Introducing: Blu Samu, neuer Star aus Brüssels Hiphop-Boom

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Wer meine Arbeit als Musikjournalistin bereits länger verfolgt, der weiß, dass ich es liebe, Newcomer kennenzulernen. Ich finde es einfach hochgradig inspirierend, zu verfolgen, welche neuen Ideen und Inhalte, Sounds und Energien gerade entstehen.

Insofern freue ich mich sehr, während meiner Zeit in Brüssel Salomé Dos Santos alias Blu Samu zu treffen. Ihres Zeichens äußerst angesagte Sängerin und Rapperin, die Sprachen, Stile und Welten in ihrer hochgradig sympathischen und angenehm eigensinnigen Persönlichkeit vereint.  

Blu Samu, von Portugal nach Belgien

Wir treffen uns nahe des Clubs Ancienne Belgique im Café Moka. Dass ihre 2018 erschienene EP ebenso heißt wie dieser kleine verwinkelte Laden, sei Zufall, erklärt Blu Samu. Und sie blickt wach unter ihren wilden braunen Locken empor. Im Moka gebe es einfach den besten Cappuccino der Stadt. Und der Titel ihres ersten Albums? Der stamme von ihrer Großmutter in Portugal, wo sie bis zu ihrem sechsten Lebensjahr lebte. „Moka“ habe ihre Oma sie genannt. Weil sie eben halb Kaffee, halb Milch sei. 

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Blu Samu, fotografiert von Yaqine Hamzaoui.

Und schon befinden wir uns mitten drin in der Geschichte von Blu Samu. Dieser jungen und extrem talentierten Musikerin, die Soul und Hiphop so elegant zu verbinden weiß, dass einem Ikonen wie Lauryn Hill und Erykah Badu in den Sinn kommen. Die aber zugleich eine ungemeine Streetsmartness transportiert, was ihren Songs einen kantigen Dreh gibt. 

Den Großteil ihrer Kindheit und Jugend wuchs Blu Samu bei ihrer Mutter im flämischen Antwerpen auf, also im niederländisch-sprachigen Teil Belgiens. „Ich habe mich immer schon für Kultur interessiert — für Kunst, Musik, Design und Filme“, erzählt sie. Die ersten popkulturellen Einflüsse seien Hit-CDs gewesen, die ihre Mutter mitbrachte. Von diesen Best-Of-Samplern aus machte sich Blu Samu auf die Suche nach ihren musikalischen Vorlieben. Und landete bei Hiphop und Soul. 

Brüsseler WG mit einem halben Dutzend Rappern, DJs und Produzenten

Als 19-Jährige schrieb sie mit „Trapped“ ihren ersten Song. Und entdeckte die befreiende Kraft des Rap. „Ich habe vorher bereits Gedichte und Kurzgeschichten geschrieben“, sagt Blu Samu. Aber angetrieben von der Musik könne sie ihre Gefühle viel besser kanalisieren. „Ich war damals in einer wirklich üblen Clique unterwegs. Ich hatte Schulden und habe zudem einen wichtigen Menschen verloren. Ich wollte unbedingt raus aus dieser Situation“, erzählt sie. Erlebnisse wie diese verarbeitet die Künstlerin in ihren Lyrics. Hiphop helfe ihr, persönlich zu wachsen. Und: „Die Musik macht einfach unglaublich Spaß“. 

Vor drei Jahren zog Blu Samu nach Brüssel und tauchte direkt in die pulsierende Hiphop-Szene der belgischen Hauptstadt ein. Lange Zeit wohnte sie mit einem halben Dutzend Rappern, DJs und Produzenten in einem Haus im Viertel Laeken, sodass sie gemeinsam täglich an Beats und Versen basteln konnten. Nach wie vor kooperiert sie eng mit ihren guten Freunden von der Hiphop-Crew Le77. Und mit dem momentan extrem aufstrebenden Rapper Zwangere Guy. Auf dessen aktuellem Album „Wie Is Guy?“ rappt Blu Samu erstmals in der Sprache ihrer frühen Kindheit, auf Portugiesisch. Dunkel lässig groovend.

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Blu Samu, fotografiert von Hamza Seriak (3).

Die meisten ihrer Texte spricht und singt sie auf Englisch. Mitunter fügt sie französische Passagen ein. Die Sprache ihrer Jugend hat sie jedoch bisher nicht im Repertoire. „Ich mag nicht, wie meine Rap- und Gesangsstimme auf Niederländisch klingt.“

Was für ein künstlerischer Luxus, aus einem solchen Reichtum an Worten schöpfen zu können. Ein, wie ich finde, riesengroßer Pluspunkt der belgischen Musikszene insgesamt. 

„Wir möchten beweisen, dass wir nicht bloß ein Hype sind“

Gerade der Hiphop erlebt in Brüssel einen wahnsinnigen Boom. Die Atmosphäre unter den einzelnen Crews sei jedoch nicht von Konkurrenzdruck oder Egomanie geprägt, erläutert Blu Samu. Vielmehr unterstützen sich alle gegenseitig, um sich gemeinsam weiterzuentwickeln. „Wir möchten beweisen, dass wir nicht bloß ein Hype sind, der wieder vergeht. Wir wollen Hiphop aus Belgien auf eine Karte bringen mit Künstlern aus den USA und Großbritannien. Wir sind hungrig und durstig“, sagt Blu Samu und lacht. 

Ihr jedenfalls könnte ein internationaler Erfolg durchaus gelingen. Ihr raue Stimme klingt überaus wahrhaftig und verbindet sich mit ihrem coolen Charisma zu einer Energie, die schnell auf das Publikum überspringt. Sie liefert sowohl akzentuierten Sprechgesang wie in der Nummer „GanGang“ als auch geschmeidigen Soul wie in „Sade Blu“. Zudem schwingt in ihren Songs das portugiesische Saudade mit. Jene Mischung aus Weltschmerz, Melancholie und Nostalgie, die an der Seele zieht und uns tief im Innern zu berühren versteht. Diese Stimmung verbirgt sich in Blu, also im Blau ihres Künstlernamens. 

Blu Samu, Rap, Hiphop, singer, rapper, belgian, Portuguese, Brussels, Belgian, musicscene, moka, WBM, female artist, portraitIn „I Run“, ihrem ersten Hit, verhandelt sie geschickt das wechselvolle Verhältnis zwischen Aufbruch und Heimweh. Zwischen realer Familie und jener Heimat, die Freunde bilden. Das erste Video, das ich von und mit Blu Samu gesehen habe, ist der Clip zum Song „Nathy“ (featuring Peet). Am Ende dieser schwarz-humorigen Story erledigt sie diverse Widersacher mit der Macht ihrer Stimme. Und dabei zeigt sie, wie ich finde, ebenfalls starkes schauspielerisches Talent. So überrascht es kaum, dass sie gerade mitten in den Dreharbeiten zu einem Kurzfilm steckt, als wir uns im Café Moka treffen. 

„Clumsy Queen“, eine Hymne für alle Ungeschickten

Ihre natürliche Präsenz entfaltet sich vor allem live auf der Bühne. „Jedes Mal meine Ängste überwinden, jedes Mal die Zeit meines Lebens haben.“ So beschreibt Blu Samu ihre Emotionen bei Konzerten. Sie selbst bezeichnet sich übrigens als Feministin, die hofft, dass dieser Begriff bald unnötig wird. Viel lieber möchte sie sich Equalist nennen. Mit Shoutouts an all ihre Homies, an die Guys ebenso wie an die Ladys.

Mir gefällt zudem, dass Blu Samu selbstkritisch und -ironisch ist. Eine gute Kombination. Der ihr ganz eigene Witz kommt zum Beispiel in dem Song „Clumsy Queen“ zum Ausdruck, eine Hymne für alle Ungeschickten. „Ich bin wirklich tollpatschig. Ständig schmeiße ich Sachen um, verliere Schlüssel oder mein Telefon. Das ist ein Fluch“, erzählt Blu Samu und wirbelt mit ihren Händen durch die Luft. „Ich möchte all jenen diesen Song widmen, denen es geht wie mir. Und die sich dennoch immer wieder voller Liebe und aus den richtigen Gründen auf die Reise machen.“ 

Ich hoffe jedenfalls, dass sich unsere Wege wieder kreuzen werden. Und dass so eine spannende Newcomerin bald auch einmal in Hamburg zu erleben sein wird. Für ein Entdecker-Event wie das Reeperbahn Festival beispielsweise wäre Blu Samu perfekt.  

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