Biggy Pop – Take Five: Hamburger Songs mit Haltung

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Yeah, Yeah, Yeah! Mein Blog über Popmusik in Hamburg feiert ein kleines feines Jubiläum – den 50. Eintrag. Und aus diesem Anlass habe ich mir eine neues Format überlegt, das ich in unregelmäßigen Abständen präsentieren möchte: Biggy Pop – Take Five.

Die Idee entstand, weil täglich viel neue Songs und Alben sowie zahlreiche Musik-Infos bei mir eintreffen. Mit Biggy Pop – Take Five möchte ich diese popkulturelle Fülle unter verschiedenen Schwerpunkten bündeln. Das können mal fünf spannende Neuigkeiten aus der Hamburger Szene sein, mal fünf kuriose Konzertbeobachtungen, mal fünf interessante Aussagen von Musikern, mal eine Vorschau auf fünf besondere Festivals, mal fünf Tresenweisheiten. Ihr versteht.

Take Five: Songs, die kritisch und konstruktiv auf unsere Zeit blicken

Anfangen möchte ich mit fünf aktuellen Songs aus Hamburg, die meines Erachtens nach kritisch und konstruktiv auf unsere Zeit blicken. Also, I proudly present Biggy Pop – Take Five: Hamburger Songs mit Haltung.

1. Die Goldenen Zitronen: „Katakombe“ („More Than A Feeling“, Buback)

More Than A Feeling, Buback, Die Goldenen Zitronen, Pop, HaltungZugegeben, es ist fast schon vermessen, bei einem Album der Goldenen Zitronen nur einen einzigen Song mit Haltung auswählen zu wollen. Daher fiel mir auch bei „More Than A Feeling“ die Auswahl schwer. Die 13. Platte der Hamburger erscheint am 8. Februar beim Label Buback. Und die querdenkende wie -spielende Crew um Schorsch Kamerun analysiert und assoziiert sich da grandios nervös groovend durch unsere Gegenwart – vom Trump’schen Mauerbau bis zum Hamburger G20-Gipfel.

Stellvertretend für die elf neuen Stücke habe ich mich für den Opener „Katakombe“ entschieden. Unheilvoll dröhnt da der Bass. Und wütend proklamiert Schorsch Kamerun. Er schlüpft in die Stimmen der anderen. Jener, die ihre Fremdenfeindlichkeit mit Lügen zu rechtfertigen versuchen. Gegengeschnitten sind die, die die stumpfen Plattitüden ganz klar hinterfragen und kommentieren. „Sicher das?“ Der Song reproduziert die überreizte Atmosphäre, in der Diskussionen mittlerweile real und online geführt werden dieser Tage. Ein dunkles diskursives Rave-Stück. Und Schorsch Kamerun als Rufer in einer schwarz-weißen Wüste. Eine dringliche Aufforderung, die Hassenden nicht einfach reden zu lassen.

2. Dendemann: „Keine Parolen“ („da nich für!“, Vertigo Berlin)

da nich für, vertigo, Dendemann, Pop, HaltungDendemann, Dickschiff aus der Hamburger Rapszene, mittlerweile Wahlberliner, haut uns im lässigen Flow unsere eigene Bequemlichkeit um die Ohren. „Keine Parolen“ ist zu hören auf seinem neuen Album „da nich für!“, das Ende Januar bei Vertigo Berlin veröffentlicht wurde. Sounds und Beats erzeugen für mich einen beklemmenden Sog. Und der Titel ist so doppeldeutig wie die alltägliche Doppelmoral, die sich eingeschlichen hat. Wenn ich „Dende“ richtig verstehe, moniert er Folgendes: Natürlich will der aufgeklärte Großstädter keine Parolen vom rechten Rand. Aber bei jenen, die sich in ihrem Leben eingerichtet haben, mangelt es häufig an der Bereitschaft, mit eigenen Statements, mit klaren Prinzipien und beherzt artikulierten Haltungen dem erstarkenden Rechtspopulismus entgegenzutreten.

„Unser Rückgrat ist stufenlos verstellbar“, rappt Dende smart, rau und mahnend. Zudem: „Wenig Ehre, viel Desinteresse, kaum Anstand, immer Gästeliste“. Und mit einem hübschen Dreh twistet Dendemann vom Lamento des saturierten Bürgers hinein in den Hit „Alles was ich will (ist die Regierung stürzen)“ aus dem Jahr 1990 von Die Goldenen Zitronen (siehe oben). In „Keine Parolen“ klingt das Goldies-Zitat allerdings arg verzögert und phlegmatisch. Leute, so wird das nichts mit der Revolution.

3. Botschaft: „Herrschaftsfrei“ („Musik verändert nichts“, Tapete Records)

Botschaft, Tapete, Musik verändert nichts, Pop, HaltungIn einem softeren Drive, aber nicht minder gehaltvoll kommt die Selbst- und Sozialkritik bei der Hamburger Band Botschaft daher. Am 8. Februar erscheint bei Tapete Records ihr Debütalbum „Musik verändert nichts“. Das klingt ja zunächst einmal desillusioniert. Der ultrapoppige, leicht schwebende Sound des Quintetts entfaltet seine Wirkung in Kombination mit den Lyrics von Sänger Malte Thran jedoch subtiler. Ein Song wie „Herrschaftsfrei“ erzählt meiner Ansicht nach davon, wie die Gesellschaft und ihre moralischen Vorstellungen bis in unsere innigsten Beziehungen vordringen. Wie selbst unser intimstes Fühlen von Hierarchien durchzogen ist. „Aus Abhängigkeit schöpfst du Vertrauen“, singt Thran. Gibt es sie also, die wahre Liebe, oder ist das alles ein Resultat der Umstände? Muss ich noch weiter drüber nachdenken.

4. Disarstar: „Alice im Wunderland“ („Bohemien“, Warner Music)

Disarstar, Warner, Bohemien, Pop, HaltungMit seinen Aussagen direkt auf die Zwölf gibt uns der Hamburger Rapper Disarstar, dessen Album „Bohemien“ am 15. Februar bei Warner Music veröffentlicht wird. Vorab hat er bereits die Single „Alice im Wunderland“ ausgekoppelt. Der junge Hiphopper ist keiner, der auf Bling, Posen und Drogen setzt, sondern auf Sprechgesang mit Bewusstsein. Zum Magengrubenbeat redet Disarstar – unverkennbar – AfD-Politikerin Alice Weidel ins Gewissen. „Lass das mit der Festung Europa / Geh’ doch wieder ins Büro zu Goldman Sachs / Und spiel’ Poker, Alice“, rappt Disarstar mit tiefem Wumms. Ich bin positiv überrascht, dass ein Majorlabel einen derart meinungsstarken Künstler herausbringt und sich somit deutlich positioniert. Und so beginnt der Infotext zu „Bohemien“ auch mit der Ansage: „Unpolitisch sein? In der heutigen Zeit? Absolut keine Option.“ Word.

5. Neonschwarz: „Der Opi aus dem 2. Stock“ („Clash“, Audiolith)

Clash, Audiolith, Neonschwarz, Pop, HaltungClash“ von den Hamburger Hiphoppern Neonschwarz ist schon seit vergangenen Herbst draußen, aber nicht minder aktuell. „Der Opi aus dem 2. Stock“ ist das Gegenteil von einem Partytrack, sondern eine nachdenkliche Rap-Nummer. Piano- und Bläser-Einschübe zu versiert verschlepptem Beat. Toll arrangiert, ernstes Thema. Marie Curry und ihre Crew erzählen von einem alten Mann, Opfer des Nationalsozialismus, Überlebender des Zweiten Weltkriegs, der traumatisiert und vereinsamt in seiner Wohnung lebt. Er ist schockiert, wie viele die Geschichte verdrängen. Und wie das alte Gedankengut neu erstarkt. Neonschwarz gibt ihm eine Stimme. Never forget.

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Sophia Kennedy in der Elbphilharmonie – La La Land mit Irritationen

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Das Konzert von Sophia Kennedy beginnt mit einem langen elektronischen Driften und Wogen, das Mense Reents am Laptop produziert. Ein Sound, der immer mehr durch die Haut zu drücken scheint. Als solle dieses Intro uns durchlässig machen. Alle kommen aus dem Alltag. Sind noch fest in ihren Rollen und Zuständen. Sind noch voll mit ihren Berufen und Befindlichkeiten. Die Musik weicht mich auf, macht mich transparent, lässt andere Möglichkeiten durchschimmern.

Und dann betritt Sophia Kennedy die Bühne. Sie tapert umher. Als müsse sich auch bei ihr der Tag erst setzen. Sie lässt der Unrast ihren Lauf, bevor sie sich an den Flügel begibt und zu singen beginnt, als sei sie einem alten Film entstiegen. So dunkel und dramatisch und sehnsuchtsvoll und cool und warm. Hollywood im Pudel Club. Dort sind wir zwar nicht an diesem Abend, aber dort verorte ich die Musikerin geistig. Nun also Elbphilharmonie. Kleiner Saal. Ein Konzert in der Reihe „Made in Hamburg“. Und draußen in dieser Stadt Schnee und windige Kälte. Drinnen La La Land und schönste Irritationen.

Sophia Kennedy, Mense Reents und die Goldenen Zitronen

Im Frühling 2017 veröffentlichte Sophia Kennedy ihr selbstbetiteltes Debütalbum bei DJ Kozes Label Pampa Records – gemeinsam mit Mense Reents, der seit dem Jahr 2000 multiinstrumental und technikverliebt bei den Goldenen Zitronen wirkt. Ich muss daran denken, wie ich die Zitronen das erste Mal Mitte der 90er-Jahre in Würzburg sah, noch bevor Mense Reents zu der Band stieß. Ständig tauschten die Musiker ihre Positionen und Instrumente. Nichts schien sicher, alles war großartig. Ein menschenfreundliches Gewitter. Beim Konzert von Sophia Kennedy scheint es mir nun, als habe sich dieser Ansatz verfeinert.

Sophia Kennedy, Mense Reents, Pampa Records, Records, Debut, Elbphilharmonie, concert, Made in Hamburg, RockCityDie Lieder sind Pop. Sie sind eingängig und groß. Und doch brodelt immer etwas verfremdet im Hintergrund. Klänge, die das Wohlgefallen mit Merkwürdigkeiten konterkarieren. Beats, Loops und Samples, die uns verschieben auf andere Positionen, in ungewohnte Blickwinkel.

„Wenn ihr es fühlt“

Sophia Kennedy beginnt mit „Baltimore“, einem Song über ihre Heimatstadt in den USA. Bevor sie nach Hamburg zog. Für den meisten Rest des Sets wechselt sie ans Keyboard. Mit „Dizzy Izzy“ erhöhen Mense Reents und sie das Tempo, die Temperatur. Kratzend, nervös, funky. Ungewohnt sei das, vor bestuhltem Saal zu spielen, sagt Sophia Kennedy. Die Gäste könnten ja aufstehen. „Wenn ihr es fühlt.“ Es seien ja alle frei.

Niemand erhebt sich. Doch mental tanzen alle längst unter der Decke des Saals. Das muss doch so sein bei einer exaltierten Disco-Opern-Nummer wie „Something Is Coming My Way“.

Beats gegen die Schädeldecke

Mein Lieblingsstück von Sophia Kennedy ist „Special“. Eine lakonische Außenseiterhymne. „Being lonely makes you special / but being special makes you lonely too“, singt sie und steigt dabei mit ihrer Stimme tief hinab in die Gefühle, aber auch in die Gelassenheit.

Ich mag Konzerte, bei denen die Musik körperlich spürbar wird. Bei Stücken wie „Build Me A House“ knallen die Beats von Innen gegen meine Schädeldecke. In einem Club ginge diesbezüglich bestimmt noch mehr. Aber auch im edlen Konzerthaus kommt das schon ganz gut.

Der Effekt verstärkt sich noch einmal bei „Kimono Hill“ mit seinem Tribalrhythmus. Der Song mündet in eine Gesangspassage, die wie ein minimaler Gospel in den Saal schallt. Sophia Kennedy erzählt da ganz nah und umwerfend, wie sie sich eine Gitarre kauft, um Liebe zu verbreiten. Sie predigt die Intensität. Den Humor. Das Surreale. Die Coolness.

Ein Anzug mit Tomaten

An diesem Abend trägt sie einen weißen Anzug, der unter anderem mit Tomaten bestickt ist. Ich muss an die aufwendigen Fabrikate denken, die der berühmte Schneider Nudie Cohn für Countrystars wie Gram Parsons, Dolly Parton und Hank Williams gefertigt hat. Mir gefällt diese Showverwandlung sehr gut. Passend dazu singt Sophia Kennedy gegen Ende immer wieder die Zeile: „If I were something different“. Jemand anderes sein. Oder viele. Spoken-Word-Performerin, Chansonette, Popsängerin, Jazzerin, Electrolady, R’n’B-Queen, Pianistin, Komponistin, Maschinenbeschwörerin, Traurige, Tröstende, Tanzende, Tomatenträgerin.

Mit all den musikalischen Versatz- und Schmuckstücken der Sophia Kennedy gehen wir durch das Schneewehen nachhause. Und die Welt, sie wirkt ein wenig aufgelöst.

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