Sophia Kennedy in der Elbphilharmonie – La La Land mit Irritationen

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Das Konzert von Sophia Kennedy beginnt mit einem langen elektronischen Driften und Wogen, das Mense Reents am Laptop produziert. Ein Sound, der immer mehr durch die Haut zu drücken scheint. Als solle dieses Intro uns durchlässig machen. Alle kommen aus dem Alltag. Sind noch fest in ihren Rollen und Zuständen. Sind noch voll mit ihren Berufen und Befindlichkeiten. Die Musik weicht mich auf, macht mich transparent, lässt andere Möglichkeiten durchschimmern.

Und dann betritt Sophia Kennedy die Bühne. Sie tapert umher. Als müsse sich auch bei ihr der Tag erst setzen. Sie lässt der Unrast ihren Lauf, bevor sie sich an den Flügel begibt und zu singen beginnt, als sei sie einem alten Film entstiegen. So dunkel und dramatisch und sehnsuchtsvoll und cool und warm. Hollywood im Pudel Club. Dort sind wir zwar nicht an diesem Abend, aber dort verorte ich die Musikerin geistig. Nun also Elbphilharmonie. Kleiner Saal. Ein Konzert in der Reihe „Made in Hamburg“. Und draußen in dieser Stadt Schnee und windige Kälte. Drinnen La La Land und schönste Irritationen.

Sophia Kennedy, Mense Reents und die Goldenen Zitronen

Im Frühling 2017 veröffentlichte Sophia Kennedy ihr selbstbetiteltes Debütalbum bei DJ Kozes Label Pampa Records – gemeinsam mit Mense Reents, der seit dem Jahr 2000 multiinstrumental und technikverliebt bei den Goldenen Zitronen wirkt. Ich muss daran denken, wie ich die Zitronen das erste Mal Mitte der 90er-Jahre in Würzburg sah, noch bevor Mense Reents zu der Band stieß. Ständig tauschten die Musiker ihre Positionen und Instrumente. Nichts schien sicher, alles war großartig. Ein menschenfreundliches Gewitter. Beim Konzert von Sophia Kennedy scheint es mir nun, als habe sich dieser Ansatz verfeinert.

Sophia Kennedy, Mense Reents, Pampa Records, Records, Debut, Elbphilharmonie, concert, Made in Hamburg, RockCityDie Lieder sind Pop. Sie sind eingängig und groß. Und doch brodelt immer etwas verfremdet im Hintergrund. Klänge, die das Wohlgefallen mit Merkwürdigkeiten konterkarieren. Beats, Loops und Samples, die uns verschieben auf andere Positionen, in ungewohnte Blickwinkel.

„Wenn ihr es fühlt“

Sophia Kennedy beginnt mit „Baltimore“, einem Song über ihre Heimatstadt in den USA. Bevor sie nach Hamburg zog. Für den meisten Rest des Sets wechselt sie ans Keyboard. Mit „Dizzy Izzy“ erhöhen Mense Reents und sie das Tempo, die Temperatur. Kratzend, nervös, funky. Ungewohnt sei das, vor bestuhltem Saal zu spielen, sagt Sophia Kennedy. Die Gäste könnten ja aufstehen. „Wenn ihr es fühlt.“ Es seien ja alle frei.

Niemand erhebt sich. Doch mental tanzen alle längst unter der Decke des Saals. Das muss doch so sein bei einer exaltierten Disco-Opern-Nummer wie „Something Is Coming My Way“.

Beats gegen die Schädeldecke

Mein Lieblingsstück von Sophia Kennedy ist „Special“. Eine lakonische Außenseiterhymne. „Being lonely makes you special / but being special makes you lonely too“, singt sie und steigt dabei mit ihrer Stimme tief hinab in die Gefühle, aber auch in die Gelassenheit.

Ich mag Konzerte, bei denen die Musik körperlich spürbar wird. Bei Stücken wie „Build Me A House“ knallen die Beats von Innen gegen meine Schädeldecke. In einem Club ginge diesbezüglich bestimmt noch mehr. Aber auch im edlen Konzerthaus kommt das schon ganz gut.

Der Effekt verstärkt sich noch einmal bei „Kimono Hill“ mit seinem Tribalrhythmus. Der Song mündet in eine Gesangspassage, die wie ein minimaler Gospel in den Saal schallt. Sophia Kennedy erzählt da ganz nah und umwerfend, wie sie sich eine Gitarre kauft, um Liebe zu verbreiten. Sie predigt die Intensität. Den Humor. Das Surreale. Die Coolness.

Ein Anzug mit Tomaten

An diesem Abend trägt sie einen weißen Anzug, der unter anderem mit Tomaten bestickt ist. Ich muss an die aufwendigen Fabrikate denken, die der berühmte Schneider Nudie Cohn für Countrystars wie Gram Parsons, Dolly Parton und Hank Williams gefertigt hat. Mir gefällt diese Showverwandlung sehr gut. Passend dazu singt Sophia Kennedy gegen Ende immer wieder die Zeile: „If I were something different“. Jemand anderes sein. Oder viele. Spoken-Word-Performerin, Chansonette, Popsängerin, Jazzerin, Electrolady, R’n’B-Queen, Pianistin, Komponistin, Maschinenbeschwörerin, Traurige, Tröstende, Tanzende, Tomatenträgerin.

Mit all den musikalischen Versatz- und Schmuckstücken der Sophia Kennedy gehen wir durch das Schneewehen nachhause. Und die Welt, sie wirkt ein wenig aufgelöst.

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Die softe Seele: „Groovy Schüssel“ im Pudel Club

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Mitunter kann Ausgehen ganz unaufgeregt sein. Und sehr schön. Zum Wochenausklang gehe ich in den Pudel Club am Hafen. Geduckt unter einem Baugerüst hockt das kleine Haus da. Seit dem Brand 2016 läuft die Sanierung dieses Hamburger Herzstücks. Und seit kurzem liegt der Club komplett in der Hand zweier Stiftungen, was den langjährigen Pudelakteuren mehr gestalterische Freiheit eröffnen soll. Das eigensinnige Eigenleben ist gesichert. Hoffentlich.

An diesem frühen Abend erscheint mir der Pudel Club wie eine leuchtend rote, rauchgeschwängerte Kapsel, die entschleunigt durch Raum und Zeit gleitet. Jeden Freitag lädt der Plattenladen Groove City von 20 bis 23 Uhr in die „Groovy Schüssel“. Der Shop im Karoviertel steht für Rhythmisches von Funk bis Hiphop, von Reggae bis Electro, von Jazz bis zu Staunenswertem aus aller Welt. Und diesem speziellen Groove-City-Geist verbundene DJs laden Betreiberin Marga Glanz und ihr Team freitags in den räudigen Hundeladen.

Sweet und deep Soul bei der „Groovy Schüssel“ im Pudel Club

Ich liebe es sehr, wenn kreuz und quer durch die Stadt solche musikalischen Fäden gezogen werden. Sie halten Hamburg ganz anders zusammen als das viel zitierte Kaufmannsleben. Diese Fäden weben die Stadt aufs Feinste ein. Ohne, dass sie es merkt.

Pudel Club, Golden Pudel Club, Hamburg, St. Pauli, DJ, Soul, PartyBei der „Groovy Schüssel“ spinnen an diesem Abend Inger Schwarz und Imke Keyssler an den Plattenspielern. Inger ist als charismatische DJ und Barfrau oftmals im Komet zu erleben. Und sie zählt zum Kollektiv Fortyfive Degrees, über das ich bereits zum Thema Soulmusik geschrieben habe. Imke gehört zu meiner heiß geliebten Radiogruppe Das Draht, mit der wir beim Internetradio Byte FM seit nun mehr zehn Jahren stilistisch diverse Sendungen produzieren. Imke hat ihre jüngste Radioshow bei Mixcloud hochgeladen – sehr zu empfehlen.

Supersofte Stimmen, die das Herz sachte fluten

Inger und Imke legen auf unter dem Motto „Slow down – sweet and deep soul“. Keine Musik zum aufgekratzten Tanzen. Sondern ein Sound, der uns verlangsamt. Der uns ein wenig unter die Oberfläche des Lebens sinken lässt. Tief eben. Aber ohne dunkel abzudriften. Dafür sorgt die Süße. Die supersoften Stimmen, die das Herz sachte fluten und dann in Zeitlupe überlaufen lassen. Angetrieben von eleganten Arrangements, von extra zarten Streichern, butterweichen Bläsern und Chören, die unsere Seele melancholisch euphorisieren. Die sich in all ihrer Sweetness etwas Schroffes, Aufgerautes bewahrt haben. Eine feine Spannung.

Pudel Club, Golden Pudel Club, Hamburg, St. Pauli, DJ, Soul, Party, Harbour, BoatEs ist schön zu beobachten, wie Inger und Imke im Flow agieren. Mit dem Licht einer kleinen Taschenlampe im Plattenkoffer blättern. Im Wechsel das Vinyl auflegen. Kurz reden. Aus dem Fenster schauen. Bis zur Elbe. Dann den Blick schweifen lassen durch den Raum, der entspannt gefüllt ist.

Mit Liebe aufladen

Später in der Nacht wird an dieser Stelle unter der Discokugel eine andere Energie rotieren. Electro, Beats, Tanz. Wir glühen den Laden vor, laden den Club mit Ruhe und Liebe auf. Einige unterhalten sich zu zweit oder mit mehreren. Andere stehen einfach für sich da. Das mag ich sehr.

Eine Frau hat die Augen geschlossen, wiegt ganz leicht hin und her, zieht ab und zu an ihrer Zigarette. Ein Typ nickt mit dem Kopf zum Takt. Drin in jedem Song. Ich muss daran denken, dass ich mich früher viel häufiger mit Freunden getroffen hat, um einfach gemeinsam Musik zu hören. Die Atmosphäre an diesem Abend im Pudel kommt dem schon sehr nahe. Ich freue mich, dass es Orte in der Stadt gibt, wo sich Menschen alleine wohl fühlen. Ohne einsam zu sein.

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Das neue Album von Rhonda – Soundtrack fürs reisende Herz

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Ich fahre mit dem Zug von einem Termin in Berlin zurück nach Hamburg und höre das neue Album von Rhonda. Kurz bevor ich die Musik anschalte, frage ich mich, ob sich die Songs überhaupt für eine Zugfahrt eignen. Mit Rhonda assoziiere ich vorwiegend Soul und Sixties-Sound. Und mit diesen Genres verbinde ich verstärkt die Tanzfläche.

Doch auf der Strecke zwischen Hauptstadt und Altona sitzt mein Körper still. Ich werde bewegt. Und meine Gedanken wandern durch vorbei wischende Bäume und über dämmernde Felder. Sie bleiben kurz hängen an satt ruhenden Höfen, um dann weiter- und fortgerissen zu werden. Hinter all diesen Fenstern leben Menschen, du hast es immer geahnt.

Rhonda schweift mit mir durch das Panorama

Und höre da: Das neue, nun mehr dritte Rhonda-Album eignet sich hervorragend als Zugfahrmusik. Um dieses Transitgefühl zu begleiten. Bereits der Titel der Platte, die am Freitag beim Hamburger Label Popup Records erscheint, passt sehr gut zum Unterwegssein: „You Could Be Home Now“. Ich könnte zuhause sein. Bin es aber nicht. Der Tag geht zur Neige. Und die Dunkelheit draußen verwandelt die Natur in Schattenrisse. Nur ein paar Windradlichter blinken rot in der Ferne. Sonst ist alles Schwarz, Grün, Grau der Nacht zugeneigt.

Rhonda schweift mit mir durch dieses Panorama. Mit einer Musik, die rau ist und hypnotisch. Die die Melancholie mit warmer Stimme nährt. Und die mit schroffer Intensität langsam in die Seele kriecht.

Desperado-Soul, Americana-Punk, Rock ‘n’ Roll für Drifter und Denker

Lange wirkte Rhonda komplett in Hamburg. Bis Sängerin Milo Milone nach Los Angeles zog. Sofort male ich mir aus, wie sie bei Ausflügen in die Wüstenregionen der USA die Inspiration für „You Could Be Home Now“ fand.

Band, Rhonda, Album, „You Could Be Home Now“, Label, Popup Records, Pop in Hamburg, Pop, Hamburg, Los Angeles, Milo Milone, Ben Shadow, Soul, Rock, Americana, PopDie zwölf Songs lassen sich auch als Desperado-Soul, als Americana-Punk oder als Rock ‘n’ Roll für Drifter und Denker bezeichnen. Die Gitarren suchen Staub aufwirbelnd die Weite. Schlagzeug und Bass spielen in cooler Entschleunigung. Und Milo Milone eröffnet mit ihrem Gesang eine lässige Tiefe.

In einem Song wie „Baby“ kommt die laszive Kraft ihrer Stimme besonders stark zum Ausdruck. Während das Titelstück „You Could Be Home Now“ wie ein geheimnisvoller Bossa Nova brodelt. Mehr gospelreiches Licht dringt in „Why We Stay“ in die Landschaft. Und „Best I Ever Had“ wiederum ist ein Walzer, der aufs Schönste vom Dreck der Straße überzogen scheint.

Eine Garage in Los Angeles

Rhonda macht auf Album Nummer drei Musik für Sehnsüchtige. Für all jene, die wissen, dass Suchen nicht zwangsläufig auch Finden bedeutet. Ein Soundtrack für das reisende Herz, das in uns allen wohnt. Das wie jeder gut genutzte Koffer bereits einige Macken und Schrammen besitzt. Und das dennoch einfach weiter schlägt.

In der Presseinfo zur Platte von Rhonda lese ich, dass alle Vocals in der Garage von Milo Milone in Los Angeles aufgenommen wurden. „Mit offener Türe nach draußen.“ Ein schönes Bild. Alles kann hinein, kann hinaus. Die Freiheit beginnt genau an dieser Schwelle. Und wir fragen uns: Wohin geht die nächste Fahrt?

Rhonda live in Hamburg: 2. Februar, Mojo Club

Biggy Pop empfiehlt:
„Sowas von egal“ (Sampler, bureau b)
Tusq: „The Great Acceleration” (Oktober Promotion)
Poems For Jamiro: „Human” (Schwesterherz)
Neonschwarz: „Clash“ (Audiolith Records)
Patrick Siegfried Zimmer: „Memories I – X“ (PSZ Recordings)

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Ove, Finkenauer und Staring Girl im Knust – der etwas andere Neujahrsempfang

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Das erste Konzert im neuen Jahr. Die Tiere kommen aus ihrem Bau. Sie sind nicht unruhig. Ihre Bewegungen sind eher leicht verpeilt, noch tastend, blinzelnd. Der Ausgehrhythmus für die kommenden Monate wird gerade erst aktiviert. Alles stolpert noch aufs Schönste zwischen müde und vorfreudig. Nur ein Tier kommt nicht. Der Dachs. Zumindest laut Ove, erster auf der Bühne im Hamburger Knust an diesem Abend, der sich ein wenig anfühlt wie das, was in anderen Kreisen Neujahrsempfang genannt wird. Alle haben sich herausgeputzt. Die Wollmützen gewaschen, die Tätowierungen poliert und die Bandshirts nicht gebügelt.

Ove singt noch nicht veröffentlichte Lieder solo zur Akustikgitarre. Alles neu. Eigentlich spielt er mit Band. Und eigentlich singt er nur noch. Keine Saiten mehr. Doch jetzt hat er alle Hände voll zu tun. Und alle Herzen schnell gewonnen.

Ove – wenn der Dachs nicht kommt

Wie bei einem guten Jahresauftakt gibt es Geschichten darüber, sich neu zu erfinden. Ove singt davon, auf sich selbst als Version 2.02 zu warten. „Zum Download bereit“. Und er stellt Fragen, viele Fragen. Alltägliche und versponnene. Ob das Universum manchmal alleine ist etwa. Und dann dieser Jetzt-schon-Hit 2019: „Wenn der Dachs nicht kommt“. So nenne ich das Lied zumindest für mich intern. Womöglich hat der Urheber es anders betitelt.

Knust, Club, concert, Staring Girl, Ove, Pascal Finkenauer, Indie, Rock, Americana, Singer-Songwriter, stage, lights, merchandise, Biggy PopMit seiner ganzen nordfriesischen, leuchtend gelockten und querdenkenden Ovehaftigkeit erzählt uns der Singer-Songwriter von einer misslungenen Nachtwanderung durch einen Wald als Betreuer einer Jugendfreizeit. Nur der Dachs, der hat eben keinen Bock.

Ich freue mich jetzt schon sehr auf Oves neues Album „Abruzzo“, das am 22. Februar bei Tapete Records erscheint. Wenn das Leben dir Zitronen gibt, mache Lieder daraus. Nordseeküste, Mittelmeer und zurück. La dolce vita und schöner Scheitern im Sonnenschein. So stelle ich mir das vor.

Pascal Finkenauer –  Umschlag am Neujahrstag

Auf die Sonne folgen an diesem Abend der Mond und die Sterne. Sänger und Gitarrist Pascal Finkenauer samt Bassist und Schlagzeuger sowie die Band Staring Girl.

Knust, Club, concert, Staring Girl, Ove, Pascal Finkenauer, Indie, Rock, Americana, Singer-Songwriter, stage, lights, merchandise, Biggy PopEs ist gut, Pascal Finkenauer mal wieder auf der Bühne zu erleben. Ich hatte ihn länger nicht dort gesehen. Auch hier scheint Tastendes, Suchendes vor sich zu gehen. Die Triobesetzung ist neu. Der Sound – mal elegisch, kurz mal fast Metal. Der Gesang schraubt sich in die Tiefe. Alles ist ernst. Eine Erinnerung daran, dass nicht alles Licht sein kann. Ein Nachhall all der Unwägbarkeiten, die in uns leben. Finkenauer singt von einem grauen Umschlag, der am Neujahrstag vor der Türe liegt. Ein Bild von sich selbst steckt darin. Wer werden wir sein 2019? Wem werden wir begegnen?

Staring Girl – verschoben am Fluss

Im Knust jedenfalls sind viele unterschiedliche Tiere anwesend. Das ist gut. Und das Rudel, das immer vorne links vor der Bühne steht, ist auch versammelt. Das Musikjahr, es geht wieder los. Und die Hamburger Staring Girl erzählen uns von all dem, was zwischen den Stühlen, zwischen den Zeilen, zwischen dem „Stolpern, Taumeln und Laufen“ geschehen kann. Zu fünft spielen sie. Eine Mehrgenerationenband, früher in großen Teilen für Gisbert zu Knyphausen musizierend.

Knust, Club, concert, Staring Girl, Ove, Pascal Finkenauer, Indie, Rock, Americana, Singer-Songwriter, stage, lights, merchandise, Biggy PopIhr Sound zwischen Indierock und Americana entfaltet eine hypnotische Qualität. Zwischendurch gibt es Tendenzen zum Muckertum, zum ausufernden Gitarrensolo. Das geht mir in anderen Fällen gerne mal auf die Nerven. Bei Staring Girl ist das jedoch gerade noch so wohl dosiert, dass es einen tiefer und tiefer hineinzieht in die Musik.

Sänger und Gitarrist Steffen Nibbe schildert einen Tag am Fluss, an dem alles verschoben ist. So erinnere ich mich zumindest an diesen einen Song. Womöglich habe ich das aber nur kurz geträumt. Denn das sind ja letztlich die besten Konzerte, bei denen sich die eigenen Gedanken mit den Liedern vermischen und sich die Geschichte so fort fort fortschreibt.

Sehr gut gefällt mir auch die Nummer über zwei, die am Küchentisch sitzen. Die trinken und reden und sich küssen. Und das Wissen ist bereits da, dass dieses Beieinander nur kurz sein wird. Dass die Energie nicht ausreichen wird für die Langstrecke. Auch in halb verpassten Chancen liegt Poesie. Nicht nur im Jauchzen, im Trübsal.

Nils ist auch da

Und dann, für Tränen so früh im Jahr, eine Nummer von Nils Koppruch. Ove kommt erneut auf die Bühne, begleitet von Jenny Apelmo alias Felicia Försvann, um gemeinsam mit Steffen Nibbe und Staring Girl den Fink-Song „Wenn du mich suchst“ zu singen. Ich freue mich sehr über diesen All-Star-Act. Denn in der Kunst und in den Herzen lebt und macht alles weiter.

Für seine Lieder wünschte sich Koppruch, dass sie stets auch Gebrauchswert haben sollten: ‘Die Idee war, die Songs einfach zu halten, sodass der, der ein bisschen ‘ne Gitarre festhalten kann, das auch relativ leicht nachmachen kann’, sagte er einst. Zu hoffen ist, dass viele dieser Aufforderung folgen. Denn Musik ist nicht nur gut als Trost, sondern auch gegen das Vergessen“, schrieb ich 2012.

In diesem Sinne ein frohes, gesundes, inspirierendes neues Jahr Euch allen! Geht hinaus aus eurem Bau dann und wann. Tastet und blinzelt. Hebt den Blick und schaut ins Licht.

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Jahresrückblick 2018 – im Transit unter der Discokugel

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Ein Tag vor Silvester. Der Kopf hängt halb in der Zwischen-den-Jahren-Resterkältung, halb in der Rückschau auf ein bewegtes Jahr 2018. Vor fünf Monaten habe ich mich als Biggy Pop selbstständig gemacht. Und seit fünf Monaten schreibe ich diesen Blog über Popmusik in Hamburg. Dieses ist der 44. Eintrag. Dass diese Zahl zugleich mein Alter ist, ist purer Zufall. Doch da es mir nun einmal aufgefallen ist, möchte ich es nicht unerwähnt lassen. Ich habe keine Lust, mich jünger oder älter zu machen. Warum auch?

Ich bin zutiefst der Überzeugung, dass Popkultur für alle da ist. Dass niemand bestimmte Kriterien erfüllen muss, um am guten wilden Leben teilzuhaben. Denn wenn ich auf 2018 zurückblicke, dann haben sich drei Leitsätze für mich verdichtet, die nun am Ende des Jahres in großer Leuchtschrift dastehen: Sich mit Menschen verbinden. Meine Stimme finden. Offenheit üben.

2018: Orientieren, Dynamik und reden, reden, reden

Die erste Jahreshälfte war geprägt vom Schritt hinaus aus der Festanstellung. Von Durchatmen und Orientieren. Von Seminaren und Formularen. Von Ideen und Aufbau. Und von dem Lernprozess, das Gefühl des Transits und der Unsicherheit als Teil der neuen Freiheit zu verstehen.

In der zweiten Jahreshälfte erhöhte sich die Dynamik: Die eigene Arbeit anbieten. Die Aufregung erster freiberuflicher Aufträge. Sich ausprobieren. Mutig sein. Zwischendurch innehalten und einfach nur erschöpft auf dem Sofa liegen, um all das Neue sacken zu lassen. Dann: „Immer weiter durchbrechen.“ Dinge verwerfen und Prioritäten setzen. Einen Rhythmus finden. Und vor allem: reden, reden, reden.

Biggy Pop, annual review, Jahresrückblick, 2018, beer, words, Rock, Bar, Hausverbot, St. Pauli, Hamburg, PopOb als Journalistin, Texterin, Dozentin oder DJ – 2018 ist für mich beruflich definitiv das Jahr der Kommunikation. Ich bin sehr dankbar, mich mit so vielen verschiedenen musikpassionierten Menschen austauschen zu können – von der Studentin bis zum alten Pophasen. Ich durfte viele Künstlerinnen und Hintergrundarbeiter, die die hiesige Szene erst so richtig knallschillernd machen, neu oder anders kennenlernen. Kontakte entstanden oder vertieften sich.

Wer hat denn hier die Coolness gepachtet?

Kaffees, Biere und Schnäpse wurden getrunken. Und Themen gewälzt. Etwa über den Wandel des Musikjournalismus. Meiner Ansicht nach ist die emotionale und leidenschaftliche Verbundenheit, die Pop erzeugen kann, ein Schlüssel, wie das Genre in Zukunft bestehen kann. All die Fans da draußen wollen meiner Meinung nach beherzten, detailverliebten, nerdigen, schrulligen, kritischen, hintergründigen Austausch und Input über Musik. Aber nicht von oben herab. Wer hat denn hier die Coolness gepachtet? Niemand. Thank god!

Es geht um Teilhabe. Darum, sich zu verbinden in Musik. Zustände zu beschreiben, zu reflektieren, zu hinterfragen, zu prognostizieren, zu ironisieren und zu überhöhen mit Pop. Auf meinem Blog versuche ich nach wie vor herauszufinden, wie das funktionieren kann. Ich suche meine Stimme. Und ich freue mich zutiefst, wenn Menschen mitlesen und sich womöglich inspiriert fühlen, hinauszugehen, mitzumischen, sich zu verbinden, laut zu sein, leise zu fühlen, quer- und nachzudenken.

Eine verpeilte Geschichte

2018 ist das Jahr, in dem die immense Bedeutung eines respektvollen Miteinanders gesellschaftlich noch einmal besonders heftig spürbar wurde. Und wie sehr ich mir in Sachen Offenheit immer und immer wieder amtlich an die eigene Nase fassen darf, ist mir bei einem kleinen Erlebnis aufgegangen. Es ist keine große tragische Geschichte, eher eine kleine verpeilte, die jedoch nachschwingt.

Für den 29. September stand ich auf der Gästeliste für das Konzert der Berliner Indierocker Von Wegen Lisbeth in der Großen Freiheit. Ich war am Nachmittag bei der antirassistischen Parade am Hafen gewesen. Und nach einem Essensstopp in der Kleinen Pause in der Wohlwillstraße eilte ich mit einer Freundin kurz vor knapp zum Club auf den Kiez. Die freundliche Frau an der Kasse fand mich nicht auf der Liste, ließ uns aber nach kurzer Rücksprache mit dem Veranstalter netter Weise hinein.

Xavier Rudd, Australia, musician, concert, Hamburg, Große Freiheit, Club, Biggy Pop, retrospective, Jahresrückblick, 2018 Wir schoben uns durch den Raucherraum bis nach vorne. Und als ich gerade noch überlegte, warum da wohl ein Didgeridoo auf der Bühne stand, kam die Band bereits auf die Bühne. Statt schmächtiger Indieboys trat da allerdings ein tätowierter Surfertyp in Tarnlatzhose und mit Zopfduttfrisur ins Rampenlicht. Der Saal: ausverkauft. Die Menge: euphorisiert. Wir: perplex.

Rasches Googeln ergab: Wir waren im falschen Jahr. Von Wegen Lisbeth soll am 29. September 2019 in der Großen Freiheit spielen (we got a date!). Das Konzert war halt nur mit sehr sehr langem Vorlauf angekündigt worden. An diesem Abend trat der australische Songwriter, Sänger und Multiinstrumentalist Xavier Rudd mit seinem Ethnopop auf.

„Who am I to judge?“

Als Journalistin war ich bereits bei vielen Konzerten, die nicht unbedingt meinem individuellen Geschmack entsprechen. Die ich dann danach beurteile, ob der Auftritt dem Genre entsprechend gut ist. Ob etwas überspringt.

Doch so unerwartet und unvorbereitet in eine Situation zu stolpern, hat mit noch einmal auf einer anderen Ebene erwischt: Ich fühlte mich ertappt. Denn kurz hatte ich den Impuls, nicht nur über mich selbst zu lachen, sondern auch über den Künstler. Der sah aus wie ein Abziehbild des ökologisch bewegten Weltenretters. Also wie ein Klischee. Aber das sind viele Indierockkids natürlich auch. Und wie heißt es im Englischen so schön: „Who am I to judge?“

Wildcard für die Popkultur

Das Publikum sang inbrünstig seine teils von Aborigines inspirierten Songs mit. Und sie lauschten aufmerksam Rudds Botschaften von Love, Peace and Understanding. War das nicht genau das, wofür ich kurz zuvor demonstriert hatte? Nun nur eben – aus meiner Sicht – uncooler verpackt?

Leicht beschämt beschloss ich, mich fortan noch mehr aus meinem Dunstkreis hinausbewegen zu wollen. Wie wäre es zum Beispiel, einmal im Monat den Programmteil der „Szene Hamburg“ zu nehmen, mit dem Finger hineinzustechen und sich so seine eigene Wildcard in Sachen Popkultur zu basteln? Wie wäre es, sich insgesamt im Leben noch mehr verwirren und überraschen zu lassen?

Der gute Vorsatz: mehr Durchlässigkeit

Rückblickend bin ich – nicht zuletzt als große Freundin von Zeitreisefilmen und -serien – begeistert davon, dass ich mich so verschoben fühlen durfte. Wann geschieht das denn noch in unserer überinformierten, durchgoogelten Welt? Daher lautet einer meiner Vorsätze für 2018: Die (eigenen) Grenzen noch durchlässiger machen.

Drangsal, Zores, Album, Cover, Music, Biggy Pop, annual review, Jahresrückblick, 2018, BestenlisteUnd, ach ja, wer in diesem Blogpost die obligatorischen Bestenlisten vermisst: Für das Internetradio Byte FM habe ich meine Top Ten an Alben und Songs des Jahres notiert. Kaum abgeschickt, fielen mir natürlich sofort weitere Künstlerinnen und Musiker samt ihrer Werke 2018 ein, die ebenfalls grandios sind. Alles kann immer nur Bestandsaufnahme sein. Denn alles ist im Flow, im Groove. In diesem Sinne: Keep on und kommt gut rein ins Neue!

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Anton Corbijn trifft Daniel Miller – der Blick auf Musik

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Beziehungen. Vertrauen. Freiheit. Tod. Kunst berührt mich dann am meisten, wenn sie das zutiefst Humane verdichtet, überhöht, zum Schwingen bringt. Wie sehr künstlerisches Schaffen immer wieder von ganz grundsätzlichen menschlichen Zuständen angetrieben wird, kommt bei einem Gespräch, das ich im Bucerius Kunst Forum besuche, äußerst eindringlich zum Ausdruck. Bis Anfang Januar 2019 läuft in dem Museum neben dem Hamburger Rathaus die Ausstellung „The Living And The Dead“ von Anton Corbijn. Und an diesem Mittwochabend trifft der niederländische Fotograf auf Daniel Miller, Gründer der Plattenfirma Mute Records.

Exhibition, Photographie, Anton Corbijn, Bucerius Kunst Forum, Hamburg, Popmusic, Talk, Daniel Miller, Mute Records, Max Dax, Musicjournalist, Sinead O Connor Musikjournalist Max Dax bringt die beiden mit angenehmer Ruhe ins Gespräch. Viele Anekdoten drehen sich um Depeche Mode, deren maßgebliche Alben Mute Records veröffentlichte. Und deren Image Anton Corbijn mit Fotos und Videos prägte. Mich fasziniert und amüsiert, dass Anton Corbijn sowohl Depeche Mode, als auch U2 – Stichwort Beziehungen – anfangs nicht sonderlich mochte. Die Verbindungen und Sympathien seien erst über die Jahre gewachsen, sagt er.

Videodreh mit Depeche Mode, Sound als Motor

Mir gefällt die Vorstellung sehr, dass das Musikgeschäft derart langfristige und zwischenmenschlich durchaus komplexe Kollaborationen ermöglicht. Wo die Branche doch als so schnelllebig verschrien ist. Das motiviert mich, idealistisch zu bleiben.

Daniel Miller betont, dass sowohl Business als auch künstlerisches Arbeiten nicht ohne Vertrauen funktionieren. So habe Depeche Mode zwar einen ausgeprägten Sinn für den eigenen Sound. Band und Label hätten aber die optische Gestaltung zuversichtlich in die Hände von Anton Corbijn gelegt. Der wiederum sagt zu seiner Herangehensweise, dass er sich beim Dreh nicht von den Lyrics, sondern vielmehr von der Musik anregen lasse. Intuitiv entstünden Bildideen, zum Beispiel zu dem Clip zu „Enjoy The Silence“, in dem Dave Gahan als König mit einem Klappstuhl durch einsame Landschaften läuft.

Anton Corbijn, Joy Division und der Tod

Die Arbeiten von Anton Corbijn stehen auf der grob schraffierten, melancholischen, hintersinnigen Seite des Lebens. Und das von Anfang an. Eine frühe, sehr bekannte Fotografie ist die von der Band Joy Division aus dem Jahr 1980.

Exhibition, Photographie, Anton Corbijn, Bucerius Kunst Forum, Hamburg, Popmusic, Talk, Daniel Miller, Mute Records, Max Dax, Musicjournalist, Joy DivisionDie vier Musiker gehen hinab in die Londoner U-Bahn-Station Lanchester, in dessen Nähe Anton Corbijn damals ein Zimmer bezogen hatte. Einzig Sänger Ian Curtis kehrt der Kamera nicht den Rücken zu, sondern dreht sich zum Betrachter um. Der Subwaytunnel entfaltet eine Sogwirkung nach unten.

Anfangs hätten die Leute das Bild nicht sonderlich gemocht, erzählt Anton Corbijn. Erst als Ian Curtis einige Monate später Suizid beging, deuteten viele das Bild als Vorsehung. Das Thema Tod beschäftigt den Fotografen in zahlreichen Studien. In Hamburg ist seine autobiografische Serie „a. somebody“ zu sehen, in der sich Anton Corbijn als Rockstars inszeniert, die nicht mehr am Leben sind. Tatsächlich existieren ja viele Ikonen wie John Lennon und Kurt Cobain mit ihrer ganzen inspirierenden wie zerrissenen Persönlichkeit und ihrer Musik in uns weiter. Eine spannende Auseinandersetzung.

Marianne Faithful vor der Kaffeetasse und die Freiheit der Interpretation

Die große Freiheit seiner Fotografie liege dann wiederum beim Betrachter, erzählt Anton Corbijn. In der Interpretation. In der Assoziation. Im ganz eigenen Zugang. Ein Bild. Ein Stück fixierte Zeit. Und Tausende Geschichten, die dazu entstehen. Tausende Gefühle, die ein Porträt oder eine Szenerie auslöst.

Aufgrund dieser Philosophie ist Anton Corbijn auch nur bedingt motiviert, die Umstände zu erläutern, wie seine Fotos zustande kommen. „Wenn Marianne Faithful im BH rauchend vor einer Kaffeetasse sitzt“, sagt er über eines seiner Bilder, „dann könnte die Fantasie doch sein, gerade eine Nacht mit ihr verbracht zu haben.“ Dass das womöglich eine offiziell angesetzte Session mit fünf anderen Fotografen drum herum gewesen ist, das möchte sich doch nun wirklich niemand vorstellen, sagt er – unter reichlich Gelächter des Publikums. Hat ja niemand behauptet, ein Abend über die grundlegenden Dinge müsse humorfrei sein.

Mehr zum Thema: Hamburger Popkulturfotograie gestern und heute

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Günter Zint – Hamburger Popkulturfotografie gestern und heute

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Wilde Zeiten“ heißt ein Buch mit Hamburg-Bildern des Fotografen Günter Zint, das jetzt im Junius Verlag erschienen ist (49,90 Euro). Und wie ich die gut 250 Seiten durchblättere und zunehmend in diese spannungsgeladene schwarz-weiße Welt der Jahre 1965 bis 1989 eintauche, frage ich mich: Waren die Zeiten damals wirklich wilder, schrulliger, roher? Oder sind wir es einfach zunehmend weniger gewohnt, Situationen und Menschen ohne Pose, ohne Filter, ohne Instagramability zu sehen?

Wilde Zeiten, Buch, Bildband, Günter Zint, Fotograf, Schwarz-Weiß, Hamburg, Musik, Szene, Pop, Jugendkultur, Junius VerlagGünter Zint, Jahrgang 1941, ist der große Chronist der Hamburger Szene. Er fotografierte die Beatles und Jimi Hendrix. Er dokumentiert das Leben von Clubs und Kommunen, in Herbert- und Hafenstraße. Er schaut mit seiner Kamera in die Seele von Musikern, Lebenskünstlerinnen und Aktivisten.

Günter Zint zeigt die Energie, das Zottelige und Unperfekte

Natürlich verstand und versteht sich auch Günter Zint auf die Kunst der Inszenierung. Etwa bei einem Foto der britischen Rockband John’s Children, die er nackt, nur von Blumen umrankt, darstellte. Oder beim Bild von Sängerin Nina Hagen, wie sie mit markant aufgerissenen Augen vor zwei treu schauenden Pferden hockt. Doch oftmals wirken die Arbeiten von Günter Zint unverblümt, ehrlich, in positiver Weise beiläufig.

Ob Party oder Demonstration – die Energie, die Aggression, die Euphorie, das Zottelige und Unperfekte, das Günter Zint zeigt, fasziniert mich sehr. Verschrobene Visagen, schiefe Brüste, schräge Blicke.

Wilde Zeiten, Buch, Bildband, Günter Zint, Fotograf, Schwarz-Weiß, Hamburg, Musik, Szene, Pop, Jugendkultur, Junius VerlagSelbstverständlich gibt es auch aktuell zahlreiche grandiose Fotografen, die nah und ungestellt, dokumentarisch und fotojournalistisch arbeiten. Ich muss vielmehr darüber nachdenken, dass wir alle mit dem Smartphone nun zu Chronisten der Gegenwart werden. Dass wir somit die Chance haben, das Hier und Jetzt ganz pur abzubilden und zu veröffentlichen. Und dass wir uns doch oftmals dazu entscheiden, uns optisch eher von der Realität wegzubewegen. Hin zum Geschönten, Durchdachten, Gestylten.

Dellen und Schmutz, Merkwürdigkeiten und Melancholien

Ich will an dieser Stelle gar nicht dumpf und laut in das „Früher war alles besser“-Horn stoßen. Dafür liebe ich es selbst viel zu sehr, auf dem Smartphone mit Filtern und Fotobearbeitungsprogramm herumzuspielen. Und lustvolles Maskieren und Posieren gehören für mich zur Popkultur ohnehin zwingend dazu.

Mir schlägt beim Betrachten des Bildbandes von Günter Zint nur schlichtweg entgegen, dass vor noch gar nicht allzu langer Zeit offenbar mit anderen Augen fotografiert wurde. Vielleicht unschuldiger, womöglich weniger reizüberflutet, nicht direkt die Fülle der bereits existenten Bilder mitdenkend.

Ich frage mich, wie sich unsere Wahrnehmung und unser ästhetisches Empfinden in den vergangenen Jahren gewandelt hat. Zudem bin ich großer Fan von Ecken und Kanten, Dellen und Schmutz, Merkwürdigkeiten und Melancholien. Sie sollen bitte immerfort ihren Platz haben. In der Kunst wie im Alltagsleben.

Wilde Zeiten, Buch, Bildband, Günter Zint, Fotograf, Schwarz-Weiß, Hamburg, Musik, Szene, Pop, Jugendkultur, Junius VerlagGünter Zint jedenfalls liebte alle Charakteren und Emotionen, die unangepassten besonders. Das ist seinen Fotografien deutlich anzumerken. Er war zudem ein Besessener. „Über zwei Millionen Bilder hat er in den letzten fünfzig Jahren gemacht“, erzählt Tania Kibermanis im Vorwort zum „Wilde Zeiten“-Buch.

Eimer Wasser auf die Polizei

Da war ich einfach im richtigen Moment an der richtigen Stelle“, sagt Günter Zint selbst über sein Engagement im Star-Club. Dieses perfekte Timing sollte ihn durch seine Karriere hindurch begleiten.

Zum Beispiel löste er genau in dem Moment aus, als Polizisten Ende 80er-Jahre ein besetztes Haus an der Bernhard-Nocht-Straße stürmten und jemand ihnen aus einem Fenster einen Eimer Wasser auf die Helme kippte. Die Dynamik dieses rebellischen Schwalls hat die Jahrzehnte im Foto überdauert. Schwarz-weiße Zeitgeschichte.

Hamburgs Musikfotografinnen und Konzertfotografen

Als Musikjournalistin bin ich überaus froh, dass es in Hamburg diverse tolle Fotografen gibt, die das popkulturelle Geschehen der Stadt seit Jahren und Jahrzehnten professionell und passioniert festhalten. Isabell Schiffler mit ihrem Jazzarchiv zum Beispiel. Stefan Malzkorn, der sich zudem gerade mit viel Esprit um die kulturelle Belebung seiner Nachbarschaft in Hamburg-Hamm kümmert. Und Katja Ruge, die sich mit ihrem Projekt „Ladyflash“ unter anderem auf Frauen im Pop spezialisiert hat. Und die auch, worüber ich sehr glücklich bin, die Fotos auf meiner Webseite gemacht hat.

Isabell, Katja und Stefan erstellen sowohl Konzertfotos als auch Porträt- und Pressefotos für Musiker. Sie alle haben ihren ganz eigenen Blick. Und ihre eigenen künstlerischen Vorstellungen, ein Bild aufzubauen. Mich begeistert, wie sie oft aus einfachen Situationen eine stilistisch eigensinnige Welt erschaffen. Katja zum Beispiel erzählte mir mal, wie sie Sängerin Björk einst ganz simpel auf einer Verkehrsinsel positionierte. Entstanden ist ein kokettes Kornfeldfoto. Als hätte Björk einen Ausflug aufs Land gemacht.

Livegefühl und Künstlerpersönlichkeit in ihrer Essenz

Ich beobachte gerne, wie die Fotografen bei Konzerten hoch konzentriert an der Rampe der Bühne stehen. Meist dürfen sie nur während der ersten drei Songs eines Auftritts fotografieren. Und dann gilt es, den Flow der Performance immer und immer wieder zu fixieren. In der Hoffnung, dass dieses eine Bild entsteht, das Livegefühl und Künstlerpersönlichkeit in ihrer Essenz transportiert. Eine Kombination aus Können und Kunst. Und ich als Betrachterin kann im Nachhinein eintauchen in die Szenerie. Ich erlebe das Konzert rückblickend noch einmal anders nach. Im besten Fall eindringlicher, fokussierter.

Seit einiger Zeit folge ich deshalb auf Instagram unter anderem dem Hamburger Fotografen Charles Engelken, der viel in kleineren Clubs wie dem Molotow fotografiert. Gefühlt scheint er entweder mitten im Moshpit des Publikums oder mit auf der Bühne zu stehen. Alles ist unmittelbar. Springend, schwitzend, schreiend. Ganz neu entdeckt habe ich für mich den Fotografen Tim Brüning (danke, Katja, für den Tipp), der sich Künstlern und Szenen cool und ungefiltert nähert.

Wäre es nicht schön, alle diese Hambuger Fotografen mal zu einer Ausstellung zusammenzubringen? Und sie über Vergangenenheit, Gegenwart und Zukunft der Musikfotografie ins Gespräch zu bringen? Denn die wilden Zeiten sind hoffentlich noch lange nicht vorbei.

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Helgen in der Elbphilharmonie – eine warme Welle

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Du hat ein Sendebedürfnis wie ‘n Fernsehturm“, singt die Band Helgen. Und dieser Satz, er ließe sich auch als Zustandsbeschreibung der Hamburger Musikszene lesen. Ob Kontroversrock von Lafote oder Klugpop von Michy Reincke, ob Soundtracksongs von Erobique oder Hintersinniges von Clickclickdecker – in den vergangenen Tagen ist irre viel tolle Musik in dieser Stadt erschienen. Keine Lieder, die alle dem selben Fahrwasser folgen. Verschiedenes. Spannendes. Sehr Gutes.

Um diese Vielfalt ein Stück weit auch in ihren klassisch geprägten Hallen abzubilden, hat die Elbphilharmonie die Reihe „Made in Hamburg“ ins Leben gerufen. Eine Kooperation mit RockCity Hamburg, dem Verein für Künstlerpflege und -beflügelung. Hiesige Musikerinnen und Popkünstler spielen in unregelmäßigen Abständen im Kleinen Saal des Konzerthauses. Darunter Bernd Begemann, Christian Naujoks, Poems For Jamiro und The Other Shi. Electro-Chanteuse, Komponistin und Sprachartistin Sophia Kennedy folgt im Februar 2019.

Helgen, Band, Hamburg, Made in Hamburg, Konzertreihe, Elbphilharmonie, Rockcity, Pop, Rock, Helgen Schulz, Timon Schempp, Niklas Beck, Singer, Guitar, Drums, Keyboard, BaseIch habe vor einigen Wochen ja bereits über die Spannbreite in Hamburg vom kleinen Club bis hin zum großen Saal geschrieben. Über die Unterschiede zwischen Elbphilharmonie und Pooca Bar. Das Konzerthaus ist nun mal keine Kaschemme. Zum Glück. Denn Musik funkelt und schimmert auf jeder Bühne auf ihre besondere Art und Weise. Ort und Publikum prägen den Sound. Und jeder Künstler, jede Band lädt definitiv die Location mit individuellem Charisma und eigenen Klängen auf. Ein schönes Wechselspiel, das nachhallt.

Helgen, von Marokko zurück nach Hamburg

Die drei Hamburger von Helgen sind derzeit Spezialisten darin, an höchst unterschiedlichen Orten aufzutreten. Gerade kehren sie von einer Tour mit dem Goethe Institut zurück. In Marokko haben sie in einer Schulaula vor ausrastenden Teenagern gespielt. Tanzen vom ersten bis zum letzten Song. „Keine Angst, müsst Ihr jetzt nicht“, sagt Sänger und Gitarrist Helge Schulz im Angesicht des sitzenden Publikums im kleinen Saal der Elbphilharmonie.

Die Bühne ist wohl temperiert ausgeleuchtet. Die Ordnerinnen achten darauf, dass niemand mit dem Handy fotografiert. Der Holzboden strahlt eine begagliche Ruhe aus. Die konzentrierte Aura gefällt mir sehr gut an diesem Montagabend. Nach einem Tag mit vielen Terminen. Mit Hin und Her. Mit Reden, Reden, Reden und Regen.

Die Sechziger und Siebziger wehen vorbei ins Heute

Der erste Song trifft mich wie eine warme Welle, die mich wie in Zeitlupe umspült. Ein sanfter Druck aus Surfsound. Die Sechziger und Siebziger wehen vorbei ins Heute. Der Hall, das Offene, Weite klingt grandios nah in diesem Raum, mit dieser Band. Eine Wucht, die mich entspannt.

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Helgen sind (v.l.): Helge Schulz (Gesang, Gitarre), Timon Schepp (Schlagzeug) und Niklas Beck (Bass).

Endlich geht’s mir wieder schlecht“, singt Helge – lässig und akzentuiert zugleich – zu heller Gitarrenmelodie und feiner Percussion von Schlagzeuger Timon Schempp. Ein angenehmes Driften, zu dem Niklas Beck am Bass den Pulsschlag liefert.

Das Trio spielt zahlreiche Songs ihres Debütalbums „Halb oder gar nicht“. Der kleine Hit „Fernsehturm“ klingt so, als lebe der Indiepop nun auf einer tropischen Insel. „Peter & Paul“ gerät zum rock ‘n’ rolligen Feger. Der neue Song „300 Nonnen“ wiederum macht mit seiner versiert galoppierenden Rhythmik und den fein harmonischen Chören Lust auf das kommende Album, das Helgen in den kommenden Monaten schreiben möchte.

Ich bin wirklich angetan von der Dynamik dieses Konzerts. Von den psychedelischen bis funkrockigen Exkursen, die aber nie in plumpes Muckertum ausarten. Und von den reduzierten Stücken wie etwa „Nackt“, die die Band auch als Oden an den Ort intoniert. Mit akustischen Gitarren, mit Kontrabass und Glockenspiel.

Eine gewisse Sunshine-Qualität

Etwas fällt ab von mir. Eine Art inspirierter Flow setzt ein. Denn trotz der mitunter um die Ecke gedachten bis ernsten Themen über zwischenmenschliche Umwege und Ehrlichkeiten besitzt die Musik von Helgen im Kern stets eine gewisse Sunshine-Qualität.

Das Publikum jedenfalls holt die Band mit seinem Jubel mehrfach für Zugaben zurück auf die Bühne. Darunter auch Hamburgs womöglich größter Musikfan. Nennen wir ihn Uwe. Die Clique Musikbegeisterter um ihn herum scheint von Mal zu Mal größer zu werden. Kein Wunder, zelebriert Uwe doch jeden Konzertbesuch vom vorfreudigen Vorabgetränk bis zur Nachlese mit sachverständiger Euphorie.

Wer solche Fans hat, braucht sich um die Szene nicht zu sorgen. „Made in Hamburg“ sehr schön und gut. „Being in Hamburg“ noch viel besser. An einem Abend wie diesem.

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Branchentreff im Mojo Club: What’s up, Hans?

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Die Musikbranche, was ist das eigentlich genau? Klar – alle, die in irgendeiner Form vom und im Popbusiness leben. Aber in erster Linie handelt es sich doch vor allem um: Menschen. Und einige von diesen kommen am Donnerstag im Mojo Club unter der Reeperbahn zum Branchentreff zusammen.

Geladen hat die Interessengemeinschaft Hamburger Musikwirtschaft, kurz IHM, in der sich rund 100 Unternehmen aus der Branche versammeln. Und die unter anderem die Music Business Summer School ausrichtet. „Hans Up!“ heißt die Veranstaltung an diesem Novemberabend. In Analogie zum Hamburger Musikpreis Hans, der 2018 nach neun Jahren pausiert. Die IHM möchte die Auszeichnung überdenken und für 2019 neu ausrichten.

Ein neuer Musikpreis für Hamburg

Alex Schulz, IHM-Vorstand und Chef des Reeperbahn Festivals, erläutert in einer kurzen Ansprache, dass das Netzwerk bis kommenden Sommer ein neues Konzept mit neuem Namen und neuem Programm für den Musikpreis erstellen möchte. Im Hamburger Abendblatt habe ich über die Hintergründe dieses Prozesses geschrieben.

Ich finde es gut, sich Zeit zu nehmen, um bisherige Muster zu reflektieren und nach anderen Wegen zu suchen. Gute Entwicklungen brauchen Gärphasen und Gespräche. Veränderungsprozesse müssen ein paar Schlaufen drehen dürfen, damit nicht zu Beginn das Ziel ohnehin schon fest steht. Und im Wandel sollten sich die Fenster ganz weit öffnen, damit frische Ideen hineinkommen. Wie wichtig eine Mischung aus Elan und Geduld, Fokus und Eigendynamik ist, merke ich verstärkt, seit ich mich vor einigen Monaten selbstständig gemacht habe.

Ist eine klassische Gala noch zeitgemäß?

In Bezug auf einen Musikpreis stellt sich unter anderem die Frage: Wie lässt sich die Wertschätzung für die Popkünstler der Stadt, für ihre Musik und ihre Teams in Zukunft gestalten? Ich bin äußerst gespannt, welche Ansätze sich die IHM überlegen wird.

Setzt eine solche Ehrung auf große Namen, auf Stars und Glamour? Oder beleuchtet die Auszeichnung eher die Vielfalt der hiesigen Szene? Ist eine klassische Gala mit Moderation, Laudatio und Trophäenüberreichung noch zeitgemäß? Oder sollte eine solche Veranstaltung viel mehr die Kommunikation ins Zentrum rücken? So wie beim Branchentreff im Mojo Club.

Herzlicher Respekt

Was mir an der Hamburger Popszene sehr gut gefällt, ist die Verlässlichkeit der Akteure. Das mag – etwa im Vergleich zum flirrenden fluktuierenden Berlin – mitunter provinziell erscheinen. Aber ich mag das familiäre Gefühl, Menschen zu begegnen, die ich zum Teil schon seit Jahren kenne. Mit denen ich gerne arbeite und spreche.

Die Bussi-Bussi-Botox-Quote und die Peinliche-Poser-Frequenz ist bei solch einem Branchentreff verschwindend gering. Und wer gerade nicht so gut miteinander kann, hat genügend Raum, um sich aus dem Weg zu gehen. Die anwesenden Akteure begegnen sich, soweit ich das überblicken kann, in der Regel mit professioneller Freundlichkeit und mit herzlichem Respekt bis hin zu freundschaftlicher Verbundenheit.

Branchentreff, Mojo Club, Hamburg, IHM, Hans, Musikpreis, Hans Up, Reeperbahn, Club, Event, Music, St. Pauli, gettogether, Biggy Pop, Blogger, Pop, JournalistBei manchen reicht es für eine kurze Umarmung, bis sie, er oder ich in andere Unterhaltungen driften. Manche sehe ich am anderen Ende des Saals und verliere sie aus den Augen. Mit anderen rede ich länger. Über anstehende Konzerte und Projekte. Über das vergangene Jahr und die aktuelle Stimmung. Über den Wandel im Journalismus und wie sich Musikevents nachhaltiger ausrichten lassen. Auch über Privates. Der eine ist gerade Vater geworden. Die andere bekommt ein Kind. Bei der nächsten ist die Tochter bereits aufgebrochen, um zu studieren.

Ein Branchentreff braucht Neuzugänge und Durchlässigkeit

Apropos Nachwuchs: So ein Branchentreff wirkt gerne einmal wie ein „closed shop“. Damit eine solche Sache nicht dauerhaft als selbstreferentielles System öde in und um sich kreist, braucht es dringend immer wieder Neuzugänge. Querdenkende Persönlichkeiten, junge Leute, andere Kulturen. Eine Durchlässigkeit.

Zudem vermisse ich an diesem Abend die Hamburger Musiker selbst. Mehr Mix ist gut, denke ich. Denn um die Popartisten und ihre Kunst geht es ja letztlich. Und zum Glück läuft tatsächlich auch Musik beim Branchentreff. Der überaus sympathische Byte-FM-Kollege, DJ und IHM-Mitarbeiter Norman Müller alias Digital Norman legt Electro, Funk, Kraut und Disco auf.

Nach einem solchen Abend schwirrt mir immer ein wenig der Kopf. Und ich überlege am nächsten Morgen, mit wem ich mich alles worüber unterhalten habe. Solch ein Branchentreff brauche ich definitiv nicht jede Woche. Aber ich bin dankbar um die Verbundenheit, die bei solchen Anlässen immer wieder entsteht. Wie gesagt: Es geht schließlich um die Menschen. Und im besten Fall um die gemeinsame Leidenschaft für Musik.

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Rollenwechsel – über Pop schreiben, Musik machen

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Normalerweise schreibe ich über Popmusik. Ich stehe also vor der Bühne, stelle meine Sinne an und versuche, ein Konzert auf möglichst vielen Ebenen wahrzunehmen. Wie ist der Sound? Wie agiert die Band? Wie reagiert das Publikum? Wenn ich jedoch, wie an diesem Wochenende, einen Auftritt mit meinem Gesangsensemble habe, ist das für mich immer auch eine Lektion in Demut. Ein Rollenwechsel. Und eine Übung in vielerlei Hinsicht.

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Die Octavers, fotografiert von Jochen Heuck (v.l.): Alexandra Schirmer, Birgit Reuther, Ulrike Stark, Silvia Hansen-Röhe und Dorthe March.

Unter dem Namen Octavers singen wir – Silvia Hansen-Röhe, Dorthe March, Alexandra Schirmer, Ulrike Stark und ich, Birgit Reuther – seit mehreren Jahren Songs von Country über Folk bis Pop. Dass wir unsere Setlist nicht puristisch an der Country Music Hall of Fame ausrichten, zeigt sich allein daran, dass wir neben Klassikern von Johnny Cash und Dolly Parton auch ein altes Mundartlied und zeitgenössische Songs von Rufus Wainwright, Sufjan Stevens und First Aid Kit im Repertoire haben. Country im allerweitesten Sinne eben.

Unser Sheriff Stefan Waldow, hauptberuflich Musiker, arrangiert die Songs und begleitet uns mit augenzwinkernder Gelassenheit am Klavier. Denn fünf gestandene Cowgirls, besser gesagt Cowladies, bei der wöchentlichen Probe unter einen Westernhut zu bekommen, ist mitunter ein ganz schöner Ritt.

Dieser „Warum mache ich das überhaupt“-Moment

Stefan hat uns über die Jahre auch professionalisiert, was Bühnenpräsenz angeht. Bei unseren ersten Auftritten fühlte ich mich im Rampenlicht eher wie ein verschrecktes Kaninchen, das aus Versehen vor zwei Autoscheinwerfer gelaufen war. Diese anfängliche Überwältigung hat meinen Respekt vor allen, die auf eine Bühne treten, noch einmal wesentlich erhöht.

Mittlerweile mag ich den Ablauf eines Konzerttages zunehmend. Zuhause im Kopf die Lieder durchgehen. Sich zurecht machen. Die Octavers im Club treffen. Aufbauen. Soundcheck. Sich warm singen. Unsere Stimmen finden zueinander. Das Adrenalin baut sich langsam auf. Bis hin zu dem Moment kurz vor dem Gang auf die Bühne – mit diesem aufgeregten „Warum mache ich das überhaupt“-Moment.

Ein frei fliegendes Gefühl

Bei den ersten Stücken spüre ich meinen Herzschlag meist heftig im Brustkorb. Anfangs hat mich das mitunter leicht überrollt. Mittlerweile freue ich mich eher darüber. Ist es doch ein untrügliches Zeichen, am Leben zu sein. Mitten drin. Es pulst und pocht. Und wenn der Auftritt dann eine eigene Dynamik erhält, ist das ein schönes, frei fliegendes Gefühl. Wenn ich mit den anderen Octavers kommunizieren kann. Wenn wir im Flow sind. Wenn „magic moments“ entstehen. Und wenn der Applaus uns zunehmend trägt.

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Octavers-Sheriff Stefan Waldow, fotografiert von Jochen Heuck.

Unser Sheriff Stefan schwört uns Octavers vor jedem Konzert darauf ein, den Auftritt zu genießen. Spaß zu haben. Dem Publikum und sich selbst eine gute Zeit zu bereiten. Diese innere Haltung hat mir – neben diversen Atem- und Lockerungsübungen – sehr geholfen, mich auf der Bühne selbstverständlicher zu bewegen. Ein kleiner Vor-Show-Gin-Tonic tut sein übriges, damit der Kopf nicht alles alleine lenken möchte.

Sich mit Körper und Gesang derart prominent erhöht auf einer Bühne zu zeigen, ist für mich eine sehr gute Übung darin, Herz und Intuition zu vertrauen. Wenn ich meine Stimme durch das Mikro in den Raum schicke, darf ich über den Text nicht mehr nachdenken. Die Worte fließen dann heraus. Wie eine Geschichte, die ich jemandem erzähle. Und mit der ich im besten Fall berühre.

Musikalische Heimat der Octavers im Klub.K

Da wir mit den Octavers nur etwa zwei bis drei Mal im Jahr auftreten und daher nicht so routiniert sind, spielt der Ort eine umso wichtigere Rolle. Sich wohl zu fühlen, überträgt sich unmittelbar auf die Performance. Wir haben das große Glück, dass unsere Gesangsschwester Dorthe gemeinsam mit zwei Kompagnons einen eigenen Club betreibt. Der Klub.K liegt in der Hamburger Innenstadt gegenüber der Speicherstadt und in direkter Nachbarschaft zur Kirche St. Katharinen.

Octavers, Ensemble, music, Country, Folk, Pop, Hamburg, female, quintet, singing, Piano, Bandleader, Stefan Waldow, Klub.K,, Steckelhörn, Piano, Microphones, StageMitbetreiber Markus Riemann ist Kulturmanager, Musiker und Moderator. Und er mischt uns Octavers den Ton. Was ein riesiger Vorteil ist. Denn mittlerweile kennt er die Charaktere, Stärken und Schwächen unserer unterschiedlichen Stimmen schon sehr gut. Co-Chefin Anne Gülck wiederum organisiert mit ihrer Agentur Bridge Gigs individuell zugeschnittene Konzerte an ungewöhnlichen Orten und vermittelt Musiker für Events.

Wenn der Adrenalinpegel sinkt

Ich empfinde es als Privileg, dass wir Octavers mit dem Klub.K sozusagen unseren eigenen Haus- und Hofclub haben. Halb bestuhlt, halb mit Stehfläche passen rund 50 Leute in diesen charmanten Laden. Und für mich besitzen Veranstaltungen dort stets eine außergewöhnlich warme und familiäre Atmosphäre. Nach dem Auftritt sitzen wir meistens noch mit den Gästen zusammen, hören Musik, trinken etwas und unterhalten uns.

Überrascht bin ich jedes Mal aufs Neue, wie extrem erschöpft ich bin, wenn sich das Bühnenadrenalin langsam ausschleicht. Als Journalistin beginnt nach dem Konzert die Arbeit des Schreibens. Als Akteurin auf der Bühne hallt die Musik ebenfalls lange nach. Aber anders. In mir und verbunden mit der Welt.

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