Anton Corbijn trifft Daniel Miller – der Blick auf Musik

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Beziehungen. Vertrauen. Freiheit. Tod. Kunst berührt mich dann am meisten, wenn sie das zutiefst Humane verdichtet, überhöht, zum Schwingen bringt. Wie sehr künstlerisches Schaffen immer wieder von ganz grundsätzlichen menschlichen Zuständen angetrieben wird, kommt bei einem Gespräch, das ich im Bucerius Kunst Forum besuche, äußerst eindringlich zum Ausdruck. Bis Anfang Januar 2019 läuft in dem Museum neben dem Hamburger Rathaus die Ausstellung „The Living And The Dead“ von Anton Corbijn. Und an diesem Mittwochabend trifft der niederländische Fotograf auf Daniel Miller, Gründer der Plattenfirma Mute Records.

Exhibition, Photographie, Anton Corbijn, Bucerius Kunst Forum, Hamburg, Popmusic, Talk, Daniel Miller, Mute Records, Max Dax, Musicjournalist, Sinead O Connor Musikjournalist Max Dax bringt die beiden mit angenehmer Ruhe ins Gespräch. Viele Anekdoten drehen sich um Depeche Mode, deren maßgebliche Alben Mute Records veröffentlichte. Und deren Image Anton Corbijn mit Fotos und Videos prägte. Mich fasziniert und amüsiert, dass Anton Corbijn sowohl Depeche Mode, als auch U2 – Stichwort Beziehungen – anfangs nicht sonderlich mochte. Die Verbindungen und Sympathien seien erst über die Jahre gewachsen, sagt er.

Videodreh mit Depeche Mode, Sound als Motor

Mir gefällt die Vorstellung sehr, dass das Musikgeschäft derart langfristige und zwischenmenschlich durchaus komplexe Kollaborationen ermöglicht. Wo die Branche doch als so schnelllebig verschrien ist. Das motiviert mich, idealistisch zu bleiben.

Daniel Miller betont, dass sowohl Business als auch künstlerisches Arbeiten nicht ohne Vertrauen funktionieren. So habe Depeche Mode zwar einen ausgeprägten Sinn für den eigenen Sound. Band und Label hätten aber die optische Gestaltung zuversichtlich in die Hände von Anton Corbijn gelegt. Der wiederum sagt zu seiner Herangehensweise, dass er sich beim Dreh nicht von den Lyrics, sondern vielmehr von der Musik anregen lasse. Intuitiv entstünden Bildideen, zum Beispiel zu dem Clip zu „Enjoy The Silence“, in dem Dave Gahan als König mit einem Klappstuhl durch einsame Landschaften läuft.

Anton Corbijn, Joy Division und der Tod

Die Arbeiten von Anton Corbijn stehen auf der grob schraffierten, melancholischen, hintersinnigen Seite des Lebens. Und das von Anfang an. Eine frühe, sehr bekannte Fotografie ist die von der Band Joy Division aus dem Jahr 1980.

Exhibition, Photographie, Anton Corbijn, Bucerius Kunst Forum, Hamburg, Popmusic, Talk, Daniel Miller, Mute Records, Max Dax, Musicjournalist, Joy DivisionDie vier Musiker gehen hinab in die Londoner U-Bahn-Station Lanchester, in dessen Nähe Anton Corbijn damals ein Zimmer bezogen hatte. Einzig Sänger Ian Curtis kehrt der Kamera nicht den Rücken zu, sondern dreht sich zum Betrachter um. Der Subwaytunnel entfaltet eine Sogwirkung nach unten.

Anfangs hätten die Leute das Bild nicht sonderlich gemocht, erzählt Anton Corbijn. Erst als Ian Curtis einige Monate später Suizid beging, deuteten viele das Bild als Vorsehung. Das Thema Tod beschäftigt den Fotografen in zahlreichen Studien. In Hamburg ist seine autobiografische Serie „a. somebody“ zu sehen, in der sich Anton Corbijn als Rockstars inszeniert, die nicht mehr am Leben sind. Tatsächlich existieren ja viele Ikonen wie John Lennon und Kurt Cobain mit ihrer ganzen inspirierenden wie zerrissenen Persönlichkeit und ihrer Musik in uns weiter. Eine spannende Auseinandersetzung.

Marianne Faithful vor der Kaffeetasse und die Freiheit der Interpretation

Die große Freiheit seiner Fotografie liege dann wiederum beim Betrachter, erzählt Anton Corbijn. In der Interpretation. In der Assoziation. Im ganz eigenen Zugang. Ein Bild. Ein Stück fixierte Zeit. Und Tausende Geschichten, die dazu entstehen. Tausende Gefühle, die ein Porträt oder eine Szenerie auslöst.

Aufgrund dieser Philosophie ist Anton Corbijn auch nur bedingt motiviert, die Umstände zu erläutern, wie seine Fotos zustande kommen. „Wenn Marianne Faithful im BH rauchend vor einer Kaffeetasse sitzt“, sagt er über eines seiner Bilder, „dann könnte die Fantasie doch sein, gerade eine Nacht mit ihr verbracht zu haben.“ Dass das womöglich eine offiziell angesetzte Session mit fünf anderen Fotografen drum herum gewesen ist, das möchte sich doch nun wirklich niemand vorstellen, sagt er – unter reichlich Gelächter des Publikums. Hat ja niemand behauptet, ein Abend über die grundlegenden Dinge müsse humorfrei sein.

Mehr zum Thema: Hamburger Popkulturfotograie gestern und heute

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Günter Zint – Hamburger Popkulturfotografie gestern und heute

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Wilde Zeiten“ heißt ein Buch mit Hamburg-Bildern des Fotografen Günter Zint, das jetzt im Junius Verlag erschienen ist (49,90 Euro). Und wie ich die gut 250 Seiten durchblättere und zunehmend in diese spannungsgeladene schwarz-weiße Welt der Jahre 1965 bis 1989 eintauche, frage ich mich: Waren die Zeiten damals wirklich wilder, schrulliger, roher? Oder sind wir es einfach zunehmend weniger gewohnt, Situationen und Menschen ohne Pose, ohne Filter, ohne Instagramability zu sehen?

Wilde Zeiten, Buch, Bildband, Günter Zint, Fotograf, Schwarz-Weiß, Hamburg, Musik, Szene, Pop, Jugendkultur, Junius VerlagGünter Zint, Jahrgang 1941, ist der große Chronist der Hamburger Szene. Er fotografierte die Beatles und Jimi Hendrix. Er dokumentiert das Leben von Clubs und Kommunen, in Herbert- und Hafenstraße. Er schaut mit seiner Kamera in die Seele von Musikern, Lebenskünstlerinnen und Aktivisten.

Günter Zint zeigt die Energie, das Zottelige und Unperfekte

Natürlich verstand und versteht sich auch Günter Zint auf die Kunst der Inszenierung. Etwa bei einem Foto der britischen Rockband John’s Children, die er nackt, nur von Blumen umrankt, darstellte. Oder beim Bild von Sängerin Nina Hagen, wie sie mit markant aufgerissenen Augen vor zwei treu schauenden Pferden hockt. Doch oftmals wirken die Arbeiten von Günter Zint unverblümt, ehrlich, in positiver Weise beiläufig.

Ob Party oder Demonstration – die Energie, die Aggression, die Euphorie, das Zottelige und Unperfekte, das Günter Zint zeigt, fasziniert mich sehr. Verschrobene Visagen, schiefe Brüste, schräge Blicke.

Wilde Zeiten, Buch, Bildband, Günter Zint, Fotograf, Schwarz-Weiß, Hamburg, Musik, Szene, Pop, Jugendkultur, Junius VerlagSelbstverständlich gibt es auch aktuell zahlreiche grandiose Fotografen, die nah und ungestellt, dokumentarisch und fotojournalistisch arbeiten. Ich muss vielmehr darüber nachdenken, dass wir alle mit dem Smartphone nun zu Chronisten der Gegenwart werden. Dass wir somit die Chance haben, das Hier und Jetzt ganz pur abzubilden und zu veröffentlichen. Und dass wir uns doch oftmals dazu entscheiden, uns optisch eher von der Realität wegzubewegen. Hin zum Geschönten, Durchdachten, Gestylten.

Dellen und Schmutz, Merkwürdigkeiten und Melancholien

Ich will an dieser Stelle gar nicht dumpf und laut in das „Früher war alles besser“-Horn stoßen. Dafür liebe ich es selbst viel zu sehr, auf dem Smartphone mit Filtern und Fotobearbeitungsprogramm herumzuspielen. Und lustvolles Maskieren und Posieren gehören für mich zur Popkultur ohnehin zwingend dazu.

Mir schlägt beim Betrachten des Bildbandes von Günter Zint nur schlichtweg entgegen, dass vor noch gar nicht allzu langer Zeit offenbar mit anderen Augen fotografiert wurde. Vielleicht unschuldiger, womöglich weniger reizüberflutet, nicht direkt die Fülle der bereits existenten Bilder mitdenkend.

Ich frage mich, wie sich unsere Wahrnehmung und unser ästhetisches Empfinden in den vergangenen Jahren gewandelt hat. Zudem bin ich großer Fan von Ecken und Kanten, Dellen und Schmutz, Merkwürdigkeiten und Melancholien. Sie sollen bitte immerfort ihren Platz haben. In der Kunst wie im Alltagsleben.

Wilde Zeiten, Buch, Bildband, Günter Zint, Fotograf, Schwarz-Weiß, Hamburg, Musik, Szene, Pop, Jugendkultur, Junius VerlagGünter Zint jedenfalls liebte alle Charakteren und Emotionen, die unangepassten besonders. Das ist seinen Fotografien deutlich anzumerken. Er war zudem ein Besessener. „Über zwei Millionen Bilder hat er in den letzten fünfzig Jahren gemacht“, erzählt Tania Kibermanis im Vorwort zum „Wilde Zeiten“-Buch.

Eimer Wasser auf die Polizei

Da war ich einfach im richtigen Moment an der richtigen Stelle“, sagt Günter Zint selbst über sein Engagement im Star-Club. Dieses perfekte Timing sollte ihn durch seine Karriere hindurch begleiten.

Zum Beispiel löste er genau in dem Moment aus, als Polizisten Ende 80er-Jahre ein besetztes Haus an der Bernhard-Nocht-Straße stürmten und jemand ihnen aus einem Fenster einen Eimer Wasser auf die Helme kippte. Die Dynamik dieses rebellischen Schwalls hat die Jahrzehnte im Foto überdauert. Schwarz-weiße Zeitgeschichte.

Hamburgs Musikfotografinnen und Konzertfotografen

Als Musikjournalistin bin ich überaus froh, dass es in Hamburg diverse tolle Fotografen gibt, die das popkulturelle Geschehen der Stadt seit Jahren und Jahrzehnten professionell und passioniert festhalten. Isabell Schiffler mit ihrem Jazzarchiv zum Beispiel. Stefan Malzkorn, der sich zudem gerade mit viel Esprit um die kulturelle Belebung seiner Nachbarschaft in Hamburg-Hamm kümmert. Und Katja Ruge, die sich mit ihrem Projekt „Ladyflash“ unter anderem auf Frauen im Pop spezialisiert hat. Und die auch, worüber ich sehr glücklich bin, die Fotos auf meiner Webseite gemacht hat.

Isabell, Katja und Stefan erstellen sowohl Konzertfotos als auch Porträt- und Pressefotos für Musiker. Sie alle haben ihren ganz eigenen Blick. Und ihre eigenen künstlerischen Vorstellungen, ein Bild aufzubauen. Mich begeistert, wie sie oft aus einfachen Situationen eine stilistisch eigensinnige Welt erschaffen. Katja zum Beispiel erzählte mir mal, wie sie Sängerin Björk einst ganz simpel auf einer Verkehrsinsel positionierte. Entstanden ist ein kokettes Kornfeldfoto. Als hätte Björk einen Ausflug aufs Land gemacht.

Livegefühl und Künstlerpersönlichkeit in ihrer Essenz

Ich beobachte gerne, wie die Fotografen bei Konzerten hoch konzentriert an der Rampe der Bühne stehen. Meist dürfen sie nur während der ersten drei Songs eines Auftritts fotografieren. Und dann gilt es, den Flow der Performance immer und immer wieder zu fixieren. In der Hoffnung, dass dieses eine Bild entsteht, das Livegefühl und Künstlerpersönlichkeit in ihrer Essenz transportiert. Eine Kombination aus Können und Kunst. Und ich als Betrachterin kann im Nachhinein eintauchen in die Szenerie. Ich erlebe das Konzert rückblickend noch einmal anders nach. Im besten Fall eindringlicher, fokussierter.

Seit einiger Zeit folge ich deshalb auf Instagram unter anderem dem Hamburger Fotografen Charles Engelken, der viel in kleineren Clubs wie dem Molotow fotografiert. Gefühlt scheint er entweder mitten im Moshpit des Publikums oder mit auf der Bühne zu stehen. Alles ist unmittelbar. Springend, schwitzend, schreiend. Ganz neu entdeckt habe ich für mich den Fotografen Tim Brüning (danke, Katja, für den Tipp), der sich Künstlern und Szenen cool und ungefiltert nähert.

Wäre es nicht schön, alle diese Hambuger Fotografen mal zu einer Ausstellung zusammenzubringen? Und sie über Vergangenenheit, Gegenwart und Zukunft der Musikfotografie ins Gespräch zu bringen? Denn die wilden Zeiten sind hoffentlich noch lange nicht vorbei.

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Helgen in der Elbphilharmonie – eine warme Welle

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Du hat ein Sendebedürfnis wie ‘n Fernsehturm“, singt die Band Helgen. Und dieser Satz, er ließe sich auch als Zustandsbeschreibung der Hamburger Musikszene lesen. Ob Kontroversrock von Lafote oder Klugpop von Michy Reincke, ob Soundtracksongs von Erobique oder Hintersinniges von Clickclickdecker – in den vergangenen Tagen ist irre viel tolle Musik in dieser Stadt erschienen. Keine Lieder, die alle dem selben Fahrwasser folgen. Verschiedenes. Spannendes. Sehr Gutes.

Um diese Vielfalt ein Stück weit auch in ihren klassisch geprägten Hallen abzubilden, hat die Elbphilharmonie die Reihe „Made in Hamburg“ ins Leben gerufen. Eine Kooperation mit RockCity Hamburg, dem Verein für Künstlerpflege und -beflügelung. Hiesige Musikerinnen und Popkünstler spielen in unregelmäßigen Abständen im Kleinen Saal des Konzerthauses. Darunter Bernd Begemann, Christian Naujoks, Poems For Jamiro und The Other Shi. Electro-Chanteuse, Komponistin und Sprachartistin Sophia Kennedy folgt im Februar 2019.

Helgen, Band, Hamburg, Made in Hamburg, Konzertreihe, Elbphilharmonie, Rockcity, Pop, Rock, Helgen Schulz, Timon Schempp, Niklas Beck, Singer, Guitar, Drums, Keyboard, BaseIch habe vor einigen Wochen ja bereits über die Spannbreite in Hamburg vom kleinen Club bis hin zum großen Saal geschrieben. Über die Unterschiede zwischen Elbphilharmonie und Pooca Bar. Das Konzerthaus ist nun mal keine Kaschemme. Zum Glück. Denn Musik funkelt und schimmert auf jeder Bühne auf ihre besondere Art und Weise. Ort und Publikum prägen den Sound. Und jeder Künstler, jede Band lädt definitiv die Location mit individuellem Charisma und eigenen Klängen auf. Ein schönes Wechselspiel, das nachhallt.

Helgen, von Marokko zurück nach Hamburg

Die drei Hamburger von Helgen sind derzeit Spezialisten darin, an höchst unterschiedlichen Orten aufzutreten. Gerade kehren sie von einer Tour mit dem Goethe Institut zurück. In Marokko haben sie in einer Schulaula vor ausrastenden Teenagern gespielt. Tanzen vom ersten bis zum letzten Song. „Keine Angst, müsst Ihr jetzt nicht“, sagt Sänger und Gitarrist Helge Schulz im Angesicht des sitzenden Publikums im kleinen Saal der Elbphilharmonie.

Die Bühne ist wohl temperiert ausgeleuchtet. Die Ordnerinnen achten darauf, dass niemand mit dem Handy fotografiert. Der Holzboden strahlt eine begagliche Ruhe aus. Die konzentrierte Aura gefällt mir sehr gut an diesem Montagabend. Nach einem Tag mit vielen Terminen. Mit Hin und Her. Mit Reden, Reden, Reden und Regen.

Die Sechziger und Siebziger wehen vorbei ins Heute

Der erste Song trifft mich wie eine warme Welle, die mich wie in Zeitlupe umspült. Ein sanfter Druck aus Surfsound. Die Sechziger und Siebziger wehen vorbei ins Heute. Der Hall, das Offene, Weite klingt grandios nah in diesem Raum, mit dieser Band. Eine Wucht, die mich entspannt.

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Helgen sind (v.l.): Helge Schulz (Gesang, Gitarre), Timon Schepp (Schlagzeug) und Niklas Beck (Bass).

Endlich geht’s mir wieder schlecht“, singt Helge – lässig und akzentuiert zugleich – zu heller Gitarrenmelodie und feiner Percussion von Schlagzeuger Timon Schempp. Ein angenehmes Driften, zu dem Niklas Beck am Bass den Pulsschlag liefert.

Das Trio spielt zahlreiche Songs ihres Debütalbums „Halb oder gar nicht“. Der kleine Hit „Fernsehturm“ klingt so, als lebe der Indiepop nun auf einer tropischen Insel. „Peter & Paul“ gerät zum rock ‘n’ rolligen Feger. Der neue Song „300 Nonnen“ wiederum macht mit seiner versiert galoppierenden Rhythmik und den fein harmonischen Chören Lust auf das kommende Album, das Helgen in den kommenden Monaten schreiben möchte.

Ich bin wirklich angetan von der Dynamik dieses Konzerts. Von den psychedelischen bis funkrockigen Exkursen, die aber nie in plumpes Muckertum ausarten. Und von den reduzierten Stücken wie etwa „Nackt“, die die Band auch als Oden an den Ort intoniert. Mit akustischen Gitarren, mit Kontrabass und Glockenspiel.

Eine gewisse Sunshine-Qualität

Etwas fällt ab von mir. Eine Art inspirierter Flow setzt ein. Denn trotz der mitunter um die Ecke gedachten bis ernsten Themen über zwischenmenschliche Umwege und Ehrlichkeiten besitzt die Musik von Helgen im Kern stets eine gewisse Sunshine-Qualität.

Das Publikum jedenfalls holt die Band mit seinem Jubel mehrfach für Zugaben zurück auf die Bühne. Darunter auch Hamburgs womöglich größter Musikfan. Nennen wir ihn Uwe. Die Clique Musikbegeisterter um ihn herum scheint von Mal zu Mal größer zu werden. Kein Wunder, zelebriert Uwe doch jeden Konzertbesuch vom vorfreudigen Vorabgetränk bis zur Nachlese mit sachverständiger Euphorie.

Wer solche Fans hat, braucht sich um die Szene nicht zu sorgen. „Made in Hamburg“ sehr schön und gut. „Being in Hamburg“ noch viel besser. An einem Abend wie diesem.

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Branchentreff im Mojo Club: What’s up, Hans?

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Die Musikbranche, was ist das eigentlich genau? Klar – alle, die in irgendeiner Form vom und im Popbusiness leben. Aber in erster Linie handelt es sich doch vor allem um: Menschen. Und einige von diesen kommen am Donnerstag im Mojo Club unter der Reeperbahn zum Branchentreff zusammen.

Geladen hat die Interessengemeinschaft Hamburger Musikwirtschaft, kurz IHM, in der sich rund 100 Unternehmen aus der Branche versammeln. Und die unter anderem die Music Business Summer School ausrichtet. „Hans Up!“ heißt die Veranstaltung an diesem Novemberabend. In Analogie zum Hamburger Musikpreis Hans, der 2018 nach neun Jahren pausiert. Die IHM möchte die Auszeichnung überdenken und für 2019 neu ausrichten.

Ein neuer Musikpreis für Hamburg

Alex Schulz, IHM-Vorstand und Chef des Reeperbahn Festivals, erläutert in einer kurzen Ansprache, dass das Netzwerk bis kommenden Sommer ein neues Konzept mit neuem Namen und neuem Programm für den Musikpreis erstellen möchte. Im Hamburger Abendblatt habe ich über die Hintergründe dieses Prozesses geschrieben.

Ich finde es gut, sich Zeit zu nehmen, um bisherige Muster zu reflektieren und nach anderen Wegen zu suchen. Gute Entwicklungen brauchen Gärphasen und Gespräche. Veränderungsprozesse müssen ein paar Schlaufen drehen dürfen, damit nicht zu Beginn das Ziel ohnehin schon fest steht. Und im Wandel sollten sich die Fenster ganz weit öffnen, damit frische Ideen hineinkommen. Wie wichtig eine Mischung aus Elan und Geduld, Fokus und Eigendynamik ist, merke ich verstärkt, seit ich mich vor einigen Monaten selbstständig gemacht habe.

Ist eine klassische Gala noch zeitgemäß?

In Bezug auf einen Musikpreis stellt sich unter anderem die Frage: Wie lässt sich die Wertschätzung für die Popkünstler der Stadt, für ihre Musik und ihre Teams in Zukunft gestalten? Ich bin äußerst gespannt, welche Ansätze sich die IHM überlegen wird.

Setzt eine solche Ehrung auf große Namen, auf Stars und Glamour? Oder beleuchtet die Auszeichnung eher die Vielfalt der hiesigen Szene? Ist eine klassische Gala mit Moderation, Laudatio und Trophäenüberreichung noch zeitgemäß? Oder sollte eine solche Veranstaltung viel mehr die Kommunikation ins Zentrum rücken? So wie beim Branchentreff im Mojo Club.

Herzlicher Respekt

Was mir an der Hamburger Popszene sehr gut gefällt, ist die Verlässlichkeit der Akteure. Das mag – etwa im Vergleich zum flirrenden fluktuierenden Berlin – mitunter provinziell erscheinen. Aber ich mag das familiäre Gefühl, Menschen zu begegnen, die ich zum Teil schon seit Jahren kenne. Mit denen ich gerne arbeite und spreche.

Die Bussi-Bussi-Botox-Quote und die Peinliche-Poser-Frequenz ist bei solch einem Branchentreff verschwindend gering. Und wer gerade nicht so gut miteinander kann, hat genügend Raum, um sich aus dem Weg zu gehen. Die anwesenden Akteure begegnen sich, soweit ich das überblicken kann, in der Regel mit professioneller Freundlichkeit und mit herzlichem Respekt bis hin zu freundschaftlicher Verbundenheit.

Branchentreff, Mojo Club, Hamburg, IHM, Hans, Musikpreis, Hans Up, Reeperbahn, Club, Event, Music, St. Pauli, gettogether, Biggy Pop, Blogger, Pop, JournalistBei manchen reicht es für eine kurze Umarmung, bis sie, er oder ich in andere Unterhaltungen driften. Manche sehe ich am anderen Ende des Saals und verliere sie aus den Augen. Mit anderen rede ich länger. Über anstehende Konzerte und Projekte. Über das vergangene Jahr und die aktuelle Stimmung. Über den Wandel im Journalismus und wie sich Musikevents nachhaltiger ausrichten lassen. Auch über Privates. Der eine ist gerade Vater geworden. Die andere bekommt ein Kind. Bei der nächsten ist die Tochter bereits aufgebrochen, um zu studieren.

Ein Branchentreff braucht Neuzugänge und Durchlässigkeit

Apropos Nachwuchs: So ein Branchentreff wirkt gerne einmal wie ein „closed shop“. Damit eine solche Sache nicht dauerhaft als selbstreferentielles System öde in und um sich kreist, braucht es dringend immer wieder Neuzugänge. Querdenkende Persönlichkeiten, junge Leute, andere Kulturen. Eine Durchlässigkeit.

Zudem vermisse ich an diesem Abend die Hamburger Musiker selbst. Mehr Mix ist gut, denke ich. Denn um die Popartisten und ihre Kunst geht es ja letztlich. Und zum Glück läuft tatsächlich auch Musik beim Branchentreff. Der überaus sympathische Byte-FM-Kollege, DJ und IHM-Mitarbeiter Norman Müller alias Digital Norman legt Electro, Funk, Kraut und Disco auf.

Nach einem solchen Abend schwirrt mir immer ein wenig der Kopf. Und ich überlege am nächsten Morgen, mit wem ich mich alles worüber unterhalten habe. Solch ein Branchentreff brauche ich definitiv nicht jede Woche. Aber ich bin dankbar um die Verbundenheit, die bei solchen Anlässen immer wieder entsteht. Wie gesagt: Es geht schließlich um die Menschen. Und im besten Fall um die gemeinsame Leidenschaft für Musik.

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Rollenwechsel – über Pop schreiben, Musik machen

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Normalerweise schreibe ich über Popmusik. Ich stehe also vor der Bühne, stelle meine Sinne an und versuche, ein Konzert auf möglichst vielen Ebenen wahrzunehmen. Wie ist der Sound? Wie agiert die Band? Wie reagiert das Publikum? Wenn ich jedoch, wie an diesem Wochenende, einen Auftritt mit meinem Gesangsensemble habe, ist das für mich immer auch eine Lektion in Demut. Ein Rollenwechsel. Und eine Übung in vielerlei Hinsicht.

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Die Octavers, fotografiert von Jochen Heuck (v.l.): Alexandra Schirmer, Birgit Reuther, Ulrike Stark, Silvia Hansen-Röhe und Dorthe March.

Unter dem Namen Octavers singen wir – Silvia Hansen-Röhe, Dorthe March, Alexandra Schirmer, Ulrike Stark und ich, Birgit Reuther – seit mehreren Jahren Songs von Country über Folk bis Pop. Dass wir unsere Setlist nicht puristisch an der Country Music Hall of Fame ausrichten, zeigt sich allein daran, dass wir neben Klassikern von Johnny Cash und Dolly Parton auch ein altes Mundartlied und zeitgenössische Songs von Rufus Wainwright, Sufjan Stevens und First Aid Kit im Repertoire haben. Country im allerweitesten Sinne eben.

Unser Sheriff Stefan Waldow, hauptberuflich Musiker, arrangiert die Songs und begleitet uns mit augenzwinkernder Gelassenheit am Klavier. Denn fünf gestandene Cowgirls, besser gesagt Cowladies, bei der wöchentlichen Probe unter einen Westernhut zu bekommen, ist mitunter ein ganz schöner Ritt.

Dieser „Warum mache ich das überhaupt“-Moment

Stefan hat uns über die Jahre auch professionalisiert, was Bühnenpräsenz angeht. Bei unseren ersten Auftritten fühlte ich mich im Rampenlicht eher wie ein verschrecktes Kaninchen, das aus Versehen vor zwei Autoscheinwerfer gelaufen war. Diese anfängliche Überwältigung hat meinen Respekt vor allen, die auf eine Bühne treten, noch einmal wesentlich erhöht.

Mittlerweile mag ich den Ablauf eines Konzerttages zunehmend. Zuhause im Kopf die Lieder durchgehen. Sich zurecht machen. Die Octavers im Club treffen. Aufbauen. Soundcheck. Sich warm singen. Unsere Stimmen finden zueinander. Das Adrenalin baut sich langsam auf. Bis hin zu dem Moment kurz vor dem Gang auf die Bühne – mit diesem aufgeregten „Warum mache ich das überhaupt“-Moment.

Ein frei fliegendes Gefühl

Bei den ersten Stücken spüre ich meinen Herzschlag meist heftig im Brustkorb. Anfangs hat mich das mitunter leicht überrollt. Mittlerweile freue ich mich eher darüber. Ist es doch ein untrügliches Zeichen, am Leben zu sein. Mitten drin. Es pulst und pocht. Und wenn der Auftritt dann eine eigene Dynamik erhält, ist das ein schönes, frei fliegendes Gefühl. Wenn ich mit den anderen Octavers kommunizieren kann. Wenn wir im Flow sind. Wenn „magic moments“ entstehen. Und wenn der Applaus uns zunehmend trägt.

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Octavers-Sheriff Stefan Waldow, fotografiert von Jochen Heuck.

Unser Sheriff Stefan schwört uns Octavers vor jedem Konzert darauf ein, den Auftritt zu genießen. Spaß zu haben. Dem Publikum und sich selbst eine gute Zeit zu bereiten. Diese innere Haltung hat mir – neben diversen Atem- und Lockerungsübungen – sehr geholfen, mich auf der Bühne selbstverständlicher zu bewegen. Ein kleiner Vor-Show-Gin-Tonic tut sein übriges, damit der Kopf nicht alles alleine lenken möchte.

Sich mit Körper und Gesang derart prominent erhöht auf einer Bühne zu zeigen, ist für mich eine sehr gute Übung darin, Herz und Intuition zu vertrauen. Wenn ich meine Stimme durch das Mikro in den Raum schicke, darf ich über den Text nicht mehr nachdenken. Die Worte fließen dann heraus. Wie eine Geschichte, die ich jemandem erzähle. Und mit der ich im besten Fall berühre.

Musikalische Heimat der Octavers im Klub.K

Da wir mit den Octavers nur etwa zwei bis drei Mal im Jahr auftreten und daher nicht so routiniert sind, spielt der Ort eine umso wichtigere Rolle. Sich wohl zu fühlen, überträgt sich unmittelbar auf die Performance. Wir haben das große Glück, dass unsere Gesangsschwester Dorthe gemeinsam mit zwei Kompagnons einen eigenen Club betreibt. Der Klub.K liegt in der Hamburger Innenstadt gegenüber der Speicherstadt und in direkter Nachbarschaft zur Kirche St. Katharinen.

Octavers, Ensemble, music, Country, Folk, Pop, Hamburg, female, quintet, singing, Piano, Bandleader, Stefan Waldow, Klub.K,, Steckelhörn, Piano, Microphones, StageMitbetreiber Markus Riemann ist Kulturmanager, Musiker und Moderator. Und er mischt uns Octavers den Ton. Was ein riesiger Vorteil ist. Denn mittlerweile kennt er die Charaktere, Stärken und Schwächen unserer unterschiedlichen Stimmen schon sehr gut. Co-Chefin Anne Gülck wiederum organisiert mit ihrer Agentur Bridge Gigs individuell zugeschnittene Konzerte an ungewöhnlichen Orten und vermittelt Musiker für Events.

Wenn der Adrenalinpegel sinkt

Ich empfinde es als Privileg, dass wir Octavers mit dem Klub.K sozusagen unseren eigenen Haus- und Hofclub haben. Halb bestuhlt, halb mit Stehfläche passen rund 50 Leute in diesen charmanten Laden. Und für mich besitzen Veranstaltungen dort stets eine außergewöhnlich warme und familiäre Atmosphäre. Nach dem Auftritt sitzen wir meistens noch mit den Gästen zusammen, hören Musik, trinken etwas und unterhalten uns.

Überrascht bin ich jedes Mal aufs Neue, wie extrem erschöpft ich bin, wenn sich das Bühnenadrenalin langsam ausschleicht. Als Journalistin beginnt nach dem Konzert die Arbeit des Schreibens. Als Akteurin auf der Bühne hallt die Musik ebenfalls lange nach. Aber anders. In mir und verbunden mit der Welt.

Weiterhin aktuell auf dem Blog von Biggy Pop:
Hamburg Harbour Festival: Wagnis Newcomer
Musik verschenken? Hannes Wittmer und das Prinzip „Pay What You Want“

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Hamburg Harbour Festival: Wagnis Newcomer

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Gibt es eigentlich etwas Aufregenderes in der Musikszene als Newcomer? Klar, eine renommierte Musikerin oder einen erfahrenen Popkünstler über Jahre zu begleiten und beim virtuosen Spiel zu erleben, kann ein Hochgenuss sein. Und verleiht unserem Dasein zudem eine vertrauensvolle Beständigkeit. Doch auch die Etablierten haben sich irgendwann zaghaft, zäh oder wütend an die Öffentlichkeit begeben. Ein Schritt hinaus. Und dann noch einer. Ein Sich-Öffnen.

Ich finde diesen Moment hochgradig spannend. Wenn die eigenen Lieder, das eigene Wirken, die eigene Person das erste Mal auf ein Publikum treffen. Ein ultimativ intimer Akt, sich mit der Welt zu verbinden. Es bedarf Übung, sich zu zeigen. Und von daher bin ich immer wieder begeistert, wenn andere Musikverrückte Newcomern eine Plattform bieten. So wie Sebastian Madej mit seinem Festival Hamburg Harbour.

Das popkulturelle Leben in der nordfriesischen Provinz

Vor Kurzem startete der Vorverkauf für die dritte Ausgabe von Hamburg Harbour im Knust im Januar 2019. Und aus diesem Anlass erzählte mir Sebastian, wie sich sein Festival überhaupt entwickelt hat. Lange Jahre hat er in Husum gelebt und pendelte als passionierter Musikfan für zahlreiche Konzerte nach Hamburg. Um das popkulturelle Leben in der nordfriesischen Provinz in Schwung zu bringen, engagierte er sich im Speicher Husum.

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Sebastian Madej, Gründer der Festivals Husum und Hamburg Harbour.

Dieses soziokulturelle Zentrum gestaltet sein Programm demokratisch per Abstimmung. Sebastians Idee eines kleinen feinen Festivals fand offenbar Zustimmung. Und so spielen seit 2011 beim Husum Harbour jährlich im Frühjahr Indie- und Folkpopmusiker sowie Singersongwriter im historischen Backsteingebäude direkt am alten Husumer Hafen. 

Sebastian ist ein beherzter Missionar, der anderen Menschen einfach gerne Musik nahe bringen möchte, die er selbst liebt. Und so kombinierte er bei den vergangenen Husum Harbour Festivals stets so genannte „größere Acts“ als Zugpferde mit noch weniger bekannten Bands. Niels Frevert, Thees Uhlmann, Gisbert zu Knyphausen und Alin Coen zogen dann im Laufe der Jahre auch Fans bis aus Hamburg an die Nordsee. Und zugleich konnte das Publikum dann in einer Tour prima Entdeckungen machen. Etwa Singersongwriter Julian Gerhard, das Folkquintett Dangers Of The Sea oder Sängerin Lina Maly.

Hamburg Harbour: von Husum ins Karoviertel

Mittlerweile lebt Sebastian in Hamburg und ist hauptberuflich in der Musikbranche aktiv. Zunächst war er als Finanzchef für die Agentur Neuland Concerts tätig. Aktuell arbeitet er beim Hamburger Konzertveranstalter Funke Media als Leiter Finanzen für die Bereiche Rechnungswesen, Steuern, Controlling und Beteiligungsmanagement. Leidenschaft für Musik und Kenntnis von Zahlen ist eine äußerst gefragte Kombination im Popgeschäft. Und als hätte Sebastian mit Job, Familie, Konzertbesuchen und dem weiter laufenden Husum Harbour nicht genug zu tun, mischt er nun auch in der Hamburger Szene mit.

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Jonas David
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The Lion And The Wolf

Gemeinsam mit dem Knust im Karoviertel kam die Idee auf, einen Ableger seines charmanten Festivals hoch im Norden in Hamburg aufzuziehen. Und so stieg 2016 das erste Hamburg Harbour Festival mit Acts wie den Isbells und Tim Neuhaus & The Cabinets. Für die dritte Ausgabe 2019 konnte Sebastian vier sehr interessante Acts gewinnen.

Jonas David zieht seine Hörerinnen und Hörer mit fragilem Folkpop unmittelbar auf eine Ebene zwischen Melancholie und Zuversicht. Eine Musik, die uns durchlässiger macht für die guten seelenvollen Dinge. Jonas Davids Qualitäten als Arrangeur und Komponist fanden bereits Anklang bei so unterschiedlichen Projekten wie Matthias Schweighöfers Film „Vaterfreuden“ sowie bei der MTV-Unplugged-Session von Revolverheld.

ROE aus Nordirland: traumwandlerische und zugleich trotzige Attitüde

„Das ist einer dieser Künstler, den noch viel viel mehr Menschen kennenlernen sollen“, sagt Sebastian. Gleiches gilt für Tom George alias The Lion And The Wolf. Der Brite bringt die Gemüter ebenfalls sachte, aber dafür umso tiefgreifender zum Schwingen.

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Provinz, fotografiert von Nico Braun.

Als Freundin von prägnanten Bandnamen wie Küken, Karies oder Pranke bin ich besonders gespannt auf das Quartett Provinz aus Ravensburg. Eine jener Bands, die „in den Startlöchern steht“, wie Sebastian sagt. Sänger Vincent erzählt mit aufgerauter Stimme und intensivem Druck zu schwelgerischem Kammerpop vom Fühlen und Verstehen, von Angst und Liebe.

Das Hamburg Harbour 2019 wird komplettiert von ROE. Auf die nordirische Musikerin trifft der Aspekt Newcomer voll und ganz zu: 19 Jahre ist sie alt und wird direkt als größtes Nachwuchstalent ihrer Heimat gehandelt. In ihren Songs und ihrer Stimme steckt eine traumwandlerische und zugleich trotzige Attitüde, die sie in coole wie detailverliebte Electrosounds hüllt. Das gefällt mir sehr gut und ist eine tolle Klangfarbe für das Festival.

Booking aus Passion

Trotz dieses vielversprechenden Line-Ups ist der Vorverkauf nicht rasant Richtung „ausverkauft“ gestartet. Anders als noch im vergangenen Jahr, als er mit Moritz Krämer einen Künstler mit reichlich Fanbase ankündigen konnte, erzählt Sebastian. Auch für 2019 hatte er versucht, einen populäreren Act als Zugpferd zu buchen. Doch eine Vielzahl an Gründen führte zu freundlichen Absagen.

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ROE

Manche Künstlerinnen und Künstler sind durch kommende größere Auftritt in Hamburg an Gebietsklauseln gebunden. Einige warten lieber auf die Releaseshow zu ihrem nächsten Album. Andere stecken gerade mitten im Entstehungsprozess für neues Material.

Hinzu kommt, dass Sebastian seine Veranstaltungen komplett als Hobby und ehrenamtlich betreibt. Im Zuge dessen zahlt er Künstlern zwar Honorar, kann aber nicht so hohe Gagen bieten wie ein großer Konzertveranstalter.

Nachdenken über Newcomer

Dass ein erlesen kuratiertes Newcomer-Programm nicht genügend Publikum ziehen könnte, erläutert Sebastian, das habe ihn nachdenklich gemacht. Und mich auch. Wenn uns immer ständig alles digital entgegenruft „Jetzt! Neu! Sofort! Hype! Schnell!“, schwindet dann die Motivation, sich im realen Leben für ein paar Stunden wirklich auf Unbekanntes einzulassen? Oder gehen die Menschen einfach lieber auf Nummer sicher, wenn sie schon vor die Türe treten und Geld für ein Konzert ausgeben? Ist womöglich das Angebot in Hamburg einfach viel zu groß?

Klar, es gibt vom Publikum gelernte Konzepte wie das Reeperbahn Festival, das auf Newcomer setzt. Doch das zieht natürlich mit einem ganz anderen finanziellen Wums seine Gäste. Interessanter finde ich da, wie sich die neue Reihe von FKP Scorpio entwickeln wird: Im Januar lädt der Hamburger Konzertveranstalter bereits zum dritten Mal zu „Mucke bei die Fische“, um die „jungen Wilden“ auf die Bühne zu holen. Bands auf dem Sprung mit wenig Live-Erfahrung, von denen sich viele beim kurz zuvor stattfindenden Eurosonic Festival im niederländischen Groningen ausprobiert haben.

Weitere Formate für neue Töne: „Mucke bei die Fische präsentiert“

Unter dem Titel „Mucke bei die Fische präsentiert“ bringt FKP Scorpio seit November nun monatlich Newcomer in unterschiedliche Clubs. „Wer neue Töne hören möchte, wer dabei sein will, wenn junge und aufregende Bands ihr Debüt geben oder sehen möchte, wie sich Künstler entwickeln, die vielleicht schon einmal in der Hansestadt zu Gast waren, ist ab jetzt zum monatlichen Date mit guter Musik verabredet“, heißt es in der Presseinfo zu dem neuen Format.

Das Artwork zu Hamburg Harbour 2019 gestaltete Denise Hennings.

Ich bin wirklich angetan davon, Newcomer so eindeutig in den Fokus zu rücken. Und ich wünsche allen – auch mir selbst – die Muße, sich mit Herz und Hirn auf das Abenteuer zu begeben, Unbekanntes ganz nah an sich heranzulassen. Das muss ja nicht immer mit Überwältigungsgeste geschehen. Es kann auch ein neugieriges Beobachten und Erforschen sein, wie es das wunderschöne Artwork zum Hamburg Harbour 2019 von Denise Hennings zeigt. Ein Mädchen schaut von einem Ruderboot aus in einen Teich und betrachtet die darin umher schwimmenden Koikarpfen mit ihren farbigen Flossen.

Wenn Musik weiterhin so inspirierend schillern soll, braucht sie Publikum. Braucht sie uns. Und wir, wir brauchen sie ja sowieso, die Musik.

Newcomer-Termine:

„Mucke bei die Fische präsentiert“: Skegss, Molotow: 8. Dezember 2018
Hamburg Harbour Festival: 12. Januar 2019, Knust
Mucke bei die Fische: 19. Januar 2019, Molotow
Husum Harbour Festival: 6. & 7. April 2019
Reeperbahn Festival: 18. bis 21. September 2019, St. Pauli

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Musik verschenken? Hannes Wittmer und das Prinzip „Pay What You Want“

Hannes Wittmer, Singersongwriter, Folk, musician, Album, Das große Spektakel, Hamburg, Würzburg, Fotocredit Christoph Naumann

Um keinen Preis – warum ich meine Musik verschenke“. Unter dieser Überschrift schreibt der Singersongwriter Hannes Wittmer, bisher bekannt als Spaceman Spiff, auf seinem Blog, warum er sein aktuelles Album kostenlos als Download veröffentlicht. Und auch wenn er wieder in seiner Geburtsstadt Würzburg lebt, verbuche ich Hannes Wittmer als Hamburger Künstler, da er das popmusikalische Leben der Stadt lange Jahre mit geprägt hat.

Ich hatte jüngst in einem Blogpost bereits die Frage aufgeworfen, inwiefern sich von Popmusik (noch) leben lässt. Von daher finde ich die Ausführungen von Hannes Wittmer äußerst spannend. Das Thema ist höchst präsent. Nicht nur Technik und Strukturen ändern sich. Auch ganze Genres sind im Umbruch beziehungsweise altern unterschiedlich gut. Unter dem Titel „Untergang Obercool“ prognostiziert SZ-Autor Jens-Christian Rabe in seiner Nachlese zum Rolling Stone Weekender etwa die Verrentung des Indierock. Eine schöne steile These, die zu weiteren Diskussionen anregen dürfte. Gut so.

„Eine Radikalkur von der Musikwirtschaft“

Um nicht in alten Mustern stecken zu bleiben, ist Hannes Wittmer einen mutigen Schritt gegangen. Sowohl sein neues, nun erschienenes Album „Das große Spektakel“ als auch seine Konzerttickets bietet er nach dem „Pay What You Want“-Prinzip an. Er nennt dieses Vorgehen „eine Radikalkur von der Musikwirtschaft, ihren Mechanismen und Widersprüchen.“ Seine Gründe: Hannes Wittmer möchte nicht, dass große Player wie Amazon, Apple, Google, Eventim und Spotify automatisch an seinen Songs und Live-Auftritten mitverdienen. Dies geschehe jedoch, sobald er seine Musik über gängige Vertriebswege herausbringt.

Hannes Wittmer, Singersongwriter, Folk, musician, Album, Das große Spektakel, Hamburg, Würzburg, Fotocredit Christoph Naumann
Hannes Wittmer, fotografiert von Christoph Naumann.

Auf einer Metaebene macht sich Hannes Wittmer zudem viele Gedanken darüber, was „Leistungsdruck und Konkurrenzdenken mit unserer Gesellschaft anstellt.“ Sein „Zahl was du willst“-Ansatz ist für den Popmusiker der Versuch, jenseits von Jammerei oder Zynismus eine Alternative auszuprobieren.

Interessant finde ich, wie sich seine Wahrnehmung als Künstler mit den ersten Spenden verändert hat. Hannes Wittmer schreibt: „Ich muss nach wie vor Fahrtkosten, Studiomiete, Gagen und die Rechnung im Supermarkt zahlen, aber für mich sind die Geldbeträge, mit denen ich das alles Finanziere, nun irgendwie mehr an Vertrauen als an Erwartungen gekoppelt.“ So etwas wie ein Befreiungsschlag Richtung Empathie also.

Wie sehr schätzt eine Gesellschaft Input und Inspiration?

Es ist bemerkenswert, wie sehr sich Hannes Wittmer in diesem Prozess öffnet. Und sich dadurch auch angreifbar macht. Nicht nur er selbst reflektiere nun sein Handeln kritischer. Seine Leser, Hörer und Fans sowie Experten aus der Branche tun dies ebenfalls. Warum er zum Beispiel trotz Kapitalismuskritik noch bei Facebook sei, wollen einige wissen. Hannes Wittmer führt aus, dass er ein großes Fass aufgemacht habe und ständig neue Fragen hinzu kämen. Zum Beispiel, ob und wie er denn nun Promotion für seine neue Musik machen soll. Kein einfacher Weg also.

Für mich geht es letztlich darum, wie eine Gesellschaft Input und Inspiration wertschätzt. Also immaterielle Dienste, die Menschen zusammenbringen. Kunst ist im Endeffekt eine Art Fürsorge. So wie zum Beispiel auch Pflege oder lehrende Berufe. Warum sind diese wichtigen aufbauenden wie verbindenden Aufgaben alle tendenziell unterbezahlt? Und unterstützt Hannes Wittmer mit dem von ihm vorgeschlagenen Prozedere womöglich die offenbar schwindende Motivation, für Musik zu zahlen? Also demontiert er seine eigene Reichweite, Relevanz und (Über)Lebensgrundlage? Oder lässt sich anhand seiner Vorschläge eine andere Denkweise und somit eine neue Art der Anerkennung etablieren?

Hannes Wittmer und die Kooperation mit dem Mairisch Verlag

Auf einer konkreteren Ebene stellt sich zudem die Frage: Sollte sich Hannes Wittmers’ Modell durchsetzen, was geschieht mit den Berufen, die rund um Veröffentlichung und Verkauf eines Albums bestehen? Mit Plattenfirmenmitarbeitern, Produktmanagern, Plattenladenbesitzern?

Was das Thema Promotion angeht, hat Hannes Wittmer Unterstützung von dem befreundeten musikaffinen Hamburger Verlag Mairisch erhalten. Mairisch-Chef Daniel Beskos sandte dieser Tage eine Mail aus, die auf das Album aufmerksam macht. Der Verleger wertet die Album-Verschenke als „Experiment, das den Fokus auf Haltung und Selbstreflexion größer und zur gleichen Zeit den Abstand zwischen ihm und seinem Publikum kleiner werden lässt.“ Und er fügt hinzu: „Wir sind gespannt, welchen Weg dies noch nimmt und unterstützen eine solche Position neugierig und aus ganzen Kräften.

„Übung im Miteinander auf kleinster Ebene“

Daniel Beskos verkündet zudem, dass es die Platte ab Februar 2019 „für alle Vinyl-Liebhaber“ in einer limitierten Auflage als LP geben wird. Vorzubestellen beim Mairisch Verlag für 20 Euro und nicht im Handel erhältlich. Ist das nun eine Hintertüre, durch die hindurch dann doch noch zu Fixpreisen Geld verdient wird? Oder handelt es sich lediglich um ein Zugeständnis an Haptik-Liebhaber und Sammler? Potenziell Aufgeregten nimmt Hannes Wittmer sofort den Wind aus den Segeln: Er kündigt an, mögliche Gewinne aus der Vinyl-Variante an „Ärzte ohne Grenzen“ zu spenden.

Letztlich passt die Herangehensweise, mit nahe stehenden Menschen zu arbeiten, gut zu dem Fazit, das Hannes Wittmer zieht. Eine „Übung im Miteinander auf kleinster Ebene“ sei seine Aktion. Wie langfristig solch ein Modell trägt und ob es auch für „größere Acts“ funktioniert, ist gewiss weiterhin zu diskutieren. Ich möchte nun aber noch erzählen, wie „Das große Spektakel“ von Hannes Wittmer überhaupt klingt.

„Das große Spektakel“ von Hannes Wittmer

Das Album startet mit „Fragen“. Eine sachte instrumentierte Lektion in Sachen Demut. Eine warmherzige Weisung, wie entbehrlich wir im großen Lauf der Dinge letztlich sind. Und wie befreiend es sein kann, wenn wir den ein oder anderen Grundsatz hinterfragen. Hannes Wittmer singt vom verlorenen Glauben an „die ewige Angst und das endlose Stapeln“. Dieser Gedanke gefällt mir sehr gut: Jene Verhaltensmuster loszuwerden, die uns hemmen.

Hannes Wittmer, Singersongwriter, Folk, musician, Album, Das große Spektakel, Cover, artwork, Hamburg, Würzburg, Mairisch VerlagSpäter, im Song „Schatten“, erklärt er wiederum, wie Ohnmacht, Angst und Einsamkeit eben auch vertraute Gefühle sind, die uns in gewisser Weise Sicherheit bieten. Und die somit schwer aufzugeben sind. Eine spannende Dynamik. Und eine ehrliche Sicht auf sich selbst.

Der Singersongwriter erzählt davon nicht moralingetränkt, sondern ganz ruhig und nah. Neben der eindringlichen wie zuversichtlichen Stimme von Hannes Wittmer prägen seine Musik Akustikgitarre, Schlagzeug, Percussion und – wenn ich richtig höre – ein Mellotron. Ein Instrument, wie es etwa bei „Strawberry Fields“ von den Beatles bereits zum Einsatz kam. Und das fein driftende Akzente setzt. Ein fantastisches Schweben.

Das Vor und Zurück in der Zweisamkeit

Hannes Wittmer ist ein poetisch Prüfender. In Songs wie „Rom“ lässt der Künstler Romantik auf Realität treffen. Und er lädt uns zum Perspektivwechsel ein. Etwa wenn er wilde Aufbruchsstimmung entfacht und direkt im Anschluss den Alltag einbrechen lässt. „Nichts kann uns aufhalten / außer ein Job / oder eine Familie“, singt er in sanftmütiger Lakonie.

Mit noch nicht tausendfach projizierten Bildern lotet Hannes Wittmer den Mikrokosmos Liebe aus. Die geerbten Zweifel. Sich zu zweit aushalten können. Eigensinn versus Paarbeziehung. Bei ihm ist die Begegnung zweier Menschen nichts Festzementiertes. Besonders gut zum Ausdruck bringt er die Unsicherheiten in „Sollbruchstelle“. In dem Song schildert er das Vor und Zurück in der Zweisamkeit. Die kleinen und großen Fluchten, die sich alle stets offen halten. Und er fragt: „Wie soll das halten / wenn wir alles perforieren?“ Dazu in der Musik ein dunkles Brodeln. Streicher und nervöse Rhythmik. Ein Taumeln. Toll.

Wie sehr lassen wir uns reizüberfluten?

Hannes Wittmer schaut sich selbst auf die Finger. Auf verpasste Chancen. Auf ungenutzte Potenziale. Da dann doch das Toastbrot gekauft und die amerikanische Serie geguckt werden will. Wie sehr wollen wir uns optimieren? Wie sehr müssen wir unsere eigenen Zügel locker lassen? Und wie sehr lassen wir uns reizüberfluten?

Derlei Fragen verhandelt Hannes Wittmer in Songs wie „Affen“ und „Satelliten“. Und wie bereits in seinen Ausführungen zum Thema Vermarktung von Musik begibt er sich weniger in eine Opferhaltung, sondern in die Position eines Suchenden.

Um sein Handeln zu beschreiben, zitiert Hannes Wittmer auf seiner Webseite die Autorin Hannah Arendt, was ich als Schlusswort ebenfalls tun möchte: „Gewonnen wird die Humanität nie in der Einsamkeit und nie dadurch, dass einer sein Werk der Öffentlichkeit übergibt. Nur wer sein Leben und seine Person mit in das Wagnis der Öffentlichkeit nimmt, kann sie erreichen.“

Biggy Pop empfiehlt:
„Sowas von egal“ (Sampler, bureau b)
Tusq: „The Great Acceleration” (Oktober Promotion)
Wiebke Colmorgen: „Plattkinner” (Junius)
Poems For Jamiro: „Human” (Schwesterherz)
Neonschwarz: „Clash“ (Audiolith Records)
Patrick Siegfried Zimmer: „Memories I – X“ (PSZ Recordings)

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„Sowas von egal“ – dunkle Raritäten zum Tanzen

„Sowas von egal", Cover, Autobahn, Sampler, bureau b, label, german, wave, pop, 80ties, gothic, ndw, djs, damaged goods, record, music

Ich liebe kulturelle Komplizenschaften. Eine Kooperation, mit der ich so nicht unbedingt gerechnet hätte, ist jene für den Sampler „Sowas von egal“. Bureau B, Sublabel der Hamburger Plattenfirma Tapete Records, hat sich mit den DJs der Partyreihe „Damaged Goods“ zusammengetan. Gemeinsam haben sie die Werkschau „Sowas von egal“ kompiliert. Die Platte versammelt 14 Songs, die laut Untertitel in folgende Kategorie fallen: „German Synth Wave Underground 1980 – 1985“.

Bureau B ist schwerpunktmäßig auf Wiederveröffentlichungen aus dem Krautrockbereich spezialisiert, widmet sich aber auch elektronischer Musik und aktuellen Künstlern. Die Bureau-B-Releases eint meiner Ansicht nach ihre Obskurität im allerbesten Sinne sowie der Wille zum popmusikalischen Wagnis. Auch wenn also die deutschsprachigen Wavesongs auf „Sowas von egal“ nicht gerade nach krautrockigen Improvisationen klingen, passen sie aufgrund ihres avantgardistischen Ansatzes bestens zu Bureau B.

Auf „Sowas von egal“ verdichtet sich das aufkommende Computerzeitalter

Es sind Songs, die ihre Ära widerspiegeln, ohne sich dem Zeitgeist anzubiedern. Stücke, die eine Nische nicht ausleuchten, sondern dunkel schillernd einkleiden. Und deren Hörerinnen und Hörer zum Teil einer verschworenen Gemeinschaft werden dürfen.

Auf „Sowas von egal“ verdichtet sich das aufkommende Computerzeitalter der frühen 80er-Jahre in einem Sound, der auf harte, reduzierte Beats und Melodien aus dem Synthesizer setzt. Die vertonte Elektrifizierung, Mechanisierung und Digitalisierung unserer Existenz. Themen wie die Symbiose von Mensch und Maschine faszinieren und beklemmen zugleich, sie regen einerseits sexuelle Fantasien an und erzählen andererseits von der Einsamkeit vor dem Bildschirm. Intoniert zum Beispiel in „Computermädchen“ von dem Schweizer Duo El Deux. Eine Nummer, die auch mehr als 30 Jahre später hoch aktuell ist.

Die Szene tanzte zum Kalten Krieg

Andere Stücke auf „Sowas von egal“ wiederum sind stärker in ihrer Historie verhaftet. Beispielsweise „Die Russen kommen“ von Berlin Express und „US Invasion“ von Pension Stammheim. Letzteres ist ein nervöses Stück mit Proklamation, das weit entfernt davon ist, reine leichte Partymusik zu sein. Die Szene tanzte zum Kalten Krieg, zum politischen Diskurs, auch zum gezielten Tabubruch.

„Sowas von egal", Cover, Autobahn, Sampler, bureau b, label, german, wave, pop, 80ties, gothic, ndw, djs, damaged goods, record, music Mich fasziniert die stilistische wie inhaltliche Vielfalt auf „Sowas von egal“. So lässt die Formation 08/15 den damaligen Tennishype in einen Song fließen – mit monotonem Beat, realen Spielgeräuschen und einem ganz eigenen lakonischen Humor. In Wiederholung singt eine verzerrte Stimme „1000 gelbe Tennisbälle schlagen sie an ihrer Kelle“. Der Sport wird durch diesen akustischen Kniff zur stupiden Fließbandarbeit und lässt sich somit als Fortsetzung der Leistungsgesellschaft werten.

Das musikalische Erbe glitzert  düster und fein unter der Discokugel

Den DJs von „Damaged Goods“ – Jojo Brandt, Reklovski und Marco Flöß – war es für ihre Reihe wichtig, „eine tanzbare Party abseits von gängigen und überstrapazierten (schwarzen) Elektro-Klischees ins Leben zu rufen“. Dieser so in den Linernotes formulierte Anspruch ist auf „Sowas von egal“ deutlich zu hören.

Ich finde es großartig, dass sich die drei auf die Suche nach Raritäten machen, diese bei „Damaged Goods“ auflegen und somit das klangliche Gestern auf die heutige Tanzfläche bringen. So verstaubt das musikalische Erbe nicht, sondern glitzert weiter düster und fein unter der Discokugel.

Partys zu David Bowie, Nick Cave, The Smiths oder The Cure

Marco und Jojo kenne ich bereits lange aus dem Hamburger Nachtleben. Und die beiden betreiben noch auf weiteren Veranstaltungen klug, charmant und mitreißend popkulturelle Geschichtspflege. Mit Abenden zu David Bowie, Nick Cave, The Smiths oder The Cure appellieren sie an alle Fanherzen. Gleichzeitig bringen die beiden die Nerdseele in uns auf heavy rotation. Denn Marco und Jojo spielen auf diesen Partys immer auch Weggefährten der verehrten Pophelden sowie aktuelle Künstler und Bands, deren Musik zum Werk ihrer Ikonen passt.

Ich erinnere mich gerne an die beiden vergangenen Bowie-Abende 2018 und 2017 jeweils im Januar im Nachtasyl über dem Thalia Theater. Selten habe ich ein derart gemischtes Publikum gesehen. Vom Glamrocker bis zur Steampunkerin, von der Indierockanhängerin bis zum Gothicvertreter. Wie da alle inbrünstig mitsangen und tanzten und sich einfach freudetrunken anstrahlten, hat die Glückseligkeitsakkus schon sehr stark aufgeladen.

Highlight war für mich zudem, dass Marco und Jojo mich mit der mobilen Nebelmaschine durch den Saal laufen ließen. Und alles löste sich aufs Schönste auf um mich herum. Sowas von egal. Sowas von da.

Biggy Pop empfiehlt:
Tusq: „The Great Acceleration” (Oktober Promotion)
Wiebke Colmorgen: „Plattkinner” (Junius)
Poems For Jamiro: „Human” (Schwesterherz)
Neonschwarz: „Clash“ (Audiolith Records)
Patrick Siegfried Zimmer: „Memories I – X“ (PSZ Recordings)

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„The Great Acceleration“ von Tusq – mit dem Monstertruck im Slackerrock

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In den vergangenen Wochen und Monaten sind mir immer wieder Songs begegnet, die konkret auf unsere heutige Zeit reagieren. Die Hamburg-Berliner Band Tusq eröffnet ihr neues drittes Album „The Great Acceleration“ direkt mit einer solchen Nummer. „Set Fire“ erzählt davon, wie sich globale Katastrophen beschleunigen, während wir meinen, diesen Monstertruck noch steuern zu können.

Grenzen hochgezogen zwischen Ländern. Asche, die wir atmen. Recht fatalistisch entwirft der Song die Utopie, doch alles in Brand zu stecken, da ohnehin nichts mehr zu retten sei. Positiver interpretiert lässt sich der wiederholte Aufruf „Set Fire“ aber auch als Appell verstehen, aktiv zu werden und die Initialzündung für eine Veränderung zu entfachen.

Mehrstimmiger Harmoniegesang und hell ineinander tänzelnde Gitarren

Mir gefallen Lieder stets sehr gut, die mehr als eine Türe öffnen beim Hören. Bei Tusq kommt hinzu, dass ihr melodieverliebter Indie-Slackerrock mit roher und zugleich optimistischer Energie aufgeladen ist. Ich muss an eine tolle Band wie Weezer denken. Mehrstimmiger Harmoniegesang und hell ineinander tänzelnde Gitarren lassen sehr viel California Sunshine hinein. Gleichzeitig ist der Sound ungeschliffen genug, um im allerbesten Sinn an meiner Seele zu kratzen. Eine Musik, die mich in einen Flow quer zur Welt bringt.

Den Kern von Tusq bilden Sänger und Keyboarder Uli Breitbach sowie Gitarrist Timo Sauer. Schlagzeuger Matthias Frank und Bassist Michael Schlücker komplettieren die 2009 gegründete Band. Um den detailreichen wie hymnischen Indierock von „The Great Acceleration“ aufzunehmen, hat sich das Quartett mit der Aura einiger Ikonen des Genres umgeben. Produziert hat die Platte Gordon Raphael, der schon mit Helden wie The Strokes gearbeitet hat. Aufgenommen hat Tusq die zehn neuen Songs in den Göteborger Svenska Grammofon Studios von Kalle Gustaffson Jerneholm, einst Bassist bei The Soundtrack of our Lives.

Tusq ist die erste auf dem Label von Oktober Promotion

Besonders spannend finde ich aus Hamburger Sicht, dass „The Great Acceleration“ die erste Veröffentlichung auf dem frisch gegründeten Label der Firma Oktober Promotion ist. Ich kenne Oktober-Chef Oliver Bergmann seit Jahren als freundlichen, kompetenten und gewissenhaften Promoter und Manager in Sachen Pop, Folk, Rock und Indie.

Tusq, Band, Hamburg, Berlin, Indie, Rock, Album, Release, The Great Acceleration, Oktober Promotion Ich habe jüngst in einem Blogpost darüber geschrieben, dass sich viele kleine Unternehmen im Musikbusiness breiter aufstellen, um genug zu verdienen. Eine Labeltätigkeit ins Portfolio zu nehmen, ist jedoch gewiss keine ausschließlich finanzielle Entscheidung, sondern vor allem auch eine leidenschaftliche. Ich bin gespannt, welche Alben Oliver Bergmann und seine Mitstreiter in Zukunft noch herausbringen werden.

Der Mensch in den Zahnrädern der Geschichte

Mit dem Album „The Great Acceleration“, das diesen Freitag erscheint, ist dem Oktober-Label jedenfalls ein toller Auftakt gelungen. Ich kann aufs Schönste schwelgen in 90er-Jahre-Nostalgie, die Tusq fein ins Heute überführt und vor allem mit aktuellen Themen versieht.

Bereits das Cover von „The Great Acceleration“ deutet darauf hin, worum es geht: Der Mensch in den Zahnrädern der Geschichte, im Lauf der Zeit, in der Maschinerie der Gesellschaft. Ein hübscher Verweis auf den Film „Modern Times“ von und mit Charlie Chaplin aus dem Jahr 1936. Und somit auch ein Indiz dafür, wie lange uns bereits das wechselvolle Spiel von Existenz und Zeit beschäftigt.

Bela B und Saskia Lavaux als Gorilla im Liebesalltag

Tusq befasst sich jedoch nicht rein mit Politik, sondern auch mit den Auswirkungen des geschwinden Daseins auf unsere Beziehungen. Grandios zu sehen ist das im Video zu „Gorilla Syrup“, in dem sich zwei Menschenaffen durch ihren Liebesalltag lavieren. Hinter den Masken verbergen sich als netter Dreh zwei Hamburger Persönlichkeiten: Ärzte-Drummer Bela B sowie Saskia Lavaux von der Band Schrottgrenze.

Mir persönlich gefällt „Be Happy Now“ sehr gut. Ist es doch erneut ein Song, der gleich mehrere Ebenen eröffnet. Singt das lyrische Ich da von einem Herzgebrochenen, der seiner Liebe hinterher trauert? Oder handelt das Stück von der Distanz innerhalb einer Beziehung? Von einem Partner, der sich eine Zeit lang zurückziehen will oder muss, weil das Leben nicht so gut spielt wie es sollte?

Vor allem die Stimme von Uli Breibach kommt in „Be Happy Now“ schön schlonzig, warm und das richtige Quentchen unsauber um die Ecke. Sehnsucht zum Tanzen. Melancholie zum Ausrasten. Zerissenheit zum Mitsingen. Eine euphorisierende Erschöpfung. Ein Album, was bei mir bestimmt noch länger laufen wird.

Tusq-Releasekonzert: Fr 2.11., Molotow

Biggy Pop empfiehlt:
Wiebke Colmorgen: „Plattkinner” (Junius)
Poems For Jamiro: „Human” (Schwesterherz)
Neonschwarz: „Clash“ (Audiolith Records)
Patrick Siegfried Zimmer: „Memories I – X“ (PSZ Recordings)

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Catharina Boutari und ihre Session Tapes – ein Abenteuer aufnehmen

Catharina Boutari, Puder, musician, Singer, guitarist, Hamburg, Rekorder Studio, Session Tapes, Gregor Hennig, Tom Gatza, Max Schneider, recording, live, crowd

Ich habe die große Freude, die Musikerin Catharina Boutari in der kommenden Zeit als Texterin zu begleiten. Ich habe Catharina bereits früh in meiner Hamburger Zeit kennengelernt und erlebe sie seitdem als offene und wagemutige Künstlerin. Ob sie nun mit Pussy Empire Recordings ihr eigenes Label führt oder unter dem Namen Puder ganz eigene wie eigensinnige Popmusik macht.

Es passt sehr gut zu ihrer Persönlichkeit, dass Catharina Boutari Anfang 2017 mit den Session Tapes eine Reihe gestartet hat, die den Prozess, das Experiment und somit letztlich das Leben feiert.

Zwei, drei Stunden, in denen der musikalische Fluss festgehalten wird

Auch für die dritte Runde der Session Tapes, die jetzt anstand, gilt ein vorgegebener Zeitrahmen. Vier Tage Songs schreiben im Studio. Vier Tage, um Ideen und Arrangements zuhause sacken zu lassen. Und um weiter an den Lyrics der Lieder zu feilen. Dann drei Tage Proben mit einer wachsenden Anzahl an Musikern. Und schließlich ein Nachmittag für die Aufnahme im Rekorder Studio von Produzent Jan Rubach auf St. Pauli.

Der Termin, auf den alles zuläuft. Zwei, drei Stunden, in denen der musikalische Fluss der vergangenen Tage festgehalten wird. Der Ausschnitt aus einem Abenteuer. Zudem ein Stück fixierte Intimität. Mir kommt dieser Tomte-Song in den Sinn: „Die Schönheit der Chance“.

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Catharina Boutari (Gesang, Gitarre) inmitten ihrer Session im Rekorder Studio auf St. Pauli.

Ich finde es hochgradig inspirierend, wenn da ein Mensch seine Kunst und sein Können so konzentriert herausfordert. Und das zudem noch öffentlich. Denn Catharina Boutari wirkt nicht allein für sich. Sie finanziert ihre Session Tapes zum Teil mittels Crowdfunding. Und als eines der Goodies dürfen einige Geldgeber bei der Aufnahmesession live dabei sein. Eine Einladung in die Herzkammer der Musik. Da, wo es pulst und pocht.

Seit zwölf Tagen existiert Catharina Boutari in diesem Schaffensfilm

Und so versammeln sich am Samstag rund 20 Leute – Gäste und Musiker – im Wohnzimmer des Rekorder Studios bei Schnittchen und Chips, Kaffee und Kaltgetränken. Catharina Boutari empfängt, redet, strahlt. Sie erzählt mir, dass sie am Morgen die Augen aufgeschlagen hat und sofort knallwach war. Das kann ich mir sehr gut vorstellen. Seit zwölf Tagen existiert sie in diesem Schaffensfilm, in dieser kreativen Energie.

Fünf Songs haben sie geschrieben, erzählt Catharina Boutari ihrem kleinen erlesenen Publikum. Die Lieder wollen und sollen raus. Das ist deutlich zu spüren. Und andererseits sind sie eben erst entstanden. Noch roh, fragil, kaum da. Den letzten Text hat Catharina Boutari am Vorabend fertiggestellt, sagt sie. Eine Trapezartistin.

Die Gäste stehen und sitzen neben und zwischen den Künstlern

Es kann losgehen“, ruft Catharina. Und alle Anwesenden verteilen sich in dem kleinen Aufnahmeraum des Studios. Die Gäste stehen und sitzen neben und zwischen den Künstlern. Über Funkkopfhörer können wir den Mix hören, den alle Stimmen und Instrumente ergeben.

Durch diese unmittelbare Nähe entsteht ein organisches Miteinander. Und ich empfinde es als großen Vertrauensbeweis, dass wir mit all unseren Körpern, mit unserem Atem und womöglich eben auch mit unseren eigenen Geräuschen dabei sein dürfen. Catharina wiederum sagt, dass sie das anwesende Publikum als beruhigend wahrnimmt. Ich mag den Gedanken sehr, dass wir eine Art wechselseitiges Kraftfeld bilden.

Songs, die sich nicht in Wohlbefinden suhlen

Die fünf Songs erzählen „Geschichten vom Ende der Welt“, sagt Catharina. Veröffentlicht werden sie Ende Januar 2019. Ich will nicht zu viel verraten über die einzelnen Stücke. Aber ich bin begeistert, wie Catharina Boutari in ihren Liedern ein zartes Brodeln entfacht. Ein dynamisches Spiel aus Dynamik und Rückzug, aus Songwriter-Sound, Blues, Rock, Chanson, Jazz. Ihre Stimme haucht, flüstert, betört, ruft, proklamiert. Ihr Gesang ist der Leitfaden durch diese wunderschönen Songs, die sich nicht in Wohlbefinden suhlen, sondern ihre Energie aus unserer spannungsgeladenen Welt ziehen. Das Unbehagen macht uns ebenso lebendig wie die Hoffnung.

Catharina Boutari, Puder, musician, Singer, guitarist, Hamburg, Rekorder Studio, Session Tapes, Gregor Hennig, Tom Gatza, Max Schneider, recording, live, crowd Alle Musiker arbeiten hoch fokussiert und zugleich mit improvisatorischem Spaß daran, diese besondere poetische Atmosphäre zu erzeugen. Zum Kernteam gehören Tom Gatza und Gregor Hennig, mit denen Catharina Boutari in den vergangenen Tagen gemeinsam an den Songs gearbeitet hat. Tom ist Komponist und spielt passioniert sowie empathisch Piano, Keyboard und Gitarre.

Gregor ist Produzent und bereichert die Session Tapes mit wunderbar geheimnisvoll tönenden Effektgeräten. Zum Beispiel mit der Harpiye, einem extra von dem Bremer Instrumentenbauer Frank Piesek gefertigten Klangerzeuger. Drei in einen Rahmen gespannte Harfenseiten sowie zwischengeschaltete Mechanik und Elektronik sorgen für rhythmisches Knistern und hypnotische Sounds. Eine Zaubermaschine, die jeden Song mit Magie auflädt.

Einen Tag zum Proben, um eine gemeinsame Chemie zu entwickeln

Komplettiert wird die Band von Schlagzeuger Max Schneider, der auch schon mal zum Handfeger greift, um auf Trommeln und Becken einen lässigen Beat zu kreieren. Hanna Jäger setzt mit ihrem Backgroundgesang zudem feine Akzente. Hinzu kommen Doro Offermann und Tim Rodig an Saxofon und Klarinette, die warme sowie frei fliegende Elemente einfügen. Lediglich einen Tag zum Proben hatte die gesamte Formation, um eine gemeinsame Chemie zu entwickeln.

Catharina Boutari, Puder, musician, Singer, guitarist, Hamburg, Rekorder Studio, Session Tapes, Gregor Hennig, Tom Gatza, Max Schneider, recording, live, crowd Zwischen jedem Song pausiert die Band kurz, um sich zu besprechen. „Meine Habibis, müssen wir das noch mal machen oder war das okay?“, fragt Catharina Boutari. Harmonierten alle Melodieläufe der einzelnen Instrumente? Hat sich jemand verspielt? Sind alle Tonspuren bei Produzent Jan Rubach im Regieraum gut angekommen? Bei zwei Songs dürfen wir als Publikum mitsingen und euphorische Ausrufe einbringen. Ich merke: Ich bin mittendrin in dem Prozess, in der positiven Aufregung – und in der Musik. Was für ein Geschenk.

Ich freue mich, noch tiefer in die Lyrik abtauchen zu können

Nach dem ersten Set dürfen sich alle im Wohnzimmer auslockern, ein Bier trinken, schnacken, frische Luft schnappen. Dann geht es zurück ins Studio, um alle fünf Songs noch einmal zu spielen, zu hören, aufzunehmen.

Ich freue mich, noch tiefer in die Lyrik abtauchen zu dürfen, mich noch intensiver auf die einzelnen Nummern einlassen zu können. Und ich bin sehr beeindruckt, wie Catharina Boutari und ihre Band, ihre Schicksalsgemeinschaft auf Zeit, stets aufs Neue diese eindringliche Stimmung abrufen können. Diesen flirrenden Tiefgang.

Bei jeder Wiederholung erschließt sich die Matrix der Musik ein Stück weiter. Ich nehme andere Details wahr. Die Lieder, die vor kurzem noch fremd waren, werden zu Begleitern. Sie hallen nach auf dem Weg nachhause. Der Prozess, er hört nicht auf.

Biggy Pop empfiehlt:
Wiebke Colmorgen: „Plattkinner” (Junius)
Poems For Jamiro: „Human” (Schwesterherz)
Neonschwarz: „Clash“ (Audiolith Records)
Patrick Siegfried Zimmer: „Memories I – X“ (PSZ Recordings)

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