Dirk von Lowtzow erzählt „Aus dem Dachsbau“

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Ich umgebe mich bereits seit geraumer Zeit mit Dachsen. Die Tiere verkörpern für mich eine eigensinnige Kraft. Daher war die Vorfreude enorm, als mir der Verlag Kiepenheuer & Witsch Ende vergangenen Jahres das Buch von Dirk von Lowtzow zuschickte, seines Zeichens Sänger und Gitarrist von Tocotronic. „Aus dem Dachsbau“. 180 Seiten. Die Buchstaben A, B und C des Titels auf dem Cover groß gedruckt.

Ein Alphabet also. Kein Roman. Nichts Gestrecktes und Gespreiztes. Keine Meisterwerke mehr. Stattdessen literarische Miniaturen vom Aufwachsen, Ausbrechen und Ausdehnen. Und so viel sei vorweg gesagt: Dirk von Lowtzow bleibt ganz bei sich. Ich mag das Buch sehr.

Ängste und Fantasien

Am 1. Januar fing ich an zu lesen. Am Anfang ist die Ruhe am größten. Das Heruntergefahrene aus der Zeit zwischen den Jahren schwingt noch nach. Im „Dachsbau“ wehen zum Auftakt Harmoniegesänge und Discobeats von ABBA in die Kindheit hinein wie ein Versprechen.

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Der Dachs, illustriert von Dirk von Lowtzow

Das zweite A ist bereits Alexander gewidmet, Dirk von Lowtzows früh gestorbenem Jugendfreund, der das Buch umarmt und durchzieht. Ganz am Ende offeriert er dem Protagonisten eine zweite Erlösung neben der Musik, um Unrast und Einsamkeit zu entkommen: „Schreib alles auf“, flüstert der Tote dem Freund auf der Bettkante zu.

Das Schreiben als Akt sich zu erinnern. Seine eigene Geschichte aufzuschließen. Ängste und Fantasien zu öffnen. So dass sich Mystery und Hysteria und Hystory verstärken. Und um dann womöglich seinen Frieden zu machen.

Wie der Autor bin ich im bundesrepublikanischen Westen zu Zeiten des Kalten Krieges aufgewachsen. Das Buch stellt die Verbindung her zu dieser Kindheit und Jugend, lässt sie in mir anklingen. Allerdings nicht schlicht zeitkoloriert nacherzählt. Es ist vielmehr ein Nachhall der damaligen Wahrnehmung.

Der zutiefst verinnerlichte kindliche Glaube daran, dass Aliens unsere Erde und Körper beherrschen. Ist das Ausdruck der damals nahenden Pubertät, die einen verwandelte, die Geist und Glieder zu übernehmen schien? Ist es die Furcht, vom Spießbürgerlichen der Umgebung vereinnahmt zu werden? Oder hat eine gesamte Generation so die Angst vor der Bombe kanalisiert? John Carpenter, HR Giger – ein kollektiver Film.

Aliens und Bundesjugendspiele

Bei Dirk von Lowtzow leben die Außerirdischen im Schulmuff zwischen Pausenhof und Biologiesaal, was nicht einer gewissen Drastik und Komik entbehrt: „Gegen Ende des Schuljahres veranstalteten die extraterrestrischen Faschisten regelmäßig sogenannte Bundesjugendspiele, grausame Wettkämpfe, bei denen wir für die militärischen Einsätze der Aliens getestet und ungeeignete Kandidaten aussortiert wurden.“

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So könnte es im Dachsbau aussehen, illustriert von Line Hoven

Das Buch birgt diverse Erlebnisse zwischen Demütigung, Selbsthass und dem Gefühl, fremd zu sein. Das tragischste und traurigste trägt den Titel „Junge Union“. „Aus dem Dachsbau“ reicht all den Unsportlichen und Outsidern die Hand. Die Worte sagen ihnen: stay gold. Denn die fantastischen Welten, die wir damals zu spinnen begonnen haben, tragen uns nun durch die erwachsene Existenz. So springt Dirk von Lowtzow mit uns immer wieder ins Heute. Nach Berlin. Wo mal ein Bär bei ihm wohnt, mal ein Hund, mal Meisen. Eine gute Gesellschaft.

Beim Lesen entsteht nach und nach das Mosaik eines Menschen. Tierische Versatzstücke. Softe Fragmente. Ein Porträt in Plüsch.

Zwischen den Zuständen

Dirk von Lowtzow erzählt von Lebenswegen, die hätten sein können. Als Schauspieler zum Beispiel. Und von solchen, die sich fortsetzten. Mit der Band etwa. Liebe blitzt auf. Perspektiven verschieben sich. Jahre im Ortenaukreis, in Wien, in Hamburg und Berlin. Zudem immer wieder Zustände zwischen den Welten. In Zügen und Hotels, im Kino und beim Flanieren, zwischen Leere und Überreizung. Doch das Biografische ist nie rein faktisch, nie plumpe Jahreszahl, sondern durchzogen von Paralleluniversen und Träumen, von Ausflüchten und geheimen Zeichen.

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Dirk von Lowtzow, fotografiert von Jutta Pohlmann

Aus dem Dachsbau“ ist kein explizites Musikbuch. Doch wer mit den Liedern von Tocotronic vertraut ist, erkennt Querbezüge, Leitmotive und vor allem den Tonfall, diese gewisse Art von melancholischem Witz. Hinzu kommt die popkulturelle Revue, die das Buch fein durchstreift, mit Figuren wie Hedy Lamarr und Hubert Fichte, den Minions und Robocop, Neil Young und David Bowie.

Immer wieder gibt es im „Dachsbau“ Momente des Sich-Verlierens, des Transits. Besonders angerührt hat mich die Episode „Leuchtturm“. Gerade mal gut zwei Seiten lang. Ein Stromern durch den Wald scheint kurz zur Dystopie zu geraten. Mit phosphoreszierenden Pilzen und uneinladenden Betonhöhlen. Doch am Ende wartet eine andere Zone. Dünen, Strand und ein Abschied. Von einem Freund. Von der Kindheit. „Ich erinnere mich an Dinge, die ich noch nicht kennen konnte. Märchen aus der Zukunft“, schreibt Dirk von Lowtzow.

Ich muss daran denken, wie ich mich als Kind mit dem Fahrrad immer weiter und weiter wegbewegte von unserem Zuhause. Straße um Straße eine neue Welt. Ein Abenteuer. Bedrohlich und befreiend zugleich. Eine Ahnung von dem, was kommen mag.

27. März, 20 Uhr, Uebel & Gefährlich: Dirk von Lowtzow liest „Aus dem Dachsbau“

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Ove, Finkenauer und Staring Girl im Knust – der etwas andere Neujahrsempfang

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Das erste Konzert im neuen Jahr. Die Tiere kommen aus ihrem Bau. Sie sind nicht unruhig. Ihre Bewegungen sind eher leicht verpeilt, noch tastend, blinzelnd. Der Ausgehrhythmus für die kommenden Monate wird gerade erst aktiviert. Alles stolpert noch aufs Schönste zwischen müde und vorfreudig. Nur ein Tier kommt nicht. Der Dachs. Zumindest laut Ove, erster auf der Bühne im Hamburger Knust an diesem Abend, der sich ein wenig anfühlt wie das, was in anderen Kreisen Neujahrsempfang genannt wird. Alle haben sich herausgeputzt. Die Wollmützen gewaschen, die Tätowierungen poliert und die Bandshirts nicht gebügelt.

Ove singt noch nicht veröffentlichte Lieder solo zur Akustikgitarre. Alles neu. Eigentlich spielt er mit Band. Und eigentlich singt er nur noch. Keine Saiten mehr. Doch jetzt hat er alle Hände voll zu tun. Und alle Herzen schnell gewonnen.

Ove – wenn der Dachs nicht kommt

Wie bei einem guten Jahresauftakt gibt es Geschichten darüber, sich neu zu erfinden. Ove singt davon, auf sich selbst als Version 2.02 zu warten. „Zum Download bereit“. Und er stellt Fragen, viele Fragen. Alltägliche und versponnene. Ob das Universum manchmal alleine ist etwa. Und dann dieser Jetzt-schon-Hit 2019: „Wenn der Dachs nicht kommt“. So nenne ich das Lied zumindest für mich intern. Womöglich hat der Urheber es anders betitelt.

Knust, Club, concert, Staring Girl, Ove, Pascal Finkenauer, Indie, Rock, Americana, Singer-Songwriter, stage, lights, merchandise, Biggy PopMit seiner ganzen nordfriesischen, leuchtend gelockten und querdenkenden Ovehaftigkeit erzählt uns der Singer-Songwriter von einer misslungenen Nachtwanderung durch einen Wald als Betreuer einer Jugendfreizeit. Nur der Dachs, der hat eben keinen Bock.

Ich freue mich jetzt schon sehr auf Oves neues Album „Abruzzo“, das am 22. Februar bei Tapete Records erscheint. Wenn das Leben dir Zitronen gibt, mache Lieder daraus. Nordseeküste, Mittelmeer und zurück. La dolce vita und schöner Scheitern im Sonnenschein. So stelle ich mir das vor.

Pascal Finkenauer –  Umschlag am Neujahrstag

Auf die Sonne folgen an diesem Abend der Mond und die Sterne. Sänger und Gitarrist Pascal Finkenauer samt Bassist und Schlagzeuger sowie die Band Staring Girl.

Knust, Club, concert, Staring Girl, Ove, Pascal Finkenauer, Indie, Rock, Americana, Singer-Songwriter, stage, lights, merchandise, Biggy PopEs ist gut, Pascal Finkenauer mal wieder auf der Bühne zu erleben. Ich hatte ihn länger nicht dort gesehen. Auch hier scheint Tastendes, Suchendes vor sich zu gehen. Die Triobesetzung ist neu. Der Sound – mal elegisch, kurz mal fast Metal. Der Gesang schraubt sich in die Tiefe. Alles ist ernst. Eine Erinnerung daran, dass nicht alles Licht sein kann. Ein Nachhall all der Unwägbarkeiten, die in uns leben. Finkenauer singt von einem grauen Umschlag, der am Neujahrstag vor der Türe liegt. Ein Bild von sich selbst steckt darin. Wer werden wir sein 2019? Wem werden wir begegnen?

Staring Girl – verschoben am Fluss

Im Knust jedenfalls sind viele unterschiedliche Tiere anwesend. Das ist gut. Und das Rudel, das immer vorne links vor der Bühne steht, ist auch versammelt. Das Musikjahr, es geht wieder los. Und die Hamburger Staring Girl erzählen uns von all dem, was zwischen den Stühlen, zwischen den Zeilen, zwischen dem „Stolpern, Taumeln und Laufen“ geschehen kann. Zu fünft spielen sie. Eine Mehrgenerationenband, früher in großen Teilen für Gisbert zu Knyphausen musizierend.

Knust, Club, concert, Staring Girl, Ove, Pascal Finkenauer, Indie, Rock, Americana, Singer-Songwriter, stage, lights, merchandise, Biggy PopIhr Sound zwischen Indierock und Americana entfaltet eine hypnotische Qualität. Zwischendurch gibt es Tendenzen zum Muckertum, zum ausufernden Gitarrensolo. Das geht mir in anderen Fällen gerne mal auf die Nerven. Bei Staring Girl ist das jedoch gerade noch so wohl dosiert, dass es einen tiefer und tiefer hineinzieht in die Musik.

Sänger und Gitarrist Steffen Nibbe schildert einen Tag am Fluss, an dem alles verschoben ist. So erinnere ich mich zumindest an diesen einen Song. Womöglich habe ich das aber nur kurz geträumt. Denn das sind ja letztlich die besten Konzerte, bei denen sich die eigenen Gedanken mit den Liedern vermischen und sich die Geschichte so fort fort fortschreibt.

Sehr gut gefällt mir auch die Nummer über zwei, die am Küchentisch sitzen. Die trinken und reden und sich küssen. Und das Wissen ist bereits da, dass dieses Beieinander nur kurz sein wird. Dass die Energie nicht ausreichen wird für die Langstrecke. Auch in halb verpassten Chancen liegt Poesie. Nicht nur im Jauchzen, im Trübsal.

Nils ist auch da

Und dann, für Tränen so früh im Jahr, eine Nummer von Nils Koppruch. Ove kommt erneut auf die Bühne, begleitet von Jenny Apelmo alias Felicia Försvann, um gemeinsam mit Steffen Nibbe und Staring Girl den Fink-Song „Wenn du mich suchst“ zu singen. Ich freue mich sehr über diesen All-Star-Act. Denn in der Kunst und in den Herzen lebt und macht alles weiter.

Für seine Lieder wünschte sich Koppruch, dass sie stets auch Gebrauchswert haben sollten: ‘Die Idee war, die Songs einfach zu halten, sodass der, der ein bisschen ‘ne Gitarre festhalten kann, das auch relativ leicht nachmachen kann’, sagte er einst. Zu hoffen ist, dass viele dieser Aufforderung folgen. Denn Musik ist nicht nur gut als Trost, sondern auch gegen das Vergessen“, schrieb ich 2012.

In diesem Sinne ein frohes, gesundes, inspirierendes neues Jahr Euch allen! Geht hinaus aus eurem Bau dann und wann. Tastet und blinzelt. Hebt den Blick und schaut ins Licht.

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