„The Great Acceleration“ von Tusq – mit dem Monstertruck im Slackerrock

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In den vergangenen Wochen und Monaten sind mir immer wieder Songs begegnet, die konkret auf unsere heutige Zeit reagieren. Die Hamburg-Berliner Band Tusq eröffnet ihr neues drittes Album „The Great Acceleration“ direkt mit einer solchen Nummer. „Set Fire“ erzählt davon, wie sich globale Katastrophen beschleunigen, während wir meinen, diesen Monstertruck noch steuern zu können.

Grenzen hochgezogen zwischen Ländern. Asche, die wir atmen. Recht fatalistisch entwirft der Song die Utopie, doch alles in Brand zu stecken, da ohnehin nichts mehr zu retten sei. Positiver interpretiert lässt sich der wiederholte Aufruf „Set Fire“ aber auch als Appell verstehen, aktiv zu werden und die Initialzündung für eine Veränderung zu entfachen.

Mehrstimmiger Harmoniegesang und hell ineinander tänzelnde Gitarren

Mir gefallen Lieder stets sehr gut, die mehr als eine Türe öffnen beim Hören. Bei Tusq kommt hinzu, dass ihr melodieverliebter Indie-Slackerrock mit roher und zugleich optimistischer Energie aufgeladen ist. Ich muss an eine tolle Band wie Weezer denken. Mehrstimmiger Harmoniegesang und hell ineinander tänzelnde Gitarren lassen sehr viel California Sunshine hinein. Gleichzeitig ist der Sound ungeschliffen genug, um im allerbesten Sinn an meiner Seele zu kratzen. Eine Musik, die mich in einen Flow quer zur Welt bringt.

Den Kern von Tusq bilden Sänger und Keyboarder Uli Breitbach sowie Gitarrist Timo Sauer. Schlagzeuger Matthias Frank und Bassist Michael Schlücker komplettieren die 2009 gegründete Band. Um den detailreichen wie hymnischen Indierock von „The Great Acceleration“ aufzunehmen, hat sich das Quartett mit der Aura einiger Ikonen des Genres umgeben. Produziert hat die Platte Gordon Raphael, der schon mit Helden wie The Strokes gearbeitet hat. Aufgenommen hat Tusq die zehn neuen Songs in den Göteborger Svenska Grammofon Studios von Kalle Gustaffson Jerneholm, einst Bassist bei The Soundtrack of our Lives.

Tusq ist die erste auf dem Label von Oktober Promotion

Besonders spannend finde ich aus Hamburger Sicht, dass „The Great Acceleration“ die erste Veröffentlichung auf dem frisch gegründeten Label der Firma Oktober Promotion ist. Ich kenne Oktober-Chef Oliver Bergmann seit Jahren als freundlichen, kompetenten und gewissenhaften Promoter und Manager in Sachen Pop, Folk, Rock und Indie.

Tusq, Band, Hamburg, Berlin, Indie, Rock, Album, Release, The Great Acceleration, Oktober Promotion Ich habe jüngst in einem Blogpost darüber geschrieben, dass sich viele kleine Unternehmen im Musikbusiness breiter aufstellen, um genug zu verdienen. Eine Labeltätigkeit ins Portfolio zu nehmen, ist jedoch gewiss keine ausschließlich finanzielle Entscheidung, sondern vor allem auch eine leidenschaftliche. Ich bin gespannt, welche Alben Oliver Bergmann und seine Mitstreiter in Zukunft noch herausbringen werden.

Der Mensch in den Zahnrädern der Geschichte

Mit dem Album „The Great Acceleration“, das diesen Freitag erscheint, ist dem Oktober-Label jedenfalls ein toller Auftakt gelungen. Ich kann aufs Schönste schwelgen in 90er-Jahre-Nostalgie, die Tusq fein ins Heute überführt und vor allem mit aktuellen Themen versieht.

Bereits das Cover von „The Great Acceleration“ deutet darauf hin, worum es geht: Der Mensch in den Zahnrädern der Geschichte, im Lauf der Zeit, in der Maschinerie der Gesellschaft. Ein hübscher Verweis auf den Film „Modern Times“ von und mit Charlie Chaplin aus dem Jahr 1936. Und somit auch ein Indiz dafür, wie lange uns bereits das wechselvolle Spiel von Existenz und Zeit beschäftigt.

Bela B und Saskia Lavaux als Gorilla im Liebesalltag

Tusq befasst sich jedoch nicht rein mit Politik, sondern auch mit den Auswirkungen des geschwinden Daseins auf unsere Beziehungen. Grandios zu sehen ist das im Video zu „Gorilla Syrup“, in dem sich zwei Menschenaffen durch ihren Liebesalltag lavieren. Hinter den Masken verbergen sich als netter Dreh zwei Hamburger Persönlichkeiten: Ärzte-Drummer Bela B sowie Saskia Lavaux von der Band Schrottgrenze.

Mir persönlich gefällt „Be Happy Now“ sehr gut. Ist es doch erneut ein Song, der gleich mehrere Ebenen eröffnet. Singt das lyrische Ich da von einem Herzgebrochenen, der seiner Liebe hinterher trauert? Oder handelt das Stück von der Distanz innerhalb einer Beziehung? Von einem Partner, der sich eine Zeit lang zurückziehen will oder muss, weil das Leben nicht so gut spielt wie es sollte?

Vor allem die Stimme von Uli Breibach kommt in „Be Happy Now“ schön schlonzig, warm und das richtige Quentchen unsauber um die Ecke. Sehnsucht zum Tanzen. Melancholie zum Ausrasten. Zerissenheit zum Mitsingen. Eine euphorisierende Erschöpfung. Ein Album, was bei mir bestimmt noch länger laufen wird.

Tusq-Releasekonzert: Fr 2.11., Molotow

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Wiebke Colmorgen: „Plattkinner” (Junius)
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