Zwei Jahre Biggy Pop Blog — Popkultur in Zeiten von Corona

Biggy Pop, Blog, Musik, Popkultur, Hamburg, Gitarre

Vor zwei Jahren habe ich als Biggy Pop diesen Blog begonnen — über Popkultur in Hamburg und darüber hinaus. „Livemusik ist die Erlaubnis, alles fühlen zu dürfen. Mit anderen“, schrieb ich 2019 in meiner einjährigen Geburtstagsbilanz. Jetzt stehe ich vor der Bäckerei in der Schlange, meine Maske griffbereit und mein Blick fällt auf die nahe Litfaßsäule mit dem Titel „Kultur in Hamburg“. Neben Veranstaltungsplakaten aus dem März und April hängen Corona-Hilfsappelle für die krisengeschüttelte Szene. Das Herz ist im Frühling gestolpert und im Hochsommer gelandet. Wie fühlt es sich also an, dieses Blog-Jubiläum? Und wohin geht die Reise?

Als Journalistin habe ich mich stark damit beschäftigt, wie sich die Krise auf das Popbusiness auswirkt, zum Beispiel in den Corona-Specials der Reihe Nachtclub Überpop auf NDR Info. Oder eben hier auf dem Blog, weshalb ich die entsprechenden Beiträge noch einmal als Corona-Chronik an diesen Post anhänge. Diese Auseinandersetzung hilft mir zum einen ganz persönlich, mental mit der Lage klarzukommen und diese Ausnahmesituation ansatzweise zu begreifen. Vor allem aber hoffe ich, dass ich dazu beitragen kann, auf ganz unterschiedlichen Ebenen eine Öffentlichkeit herzustellen für die Popkultur. 

Die verbindende und innovative Kraft der Musikszene

Wir müssen immer wieder reden über die Ängste und Hoffnungen der Musikerinnen, Musiker und DJs sowie all jener, die Clubs betreiben und in der Branche arbeiten. Ich möchte aber unbedingt auch von der innovativen und verbindenden Kraft erzählen, die die Musikszene gerade jetzt entfaltet. Wir werden noch länger mit dem Virus leben müssen. Und Geld wird weiterhin nötig sein. Aber damit Menschen nach wie vor spenden und damit vor allem die Politik bis ins Detail die psychische, soziale und auch wirtschaftliche Bedeutung der Popkultur erkennt, bedarf es: Kommunikation. 

Wie wir miteinander reden, hat sich in den vergangenen Monaten verändert. Aber jenseits von Verschwörungsideologen nicht unbedingt zum Schlechteren. Wir hören nicht nur der Wissenschaft ausführlicher zu, sondern auch einander. Das erlebe ich bereits im Privaten. Beim Pandemie-gerechten Ausgehen rede ich da stundenlang mit lieben Menschen, die ich aus dem Musikleben kenne. Und mit denen ich sonst oft nur einige Sätze gewechselt habe. Da dann das Konzert begann. Da es zum nächsten Laden weiterging. Oder da ein Song startete, zu dem ich unbedingt auf die Tanzfläche musste. Ich vermisse diese Dynamik. Das Live-Erleben. Den nächtlichen Sog. Die Chance, sich zu verlieren. Um sich anders zu finden. Aber mir gefällt auch diese neue Intensität. 

Den Musikerlebnisspeicher füllen

Welche anderen Seiten an uns lassen wir nun zu? Was lernen wir an anderen kennen? Mir kommt der neue Song samt Video der Hamburger Musikerin Antje Schomaker in den Sinn: „Verschwendete Zeit“. Im retro-modernen Sound und Look irgendwo zwischen The Weeknd und „Stranger Things“ singt sie da von Erneuerung. Die Haare abschneiden, das alte Ich hinter sich lassen und aufbrechen, auch wenn die Zukunft unsicher erscheint. 

Biggy Pop, Blog, Musik, Popkultur, Hamburg, Gitarre, GeburtstagViele Popfans, denen ich derzeit begegne, scheinen all die kleinen feinen Open-Air-Optionen dieses Corona-Sommers aufzusaugen. Akustisches auf Abstand. Leichtes Tanzen im Sitzen. Anflüge von Ausgehen. Den Musikerlebnisspeicher füllen, bevor der ungewisse Herbst anrückt. Bevor es desinfiziert und auf Distanz in den Clubs weitergehen soll. Oder eben nicht. Falls die zweite Welle kommt. Und wir dann wieder „supalonely“ zuhause tanzen. Vielfalt, Subkultur, Brodeln, Schwung, Inspiration und all die zweiten Heimaten in dieser Stadt — was wird daraus? Ich mache mir Sorgen. Und zugleich will, möchte und muss ich hoffen. Auf Solidarität. Auf die Popkultur.

Veröffentlichungen aus Hamburg — Lieder, die da sind

Optimistisch stimmt mich, wie viel Musik allein in Hamburg seit dem Shutdown herausgekommen ist beziehungsweise bald veröffentlicht wird. Catharina Boutari aka Puder pendelt auf ihrem Album „Tomorrowland mit Freunden“ in traumwandlerischer Intensität zwischen Pop und Jazz. Die Punksupergruppe Trixsi slackert sich auf ihrer Platte „Frau Gott“ mit Haltung durch die Widrigkeiten des künstlerischen Daseins. Und die Band Jenobi sendet mit „Hundred Times“ einen wunderbar poppig-verschachtelten Vorboten ihres Albums „Patterns“, das am 18. September bei Grand Hotel erscheinen wird.

Nur drei Beispiele. Lieder, die da sind. Die uns niemand mehr nehmen kann. Die in die Welt reisen, während wir — weitestgehend — zuhause bleiben. Während wir im benachbarten Bundesland an den See fahren, statt in ferne Länder zu fliegen.

Virtuelle popkulturelle Reisen

Nachdem ich 2018 und 2019 verstärkt meine Selbständigkeit als Musikjournalistin und Texterin angeschoben hatte, sollte 2020 das Jahr werden, in dem ich wieder mehr reise. Zwei Wochen im Mai in meiner Schatzstadt New York sollten den Auftakt machen. Zu gerne hätte ich weitere Städte bereist, um wie im März vergangenen Jahres in Brüssel in die Popszene einzutauchen und darüber zu bloggen. Stattdessen stille ich mein Fern- und Fremdweh nun wie viele online. Unter anderem fing ich an, mich mit koreanischer Popkultur zu beschäftigen — inspiriert von den Berichten über die politische Power der K-Pop-Fans.

Vor allem koreanische Dramaserien haben es mir derzeit angetan. Zum einen fasziniert mich, dass sich die Genres darin viel stärker vermischen als hierzulande. Sprich: K-Pop-Songs dienen als Soundtrack, berühmte Sängerinnen und Sänger spielen in den Serien mit, das Unterhaltungsbusiness als solches ist häufig Thema der Handlung und moderne Technologien werden selbstverständlicher in die Geschichte eingebunden. Vor allem aber spricht mich an, wie langsam und poetisch das Storytelling funktioniert. So ein wenig Eskapismus tut äußerst gut angesichts eines ausgefallenen Festivalsommers und insgesamt weniger Möglichkeiten, seine Energien in Live-Kultur zu kanalisieren. 

Natürlich freue ich mich aber sehr darauf, wieder verstärkt über reale Events zu schreiben. Wie diese sich bis zu meinem dritten Blog-Jubiläum gestalten werden, darauf bin ich sehr gespannt.

Biggy Pops Corona-Chronik:

Deichkind in Hamburg: viral real – 8. März 2020

Corona: Wie du die Musikszene jetzt unterstützen kannst – 13. März 2020

Hört die Signale: Lob an das Akustische in Zeiten von Corona – 21. März 2020

Frau Hedi multiplizieren: Zeigt Eure Erinnerungen und bastelt die Barkasse – 7. April 2020

Introducing The Kecks: “Who gives a shit what is between your legs?” – 29. April 2020

Ich vermisse das gute wilde Leben: ein Zwischenstand – 23. Mai 2020

Musikszene Hamburg: die Sache mit dem Streaming – 12. Juni 2020

Krach+Getöse: viel Neues beim Hamburger Newcomer-Preis – 18. Juni 2020

Endlich mal wieder: Livemusik erleben, Menschen begegnen – 28. Juni 2020

Follow my blog with Bloglovin

Follow Biggy Pop on Instagram

Follow Biggy Pop on Facebook

Endlich mal wieder: Livemusik erleben, Menschen begegnen

Endlich mal wieder, Klub.K, Konzert, Livemusik, Corona, Hinterhof, Hamburg, Musiker, David Ost, Singersongwriter

„Endlich mal wieder…“ Diese Formulierung höre und lese ich dieser Tage häufig. Viele erobern sich nach der ersten Corona-Welle kleine Freiheiten zurück. Mit Aktivitäten, die vor vier Monaten noch ganz normal gewesen wären. Einen Drink nehmen. Kultur erleben. Nähe herstellen. Ich für meinen Teil merke, wie elementar wichtig es ist, dass die Wirklichkeit wieder normal wird. Zumindest ein Stück weit. Das eins zu eins. Geräusche. Gerüche. Gesichter in 3D. 

Clubluft schnuppern lässt sich zum Beispiel hervorragend im Hinterhof des Molotow — mit Frischluft und auf Abstand, versteht sich. Im Backyard lädt das Team des Clubs in seine Outdoor-Schankwirtschaft. Ohne DJ-Sets. Aber mit sehr viel Lächeln hinter den Masken und spürbarer Freude, wieder Kontakt zum Publikum aufnehmen zu können. Es blutet mir zwar schon das Herz, dass die drei Etagen des Clubs brachliegen. Dass es dort still, leer und dunkel ist. Aber im Hinterhof des Molotow zu sitzen, lässt mich zumindest wieder anknüpfen an dieses Gefühl vom guten wilden Leben. 

Prä-Corona-Erinnerungen und Zeitloch im Molotow Backyard

Molotow, Schankwirtschaft, Corona, outdoor, Hinterhof, Drinks, BarErinnerungen tauchen auf, wie wir nach einem schweißtreibenden Konzert aus dem Saal nach draußen trudelten, um auszukühlen. Glänzende zerzauste Menschen, die von innen leuchten. Corona-bedingt ist nun alles ruhiger, moderater. Aber es entstehen neue Qualitäten. Der Molotow Backyard erweist sich als Zeitloch ähnlich einer Küche bei Partys. Oops! Schon vier Stunden rum? Wir reden und reden und reden und saugen dieses neue Ausgehleben auf. Und ab und an schauen wir in die Lichterketten. Und in die lange helle Juninacht. 

Diese Woche ist mir besonders bewusst geworden, wie sehr ich reale Treffen vermisst habe. Ich bin Journalistin und Texterin geworden, um Menschen zu begegnen. Um mich mit ihnen auszutauschen. Um über Musik, Kultur und Politik zu reden. Und um wahrzunehmen, was zwischen den Zeilen steht. Auch wenn ich die digitalen Möglichkeiten seit Beginn der Corona-Zeit zunehmend zu schätzen weiß: Von Angesicht zu Angesicht funktioniert diese Kontaktaufnahme oft nicht nur besser, sie macht mich auch schlichtweg glücklicher. Ich bekomme Inspiration, Impulse, neuen Schwung. Endlich mal wieder.

Dieses „Endlich mal wieder“-Gefühl

In den vergangenen Tagen hatte ich diverse Besprechungen und Interviews außerhalb der eigenen vier Wände. Und dank des guten Wetters unter freiem Himmel. Bei vielen war dieses „Endlich mal wieder“-Gefühl zu spüren. Verbunden mit einer großen Dankbarkeit. Gesund sein. Die kleinen Dinge schätzen. Eitel Sonnenschein herrscht dennoch nicht. Die Pop- und Kulturbranche ist nach wie vor enorm betroffen von der Corona-Krise. Existenzen sind ebenso bedroht wie die Vielfalt der Musiklandschaft. Aber das Aufbrechen, Hinausgehen und Loslegen macht Hoffnung.

Octavers, Ensemble, Probe, August-Lütgens-Park, Altona, Gesang, CoronaDeshalb habe ich mich extrem gefreut, diese Woche wieder Musik live zu erleben. Einmal selbst produziert. Einmal professionell im Konzert. Mit meinem geliebten Ensemble Octavers verabredeten wir uns im August-Lütgens-Park, um — auf Aerosol-Distanz — zu proben. Ein verwunschenes Stück Grün ist das da hinter dem Haus 3 in Altona. Definitiv sinnlicher als ein Zoom-Videocall. Alle gingen ihrer Dinge nach. Alte Frauen plaudernd beim Wein. Zwei Typen beim Abendbrot. Eine Kung-Fu-Klasse in dem einen Winkel, eine Pilates-Gruppe in dem anderen. Wir stellten uns unter einem der großen Bäume im Kreis, um unsere Folk-, Pop- und Countrysongs zu singen. Begleitet von unserem Sheriff Stefan Waldow an Ukulele und Melodica. Unsere Stimmen verflogen sich häufig im Rauschen der Blätter. Aber wir waren froh, uns endlich mal wieder zu sehen, zu haben, zu hören.

Das erste Konzert seit dem popkulturellen Shutdown

Am Samstag dann mein erstes Konzert seit Mitte März. Vor dem Shutdown hatte ich zuletzt die irre Sause von Deichkind in der Barclaycard Arena gesehen. Das Miniatur-Open-Air im Hinterhof des Klub.K in der Hamburger City ist nun das absolute Gegenteil zu diesem superlativen Prä-Corona-Remmidemmi. Das Betreiberduo Markus Riemann und Anne Gülck wollte es sich nicht nehmen lassen, das zehnte Jubiläum ihres charmanten Clubs zu begehen. Statt kuschelig im Innern am Steckelhörn zu feiern, haben sie nun unter freiem Himmel zwischen hanseatischen Backsteinmauern zur Corona-kompatiblen Show geladen. 

Endlich mal wieder, Klub.K, Konzert, Livemusik, Corona, Hinterhof, Hamburg, Markus Riemann, Anne Gülck, Bridge GigsAnne ist mit ihrer Agentur Bridge Gigs auf kleine feine Events spezialisiert. In den vergangenen Tagen hat sie bereits Konzerte vor dem Hobenköök im Oberhafenquartier sowie auf der Cap San Diego realisiert. Somit ist sie eine der ersten Veranstalterinnen in Hamburg, die wieder Live-Erlebnisse anbietet. Ihre Expertise für Veranstaltungen mit intimem Charakter macht sich jetzt, während der Pandemie, besonders bezahlt. 50 Leute passen in den Klub.K-Hinterhof. „Wir haben doch jetzt alle einen Jieper auf Livemusik“, sagt eine Besucherin. Stimmt. Der Abend ist ausverkauft — und zwar nicht als spontaner Walk-In, sondern mit Anmeldung und Vorkasse. 

David Ost zu Mauerseglern, Kirchenglocken und Gläserklirren

Das kleine Team hat reichlich Arbeit in die Vorbereitungen investiert. Denn der Hof, der sonst Parkplätze beherbergt, hat keine veranstaltungstechnische Infrastruktur. Das heißt: Kabel verlegen. Eine improvisierte Bar errichten. Lichtstrahler installieren. Und mit reichlich Abstand Stühle aufstellen. Da sind die zehn Euro Eintritt wirklich nichts dagegen. Denn es gibt ja auch noch Musik.

Endlich mal wieder, Klub.K, Konzert, Livemusik, Corona, Hinterhof, Hamburg, City

Der Singersongwriter David Ost singt seelenerweiternde Songs zur akustischen Gitarre.  Die Klänge fliegen die Backsteinmauern empor. Ein paar Mauersegler schreien. Die Glocke der nahen Katharinen-Kirche läutet. Und in der Ecke geht mit lautem Klirren ein Glas zu Bruch. Kleine Gesten. Beherzte Zwischenrufe. Real applaudieren (und nicht als Emoji).  Absolut beglückend ist das. Willkommen zuhause. 

Das Wort „Zugabe“ nicht in eine Kommentarspalte schreiben

David Ost sagt, er sei nicht so der Typ, der lange Ansagen macht. Und dann etabliert er doch eine Art Running Gag, indem er jeden Song als eine seiner Singles ansagt. „Jetzt kommt meine übernächste Single“. „Meine aktuelle“. „Meine erste Single“. „Und die kommende“. Zunehmendes Lachen seitens des Publikums. Eine Eigendynamik, die so nur live entstehen kann. Dieses Bescheidwissen einer Gemeinschaft, die im Konzert entsteht.

Endlich mal wieder, Klub.K, Konzert, Livemusik, Corona, Hinterhof, Hamburg, Musiker, David Ost, Singersongwriter

Sehr schön fühlt es sich zudem an, das Wort „Zugabe“ nicht wie beim Online-Streaming in eine Kommentarspalte zu schreiben, sondern es wirklich zu rufen. Und dann beim Pausenbier mit anderen über das Gehörte zu reden. Bis schließlich das große Draußen, die Natur ebenfalls mitmischen möchte. Es beginnt zu gewittern.

Wunschlieder an Wolkenbruch

Eigentlich wollte Klub.K-Betreiber Markus Riemann gemeinsam mit dem Musiker Ofield zahlreiche Wunschlieder der Anwesenden spielen. Stattdessen gibt es zweieinhalb Coversongs in strömendem Regen. Inklusive Oasis’ „Wonderwall“ mit Wolkenbruchchor. Zuhause vor dem Rechner mag es trocken sein. Aber live bedeutet eben auch: anders als geplant. 

Ich freue mich jedenfalls schon sehr, noch mehr Musikern, Popkünstlerinnen und Bands wahrhaftig zu lauschen. Das nächste Mal bei den Knust Acoustics, die am 1. Juli auf dem Lattenplatz verspätet in ihre Saison starten. Endlich mal wieder. 

Übrigens: Anne und Markus haben die Klub.K-Kommunity gegründet. Für einmalig 50 Euro erhalten Mitglieder viele tolle Goodies — und zugleich reichlich Karmapunkte für ihren Club-Support.

Follow my blog with Bloglovin

Follow Biggy Pop on Instagram

Follow Biggy Pop on Facebook

Krach+Getöse — viel Neues beim Hamburger Newcomer-Preis

Krach+Getöse, Newcomer, Award, Preisverleihung, Pokale, Pferd

Es tut dieser Tage immer wieder in der Seele weh, die Wunderlandschaften des Pop nicht live und in Farbe besuchen zu können. Und noch mehr zieht es am Herzen, wenn solch eine kunterbunte Musikwelt das erste Mal vor Publikum hätte inszeniert werden sollen. Der Hamburger Newcomer-Preis Krach+Getöse wurde zwar in diesem Jahr bereits das zwölfte Mal vergeben. Aber bisher hatte die Ehrung tagsüber im kleinen Kreis stattgefunden und hatte eher die Anmutung einer liebevoll gestalteten Pressekonferenz. 2020 sollte alles anders werden. Wie anders, das hatten die Organisatorinnen des Verbandes RockCity Hamburg aber gewiss nicht auf dem Zettel. Corona, you know.

Eine große Abendgala hätte es werden sollen. Mit anarchistischem Dreh, mit Talk, Jubel und natürlich Musik. Eine schöne Ahnung, wie wunderbar popkulturell verwunschen und informativ inspirierend die ganze Sause hätte sein können, zeigte sich nun diese Woche. Die Krach+Getöse-Preisverleihung ging wie geplant im Nochtspeicher auf St. Pauli über die Bühne. Allerdings verlief die Show aufgrund der Hygienemaßnahmen frei nach dem Deichkind’schen Slogan: Hauptsache nichts mit Publikum. Menschen gab es nichtsdestotrotz. Tolle obendrein.

Gala-Show als Streaming-Format

Vielkönner Miguel Martinez moderierte den Award gemeinsam mit meiner grandiosen NDR-Kollegin Siri Keil, die wie ich zum Team der Sendereihe Nachtclub Überpop gehört. Ein charmantes wie blitzgescheites Gespann.

Krach+Getöse, Newcomer, Award, Preisverleihung, Siri Keil, Miguel Martinez, Moderation

Als Streaming-Format, realisiert von der findigen Wilhelmsburger Produktionscrew Hirn & Wanst, ließ sich die Krach+Getöse-Verleihung überall ansehen. Ausgestrahlt wurde das Ganze auf der Plattform United We Stream, die eng mit der Clubkultur verwoben ist. Und eben genau vor einer solchen Spielstätte, eben dem Nochtspeicher, nahm das Moderationsduo die virtuelle Menge in Empfang. Ich bin ja keine Fashionbloggerin. Aber ein nachtschattig glitzerndes Top sowie ein Shirt von Künstler Stefan Marx sind schon sehr weit vorne. I’m starting to feel okay. 

Mehr als in Ordnung ging dann auch die Reise ins Innere des Nochtspeichers, mitten hinein ins Krach+Getöse-Refugium. Da spielte die Band Danube’s Banks um den Tresen drapiert Betörendes von Swing bis Balkan-Beats. Da tummelten sich Fuchs und Igel, Meerschwein und Frischling auf einem Flokati-Feld auf der Bühne. Und da umkreiste eine Kleinstkamera auf Modelleisenbahnschienen die begehrten Krach+Getöse-Pokale. 

Krach+Getöse, Newcomer, Award, Preisverleihung, Meerschweinchen, Frischling

Neue Preiskatergorien wie „Keimzelle New Music“

Im Gespräch mit Siri und Miguel erläuterte RockCity-Chefin Andrea Rothaug das Konzept des Preises, der in Kooperation mit der Haspa Musik Stiftung realisiert wird. Ein Jahr erhalten fünf Newcomer ein individuell zugeschnittenes Coaching-Programm, Studio-Slots, Auftrittsmöglichkeiten, Interviewtraining sowie je 1200 Euro Preisgeld. Im vergangenen Jahr habe ich bereits hier auf dem Blog über Idee, Ablauf sowie die Auswahl 2019 geschrieben. In Corona-Zeiten wird die Förderung durch Krach+Getöse neu justiert, erklärte Andrea. Hin zum Digitalen. Krach+Getöse könnte somit auch zum Experimentierfeld und Innovationsmotor werden, um angehende Musikerinnen und Musiker inhaltlich, ästhetisch und wirtschaftlich gut aufzustellen. Das ist wichtig. Denn wir brauchen — jetzt erst recht — kluge und kritische, empowernde und mitreißende Stimmen im Pop.

Neu in diesem Jahr war nicht nur die Gala im Pandemie-Korsett. Es sind auch einige Sonderkategorien hinzugekommen. Die Auszeichnung für die Rubrik „Keimzelle New Music“ ging an die Hoodkinder, die Hip-Hop-Kultur von der Straße in den Club bringen. Als „Musikprojekt mit Einsatz für Toleranz, Vielfalt und Respekt“ wurde die Agentur EQ Booking gekürt, die Ende 2019 auch den Hamburger Musikpreis gewonnen hatte. Und den Krach+Getöse-Publikumspreis für das beste Nachwuchskonzert bekam an die junge Popkünstlerin Tyna für ihren Auftritt im Logo am 14. November 2019. Im Gespräch mit Siri und Miguel erzählte sie unter anderem, dass sie sich für die Deutsche Depressionshilfe engagiert. Stark. Eine coole Lady, die ihre dunklen Seiten in Songs mit viel Rockpopwumms kanalisiert. 

Krach+Getöse, Newcomer, Award, Preisverleihung, Kanu, Andrea Rothaug

Apropos Musik: Als Intermezzo gab es live auf der Bühne Powerrap mit Haltung von Mariybu auf die Ohren, bevor Miguel und Siri dann die Hauptpreisverleihung präsentierten. Aber auch die lief natürlich im Corona-Style ab. Das heißt: Chefin Rothaug höchstselbst begab sich — ausgestattet mit Schutzanzug und goldener Mund-Nasen-Maske auf eine Roadshow, um die Pokale zu überreichen. Und zwar auf unterschiedlichsten Gefährten vom Kanu bis zum Bobbycar. 

Gewinner*innen von Neo-Soul bis zu avantgardistisch-entspanntem Sound

Nun aber Trommelwirbel! Die Awards gingen an: Neo-Soul-Sängerin Douniah, an M.Byrd mit seinem zeitlosen Gitarrenpop, an Singer-Songwriterin Friedo, Nina Chuba mit ihrem ultralässigen Pop und an die Band Monako mit ihrem ganz eigenen avantgardistisch-entspannten Sound. Sie machten das Rennen bei insgesamt 200 Bewerbungen. Ausgewählt hatte die fünf Newcomer eine Jury — bestehend aus den Musikerinnen Alin Coen und Ebow, der Musikberaterin, Veranstalterin und DJ Pamela Owusu-Brenyah, dem Produzenten Philipp Schwär sowie den Musikern Deniz Jaspersen (Herrenmagazin) und Jakob Amr (Leoniden). 

Nina Chuba, Newcomer, Award, Preisverleihung, Park Fiction
Gewinnerin Nina Chuba bei der Preisverleihungsroadshow im Park Fiction (Screenshot)

Ich hoffe, ich kann einige der gekürten Newcomer und Nachwuchskünstlerinnen demnächst persönlich kennenlernen und hier auf dem Blog näher vorstellen — mit ihren jeweiligen Sounds, Haltungen und Persönlichkeiten. Denn letztlich geht es ja um dieses ganz spezielle Gefühl, das sich beim Hören neuer Songs im glücklichsten Fall einstellt. Und das Jurorin Alin Coen so beschreibt: „Wenn die Musik tief ins Innerste dringt und dann als Gänsehaut wieder den Weg an die Oberfläche findet.“ Genau so. 

Follow my blog with Bloglovin

Follow Biggy Pop on Instagram

Follow Biggy Pop on Facebook

Musikszene Hamburg — die Sache mit dem Streaming

Human, Band, Hamburg, Konzert, Konzertreihe, RockCity, Karsten Jahnke, PM Blue, Quaratunes

Verflachen wir jetzt alle im 2-D? Gewöhnen wir uns an einen Konzertbetrieb vor dem heimischen Bildschirm? Die Füße hochgelegt. Die Erwartungen heruntergeschraubt. Der Kühlschrank nah. Die Menschen fern. Please don’t wake me. No, don’t shake me. Leave me where I am. I’m only streaming. 

In den vergangenen Wochen habe ich darüber unglaublich viele Gespräche geführt. Mit Freunden, Branchenprofis sowie mit Kolleginnen und Kollegen, etwa mit meinem Team beim Nachtclub Überpop auf NDR Info, wo wir seit Mitte März Sendungen zum Zusammenhang von Corona-Shutdown und Popkultur produzieren.

Werden die Leute nach der Pandemie anders ausgehen?

Wie muss sich die Musikszene in Zeiten von Corona neu erfinden? Werden die Leute nach der Pandemie anders ausgehen? Weil sie die Reduktion womöglich lieben gelernt haben. Und weil andere Formate das alte wilde Leben ersetzt haben könnten. Wird es überhaupt ein “nach der Pandemie” geben? Wird Post Corona bald ein neues Genre sein? Und wer ist dann überhaupt noch da, um Musik zu machen, zu veranstalten, auszuleuchten, abzumischen und zu versorgen? 

Die Akteure im Rampenlicht, also Musikerinnen, Sänger und Bands, sind von der Corona-Krise ebenso betroffen wie jene, die hinter den Kulissen arbeiten. „Die nächsten 100 Tage übersteht die Veranstaltungswirtschaft nicht“ — mit dieser Aussage ruft die Branche in der Nacht vom 22. auf den 23. Juni zur „Night Of Light“ auf. Gebäude sollen dann rot angestrahlt werden, um auf die prekäre Lage von Spielstätten, Event-Agenturen, Messebauern, Caterern, Technikdienstleisterinnen und Dekofirmen aufmerksam zu machen.

Aktion, Barkombinat, Mutter, Juni 2020, Corona, Protest, Hamburg, Senat, GastronomieGanz aktuell hat das neu gegründete Barkombinat in Hamburg diesen Freitag Kneipen und Kaschemmen in Hamburg wie etwa die Mutter an der Stresemannstraße verhüllt. Zu sehen ist da nur noch ein Schild mit der Frage: „Für immer zu ab 2020?“ Die Einschläge kommen spürbar näher. Das ist absolut bitter und frustrierend. Die ersten streichen die Segel, etwa die Kneipe Landgang am Grünen Jäger („Kiosk, Cornern und jetzt Corona. Das schaffen wir nicht“) oder das Traditionsgeschäft Theaterkasse Schumacher in der Innenstadt. Seit 117 Jahren wurden dort Eintrittskarten verkauft. Corona beschleunigt die digitale Disruption. 

Streaming vom Trost bis zum Overkill

Ich muss an die ersten Tage des Shutdowns denken, als Popkünstlerinnen und Bands flugs kleine Sessions aus dem Wohnzimmer oder ihrer Küche gestreamt haben. Damals war das noch irgendwie neu und aufregend. Guck mal hier. Schau mal dort. Ach was, die auch. Dieses und jenes dann noch parallel. Mit dem Quarantäne-Buddy auf 1,50 Meter Abstand ließ es sich da ganz passabel aufs Sofa hocken. Gerne bei einem starken Cocktail. Denn es war die Phase, in der noch nicht absehbar war, wie sich die Fallzahlen hierzulande entwickeln würden. Zerstreuung war willkommen. 

Für das Hamburger Abendblatt schrieb ich über ein Streaming-Konzert, das der Singer-Songwriter Tom Klose am Samstag, den 14. März, gegeben hatte. Per Paypal Geld in den virtuellen Hut werfen und klatschen via Emoji. Das war anfangs gut und auch tröstend. Aber bald stellte sich bei mir eine Art Streaming-Overkill ein. Zwischen Gemeinschaftsbedürfnis und Aufmerksamkeitsökonomie, zwischen künstlerischem Ausdruck, Solidaritätsaufruf und Katastrophenkatharsis spielten und sangen unglaublich viele Musikerinnen und Musiker ins Internet hinein. Und das kostenlos. Eigenes Grab schaufeln oder im Licht bleiben, das war und ist eine der vielen Fragen.

Professionalisierung und neue Allianzen

Ein reales Konzertticket zu kaufen, das war früher auch eine Entscheidung für ein konkretes Ereignis, für eine Band, eine DJ, einen Club, einen Veranstalter, ein Label. Jetzt ließ sich auf einmal zwischen Konzerten hin- und herzappen wie im Fernsehen oder auf einer Dating-Plattform. Besser als gar nichts. Kleine Lichtblitze sowie wahrhaftige Momente hier und da. Und doch kein Ersatz fürs Analoge. Streaming-Konzerte, das bedeutet: Schnell nebenbei noch eine Mail schreiben. Mal eben ein Brot schmieren. Rock ’n‘ Roll geht dann doch irgendwie anders. Und Überhöhung durch Pop auch.

Sarajane, Singer, Quaratunes, Konzert, Streaming, Hamburg
Sarajane bei Quaratunes

Interessant finde ich, wie schnell sich das Streaming in den vergangenen drei Monaten professionalisiert hat. Wie einige Player übrig bleiben. Wie sich also die anfängliche Anarchie allmählich verflüchtigt und sich doch eher tradierte Strukturen der Branche im Netz reproduzieren. Das ist schlecht, zum Beispiel in Hinblick auf den Gender Gap und mangelnde Diversität im Popbusiness. Aber es gibt auch positive Effekte: Durchaus spannend wird es, wenn neue Allianzen entstehen. Wenn etwa das Clubkombinat Hamburg gemeinsam mit der Initiative United We Stream aus Hamburger Spielstätten sendet. Oder wenn sich die Interessengemeinschaft RockCity mit dem Veranstaltungstechniker PM Blue und dem Konzertveranstalter Karsten Jahnke zusammentut, um bei dem Format Quaratunes bekannte und unbekanntere Acts der hiesigen Szene zu präsentieren. Und um Spenden einzusammeln.

Solidarität statt Schweiß

Gestreamt wird im Fall von Quaratunes qualitativ hochwertig aus einer Industriehalle im Hamburger Süden. Und um die Liebe zu Konzerten weiter lodern zu lassen, taugt Streaming in diesem Fall dann doch. Ich habe mich gefreut über vertraute Akteurinnen wie Miu und Sarajane auf der Bühne und Ole Specht von Tonbandgerät als Moderator. Ich habe die DJ- und Rollschuhkünste der Rollerskate-Jam-Crew bewundert. Und ich war begeistert, als die Kulissenbauer die von mir geliebte Frau Hedi (in Ansätzen) nachgebaut haben: Auf der Party-Barkasse hätten die Beatbrüder The Honey Riders eigentlich ihre Album-Release-Sause gefeiert. Nun eben mit Abstand vor separiertem Publikum online mit Soli-Schnaps-Bestellung per Mausklick. Ja. Besser als nichts. Doch schöner wäre Schweiß gewesen, Seegang und seeliges Schunkeln.

Streaming, Swutscher, Band, Molotow, Juni 2020, Corona, Konzert
Swutscher im Molotow

Aber ach. Immerhin lässt sich weiter Neues entdecken. Diese Woche Donnerstag zum Beispiel die Hamburger Band Human. Während die Brachialbarden von Swutscher in Schwarz-Weiß im Molotow auftraten, gab das Duo ein Streaming-Konzert bei Quaratunes — gemeinsam mit The Kecks, die ich ja vor kurzem erst für diesen Blog interviewt habe.

Die Hamburger Band Human bei Quaratunes

Das Duo Human hat sich 2016 gegründet und spielt Alternative & Synth Pop, der stark geprägt ist durch dynamisches Schlagzeugspiel sowie einen eleganten Wechsel von Gitarre und Synthesizern. Gut gefallen bei der Quaratunes-Sessions hat mir zum Beispiel der Song „Rich But Broke“. Ein dunkles Pathos, das am Inneren zieht. Eine dringlich drückende Gitarre. Und fein abgestimmter Harmoniegesang. Zudem eingesprengte Stimmen aus dem Off. Ein schöner Hauch von Apokalypse. Untermalt von Visuals aus farbigem Nebel. 

Das Duo erzählt dann noch, dass sie den Lockdown zum Songschreiben genutzt haben. Ich hoffe, die Band dann auch mal live erleben zu können. Noch ist ungewiss, ob sie ihre Tour durch Frankreich, Holland, England und Deutschland im Oktober werden spielen können. 

Human, Band, Hamburg, Streaming, Konzert, Konzertreihe, RockCity, Karsten Jahnke, PM Blue, Quaratunes
Human bei Quaratunes

Ein Vers aus den Songs von Human schwingt nach: „Did you have a good life, before you die — enough to base a movie on?“ Eine gute Frage, über die ich in der ein oder anderen Form gerade in der Corona-Isolation selbst verstärkt nachdenken musste. Wie lebe ich mein Leben? Wie priorisiere ich? Habe ich genug Gelegenheiten genutzt, als es noch möglich war? Und jetzt, wo sich alles langsam lockert, was will ich da machen — und was nicht?

Das Spelunkige streamen: DJ-Sets aus dem Komet

In Sachen Streaming habe ich gemerkt, dass sich bei mir einige Favoriten herauskristallisiert haben. Vermutlich dem Selektionsprozess bei der einstigen realen Konzertfülle nicht unähnlich. Toll fand und finde ich kleine charmante Projekte, die einen besonderen Spirit transportieren und ein gewisses Community-Feeling herstellen können. Fantastisch funktioniert hat für mich diesbezüglich das DJ-Set-Streaming der Musikbar Komet.

Komet, Musikbar, Hamburg, Twitch, Streaming, Juni 2020, Corona

Irgendwie hat Betreiber Baster es geschafft, das Spelunkige seines Ladens aus der Erichstraße auf St. Pauli auf die Plattform Twitch zu transportieren. Schön skurrile Deko, grandiose Musik von Soul bis R ’n’ B, zudem beherzte Publikumsinteraktion via Chat und mit in die Kamera gehaltenen Zetteln. Herrlich. Nach wie vor lässt sich übrigens für den Erhalt der Bar spenden. Und der Komet hat seit vergangener Woche auch testweise seine Türen wieder geöffnet.

Ganz langsam wieder hinaus- und auszugehen, das fühlt sich dann auf einmal neu und aufregend an. Ich bin sehr gespannt, wie wir uns künftig verhalten werden zwischen real und digital. 

Follow my blog with Bloglovin

Follow Biggy Pop on Instagram

Follow Biggy Pop on Facebook

Ich vermisse das gute wilde Leben – ein Zwischenstand

St. Pauli, Hamburg, Band, Musik, Rock 'n' Roll, Davidstraße, Bars

Wie lässt sich das Vakuum füllen, das durch den Ausfall des guten wilden Lebens entsteht? Es gab die Schockstarre im März. Es gab Versuche, sich zu orientieren. Und es gab einen April, der wie ein Fingerschnippen verging zwischen Corona-News, Arbeiten und Adaption. Jetzt, im Mai, habe ich das Gefühl, ein Plateau erreicht zu haben. Einen Zwischenstand. Ich habe mich gewöhnt an reduziertere Tage. Es geschieht weniger. Zumindest äußerlich. Der Input, die Inspiration und Irritationen, die Konzerte und Nachtleben in sich bergen, sind etwas Dahinfließendem gewichen. Etwas Ruhigem und Innerlichem.

Statt auszugehen lese ich stundenlang. Romane sind zu meinem Surrogat geworden für das, was gerade nicht ist. Ich verschlinge Geschichten, die mit Musik zu tun haben. L.A. in den den 70er („Daisy Jones & The Six“). Hamburg in den 90ern („Harte Jungs“). New York in den Nuller-Jahren („How to kill a rock star“). Chemnitz in den 2010er-Jahren („Superbusen“). Mit all diesen Büchern ziehe ich durch Kaschemmen und Clubs. Ich diskutiere mit ihren Figuren an imaginierten Tresen die Songzeilen von fiktiven Bands. Ich betrinke mich zwischen den Zeilen und nüchtere im nächsten Kapitel wieder aus. 

Zustände, die uns zusammenhalten

Dieser erfundene Rock ’n’ Roll lenkt mich ab von realer Melancholie. Und die Freude an der popkulturellen Dichtung lässt mich kurz das Entsetzen über absurde Verschwörungserzählungen vergessen. Wort für Wort wird mir beim Lesen zudem klar, was ich in dieser neuen Wirklichkeit vermisse. 

Ich vermisse es, an einen Ort zu kommen und nicht genau zu wissen, was passiert. Sich auf ein Abenteuer einzulassen. Sich neu erfinden zu können. Ich liebe es, am Anfang des Abends in einen Club zu gehen. Und der Saal riecht noch nach den Aufregungen der vergangenen Nacht. Oder Stunden später in eine Bar zu stolpern. Und alles schlägt einem entgegen: Songs und Stimmen und Rauch und Überschwang. Ich merk was auf der Haut und das macht Sinn. Schnaps in den Fugen des Tresens. Schweiß in der Luft. Zustände, die uns zusammenhalten.

Ich vermisse die ganze himmelhochjauchzende Eigendynamik

Ich vermisse es, mich in eine Ecke zu schieben und mir all die Gesichter anzuschauen. Dicht an dicht. Wie sie sich durch die Lautstärke anschreien. Sich gerade die Welt erklären. Oder ihr Leid klagen. Oder ihre Euphorie teilen. Ich mag es, wie Gespräche ins Absurde abgleiten. Und dann unterbrochen werden, da der DJ dieses eine Lied auflegt, das keine Unterhaltung duldet.

Ich vermisse die Blicke und die Konfusion und die Körpersprache und die ganze himmelhochjauchzende Eigendynamik. Berühren und sich berühren lassen. Wie alle Menschen in der Nacht feine Fäden spinnen und diese über Tanzflächen, Tresen und Treppen ziehen, durch Straßen und Hinterhöfe, bis ein wunderbar chaotisches, alles verbindendes Knäuel entsteht. 

Die kulturellen Katalysatoren abhanden

Ich vermisse es, auf der Tanzfläche zu stehen. Von Licht und Dunkelheit geschluckt zu werden. Und dann setzt ein zigfach gehörtes Stück ein. „Red Eyes“ von The War On Drugs zum Beispiel. Da ist dieser treibende, aber noch verhaltene Beat. Und dann nach fast zwei Minuten explodiert die Musik und eine Moment lang ist da dieses Glück, absolut präsent zu sein und sich doch selbst vergessen zu können. 

Die kulturellen Katalysatoren sind uns derzeit abhanden gekommen. Ich vermisse es, einen Musiker auf der Bühne zu sehen, der wie ein gefallener Engel singt. Seine Verletzlichkeit zu spüren und meine eigene zu erkennen. Ich möchte wieder einer Band zuhören, deren Chemie beweist, dass mehrere Leute gemeinsam viel mehr sind als die Summe der einzelnen Teile. Ich will von einem Sound durchdrungen werden, dessen Wucht und Schönheit auf etwas Größeres verweist. Energie, Hoffnung, Freiheit. 

Wie alles weitergeht

Immer wieder wird in den vergangenen Wochen betont, dass Pop und Kultur ebenfalls systemrelevant sind. Ich merke jedenfalls, dass sie relevant für mein System sind. Ich  bin unsicher, aber gespannt und auch optimistisch, wie das alles weitergeht. Bis dahin ist es wichtig, zu vermissen. Denn mit diesem Gefühl lässt sich anknüpfen an die Zukunft.

Follow my blog with Bloglovin

Follow Biggy Pop on Instagram

Introducing The Kecks: “Who gives a shit what is between your legs?”

The Kecks, Band, Hamburg, Rock, Indie Rock, Biggy Pop, Blog

Usually the articles on this blog are written in German. My main focus is on Hamburg’s music scene, so it makes sense for me to write about that in my native tongue. But when Samuel Telford contacted me and introduced his band The Kecks, he did so in English. And I thought: Why not? Let’s give Biggy Pop a little international spin! So I proudly present: my first blog post in English. It’s an interview with The Kecks, an energetic and smart up-and-coming indie rock band, based in Hamburg.

The Kecks just released their single “Modern Girls“ together with a great DIY video, shot at the Molotow music club in St. Pauli. The band members come from different countries — including Lennart Uschmann from Austria (vocals), Samuel Telford from Australia (guitar/backing vocals), Joel Phillips from Doncaster/Sheffield/UK (bass/backing vocals), Kai Weidle from Hamburg (drums) and, until recently, Corentin Neyran from France (drums). I talked to Sam und Joel about forming a band on a Flix bus, their nomadic backgrounds and approach to guitar music, the meaning of their latest single, pressure in the music business, like-minded bands, Hamburg as a pop music city, and rock ’n‘ roll in times of Corona. 

Enjoy!

The Kecks, Band, Hamburg, Rock, Indie RockLegend has it that you all met on a Flixbus to Berlin — on your way to see a concert. How exactly did this encounter happen? Did you immediately recognize all the like-minded rock ‘n’ roll people and just start talking?

Sam: Lennart and I were on our way there, and we saw Joel with his fantastic mullet drinking a beer at 10 am and wearing a Beatles shirt. Being an Australian, a spot of day drinking and a mullet draws me in like a moth to a flame! We ended up having a bit of a wild night and getting on really well and when it turned out Joel plays bass, we knew we’d completed our line-up.

The members of your band all come from different countries. How does that influence your approach to music?

Joel: If anything, I think it’s more the nomadic background of us all that actually brings us together. I think it takes a strange kind of person to completely uproot their whole life and take on the adventure of travelling the world chasing your passion. And I think that has given us all a very similar approach to making music.

Right now The Kecks focus on releasing singles rather than a whole album. Is that your fast-living punk attitude talking or the current mechanism of the music streaming business?

Joel: Yeah, I suppose it is that fast-living DIY punk ethic within us that has driven that sort of ethic. Wherever ideas take us, we tend to just strap ourselves in and ride it until the wheels come off. So it’s great to have the creative freedom to just explore everything without having the confines of trying to string a cohesive album together. At some point it would be great for someone to throw a chunk of money at us, so we could lock ourselves away for a month in isolation and completely live that album vibe and life. But for now it suits us to be able to jump from one idea to the next whenever the inspiration takes us.
Sam: It’s definitely something we think fits with the current model of the music business. The way people interact with and consume music changes all the time and staying realistic and working with that just seems to make sense to us. When I find a band I like, I’ll usually go check some live videos and either their most recent or debut album. So yeah, like Joel said, it would be great to have the chance to be in the studio for an extended period and focus on an album. But until that’s happening this way of recording and releasing suits us.

The Kecks, Single, Song, Band, Modern Girls, artworkIn the video for your latest single “Modern Girls” all the (male) members of The Kecks are transformed into women — and it doesn’t look very pleasant. What’s the idea behind this?

Sam: Yeah, a big part of the song is trying to understand what it’s like for the younger generations to have two lives: their actual life and another constant online life in which perfection and beauty are completely necessary. So this painful transformation was to acknowledge the struggle of people feeling like they are forced to change themselves for their online persona. Because the song dealt with that theme, we wanted it clear that we weren’t just pointing our fingers and saying ‘don’t do that’ or ‘this is wrong’ or anything so judgemental. So we figured the best way to demonstrate empathy was to put ourselves in similar circumstances.

You sing: “Imagine what it feels like”. So: What did it feel like to be put in women’s shoes, clothes and make-up?

Joel: To be honest it’s pretty much the most natural thing in the world for us. We all own bits of “women’s” clothing that we wear regularly and are all partial to a bit eyeliner and lippy — so it was just another day in the office for us.

“All you modern girls / got everything wrapped up in smiles” is another verse of that song. Do you think the pressure on female musicians is higher in the music industry — not only artistically but also regarding their appearance?

Sam: Although that lyric is not specifically about women in the music industry, it could definitely apply. There’s pressure and expectation on everyone in the music industry and in many genres it’s certainly higher for women. I think the musicians and artists we are drawn to (regardless of gender) are those that just flat out reject that notion and do whatever they want — like Cherry Glazerr, Gurr, The Kills, Moses Sumney, Bonavega, and Kirin J Callinan.
Joel: Definitely it’s harder for the women. Everything they do is shoved through a sexualised microscope. It’s kind of creepy to be honest. Things are definitely getting better but we’ve still got a long way to go. It shouldn’t even be a conversation we have to have. All musicians are artists, who gives a shit what is between your legs? It’s purely your art you should be judged upon.

In summer 2019 you released the song “Stick In My Throat“, which has a great indie rock and glam vibe. Where does your fascination for this particular sound come from?

Sam: It’s just that aspect of having fun and being a little over the top for the sake of it. I like to see a band or musician that really just enjoy what they’re doing.

How would you describe the The Kecks’ unique spin on guitar music?

The Kecks, Band, Hamburg, Rock, Indie Rock, Biggy Pop, Blog, Molotow, gig
picture by Charles Engelken

Sam: I’m not sure the guitarist should really answer this — haha. But I think it’s a combination of weird pedals, all of us writing together, and being influenced by classic guitar bands and some less obvious choices. I think my approach is to be some kind of mix between Matt Taylor from the Growlers, Shabaka Hutchings, and the Tekken 1 soundtrack.

Let’s talk about the name of your band: On the one hand, Keck is slang for ‘underpants’, on the other hand it means something like ‘to be about to vomit’. Both — well — interesting meanings. What’s the story behind it?

Sam: I think both meanings really represent how we sound, so it was almost an obvious choice — haha.
Joel: Well, we are pretty pants and our music is generally pretty vomit enducing, so I suppose that’s where it comes from — haha.

The Kecks are based in Hamburg. Does the city, its pop history, and today’s music scene have an impact on your sound and / or situation as a band?

Sam: Yeah, absolutely! Hamburg’s long history of being a trade city and welcoming and working with other cultures has made it such an open, tolerant, and fair city. It’s easy to feel comfortable here and then find other musicians and artists, go see shows and weird events. It’s got everything you need!
Joel: For sure, it’s a place steeped in musical history from The Beatles onwards, and there’s still a cool, punky DIY feel to St. Pauli, Schanze and of course the infamous Reeperbahn; so it definitely has an influence. Places like Molotow and Hafenklang have been super supportive right from the get go and it feels like a really good vibe to call home. Berlin is where all the people who think they are cool tend to congregate, but the cats that are actually cool are in Hamburg. It’s interesting without being pretentious.

You shot the video for “Modern Girls” at St. Pauli’s Molotow music club, close to the Reeperbahn. What’s your special connection to this venue?

The Kecks, Band, Hamburg, Rock, Indie Rock, Biggy Pop, Blog, Molotow, gig
picture by Charles Engelken

Sam: Molotow is just the club for us in Hamburg. It runs such great nights, hosts amazing bands both international and local, and the crew running it are all passionate and creative people. It really is a Hamburg institution and anyone who isn’t already involved in the #MolotowMustStay movement should check it out and get involved!
Joel: The venue is the absolute centre of the universe in terms of music in Hamburg. So many of our favourite bands tour through here regularly like Cherry Glazerr, Temples, The Blinders and Fat White Family, so it’s a constant source of inspiration. You always meet cool like-minded folks and, as I say, from a very early stage they have been super supportive of the band and helped us along with support slots, and they have been absolutely vital to us getting a vibe going. It’s basically our home from home.

We are living in strange times: Are you in any way able to use this exceptional state of the Corona crisis creatively, for example by writing new songs?

Sam: Yeah, for sure. We’re constantly sending voice recordings and demos to one another – I think at any given time there are about five songs in the works.
Joel: Weirdly it’s actually been pretty positive for us. It’s probably the most prolific song-writing period we’ve had as a band and all these weird feelings and emotions we are all experiencing are a great source of inspiration. It slowed things down a little as Lennart actually got locked down in Austria for a few weeks visiting home when they closed the borders, and with no way of getting back into the country. But now we are back to full strength and really on a good vibe.

The Kecks, Band, Hamburg, Rock, Indie Rock, Biggy Pop, Blog, Molotow, gigWe all miss the wonderful sweaty, messy, loud, live music feeling. What do you recommend to fight the craving for good old rock ’n’ roll while staying at home?

Sam: Turn all your lights off, spill some beer on your floor, play Iggy and the Stooges as loud as you can, and dance like a maniac.
Joel: King Gizzard and The Wizzard Lizzard were just Streaming a live concert “Chunky Shrapnel” which was an absolute trip! Unbelievable live band, so I’d encourage anyone to give that one a whirl! You can also watch back our live set from Molotow over on Facebook and YouTube, if you feel the need to give your ears a good beating for half an hour! TURN IT UP LOUD!

Follow my blog with Bloglovin

Follow Biggy Pop on Instagram

Frau Hedi multiplizieren: Zeigt Eure Party-Erinnerungen und bastelt die Barkasse

Frau Hedi, Hedi, Barkasse, Boot, boat, cruise, Party, DJ, Biggy Pop, DIY, Badewanne, Gitarrenmann, Rettungsring, Discokugeln, Party, Club, Szene, Musik, Music, Pop

Diesen Donnerstag hätte ich als DJ Biggy Pop meine Saison auf der Hedi begonnen. Frau Hedi, genauer gesagt. Jener Barkasse, auf der sich zu rock ‘n‘ rolligen Klängen über die Elbe schippern lässt. Schwimmender Club. Wogende Kaschemme. Nussschale der Herzen. 

Ich liebe es, zum Fluss herunterzuradeln. Meine Musik im Rucksack. An den Landungsbrücken 10 steige ich die schmale Treppe hinab. Die Hedi liegt leicht schaukelnd an der Innenkante. Die famose Crew wuchtet gerade Bierkisten, Flaschen und Eis an Deck. Ahoi und Hallo, Umarmungen und Handschläge. Ein kleines feines Nachhausekommen, ein Nachdraußengehen nach dem Winter, der zwischen Wänden verbracht wurde. Zwischen den eigenen. Aber auch zwischen denen von Musikclubs, Konzerthallen und Bars. Das gute wilde Leben. Eine Art von Verbinden. 

Hedi ist eine menschenfreundliche, aber auch querdenkende Gastgeberin

Nach einem kleinen Soundcheck hätte dann der Einlass begonnen. Ich mag es sehr, wenn sich das Boot füllt. Den Leute steht diese Erwartung einer guten Zeit ins Gesicht geschrieben. Diese Vorfreude und Offenheit. Ich spiele gerne ein wenig Ankommensmusik, während die Hedi auf die Elbe hinausrollt. Am Dock 10 vorbei. Hin zu den Ecken, Winkeln und Schleusen im Hamburger Hafen. Positive Sounds sollen es sein, zu denen sich ein erstes Getränk bestellen lässt. „Wann strahlst du?“ von Erobique & Jacques Palminger ist zum Beispiel ein guter Song, um auf die spezielle Atmosphäre der Hedi einzustimmen. Denn die Hedi ist eine äußerst menschenfreundliche, aber auch querdenkende Gastgeberin. Ballermann ist ihre Sache nicht. Dafür das Schöne, Schräge, das alle Umarmende. 

DJ, Biggy Pop, Frau Hedi, boat, cruise, Hamburg, Harbour, Club, PartyIch schaue mir immer gerne an, welche Menschen an Bord sind. Was könnte ihr Herz erfreuen. Was bringt sie womöglich zum Tanzen. Spiele ich mehr Soul oder mehr Indierock oder mehr  Hip-Hop oder mehr Pop? Am liebsten ohnehin von allem das Gute. Zu Beginn einer Tour hängen viele erst einmal im Außen. Im großen Oh und Ah. Die Kräne und die Köhlbrandbrücke, die Schiffe und der Sonnenuntergang. Stunde um Stunde und Schnaps um Schnaps richtet sich die Aufmerksamkeit dann langsam nach Innen. 

Der Corona-Konjunktiv

Aus all den sehnsuchtsvollen Seeleuten wird nach und nach bestenfalls eine große schaukelnde Partycrew. Alle tanzen dann Walzer zu Peter Sarstedt oder klopfen sich mitsingend auf die Brust bei Queen. Sie liegen sich in den Armen bei Britney Spears oder schütteln ihr Haar zu Peaches. Die Enge des Raums. Das Auf und Ab. Der Blick auf die Lichter der Stadt. All das ist dann verdichtetes Glück. 

Dieses Jahr ist alles anders. Dieses Jahr ist alles ein großes Eigentlich. Hätte, würde, könnte. Der Corona-Konjunktiv. Doch um den Hedi-Spirit aufrechtzuerhalten, habe ich mir eine Aktion überlegt. Zur Freude aller, die das gemeinsame Feiern auf der Elbe vermissen. Und auch, um mir den ausgefallenen Auflege-Abend ein wenig zu versüßen.

Aktion diesen Donnerstag: die Hedi-Multiplikation

Lasst uns gemeinsam mit Frau Hedi durch das Netz schippern. Postet diesen Donnerstag (9.4.) ab 20 Uhr Eure Hedi-Erinnerungen auf Euren sozialen Plattformen. Auf Facebook, Instagram, von mir aus auch auf Twitter und was ihr sonst noch so nutzt. Eure Fotos und Filme aus den vergangenen Hedi-Jahren werden so am Donnerstag zum kollektiven Party-Törn. Und falls Ihr gerade kein Archivmaterial zur Hand habt: Erzählt einfach eine kleine Hedi-Anekdote.

Frau Hedi, Hedi, Barkasse, Boot, boat, cruise, Party, DJ, Biggy Pop, DIY, Badewanne, Gitarrenmann, Rettungsring, Discokugeln, Party, Club, Szene, Musik, Music, PopOder, tadaa: Bastelt Eure eigene Hedi! Ich habe zum Beispiel eine Tupperschüssel zu Barkasse umgebaut und in meiner Badewanne vom Stapel gelassen. Nutzt Tassen, Töpfe und Krimskrams. Baut die Hedi-Kloschlange mit Plüschtieren nach. Fabriziert ein DJ-Pult aus Keksen. Verkleidet Euch als Hedi-Kapitän. Die Kreativität ist so weit wie ein Fluss. Am besten noch: Lasst — wenn vorhanden — Eure Kinder die Hedi malen oder bauen. Die können das im Zweifelsfall ohnehin viel besser und bunter.

Neumodisch hieße diese Aktion wohl: Challenge. Irgendwie scheint alles eine Challenge zu sein dieser Tage: Fit bleiben, Abstand halten, Karaoke singen, die Nerven bewahren, an die Wand starren. Die Hedi ist aber keine Herausforderung. Die Hedi ist Freiwilligkeit, Freude, Laufenlassen. Deshalb soll das Ganze hier nicht Challenge heißen, sondern: Frau Hedi multiplizieren. Denn Frau Hedi multiplizieren heißt: Freude vervielfältigen. Also: Wenn Ihr ein Stichwort oder einen sogenannten Hashtag verwenden mögt, dann diesen: #frauhedimultiplizieren.

Die Musikszene unterstützen

Das Ganze ist natürlich ein hübscher Versuch. Teilt diesen Beitrag gerne und sagt es allen weiter. Mal sehen, ob jemand mitmacht.  Aber ich freue mich jetzt schon auf jeden einzelnen Beitrag — als Überbrückung, bis wir uns alle in der Realität wiedersehen. Mit Bier in der Hand und Seegang im Herzen.

Diese Aktion hat aber auch einen ernsten Hintergrund: Viele Hamburger Musikclubs, darunter auch Frau Hedi, sowie zahlreiche DJs, Musikerinnen und Musiker, Bands, Technikerinnen, Booker, Veranstalterinnen und andere Akteure aus der Popbranche sind vom Corona-Shutdown in ihrer Existenz bedroht. Lasst uns zeigen, dass dieses freiheitliche Leben in Clubs und Bars, auf Konzerten und Festivals nicht wie selbstverständlich aus unserem Leben verschwunden ist. Und wenn Ihr ein paar Euro auf Eurem Konto übrig haben solltet, dann spendet gerne, zum Beispiel hier: 

Hedi-Soli-Ticket
S.O.S. — Save Our Sounds: Spendenaktion der Clubstiftung
Support your local musician — Spendenaktion RockCity Hamburg

Follow my blog with Bloglovin

Hört die Signale: Lob an das Akustische in Zeiten von Corona

Holzfigur, Gitarre, Mann, Radio, Haus

Am Freitag lag ich um 8.45 Uhr noch im Bett und schaltete das Radio an. Europaweit spielten Radiostationen „You’ll Never Walk Alone“ von Gerry & The Pacemakers. Ein Zeichen des Zusammenhalts während der Corona-Krise. Wie die meisten war ich in dieser Woche damit beschäftigt, mich irgendwie an das neue eingeschränkte Leben anzupassen. Ein Schwanken zwischen Angst, Unsicherheit, Genervtsein, Pragmatismus und Optimismus. Als ich dann diesen Song auf Deutschlandfunk Kultur hörte, stieg tatsächlich ein Gefühl der Verbundenheit auf. Allein zuhause, zusammen in der Musik. Und ich musste darüber nachdenken, wie wichtig in Zeiten wie diesen das Akustische ist. 

Miu Friends Stay home screenshotMit #staythefuckhome gehen alle unterschiedlich um. Dennoch lässt sich in diesen aufreibenden wie merkwürdigen Tagen eine Besinnung auf Wesentliches ausmachen. Wer sich in häusliche Isolation begeben hat, freut sich über hörbare Signale, um irgendwann nicht bloß nach dem potenziellen Pfeifen in der eigenen Lunge zu horchen. Sei es nun beim Lauschen von Platten, Playlists oder Podcasts, beim Radiohören oder Telefonieren. 

Akustische Trostpflaster für den Verzicht auf das gute wilde Leben

Musikerinnen und Musikern sowie DJs kommt während des viel zitierten Social Distancing eine besondere Rolle zu. Einerseits sind sie vom Shutdown der Kultur in der analogen Welt besonders hart getroffen. Andererseits sind es genau all die grandiosen Popkünstler, die uns jetzt akustische Nahrung liefern. Sie streamen, singen und senden. Sie können nicht anders. Zum Glück. 

Tonbandgerät Band daheim ScreenshotDas akustische Online-Angebot wächst und wächst. Hörbare Trostpflaster für den Verzicht auf das gute wilde Leben. Aus Hamburg verschickt hinaus in die Welt und hinein in die Häuser. Der Musiker Tom Klose lässt seine „Quarantunes“ aus dem heimischen Studio ertönen und Soulsängerin Miu erschafft mit Freunden mal eben den funky Ohrwurm „Stay home“. Das Team von Michelle Records hält seine legendären Schaufenster-Konzerte auch ohne Publikum am Leben und Tonbandgerät spielt uns zu viert im Splitscreen eine umgedichtete Version ihres Songs „Ich komm jetzt heim“. Das Uebel & Gefährlich präsentiert im „Survivalmode-Livestream“ tolle Electro-DJs und das leere Molotow lädt zur Depri Disko. 

#coronaoke: Lasst uns albern und absurd sein, glamourös und wahrhaftig

Apropos Molotow: Eigentlich wollte ich am heutigen Samstag mit einer Freundin im Krug auf St. Pauli essen gehen und danach den Rock ’n’ Roll-Club der Herzen am Nobistor besuchen. Hoch oben in der Skybar sollte die Karaoke Trash Night mit Nik Neandertal und VJ Wasted steigen. Stattdessen schaue ich mir im Netz nun die Menschen an, die unter dem Hashtag #coronaoke die Songs anderer singen. Befeuert wird dieser akustische (okay, und auch visuelle) Trend von berühmten Charismatikern wie Robbie Williams. Motiviert von hunderten Herzen seiner Fans interpretiert er da in bestem Partymodus etwa „Staying Alive“ von den Bee Gees. 

Singen hilft, und zwar nicht nur bühnen- und kamera-erprobten Popstars. Lieber Klang in jeder Faser statt Panik im Kopf. Da ich derzeit auf die Proben mit meinem geliebten Country-Ensemble Octavers verzichten muss, habe ich zuhause auf dem Laptop einfach ein paar der unzähligen Karaoke-Videos angeschmissen. Singalong alone. Warum nicht. Lasst uns säuseln, schreien und schmettern. Lasst uns albern und absurd sein, traurig und pathetisch, glamourös und wahrhaftig, schön und schräg. Lasst uns einen vielstimmigen Chor bilden in dieser Stadt. Selbstzensur ist verboten. Lasst es raus.

21 Uhr: You’ll never klatsch alone

Zum Einstieg für das heimische Karaoke böte sich zum Beispiel „Islands In The Stream“ an, um sich vor dem soeben gestorbenen Kenny Rogers zu verneigen. Die Country-Ikone hatte den Song zusammen mit Dolly Parton eingesungen. Somit lässt sich das Ganze sogar mit verstellten Stimmen intonieren, falls ihr alleine zuhause seid. 

Und um 21 Uhr stellen wir uns dann kollektiv auf die Balkone und hängen uns aus den Fenstern für das wohl schönste und wichtigste akustische Signal während dieser Pandemie. Das Klatschen für all jene, die den Laden am Laufen halten. Für das gesamte medizinische Personal. Aber auch für die Menschen, die in Supermärkten oder für die Müllabfuhr arbeiten. So einfach ist dieses Geräusch zu erzeugen. Und so stark hallt es durch die Straßen. In meiner Nachbarschaft spielte jemand dazu Trompete. Vielleicht singen wir bald alle zusammen abends „You’ll Never Walk Alone“. Ich wäre dabei.

Die Hamburger Musikszene lässt sich durch Spenden unterstützen:

#coronaclubrettung des Clubkombinats
#musicsupporthh von RockCity

Zum Nachhören:

Nachtclub Überpop auf NDR Info zum Thema Karaoke mit den Gästen Nik Neandertal und Patrick Siegfried Zimmer, moderiert von Andreas Moll und yours Birgit Reuther aka Biggy Pop

Follow my blog with Bloglovin

Corona: Wie du die Musikszene jetzt unterstützen kannst

Holzfigur, Gitarre, Mann, Konzert, Corona, Watchparty, Streaming, Pop, Musikszene, Hamburg, Social distancing

„Und ich hab mich entschieden / ich werde alles dafür geben / für ein gutes wildes Leben.
(Tilman Rossmy und Dirk von Lowtzow: „Dieses gute wilde Leben“) 

Für uns, die wir Popkultur lieben, gehört es unbedingt dazu: sich glückselig in den Armen liegen, schwitzend tanzen, Blicke und Biere tauschen, Hände schütteln und Wangen aneinanderdrücken, das Offene und Bunte feiern, das Wilde und Verletzliche zelebrieren, zusammen singen und durchdrehen, crowdsurfen und die Musik emporheben, Oberflächen anfassen und uns tief berühren lassen. 

Musik verbindet, erst recht in den Zeiten von Corona

Nun hat sich die Lage bezüglich des Corona-Virus in den vergangenen Tagen hierzulande massiv verändert. „Social distancing“ ist das neue Schlagwort. Und auch bei mir haben sich Einstellung und Verhalten aufgrund der Ansagen von Medizinern und Behörden in dieser Woche gewandelt. Von „normal verhalten und Hände waschen“ hin zu der Frage: Wie kann ich mich und andere schützen? Wo gehe ich hin und wie viele Leute werden dort sein? Was ist vernünftig?

Um die Ansteckungsgefahr mit dem Corona-Virus zu verringern, pausiert auch in Hamburg derzeit an vielen Orten das kulturelle Leben. Es hagelt Absagen von Konzerten, Parties und Tourneen. Gerade für Akteure, Musikerinnen und Künstler ohne die Unterstützung von Staat oder Großunternehmen kann die Situation sehr schnell existenziell bedrohlich werden. Deshalb ist nun Solidarität gefragt. Damit aus „Social distancing“ keine Isolation der Herzen wird. Und damit das gute wilde Leben nicht langfristig verschwindet. Denn Pop, Clubs, Konzerte, Kultur, DJ-Sets, Tanzen, Raven, Feiern bedeuten: Freiheit. Vor allem aber: Musik verbindet. Auch mental. Emotional. Und genau diese Energie brauchen wir in unserer Gesellschaft. Immer wieder und jetzt erst recht. 

Daher hier sechs Vorschläge, wie sich die Musikszene in Zeiten von Corona unterstützen lässt:

1. In Da Clubspende

Du hast die Karten vom Konzert bereits vor Wochen gekauft? Und du hast das Gefühl, dass Du das Geld nicht gerade dringend selbst benötigst? Dann gib das Ticket nicht zurück, sodass das Geld dem Veranstalter als Kompensation erhalten bleibt. Danach kannst du dir das Ticket voller Stolz unters Kopfkissen legen und von der nächsten wilden Clubnacht träumen.

2. Shop around the clock: Merchandise und Tonträger kaufen

Du hockst zuhause im Corona-Einsiedelquartier und denkst: Jetzt ist der ideale Zeitpunkt, die Garderobe via Online-Shopping aufzustocken? Dann gehe nicht über Los und nicht auf die großen Plattformen, sondern begib dich geradewegs zum Online-Shop Deiner Lieblingsband und Deines favorisierten Clubs. Decke dich ein mit Shirts, Mützen und 1 a Hamsterkauf-Beuteln. Kaufe Poster und Prints, um dein Quarantäne-Quartier zu schmücken. Und, da war doch was, genau: Tonträger. Bestelle Platten, CDs und Tapes, um deinen Support  und deine Liebe auszudrücken. 

3. Stream a little dream with me

Dir fällt daheim die Decke auf den Kopf? Dann bietet es sich immer an, eine Runde durch die eigene Bude zu tanzen. Du hast zwar brav Tonträger gekauft (Punkt 2). Aber da Klicks und Hits und Verweilzeiten dieser Tage eben eine eigene Währung sind und (zumindest ein wenig) Geld bedeuten: Gehe auf Streamingplattformen und steuere die Band an, die du unterstützen möchtest. Oder entdecke direkte noch mindestens zwölf neue Darlings. Abonniere YouTube-Kanäle. Verteile noch mehr Facebook- und Instagram-Herzen als sonst. Erstelle Playlisten mit jenen Bands, die Gehör finden sollen. Dann: aufdrehen, abgehen und das Internet seine Zählarbeit machen lassen. 

4. Get the watchparty started

Du bist traurig, deine liebste Musikerin und einen voller Vorfreude erwarteten Popkünstler nicht live sehen zu können? Wie schön wäre es, das Internet neben all den Corona-Nachrichten mit Musik zu füllen. Die Idee: Bands, Sängerinnen und Musiker streamen ihre Konzerte und Sets von zuhause aus oder aus dem Proberaum in die sozialen Medien. Clubs zeigen Konzerte online. Diese Watchparties kombinieren sie dann mit einem Vergütungsmodell, zum Beispiel über die Spendenfunktion bei Facebook. Wenn alle Zuschauerinnen und Zuschauer einen Euro pro gespieltem Song geben würden, wäre schon einiges gewonnen. Und die, die gerade keine Kohle übrighaben, könnten die Show mit positiven Kommentaren befeuern. Denn zusammen ist man weniger allein.
Ob solche Aktionen unter dem Gema-Radar fliegen oder die Verwertungsgesellschaft da mal alle Augen zudrücken könnte, müsste geklärt werden. Was mich zu meinem nächsten Punkt bringt.

5. Information, Baby!

Du möchtest auf dem Laufenden bleiben, wie du der hiesigen Musikszene helfen kannst? Hamburger Pop-Institutionen wie das Clubkombinat, RockCity und die Interessengemeinschaft Hamburger Musikwirtschaft bemühen sich derzeit, auf die Situation der Branche während Corona aufmerksam zu machen. Sie koordinieren und unterstützen, sie liefern  rechtliche Informationen und bemühen sich, eine valide Faktenlage zu schaffen. RockCity ermittelt zum Beispiel gerade in einer Blitzumfrage, in welchem Ausmaß Musikerinnen, Bands, DJs, Veranstalter, Bookerinnen, Clubbetreiber und Festivalorganisatoren von der Corona-Krise betroffen sind. Der Verein erfragt etwa, wieviele Absagen einen Künstler bereits ereilt haben und wie hoch der vermutliche Schaden ausfällt. Diese Fakten sind wichtig, um bei den Regierungen von Bund und Ländern konkrete Summen zur Hilfe einfordern zu können.  

6. Ich glaub’ noch immer an Solidarity City

Du möchtest, dass „die da oben“ auch an die Popszene denken und nicht nur an die Auswirkungen auf den Dax mit X? An verschiedenen Stellen wurden Bund und Länder bereits dazu aufgerufen, in Zeiten von Corona vor allem freiberufliche Musiker, Popkünstlerinnen sowie Akteure aus der Branche zu unterstützen. Und Kulturministerin Monika Grütters hat bereits Hilfe zugesagt. Aber es ist gut und wichtig, mit Nachdruck zu zeigen, dass Kultur keine Nebensache ist, auf die sich langfristig verzichtet lässt. Auf der Seite Openpetition läuft derzeit zum Beispiel ein Aufruf des Sängers David Erler mit folgendem Ziel: „Hilfen für Freiberufler und Künstler während des Corona-Shutdowns“. Also: Suche dir einen Appell, den du für sinnvoll hältst, und zeige Flagge für die (Pop)Kultur.

Und überhaupt: Umarmt euch im Geiste und wascht euch die Hände, lasst eure Herzen weiter wild pochen und feiert die Musik. 

Follow my blog with Bloglovin

Deichkind in Hamburg – viral real

Deichkind, band, Hamburg, Arena, Concert, Performance, Electro, Pop, Hiphop

Sich ein Jahr vor einer Veranstaltung ein Ticket zu kaufen, ist merkwürdig und schön. Die Karten vom Konzert ruhen im Regal, werden allmählich überwuchert von Reisebestätigungen und anderen Papieren. Doch die Vorfreude ist immer da. Sie schlummert im Verborgenen.

In einem Jahr kann viel passieren. Es kann zum Beispiel ein neuartiger Virus ausbrechen, der die Erde noch schneller rotieren zu lassen scheint. Die Aufmerksamkeitsökonomie dreht am Rad. Und statt verrückt zu werden darüber, dass Europa gerade seine Humanität an der türkisch-griechischen Grenze verliert, werfen sich die Leute lieber ins Hamsterrad ihrer eigenen Ängste. Sie horten Pasta und Papier. Sie klauen Desinfektion und Atemschutz. Eingebildete Kranke, gefangen in hochtouriger Unlogik: Je schneller sie um sich selbst kreisen, desto mehr können sie das Außen ausblenden. Denn das Fremde lauert überall. Der fremde Virus. Die fremden Menschen. Nur schön abschotten. Hilfe.

Krawall und Remmidemmi statt Panik und Präventionsfantasien

In die lange Vorfreude auf das Konzert von Deichkind diesen Samstag mischte sich daher ganz aktuell ein neuer Wunsch: Wenn die Welt ultimativ irrational und hysterisch zu werden scheint, dann möchte ich doch bitte etwas erleben, das dieses Gefühl ins Positive verkehrt. Das all die ins uns schlummernden Übersprungshandlungen in einem Boom kanalisiert. Krawall und Remmidemmi statt Panik und Präventionsfantasien. Viral real.

Deichkind, band, Hamburg, Arena, Concert, Performance, Electro, Pop, Hiphop

 

Klar, ein Deichkind-Konzert löst nicht die Probleme der Welt. Es öffnet keine Grenzen und tötet keine Viren. Aber es feiert das Kollektive und die Vielfalt. Es desinfiziert das Herz gegen Idiotie. Deichkind, das ist die gute Sinnlosigkeit gegen die hässliche Sinnlosigkeit. Tanzen, Stampfen und Glitzern gegen Pöbeln, Aufpeitschen und Verriegeln.

Lars Eidinger, out of Kubus

Und um direkt mal mit den Erwartungen zu brechen, beginnt die Deichkind-Show in der Hamburger Barclaycard-Arena nicht mit einem großen Bang. Stattdessen betrachtet das Publikum minutenlang einen Film, in dem Deichkind-Maskottchen Lars Eidinger nackt an einem Seil baumelt. In blaue Farbe getaucht strauchelt sein Körper über eine weiße Leinwand. Ein Mensch malt sich halb willenlos, halb angespannt sein Leben. 

Lars Eidinger, film, paint, blue, art

Das so entstandene Gemälde hängt an der Bühnenrückwand, als sich der Vorhang lüftet. Vorsicht Kunst. Ja ja. Und das ist eine der großen wundersamen Effekte der kommenden zweieinhalb Stunden in dieser Halle, in der sonst Stars wie Helene Fischer und Santiano leicht Verdauliches präsentieren.

Deichkind, band, Hamburg, Arena, Concert, Performance, Electro, Pop, HiphopDa wird mal eben in einen wilden Rave eingebunden, was sonst unter nickenden Blicken im weißen Kubus der Deichtorhallen betrachtet werden könnte. Da ist Performance zu sehen, die sonst auf Kampnagel auf gut informiertes Kulturklientel trifft. Bitte denken Sie groß. Bitte denken Sie quer.

Wie verhalten sich Menschen zueinander?

Bunt besprühte und grell blitzende Tänzerinnen und Tänzer verzahnen und entwirren sich. Sie rollen auf Podesten aufeinander zu oder entfernen sich. Wie verhalten sich Menschen zueinander? Wenn sie „Endlich autonom“ sind. Wenn sie „Dinge“ und „Richtig gutes Zeug“ konsumieren können. Wenn sie sich womöglich nach dem Sinn des Ganzen fragen.

Deichkind, band, Hamburg, Arena, Concert, Performance, Electro, Pop, Hiphop

 

Bilder blitzen auf aus diesem von „1000 Jahre Bier“ befeuerten Happening. Deichkind-Philipp schiebt mit seinem Riesenrucksack über die Bühne. „Hab Hamsterkäufe gemacht“, sagt er. Doch statt Vorräten gibt das Monster-Prepper-Tool nur weißen Rauch frei. Menschen verausgaben sich auf Trampolinen. Sie strampeln und kommen nicht vom Fleck. Ein Schlauchboot und ein Fass scheinen die effektivsten Fortbewegungsmittel zu sein. Mit ihnen geht es durch die Menge. 

Deichkind, band, Hamburg, Arena, Concert, Performance, Electro, Pop, Hiphop, beer

Deichkind: abstrakt statt nass

Ich erinnere mich an ein Konzert von Deichkind im Jahr 2008 beim Dockville-Festival. Die Band hatte 1000 Halbliter-Dosen verteilt und zur kollektiven Bierdusche mittels Schütteln aufgefordert. „Wo bin ich? Schon am Limit?“ Eine schöne Sauerei, die in der Arena ausbleibt. Jetzt ist alles abstrakter. Weniger nass. Es gibt sogar ein Taschenlampenmeer, wie ich es zuletzt bei Sarah Connor an eben jener Stelle gesehen habe. Die Deichkind-Insignien vermischen sich mit denen der Halle. Dreieckshelme und Budenzauber for the people.

Lights, pop, concert, arena

 

Nach Dreiviertel der Show setzen bei mir kurz Ermüdungserscheinungen ein. Electro-Beballerung und Zitat-Gewitter haben den Akku leergezogen. Doch zum Finale ist er instant wieder aufgeladen. Ich freue mich über eine alte Bekannte, die Hüpfburg. Vor einigen Jahren beim Konzert von Deichkind in der Fabrik hat das aufblasbare Utensil noch die gesamte Bühne ausgefüllt. In der Arena ist sie nun eine Akteurin von vielen im Deichkind-Spieleparadies. Neben einem Scheißhaufen-Emoji und einer Kanone, die kurz zuvor T-Shirts in die Menge gefeuert hat. Wenn schon Kapitalismus, dann richtig kacke gut, oder was?

Deichkind, band, Hamburg, Arena, Concert, Performance, Electro, Pop, Hiphop

Ganz zum Schluss, als Gruß für die Heimfahrt, steht da auf der Leinwand: „Gute Nacht Kinder!“ Ja, danke, wir schlafen schön. Und vorher waschen wir uns noch die Hände.

Follow my blog with Bloglovin