Open Club Day: Safari durch St. Paulis Spielstätten

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Tagsüber auf dem Hamburger Kiez unterwegs zu sein, ist für mich die ehrlichere Variante. Keine Dunkelheit, die das Triste einhüllt. Kein Neonlicht, das das Schäbige ausblendet. Die großen kleinen Glücksversprechen leuchten noch nicht so stark. Die Bürgersteige sind noch nicht so überladen mit Suchenden und Torkelnden, Glotzenden und sich bald Vermählenden. Ein ganz normales besonderes Viertel ist St. Pauli vor den Abendstunden. Ich mag diese Atmosphäre sehr, wenn der Stadtteil noch nicht nächtlich verwandelt ist. Von daher bin ich sofort dabei, als das Clubkombinat Hamburg am frühen Samstagnachmittag zum dritten Open Club Day lädt. Und ich bin offenbar nicht die einzige.

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Gut hundert Menschen warten vor dem Kaiserkeller auf der Großen Freiheit, um an der popkulturellen Tour zum Open Club Day teilzunehmen. Unser Guide Jan-Kristian Nickel vom Clubkombinat, der uns in den kommenden drei Stunden von Club zu Club führen wird, ist offensichtlich erstaunt ob des Zuspruchs. Und ich bin begeistert, wie gemischt die Gruppe für diese Club Safari ist. Junge  Hamburger, Zugezogene, aber auch viele Ältere schieben sich die Treppe in den legendären Club hinab. Ein Mann erzählt mir, dass seine Frau und er um die Ecke gewohnt haben. Ihren Hochzeitsunterricht hätten sie vor 40 Jahren in der gegenüberliegenden St. Joseph Kirche gehabt. Die läutet dann auch direkt mal, als wolle sie auf sich aufmerksam machen. Ich liebe solche Geschichten. Sie zeigen, dass St. Pauli viel mehr ist als ein von Touristen geflutetes Amüsierquartier.

Station 1: Kaiserkeller — von den Beatles bis zu Gothic Rock

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Bookerin Alina Gast (schwarzer Hoodie) und Jan-Kristian Nickel vom Clubkombinat (rechts) begrüßen die Gäste bei der ersten Station des Open Club Day auf St. Pauli

Unten im Kaiserkeller erläutert Bookerin Alina Gast kurz und knackig die bewegte Historie des 1959 eröffneten Clubs. Die sogenannte Beatles-Lounge erinnert daran, wie Gründer Bruno Koschmider die späteren Fab Four in dem Kellerladen spielen ließ. Mittlerweile hat der Kaiserkeller einen starken Fokus auf Partys zwischen Metal, Gothic und Rock. Und donnerstags treten Newcomerbands auf. Dass noch unbekannte Gruppen Auftrittsmöglichkeiten brauchen, ist immer wieder Thema auf dieser Tour zum Open Club Day. Und dass Clubs aufgrund steigender Mieten gleichzeitig bekannte Acts brauchen, die den Club füllen.

Die Philosophie des Open Club Day — europaweite Solidarität

Um auf die diversen Problemlagen aufmerksam zu machen, wurde 2018 europaweit der Open Club Day ins Leben gerufen. Vor allem soll dieser Tag aber die tolle Arbeit der Spielstätten zeigen. Das Herzblut. Das Know-how. Die Inspiration, die von Livemusik ausgeht. Konzerte und Clubkultur sind Teil des europäischen Selbstverständnisses. Deshalb öffnen mehr als 115 Clubs in 15 Ländern Europas ihre Türen für Gäste. Auch für jene, die sich womöglich nicht mehr im Nachtleben tummeln. Oder deren Freunde zu bequem sind, wie mir eine junge Teilnehmerin erzählt. An diesem Tag kann sie bestimmt gute Argumente sammeln, um ihre Leute mal zu einem Club-Bummel auf der Reeperbahn zu bewegen.

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Die Beatles Lounge im Kaiserkeller

Beim Open Club Day geht es darum, Hemmschwellen abzubauen. Die Anbindung an die Nachbarschaft und die Stadt ist ebenso wichtig wie das Empowerment von Clubbetreibern und Veranstalterinnen. „Der Open Club Day verbindet lokale Bühnen in ganz Europa in einer starken solidarischen Bewegung, die ihre Bedeutung als kulturelle, ökonomische und soziale Akteure bekräftigt“, heißt es auf der Seite zum Open Club Day.

Ich selbst habe mit 15, 16 Jahren angefangen, in Clubs zu gehen (die damals noch Discos hießen). Und ich kann gar nicht genug betonen, wie persönlichkeitsfördernd all die Stunden in diesen musikalischen, subkulturellen und freiheitlichen Zusammenhängen waren. Gemeinschaft, Eigensinn, Kunst, Konflikt, Tanz, Utopie. All das lässt sich in Clubs lernen.

Station 2: Lehmitz — auf dem Tresen tanzen

Lehmitz, Bar, Reeperbahn, Open Club Day, Hamburg, St. Pauli, ClubkombinatIn Hamburg existiert zum Glück (noch) eine unglaubliche Vielfalt, um Livemusik zu erleben und in ganz eigene popkulturelle Welten abzutauchen. Zum Beispiel die nächste Station auf unserer Tour. Das traditionsreiche Lehmitz. Eine wilde Kneipe. Und eine der wenigen inhabergeführten Läden auf dem Kiez.

Lehmitz, Bar, Reeperbahn, Open Club Day, Hamburg, St. Pauli, Clubkombinat, JägermeisterSeit 20 Jahren steht Bea Schulz hinterm Tresen, neben den auch schon mal „gepullert“ wird, wie sie unserer Gruppe erzählt. Diese mit allen Wassern und Schnäpsen gewaschene Frau hat bestimmt Anekdoten von St. Pauli bis zum Mond und zurück parat. Die Bühne im Lehmitz sei jedenfalls zu klein, weshalb die Gitarristen gerne mal auf der Bar spielen. Bea jongliert dann die Biere zwischen den Beinen der Musiker. Grandios.

Station 3: Häkken — 1, 2, 3, Soundcheck

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Die Band Smoothica auf der Bühne des Häkken

Die Tour zum Open Club Day zieht weiter ins Häkken im 2015 eröffneten Klubhaus St. Pauli. Kontrastprogramm. Klare Betonästhetik. Viel Licht. Und ein Balkon, der den Blick freigibt auf den Spielbudenplatz. Alex Schmitz, Chef für den reibungslosen Ablauf im Club an diesem Tag, erläutert das Geschehen auf der kleinen Bühne. Die junge Hamburger Band Smoothica, die einen feinen Mix aus Soul und Pop produziert, ist gerade beim Soundcheck.

Station 4: Bahnhof St. Pauli — Gema-Gebühren und Discokugelglanz

Bahnhof Pauli, Club, St. Pauli, Open Club DayZwei Etagen tiefer wiederum begegnen wir dem wie immer charmant schlecht gelaunten Alban Qoku, der im Bahnhof Pauli gerade auf die Band Twin Temple aus Los Angeles wartet.

Alban Qoku, Bahnhof Pauli, Club, St. Pauli, Metal, Rock, Mixer, CablesSatanischer Doo-Wop steht am Abend auf dem Programm. Klingt spannend. Bevor die Musik ertönt, schmiert Alban aber erst einmal ein paar Brötchen für die Crew. Eigentlich ist er Booker. Aber im Club-Betrieb hat letztlich niemand nur eine Aufgabe. Alban erläutert sehr realistisch, womit Spielstätten von Gema-Gebühren bis zu Ticketpreisentwicklungen zu kämpfen haben. Und auf Wunsch wirft er dann noch die große Discokugel an in diesem coolen Laden, der wie ein U-Bahn-Schacht gestaltet ist.

Station 5: Molotow — mit dem Fotoapparat durch den Karate-Keller

Aus der Dunkelheit geht es wieder hoch auf den Kiez und zur letzten Station des Open Club Day. Ins Molotow, über das ich bereits mehrfach hier auf dem Blog geschrieben habe, unter anderem über das Festival Burger Invasion. Fenja Möller, zuständig für Booking, PR und Produktion, erläutert die wechselvolle Raumsituation des 1990 eröffneten Molotow. Von den baufälligen Esso-Häusern am anderen Ende der Reeperbahn zog der Club über eine Interimslocation in das heutige dreigeschossige Domizil am Nobistor. Langfristige Zukunft: ungewiss.

An diesem Nachmittag ist es aber erst einmal amüsant und schön zu beobachten, wie die Damen und Herren mit ihren Fotoapparaten zum Beispiel den wunderbar räudigen Karate-Keller erkunden. Eine Mini-Bühne unter dem Hauptsaal des Molotow, die äußerst wichtig ist gerade für Newcomerbands.

 

Abschluss des Open Club Day: Polittalk zur Clubkultur

Open Club Day, Hamburg, St. Pauli, Clubkombinat, Molotow, MusicclubWie bedeutend solche Freiräume für die Musikstadt Hamburg sind, darum geht es in dem Polittalk am frühen Abend. Auf der Bühne des Molotow diskutieren unter dem Motto „Quo Vadis, Clubkultur 2020?“: Hansjörg Schmidt (SPD), René Gögge (Grüne), Ria Schröder (FDP), Dietrich Wersich (CDU) und Norbert Hackbusch (Die Linke) mit Thore Debor, Geschäftsführer des Clubkombinat Hamburg. Zudem sitzen auch Abgesandte einiger Spielstätten wie Nochtspeicher, Gängeviertel und Stubnitz im Publikum.

Als Interessenvertretung der Spielstätten- und Veranstaltungsszene hat das Clubkombinat sogenannte Wahlprüfsteine erarbeitet. Anhand dieser Eckpunkte prüft der Verein, was die einzelnen Parteien in Sachen Clubkultur in Hinblick auf die Hamburger Bürgerschaftswahl am 23. Februar 2020 planen. Die Themen der Diskussion gestalten sich umfangreich: Einrichtung eines Schallschutzfonds, Open-Air-Flächen im Hafenbereich, Bezüge aus der Tourismustaxe, Kulturschutzgebiete für Clubs, Bekämpfung von Mietwucher und die generelle Philosophie der Musikstadt Hamburg.

Leuchtturmprojekte versus Basisförderung?

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Thore Debor, Geschäftsführer des Clubkombinat Hamburg, im Gespräch mit René Gögge (Grüne), Ria Schröder (FDP), Dietrich Wersich (CDU), Hansjörg Schmidt (SPD) und Norbert Hackbusch (Die Linke) auf der Bühne des Molotow (v.l.)

Diskussionsleiter Thore legt den Fokus insgesamt stark auf den finanziellen Aspekt. Mit dem Live Concert Account hat das Clubkombinat gemeinsam mit der Kulturbehörde ein Instrument geschaffen, mit dem Clubs unkompliziert ihre Gema-Gebühren erstattet bekommen. Momentan sind 240.000 Euro von der Kulturbehörde im Topf. Zudem 35.700 Euro aus der Clubstiftung, die Gelder mit Hilfe eines eigenen Ticketing-Modells generiert. 2019 wurden so 59 Clubs mit 6022 Veranstaltungen und 726.000 Gästen gefördert.

Ich führe diese Zahlen deshalb so detailliert auf, da sie zeigen: Clubkultur ist kein Peanutsgeschäft. Und Livemusik verbindet. Hansjörg Schmidt von der SPD erklärt, dass nach wie vor ein gigantisches Missverhältnis bestehe zu der Unterstützung anderer Kulturbereiche. Die Privattheater etwa erhielten Millionen. Das Clubkombinat fordert daher eine Erhöhung des Live Concert Accounts auf 800.000 Euro. Ein konkretes Bekenntnis zu dieser Summe bleibt jedoch, gerade von den regierenden Parteien, aus.

Nobert Hackbusch von Die Linke setzt die Basisförderung, wie sie der Live Concert Account bietet, in Kontrast zu der „Wunderschatulle“, mit der der SPD-Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs (und sein CDU-Kollegen Rüdiger Kruse) Kulturgelder nach Hamburg bringen. Allein das Reeperbahn Festival erhält künftig 20 Millionen Euro zusätzliche Bundesmittel, wurde im November 2019 verkündet.

Mit der Kita in den Club?

Die Frage ist, wie sinnvoll popkulturelle Grabenkämpfe sind im Stile von: Wir wollen einen Teil von Eurem Kuchen. Schließlich lenkt ein Event wie das Reeperbahn Festival den Blick auch positiv auf die Clubkultur. Aber Hamburg müsse sich schon fragen, meint Thore, wie es um das Verhältnis von Basisförderung und Leuchtturmprojekten bestellt ist.

Ein Bewusstsein für Clubkultur und Livemusik zu schaffen, beginnt — so eine Stimme aus dem Publikum — bereits im Kindesalter. Wieso soll jedes Kind einmal die Elbphilharmonie besichtigen, aber nicht einen Musikclub auf St. Pauli? So ließe sich ein „Kulturbegriff für alle“ langfristig gewiss besser gestalten. Es bleibt viel zu tun.

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