Denn davon handeln wir

Da stehe ich nun nach drei Tagen Festival. Die Füße graben Kuhlen in den Strandsand. Der Kopf hängt halb im Sternenhimmel. Müde, drüber, leicht angealstert, Freunde anbei. Alles ist sanft, alles ist gut.

Das Watt En Schlick Fest an der Nordsee ist fast vorüber. Wir warten auf Tocotronic, der finale Auftritt des Wochenendes. Und dann kommt die Band auf die Bühne, die ich seit Mitte der 90er-Jahre Dutzende Male erlebt habe. Geht da noch was zwischen uns heute Abend? Schaffen wir das mit dem Draht, der Energie, einer Art von Bedeutung?

Und dann passiert sie erneut, die Verwandlung. Bei „Electric Guitar“ kurz abgetaucht ins eigene Jugendzimmer, in die Unsicherheiten und Verheißungen. Sehnsucht nach dem guten wilden Leben. Bei „Hi Freaks“ die eigene Merkwürdigkeit herausschreien. Mit „Hey Du“ das vermeintlich Fremde umarmen. Zu „Unwiederbringlich“ die Tränen laufen lassen. An Menschen denken, die nicht mehr da sind und doch ganz anwesend. Die mit einem im Sound stehen und rufen: „Die Füchse im Bau, sie kapitulieren“.

Über die Menge surft ein Mensch. Ein wilder Wirbel. Sänger Dirk von Lowtzow nimmt eines der Plüschtiere, die auf einer Box sitzen, und lässt es sprechen: Die Miesmuschel bedankt sich für 25 Jahre Tocotronic. Gleichfalls. Dafür, immer wieder bewegt zu werden. Dass das nach wie vor funktioniert.

Und genau deshalb möchte ich nun meinen Blog über Pop in Hamburg beginnen. Wegen der verwandelnden Kraft von Musik. Dass der erste Beitrag ausgerechnet außerhalb der Hansestadt spielt und Tocotronic längst keine exklusive Hamburger Band ist, zeigt jedoch bereits, dass ich das Thema nicht mit dem Gartenzaun abstecken möchte. Im Gegenteil: Grenzen sollen offen sein.

Allerdings wohne ich seit mehr als 20 Jahren in Hamburg und bin wegen der Musik hierher gezogen. Und ich liebe es, mich in der Stadt zu bewegen. In ihren Clubs und Kaschemmen. Auf den Dancefloors und neben der Spur. Und zwischen all den grandiosen verrückten Menschen, die zum Teil ihr komplettes Leben (und Sparbuch) der Liebe zu den Tönen widmen.

Ich möchte nicht nur über die Großen und Etablierten schreiben, sondern auch über jene, die (noch) unbekannt sind, die eben erst zart wachsen, die lautstark wenige überglücklich machen. Und die Schicht um Schicht hinzufügen an Dreck und Rock ‘n’ Roll, an Glitzer und Schönheit, an Verzweiflung und Euphorie, an sattem Klang und queren Gedanken. Damit die Stadt dunkel leuchten kann.

Denn davon handeln wir.

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