Tanju alias Tan LeRacoon: Polit-Songs mit Soul

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Es existieren in der Hamburger Musikszene extrem viele Menschen, die tragen keine klangvollen Namen wie Deichkind oder Ina Müller. Doch sie durchziehen das hiesige Popleben derart fein verästelt, dass sie den gesamten Grund zusammenhalten. Ein weit verzweigtes Wurzelwerk, das nicht nur den Baum mit Energie versorgt, sondern auch mit dem gesamten Mutterboden kommuniziert. Mit dem Humus. Eine solche Persönlichkeit ist für mich Tanju Boerue alias Tan LeRacoon.

Kennengelernt haben wir uns, als Tanju von 2004 bis 2016 gemeinsam mit Anja Büchel die hinreißende Hasenschaukel an der Silbersackstraße betrieb. Ein wildes und warm leuchtendes Wunderland mit skurrilem Retro-Charme. In einer Mischung aus Euphorie, Geduld und Improvisation boten Anja und Tanju damals noch unbekannten Künstlern wie Gisbert zu Knyphausen eine Bühne. Und mit meinem Radiokollektiv Das Draht durfte ich mich erstmals beim öffentlichen Auflegen ausprobieren. Unglaublich familiäre Partys waren das in diesem freigeistigen Labor auf St. Pauli.

Tanju, Timothy Leary und The Slits

Seit Jahren arbeitet Tanju als Musikmanager und Tourbegleiter — und verantwortet die Produktion beim Reeperbahn Festival. Ein professionalisierter „Do it yourself“-Typ mit offener Freundlichkeit. Und ein Mensch, der von Musik durchdrungen ist. Der sich Popgeschichte nicht bloß angelesen, sondern sie mitgeschrieben hat: Im London der 80er-Jahre Punk-Fanzines machen. Im Umfeld des New Yorker Chelsea Hotels in Bands spielen. Mit Hippieguru Timothy Leary in L.A. leben. Die formidable Feministin Ari Up von The Slits als Komplize begleiten. Ein historisches Fabelwesen, das im Hintergrund funkelt.

Tanju Boerue, Tan LeRacoon, album, record, cover, artwork, Funeral Parade Of Roses, musician, Hamburg, The Slits, Reeperbahn Festival, TourmanagerAll diese Erfahrungen lässt Tanju als Tan LeRacoon in seine eigene Musik einfließen. Sein Alter Ego gefällt mir sehr gut, sind Racoons, also Waschbären, doch nicht nur gewitzte, sondern auch gesellige Tiere. Auf Wikipedia findet sich unter anderem folgende Beschreibung: „Aufgrund seiner Anpassungsfähigkeit ist es dem Kulturfolger Waschbär gelungen, urbane Gebiete als Lebensraum zu nutzen.“ Solch ein „verstädterter Waschbär“ ist Tan LeRacoon definitiv. In den Clubs und Kaschemmen nach Nahrung suchend. 

Neues Album „Funeral Parade Of Roses“

2016 veröffentlichte Tanju mit „Dangerously Close To Love“ ein rau knisterndes Folk-Pop-Album. Nun ist mit „Funeral Parade Of Roses“ beim Hamburger Label Légère Recordings seine neue Platte erschienen, die sich stilistisch noch weiter öffnet. Das Spektrum reicht von dunkel nachhallenden Aufnahmen in Bedroom-Atmosphäre über enorm tanzbaren Beat und Soul bis hin zu verzerrtem Post-Punk. 

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Tan LeRacoon, fotografiert von Casa De Chrisso (ebenso das Titelbild)

Tanju erzählt von persönlichen Dämonen, von Aufbruch und Heilung. Anekdotische Blitzlichter flackern auf, an unterschiedlichen Orten rund um den Globus — von Birmingham bis nach New York. Vor allem aber ist sein Album ein wütendes, ein politisches. Die Gitarre bleibt nicht im Folk-Modus, die Bläser setzen nicht bloß gefällige Akzente. Bereits im Opener „Your Own Way“ steigert sich der Sound von etwas Intimem zu einer brodelnden Dringlichkeit. In dem Signature-Song „Tanuki Is Back“ rauscht Tanju mit taumelndem Gesang hinein in satten Soul-Punk. Und mit „I.G.S.“ liefert er einen beschwingten Hand-Clap-Protestsong.

Entfesselter Kapitalismus. Menschen, die in die Flucht getrieben werden. Das Erstarken der Rechten. Sexismus und Homophobie. Krieg und Lügen. Das Verharren in Filterblasen und Komfortzonen. Tanju verhandelt diese Themen in seiner Poesie zwischen somnambulem Fiebertraum und blankem Entsetzen, sucht jedoch letztlich optimistisch nach Lösungen.

Crooner der Zwischentöne

Über seine Motivation sagt er: „Aktiv zu sein, bedeutet ja nicht, schlecht gelaunt durch die Welt zu laufen. Wir können nur Menschen erreichen, wenn wir ihnen Alternativen bieten. Ich versuche meine Anliegen im Dialog zu vermitteln – so schwer das manchmal auch fällt. Es nützt nichts, nur eine Klientel anzusprechen, von der du weißt, dass sie eh deiner Meinung ist.“ 

Um die Bandbreite zwischen ernsten Texten und oftmals gut gelaunter Musik zu realisieren, hat Tanju eine feine Allstar-Band um sich geschart: Linus Lindvall (Golden Kanine), Jens Fricke (Staring Girl, „Gundermann“-Film, Gisbert zu Knyphausen), Dino Joubert und Caroline Blomqvist (MinRu), Felix Roll (Torpus & The Art Directors), Gabor Bertholini (Golden Kanine, The Great Bertholinis), Mattias Larson (Cub & Wolf), Robert Weitkämper (Dr. Ring-Ding, Staring Girl) sowie die Bläser-Sektion von Diazpora. Produziert hat Tanju das Album in Eigenregie, gemischt wurde „Funeral Parade Of Roses“ von Gregor Hennig im Studio Nord in Bremen.

Besonders interessant finde ich die Nummer „Battle Is Over, War Isn’t Won“. Ein geheimnisvoll-verschlepptes Reggae-Stück, in dem Tanju uns in einer Spoken-Word-Performance seine Sicht auf die Lage der Welt einflüstert — und damit auch seine Fragen und Zweifel, seine Überforderung und Erschöpfung. Ein Crooner der Zwischentöne. Ein musikalischer Aktivist.

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