Hamburg Harbour Festival: Wagnis Newcomer

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Gibt es eigentlich etwas Aufregenderes in der Musikszene als Newcomer? Klar, eine renommierte Musikerin oder einen erfahrenen Popkünstler über Jahre zu begleiten und beim virtuosen Spiel zu erleben, kann ein Hochgenuss sein. Und verleiht unserem Dasein zudem eine vertrauensvolle Beständigkeit. Doch auch die Etablierten haben sich irgendwann zaghaft, zäh oder wütend an die Öffentlichkeit begeben. Ein Schritt hinaus. Und dann noch einer. Ein Sich-Öffnen.

Ich finde diesen Moment hochgradig spannend. Wenn die eigenen Lieder, das eigene Wirken, die eigene Person das erste Mal auf ein Publikum treffen. Ein ultimativ intimer Akt, sich mit der Welt zu verbinden. Es bedarf Übung, sich zu zeigen. Und von daher bin ich immer wieder begeistert, wenn andere Musikverrückte Newcomern eine Plattform bieten. So wie Sebastian Madej mit seinem Festival Hamburg Harbour.

Das popkulturelle Leben in der nordfriesischen Provinz

Vor Kurzem startete der Vorverkauf für die dritte Ausgabe von Hamburg Harbour im Knust im Januar 2019. Und aus diesem Anlass erzählte mir Sebastian, wie sich sein Festival überhaupt entwickelt hat. Lange Jahre hat er in Husum gelebt und pendelte als passionierter Musikfan für zahlreiche Konzerte nach Hamburg. Um das popkulturelle Leben in der nordfriesischen Provinz in Schwung zu bringen, engagierte er sich im Speicher Husum.

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Sebastian Madej, Gründer der Festivals Husum und Hamburg Harbour.

Dieses soziokulturelle Zentrum gestaltet sein Programm demokratisch per Abstimmung. Sebastians Idee eines kleinen feinen Festivals fand offenbar Zustimmung. Und so spielen seit 2011 beim Husum Harbour jährlich im Frühjahr Indie- und Folkpopmusiker sowie Singersongwriter im historischen Backsteingebäude direkt am alten Husumer Hafen. 

Sebastian ist ein beherzter Missionar, der anderen Menschen einfach gerne Musik nahe bringen möchte, die er selbst liebt. Und so kombinierte er bei den vergangenen Husum Harbour Festivals stets so genannte „größere Acts“ als Zugpferde mit noch weniger bekannten Bands. Niels Frevert, Thees Uhlmann, Gisbert zu Knyphausen und Alin Coen zogen dann im Laufe der Jahre auch Fans bis aus Hamburg an die Nordsee. Und zugleich konnte das Publikum dann in einer Tour prima Entdeckungen machen. Etwa Singersongwriter Julian Gerhard, das Folkquintett Dangers Of The Sea oder Sängerin Lina Maly.

Hamburg Harbour: von Husum ins Karoviertel

Mittlerweile lebt Sebastian in Hamburg und ist hauptberuflich in der Musikbranche aktiv. Zunächst war er als Finanzchef für die Agentur Neuland Concerts tätig. Aktuell arbeitet er beim Hamburger Konzertveranstalter Funke Media als Leiter Finanzen für die Bereiche Rechnungswesen, Steuern, Controlling und Beteiligungsmanagement. Leidenschaft für Musik und Kenntnis von Zahlen ist eine äußerst gefragte Kombination im Popgeschäft. Und als hätte Sebastian mit Job, Familie, Konzertbesuchen und dem weiter laufenden Husum Harbour nicht genug zu tun, mischt er nun auch in der Hamburger Szene mit.

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Jonas David
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The Lion And The Wolf

Gemeinsam mit dem Knust im Karoviertel kam die Idee auf, einen Ableger seines charmanten Festivals hoch im Norden in Hamburg aufzuziehen. Und so stieg 2016 das erste Hamburg Harbour Festival mit Acts wie den Isbells und Tim Neuhaus & The Cabinets. Für die dritte Ausgabe 2019 konnte Sebastian vier sehr interessante Acts gewinnen.

Jonas David zieht seine Hörerinnen und Hörer mit fragilem Folkpop unmittelbar auf eine Ebene zwischen Melancholie und Zuversicht. Eine Musik, die uns durchlässiger macht für die guten seelenvollen Dinge. Jonas Davids Qualitäten als Arrangeur und Komponist fanden bereits Anklang bei so unterschiedlichen Projekten wie Matthias Schweighöfers Film „Vaterfreuden“ sowie bei der MTV-Unplugged-Session von Revolverheld.

ROE aus Nordirland: traumwandlerische und zugleich trotzige Attitüde

„Das ist einer dieser Künstler, den noch viel viel mehr Menschen kennenlernen sollen“, sagt Sebastian. Gleiches gilt für Tom George alias The Lion And The Wolf. Der Brite bringt die Gemüter ebenfalls sachte, aber dafür umso tiefgreifender zum Schwingen.

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Provinz, fotografiert von Nico Braun.

Als Freundin von prägnanten Bandnamen wie Küken, Karies oder Pranke bin ich besonders gespannt auf das Quartett Provinz aus Ravensburg. Eine jener Bands, die „in den Startlöchern steht“, wie Sebastian sagt. Sänger Vincent erzählt mit aufgerauter Stimme und intensivem Druck zu schwelgerischem Kammerpop vom Fühlen und Verstehen, von Angst und Liebe.

Das Hamburg Harbour 2019 wird komplettiert von ROE. Auf die nordirische Musikerin trifft der Aspekt Newcomer voll und ganz zu: 19 Jahre ist sie alt und wird direkt als größtes Nachwuchstalent ihrer Heimat gehandelt. In ihren Songs und ihrer Stimme steckt eine traumwandlerische und zugleich trotzige Attitüde, die sie in coole wie detailverliebte Electrosounds hüllt. Das gefällt mir sehr gut und ist eine tolle Klangfarbe für das Festival.

Booking aus Passion

Trotz dieses vielversprechenden Line-Ups ist der Vorverkauf nicht rasant Richtung „ausverkauft“ gestartet. Anders als noch im vergangenen Jahr, als er mit Moritz Krämer einen Künstler mit reichlich Fanbase ankündigen konnte, erzählt Sebastian. Auch für 2019 hatte er versucht, einen populäreren Act als Zugpferd zu buchen. Doch eine Vielzahl an Gründen führte zu freundlichen Absagen.

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ROE

Manche Künstlerinnen und Künstler sind durch kommende größere Auftritt in Hamburg an Gebietsklauseln gebunden. Einige warten lieber auf die Releaseshow zu ihrem nächsten Album. Andere stecken gerade mitten im Entstehungsprozess für neues Material.

Hinzu kommt, dass Sebastian seine Veranstaltungen komplett als Hobby und ehrenamtlich betreibt. Im Zuge dessen zahlt er Künstlern zwar Honorar, kann aber nicht so hohe Gagen bieten wie ein großer Konzertveranstalter.

Nachdenken über Newcomer

Dass ein erlesen kuratiertes Newcomer-Programm nicht genügend Publikum ziehen könnte, erläutert Sebastian, das habe ihn nachdenklich gemacht. Und mich auch. Wenn uns immer ständig alles digital entgegenruft „Jetzt! Neu! Sofort! Hype! Schnell!“, schwindet dann die Motivation, sich im realen Leben für ein paar Stunden wirklich auf Unbekanntes einzulassen? Oder gehen die Menschen einfach lieber auf Nummer sicher, wenn sie schon vor die Türe treten und Geld für ein Konzert ausgeben? Ist womöglich das Angebot in Hamburg einfach viel zu groß?

Klar, es gibt vom Publikum gelernte Konzepte wie das Reeperbahn Festival, das auf Newcomer setzt. Doch das zieht natürlich mit einem ganz anderen finanziellen Wums seine Gäste. Interessanter finde ich da, wie sich die neue Reihe von FKP Scorpio entwickeln wird: Im Januar lädt der Hamburger Konzertveranstalter bereits zum dritten Mal zu „Mucke bei die Fische“, um die „jungen Wilden“ auf die Bühne zu holen. Bands auf dem Sprung mit wenig Live-Erfahrung, von denen sich viele beim kurz zuvor stattfindenden Eurosonic Festival im niederländischen Groningen ausprobiert haben.

Weitere Formate für neue Töne: „Mucke bei die Fische präsentiert“

Unter dem Titel „Mucke bei die Fische präsentiert“ bringt FKP Scorpio seit November nun monatlich Newcomer in unterschiedliche Clubs. „Wer neue Töne hören möchte, wer dabei sein will, wenn junge und aufregende Bands ihr Debüt geben oder sehen möchte, wie sich Künstler entwickeln, die vielleicht schon einmal in der Hansestadt zu Gast waren, ist ab jetzt zum monatlichen Date mit guter Musik verabredet“, heißt es in der Presseinfo zu dem neuen Format.

Das Artwork zu Hamburg Harbour 2019 gestaltete Denise Hennings.

Ich bin wirklich angetan davon, Newcomer so eindeutig in den Fokus zu rücken. Und ich wünsche allen – auch mir selbst – die Muße, sich mit Herz und Hirn auf das Abenteuer zu begeben, Unbekanntes ganz nah an sich heranzulassen. Das muss ja nicht immer mit Überwältigungsgeste geschehen. Es kann auch ein neugieriges Beobachten und Erforschen sein, wie es das wunderschöne Artwork zum Hamburg Harbour 2019 von Denise Hennings zeigt. Ein Mädchen schaut von einem Ruderboot aus in einen Teich und betrachtet die darin umher schwimmenden Koikarpfen mit ihren farbigen Flossen.

Wenn Musik weiterhin so inspirierend schillern soll, braucht sie Publikum. Braucht sie uns. Und wir, wir brauchen sie ja sowieso, die Musik.

Newcomer-Termine:

„Mucke bei die Fische präsentiert“: Skegss, Molotow: 8. Dezember 2018
Hamburg Harbour Festival: 12. Januar 2019, Knust
Mucke bei die Fische: 19. Januar 2019, Molotow
Husum Harbour Festival: 6. & 7. April 2019
Reeperbahn Festival: 18. bis 21. September 2019, St. Pauli

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