Konzertreihe Knust Acoustics – ein Marktplatz für Musik

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Da, wo ich herkomme, vom Niederrhein, gehen die Leute gerne an einem festen Tag in der Woche auf den Markt, um eine Erbsensuppe zu essen, um sich zu treffen, um zu klönen. Niemand muss sich groß verabreden. Es ist klar, dass immer ein vertrautes Gesicht vor Ort sein wird. Und Neulinge werden munter in die Runde integriert.

An diese offene Atmosphäre muss ich denken, als ich mal wieder die Knust Acoustics auf dem Lattenplatz im Karoviertel besuche. Seit 2011 treten im Juni, Juli und August immer mittwochs zwischen 18 und 20 Uhr drei Bands mit reduzierten Sound-Arrangements unter freiem Himmel auf. Die Menschen kommen von ihrer Arbeit oder von Zuhause. Manche noch im weißen Bürohemd, andere im Bandshirt. Und alle mit einem Gesichtsausdruck, aus dem sich der Alltag langsam verabschiedet und sich für etwas anderes öffnet. Für Begegnung, Musik, womöglich eine kleine Verwandlung.

Alles hat seinen Platz bei den Knust Acoustics

Familien und Freundescliquen, gut eingegroovte Paare und frisch Verliebte, Musikfans und Geselligkeitssuchende lassen sich an Biergarnituren und auf Klappstühlen nieder. In den ersten Reihen sitzen die Zuhörer, die sich voll und ganz auf die Konzerte konzentrieren möchten. Hinten hocken die Quatscher, die mit guter Backgroundmusik ihren Feierabendplausch abhalten wollen. Alles hat seinen Platz bei den Knust Acoustics. Solange die Unterhaltungen nicht die Songs übertönen.

Leise ist okay“, erklärt Siebeth. Der Mann mit dem sportiven Trucker-Look ist – um im Bild zu bleiben – der Chefmarktbeschicker des Ganzen. Er ist Booker, Veranstalter, Moderator, Musiker, Netzwerker sowie Kopf und Seele der Knust Acoustics. Mit seinem hoch charmanten Format bereichert er nicht nur den Pop in Hamburg, sondern ist mittlerweile auch in den lauschigen Hof des Berliner Kesselhauses expandiert. Und wer weiß, wohin ihn die Liebe zu handgemachter Herzensmusik noch führt.

Amtlich angefüttert wird die Acoustics-Gemeinde vor Ort jedenfalls durch das Sammelalbum zur Konzertreihe. Jeden Mitwoch verteilt Siebeth Sticker, auf denen die Künstler der Saison zu sehen sind und die Fans in ein schmales Programmheft einkleben können. Eifrige Aufkleber-Tauschaktionen befriedigen nicht nur den Wunsch, ein komplettes Album vollzumachen, sondern lassen zugleich neue Kontakte entstehen. Schön.

Siebeths Acoustics-Konzept basiert übrigens auf Spenden. Doch in Hamburg hat er nach Jahren des Hutkreisens aufgrund mauer Zahlungsmoral eine Box am Eingang mit einer Spendenempfehlung von fünf Euro aufgestellt. In Berlin hingegen funktioniert das Prinzip Freiwilligkeit laut Veranstalter noch bestens.

Dass die „Arm, aber sexy“-Hauptstadt offenbar eher für Kunst zahlen mag als Pfeffersackhausen, ist an unserem Tisch direkt Thema. An diesem Abend ist eine Stunde vor Beginn bereits Hamburgs womöglich größter Musikfan am Start. Nennen wir ihn Uwe. Wir setzen uns zu ihm in die erste Reihe direkt vor der kleinen überdachten Bühne und reden, trinken, vertreiben irritierende Wespen und wünschen uns lustige Hummeln herbei. Der Platz füllt sich. Hallo, Umarmungen, Vorfreude.

Lutz Rode erinnert uns an Sänger von Jan Plewka bis Serge Gainsbourg

Das Bemerkenswerte an den Knust Acoustics ist die stilistische Bandbreite der Künstler. An diesem Mittwoch wandelt der Hamburger Phil Siemers mit fein justiertem Jazz, Soul und Pop sowie deutschsprachigen Texten auf den Spuren von Roger Cicero und Stefan Gwildis. Der Berliner Indiepop-Chansonnier Lutz Rode wiederum lässt uns mit Lonesome-Cowboy-Charme und reichlich aufgerauter Stimme an Sänger von Jan Plewka bis Serge Gainsbourg denken. Die größte Überraschung ist für mich jedoch der Auftritt von Fuck Art, Let’s Dance.

Fuck Art Let's Dance, Knust Acoustics, Band, Concert, Open Air, Festival, Club, Pop in HamburgDas Hamburger Quartett steht eigentlich für electro-rock ‘n’ rolligen Abriss in schwitzigen Clubs wie Molotow oder Uebel & Gefährlich (der Song “Übersleep” ist unter anderem zu finden in meiner Playlist “Biggy Hamburg Pop”). Für die Knust Acoustics haben Sänger und Gitarrist Nico Cham sowie Gitarrist Romeo Sfendules jedoch einige Songs neu arrangiert.

Das Ergebnis: Zwei Akustikgitarren, die melodisch spannend ineinandergreifen. Ein Gesang, der markerschütternd schön strahlen kann. Und ganz viel Energie, die trotz des ruhigeren Settings bei uns im Publikum ankommt. Als die Zwei dann noch gemeinsam mit allen auf dem Platz singen, denke ich: Das ist dann doch besser als Erbsensuppe. Nahrung für die Seele.

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Von einem, der ankam: “Vielleicht in Hamburg” von Die Regierung

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Vielleicht in Hamburg“. Ein solcher Songtitel klingt wie ein Versprechen, aber auch ein wenig vage. Mich jedenfalls hat er sofort angesprochen. Denn Mitte der 90er-Jahre, als ich noch nicht im Norden lebte, da war das für mich eine absolut aufregende Option: „Vielleicht in Hamburg“ auf ein Konzert gehen. „Vielleicht in Hamburg“ wohnen. „Vielleicht in Hamburg“ das gute wilde Leben finden. Hamburg war damals der Platz für mich: Pop und Subkultur, schräge Lieder und schiefe Visagen, sexuell und politisch anders denkend.

Als ich dann noch erfuhr, dass der Song eine neue Nummer von Tilman Rossmy und seiner Band die Regierung ist, lief die Erinnerungsmaschine direkt weiter auf Hochtouren: Ich war gerade nach Hamburg gezogen und saß das erste Mal im Saal 2 am Schulterblatt. Ein Freund hatte den Ort vorgeschlagen. Ich war etwas zu früh, setzte mich ans Fenster, blickte umher und sah doch tatsächlich Tilman Rosmy in der Mitte des Cafés sitzen, wie er in seinen Milchkaffee schaute. Ein freundlicher Dandy. Vielleicht ein wenig müde.

Über seltsame Entertainer und professionelle Fans

In mir breitete sich ein solch ultimatives Zuhausegefühl aus, dass ich es bis heute abrufen kann. Ich war damals, Ende der 90er, schon Fan. Tilman Rossmy war für mich der nölige Poet, der Liebeslieder von verpeilter Schönheit sang. Über Nicole, Charlotte und Corinna. Er schuf aber vor allem lakonisch rockende Studien über Existenzen jenseits der Norm. Über seltsame Entertainer und professionelle Fans, über Künstler und Idioten, über Lebefrauen und -männer. Und in Hamburg war das möglich, dass so ein toller Musiker einfach ganz ruhig neben einem im Café saß.

All diese Bilder liefen also bereits in meinem Kopfkino ab, bevor ich diesen Song gehört habe, der am 17. August 2018 offiziell als Single beim Berliner Label Staatsakt erscheint. Das ist natürlich gefährlich. Stichwort: Erwartung. Und schön. Stichwort: Vorfreude.

Und wie ist es nun, dieses „Vielleicht in Hamburg“?

Musikalisch ist „Vielleicht in Hamburg“ eine Mischung aus Singersongwriter-Charme und verhaltenem Rock mit fein eingewobenen Gitarrenmelodien. Rosmys halb bemüht ausgestoßenes „Uh Ah Uh Ah Ah“ zu Beginn wirkt eher wie ein Rock ‘n’ Roll-Zitat als wirklich ernst gemeint. Mir gefällt das Abgehangene der Nummer sehr gut. Versucht Rosmy, der Anfang August seinen 60. Geburtstag feierte, doch gar nicht erst, hyperaktiv berufsjugendlich rüberzukommen.

In zwei markanten Episoden erzählt uns Tilman Rossmy auf knapp vier Minuten seine eigene Geschichte. Wie er vier oder fünf Akkorde auf der Volkshochschule lernte und ihn die Prognose ereilte: Damit kommt man nicht weit. „Nicht in meiner Heimatstadt, aber vielleicht in Hamburg“, antwortet er in gewohnter Sing-Sprech-Monotonie. Also zieht der Protagonist in die Hansestadt. In ein Acht-Quadratmeter-Zimmer. Im Sorgenbrecher auf dem Kiez findet er Fans und Freunde, die ihm zurufen: „Schön, dass Du jetzt hier bist“.

Und mir zerspringt kurz das Herz vor Freude, dass dieses kleine Lied genau dieses Gefühl verdichtet, angekommen zu sein an einem Ort, wo die Menschen einen womöglich ein bisschen besser verstehen als anderswo. Willkommen zuhause.

Ich muss an diesen Werbespruch eines Brauseherstellers denken: „Unser soziales Netzwerk heißt Tresen“. Rausgehen, sich treffen, austauschen, das Andere umarmen. Genau das gilt es zu tun. Immer wieder.

Vielleicht in Hamburg“ erscheint am 17. August beim Label Staatsakt.
Tilman Rossmy live mit den Flowerpornoes: 23. August, Knust.

 

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