Frau Hedi multiplizieren: Zeigt Eure Party-Erinnerungen und bastelt die Barkasse

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Diesen Donnerstag hätte ich als DJ Biggy Pop meine Saison auf der Hedi begonnen. Frau Hedi, genauer gesagt. Jener Barkasse, auf der sich zu rock ‘n‘ rolligen Klängen über die Elbe schippern lässt. Schwimmender Club. Wogende Kaschemme. Nussschale der Herzen. 

Ich liebe es, zum Fluss herunterzuradeln. Meine Musik im Rucksack. An den Landungsbrücken 10 steige ich die schmale Treppe hinab. Die Hedi liegt leicht schaukelnd an der Innenkante. Die famose Crew wuchtet gerade Bierkisten, Flaschen und Eis an Deck. Ahoi und Hallo, Umarmungen und Handschläge. Ein kleines feines Nachhausekommen, ein Nachdraußengehen nach dem Winter, der zwischen Wänden verbracht wurde. Zwischen den eigenen. Aber auch zwischen denen von Musikclubs, Konzerthallen und Bars. Das gute wilde Leben. Eine Art von Verbinden. 

Hedi ist eine menschenfreundliche, aber auch querdenkende Gastgeberin

Nach einem kleinen Soundcheck hätte dann der Einlass begonnen. Ich mag es sehr, wenn sich das Boot füllt. Den Leute steht diese Erwartung einer guten Zeit ins Gesicht geschrieben. Diese Vorfreude und Offenheit. Ich spiele gerne ein wenig Ankommensmusik, während die Hedi auf die Elbe hinausrollt. Am Dock 10 vorbei. Hin zu den Ecken, Winkeln und Schleusen im Hamburger Hafen. Positive Sounds sollen es sein, zu denen sich ein erstes Getränk bestellen lässt. „Wann strahlst du?“ von Erobique & Jacques Palminger ist zum Beispiel ein guter Song, um auf die spezielle Atmosphäre der Hedi einzustimmen. Denn die Hedi ist eine äußerst menschenfreundliche, aber auch querdenkende Gastgeberin. Ballermann ist ihre Sache nicht. Dafür das Schöne, Schräge, das alle Umarmende. 

DJ, Biggy Pop, Frau Hedi, boat, cruise, Hamburg, Harbour, Club, PartyIch schaue mir immer gerne an, welche Menschen an Bord sind. Was könnte ihr Herz erfreuen. Was bringt sie womöglich zum Tanzen. Spiele ich mehr Soul oder mehr Indierock oder mehr  Hip-Hop oder mehr Pop? Am liebsten ohnehin von allem das Gute. Zu Beginn einer Tour hängen viele erst einmal im Außen. Im großen Oh und Ah. Die Kräne und die Köhlbrandbrücke, die Schiffe und der Sonnenuntergang. Stunde um Stunde und Schnaps um Schnaps richtet sich die Aufmerksamkeit dann langsam nach Innen. 

Der Corona-Konjunktiv

Aus all den sehnsuchtsvollen Seeleuten wird nach und nach bestenfalls eine große schaukelnde Partycrew. Alle tanzen dann Walzer zu Peter Sarstedt oder klopfen sich mitsingend auf die Brust bei Queen. Sie liegen sich in den Armen bei Britney Spears oder schütteln ihr Haar zu Peaches. Die Enge des Raums. Das Auf und Ab. Der Blick auf die Lichter der Stadt. All das ist dann verdichtetes Glück. 

Dieses Jahr ist alles anders. Dieses Jahr ist alles ein großes Eigentlich. Hätte, würde, könnte. Der Corona-Konjunktiv. Doch um den Hedi-Spirit aufrechtzuerhalten, habe ich mir eine Aktion überlegt. Zur Freude aller, die das gemeinsame Feiern auf der Elbe vermissen. Und auch, um mir den ausgefallenen Auflege-Abend ein wenig zu versüßen.

Aktion diesen Donnerstag: die Hedi-Multiplikation

Lasst uns gemeinsam mit Frau Hedi durch das Netz schippern. Postet diesen Donnerstag (9.4.) ab 20 Uhr Eure Hedi-Erinnerungen auf Euren sozialen Plattformen. Auf Facebook, Instagram, von mir aus auch auf Twitter und was ihr sonst noch so nutzt. Eure Fotos und Filme aus den vergangenen Hedi-Jahren werden so am Donnerstag zum kollektiven Party-Törn. Und falls Ihr gerade kein Archivmaterial zur Hand habt: Erzählt einfach eine kleine Hedi-Anekdote.

Frau Hedi, Hedi, Barkasse, Boot, boat, cruise, Party, DJ, Biggy Pop, DIY, Badewanne, Gitarrenmann, Rettungsring, Discokugeln, Party, Club, Szene, Musik, Music, PopOder, tadaa: Bastelt Eure eigene Hedi! Ich habe zum Beispiel eine Tupperschüssel zu Barkasse umgebaut und in meiner Badewanne vom Stapel gelassen. Nutzt Tassen, Töpfe und Krimskrams. Baut die Hedi-Kloschlange mit Plüschtieren nach. Fabriziert ein DJ-Pult aus Keksen. Verkleidet Euch als Hedi-Kapitän. Die Kreativität ist so weit wie ein Fluss. Am besten noch: Lasst — wenn vorhanden — Eure Kinder die Hedi malen oder bauen. Die können das im Zweifelsfall ohnehin viel besser und bunter.

Neumodisch hieße diese Aktion wohl: Challenge. Irgendwie scheint alles eine Challenge zu sein dieser Tage: Fit bleiben, Abstand halten, Karaoke singen, die Nerven bewahren, an die Wand starren. Die Hedi ist aber keine Herausforderung. Die Hedi ist Freiwilligkeit, Freude, Laufenlassen. Deshalb soll das Ganze hier nicht Challenge heißen, sondern: Frau Hedi multiplizieren. Denn Frau Hedi multiplizieren heißt: Freude vervielfältigen. Also: Wenn Ihr ein Stichwort oder einen sogenannten Hashtag verwenden mögt, dann diesen: #frauhedimultiplizieren.

Die Musikszene unterstützen

Das Ganze ist natürlich ein hübscher Versuch. Teilt diesen Beitrag gerne und sagt es allen weiter. Mal sehen, ob jemand mitmacht.  Aber ich freue mich jetzt schon auf jeden einzelnen Beitrag — als Überbrückung, bis wir uns alle in der Realität wiedersehen. Mit Bier in der Hand und Seegang im Herzen.

Diese Aktion hat aber auch einen ernsten Hintergrund: Viele Hamburger Musikclubs, darunter auch Frau Hedi, sowie zahlreiche DJs, Musikerinnen und Musiker, Bands, Technikerinnen, Booker, Veranstalterinnen und andere Akteure aus der Popbranche sind vom Corona-Shutdown in ihrer Existenz bedroht. Lasst uns zeigen, dass dieses freiheitliche Leben in Clubs und Bars, auf Konzerten und Festivals nicht wie selbstverständlich aus unserem Leben verschwunden ist. Und wenn Ihr ein paar Euro auf Eurem Konto übrig haben solltet, dann spendet gerne, zum Beispiel hier: 

Hedi-Soli-Ticket
S.O.S. — Save Our Sounds: Spendenaktion der Clubstiftung
Support your local musician — Spendenaktion RockCity Hamburg

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Hört die Signale: Lob an das Akustische in Zeiten von Corona

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Am Freitag lag ich um 8.45 Uhr noch im Bett und schaltete das Radio an. Europaweit spielten Radiostationen „You’ll Never Walk Alone“ von Gerry & The Pacemakers. Ein Zeichen des Zusammenhalts während der Corona-Krise. Wie die meisten war ich in dieser Woche damit beschäftigt, mich irgendwie an das neue eingeschränkte Leben anzupassen. Ein Schwanken zwischen Angst, Unsicherheit, Genervtsein, Pragmatismus und Optimismus. Als ich dann diesen Song auf Deutschlandfunk Kultur hörte, stieg tatsächlich ein Gefühl der Verbundenheit auf. Allein zuhause, zusammen in der Musik. Und ich musste darüber nachdenken, wie wichtig in Zeiten wie diesen das Akustische ist. 

Miu Friends Stay home screenshotMit #staythefuckhome gehen alle unterschiedlich um. Dennoch lässt sich in diesen aufreibenden wie merkwürdigen Tagen eine Besinnung auf Wesentliches ausmachen. Wer sich in häusliche Isolation begeben hat, freut sich über hörbare Signale, um irgendwann nicht bloß nach dem potenziellen Pfeifen in der eigenen Lunge zu horchen. Sei es nun beim Lauschen von Platten, Playlists oder Podcasts, beim Radiohören oder Telefonieren. 

Akustische Trostpflaster für den Verzicht auf das gute wilde Leben

Musikerinnen und Musikern sowie DJs kommt während des viel zitierten Social Distancing eine besondere Rolle zu. Einerseits sind sie vom Shutdown der Kultur in der analogen Welt besonders hart getroffen. Andererseits sind es genau all die grandiosen Popkünstler, die uns jetzt akustische Nahrung liefern. Sie streamen, singen und senden. Sie können nicht anders. Zum Glück. 

Tonbandgerät Band daheim ScreenshotDas akustische Online-Angebot wächst und wächst. Hörbare Trostpflaster für den Verzicht auf das gute wilde Leben. Aus Hamburg verschickt hinaus in die Welt und hinein in die Häuser. Der Musiker Tom Klose lässt seine „Quarantunes“ aus dem heimischen Studio ertönen und Soulsängerin Miu erschafft mit Freunden mal eben den funky Ohrwurm „Stay home“. Das Team von Michelle Records hält seine legendären Schaufenster-Konzerte auch ohne Publikum am Leben und Tonbandgerät spielt uns zu viert im Splitscreen eine umgedichtete Version ihres Songs „Ich komm jetzt heim“. Das Uebel & Gefährlich präsentiert im „Survivalmode-Livestream“ tolle Electro-DJs und das leere Molotow lädt zur Depri Disko. 

#coronaoke: Lasst uns albern und absurd sein, glamourös und wahrhaftig

Apropos Molotow: Eigentlich wollte ich am heutigen Samstag mit einer Freundin im Krug auf St. Pauli essen gehen und danach den Rock ’n’ Roll-Club der Herzen am Nobistor besuchen. Hoch oben in der Skybar sollte die Karaoke Trash Night mit Nik Neandertal und VJ Wasted steigen. Stattdessen schaue ich mir im Netz nun die Menschen an, die unter dem Hashtag #coronaoke die Songs anderer singen. Befeuert wird dieser akustische (okay, und auch visuelle) Trend von berühmten Charismatikern wie Robbie Williams. Motiviert von hunderten Herzen seiner Fans interpretiert er da in bestem Partymodus etwa „Staying Alive“ von den Bee Gees. 

Singen hilft, und zwar nicht nur bühnen- und kamera-erprobten Popstars. Lieber Klang in jeder Faser statt Panik im Kopf. Da ich derzeit auf die Proben mit meinem geliebten Country-Ensemble Octavers verzichten muss, habe ich zuhause auf dem Laptop einfach ein paar der unzähligen Karaoke-Videos angeschmissen. Singalong alone. Warum nicht. Lasst uns säuseln, schreien und schmettern. Lasst uns albern und absurd sein, traurig und pathetisch, glamourös und wahrhaftig, schön und schräg. Lasst uns einen vielstimmigen Chor bilden in dieser Stadt. Selbstzensur ist verboten. Lasst es raus.

21 Uhr: You’ll never klatsch alone

Zum Einstieg für das heimische Karaoke böte sich zum Beispiel „Islands In The Stream“ an, um sich vor dem soeben gestorbenen Kenny Rogers zu verneigen. Die Country-Ikone hatte den Song zusammen mit Dolly Parton eingesungen. Somit lässt sich das Ganze sogar mit verstellten Stimmen intonieren, falls ihr alleine zuhause seid. 

Und um 21 Uhr stellen wir uns dann kollektiv auf die Balkone und hängen uns aus den Fenstern für das wohl schönste und wichtigste akustische Signal während dieser Pandemie. Das Klatschen für all jene, die den Laden am Laufen halten. Für das gesamte medizinische Personal. Aber auch für die Menschen, die in Supermärkten oder für die Müllabfuhr arbeiten. So einfach ist dieses Geräusch zu erzeugen. Und so stark hallt es durch die Straßen. In meiner Nachbarschaft spielte jemand dazu Trompete. Vielleicht singen wir bald alle zusammen abends „You’ll Never Walk Alone“. Ich wäre dabei.

Die Hamburger Musikszene lässt sich durch Spenden unterstützen:

#coronaclubrettung des Clubkombinats
#musicsupporthh von RockCity

Zum Nachhören:

Nachtclub Überpop auf NDR Info zum Thema Karaoke mit den Gästen Nik Neandertal und Patrick Siegfried Zimmer, moderiert von Andreas Moll und yours Birgit Reuther aka Biggy Pop

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Corona: Wie du die Musikszene jetzt unterstützen kannst

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„Und ich hab mich entschieden / ich werde alles dafür geben / für ein gutes wildes Leben.
(Tilman Rossmy und Dirk von Lowtzow: „Dieses gute wilde Leben“) 

Für uns, die wir Popkultur lieben, gehört es unbedingt dazu: sich glückselig in den Armen liegen, schwitzend tanzen, Blicke und Biere tauschen, Hände schütteln und Wangen aneinanderdrücken, das Offene und Bunte feiern, das Wilde und Verletzliche zelebrieren, zusammen singen und durchdrehen, crowdsurfen und die Musik emporheben, Oberflächen anfassen und uns tief berühren lassen. 

Musik verbindet, erst recht in den Zeiten von Corona

Nun hat sich die Lage bezüglich des Corona-Virus in den vergangenen Tagen hierzulande massiv verändert. „Social distancing“ ist das neue Schlagwort. Und auch bei mir haben sich Einstellung und Verhalten aufgrund der Ansagen von Medizinern und Behörden in dieser Woche gewandelt. Von „normal verhalten und Hände waschen“ hin zu der Frage: Wie kann ich mich und andere schützen? Wo gehe ich hin und wie viele Leute werden dort sein? Was ist vernünftig?

Um die Ansteckungsgefahr mit dem Corona-Virus zu verringern, pausiert auch in Hamburg derzeit an vielen Orten das kulturelle Leben. Es hagelt Absagen von Konzerten, Parties und Tourneen. Gerade für Akteure, Musikerinnen und Künstler ohne die Unterstützung von Staat oder Großunternehmen kann die Situation sehr schnell existenziell bedrohlich werden. Deshalb ist nun Solidarität gefragt. Damit aus „Social distancing“ keine Isolation der Herzen wird. Und damit das gute wilde Leben nicht langfristig verschwindet. Denn Pop, Clubs, Konzerte, Kultur, DJ-Sets, Tanzen, Raven, Feiern bedeuten: Freiheit. Vor allem aber: Musik verbindet. Auch mental. Emotional. Und genau diese Energie brauchen wir in unserer Gesellschaft. Immer wieder und jetzt erst recht. 

Daher hier sechs Vorschläge, wie sich die Musikszene in Zeiten von Corona unterstützen lässt:

1. In Da Clubspende

Du hast die Karten vom Konzert bereits vor Wochen gekauft? Und du hast das Gefühl, dass Du das Geld nicht gerade dringend selbst benötigst? Dann gib das Ticket nicht zurück, sodass das Geld dem Veranstalter als Kompensation erhalten bleibt. Danach kannst du dir das Ticket voller Stolz unters Kopfkissen legen und von der nächsten wilden Clubnacht träumen.

2. Shop around the clock: Merchandise und Tonträger kaufen

Du hockst zuhause im Corona-Einsiedelquartier und denkst: Jetzt ist der ideale Zeitpunkt, die Garderobe via Online-Shopping aufzustocken? Dann gehe nicht über Los und nicht auf die großen Plattformen, sondern begib dich geradewegs zum Online-Shop Deiner Lieblingsband und Deines favorisierten Clubs. Decke dich ein mit Shirts, Mützen und 1 a Hamsterkauf-Beuteln. Kaufe Poster und Prints, um dein Quarantäne-Quartier zu schmücken. Und, da war doch was, genau: Tonträger. Bestelle Platten, CDs und Tapes, um deinen Support  und deine Liebe auszudrücken. 

3. Stream a little dream with me

Dir fällt daheim die Decke auf den Kopf? Dann bietet es sich immer an, eine Runde durch die eigene Bude zu tanzen. Du hast zwar brav Tonträger gekauft (Punkt 2). Aber da Klicks und Hits und Verweilzeiten dieser Tage eben eine eigene Währung sind und (zumindest ein wenig) Geld bedeuten: Gehe auf Streamingplattformen und steuere die Band an, die du unterstützen möchtest. Oder entdecke direkte noch mindestens zwölf neue Darlings. Abonniere YouTube-Kanäle. Verteile noch mehr Facebook- und Instagram-Herzen als sonst. Erstelle Playlisten mit jenen Bands, die Gehör finden sollen. Dann: aufdrehen, abgehen und das Internet seine Zählarbeit machen lassen. 

4. Get the watchparty started

Du bist traurig, deine liebste Musikerin und einen voller Vorfreude erwarteten Popkünstler nicht live sehen zu können? Wie schön wäre es, das Internet neben all den Corona-Nachrichten mit Musik zu füllen. Die Idee: Bands, Sängerinnen und Musiker streamen ihre Konzerte und Sets von zuhause aus oder aus dem Proberaum in die sozialen Medien. Clubs zeigen Konzerte online. Diese Watchparties kombinieren sie dann mit einem Vergütungsmodell, zum Beispiel über die Spendenfunktion bei Facebook. Wenn alle Zuschauerinnen und Zuschauer einen Euro pro gespieltem Song geben würden, wäre schon einiges gewonnen. Und die, die gerade keine Kohle übrighaben, könnten die Show mit positiven Kommentaren befeuern. Denn zusammen ist man weniger allein.
Ob solche Aktionen unter dem Gema-Radar fliegen oder die Verwertungsgesellschaft da mal alle Augen zudrücken könnte, müsste geklärt werden. Was mich zu meinem nächsten Punkt bringt.

5. Information, Baby!

Du möchtest auf dem Laufenden bleiben, wie du der hiesigen Musikszene helfen kannst? Hamburger Pop-Institutionen wie das Clubkombinat, RockCity und die Interessengemeinschaft Hamburger Musikwirtschaft bemühen sich derzeit, auf die Situation der Branche während Corona aufmerksam zu machen. Sie koordinieren und unterstützen, sie liefern  rechtliche Informationen und bemühen sich, eine valide Faktenlage zu schaffen. RockCity ermittelt zum Beispiel gerade in einer Blitzumfrage, in welchem Ausmaß Musikerinnen, Bands, DJs, Veranstalter, Bookerinnen, Clubbetreiber und Festivalorganisatoren von der Corona-Krise betroffen sind. Der Verein erfragt etwa, wieviele Absagen einen Künstler bereits ereilt haben und wie hoch der vermutliche Schaden ausfällt. Diese Fakten sind wichtig, um bei den Regierungen von Bund und Ländern konkrete Summen zur Hilfe einfordern zu können.  

6. Ich glaub’ noch immer an Solidarity City

Du möchtest, dass „die da oben“ auch an die Popszene denken und nicht nur an die Auswirkungen auf den Dax mit X? An verschiedenen Stellen wurden Bund und Länder bereits dazu aufgerufen, in Zeiten von Corona vor allem freiberufliche Musiker, Popkünstlerinnen sowie Akteure aus der Branche zu unterstützen. Und Kulturministerin Monika Grütters hat bereits Hilfe zugesagt. Aber es ist gut und wichtig, mit Nachdruck zu zeigen, dass Kultur keine Nebensache ist, auf die sich langfristig verzichtet lässt. Auf der Seite Openpetition läuft derzeit zum Beispiel ein Aufruf des Sängers David Erler mit folgendem Ziel: „Hilfen für Freiberufler und Künstler während des Corona-Shutdowns“. Also: Suche dir einen Appell, den du für sinnvoll hältst, und zeige Flagge für die (Pop)Kultur.

Und überhaupt: Umarmt euch im Geiste und wascht euch die Hände, lasst eure Herzen weiter wild pochen und feiert die Musik. 

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Deichkind in Hamburg – viral real

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Sich ein Jahr vor einer Veranstaltung ein Ticket zu kaufen, ist merkwürdig und schön. Die Karten vom Konzert ruhen im Regal, werden allmählich überwuchert von Reisebestätigungen und anderen Papieren. Doch die Vorfreude ist immer da. Sie schlummert im Verborgenen.

In einem Jahr kann viel passieren. Es kann zum Beispiel ein neuartiger Virus ausbrechen, der die Erde noch schneller rotieren zu lassen scheint. Die Aufmerksamkeitsökonomie dreht am Rad. Und statt verrückt zu werden darüber, dass Europa gerade seine Humanität an der türkisch-griechischen Grenze verliert, werfen sich die Leute lieber ins Hamsterrad ihrer eigenen Ängste. Sie horten Pasta und Papier. Sie klauen Desinfektion und Atemschutz. Eingebildete Kranke, gefangen in hochtouriger Unlogik: Je schneller sie um sich selbst kreisen, desto mehr können sie das Außen ausblenden. Denn das Fremde lauert überall. Der fremde Virus. Die fremden Menschen. Nur schön abschotten. Hilfe.

Krawall und Remmidemmi statt Panik und Präventionsfantasien

In die lange Vorfreude auf das Konzert von Deichkind diesen Samstag mischte sich daher ganz aktuell ein neuer Wunsch: Wenn die Welt ultimativ irrational und hysterisch zu werden scheint, dann möchte ich doch bitte etwas erleben, das dieses Gefühl ins Positive verkehrt. Das all die ins uns schlummernden Übersprungshandlungen in einem Boom kanalisiert. Krawall und Remmidemmi statt Panik und Präventionsfantasien. Viral real.

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Klar, ein Deichkind-Konzert löst nicht die Probleme der Welt. Es öffnet keine Grenzen und tötet keine Viren. Aber es feiert das Kollektive und die Vielfalt. Es desinfiziert das Herz gegen Idiotie. Deichkind, das ist die gute Sinnlosigkeit gegen die hässliche Sinnlosigkeit. Tanzen, Stampfen und Glitzern gegen Pöbeln, Aufpeitschen und Verriegeln.

Lars Eidinger, out of Kubus

Und um direkt mal mit den Erwartungen zu brechen, beginnt die Deichkind-Show in der Hamburger Barclaycard-Arena nicht mit einem großen Bang. Stattdessen betrachtet das Publikum minutenlang einen Film, in dem Deichkind-Maskottchen Lars Eidinger nackt an einem Seil baumelt. In blaue Farbe getaucht strauchelt sein Körper über eine weiße Leinwand. Ein Mensch malt sich halb willenlos, halb angespannt sein Leben. 

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Das so entstandene Gemälde hängt an der Bühnenrückwand, als sich der Vorhang lüftet. Vorsicht Kunst. Ja ja. Und das ist eine der großen wundersamen Effekte der kommenden zweieinhalb Stunden in dieser Halle, in der sonst Stars wie Helene Fischer und Santiano leicht Verdauliches präsentieren.

Deichkind, band, Hamburg, Arena, Concert, Performance, Electro, Pop, HiphopDa wird mal eben in einen wilden Rave eingebunden, was sonst unter nickenden Blicken im weißen Kubus der Deichtorhallen betrachtet werden könnte. Da ist Performance zu sehen, die sonst auf Kampnagel auf gut informiertes Kulturklientel trifft. Bitte denken Sie groß. Bitte denken Sie quer.

Wie verhalten sich Menschen zueinander?

Bunt besprühte und grell blitzende Tänzerinnen und Tänzer verzahnen und entwirren sich. Sie rollen auf Podesten aufeinander zu oder entfernen sich. Wie verhalten sich Menschen zueinander? Wenn sie „Endlich autonom“ sind. Wenn sie „Dinge“ und „Richtig gutes Zeug“ konsumieren können. Wenn sie sich womöglich nach dem Sinn des Ganzen fragen.

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Bilder blitzen auf aus diesem von „1000 Jahre Bier“ befeuerten Happening. Deichkind-Philipp schiebt mit seinem Riesenrucksack über die Bühne. „Hab Hamsterkäufe gemacht“, sagt er. Doch statt Vorräten gibt das Monster-Prepper-Tool nur weißen Rauch frei. Menschen verausgaben sich auf Trampolinen. Sie strampeln und kommen nicht vom Fleck. Ein Schlauchboot und ein Fass scheinen die effektivsten Fortbewegungsmittel zu sein. Mit ihnen geht es durch die Menge. 

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Deichkind: abstrakt statt nass

Ich erinnere mich an ein Konzert von Deichkind im Jahr 2008 beim Dockville-Festival. Die Band hatte 1000 Halbliter-Dosen verteilt und zur kollektiven Bierdusche mittels Schütteln aufgefordert. „Wo bin ich? Schon am Limit?“ Eine schöne Sauerei, die in der Arena ausbleibt. Jetzt ist alles abstrakter. Weniger nass. Es gibt sogar ein Taschenlampenmeer, wie ich es zuletzt bei Sarah Connor an eben jener Stelle gesehen habe. Die Deichkind-Insignien vermischen sich mit denen der Halle. Dreieckshelme und Budenzauber for the people.

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Nach Dreiviertel der Show setzen bei mir kurz Ermüdungserscheinungen ein. Electro-Beballerung und Zitat-Gewitter haben den Akku leergezogen. Doch zum Finale ist er instant wieder aufgeladen. Ich freue mich über eine alte Bekannte, die Hüpfburg. Vor einigen Jahren beim Konzert von Deichkind in der Fabrik hat das aufblasbare Utensil noch die gesamte Bühne ausgefüllt. In der Arena ist sie nun eine Akteurin von vielen im Deichkind-Spieleparadies. Neben einem Scheißhaufen-Emoji und einer Kanone, die kurz zuvor T-Shirts in die Menge gefeuert hat. Wenn schon Kapitalismus, dann richtig kacke gut, oder was?

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Ganz zum Schluss, als Gruß für die Heimfahrt, steht da auf der Leinwand: „Gute Nacht Kinder!“ Ja, danke, wir schlafen schön. Und vorher waschen wir uns noch die Hände.

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Open Club Day: Safari durch St. Paulis Spielstätten

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Tagsüber auf dem Hamburger Kiez unterwegs zu sein, ist für mich die ehrlichere Variante. Keine Dunkelheit, die das Triste einhüllt. Kein Neonlicht, das das Schäbige ausblendet. Die großen kleinen Glücksversprechen leuchten noch nicht so stark. Die Bürgersteige sind noch nicht so überladen mit Suchenden und Torkelnden, Glotzenden und sich bald Vermählenden. Ein ganz normales besonderes Viertel ist St. Pauli vor den Abendstunden. Ich mag diese Atmosphäre sehr, wenn der Stadtteil noch nicht nächtlich verwandelt ist. Von daher bin ich sofort dabei, als das Clubkombinat Hamburg am frühen Samstagnachmittag zum dritten Open Club Day lädt. Und ich bin offenbar nicht die einzige.

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Gut hundert Menschen warten vor dem Kaiserkeller auf der Großen Freiheit, um an der popkulturellen Tour zum Open Club Day teilzunehmen. Unser Guide Jan-Kristian Nickel vom Clubkombinat, der uns in den kommenden drei Stunden von Club zu Club führen wird, ist offensichtlich erstaunt ob des Zuspruchs. Und ich bin begeistert, wie gemischt die Gruppe für diese Club Safari ist. Junge  Hamburger, Zugezogene, aber auch viele Ältere schieben sich die Treppe in den legendären Club hinab. Ein Mann erzählt mir, dass seine Frau und er um die Ecke gewohnt haben. Ihren Hochzeitsunterricht hätten sie vor 40 Jahren in der gegenüberliegenden St. Joseph Kirche gehabt. Die läutet dann auch direkt mal, als wolle sie auf sich aufmerksam machen. Ich liebe solche Geschichten. Sie zeigen, dass St. Pauli viel mehr ist als ein von Touristen geflutetes Amüsierquartier.

Station 1: Kaiserkeller — von den Beatles bis zu Gothic Rock

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Bookerin Alina Gast (schwarzer Hoodie) und Jan-Kristian Nickel vom Clubkombinat (rechts) begrüßen die Gäste bei der ersten Station des Open Club Day auf St. Pauli

Unten im Kaiserkeller erläutert Bookerin Alina Gast kurz und knackig die bewegte Historie des 1959 eröffneten Clubs. Die sogenannte Beatles-Lounge erinnert daran, wie Gründer Bruno Koschmider die späteren Fab Four in dem Kellerladen spielen ließ. Mittlerweile hat der Kaiserkeller einen starken Fokus auf Partys zwischen Metal, Gothic und Rock. Und donnerstags treten Newcomerbands auf. Dass noch unbekannte Gruppen Auftrittsmöglichkeiten brauchen, ist immer wieder Thema auf dieser Tour zum Open Club Day. Und dass Clubs aufgrund steigender Mieten gleichzeitig bekannte Acts brauchen, die den Club füllen.

Die Philosophie des Open Club Day — europaweite Solidarität

Um auf die diversen Problemlagen aufmerksam zu machen, wurde 2018 europaweit der Open Club Day ins Leben gerufen. Vor allem soll dieser Tag aber die tolle Arbeit der Spielstätten zeigen. Das Herzblut. Das Know-how. Die Inspiration, die von Livemusik ausgeht. Konzerte und Clubkultur sind Teil des europäischen Selbstverständnisses. Deshalb öffnen mehr als 115 Clubs in 15 Ländern Europas ihre Türen für Gäste. Auch für jene, die sich womöglich nicht mehr im Nachtleben tummeln. Oder deren Freunde zu bequem sind, wie mir eine junge Teilnehmerin erzählt. An diesem Tag kann sie bestimmt gute Argumente sammeln, um ihre Leute mal zu einem Club-Bummel auf der Reeperbahn zu bewegen.

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Die Beatles Lounge im Kaiserkeller

Beim Open Club Day geht es darum, Hemmschwellen abzubauen. Die Anbindung an die Nachbarschaft und die Stadt ist ebenso wichtig wie das Empowerment von Clubbetreibern und Veranstalterinnen. „Der Open Club Day verbindet lokale Bühnen in ganz Europa in einer starken solidarischen Bewegung, die ihre Bedeutung als kulturelle, ökonomische und soziale Akteure bekräftigt“, heißt es auf der Seite zum Open Club Day.

Ich selbst habe mit 15, 16 Jahren angefangen, in Clubs zu gehen (die damals noch Discos hießen). Und ich kann gar nicht genug betonen, wie persönlichkeitsfördernd all die Stunden in diesen musikalischen, subkulturellen und freiheitlichen Zusammenhängen waren. Gemeinschaft, Eigensinn, Kunst, Konflikt, Tanz, Utopie. All das lässt sich in Clubs lernen.

Station 2: Lehmitz — auf dem Tresen tanzen

Lehmitz, Bar, Reeperbahn, Open Club Day, Hamburg, St. Pauli, ClubkombinatIn Hamburg existiert zum Glück (noch) eine unglaubliche Vielfalt, um Livemusik zu erleben und in ganz eigene popkulturelle Welten abzutauchen. Zum Beispiel die nächste Station auf unserer Tour. Das traditionsreiche Lehmitz. Eine wilde Kneipe. Und eine der wenigen inhabergeführten Läden auf dem Kiez.

Lehmitz, Bar, Reeperbahn, Open Club Day, Hamburg, St. Pauli, Clubkombinat, JägermeisterSeit 20 Jahren steht Bea Schulz hinterm Tresen, neben den auch schon mal „gepullert“ wird, wie sie unserer Gruppe erzählt. Diese mit allen Wassern und Schnäpsen gewaschene Frau hat bestimmt Anekdoten von St. Pauli bis zum Mond und zurück parat. Die Bühne im Lehmitz sei jedenfalls zu klein, weshalb die Gitarristen gerne mal auf der Bar spielen. Bea jongliert dann die Biere zwischen den Beinen der Musiker. Grandios.

Station 3: Häkken — 1, 2, 3, Soundcheck

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Die Band Smoothica auf der Bühne des Häkken

Die Tour zum Open Club Day zieht weiter ins Häkken im 2015 eröffneten Klubhaus St. Pauli. Kontrastprogramm. Klare Betonästhetik. Viel Licht. Und ein Balkon, der den Blick freigibt auf den Spielbudenplatz. Alex Schmitz, Chef für den reibungslosen Ablauf im Club an diesem Tag, erläutert das Geschehen auf der kleinen Bühne. Die junge Hamburger Band Smoothica, die einen feinen Mix aus Soul und Pop produziert, ist gerade beim Soundcheck.

Station 4: Bahnhof St. Pauli — Gema-Gebühren und Discokugelglanz

Bahnhof Pauli, Club, St. Pauli, Open Club DayZwei Etagen tiefer wiederum begegnen wir dem wie immer charmant schlecht gelaunten Alban Qoku, der im Bahnhof Pauli gerade auf die Band Twin Temple aus Los Angeles wartet.

Alban Qoku, Bahnhof Pauli, Club, St. Pauli, Metal, Rock, Mixer, CablesSatanischer Doo-Wop steht am Abend auf dem Programm. Klingt spannend. Bevor die Musik ertönt, schmiert Alban aber erst einmal ein paar Brötchen für die Crew. Eigentlich ist er Booker. Aber im Club-Betrieb hat letztlich niemand nur eine Aufgabe. Alban erläutert sehr realistisch, womit Spielstätten von Gema-Gebühren bis zu Ticketpreisentwicklungen zu kämpfen haben. Und auf Wunsch wirft er dann noch die große Discokugel an in diesem coolen Laden, der wie ein U-Bahn-Schacht gestaltet ist.

Station 5: Molotow — mit dem Fotoapparat durch den Karate-Keller

Aus der Dunkelheit geht es wieder hoch auf den Kiez und zur letzten Station des Open Club Day. Ins Molotow, über das ich bereits mehrfach hier auf dem Blog geschrieben habe, unter anderem über das Festival Burger Invasion. Fenja Möller, zuständig für Booking, PR und Produktion, erläutert die wechselvolle Raumsituation des 1990 eröffneten Molotow. Von den baufälligen Esso-Häusern am anderen Ende der Reeperbahn zog der Club über eine Interimslocation in das heutige dreigeschossige Domizil am Nobistor. Langfristige Zukunft: ungewiss.

An diesem Nachmittag ist es aber erst einmal amüsant und schön zu beobachten, wie die Damen und Herren mit ihren Fotoapparaten zum Beispiel den wunderbar räudigen Karate-Keller erkunden. Eine Mini-Bühne unter dem Hauptsaal des Molotow, die äußerst wichtig ist gerade für Newcomerbands.

 

Abschluss des Open Club Day: Polittalk zur Clubkultur

Open Club Day, Hamburg, St. Pauli, Clubkombinat, Molotow, MusicclubWie bedeutend solche Freiräume für die Musikstadt Hamburg sind, darum geht es in dem Polittalk am frühen Abend. Auf der Bühne des Molotow diskutieren unter dem Motto „Quo Vadis, Clubkultur 2020?“: Hansjörg Schmidt (SPD), René Gögge (Grüne), Ria Schröder (FDP), Dietrich Wersich (CDU) und Norbert Hackbusch (Die Linke) mit Thore Debor, Geschäftsführer des Clubkombinat Hamburg. Zudem sitzen auch Abgesandte einiger Spielstätten wie Nochtspeicher, Gängeviertel und Stubnitz im Publikum.

Als Interessenvertretung der Spielstätten- und Veranstaltungsszene hat das Clubkombinat sogenannte Wahlprüfsteine erarbeitet. Anhand dieser Eckpunkte prüft der Verein, was die einzelnen Parteien in Sachen Clubkultur in Hinblick auf die Hamburger Bürgerschaftswahl am 23. Februar 2020 planen. Die Themen der Diskussion gestalten sich umfangreich: Einrichtung eines Schallschutzfonds, Open-Air-Flächen im Hafenbereich, Bezüge aus der Tourismustaxe, Kulturschutzgebiete für Clubs, Bekämpfung von Mietwucher und die generelle Philosophie der Musikstadt Hamburg.

Leuchtturmprojekte versus Basisförderung?

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Thore Debor, Geschäftsführer des Clubkombinat Hamburg, im Gespräch mit René Gögge (Grüne), Ria Schröder (FDP), Dietrich Wersich (CDU), Hansjörg Schmidt (SPD) und Norbert Hackbusch (Die Linke) auf der Bühne des Molotow (v.l.)

Diskussionsleiter Thore legt den Fokus insgesamt stark auf den finanziellen Aspekt. Mit dem Live Concert Account hat das Clubkombinat gemeinsam mit der Kulturbehörde ein Instrument geschaffen, mit dem Clubs unkompliziert ihre Gema-Gebühren erstattet bekommen. Momentan sind 240.000 Euro von der Kulturbehörde im Topf. Zudem 35.700 Euro aus der Clubstiftung, die Gelder mit Hilfe eines eigenen Ticketing-Modells generiert. 2019 wurden so 59 Clubs mit 6022 Veranstaltungen und 726.000 Gästen gefördert.

Ich führe diese Zahlen deshalb so detailliert auf, da sie zeigen: Clubkultur ist kein Peanutsgeschäft. Und Livemusik verbindet. Hansjörg Schmidt von der SPD erklärt, dass nach wie vor ein gigantisches Missverhältnis bestehe zu der Unterstützung anderer Kulturbereiche. Die Privattheater etwa erhielten Millionen. Das Clubkombinat fordert daher eine Erhöhung des Live Concert Accounts auf 800.000 Euro. Ein konkretes Bekenntnis zu dieser Summe bleibt jedoch, gerade von den regierenden Parteien, aus.

Nobert Hackbusch von Die Linke setzt die Basisförderung, wie sie der Live Concert Account bietet, in Kontrast zu der „Wunderschatulle“, mit der der SPD-Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs (und sein CDU-Kollegen Rüdiger Kruse) Kulturgelder nach Hamburg bringen. Allein das Reeperbahn Festival erhält künftig 20 Millionen Euro zusätzliche Bundesmittel, wurde im November 2019 verkündet.

Mit der Kita in den Club?

Die Frage ist, wie sinnvoll popkulturelle Grabenkämpfe sind im Stile von: Wir wollen einen Teil von Eurem Kuchen. Schließlich lenkt ein Event wie das Reeperbahn Festival den Blick auch positiv auf die Clubkultur. Aber Hamburg müsse sich schon fragen, meint Thore, wie es um das Verhältnis von Basisförderung und Leuchtturmprojekten bestellt ist.

Ein Bewusstsein für Clubkultur und Livemusik zu schaffen, beginnt — so eine Stimme aus dem Publikum — bereits im Kindesalter. Wieso soll jedes Kind einmal die Elbphilharmonie besichtigen, aber nicht einen Musikclub auf St. Pauli? So ließe sich ein „Kulturbegriff für alle“ langfristig gewiss besser gestalten. Es bleibt viel zu tun.

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„Biggy Pop — Take Five“: Popmomente der Zehnerjahre

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Tschüs Zehnerjahre. Ahoi 20er. Ob sie nun wild, ruhig oder komplex werden mögen. In meiner Reihe „Biggy Pop — Take Five“ geht es heute um prägende persönliche Popmomente des vergangenen Jahrzehnts. Letztlich gibt es Hunderte und Tausende solcher Situationen, die musikalisch aufgeladen sind. Die bewegend, lehrreich und herzerweiternd waren. Aber womöglich bleiben jene Erlebnisse am ehesten in Erinnerung, die überdeutlich zeigen: Musik verbindet. 

Flight Of The Conchords in Kopenhagen: Die Reise zum Nerd

2010 war für mich das Jahr des Nerds. Ich überlegte, mit „Nerdship“ eine Singlebörse für merkwürdige Menschen zu eröffnen. Ich schrieb fürs Hamburger Abendblatt eine Geschichte über die Kultur des Kauzigen mit der Überschrift: „Im Informationszeitalter sind wir die Alpha-Männchen“. Ich kaufte trotz guter Augen eine Brille mit schwarzem Gestell, um meinen inneren Nerd zu kanalisieren. Und noch lieber als „The Big Bang Theory“ schaute ich „Flight Of The Conchords“. Jene Serie über zwei Neuseeländer in New York, die sich als Singer-Songwriter durchschlagen, aber so arm sind, dass sie sich eine Kaffeetasse teilen müssen. Ihre grandiosen Parodien auf Popsongs und Musikstile könnten einen natürlich zu der These verleiten: Es gibt nichts Neues mehr. Es bleibt nur noch, sich über Altes lustig zu machen. Aber da ich ja Kulturoptimistin bin, waren Flight Of The Conchords für mich einfach ein schön-schrulliger Auftakt der Zehnerjahre. Eine Aufforderung, quer auf die Dinge zu blicken.

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Beim Auflegen mit dem Radiokollektiv Das Draht in der Hasenschaukel auf St. Pauli 2010. Die Bar schloss 2016

Um dieses Lebensgefühl zu feiern, fuhren wir zu viert nach Kopenhagen, um unsere Underdog-Helden Flight Of The Conchords live zu erleben. In meinem Fotoalbum nannte ich die Reise den All-Girl-Nerd-Weekender. Unser Auto fing kurz vor Lübeck an, Geräusche zu machen. Ein Zwischenstopp bei einer Werkstatt am Wegesrand ergab, dass wir mit einem Mietwagen weiterfahren mussten. In Kopenhagen stellte sich heraus, dass es einen Buchungsfehler gab, weshalb wir ersatzweise in einem unglaublich versifften Bed And Breakfast einquartiert wurden. Die Stadt war teuer und ausgebucht. Also blieben wir. Am Kühlschrank hingen Fotos unserer Vermieterin Ulla aus besseren Tagen. Und wir überlegten, was wohl in der Zwischenzeit passiert sein mag. Warum irgendwann die Kraft fehlte, sich und die Wohnung zu sortieren. Wir stromerten durch die pittoreske Stadt. Unbeschwerte Tage voller neu wachsender Witze. Von dem Konzert im Falconer Salen weiß ich nur noch, dass wir relativ weit weg von der Bühne saßen. Dass es lustig, aber nicht weltbewegend war. Die guten Momente hatten wir bereits vorher geschaffen. 

Pulp und Sufjan Stevens beim Primavera Festival: Nostalgie und Neues

Im Jahr 2011 reisten wir zum Primavera nach Barcelona. Anlass war, dass die von uns verehrten Pulp ihr erstes Reunion-Konzert für das Festival angekündigt hatten. Wir waren also so alt geworden, dass wir Bands aus unserer Vergangenheit neu aufleben lassen wollten. Dass wir ein Gefühl von Aufbruch suchten, dass uns in den 1990er-Jahren prägte. „Let’s all meet up in the year 2000“, sang Jarvis Cocker damals. Wie weit das schon wieder weg schien. Und so standen wir um halb zwei nachts in der spanischen Sommernacht auf dem Asphaltboden des Open-Air-Geländes inmitten von Fans, die aus Manchester angereist waren. Und wir schrieen die Verse mit, als müssten wir ihre Gültigkeit lautstark in den dunklen Himmel meißeln. „Wanna live with common people like you.“ War das nun das Ende der Ironie und der Anfang der absoluten Retromania? Oder ein Abschied, der Platz machte für etwas Neues? Für Sufjan Stevens zum Beispiel, der ebenfalls auf dem Festival spielte.

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Fly me to the moon: Sufjan Stevens beim Primavera Festival 2011.

Keinen Künstler habe im Laufe der Zehnerjahre mehr angehört, schätze ich. Damals war ich noch kein Hardcore-Fan, aber wir stellten uns für sein Indoor-Konzert in einer Art Messehalle an. Und als er mit seinem Konzert begann, verschob sich etwas in mir. Einer dieser Popmomente, der abgespeichert bleibt, weil sich etwas öffnete. Verwirrend und beglückend und überwältigend. Die Band startete. Und ich fing an zu weinen. Heulen ist wohl das bessere Wort. Ich konnte ebenso wenig aufhören wie der Typ in der Reihe hinter mir. Eine spezielle Energie lag im Raum. Sufjan Stevens trug Engelsflügel. Und bunte Luftballons stiegen mit den Harmonien und der Melancholie und der Hoffnung empor. Ich bin immer wieder zutiefst dankbar, wenn sich solche magischen Popmomente ereignen. Nicht planbar. Und wunderschön.

Nils Koppruch: Abschiede und Weiterwirken

Die Zehnerjahre waren die Dekade, in der der Tod Einzug hielt. Privat und popkulturell. Die einfache Erkenntnis bleibt: Trauer ist letztlich der Auftrag, noch intensiver und bedachter zu leben. Noch freudvoller. Noch verzeihender. Noch leichter. Genannt sei an dieser Stelle Nils Koppruch. Gestorben am 10. Oktober 2012. Ich hatte noch nie einen Nachruf geschrieben über jemanden, den ich persönlich kannte. An diesem Tag bei der Zeitung zog ich mich in ein Einzelbüro zurück und hörte seine Lieder. Ich erinnerte mich an ein Kaffeetrinken an der Wohlwillstraße auf St. Pauli. Eine Stunde Wahrhaftigkeit, nach der andere ihr Leben lang suchen. Offener Blick unter Stirnfransen. Dieses Tiefe und Verschmitzte.

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Vernissage in der Galerie Oberfett mit Bildern von Nils Koppruch 2017

Immer wieder kommen Menschen zusammen, um sich von den Bildern inspirieren zu lassen, die Nils Koppruch geschaffen hat. Musikalisch und als Maler. Da war zum Beispiel dieser Abend in der Galerie Oberfett in Altona im September 2017, wo die Werke von Nils Koppruch zu einer einmaligen Ausstellung zusammengetragen wurden. Aus Wohn- und Kinderzimmern, Küchen, Büros und Cafés brachten Freunde und Fans seine Kunst herbei. Hirsche, Vögel und Wale. Badende und Angler. Nackte und Trinkende. Aus der Zeit und ins Leben gefallen. Und immer wieder singen Menschen seine Lieder. So zum Beispiel die Band Staring Girl bei einem Konzert im Knust Anfang 2019. Das Gute bleibt. Und verbindet. Nils Koppruch wusste das, als er sang: „Und erzähl mir die Stille, / mach, dass ich weiß, du bist immer noch da, / auch wenn du schweigst.“ 

Tonbandgerät in New York: Wegbegleitung durch die Zehnerjahre

Die gesamten Zehnerjahre durfte ich das Hamburger Quartett Tonbandgerät auf ganz unterschiedlichen Ebenen begleiten. Die nahbare Poesie von Texterin Sophia Poppensieker und der unmittelbare Gesang von Ole Specht hatten bei mir bereits 2008 mit dem Song „Ozean“ einen feinen Nerv getroffen. Isa Poppensieker am Bass und Jakob Sudau am Schlagzeug komplettieren diese ultimativ sympathische Band. Irgendwie strahlten die vier für mich schon immer eine verspielte Reife aus. Offen, neugierig und zugleich reflektiert. Und ich freue mich riesig, wie Tonbandgerät nach und nach gewachsen ist mit ihrem federleichten tiefgängigen Pop. Und wie gut sie nach wie vor miteinander wirken. Mit „Zwischen all dem Lärm“ ist 2018 das nun mehr dritte Album erschienen, das „die Geräte“ in diesem Jahrzehnt veröffentlicht haben.

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Auf der Brooklyn Bridge 2014

Einer meiner liebsten Popmomente mit Tonbandgerät ist ihr Auftritt in einer Schule in New York im Frühling 2014. Die Band war im Auftrag des Goethe Instituts auf Tour durch die USA. Mit Nightliner und allem drum und dran. Ich hatte bei Freunden in der Nähe übernachtet und lief am Morgen hoch nach Harlem, um Ole, Sophia, Isa und Jakob in der Aula der High School zu treffen. Das junge Publikum wurde mit den typischen gelben Schulbussen aus der Umgebung angekarrt. Die Schülerinnen und Schüler hatten die Songs von Tonbandgerät vorher im Unterricht durchgenommen. Und da standen sie die amerikanischen Fans dann mit ihren selbst gemalten Schildern, schrieen und sangen die Verse mit. „Es ist alles wieder da / nur irgendwann anders.“ Am Tag zuvor war ich mit der Band durch Manhattan und über die Brooklyn Bridge gelaufen. Etwas Vertrautes im Anderswo. Und Zeugnis dessen, wohin die eigene Schaffenskraft einen führen kann. 

Molotow: Tanzen im guten wilden Hamburg

Freunde dieses Blog wissen, dass ich großer Fan des Molotow Musikclubs bin. Der Laden steht für sehr vieles, was in dieser Stadt popkulturell schlecht läuft und gleichzeitig besonders toll ist. Verdrängung, Gentrifizierung, Unsicherheit und Arbeiten unter prekären Bedingungen einerseits. Und andererseits Solidarität, Ideenreichtum und das gute wilde Leben. Häufig habe ich bereits über Nächte im Molotow geschrieben. Über famose Festivals wie die Burger Invasion zum Beispiel. Oder über besondere Konzerte wie den Record-Release-Abend von Die Höchste Eisenbahn. Die Zehnerjahre sind für das 1990 gegründete Molotow die wohl bewegendste Dekade gewesen. 2013 der Auszug aus den Esso-Häusern. Der Umzug in ein Interimsquartier an der Holstenstraße. Und schließlich im Herbst 2014 der Einzug des Molotow in das jetzige Quartier am Nobistor — ein mehrgeschossige Entdeckeroase in Sachen Rock ’n‘ Roll. Und ein Zuhause für alle musikalischen Wahlverwandten.

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Eingangsbereich des Molotow im Frühjahr 2015

Oft sind es für mich die kleinen Popmomente, die mich immer wieder aufs Neue verbinden mit diesem Ort. Die Möglichkeit zum Beispiel, sich im Halbdunkel tanzend zu verlieren. Und die Musik noch einmal anders zu finden. Intensiver. Aufregender. Soghafter. Ich kann mich noch sehr gut erinnern, wie ich im Molotow das erste Mal „Red Eyes“ von The War On Drugs hörte — erschienen auf ihrem 2014er-Album „Lost In The Dream“. Verloren im Traum. Das Keyboard setzt ein. Die Gitarren kommen hinzu. Der Gesang startet unaufgeregt. Der Sound deutet die Euphorie bereits an. „I won’t get lost inside it all, I’m on my way.“ Zwischenzeitig explodiert dann der gesamte Song ganz sanft aufs Schönste. Und mit ihm die Tanzfläche. Das Herz sowieso.

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Musik, Reflexion und Neustarts im Herbst

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In den vergangenen Wochen ist es ein wenig ruhiger zugegangen auf diesem Blog über Musik in Hamburg. Das liegt zum einen daran, dass ich viel gearbeitet und organisiert, mich engagiert und Kontakte gepflegt habe. Zum anderen habe ich nach gut einem Jahr Selbstständigkeit und Bloggen das Bedürfnis, innere Einkehr zu halten. Zu reflektieren und Ideen für die Zukunft zu entwickeln. Begünstigt wird dieser Prozess, diese Gär- und Entwicklungsphase, durch die Jahreszeit. Ich liebe den Herbst, da er einerseits die Seele durchpustet und andererseits im Dunklen alles mehr zur Ruhe kommt. 

Diese beiden Seiten spiegeln sich bei mir aktuell auch im Musikhören wider. Ich genieße es zum Beispiel außerordentlich, mich bei einem Festival wie dem Molotow Cocktail mit neuer lauter und wilder Musik aus Hamburg vollzusaugen. Umgehauen hat mich etwa eine Band wie Glue Teeth, die ihren intensiven Mix aus Hardcore und Postpunk bis in die letzte Faser hinein zelebriert. Und ein großes Lob geht wie immer an das Molotow selbst, das einem ermöglicht, soviel positives Brodeln aus dieser Stadt live zu erleben. 

Der Soundtrack, um die Gedanken zu sortieren

Joshua Radin, Albumcover, Musik, Singersongwriter, record, Here Right NowZuhause höre ich momentan wiederum viel leise aufspielende Musikerinnen und Musiker. Ich brauche einen ruhigeren Soundtrack, um meine Gedanken zu sortieren. Um noch stärker zu sondieren, wohin die Reise gehen soll. Und um all diese Anregungen und Ziele aufzuschreiben. 

Seit einigen Wochen auf Dauerrotation ist zum Beispiel der US-amerikanische Singersongwriter Joshua Radin mit seinem sachte gepickten Gitarrenspiel auf „Here, Right Now“. Auch der berückende Pianopop von June Cocó hat eine feine anregende Wirkung. Ihr neues Album „Fantasies & Fine Lines“ erreichte mich bereits vor einigen Wochen. Und ich freue mich schon sehr auf ihr Releasekonzert am Freitag in der Hebebühne in Altona. 

Improvisation von Sofia Härdig und Inspiration von Anna Ternheim

Zum Glück kommt auch beruflich derzeit viel Musik zu mir, die meinem November-Gefühl entspricht. Die also diese Mischung aus Bilanzieren und Aufbrechen unterstützt. Für das Visions-Magazin habe ich beispielsweise das frei atmende Artrockwerk „This Big Hush“ der Schwedin Sofia Härdig besprochen. Eine Platte, die überdeutlich macht, wie wichtig Improvisation ist. Wie gut das Leben klingt, wenn neue Impulse hineinwehen dürfen. 

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Anna Ternheim, fotografiert von Chris Shonting

Sehr prägend war für mich in den vergangenen Wochen auch das Album „A Space For Lost Time“ von Anna Ternheim. Für die Radiosendung NDR Nachtclub Überpop habe ich die schwedische Musikerin in Berlin zum Interview getroffen. Für mich ist es eine große Inspiration, wie offen Anna Ternheim über ihre Lyrics, über Liebe und Tod, Ängste und Selbstverantwortung spricht. 

20 Pfund an Angst verloren

Mit dem Titel „A Space For Lost Time“, so erzählte Anna Ternheim, möchte sie einen inneren Raum eröffnen, wo jede und jeder das Gefühl bekommt, dass Dinge möglich sind. Dass wir neue Entscheidungen treffen können. Dass es nicht zu spät ist. Und dass man verpasste Chancen auch nachholen kann. Vielleicht ist das einfach eine Frage der inneren Haltung, des State Of Mind, sagte sie. 

Es sei nicht einfach aus der Komfortzone herauszutreten. Aber Anna Ternheim habe persönlich das Gefühl: Jedes Mal, wenn sie diesen Schritt gewagt hat, sei sie belohnt worden. Ob sie nun eine Beziehung beendete, die zu nichts geführt hat. Oder ob sie etwas unternommen hat, von dem ihr alle abgeraten haben. Jedes Mal, wenn sie etwas getan hat, was sie für wichtig hielt, obwohl es hart und anstrengend war, sei sie mit einem guten Gefühl belohnt worden. Sie könne dann wieder atmen. Als ob sie 20 Pfund an Angst verloren habe.

Anna Ternheim erklärte dann noch: Die Art und Weise, wie wir einen beherzten, verändernden Schritt das eine Mal gegangen sind, bedeutet nicht, dass wir ein für alle mal herausgefunden haben, wie das Ganze funktioniert. Diese fortwährende Suche nicht schleifen zu lassen, sondern mutig und neugierig zu bleiben, finde ich sehr erstrebenswert. Deswegen habe ich mich in der jüngeren Vergangenheit besonders gerne mit Neustarts beschäftigt.

Zu Gast bei Say Say: Neustart mit Hip-Hop

Say Say, Soulful Hiphop radio, Hamburg, radio, Host, Freddy Staudacher, Morning Show, MusikIch war zum Beispiel zu Gast in der Morningshow von Say Say, einem Hamburger Webradio für soulful Hip-Hop. Moderator Freddy Staudacher hat seinen Sender im Frühjahr 2018 gegründet, nachdem er Jahre lang als gut verdienender Businessanwalt gearbeitet hatte. Wer ihn im entspannten Flow an Mikro und Plattenspielern erlebt, der merkt schnell, dass seine Umorientierung hin zur Musik genau richtig war.

Im Studio auf Kampnagel habe ich eine Stunde lang über meinen eigenen journalistischen Werdegang, über meine musikalische Sozialisation und übers Auflegen auf der Barkasse Frau Hedi gesprochen. Und wir haben von mir mitgebrachtes Vinyl gespielt — von Aretha Franklins „Don’t Go Breaking My Heart“ bis zu Bobby Hebbs „Sunny“, von der Rock Steady Crew über Lauryn Hill und Charles Bradley bis zu Mary J Blige.

Der Hamburger Musikpreis, verschlankt am Start

Neu aufgestellt hat sich auch der Hamburger Musikpreis, ehemals Hans genannt. Vergeben wird die Auszeichnung von der Interessengemeinschaft Hamburger Musikwirtschaft, kurz IHM. Nach einer Pause im vergangenen Jahr ging der Hamburger Musikpreis nun mit fünf Kategorien neu und verschlankt an den Start. Im Vordergrund standen die nominierten Newcomer, die bei der Verleihung im Mojo Club auch alle drei auftraten. Elaborierter hypnotischer Rock von Monako, Gesamtkunstwerk-Electropop von Kuoko und wütend-feministischer Hip-Hop von One Mother, die letztlich auch das Preisgeld von 5000 Euro mit nachhause nahmen.

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One Mother beim Hamburger Musikpreis, fotografiert von Thomas Ertmer

In diesem Jahr war ich Teil der Jury. In meinem Blogpost über das Landesrockfestival in Rostock hatte ich bereits geschildert, wie gerne ich mit anderen passioniert über Musik spreche. Das war auch in der aktuellen Hamburger Runde der Fall. Einfach fielen die finalen Entscheidungen für den Hamburger Musikpreis allerdings nicht.

Unsere langen Vorschlagslisten galt es auf drei Nominierte pro Kategorie einzudampfen. Und viele Herzblutfavoriten blieben dabei auf der Strecke. Natürlich lässt sich dementsprechend immer über den Sinn und Zweck von Preisen an sich streiten. Aber Streit ist ja eben auch: Austausch, Dialog, Kommunikation. Und all das gab es auch nach der offiziellen Verleihung im Mojo reichlich.

Pop, Präsenz, Polarisierung

Die Reaktionen auf Preis und Veranstaltung reichten von schlimm bis klasse. Ein gehörig polarisierendes Spektrum. Manche monierten hakende Einspieler, abwesende Künstler und ein wenig lokalpatriotisches Moderatorenduo (aus Köln). Manche hätten sich mehr Pop-Präsenz gewünscht. Und mehr Aufmerksamkeit beim anwesenden Branchenpublikum. Andere lobten den anarchischen Charme der Gala. Und wieder andere freuten sich, dass ansonsten weniger sichtbare Acts und innovative Projekte gewonnen haben.

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Kuoko beim Hamburger Musikpreis, fotografiert von Thomas Ertmer

Das Kollektiv EQ Booking, das sich für Diversität im Musikbusiness einsetzt, erhielt den Preis in der Kategorie „Beste Freunde“. Das stetig wachsende Netzwerk musikHHwomen wurde als Initiative des Jahres geehrt. Und Künstler des Jahres wurde der geschmeidig brummkreiselnde Musiker Carsten Erobique Meyer. Die Kollegin Nele Hinner hat für den Musikblog Soundkartell einen ausführlichen Rückblick über den Abend geschrieben.

Lieblingslieder brauchen Freiräume

Zum Lieblingslied 2019 kürte die Jury Deichkinds „Richtig gutes Zeug“. Ich durfte die Laudatio in dieser Kategorie halten. Besonders wichtig war mir zu betonen: Solch ein Hit, solch ein Krachersong, der alle anderen zu überragen scheint, ist definitiv kein One-Hit-Wonder. Sprich: Solche Nummern entstehen nicht aus dem Nichts. Wer ein Lieblingslied schreibt, hat in der Regel schon zahlreiche andere Lieder geschrieben. Es bedarf also Herzblut, Know-how, Zeit und auch Zweifel, um ein Lieblingslied zu schreiben. Und: Freiräume. Wir in Hamburg müssen immer wieder darauf achten, dass diese erhalten bleiben, wachsen und gedeihen.

Damit das kreative Brodeln und Gären weitergehen kann. Damit die Musik weiter spielt. Damit wir uns entwickeln können.

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„Hamburg Vinyl“ — eine popkulturelle Zeitreise mit Albumcovern

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Journalisten sollen ja bitte möglichst kritisch auf die Geschehnisse der Welt blicken. Der Beruf bringt es aber dankenswerter Weise auch mit sich, das Gute und Inspirierende in seiner Vielfalt darstellen zu können. Und genau das haben ZEIT-Autor Christoph Dallach und Fotograf Bernd Jonkmanns nun getan. Ihr Buch „Hamburg Vinyl — 33 Hamburg-Cover und ihre Geschichte“ ist nicht weniger als eine feine Hommage an die hiesige Popkultur. An all die Szenen von Pö bis Pudel. An all die musikalischen und optischen Ideen durch die Jahrzehnte hinweg. Sei es Freddy Quinn, wie er für „Heimweh nach St. Pauli“ 1963 klassisch am Hafen posiert. Oder sei es der Dead Eagle Club, der für seine „Kiez“-EP 2016 das massive Antlitz des Feldstraßenbunkers nutzt.

Ich habe Christoph vor einigen Jahren kennengelernt, als wir beide auf dem Reeperbahn Festival zu Gast waren bei den Kollegen von NDR Info in der Sendung „Backstage“. Seitdem ist Christoph mir als leidenschaftlicher Plattensammler bekannt, der sich von Vinylläden magisch angezogen fühlt und die Geschäfte auch ohne Kaufabsicht nicht selten mit einer prall gefüllten Tasche verlässt. 

Spurensuche im Quadrat

Bernd bin ich das erste Mal im vergangenen Jahr bei einem gemeinsamen Termin im Nochtspeicher begegnet. Für das Magazin der Handelskammer berichteten wir damals über  die Club- und Kioskkultur auf St. Pauli. Im Gespräch stellten wir fest, dass wir beide ursprünglich aus Wesel am Niederrhein stammen. Und wer an Orten aufgewachsen ist, die keine Großstädte sind, weiß: Das verbindet. Bernd ist mindestens so fasziniert von Plattenläden wie Christoph, hat er doch diesen liebevoll geführten Spezialistenshops im Jahr 2015 mit dem Band „Recordstores“ ein tolles Denkmal gesetzt. 

Passender Weise ist „Hamburg Vinyl“, das aktuelle Buch von Christoph und Bernd, quadratisch aufgemacht. Immerhin geht es ja um legendäre, lokalverliebte wie einfallsreiche Albumcover. Auch wenn eine Langspielplatte nicht ganz in die Maße dieses knapp 100 Seiten starken Werks hineinpasst. Sehr gut gefällt mir, wie sich die beiden sowohl textlich als auch visuell auf Spurensuche begeben haben. Die jeweilige Story der 33 Platten wird  von Christoph nicht nur informativ und anekdotisch geschildert. Bernd hat die Cover auch jeweils an ihrem Ursprungsort inszeniert und fotografiert. 

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So dokumentiert „Hamburg Vinyl“ zugleich den Wandel der Stadt. Etwa bei der Platte „Onkel Pös Carnegie Hall — Live im Onkel Pö“ der Hamburg Allstars ’75. Auf der Albumhülle ist die geschichtsträchtige Hamburger Musikkneipe zu sehen. Zwar befindet sich neben dem Haus am Lehmweg nach wie vor eine Litfaßsäule, wie der direkte Vergleich zeigt. Doch die Räumlichkeiten werden längst anderweitig genutzt und beherbergen heute das Lokal einer Trattoria-Kette.

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Liverbirds an der Alster, Cher und Sonny vorm Hotel Atlantic

Toll finde ich zum Beispiel die Geschichte der Liverbirds, die mit vielen O-Tönen von Mary McGlory (heute Dostal) erzählt wird. „Girls don’t play guitar“, soll John Lennon gesagt haben, als ihm einst „Englands allererste weibliche Rockband“ vorgestellt wurde. Die vier Frauen kamen Anfang der 60er-Jahre nach Hamburg, um — wie die Beatles — im Star-Club zu spielen. Und mit der Alster im Hintergrund entstand auch das Cover zu ihrer 7-Inch-Single „Loop De Loop“ von 1966. 

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Da ich Cher gerade erst in einer beeindruckenden Show in der Barclaycard Arena gesehen habe, freue ich mich besonders über ein Cover, dass sie in jungen Jahren zeigt. Gemeinsam mit ihrem damaligen Mann Sonny steht die Sängerin vor dem Hotel Atlantic. Chers Blick schweift in die Ferne. Sonny betrachtet eine Kamera, die er soeben in der Innenstadt gekauft hatte, wie sich Günter Zint erinnert.

Der Fotograf hatte das Paar damals in Hamburg begleitet. Sein Bild ziert nun eine LP des Deutschen Schallplattenclubs aus dem Jahr 1967. Mit dem roten Hosenanzug, den Cher auf dem Cover trägt, durfte sie damals nicht in die Bar des Hotel Atlantic. Die Plattenfirma, so erzählt Günter Zint, habe dann einfach einen extra Raum angemietet, in dem alle gekleidet sein durften, wie sie wollten. Was für andere Zeiten das doch waren. 

„Hamburg Vinyl“: Mit Tom Waits’ „Rain Dogs“ ins Lehmitz

Die Auswahl der Cover in „Hamburg Vinyl“ reicht von Udo Lindenbergs „Reeperbahn“ (1977) über Palais Schaumburg in Hagenbecks Tierpark (1981) bis zu Jan Delays „Wir Kinder vom Bahnhof Soul“ (2009), fotografiert an der Sternbrücke. Ein ikonischer Ort der Hamburger Clubkultur, verewigt im Albumartwork. 

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Eines der einprägsamsten Cover ist sicherlich das Bild des Fotografen Anders Petersen, mit dem Tom Waits’ Platte „Rain Dogs“ gestaltet wurde. Eine Ode an die Gestrandeten der Großstädte, so wie der Schwede Petersen sie von 1967 bis 1971 in der Kiezkneipe Lehmitz fotografierte. Auf dem Album schmiegt sich da ein junger Mann namens René schlafend oder betrunken an eine ältere Dame namens Lily, die den Erschöpften hysterisch lachend an sich drückt. Ohnehin ist St. Pauli erwartungsgemäß Ballungsgebiet für Albumcoverdesign, wie eine Karte vorne im Buch zeigt.  

Musik aus Hamburg auf allen Kanälen

Ganz so ungefördert, wie es im Vorwort zu „Hamburg Vinyl“ klingt, ist die hiesige Popkultur dank Labelförderung, Musikstadtfonds und Live Concert Account zum Glück übrigens nicht. Aber, da gebe ich den Verfassern recht: Es darf — gerade im Vergleich zu Hochkultur — gerne substanziell mehr Geld geben für all die schöne, schräge Musik aus und in der Hansestadt. Ob sie nun auf Vinyl erscheint, mit eindrucksvoller Optik, oder auf anderen Kanälen.     

„Hamburg Vinyl – 33 Hamburg-Cover und ihre Geschichte“ ist im Junius Verlag erschienen und kostet 24,99 Euro. 

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And the winner is… Als Jurorin beim Landesrockfestival in Rostock

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An meinem Job liebe ich es besonders, neue Menschen und neue Musik kennenzulernen. Und mich mit ersteren über letzteres auszutauschen. Gerne nerdig, beherzt, detailversessen. Und mit der Passion für catchy Melodien. Für einen herzerweiternden Song. Für Überraschendes und Merkwürdiges. Für eine Energie, die trägt. An diesem Samstag kommt sehr viel von diesen beglückenden Faktoren zusammen. Der mecklenburg-vorpommersche Musikverband PopKW hat mich als Jurorin zu seinem Landesrockfestival nach Rostock eingeladen. 

Landesrockfestival, das klingt für manche Ohren erst einmal angestaubt. Aber Verbandschefin Selina Pavlitschek erzählt unserer Juryrunde beim Abendessen, dass dieser Wettbewerb eine lange Tradition hat. Und da sich der Titel nun einmal etabliert habe, solle er zur 27. Ausgabe nun auch nicht mehr geändert werden. Letztlich ist das Landesrockfestival aber offen für alle Pop-Genres. Und so erklingen in Rostock durchaus diverse Stile. 

Der M.A.U. Club in Rostock

Das Landesrockfestival geht im Rostocker M.A.U. Club über die Bühne, eine malerisch am Hafen gelegene Spielstätte mit angenehm alternativer Patina. 1996 ist das M.A.U. in diese Location gezogen. Und der angeschlossene Verein hat es sich explizit zur Aufgabe gemacht, „in Rostock die jugend- und soziokulturelle Vielfalt mit einem klaren Livemusikbezug zu fördern“. Das finde ich extrem unterstützenswert. Lässt sich doch mit reinen DJ-Abend in der Regel der schnellere Euro machen, da die gesamte Konzertproduktion wegfällt. 

Landesrockfestival, Mecklenburg-Vorpommern, Rostock, band, contest, PopKW, concerts, Mau Club, winner, SOAB, Animal's Secret, JuryBeim Landesrockfestival ist Livemusik in logistischer Reinkultur zu erleben. Sechs Bands stehen für jeweils 20-minütige Slots auf dem Programm. Während der flotten Umbaupausen ziehen wir Juroren uns in einen der Backstage-Räume zurück, um über das Gesehene und Gehörte zu diskutieren. Ich fühle mich sofort wohl an diesem Ort mit seinen vielen Aufklebern und Konzertplakaten von Tocotronic bis Vierkanttretlager. Und besonders glücklich bin ich mit meinen Mitjuroren. 

Lisa Reuter betreibt mit Kingmanagement ihre eigene Firma, mit der sie unter anderem die Band Milliarden, Singersongwriter Max Prosa und den Hamburger Rapper Fayzen betreut. Daniel Kempf ist ebenfalls Künstlermanager, zudem Booker und Veranstalter. Er hat das Immergut Festival begründet und auch dafür gesorgt, dass tolle Bands wie Arcade Fire und Death Cab For Cutie erstmals nach Deutschland kamen. 

Über Musik reden

Ich habe mich sehr gefreut, die beiden persönlich kennenzulernen. Welchen Zugang haben Menschen zu Musik? Wer achtet auf welche Aspekte? Und welche Worte lassen sich für ein Konzerterlebnis finden? Besonders gut gefällt mir, wie klug, klar, konstruktiv und vor allem leidenschaftlich Lisa und Daniel über die einzelnen Bands sprechen. Ohne Schnickschnack und Schönfärberei, aber mit reichlich Erfahrungswissen. Und mit viel Liebe zur Musik. An dieser Stelle also noch einmal einen herzlichen Dank an Selina von PopKW, dass sie uns so fein zusammengewürfelt hat. 

Über den Sinn und Zweck von Musikwettbewerben lässt sich natürlich vortrefflich streiten. Ist das nun cool oder uncool oder wie man sich fühlt? Für mich überwiegen die Vorteile: Newcomer bekommen eine Chance, sich zu präsentieren. Das Publikum erhält einen stilistisch gemixten Abend, der sich ein wenig nach Wundertüte anfühlt. Und die Gewinner kriegen bestenfalls noch finanzielle Unterstützung, um ihre Laufbahn weiter anzuschieben. Beim Landesrockfestival ist das eine durchaus stattliche Summe: Für den ersten Platz gibt es 4000 Euro Preisgeld. An eine zweite Band gehen zudem 3000 Euro als Tourförderung. 

Die Gewinner beim Landesrockfestival 2019: Animal’s Secret und SOAB

Zu erleben sind an diesem Abend im M.A.U.: akzentuierter Rock mit Funk- und Ska-Einflüssen von Jane And The Rain, souveräner wie energiegeladener Grunge von Range Of Movement, smarter Rap von Brigo und gospel-inspirierter Folkpop von Modicum Of Hope.

Auf dem zweiten Platz landen SOAP, die uns mit ihrer ultracharmanten Spielfreude sowie mit einem Sound zwischen Rock, Rap und Surfpunk überzeugen. Zudem besitzen ihre Lyrics eine beachtliche Bandbreite — von einer Spaßnummer übers Saufen bis hin zu einem emotionalen Song über Depression. SOAP hat bereits auf Festivals in Russland und China gespielt. Und ich bin gespannt, wohin sie mit ihrem Preisgeld noch reisen werden. 

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Animal’s Secret im Backstage des M.A.U. Club in Rostock

Unsere absolute Jury-Nummer-Eins ist Animal’s Secret. Vier naturcoole sowie freundliche Typen, die gerade ihr Abitur gemacht haben. Und die auf der Bühne sehr selbstverständlich einen irren Farb- und Mustermix tragen, den sich kein Hipster ausdenken kann. Vor allem beeindruckt uns aber der Sound: In einen Song baut dieses Quartett lässig so dermaßen viele Ideen, Hooks, Genres, Tempi- und Stimmwechsel ein, dass wir gebannt vor der Bühne stehen. 

Wie etwa ist dieser eine Popsong so schnell in eine Noise-Orgie geraten? Das ist alles mitunter noch etwas überbordend und unaufgeräumt, aber äußerst interessant. Und es macht Spaß. Hinzu kommt das Gefühl, dass da noch viel mehr gehen kann mit dieser Band. Ein Eindruck, den die Menge offenbar teilt: Auch der Publikumspreis geht an Animal’s Secret. Großer Jubel bei der Preisverleihung, die Moderator Tobias Wolff gegen Mitternacht in knackigem Flow über die Bühne bringt. 

Produktion in Bahrenfeld

Im Anschluss geben wir als Jury jeder Band noch Feedback zu ihrem Auftritt. Ich hoffe, dass unsere — natürlich jeweils subjektiven — Tipps und Ansichten alle motivieren, ihr ganz eigenes Ding weiterzuentwickeln. Von Animal’s Secret erfahren wir im Gespräch, dass sie mit Produzent Kristian Kühl in seinem Studio in Bahrenfeld bereits einige Songs aufgenommen haben. So gibt es sogar einen kleinen feinen Bezug gen Hamburg.

Es würde mich sehr freuen, die Band bald mit einer eigenen Show in einem Club irgendwo zwischen Elbe und Alster zu sehen. Damit Animal’s Secret kein Geheimtipp bleibt.  

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