Namdose, eine belgisch-französische Supergroup

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Wie ich bereits in meinem Blogpost über Popförderung in Belgien angekündigt habe, möchte ich die Band Namdose noch einmal in einem extra Beitrag vorstellen. Et voilà!

Ich treffe Diego Leyder, Gitarrist der Band, auf ein Bier in der Bar Le Coq in der Nähe des Kulturzentrums Beursschouwburg im Brüsseler Zentrum. Ein entspannter Typ, der sehr passioniert und reflektiert von seiner Musik erzählen kann. Besonders spannend finde ich — neben dem Sound an sich — die Bedingungen, mit denen Kreative in dieser Stadt wirken können.

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Beeindruckend: In Belgien existiert eine staatliche Förderung, die hauptberuflich arbeitenden Künstlern eine monatliche Unterstützung sichert. Das seien keine Riesensummen, aber so viel, dass es für Miete und Grundversorgung reicht, erzählt Diego. Sehr dankbar sei er für dieses System. Ermöglicht es ihm doch seit Jahren, sich auf seine Musik zu konzentrieren. Und sich auszuprobieren. Zum Beispiel mit seinem aktuellen Projekt Namdose. 

Die Band BRNS und diverse Auftritte in Hamburg

Seit 2010 spielt Diego gemeinsam mit Antoine Meersseman (Bass, Synthesizer) und Tim Philippe (Gesang, Schlagzeug) in der Band BRNS (gesprochen: brains). Live treten sie verstärkt von wechselnden Keyboardern auf. Mit ihrem eindringlichen Mix aus Postpunk und elektronisch aufgeladenen Soundlandschaften haben sie bereits mehr als 300 Konzerte absolviert. Somit gehört das Trio zu den meist tourenden belgischen Bands der vergangenen Jahre. Regelmäßig unterstützt vom Popexportbüro Wallonie-Bruxelles Musiques. 

In Hamburg hat BRNS ebenfalls diverse Shows auf die Bühne gebracht. Diego wischt im Kalender seines Handys und zählt auf: Knust, Kleiner Donner, Gruenspan und Molotow. Zudem spielten sie 2013 an verschiedenen Locations des Reeperbahn Festivals, von der Millerntorgallery bis zu Ray’s Reeperbahn Revue. Nicht schlecht. Am Hamburger Publikum schätze er, dass die Leute einerseits sehr aufmerksam zuhörten, anderseits eben auch feiern möchten. Eine gute Balance sei das.  

Namdose, aus Live-Energie entstanden

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Namdose, fotografiert von Manou Milon (Titelbild fotografiert von Sacha Vernaeve).

Aus der Live-Energie ist 2018 auch das Projekt Namdose entstanden. Damals stand bei BRNS ein Konzert für das Festival Les Nuits im Brüsseler Konzertsaal Botanique an. Am selben Abend sollte auch Ropoporose aus der kleinen französischen Stadt Vendôme im „Bota“ auftreten. Das Duo bewegt sich zwischen Dream- und Noisepop. Und besteht aus dem Drummer und Gitarristen Romain sowie seiner Schwester Pauline Benard (Gesang, Gitarre, Synthesizer, Percussion).

Im Vorfeld des „Bota“-Gigs entstand der Wunsch, einige Songs zusammen zu spielen. Von dieser Idee unter Zugzwang gesetzt, entwickelten BRNS und Ropoporose sieben Songs in zwölf Tagen für ein gemeinsames 40-minütiges Set. 

Die Kooperation funktionierte derart gut, dass beide Formationen zu einer Art belgisch-französischen Supergroup fusionierten. Zu Namdose eben. Mit „S/T“ folgte im Februar 2019 bald ein gemeinsames Album auf dem Label Yotanka, das über [PIAS] vertrieben wird. Und der Tourkalender für dieses Jahr füllt sich — unter anderem mit Terminen bei der c/o Pop in Köln. 

Slackertum trifft auf Postrock trifft auf Orchestrales

Die begrenzte Zeit, die die Musiker hatten, um für Namdose Material zu komponieren, hat ihr Schaffen beflügelt. „Das Musikmachen in diesem neuen Kontext ist sehr befreiend. Mit BRNS tüfteln wir oft länger über unseren Stücken. Mit Namdose lerne ich, dass Songwriting auch schneller und einfacher möglich ist. Der Stil ist dadurch direkter und auch verspielter“, erzählt Diego. Wie ein Urlaub von alten Mustern. Das gefällt mir sehr gut.

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Namdose, fotografiert von Manou Milon.

Die Songs von Namdose entfalten für mich eine komplexe wie hoch melodiöse Sogwirkung. Repetitive Rhythmen und verschachtelte Harmonien bilden die Basis für eruptive, noisige wie kontrastreiche Gebilde, die sich kurze Zeit später voller Wonne in Pop auflösen. Zarter Gesang reibt sich mit wütenden Chören. Slackertum trifft auf Postrock trifft auf Orchestrales. Namdose öffnet die Türen ganz weit und lädt zu einer feinen Party, bei der sich Teile von Pavement und Stereolab unter die Gäste zu mischen scheinen. Als Inspiration nennt das Kollektiv Gruppen wie Arcade Fire, Animal Collective, Flaming Lips, Clues und Blonde Redhead. 

Diego selbst bezeichnet den Sound von Namdose schlichtweg als Pop, der sich für ihn dieser Tag ohnehin durch immer neue Kreuzungen auszeichnet. „Mir gefällt die Vorstellung, dass unsere Songs mit ihren eingängigen Hooks direkt beim ersten Hören funktionieren. Und jedes weitere Mal lassen sich dann neue Aspekte und Schichten entdecken“, sagt der Musiker. In jedem Fall gilt: Diese energiegeladene Fusion ist mehr als die Summe ihrer einzelnen Teile.

Konzerte inmitten des Publikums     

Die besondere Art, wie BRNS und Ropoporose in ihrer neuen Konstellation kommunizieren, zeigt sich ganz offensichtlich bei ihren Konzerten. Namdose spielt gerne inmitten des Publikums, so dass sich die Bandmitglieder anschauen und Zeichen geben können. „Das steigert das Selbstbewusstsein als Gruppe“, erzählt Diego. „Und wir können besser untereinander Witze machen.“ Auch für das Publikum sei das spannend. Denn wann können Konzertbesucher zum Beispiel hinter dem Schlagzeuger stehen und dessen Arbeit detailliert betrachten. 

Ich hoffe, ich werde Namdose in diesem Jahr noch live sehen können. Und ich bin sehr gespannt, wie sich das Projekt weiterentwickeln wird. Denn das Ganze ist für mich ein gutes Beispiel, wie unglaublich inspirierend kluge Komplizenschaften sein können.

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WBM — belgische Popförderung, angesagte Bands und europäischer Geist

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Ein Aspekt, den ich bei unserem Arbeitswohnprojekt in Brüssel besonders schätze: Dass ein europäischer Geist, Vibe und Buzz besonders stark zu spüren ist. Das liegt weniger an der Nähe zum europäischen Parlament.

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Das Europaparlament mit Vogelstraußskulptur davor.

Vielmehr sind es all die unterschiedlichen Impulse, die in der Mitte Europas zu spüren sind. Auf der Achse zwischen Skandinavien und Spanien sowie zwischen Großbritannien und Osteuropa. In den Straßen und Bahnen sind nicht nur die beiden offiziellen Sprachen Brüssels zu hören, also Französisch und Niederländisch plus diverse Dialekte. Deutsch, Polnisch, Englisch, Arabisch, afrikanische Sprachen, Spanisch, Italienisch, Türkisch und alles, was die bunt zusammengesetzte Bevölkerung sonst noch an verbalen Backgrounds mitbringt, fügt sich zu einer klangvollen akustischen Collage. 

Signifikantes Symbol für diese Vielstimmigkeit Brüssels ist die Skulptur Pasionaria. Der Künstler Emilio Lopez-Menchero installierte 2006 ein überdimensionales Megafon nahe des belebten Gare du Midi, das allen Migranten der Stadt gewidmet ist. Vorbeikommende sollen die kleine Treppe emporsteigen und in den Trichter all ihr Glück und ihre Sorgen hineinrufen. So verbinde sich das Individuum mit dem öffentlichen Raum. Und die Worte mischen sich mit dem starken Verkehr auf der Kreuzung von Avenue Stalingrad und Boulevard du Midi. 

Pasionaria, Brussels, megaphone, art, sculpture, Avenue Stalingrad, Belgium, soundÄußerst inspirierend finde ich, dass all diese verschiedenen Einflüsse stark in der Popmusikszene Brüssels und Belgiens widerhallen. In meinem Blogpost über das Konzert des Rappers Tawsen habe ich solche stilistischen Verquickungen bereits geschildert. 

Von Hamburg nach Brüssel, von Factory 92 zu WBM

Eine Agentur, die zuhause in Hamburg sehr intensiv europäisch vernetzt arbeitet, ist Factory92. Ein hochgradig musikaffines Team von zehn Leuten ist darauf spezialisiert, europaweite PR- und Marketingkampagnen in der Popbranche zu organisieren. Bands aus anderen Ländern hilft Factory92, in Österreich, der Schweiz und Deutschland Konzerte zu spielen und auf dem deutschsprachigen Markt Fuß zu fassen. Die Agentur kooperiert zudem mit renommierten Festivals wie dem Sziget in Budapest und dem Roskilde bei Kopenhagen.

Als die Factory92-Chefs Jan Clausen und Christian Holl Buhl mitbekamen, dass ich einige Wochen in Brüssel verbringe, fragten sie direkt, ob sie mir Gesprächspartner vor Ort vermitteln sollen. Ein Angebot, dass ich sehr gerne wahrnehme. Und so fahre ich von unserem Viertel Schaerbeek mit der Straßenbahn 93 gut 20 Minuten in den Stadtteil Ixelles.

Am Place Flagey treffe ich Julien Fournier, seines Zeichens Direktor von Wallonie-Bruxelles Musiques, kurz WBM. Das dort ansässige Musikexportbüro versorgt Popkünstler mit den strukturellen und finanziellen Mitteln, um international erfolgreich zu werden. Bands mit Potenzial reisen mit WBM zum Beispiel zum Reeperbahn Festival nach Hamburg oder zum Eurosonic nach Groningen, um sich bei Showcases zu präsentieren.

Popförderung in Belgien zwischen Brüssel, Wallonie und Flandern

Pop, Export office, Wallonie Bruxelles Musique, Brussels, Music, Julien FournierBeim Mittagessen erklärt Julien, dass nicht nur Belgien, sondern auch dessen Popförderstruktur in zwei Hälften geteilt ist. Entsprechend der Demographie kümmert sich Flandern im Norden primär um niederländischsprachige Acts. Die Wallonie im Süden Belgiens, die Julien mit seinem fünfköpfigen Team vertritt, ist fokussiert auf französischsprachige Musiker. Künstler wiederum, die in der Region Brüssel leben, können theoretisch von beiden Seiten Unterstützung erhalten. In der Regel entscheiden sie sich aber früher oder später für WBM oder das das flämische Pendant, das Flanders Arts Institute.

Da Belgien mit seinen rund 11.5 Millionen Einwohnern ohnehin kein gerade großes Land ist, treten Bands im Ausland unter der Dachmarke „Belgium Booms“ auf, erzählt Julien. Das ist durchaus sinnvoll. „Aus Nordrhein-Westfalen“ oder „aus Rheinland-Pfalz“ — mit solchen Labels würde das deutsche Exportbüro, die Initiative Musik, ihre Bands bei einem internationalem Festival wie etwa der SX/SW in Texas wohl auch nicht zwingend anpreisen.

Paris als Instanz für französischsprachigen Pop

Für das Exportbüro Wallonie und Brüssel sei eine der Herausforderungen, erfahre ich, sich ins Verhältnis zu setzen zum großen Popmusiknachbarn Frankreich. Momentan erlebe französischsprachiger Hiphop in Belgien einen Boom. Allerdings fungiere Paris wie eine Instanz, die ein Qualitätsgütesiegel für französischsprachige Musik vergibt. Sprich: Wer es in diesem Segment wirklich zu etwas bringen möchte, muss es erst in der französischen Hauptstadt schaffen und sich beim dortigen Publikum einen Namen machen.

Um sich eigenständiger zu positionieren, möchte sich Julien mit WBM stärker auf belgische Acts konzentrieren, die weird und edgy sind. Die Ecken und Kanten haben. Die lieber verschlungene Pfade beschreiten, als mit ihrem Sound mitten über die breite kommerzielle Straßen zu brettern.

Belgische Acts, auf die zu achten ist: Blu Samu, Juicy und Namdose

WBM setzt beispielsweise auf Blu Samu, eine junge belgische Rapperin mit portugiesischen Wurzeln, die in ihren Lyrics Englisch und Französisch kombiniert. Julien empfiehlt zudem das Duo Juicy, zwei junge Frauen, die mit Keyboards und Gitarre eine cool groovende Liaison aus Pop und R’n’B erzeugen. 

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Namdose, fotografiert von Manou Milon.

Äußerst umtriebig ist auch das Kollektiv Namdose, das aus der französischen Band Ropoporose und der belgischen Formation BRNS besteht. Eine Art grenzüberschreitende Supergroup, die irrisierenden Indie- und Avantgarde-Pop produziert. Mich erinnert das Ganze an die frühen Stereolab. Mit Diego Leyder, dem Gitarristen der Band, habe ich mich die Tage auf ein Bier getroffen. Namdose und ihre Aktivitäten stelle ich daher in einem gesonderten Blogpost vor.

Dem Hype glauben: französischsprachiger Hiphop mit L’Or du Commun

Der Unterschied zwischen wallonisch und flämisch geprägter Musikszene reicht sogar bis in die Clubkultur hinein, erläutert Julien von WBM. So sei das Botanique in unserer Schaerbeek’schen Nachbarschaft, das ich direkt zu Beginn unserer Brüsseler Zeit erkundet habe, der bevorzugte Ort für französischsprachige Acts (siehe Titelbild dieses Blogposts). Das Ancienne Belgique, kurz AB, sei wiederum Anlaufstelle für Künstler aus der Region Flandern. Die Grenzen seien jedoch fließend. Und in beiden Locations treten zudem internationale Acts auf. 

Ancienne Belgique, AB, Boulevard Ansbach, Brüssel, Music, Clubs, Popculture, Concerts, Pop, Brussels, Flanders, French music scene, WBM, Wallonie Bruxelles Musique, L'Or Du CommunL'Or Du Commun, Album, Cover, Sapiens, Rap, Hiphop, Pop, Music, Brussels, BelgiumUm die Wallonie-Flandern-These in puncto Konzerthallen direkt einmal zu widerlegen, gehe ich am Abend ins Ancienne zum Auftritt der angesagten Hiphopper L’Or du Commun.

Die drei französischsprachigen Rapper Primero, Swing und Loxley haben 2012 als Crew zusammengefunden. Nach diversen EPs erschien Ende 2018 ihr erster Longplayer „Sapiens“ auf dem Label LaBrique. Auf ihrem Album beschäftigt sich L’Or du Commun mit der menschlichen Natur. Ohne moralischen Zeigefinger, aber durchaus reflektiert und politisch verhandeln die jungen Belgier gesellschaftliche Verhältnisse sowie unser digitalisiertes Dasein. 

Ancienne Belgique, die perfekte Konzerthalle?

Das Venue selbst kommt für mich in Sachen Sound und Aufteilung schon sehr nah heran an die perfekte Spielstätte. Der rechteckige Innenraum sowie die flankierenden zweigeschossigen Galerien rechts und links fassen 2000 Leute stehend. An der Rückseite ragt in der ersten Etage zudem ein Balkon mit 700 Sitzplätze empor. Das gesamte Ambiente des Ancienne Belgique leuchtet in roter Wärme, hat aber zugleich einen angenehm rauen Charme. 

Ancienne Belgique, AB, Boulevard Ansbach, Brüssel, Music, Clubs, Popculture, Concerts, Pop, Brussels, Flanders, French music scene, WBM, Wallonie Bruxelles Musique, L'Or Du CommunL’Or du Commun spielen eine anderthalbstündige Show, bei der die Menge vom ersten Beat bis zum letzten Reim springt und mitsingt. Eine tolle elektrisierende Atmosphäre, die durch den hervorragenden Klang noch befeuert wird. Auf der Bühne sind neben dem Trio nicht nur zwei DJs aktiv, sondern auch diverse Gastsänger und -rapper. Zudem springen immer wieder besonders enthusiastische Anhänger auf die Bühne, die von der Crew umarmt und in ihre wilden Tänze integriert werden. Ich bin gespannt, ob eine derart tolle Combo ihren Weg bis nach Deutschland findet. Zu wünschen wäre es.    

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