Rollenwechsel – über Pop schreiben, Musik machen

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Normalerweise schreibe ich über Popmusik. Ich stehe also vor der Bühne, stelle meine Sinne an und versuche, ein Konzert auf möglichst vielen Ebenen wahrzunehmen. Wie ist der Sound? Wie agiert die Band? Wie reagiert das Publikum? Wenn ich jedoch, wie an diesem Wochenende, einen Auftritt mit meinem Gesangsensemble habe, ist das für mich immer auch eine Lektion in Demut. Ein Rollenwechsel. Und eine Übung in vielerlei Hinsicht.

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Die Octavers, fotografiert von Jochen Heuck (v.l.): Alexandra Schirmer, Birgit Reuther, Ulrike Stark, Silvia Hansen-Röhe und Dorthe March.

Unter dem Namen Octavers singen wir – Silvia Hansen-Röhe, Dorthe March, Alexandra Schirmer, Ulrike Stark und ich, Birgit Reuther – seit mehreren Jahren Songs von Country über Folk bis Pop. Dass wir unsere Setlist nicht puristisch an der Country Music Hall of Fame ausrichten, zeigt sich allein daran, dass wir neben Klassikern von Johnny Cash und Dolly Parton auch ein altes Mundartlied und zeitgenössische Songs von Rufus Wainwright, Sufjan Stevens und First Aid Kit im Repertoire haben. Country im allerweitesten Sinne eben.

Unser Sheriff Stefan Waldow, hauptberuflich Musiker, arrangiert die Songs und begleitet uns mit augenzwinkernder Gelassenheit am Klavier. Denn fünf gestandene Cowgirls, besser gesagt Cowladies, bei der wöchentlichen Probe unter einen Westernhut zu bekommen, ist mitunter ein ganz schöner Ritt.

Dieser „Warum mache ich das überhaupt“-Moment

Stefan hat uns über die Jahre auch professionalisiert, was Bühnenpräsenz angeht. Bei unseren ersten Auftritten fühlte ich mich im Rampenlicht eher wie ein verschrecktes Kaninchen, das aus Versehen vor zwei Autoscheinwerfer gelaufen war. Diese anfängliche Überwältigung hat meinen Respekt vor allen, die auf eine Bühne treten, noch einmal wesentlich erhöht.

Mittlerweile mag ich den Ablauf eines Konzerttages zunehmend. Zuhause im Kopf die Lieder durchgehen. Sich zurecht machen. Die Octavers im Club treffen. Aufbauen. Soundcheck. Sich warm singen. Unsere Stimmen finden zueinander. Das Adrenalin baut sich langsam auf. Bis hin zu dem Moment kurz vor dem Gang auf die Bühne – mit diesem aufgeregten „Warum mache ich das überhaupt“-Moment.

Ein frei fliegendes Gefühl

Bei den ersten Stücken spüre ich meinen Herzschlag meist heftig im Brustkorb. Anfangs hat mich das mitunter leicht überrollt. Mittlerweile freue ich mich eher darüber. Ist es doch ein untrügliches Zeichen, am Leben zu sein. Mitten drin. Es pulst und pocht. Und wenn der Auftritt dann eine eigene Dynamik erhält, ist das ein schönes, frei fliegendes Gefühl. Wenn ich mit den anderen Octavers kommunizieren kann. Wenn wir im Flow sind. Wenn „magic moments“ entstehen. Und wenn der Applaus uns zunehmend trägt.

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Octavers-Sheriff Stefan Waldow, fotografiert von Jochen Heuck.

Unser Sheriff Stefan schwört uns Octavers vor jedem Konzert darauf ein, den Auftritt zu genießen. Spaß zu haben. Dem Publikum und sich selbst eine gute Zeit zu bereiten. Diese innere Haltung hat mir – neben diversen Atem- und Lockerungsübungen – sehr geholfen, mich auf der Bühne selbstverständlicher zu bewegen. Ein kleiner Vor-Show-Gin-Tonic tut sein übriges, damit der Kopf nicht alles alleine lenken möchte.

Sich mit Körper und Gesang derart prominent erhöht auf einer Bühne zu zeigen, ist für mich eine sehr gute Übung darin, Herz und Intuition zu vertrauen. Wenn ich meine Stimme durch das Mikro in den Raum schicke, darf ich über den Text nicht mehr nachdenken. Die Worte fließen dann heraus. Wie eine Geschichte, die ich jemandem erzähle. Und mit der ich im besten Fall berühre.

Musikalische Heimat der Octavers im Klub.K

Da wir mit den Octavers nur etwa zwei bis drei Mal im Jahr auftreten und daher nicht so routiniert sind, spielt der Ort eine umso wichtigere Rolle. Sich wohl zu fühlen, überträgt sich unmittelbar auf die Performance. Wir haben das große Glück, dass unsere Gesangsschwester Dorthe gemeinsam mit zwei Kompagnons einen eigenen Club betreibt. Der Klub.K liegt in der Hamburger Innenstadt gegenüber der Speicherstadt und in direkter Nachbarschaft zur Kirche St. Katharinen.

Octavers, Ensemble, music, Country, Folk, Pop, Hamburg, female, quintet, singing, Piano, Bandleader, Stefan Waldow, Klub.K,, Steckelhörn, Piano, Microphones, StageMitbetreiber Markus Riemann ist Kulturmanager, Musiker und Moderator. Und er mischt uns Octavers den Ton. Was ein riesiger Vorteil ist. Denn mittlerweile kennt er die Charaktere, Stärken und Schwächen unserer unterschiedlichen Stimmen schon sehr gut. Co-Chefin Anne Gülck wiederum organisiert mit ihrer Agentur Bridge Gigs individuell zugeschnittene Konzerte an ungewöhnlichen Orten und vermittelt Musiker für Events.

Wenn der Adrenalinpegel sinkt

Ich empfinde es als Privileg, dass wir Octavers mit dem Klub.K sozusagen unseren eigenen Haus- und Hofclub haben. Halb bestuhlt, halb mit Stehfläche passen rund 50 Leute in diesen charmanten Laden. Und für mich besitzen Veranstaltungen dort stets eine außergewöhnlich warme und familiäre Atmosphäre. Nach dem Auftritt sitzen wir meistens noch mit den Gästen zusammen, hören Musik, trinken etwas und unterhalten uns.

Überrascht bin ich jedes Mal aufs Neue, wie extrem erschöpft ich bin, wenn sich das Bühnenadrenalin langsam ausschleicht. Als Journalistin beginnt nach dem Konzert die Arbeit des Schreibens. Als Akteurin auf der Bühne hallt die Musik ebenfalls lange nach. Aber anders. In mir und verbunden mit der Welt.

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