. Zu reflektieren und Ideen für die Zukunft zu entwickeln. Begünstigt wird dieser Prozess, diese Gär- und Entwicklungsphase, durch die Jahreszeit. Ich liebe den Herbst, da er einerseits die Seele durchpustet und andererseits im Dunklen alles mehr zur Ruhe kommt. 

Diese beiden Seiten spiegeln sich bei mir aktuell auch im Musikhören wider. Ich genieße es zum Beispiel außerordentlich, mich bei einem Festival wie dem Molotow Cocktail mit neuer lauter und wilder Musik aus Hamburg vollzusaugen. Umgehauen hat mich etwa eine Band wie Glue Teeth, die ihren intensiven Mix aus Hardcore und Postpunk bis in die letzte Faser hinein zelebriert. Und ein großes Lob geht wie immer an das Molotow selbst, das einem ermöglicht, soviel positives Brodeln aus dieser Stadt live zu erleben. 

Der Soundtrack, um die Gedanken zu sortieren

Joshua Radin, Albumcover, Musik, Singersongwriter, record, Here Right NowZuhause höre ich momentan wiederum viel leise aufspielende Musikerinnen und Musiker. Ich brauche einen ruhigeren Soundtrack, um meine Gedanken zu sortieren. Um noch stärker zu sondieren, wohin die Reise gehen soll. Und um all diese Anregungen und Ziele aufzuschreiben. 

Seit einigen Wochen auf Dauerrotation ist zum Beispiel der US-amerikanische Singersongwriter Joshua Radin mit seinem sachte gepickten Gitarrenspiel auf „Here, Right Now“. Auch der berückende Pianopop von June Cocó hat eine feine anregende Wirkung. Ihr neues Album „Fantasies & Fine Lines“ erreichte mich bereits vor einigen Wochen. Und ich freue mich schon sehr auf ihr Releasekonzert am Freitag in der Hebebühne in Altona. 

Improvisation von Sofia Härdig und Inspiration von Anna Ternheim

Zum Glück kommt auch beruflich derzeit viel Musik zu mir, die meinem November-Gefühl entspricht. Die also diese Mischung aus Bilanzieren und Aufbrechen unterstützt. Für das Visions-Magazin habe ich beispielsweise das frei atmende Artrockwerk „This Big Hush“ der Schwedin Sofia Härdig besprochen. Eine Platte, die überdeutlich macht, wie wichtig Improvisation ist. Wie gut das Leben klingt, wenn neue Impulse hineinwehen dürfen. 

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Anna Ternheim, fotografiert von Chris Shonting

Sehr prägend war für mich in den vergangenen Wochen auch das Album „A Space For Lost Time“ von Anna Ternheim. Für die Radiosendung NDR Nachtclub Überpop habe ich die schwedische Musikerin in Berlin zum Interview getroffen. Für mich ist es eine große Inspiration, wie offen Anna Ternheim über ihre Lyrics, über Liebe und Tod, Ängste und Selbstverantwortung spricht. 

20 Pfund an Angst verloren

Mit dem Titel „A Space For Lost Time“, so erzählte Anna Ternheim, möchte sie einen inneren Raum eröffnen, wo jede und jeder das Gefühl bekommt, dass Dinge möglich sind. Dass wir neue Entscheidungen treffen können. Dass es nicht zu spät ist. Und dass man verpasste Chancen auch nachholen kann. Vielleicht ist das einfach eine Frage der inneren Haltung, des State Of Mind, sagte sie. 

Es sei nicht einfach aus der Komfortzone herauszutreten. Aber Anna Ternheim habe persönlich das Gefühl: Jedes Mal, wenn sie diesen Schritt gewagt hat, sei sie belohnt worden. Ob sie nun eine Beziehung beendete, die zu nichts geführt hat. Oder ob sie etwas unternommen hat, von dem ihr alle abgeraten haben. Jedes Mal, wenn sie etwas getan hat, was sie für wichtig hielt, obwohl es hart und anstrengend war, sei sie mit einem guten Gefühl belohnt worden. Sie könne dann wieder atmen. Als ob sie 20 Pfund an Angst verloren habe.

Anna Ternheim erklärte dann noch: Die Art und Weise, wie wir einen beherzten, verändernden Schritt das eine Mal gegangen sind, bedeutet nicht, dass wir ein für alle mal herausgefunden haben, wie das Ganze funktioniert. Diese fortwährende Suche nicht schleifen zu lassen, sondern mutig und neugierig zu bleiben, finde ich sehr erstrebenswert. Deswegen habe ich mich in der jüngeren Vergangenheit besonders gerne mit Neustarts beschäftigt.

Zu Gast bei Say Say: Neustart mit Hip-Hop

Say Say, Soulful Hiphop radio, Hamburg, radio, Host, Freddy Staudacher, Morning Show, MusikIch war zum Beispiel zu Gast in der Morningshow von Say Say, einem Hamburger Webradio für soulful Hip-Hop. Moderator Freddy Staudacher hat seinen Sender im Frühjahr 2018 gegründet, nachdem er Jahre lang als gut verdienender Businessanwalt gearbeitet hatte. Wer ihn im entspannten Flow an Mikro und Plattenspielern erlebt, der merkt schnell, dass seine Umorientierung hin zur Musik genau richtig war.

Im Studio auf Kampnagel habe ich eine Stunde lang über meinen eigenen journalistischen Werdegang, über meine musikalische Sozialisation und übers Auflegen auf der Barkasse Frau Hedi gesprochen. Und wir haben von mir mitgebrachtes Vinyl gespielt — von Aretha Franklins „Don’t Go Breaking My Heart“ bis zu Bobby Hebbs „Sunny“, von der Rock Steady Crew über Lauryn Hill und Charles Bradley bis zu Mary J Blige.

Der Hamburger Musikpreis, verschlankt am Start

Neu aufgestellt hat sich auch der Hamburger Musikpreis, ehemals Hans genannt. Vergeben wird die Auszeichnung von der Interessengemeinschaft Hamburger Musikwirtschaft, kurz IHM. Nach einer Pause im vergangenen Jahr ging der Hamburger Musikpreis nun mit fünf Kategorien neu und verschlankt an den Start. Im Vordergrund standen die nominierten Newcomer, die bei der Verleihung im Mojo Club auch alle drei auftraten. Elaborierter hypnotischer Rock von Monako, Gesamtkunstwerk-Electropop von Kuoko und wütend-feministischer Hip-Hop von One Mother, die letztlich auch das Preisgeld von 5000 Euro mit nachhause nahmen.

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One Mother beim Hamburger Musikpreis, fotografiert von Thomas Ertmer

In diesem Jahr war ich Teil der Jury. In meinem Blogpost über das Landesrockfestival in Rostock hatte ich bereits geschildert, wie gerne ich mit anderen passioniert über Musik spreche. Das war auch in der aktuellen Hamburger Runde der Fall. Einfach fielen die finalen Entscheidungen für den Hamburger Musikpreis allerdings nicht.

Unsere langen Vorschlagslisten galt es auf drei Nominierte pro Kategorie einzudampfen. Und viele Herzblutfavoriten blieben dabei auf der Strecke. Natürlich lässt sich dementsprechend immer über den Sinn und Zweck von Preisen an sich streiten. Aber Streit ist ja eben auch: Austausch, Dialog, Kommunikation. Und all das gab es auch nach der offiziellen Verleihung im Mojo reichlich.

Pop, Präsenz, Polarisierung

Die Reaktionen auf Preis und Veranstaltung reichten von schlimm bis klasse. Ein gehörig polarisierendes Spektrum. Manche monierten hakende Einspieler, abwesende Künstler und ein wenig lokalpatriotisches Moderatorenduo (aus Köln). Manche hätten sich mehr Pop-Präsenz gewünscht. Und mehr Aufmerksamkeit beim anwesenden Branchenpublikum. Andere lobten den anarchischen Charme der Gala. Und wieder andere freuten sich, dass ansonsten weniger sichtbare Acts und innovative Projekte gewonnen haben.

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Kuoko beim Hamburger Musikpreis, fotografiert von Thomas Ertmer

Das Kollektiv EQ Booking, das sich für Diversität im Musikbusiness einsetzt, erhielt den Preis in der Kategorie „Beste Freunde“. Das stetig wachsende Netzwerk musikHHwomen wurde als Initiative des Jahres geehrt. Und Künstler des Jahres wurde der geschmeidig brummkreiselnde Musiker Carsten Erobique Meyer. Die Kollegin Nele Hinner hat für den Musikblog Soundkartell einen ausführlichen Rückblick über den Abend geschrieben.

Lieblingslieder brauchen Freiräume

Zum Lieblingslied 2019 kürte die Jury Deichkinds „Richtig gutes Zeug“. Ich durfte die Laudatio in dieser Kategorie halten. Besonders wichtig war mir zu betonen: Solch ein Hit, solch ein Krachersong, der alle anderen zu überragen scheint, ist definitiv kein One-Hit-Wonder. Sprich: Solche Nummern entstehen nicht aus dem Nichts. Wer ein Lieblingslied schreibt, hat in der Regel schon zahlreiche andere Lieder geschrieben. Es bedarf also Herzblut, Know-how, Zeit und auch Zweifel, um ein Lieblingslied zu schreiben. Und: Freiräume. Wir in Hamburg müssen immer wieder darauf achten, dass diese erhalten bleiben, wachsen und gedeihen.

Damit das kreative Brodeln und Gären weitergehen kann. Damit die Musik weiter spielt. Damit wir uns entwickeln können.

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„Hamburg Vinyl“ — eine popkulturelle Zeitreise mit Albumcovern

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Journalisten sollen ja bitte möglichst kritisch auf die Geschehnisse der Welt blicken. Der Beruf bringt es aber dankenswerter Weise auch mit sich, das Gute und Inspirierende in seiner Vielfalt darstellen zu können. Und genau das haben ZEIT-Autor Christoph Dallach und Fotograf Bernd Jonkmanns nun getan. Ihr Buch „Hamburg Vinyl — 33 Hamburg-Cover und ihre Geschichte“ ist nicht weniger als eine feine Hommage an die hiesige Popkultur. An all die Szenen von Pö bis Pudel. An all die musikalischen und optischen Ideen durch die Jahrzehnte hinweg. Sei es Freddy Quinn, wie er für „Heimweh nach St. Pauli“ 1963 klassisch am Hafen posiert. Oder sei es der Dead Eagle Club, der für seine „Kiez“-EP 2016 das massive Antlitz des Feldstraßenbunkers nutzt.

Ich habe Christoph vor einigen Jahren kennengelernt, als wir beide auf dem Reeperbahn Festival zu Gast waren bei den Kollegen von NDR Info in der Sendung „Backstage“. Seitdem ist Christoph mir als leidenschaftlicher Plattensammler bekannt, der sich von Vinylläden magisch angezogen fühlt und die Geschäfte auch ohne Kaufabsicht nicht selten mit einer prall gefüllten Tasche verlässt. 

Spurensuche im Quadrat

Bernd bin ich das erste Mal im vergangenen Jahr bei einem gemeinsamen Termin im Nochtspeicher begegnet. Für das Magazin der Handelskammer berichteten wir damals über  die Club- und Kioskkultur auf St. Pauli. Im Gespräch stellten wir fest, dass wir beide ursprünglich aus Wesel am Niederrhein stammen. Und wer an Orten aufgewachsen ist, die keine Großstädte sind, weiß: Das verbindet. Bernd ist mindestens so fasziniert von Plattenläden wie Christoph, hat er doch diesen liebevoll geführten Spezialistenshops im Jahr 2015 mit dem Band „Recordstores“ ein tolles Denkmal gesetzt. 

Passender Weise ist „Hamburg Vinyl“, das aktuelle Buch von Christoph und Bernd, quadratisch aufgemacht. Immerhin geht es ja um legendäre, lokalverliebte wie einfallsreiche Albumcover. Auch wenn eine Langspielplatte nicht ganz in die Maße dieses knapp 100 Seiten starken Werks hineinpasst. Sehr gut gefällt mir, wie sich die beiden sowohl textlich als auch visuell auf Spurensuche begeben haben. Die jeweilige Story der 33 Platten wird  von Christoph nicht nur informativ und anekdotisch geschildert. Bernd hat die Cover auch jeweils an ihrem Ursprungsort inszeniert und fotografiert. 

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So dokumentiert „Hamburg Vinyl“ zugleich den Wandel der Stadt. Etwa bei der Platte „Onkel Pös Carnegie Hall — Live im Onkel Pö“ der Hamburg Allstars ’75. Auf der Albumhülle ist die geschichtsträchtige Hamburger Musikkneipe zu sehen. Zwar befindet sich neben dem Haus am Lehmweg nach wie vor eine Litfaßsäule, wie der direkte Vergleich zeigt. Doch die Räumlichkeiten werden längst anderweitig genutzt und beherbergen heute das Lokal einer Trattoria-Kette.

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Liverbirds an der Alster, Cher und Sonny vorm Hotel Atlantic

Toll finde ich zum Beispiel die Geschichte der Liverbirds, die mit vielen O-Tönen von Mary McGlory (heute Dostal) erzählt wird. „Girls don’t play guitar“, soll John Lennon gesagt haben, als ihm einst „Englands allererste weibliche Rockband“ vorgestellt wurde. Die vier Frauen kamen Anfang der 60er-Jahre nach Hamburg, um — wie die Beatles — im Star-Club zu spielen. Und mit der Alster im Hintergrund entstand auch das Cover zu ihrer 7-Inch-Single „Loop De Loop“ von 1966. 

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Da ich Cher gerade erst in einer beeindruckenden Show in der Barclaycard Arena gesehen habe, freue ich mich besonders über ein Cover, dass sie in jungen Jahren zeigt. Gemeinsam mit ihrem damaligen Mann Sonny steht die Sängerin vor dem Hotel Atlantic. Chers Blick schweift in die Ferne. Sonny betrachtet eine Kamera, die er soeben in der Innenstadt gekauft hatte, wie sich Günter Zint erinnert.

Der Fotograf hatte das Paar damals in Hamburg begleitet. Sein Bild ziert nun eine LP des Deutschen Schallplattenclubs aus dem Jahr 1967. Mit dem roten Hosenanzug, den Cher auf dem Cover trägt, durfte sie damals nicht in die Bar des Hotel Atlantic. Die Plattenfirma, so erzählt Günter Zint, habe dann einfach einen extra Raum angemietet, in dem alle gekleidet sein durften, wie sie wollten. Was für andere Zeiten das doch waren. 

„Hamburg Vinyl“: Mit Tom Waits’ „Rain Dogs“ ins Lehmitz

Die Auswahl der Cover in „Hamburg Vinyl“ reicht von Udo Lindenbergs „Reeperbahn“ (1977) über Palais Schaumburg in Hagenbecks Tierpark (1981) bis zu Jan Delays „Wir Kinder vom Bahnhof Soul“ (2009), fotografiert an der Sternbrücke. Ein ikonischer Ort der Hamburger Clubkultur, verewigt im Albumartwork. 

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Eines der einprägsamsten Cover ist sicherlich das Bild des Fotografen Anders Petersen, mit dem Tom Waits’ Platte „Rain Dogs“ gestaltet wurde. Eine Ode an die Gestrandeten der Großstädte, so wie der Schwede Petersen sie von 1967 bis 1971 in der Kiezkneipe Lehmitz fotografierte. Auf dem Album schmiegt sich da ein junger Mann namens René schlafend oder betrunken an eine ältere Dame namens Lily, die den Erschöpften hysterisch lachend an sich drückt. Ohnehin ist St. Pauli erwartungsgemäß Ballungsgebiet für Albumcoverdesign, wie eine Karte vorne im Buch zeigt.  

Musik aus Hamburg auf allen Kanälen

Ganz so ungefördert, wie es im Vorwort zu „Hamburg Vinyl“ klingt, ist die hiesige Popkultur dank Labelförderung, Musikstadtfonds und Live Concert Account zum Glück übrigens nicht. Aber, da gebe ich den Verfassern recht: Es darf — gerade im Vergleich zu Hochkultur — gerne substanziell mehr Geld geben für all die schöne, schräge Musik aus und in der Hansestadt. Ob sie nun auf Vinyl erscheint, mit eindrucksvoller Optik, oder auf anderen Kanälen.     

„Hamburg Vinyl – 33 Hamburg-Cover und ihre Geschichte“ ist im Junius Verlag erschienen und kostet 24,99 Euro. 

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And the winner is… Als Jurorin beim Landesrockfestival in Rostock

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An meinem Job liebe ich es besonders, neue Menschen und neue Musik kennenzulernen. Und mich mit ersteren über letzteres auszutauschen. Gerne nerdig, beherzt, detailversessen. Und mit der Passion für catchy Melodien. Für einen herzerweiternden Song. Für Überraschendes und Merkwürdiges. Für eine Energie, die trägt. An diesem Samstag kommt sehr viel von diesen beglückenden Faktoren zusammen. Der mecklenburg-vorpommersche Musikverband PopKW hat mich als Jurorin zu seinem Landesrockfestival nach Rostock eingeladen. 

Landesrockfestival, das klingt für manche Ohren erst einmal angestaubt. Aber Verbandschefin Selina Pavlitschek erzählt unserer Juryrunde beim Abendessen, dass dieser Wettbewerb eine lange Tradition hat. Und da sich der Titel nun einmal etabliert habe, solle er zur 27. Ausgabe nun auch nicht mehr geändert werden. Letztlich ist das Landesrockfestival aber offen für alle Pop-Genres. Und so erklingen in Rostock durchaus diverse Stile. 

Der M.A.U. Club in Rostock

Das Landesrockfestival geht im Rostocker M.A.U. Club über die Bühne, eine malerisch am Hafen gelegene Spielstätte mit angenehm alternativer Patina. 1996 ist das M.A.U. in diese Location gezogen. Und der angeschlossene Verein hat es sich explizit zur Aufgabe gemacht, „in Rostock die jugend- und soziokulturelle Vielfalt mit einem klaren Livemusikbezug zu fördern“. Das finde ich extrem unterstützenswert. Lässt sich doch mit reinen DJ-Abend in der Regel der schnellere Euro machen, da die gesamte Konzertproduktion wegfällt. 

Landesrockfestival, Mecklenburg-Vorpommern, Rostock, band, contest, PopKW, concerts, Mau Club, winner, SOAB, Animal's Secret, JuryBeim Landesrockfestival ist Livemusik in logistischer Reinkultur zu erleben. Sechs Bands stehen für jeweils 20-minütige Slots auf dem Programm. Während der flotten Umbaupausen ziehen wir Juroren uns in einen der Backstage-Räume zurück, um über das Gesehene und Gehörte zu diskutieren. Ich fühle mich sofort wohl an diesem Ort mit seinen vielen Aufklebern und Konzertplakaten von Tocotronic bis Vierkanttretlager. Und besonders glücklich bin ich mit meinen Mitjuroren. 

Lisa Reuter betreibt mit Kingmanagement ihre eigene Firma, mit der sie unter anderem die Band Milliarden, Singersongwriter Max Prosa und den Hamburger Rapper Fayzen betreut. Daniel Kempf ist ebenfalls Künstlermanager, zudem Booker und Veranstalter. Er hat das Immergut Festival begründet und auch dafür gesorgt, dass tolle Bands wie Arcade Fire und Death Cab For Cutie erstmals nach Deutschland kamen. 

Über Musik reden

Ich habe mich sehr gefreut, die beiden persönlich kennenzulernen. Welchen Zugang haben Menschen zu Musik? Wer achtet auf welche Aspekte? Und welche Worte lassen sich für ein Konzerterlebnis finden? Besonders gut gefällt mir, wie klug, klar, konstruktiv und vor allem leidenschaftlich Lisa und Daniel über die einzelnen Bands sprechen. Ohne Schnickschnack und Schönfärberei, aber mit reichlich Erfahrungswissen. Und mit viel Liebe zur Musik. An dieser Stelle also noch einmal einen herzlichen Dank an Selina von PopKW, dass sie uns so fein zusammengewürfelt hat. 

Über den Sinn und Zweck von Musikwettbewerben lässt sich natürlich vortrefflich streiten. Ist das nun cool oder uncool oder wie man sich fühlt? Für mich überwiegen die Vorteile: Newcomer bekommen eine Chance, sich zu präsentieren. Das Publikum erhält einen stilistisch gemixten Abend, der sich ein wenig nach Wundertüte anfühlt. Und die Gewinner kriegen bestenfalls noch finanzielle Unterstützung, um ihre Laufbahn weiter anzuschieben. Beim Landesrockfestival ist das eine durchaus stattliche Summe: Für den ersten Platz gibt es 4000 Euro Preisgeld. An eine zweite Band gehen zudem 3000 Euro als Tourförderung. 

Die Gewinner beim Landesrockfestival 2019: Animal’s Secret und SOAB

Zu erleben sind an diesem Abend im M.A.U.: akzentuierter Rock mit Funk- und Ska-Einflüssen von Jane And The Rain, souveräner wie energiegeladener Grunge von Range Of Movement, smarter Rap von Brigo und gospel-inspirierter Folkpop von Modicum Of Hope.

Auf dem zweiten Platz landen SOAP, die uns mit ihrer ultracharmanten Spielfreude sowie mit einem Sound zwischen Rock, Rap und Surfpunk überzeugen. Zudem besitzen ihre Lyrics eine beachtliche Bandbreite — von einer Spaßnummer übers Saufen bis hin zu einem emotionalen Song über Depression. SOAP hat bereits auf Festivals in Russland und China gespielt. Und ich bin gespannt, wohin sie mit ihrem Preisgeld noch reisen werden. 

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Animal’s Secret im Backstage des M.A.U. Club in Rostock

Unsere absolute Jury-Nummer-Eins ist Animal’s Secret. Vier naturcoole sowie freundliche Typen, die gerade ihr Abitur gemacht haben. Und die auf der Bühne sehr selbstverständlich einen irren Farb- und Mustermix tragen, den sich kein Hipster ausdenken kann. Vor allem beeindruckt uns aber der Sound: In einen Song baut dieses Quartett lässig so dermaßen viele Ideen, Hooks, Genres, Tempi- und Stimmwechsel ein, dass wir gebannt vor der Bühne stehen. 

Wie etwa ist dieser eine Popsong so schnell in eine Noise-Orgie geraten? Das ist alles mitunter noch etwas überbordend und unaufgeräumt, aber äußerst interessant. Und es macht Spaß. Hinzu kommt das Gefühl, dass da noch viel mehr gehen kann mit dieser Band. Ein Eindruck, den die Menge offenbar teilt: Auch der Publikumspreis geht an Animal’s Secret. Großer Jubel bei der Preisverleihung, die Moderator Tobias Wolff gegen Mitternacht in knackigem Flow über die Bühne bringt. 

Produktion in Bahrenfeld

Im Anschluss geben wir als Jury jeder Band noch Feedback zu ihrem Auftritt. Ich hoffe, dass unsere — natürlich jeweils subjektiven — Tipps und Ansichten alle motivieren, ihr ganz eigenes Ding weiterzuentwickeln. Von Animal’s Secret erfahren wir im Gespräch, dass sie mit Produzent Kristian Kühl in seinem Studio in Bahrenfeld bereits einige Songs aufgenommen haben. So gibt es sogar einen kleinen feinen Bezug gen Hamburg.

Es würde mich sehr freuen, die Band bald mit einer eigenen Show in einem Club irgendwo zwischen Elbe und Alster zu sehen. Damit Animal’s Secret kein Geheimtipp bleibt.  

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Miu mit „Modern Retro Soul“: Sängerin und Strippenzieherin

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Es gibt diesen einen prägnanten Satz auf dem neuen Album von Miu, der in mir direkt auf Heavy Rotation gegangen ist. Das liegt zum einen daran, dass der Song dazu einfach ungemein cool und beschwingt ins Herz hineinspaziert. Mit tänzelnder Orgel, pointierten Bläsersätzen und Mius lässig schillerndem Gesang.

Zum anderen erfasst dieser Satz aber auch bestens den künstlerischen Kosmos, den die Hamburger Musikerin um sich herum geschaffen hat. „I am working so hard / to make it look easy“, singt Miu auf ihrer dritten Platte „Modern Retro Soul“, die diesen Freitag erscheint. 

Wer bringt heutzutage denn noch ein Doppelalbum heraus?

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alle Fotos von Zauke Photography

Oh ja, was hat diese Frau hart gearbeitet, um etwas wirklich Großes und Poetisches zu erschaffen. Wer bringt heutzutage denn noch ein Doppelalbum heraus? Und das dann auch noch als Independent-Künstlerin ohne Plattenfirma im Rücken? „Sing doch auf Deutsch“. Oder: „Veröffentliche doch lieber nur Singles nacheinander“. Allen Vermarktungstipps zum Trotz hat Miu ihr Ding durchgezogen. Und das mit Hilfe ihrer Fans, ihrer Freunde und ihrer ganz besonderen Energie. 

Ich habe Miu vor fünf Jahren bei einem Interview kennengelernt, das wir in ihrer damaligen Wohnung in Eidelstedt geführt haben. Ihre Katzen streiften ums Klavier. Und Marilyns Konterfei grüßte von der Wand. Damals hat mich Mius Charisma sofort angesteckt. Eine verspielte Ernsthaftigkeit. Augenzwinkernd und zugleich klar im Gespräch. In Musik und Stil wiederum verkörperte Miu für mich immer schon die Symbiose aus alter Seele und frischem Wind, aus old school und Zeitgeist.

Und das ist genau die Bandbreite, die sie auf „Modern Retro Soul“ wagt. Ihr Sound speist sich deutlich hörbar aus einer immensen Liebe für Ikonen des Soul, Jazz und Blues. Sie umarmt aber zugleich aktuelle Einflüsse von Pop bis Indierock.  Ella Fitzgerald trifft auf die Black Keys, Diana Ross auf Alabama Shakes. 

Miu, Sängerin und Songschreiberin, Geschäfts- und Do-It-Yourself-Frau

Da ist zum Beispiel „9 Lives“. Eine dunkel vibrierende Selbstbehauptungshymne, die einen mit sattem Beat und Twist auf die Tanzfläche zieht. Und mindestens neun Leben scheint Miu tatsächlich zu haben. Sie ist nicht nur Sängerin, Songschreiberin und Komponistin. Sie ist zugleich Geschäfts- und Do-It-Yourself-Frau, Labelbetreiberin und Alle-Strippen-Zieherin — etwa, wenn es darum geht, „mal eben“ Drehs für ihre Videos in Paris oder Spanien zu organisieren.

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Zudem ist Miu leidenschaftliche Lobby-Arbeiterin: Mit Ladies.Artists.Friends. holt sie künstlerische Komplizinnen auf die Bühne. Bei RockCity, dem Hamburger Zentrum für Popularmusik, engagiert sie sich für fairere Bedingungen im Musikschaffen. Und bei der Hamburg School of Music gibt sie ihr Know-how als Dozentin weiter. Da ich als Selbstständige selbst ständig viele Bälle parallel in der Luft zu halten habe, inspirieren mich derart zupackende Menschen immer sehr. 

„Fuck You Very Much“, munter-wütender Abgesang auf die Musikbranche

Ihre Festanstellung als Marketing-Expertin in einer Werbeagentur hat Miu längst gekündigt, um sich mit Haut und Haaren ihrer Kunst zu widmen. Sicherheiten derart konsequent loszulassen, bedingt ja immer auch, sich seinen eigenen Ängsten zu stellen. Und dieser Mut, diese Lebensklugheit klingen in vielen ihrer aktuellen Songs an. Etwa in „Moving Out“. Ein Aufbruchssong, der bluesig brodelt. In dem die Gitarren spannungsgeladen verzerren. Und in dem Mius Stimme trotzig strahlt. 

Miu, Modern Retro Soul, Album, Cover, Music, record, Porträt, Singer, Soul, Jazz, HamburgSehr gut gefällt mir ebenfalls „Fuck You Very Much“. Ein munter-wütender Abgesang auf die Musikbranche und all ihre vermeintlichen gut gemeinten Ratschläge: „Nimm doch lieber zehn Kilo ab, dann bist du bestimmt erfolgreicher“. Oder: „Wir können dich nicht bezahlen für dein Konzert, aber dafür bekommst du ja die Aufmerksamkeit.“

Miu konnte es nicht mehr hören und hat lieber ihre Community mobilisiert. Mittels Crowdfunding hat sie mehr als 22.000 Euro für die Produktion von „Modern Retro Soul“ akquiriert. Als Dankeschön warten nun selbst gestrickte Mützen und Wohnzimmerkonzerte auf ihre vielen Sponsoren. 

Musikerinnen wie Amanda Palmer machen es derzeit eindrucksvoll vor, dass sich im Pop jenseits von gängigen Strukturen neue Finanzierungswege erschließen lassen. Palmer lässt sich nach einem Mitgliederprinzip von ihren „Patrons“ langfristig bei Projekten fördern. Das bedeutet im Umkehrschluss vor allem: eine intensive Interaktion mit der eigenen Community.

Neu justieren, dem eigenen Sound nachspüren

Auch Miu tauscht sich auf vielen verschiedenen Ebenen mit ihren Fans aus. Über Social Media und in ihrem eigenen Podcast „Modus Miu“ erzählt sie regelmäßig von ihren Aktivitäten rund um Album und Auftritte, etwa von den Aufnahmen zu „Modern Retro Soul“ im Studio Nord bei Produzent Gregor Henning. Und ihre Community hat auch ein Wörtchen mitzureden: Miu lässt zum Beispiel abstimmen, wie ihr Merchandise aussehen soll.

Musik auf all diesen Ebenen zu erschaffen, zu verbreiten und mit der eigenen Persönlichkeit zu beleben, ist exakt Mius Sache. Dass ist ihr in jeder Begegnung — ob nun online oder offline — deutlich anzumerken. Doch all das zu jonglieren, ist eben auch: „working hard to make it look easy“. In ihrer Minidoku zu „Modern Retro Soul“ (wann auch immer sie die noch gedreht und geschnitten hat) erzählt Miu offen von der Belastung als Berufsmusikerin dieser Tage. Dass sie sich nach ihren beiden ersten Alben erst einmal wieder neu justieren musste. Viel Musik hören. Ihrem eigenen Sound nachspüren. Um dann nach und nach Einflüsse von außen herein zu lassen.

Instrumentelle Bandbreite von Mellotron bis zu Streichern

Ihr Partner, der Musiker und Produzent Magnus Landsberg, hat sich bei „Modern Retro Soul“ ebenso eingebracht wie zahlreiche befreundete Popkünstlerinnen und -künstler, etwa Kristoffer Hünecke von Revolverheld und Ben Schadow von Rhonda, die Soloartisten Jonathan Jeremiah und Emma Longard, Songschreiberin Jim Button und Sängerin Sarajane. 

Miu, Modern Retro Soul, Album, Cover, Music, record, Porträt, Singer, Soul, Jazz, HamburgDass das Album organisch gewachsen ist, ist deutlich zu hören. Sowohl musikalisch mit einer instrumentellen Bandbreite von Mellotron bis zu Streichern, als auch inhaltlich. „Modern Retro Soul“ lotet unsere Existenz aus. Von einem düsteren Drama wie „Holy Grail“ bis zum verheißungsvollen Schmelz von „So Much More“.

„Modern Retro Soul war für mich eine Reise, bei der ich den Sinn wiedergefunden habe, warum ich eigentlich Musik mache“, sagt Miu. Ich bin wirklich gespannt, wohin ihr Weg mit dieser Platte führen wird. Und wie sie all die neuen Nummern mit ihrer Band umsetzen wird. Live habe ich Miu bereits in unterschiedlichsten Locations erlebt — vom lauschigen Gartenfest bis zur Elbphilharmonie.

Für mein Empfinden, hat Miu mit ihrem Doppelalbum auf mehreren Ebenen riesige Sprünge hingelegt. Ihre Stimme ist noch vielfältiger geworden. Erdig, verletzlich, cool, selbstbewusst, aufregend, leuchtend. Die Stücke sind feiner arrangiert, detailverliebter. Sie hat sich stilistisch geöffnet. Und ist doch umso mehr sie selbst. 

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Reeperbahn Festival — Fazit 2019: Lasst uns reden

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Vier Tage Reeperbahn Festival sind vorüber. Und all die erlebten Konzerte, aber vor allem all die Begegnungen rotieren in mir. Bei der 14. Ausgabe der stetig wachsenden Hamburger Clubsause ging es für mich diesmal vor allem um eines: Kommunikation. Wenn, wie in diesem Jahr, mehr als 50.000 Popfans und darunter 5900 Konferenzteilnehmer zu Konzerten, Kunstprogramm und Diskussionsrunden zusammenkommen, stellt sich ganz automatisch die Frage: Wie tauschen sich all diese Menschen aus?

Reeperbahn Festival, Festival Village, atmosphere, St. Pauli
Reeperbahn Festival Village, fotografiert von Dario Dumancic (Titelbild von Stephan Wallocha)

Der Einstieg in diese gesprächsintensive Welt namens Reeperbahn Festival war für mich ein Termin, der gar nicht auf dem offiziellen Programm stand: das Nett-Working des Labels Euphorie, der Booking-Agentur Koralle Blau, des Clubs Uebel & Gefährlich sowie weiterer blitzgescheiter Musikakteure aus Hamburg. Was kann einer Großveranstaltung eigentlich Besseres passieren, als dass sich die wirklich coolen Kids an die Sache ranhängen? Solche Off-Aktionen adeln meiner Ansicht nach jedes Mainstream-Event. 

Reeperbahn Festival: vieles in Bewegung gekommen

Das Nett-Working-Team hatte im Guerilla-Style vor den Kiosk an der Reeperbahn Nr. 5 geladen. Als ich dort am frühen Nachmittag ankam, war der Bürgersteig bereits voller munter plaudernder Leute. Ich brauche immer einen Moment, um mich an solch große Ansammlungen zu gewöhnen. Aber die Gastgeber haben alle Eintreffenden so herzlich willkommen geheißen, dass der Übergang wirklich leicht fiel. Das ist für mich eine enorme Qualität: Kontakt aufbauen. Einander wirklich wahrnehmen. Menschen in Verbindung bringen. Und dann war da noch: Sonne. Ein erstes Alster. Und ein zweites. Offene Gesichter. Und sehr lustige Unterhaltungen.

Rollerskate Jam, Autoscooter, Heiligengeistfeld, Festival Village
Neu im Festival Village: die tolle Skate-Disco im Autoscooter vom Rollerskate Jam, fotografiert von Lisa Meinen

Für mich ist bei diesem Reeperbahn Festival vieles in Bewegung gekommen. Sowohl persönlich als auch inhaltlich. Den größten Einfluss hatte meiner Ansicht nach die internationale Initiative Keychange, die sich für Geschlechtergerechtigkeit einsetzt: Bis 2022 sollen ebenso viele weibliche, trans- und non-binäre Künstlerinnen und Künstler auf den Bühnen musizieren, singen, reden, ausrasten und sich zeigen wie Männer.

Keychange und die Folgen

Aus verschiedenen Gründen stand ich einer Quotenregelung lange Zeit mit gemischten Gefühlen gegenüber. Geht es nicht um die Musik an sich, unabhängig von wem sie kommt? Und liefert eine 50/50-Regelung nicht all den Gestrigen noch mehr Argumente, dass eine Frau dann eben nur aufgrund der Statistik und nicht wegen ihrer Qualifikation dort steht, spielt, spricht? 

Wie sich das Reeperbahn Festival in den vergangenen Jahren entwickelt hat, ist jedoch ein äußerst gutes Beispiel dafür, dass eine Quote zu Hundert Prozent sinnvoll ist als Übergangslösung hin zu einer ganz selbstverständlichen Gleichberechtigung. Was für ein Segen, wenn sich Pop derart ausdrücklich mit gesellschaftlich wichtigen Prozessen verbindet. Mich persönlich hat es extrem inspiriert, bei der Eröffnungsveranstaltung engagierte und empathische Ladies wie Charlotte Roche, Peaches und Kate Nash zu erleben. Der Tonfall ändert sich. Die Themen ebenso. Auch in all den Gesprächen, die ich im Laufe des Reeperbahn Festivals geführt habe. 

Der Festival Award Helga: vehementes Querdenkertum

Noch nie habe ich mich in so kurzer Zeit mit so vielen verschiedenen Menschen geballt  und kontrovers über Gleichberechtigung ausgetauscht: Wie überfällig dieser Ausgleich ist. Wie sich Männer in dieser Bewegung positionieren. Und dass „Frauenmusik“ bitte ein für allemal wirklich kein eigenes Genre ist. The times they are a-changin’. Und wie das nun mal so ist bei aufbrechenden Strukturen: Die Kommunikation gestaltet sich in diesem Prozess mitunter ebenfalls durchaus eruptiv. Zu erleben war das unter anderem bei der Verleihung des Festival-Awards Helga am Donnerstag im Imperial Theater. 

Helga Award, Carsten Schumacher, Bernd Begemann, Imperial Theater
Carsten Schumacher und Bernd Begemann moderierten im Imperial Theater den Helga Award

Ich war in diesem Jahr Teil der Jury für die Kategorie „Inspirierendste Festivalidee“. Gewonnen hat das alínæ lumr, das in der ostdeutschen Provinz mit einem bunt-diversen Programm gegen kulturelle Ödnis und braune Versumpfung ansteuert. Das vehemente Querdenkertum des alínæ lumr-Teams zeigte sich auf der Bühne überdeutlich: Jene, die den Preis entgegennahmen, merkten mit Nachdruck an, dass doch zwei Frauen im nächsten Jahr den Award moderieren könnten. Die beiden Gastgeber Carsten Schumacher und Bernd Begemann, die den Helga auch in diesem Jahr mit gewohnt anarchischer Euphorie angeschoben haben, reagierten erst einmal sichtlich und hörbar verdutzt. Keine angenehme Situation.  

Mir erschien das ganze Szenario wie eine Familienfeier, bei der einiges Ungesagte auf den Tisch kommt: Das anfangs gut gelaunte Fest kippt in den Konflikt, geht aber dennoch weiter. Ob Provokation das Mittel der Wahl sein muss, sei dahingestellt. Und vor allem der teils harsche Tonfall hat mich noch nachdenklicher gestimmt, wie Menschen miteinander umgehen. Und inwiefern die Aggressivität so mancher Diskussion in den sozialen Medien auch vor der eigenen Filterblase sowie dem realen Leben nicht halt macht. Aber langfristig betrachtet kann durch das Tohuwabohu bei den Helga Awards ja durchaus eine konstruktive Kraft entstehen. Ich bin gespannt darauf. 

Bausa statt Foals: Die Schonfrist ist vorbei

Kommunikation kann immer wieder auch schief laufen. Gerade, wenn so viele unterschiedliche Akteure beteiligt sind. So rief es enorme Verwunderung hervor, dass auf der Warner-Nacht am Freitag nach dem krankheitsbedingten Ausfall der Band Foals als Ersatz der Rapper Bausa auftrat. Dessen teils heftig sexistische sowie homophobe Texte laufen der Botschaft der Keychange-Initiative diametral entgegen. Die Kollegen von Kaput — Magazin für Insolvenz und Pop haben auf Facebook eine Aussage des Reeperbahn Festivals veröffentlicht. Das Festival-Team erklärt: Sie halten es für einen Fehler, dass Bausa in der Warner Music Night auftritt. 

Das Statement besagt weiter: „Bausa wurde von Warner Music nach der kurzfristigen Absage der Indie-Band Foals ohne Rücksprache mit uns oder dem Team des Docks als Spielstätte nachträglich in das Line-Up der Warner Music Night genommen. In der vergangenen 14-jährigen engen Zusammenarbeit mit Warner Music wurden wir bislang in die Auswahl aller Künstler*innen einbezogen. Eine Vorgehensweise wie diese hätten wir uns trotz der Kurzfristigkeit auch für diesen Künstler gewünscht.“ Dass sich das Reeperbahn Festival derart ausdrücklich gegenüber einem Majorlabel und wichtigen Partner positioniert, finde ich überraschend — und stark. Die Schonfrist ist definitiv vorbei.

Doors Open, Reeperbahn Festival, Operettenhaus, St. Pauli

Clubkultur als Basis: „Molotow must stay“

All diese Prozesse können auf dem Reeperbahn Festival jedoch nur in Gang kommen mit all den grandios arbeitenden Clubs als Grundlage. Das Molotow wählte seine ganz eigene Art der Kommunikation: über Buttons und Aufkleber, die das Team eifrig verteilte. Leider ist der Slogan „Molotow must stay“, der während der Diskussion um die Esso-Häuser entstand, auch am Standort Nobistor wieder aktuell. Steigende Mieten bedeuten eine extrem unsichere Zukunft für das weit über Hamburg hinaus bekannte Zuhause von Indie und Rock. 

Was tun? Das Molotow selbst empfiehlt zunächst: „Geht mehr auf Konzerte. Kauft Merch und versucht so, eine vielfältige Clubkultur am Leben zu erhalten. Das gilt im Übrigen nicht nur für das Molotow, sondern für alle Subkultur-Clubs, die aktive Newcomer-Förderung und spannende Programme abseits des Mainstreams auf die Beine stellen.“ Denn im Endeffekt sind mit dem (nach wie vor) vielfältigen Programm in Hamburg jeden Tag Entdeckungen wie auf dem Reeperbahn Festival zu machen.

Welche Band fandest Du am besten — und warum?

Das ist natürlich integraler Bestandteil des Reeperbahn Festivals: All die Gespräche mit Freunden über Musik. Welche Band fandest Du am besten — und warum? Mich haben unter anderem die Niederländer Feng Suave mit ihrem traumwandlerischen Softrock fasziniert: Die Band spielte ihre Instrumente einfach mit einer unglaublich feinsinnigen Chemie. Wie beglückend sich Stimmen ineinander verweben und aneinander reiben können, durfte ich bei Ider im Häkken erleben. Und der Australier Dobby hat mit seinem frischen Old-School-Rap einfach extrem toll mit dem Publikum kommuniziert. Flow auf und vor der Bühne.

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Dobby in der Molotow Skybar

Das Reeperbahn Festival ist ein Driften durch musikalische und emotionale Zustände. Dahinschmelzen bei Celeste im Imperial Theater. Weinen bei Anna Ternheim in der Elbphilharmonie. Staunen bei The Hormones im Nochtspeicher. Und Ausrasten zu Rebecca Lou im Indra. 

Anna Ternheim, Kaiser Quartett, Elbphilharmonie
Anna Ternheim und das Kaiser Quartett in der Elbphilharmonie, fotografiert von Florian Trykowski

Panels moderieren: „30 Years Of Wacken“

Am Donnerstag habe ich dann zum ersten Mal den Seitenwechsel vollzogen und saß selbst auf der Bühne, um zwei Panels zu moderieren. Und, was soll ich sagen: Es hat unfassbar viel Spaß gemacht. Mit den Festivalgründern Thomas Jensen und Holger Hübner sprach ich im gut gefüllten Schmidtchen über „30 Years Of Wacken“. Mich beeindruckt immer wieder, wenn Menschen mit einer gewissen Punk-Attitüde mit Projekten anfangen und diese dann leidenschaftsgetrieben wachsen. Dieses Machen und Tun, so erzählte Holger, sei nach wie vor das beste Prinzip. Sprich: Planen und Reflektieren gehören natürlich dazu, aber letztlich muss irgendwann das Ausprobieren folgen. 

Das Gespräch habe ich nicht alleine geführt, sondern gemeinsam mit Jon Chapple vom britischen Musikbusinessmagazin IQ. Und das ist ein weiterer Effekt des Reeperbahn Festivals und seiner angegliederten Konferenz: Fachleute aus der ganzen Welt kommen zusammen, reden miteinander, arbeiten gemeinsam. Besonders gefreut hat mich, dass Jon beim International Music Journalism Award des Reeperbahn Festivals zum besten Musikbusinessjournalisten gekürt wurde. Herzlichen Glückwunsch!

Session zu Online-Marketing von Live Events

Mein zweites Panel in einer Suite des Onyx Hotels drehte sich um „Concerts, Content & Communication“, also um Strategien in der digitalen Kommunikation und im Online-Marketing von Live Events. In die Runde konnte ich auch diverse Anregungen aus der Music Business Summer School einbringen, die dem Reeperbahn Festival vorgelagert ist. Ich bin nach wie vor begeistert, wie klug das Konferenz-Team das Panel zusammengestellt hat. 

Meine Fragen gingen an Festival-Profi András Berta aus Ungarn, PR-Stratege Thomas Bohnet aus München und Marketing-Experte Moritz Bremer von Neuland Concerts. Eine beruhigende Erkenntnis aus der Session kam von András: Trotz all der Datenanalyse im Online-Bereich sei die Kommunikation im Live-Bereich nach wie vor ein People’s Business. Sprich: Reden hilft nach wie vor. Thank god!

Magische Momente mit Peaches, Kate Nash und Alyona Alyona

Und dann gab es beim Reeperbahn Festival noch diese magischen Momente, die das Zwischenmenschliche feiern. Jede und jeder wird da seine ganz eigene Geschichte erzählen können. Für mich war es der Moment, als die Jury beim Anchor Award gemeinsam Bowies „Moonage Daydream“ spielte — und Peaches zusammen mit Kate Nash auf einmal ins Publikum stürmte.

Peaches, Anchor Award
Peaches beim Anchor Award, fotografiert von Nadine Wenzlick

Die beiden suchten sich ausgerechnet unsere Sitzreihe aus, um mitten in der Menge ein Arme wedelndes Happening zu starten. Als Peaches auf mich zukam, fühlte ich mich wie ein fünfjähriges Kind, an dessen Geburtstag gerade eine riesige tolle Torte hereingetragen wird. Als sie dann direkt neben mir zur Party animierte, schwankte meine Mimik munter zwischen OMG OMG OMG und Honigkuchenpferdgrinsen. 

Und das Empowerment riss nicht ab: Die ukrainische Rapperin Alyona Alyona gewann den Anchor Award. Eine Persönlichkeit, die im positiven Sinne mehrfach Grenzen überschreitet. Die mit ihren Lyrics nicht auf Nummer sicher geht. Und gerade deshalb zum Austausch anregt. Also: Lasst uns weiter reden. Und natürlich Musik hören. 

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Alyona Alyona meets Biggy Pop, fotografiert von Anne Kleinfeld

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Zum Weiterlesen mein Blick aufs vergangene Jahr:

Reeperbahn Festival 2018, Tag 4 – Finale und Fazit

Music Business Summer School: Wie funktioniert Marketing im Pop?

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Das fröhliche Pop-Remmidemmi namens Reeperbahn Festival steht vor der Türe — mit seinen mehr als 900 Programmpunkten von Live-Musik über Posterkunst bis hin zu Film. Ich bin dieses Jahr erstmals auch als Moderatorin dabei und bin schon äußerst gespannt auf meine Gesprächsgäste. Doch bevor die große Popsause vom 18. bis 21. September auf St. Pauli steigt, lädt die Interessengemeinschaft Hamburger Musikwirtschaft, kurz IHM, im nun mehr siebten Jahr zu seiner Music Business Summer School. 

Eine Woche lang bieten Profis aus dem Musikgeschäft maßgeschneiderte Seminare und Workshops. Und da die jeweiligen Kurse mit maximal 20 Leuten extra übersichtlich gehalten werden, entstehen schnell anregende Diskussionen. Ich bin großer Fan davon, wenn geballt Know-how zusammenkommt und ein offener Austausch möglich ist. Von daher freue ich mich, dass die IHM mich auch in diesem Jahr als Gasthörerin für einen Tag eingeladen hat. Über meinen ersten Besuch bei der Music Business Summer School habe ich im vergangenen Jahr bereits auf dem Blog geschrieben. 

Music Business Summer School: aus der Branche für die Branche

Ort und Struktur sind gleich geblieben: Erneut kooperiert die IHM mit der Hamburger Media School und nutzt die einladend hellen Räume an der Finkenau. Und wie 2018 befasst sich die Music Business Summer School parallel mit drei Bereichen des Popgeschäfts: Labelarbeit und Vertriebsmangament (Recorded Music), Veranstaltungswirtschaft (Live Entertainment) und Musikverlagswesen (Music Publishing).

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Diese Weiterbildungswoche funktioniert nach dem Prinzip: „aus der Branche für die Branche“. Von daher kommt auch auf Teilnehmerseite bereits reichlich Erfahrung zusammen: Die meisten arbeiten bei Plattenfirmen oder Konzertagenturen, in der Promotion oder in Clubs. Oder sie befinden sich mitten in der Ausbildung und holen sich eine extra Portion Wissen aus erster Hand. 

Marketing bei Warner Music mit Larissa Lüters

Ich habe mir einen Tag ausgesucht, an dem das Thema Marketing im Mittelpunkt steht. Mir gefällt an diesem Bereich, dass das Traditionelle fortwährend mit dem Innovativen kombiniert werden muss. Am Vormittag spricht Larissa Lüters, Senior Brand Manager bei Warner Music, zwei kurzweilige Stunden über ihre Arbeit.

Music Business Summer School, Hamburg Media School, IHM, Tik Tok, Twitch, Marketing, Music Promotion, Pop, Business, Apps, Digital Marketing, Social Media, Workshops, classroomsDas klassische Denken von Albumveröffentlichung zu Albumveröffentlichung sei längst aufgebrochen. Bei Rockbands wie Linkin Park, Slipknot und Panic! At The Disco, die zu Larissas Portfolio gehören, gehe es vielmehr darum, konstant am Aufbau der künstlerischen Marke zu arbeiten. Und das geschieht mit einer Vielzahl von Aktionen, die sich aufgrund der Digitalisierung zunehmend komplexer gestalten. 

Beruhigend zu hören: Auch im Marketing lautet die Devise nicht zwingend „viel hilft viel“. Zunächst gelte es, so erzählt Larissa, die Entfaltung einer Band aufmerksam zu beobachten. Entwickelt sich ein Song — zum Beispiel in den USA oder Groß Britannien — zum Hit, sei das einer von vielen Hinweisen darauf, nun auch im Bereich Deutschland / Österreich / Schweiz aktiv zu werden. 

Von klassischer Pressearbeit bis zum LiveStreaming-Videoportal Twitch

Larissa erläutert, wie sich eine Marketingkampagne planen lässt. Und welche Fragen sich dabei stellen. Welches Produkt möchte ich überhaupt verkaufen? Eine einzelne Single oder ein Album? Welches Ziel verfolgen Künstler und Team langfristig? Welches Budget habe ich? Und wie viel Zeit? Ausführlich stellt Larissa ihren Marketing-Werkzeugkasten vor — von Offline-Maßnahmen wie Plakatierung, Print-Anzeigen und Fan-Events über klassische Pressearbeit bis hin zur stetig wachsenden Zahl von Online-Möglichkeiten. Neben Standard-Social-Media-Plattformen wie Facebook und Instagram geht sie intensiver auf das Live-Streaming-Videoportal Twitch ein. 

Hauptsächlich wird Twitch genutzt, um live Gaming-Sessions zu übertragen — inklusive Kommentierung durch Spieler und Zuschauer. Ein hochgradig interaktives Format, in dem sie Musik sehr zielgerichtet platzieren könne, erklärt Larissa. So lasse sich zum Beispiel filtern, ob ein Song nur bei Minecraft oder etwa überhaupt nicht bei Ballerspielen eingesetzt werden solle. Aber auch im reinen Musikbereich findet Twitch bereits Anwendung. DJs veröffentlichen live ihre Sets, Bands zeigen ihre Proben und Musikfans streamen ihren Besuch bei Festivals.

Beispiel: die Popband Kaleo und ihre Single „Way Down We Go“

Eine Plattform wie Twitch eignet sich natürlich nicht zur Vermarktung jedes Genres. Am Beispiel des Warner-Acts Kaleo zeigt Larissa, wie deren Single „Way Down We Go“ über die TV-Serie „Blindspot“ erfolgreich wurde. Messbar daran, dass zahlreiche Fernsehzuschauer den Song noch während der Ausstrahlung über den Erkennungsdienst Shazam abgerufen hätten. Neben der steten Analyse solcher Zahlen sei jedoch das Bauchgefühl nach wie vor wichtig, betont die Marketing-Expertin.

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In der Mittagspause versammeln sich alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Music Business Summer School auf dem Balkon, der alle Seminarräumen säumt. Die Sonne scheint. Und das Catering hat Zutaten für leckere Bowls bereitgestellt. Zeit, das Gehörte sacken zu lassen. Und sich zu unterhalten. Ich setze mich zu zwei tollen umtriebigen Ladies, die ich schon länger aus der Hamburger Musikszene kenne. 

Vorteile der Music Business Summer School: lernen und netzwerken

Imke Machura betreibt das Netzwerk Raketerei, das Popkünstlerinnen beim Einstieg in die Branche unterstützt. Und sie arbeitet seit fünf Jahren gemeinsam mit dem Jazzposaunist Nils Wogram für dessen Label nWog Records, unter anderem als Produktmanagerin. „Ich habe mir alles selbst beigebracht. Ich nutze die Music Business Summer School, um zu überprüfen, ob ich irgendwo blind spots habe, ob ich also etwas übersehe in meiner Arbeit. Und natürlich bin ich zum Netzwerken hier“, erzählt Imke gut gelaunt. Sie überlegt, sich nächstes Jahr für den Bereich Musikverlagswesen einzuschreiben. 

Julia Nordholz ist DJ, Schauspielerin, Moderatorin, Kulturwissenschaftlerin, Projektmanagerin und seit neuestem Sprecherin des VUT Nord, dem Verband unabhängiger Musikunternehmen. „Mir gefällt vor allem das entspannte Klima, sich auszutauschen. Über die einzelnen Bereiche hinweg können wir über Gemeinsamkeiten und Defizite sprechen“, sagt Julia über die Music Business School. Sie treibt vor allem die Frage um: „Wie lassen sich Independent-Firmen am Musikstandort Hamburg besser unterstützen?“ 

Bereits diese kurze Begegnung zeigt, wie engagiert bei der Music Business Summer School Themen diskutiert werden. Und ein wenig Klassenfahrtsgefühl darf natürlich auch nicht fehlen. So erfahre ich zudem, dass jenseits des Kursprogramms gemeinsame Ausflüge wie eine Barkassenfahrt auf der Elbe oder ein Musikquiz im Gängeviertel anliegen. Doch zunächst gilt es, am Nachmittag weitere Einsichten in die Popbranche zu gewinnen.

Marketing im Live Entertainment mit Experten von FKP Scorpio

Im Bereich Live Entertainment sprechen Katja Wittenstein und Dario Dumancic von der Hamburger Konzertagentur FKP Scorpio über Veranstaltungsmarketing. Die Firma wurde 1990 von Folkert Koopmans gegründet und hat mittlerweile neben Deutschland Büros in sieben weiteren Ländern mit insgesamt 200 Mitarbeitern. FKP ist eine Tochtergesellschaft des Ticket-Unternehmens CTS Eventim und zählt zu den größten Festivalveranstaltern Europas. Ich finde es extrem aufschlussreich, direkten Input aus solch einem hoch professionalisierten Kontext zu erhalten. 

Allein Katjas Vita zeigt, wie sehr sich der Live-Sektor gewandelt hat: Vor 15 Jahren hat sie bei FKP angefangen, damals als „eierlegende Wollmilchsau“, wie sie erzählt. Mittlerweile  hat sich ihr Aufgabenfeld stark fokussiert: Sie ist Director Marketing mit einem Team von 21 Leuten. Dazu gehört seit fünf Jahren auch Dario als Head Of Digital Marketing. 

Welche Kampagnen funktionieren — und welche nicht?

Mir gefällt sehr gut, wie anschaulich und vor allem humorvoll die beiden einen Überblick geben über ihr Gebiet. Katja schlüsselt auf, wer welche Medien nutzt und wie sich so mit dem Marketing entsprechend andocken lässt. Sympathisch: Nach dem Prinzip „aus Fehlern lernen“ zeigen die zwei auch, welche Aktivitäten nicht so gut funktioniert haben. So führte etwa eine TV-Kampagne für die FKP-Festivals Hurricane und Southside 2019 nicht zu gesteigertem Kartenverkauf, obwohl mit The Cure und den Foo Fighters durchaus eine ältere (noch Fernsehen schauende) Zielgruppe zu erreichen gewesen wäre. 

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Bei den vielen Marketing-Beispielen aus dem analogen Bereich, die Katja gibt, finde ich ihre Ausführungen zu den so genannten City Lights besonders interessant. Ich persönlich nehme die beleuchteten Werbeträger im Stadtbild genauso wahr wie geklebte Papierplakate an Bauzäunen. Katja berichtet jedoch, dass die City Lights eine deutlich höhere Werbewirkung erzielen würden als klassische Poster. Zudem fungieren sie — wie etwa eine 360-Grad-Animation von Greenpeace zeigt — als Schnittstelle hin zum Digitalen. 

Konkrete Tipps fürs digitale Marketing

Und somit sind wir an diesem Nachmittag bei der Music Business School in Darios Domäne angelangt. Seine Schilderungen veranschaulichen eindrücklich, wie sehr sich das digitale Marketing in den vergangenen Jahren diversifiziert hat. Gefühlt hätte er eine Woche sprechen können über Webseiten und E-Mail-Marketing, über Apps und Social-Media-Plattformen — und wie sich mit ihnen bis in den Mikrobereich hinein Zielgruppen ansteuern lassen. 

Toll finde ich, dass Dario zahlreiche konkrete Tipps gibt, was aktuell wichtig ist für digitales Marketing: Daten pflegen und analysieren, aber den gesunden Menschenverstand dabei nicht ausschalten. Verstärkt Bewegtbild auf verschiedenen Kanälen anwenden. Zudem gelte: Frequenz ist nicht alles, Ästhetik und Inhalt führen häufig nachhaltiger zum Ziel. Und Dario motiviert dazu, neugierig zu sein auf den steten Wandel, der sich online ereignet. So stellt er auf Nachfrage aus dem Kurs TikTok ausführlicher vor.

Die App TikTok: Adele-Challenge mit Gummibärchen

Dreh- und Angelpunkt der chinesischen App sind die sogenannten Challenges, die durch Hahstags verbreitet werden. Bekannt ist zum Beispiel die Adele-Challenge: Ihr Hit „Someone Like You“ wird da von Usern mit Gummibärchen, Avengers-Figuren oder Getränkedosen nachgestellt. Ein weitere Besonderheit bei TikTok sei der Ansatz, dass man die Plattform auch komplett ohne Registrierung nutzen kann und anderen Accounts nicht folgen muss, um die Inhalte zu konsumieren, erläutert Dario. 

Seine abschließende Erkenntnis lässt sich bestens auf verschiedene Lebensbereiche anwenden: „Es gibt nicht die eine Wahrheit. Also recherchiert, bildet Euch weiter und seid vor allem mutig, Dinge auszuprobieren.“ 

Ich jedenfalls bin auch nach meinem zweiten Besuch sehr angetan von der großen Praxisnähe und konstruktiven wie inspirierenden Atmosphäre bei der Music Business Summer School. Und ich bin gespannt, wie sich das Projekt in den kommenden Jahren weiterentwickeln wird. 

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Nørden Festival: Immer noch die Musik

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„Aufräumen mit Marie Kondo“ ist eine beliebte Netflix-Serie, in der Menschen lernen können, das Volumen an Dingen in den eigenen vier Wänden zu vermindern. Die Poetry-Slammerin Selina Seemann erzählt auf der Bühne des Nørden Festivals in Schleswig ihre ganz eigene Version von Entrümpelung: Sie gerät in einen regelrechten Ausmist-Wahn — so lange, bis ihre Wohnung komplett niederbrennt und nur eine auf ihrer Schulter hockende Socke übrig bleibt. 

Nørden Festival, Schleswig, Baltic Sea, Festival, Open air, Niels Frevert, Grapell, Janos, concerts, art, culture, theatre, literature, schleiDas Bedürfnis nach Reduktion und Übersicht ist in unseren komplexen Tagen offenbar besonders ausgeprägt — wie auch immer wir es dann zu erfüllen versuchen. Insofern passt Selina Seemanns Text hervorragend zu dem Open Air, das an drei Wochenenden noch bis zum 15. September an der Schlei stattfindet.

Auf diesem Blog hatte ich bereits im vergangenen Jahr über meinen ersten Besuch beim Nørden Festival geschrieben. Und über das Konzept, Pop, Kunst, Literatur, Film, Straßentheater sowie Workshop-Angebote aus dem baltischen und skandinavischen Raum zu präsentieren. Um mir anzuschauen, wie sich das Nørden Festival bei seiner zweiten Ausgabe entwickelt hat, fahre ich am Sonntag mit zwei Freundinnen von Hamburg aus Richtung dänische Grenze. 

Nørden Festival: Poetry Slam und schwedischer Pop

Zunächst fällt auf, dass die Buden mit Handwerkskunst und Kulinarischem nun kompakter beieinander stehen. Die kleine Flaniermeile, die direkt beim Eingang beginnt, gefällt mir gut. Und da bei der Gästezahl trotz steigender Tendenz angesichts des großzügigen Geländes weiterhin Luft nach oben ist, freuen sich die Anbieter gewiss über gebündelte Besucherströme.

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Der Schwede Janos auf der Gartenbühne an der Schlei.

Was mir beim Nørden Festival erneut extrem gut gefällt, ist die im besten Sinne entschleunigende Wirkung. Ich bin zwar durchaus Fan von Krawall und Remmidemmi. Aber dass es da nicht — wie bei anderen Open Airs — an jeder Stelle wummert und lockt und kracht und promotet, ist für so einen Spätsommersonntag durchaus angenehm. Wir schlendern zum Strand und über Steg, der ins spiegelglatte Wasser ragt. Und wir betrachten jene, die nur mit einem Handtuch bekleidet dampfend am Ufer stehen, da sie soeben aus dem Sauna-Fass kommen. 

Zeit, sich einzulassen. Zum Beispiel auf den Vortrag der Autorinnen und Autoren beim Norden Slam. Auf Texte wie den von Quinn Christiansen, der mitreißend und überaus amüsant erzählt, wie normal Homosexualität ist. Der Schwede Janos wiederum sieht mit Sonnenbrille, Sweatshirt und Ballonseidenhose aus, als käme er gerade von einem 72-Stunden-Rave. Doch dann singt er auf der lauschigen Gartenbühne mit Blick auf die Schlei schönste Singersongwriter-Oden. Ihm folgen seine Landsleute Grapell, die den Nachmittag mit ihren mehrstimmigen Popharmonien angenehm soft dahindriften lassen.

Niels Frevert: auch mal nach Norden reisen

Besonders freue ich mich beim Nørden Festival auf das Konzert von Niels Frevert am frühen Abend. Seine lebensklugen Songs sind mir seit Jahren gute Begleiter, Katalysatoren und mitunter auch Rettungsanker. Erst zwei Tage zuvor ist sein neues Album „Putzlicht“ erschienen: Gitarrenpop über das Ringen nach Worten und die Suche nach Schönheit. Doch beim Auftritt auf der Hauptbühne setzt er mit seiner Band zunächst auf alte Vertraute. Auf Lieder wie „Baukran“ und „Speisewagen“. Und selbstironisch gibt es die Nummer „Der Typ, der nie übt“. Vor dem Losfahren hätten sie noch proben müssen, sagt Frevert. Nun gut. Hier und da ein verpasster Einsatz. Aber Dynamik und Details der Musik, die sind doch sehr beglückend.

Nørden Festival, Schleswig, Baltic Sea, Festival, Open air, Niels Frevert, Grapell, Janos, concerts, art, culture, theatre, literature, schleiUnd Frevert ist gut aufgelegt. Ein schöner Kontrast zu seinen berührenden Stücken. Toll sei es, erzählt der Musiker, für ein Konzert auch mal nach Norden zu reisen und nicht immer nur nach Süden. Und überhaupt: Wo denn die Schleswiger so ihre Platten kaufen würden. „Haithabu-Vinyl“ rufen einige aus dem Publikum.

Mit Stücken wie „Immer noch die Musik“, „Putzlicht“  und „Als könnte man die Sterne berühren“ kommt dann noch reichlich neues Material. Und die hell tänzelnden Gitarren und der sehnsuchtsvolle Gesang verweben sich mit der Dämmerung und fliegen fort mit den dunklen Vogelschwärmen, die vorbeiziehen. Lichter gehen an. Ein Blinken am Horizont. Als ob das Glück schon immer so war.

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