Hurricane Festival 2019 — sunday I’m in love

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Auf Festivals gibt es häufig diesen einen Moment, der mich besonders berührt. Der mich  tiefer packt und zugleich leichter macht. Inmitten all des schönen Irrsinns auf freiem Feld mit Musik und Menschen. Beim diesjährigen Hurricane ereignet sich dieser Popglückaugenblick bei der Show von Christine and the Queens. 

Mit Freunden fahre ich nur für den Sonntag als Tagesgast zum alten staubigen Eichenring im norddeutschen Scheeßel. 1998 war ich das erste Mal beim Hurricane. Ich erinnere mich an Tocotronic und Pulp bei brütender Hitze. Die Feuerwehr duschte die Menge gegen den Hitzschlag. Und Jarvis Cocker verlor beim Tanzen auf der Bühne seine Schlappen. Seitdem hat sich das Open Air aufgepumpt. Mit fünf Bühnen, Riesenrad, Supermarkt, Sponsorenpräsenz und Gastroboom sowie 68.000 Gästen in diesem Jahr.

Sookee: bester Flow mit Message

Ein kommerzielles Grundrauschen, mit dem ich mich versöhne, sobald ich als ersten Act des Tages eine Künstlerin wie Sookee erleben kann. Gut gelaunt und im besten Flow haut diese Berliner Rapperin ihre bunten, queeren, antirassistischen Songs hinaus. Und als sie dann mit der wunderbar glitzernden Saskia Lavaux von Schrottgrenze „Hengstin“ von Jennifer Rostock im Remix singt, bin ich sofort drin im positiv aufgeladenen Festivalfeeling. 

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Viel Kritik hatte das Hurricane im Vorfeld eingesackt, nachdem bei der ersten Ankündigungsrunde für 2019 keine einzige Frau auftauchte. Das wirkte tatsächlich extrem piefig in Zeiten, in denen etwa das Primavera Festival in Barcelona ein tolles paritätisches Line-up hinbekommt. Doch der Veranstalter FKP Scorpio zog nach und hob diverse coole Ladys ins Programm. Darunter auch Grossstadtgeflüster, ebenfalls Ur-Berliner Gewächse.

Großstadtgeflüster: Out-of-bed-Boombox

Sängerin Jen Bender amüsiert uns hochgradig mit ihrer entspannten Out-of-bed-Attitüde. Eine lässig groovende Boombox in Batikshirt und Schlabberhose, die die Selbstironie mit großen Löffeln gefrühstückt hat. Ihr Electrorap fährt uns zusammen mit der Hitze dieses Sommertages in die Körper und macht alles shake shake shake. 

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Derart rhythmisiert ziehen wir mitten hinein in den Cloudrap und Ballerhiphop von Yung Hurn aus Wien. Fluffige Wolken hängen auf der Bühne. Und seine Stimme in selbigen. Watteweich verzerrter Gesang untermalt eine Show zwischen Machopose und Proletentum, Kitsch und Gaga, Trap und Schmäh. Muss ich nochmal drüber nachdenken, über das Ganze. Die Kids jedenfalls singen jede Silbe mit, während sie sich Wasser über die glühenden Köpfe kippen. Ich gehe an eine der vielen kostenlosen Trinkstellen und tue es ihnen gleich. 

Hurricane Festival: Das Ich von der Leine lassen

Festival heißt auch, sich den Gegebenheiten hinzugeben. Es bedeutet, Pommes mit sehr viel Soße zu essen. Ein Bier in der Sonne zu trinken und zu fühlen, es seien fünf. Und sich an den anderen Gästen zu erfreuen. An den absent Tanzenden und den im Schatten Dösenden. An den harten Kuttenträger, die sich mit Glitzer schminken. Und an den Mädelscliquen mit den Eddingtattoos. Sich ausprobieren. Das Ich von der Leine lassen. Freundschaft feiern. 

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Das mit dem Partymachen etwas zu streng genommen hat für meinen Geschmack Mike Skinner von The Streets. Ja, lieber Mike, wir alle lieben Dein Debütalbum „Original Pirate Material“ und sind Anfang der Nuller-Jahre hart dazu abgegangen. Aber den gesamten Auftritt beim Hurricane auf eine immer wieder angekündigte Minute zu reduzieren, bei der dann alle kollektiv ausrasten sollen, erschöpft sich als Running Gag dann doch ziemlich schnell. Der Schnellsprech war fresh wie eh und je. Da braucht es diesen sabbeligen Sprung in der Platte doch gar nicht. 

Wolfmother: wilde Locken aus der Ferne

Zur Erholung setzen wir uns bei den australischen Hardrockern von Wolfmother auf die verdorrte Wiese inmitten des Hurricane. Ein feines Durchpusten ist das. In der Ferne sehen wir die wilden Locken von Sänger und Gitarrist Andrew Stockdale auf der Leinwand schwingen. Das wenig druckvolle Konzert der Pathosrocker Interpol wiederum lassen wir von weitem vorüberziehen. Nicht alles hat immer Spannung. Und nicht jeder Sound passt in gleißendes Licht. 

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Was ich beim Hurricane jedoch völlig fasziniert aufsauge, ist — wie bereits erwähnt — die Show von Christine and the Queens. Über ein Porträt im Zeit-Magazin bin ich im vergangenen Herbst so richtig auf die Sängerin aufmerksam geworden. Der Artikel zitiert sie mit dieser hübschen Selbstauskunft: „Ich habe das Gesicht eines jungen Skateboarders, der gerade in die Stadt hineinrast und ein Bier zwischen seinen Fingerspitzen hält.” Großartig.

In ihrer Heimat Frankreich füllt Christine and the Queens Arenen. Beim Hurricane kann ich problemlos in die vorderen Reihen laufen. Interessant, wie sich ein Superstar wenige Hundert Kilometer vom Mutterland entfernt dann wieder ganz neu beweisen muss. Und das tut Héloïse Letissier alias Christine alias Chris dann auch. 

Christine and the Queens: Grenzen verwischen

Zu einem Mix aus 80s- und Electropop, Chanson und Funk liefert sie eine hoch konzentrierte wie unglaublich poetische Performance. Begleitet von einer knackig aufspielenden Band sowie sechs Tänzerinnen und Tänzern erschafft sie ein mitreißendes Musikdrama. Sie erzählt von einem Jungen, der Beyonce sein möchte. Sie inszeniert sich selbst als Mann, ist Michael Jackson und David Bowie. Sie singt von dem Gefühl, ein Freak zu sein. Hinaus zu wollen. Sich auszudrücken. 

Hurricane, Festival, Open Air, Music, Live, concerts, Christine And The Queens, The Cure, Sookee, Pop, Rap, Wave, RockIhre Songs und Choreographien verwischen Grenzen und offenbaren die menschliche Natur. Von verletzlich bis aggressiv. Christine selbst — klein, drahtig, geschmeidig, kurzhaarig, schmalbrüstig, ernst, breit grinsend, sexy, spröde — ist das Kraftzentrum inmitten dieses rhythmischen Panoramas. Der Tanz besitzt eine grandiose Dynamik: Synchrone Gruppenbilder, die immer wieder aufbrechen in individuelle Bahnen. Die Akteure vollführen kleine Szenen von Anziehung und Abstoßen, von Taumeln und Erhebung.

Besonders berührend verdichtet sich diese wunderbar vielschichtige Atmosphäre in dem Hit „Five Dollars“ mit seinem hymnischem Aufbau. Glitzernde Fontänen schießen in die Höhe. Christines Stimme schwingt sich empor, während die Sonne langsam untergeht. Die Haut kühlt sich ab, das Herz füllt sich auf. Ein Moment, in dem sich der eigene Körper mit Sound und Situation komplett verbindet. Alles ist aufgelöst. Alles ist eins. Das kann nur Livemusik. Eine Energie, die für dieses verklärte Strahlen in dreckverschmierten Gesichtern sorgt. 

The Cure: Besuch der alten Dame

Aufgeladen von dieser neuen Liebe laufe ich zur nächsten Bühne, um eine alte zu betrachten: The Cure. Robert Smith wirkt wie die freundliche schrullige Tante, die schon lange nicht mehr zu Besuch war. Die aber immer noch die besten Geschichten zu erzählen hat. Das Make-up ist dick und verschmiert aufgetragen. Ein paar Ketten baumeln exzentrisch um den Hals. Und wie sie sich freut, die Tante, die gesamte Sippe zu sehen. Und umgekehrt. Bestens bei Stimme beglückt uns Robert Smith mit seiner Band mit seinen nocturn verhangenen Smashhits: „Lullaby“, „Friday I’m In Love“, „Close To Me“, „Boys Don’t Cry“. 

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Gegen derart viel Glückseligkeit können die Foo Fighters als Headliner des Hurricane dann nicht mehr anballern. Wir winken Dave Grohl zu, während wir gen Ausgang laufen. Der Pop-Akku ist bis zum Rand gefüllt. Und wir tragen den schönen Schmutz des Festivals nachhause. 

Tolle Fotos vom Hurricane 2019 gibt es bei Sebastian Madej zu sehen.

Biggy Pop beim Watt En Schlick Fest 2018. Oder: Wie alles begann

Denn davon handeln wir

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Newcomerpreis verliehen: fünf Mal Krach+Getöse

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Die Stimme von Moses Schneider kommt vom Band. Aus dem Off können die Anwesenden im Kiez-Club Häkken lauschen, wie der Produzent all die Emotionen schildert, die er hatte, als er diesen einen Song das erste Mal hörte. Der raue Druck, der ihn von Anfang gepackt hat. Die bange Frage, ob die Musik ihn weiter mitnimmt. Die Euphorie, als die Energie anhält. Und die Enttäuschung, dass das Stück nach gerade einmal zwei Minuten abrupt endet. 

„Ich biete Euch an, die zweite Hälfte des Songs mit Euch zu produzieren“, erklärt der akustische Schneider dann noch. Eine feine Offerte von jemandem, der immerhin für so tolle Alben wie „Pure Vernunft darf niemals siegen“ von Tocotronic oder „DMD KIU LIDT“ von Ja, Panik verantwortlich zeichnet. Und genau darum geht beim Hamburger Nachwuchspreis Krach+Getöse, zu dessen Jury Moses Schneider dieses Jahr zählte: Die Hamburger Popinstitution RockCity bringt blitzgescheite und unbedingt offene Musikprofis in Kontakt und Komplizenschaft mit jenen, deren Kunst gerade erst hochkocht. 

Krach+Getöse, Professionalisierungsinterface für Musik aus Hamburg

Ein Jahr lang werden fünf Bands aus der Hansestadt bei Krach+Getöse gedreht und gewendet, gecoacht und gepusht. Sie erhalten Festival-Spots und Studio-Slots, Liebe, Know-how — und jeweils 1200 Euro Preisgeld. Auf dass sie dann bald bei möglichst vielen Hörerinnen und Hörern die von Moses Schneider beschriebenen Gefühlsschübe auslösen können. Auf dass sie in uns nachhallen und uns amüsieren, irritieren, verwandeln.

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Gekürte, Jury und RockCity-Team im Häkken, fotografiert von Tim Rosenbohm (ebenso Titelbild von Summer & the Giantess)

„Ob Haiyti, Ilgen-Nur, Tonbandgerät, FUCK ART, LET‘S DANCE! oder Sarah and Julian – Krach+Getöse ist das Professionalisierungsinterface für junge Musik aus Hamburg. Wir finden die Trüffel und alle helfen mit“, formuliert es RockCity-Chefin Andrea Rothaug. Im elften Jahr verleiht sie mit ihrem Team in einer Kombipackung aus Award-Show und Presse-Konferenz diesen praxisorientierten Preis — unterstützt von der Haspa-Musikstiftung. Krach+Getöse ist für mich im besten Sinne ein kreativer Hochofen, der immer wieder für glühende Popherzen sorgt.

Summer & the Giantess: Auftakt für eine divers klingende Gewinnerriege

„Das sind meine Gewinner“, wusste Krach+Getöse-Juror Moses Schneider jedenfalls sofort. Eine intuitive Klarheit, die sich mit warmer Wucht im Bauch ballt, wenn Musik einen unmittelbar anspricht, erwischt, lodern lässt. Der Sound, der Schneider begeisterte, stammt von dem Hamburger Trio Summer & the Giantess. Da ich selbst die meisten Menschen mit meiner Körpergröße überrage, bin ich natürlich schwer angetan von dem Bandnamen. Und tatsächlich betritt da eine hochgeschossene Lady mit dunklem Flair flankiert von zwei coolen Typen die Bühne. Das ganze Ensemble schreit: We are a fucking band. Fantastisch. Zwischen Alternative Rock und New Wave changiert ihr Sound.

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Gewinnerin Deine Cousine und Jurorin Malonda, fotografiert von Tim Rosenbohm

Summer & the Giantess bilden im Häkken an diesem Mittwochmittag den Auftakt für eine hübsch divers klingende Gewinnerriege bei Krach+Getöse. Als da wären: Deep brodelnder Rap und RnB von Edwin Hosoomel, Juvil mit einem smarten Mix aus Electropop und Hiphop, merkwürdig umwerfender Hiphop von Spnnnk und Empowerment-Rock von Deine Cousine.

Sause mit Klassentreffenatmosphäre

Mit Herz und Hirn belobigt werden die Gekürten von weiteren Jurymitgliedern — von Ole Specht (Tonbandgerät), Sängerin Malonda, Tobias Künzel (Die Prinzen) und Mark Tavassol (Wir sind Helden / Gloria). Der Musiker betont mit Nachdruck, wie viel Vor- und Filterarbeit das RockCity-Team geleistet hat, bevor die Jury sich für Krach+Getöse durch die 250 Acts hören konnte, die zur Auswahl standen. 

Ich freue mich jedenfalls schon sehr darauf, die fünf Bands von bei Krach+Getöse im Laufe des Jahres einmal live zu erleben. Und im nächsten Jahr soll die Verleihung dann sogar abends mit Glam und Drinks stattfinden. Denn so schön die mittägliche Sause mit Klassentreffenatmosphäre ist, so schade ist es doch, dass die meisten dann doch bald zurückeilen müssen an ihre Schreibtische und Wirkungsstätten. Immerhin sorgt der obligatorische Kuchen für nachhaltigen Zuckerkick. Und der restliche Schub, der kommt von all der neuen Musik. 

Noch mehr Newcomer-Liebe:

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Trixsi im Molotow: Supergroup an Schnaps

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Ich mag es sehr, wenn es in Hamburg brodelt. Wenn eine neue Band in der Stadt auftaucht. Wenn immer mehr gute Leute darüber reden. In diesem Fall: Trixsi. Klingt wie der Punkername, den man in den 80ern gerne gehabt hätte. Wie ein Drink aus Brause und Schnaps, der noch erfunden werden will. Smells like teen spirit. Könnte schön und schmutzig sein. Trixsi, das ist womöglich auch die coole Kurzform von Trick Siebzehn. Lifehack an Musik? Hilfe und Hintersinn? Slapstick und Scheitern?

Das erste Konzert in der Astra Stube vor einigen Wochen hatte ich verpasst. Von daher gilt es an diesem Vorfeiertagsabend im Molotow herauszufinden, was es mit Trixsi auf sich hat. Natürlich hat sich das Brodeln um die Band in unseren überinformierten Tagen bereits auf das Internet erstreckt. Und die Kunde, dass da eine Art Punkrocksupergroup auftritt, hat das Interesse offenbar derart erhöht, dass das Konzert kurzerhand von der Skybar in den größeren Saal verlegt wird.

Wer ist denn hier verrückt?

Gegen 21.30 Uhr betritt Trixsi die flache Bühne im Molotow. In der Ankündigung ist von einer „Zusammenrottung Hamburger Gewohnheitstrinker“ sowie „Arbeiter-Rock, gespielt von kriminellen Faulenzern“ die Rede. Okay. Also, da wären als halbseidenes Malocherkollektiv: Paul Konopacka und König Wilhelmsburg von der Hamburger Indierockband Herrenmagazin an Schlagzeug und Gitarre, Kristian Kühl von Findus ebenfalls an der Gitarre, Klaus Hoffmann — ehemals bei Jupiter Jones — am Bass und am Mikro Jörkk Mechenbier, seines Zeichens Sänger bei Love A, Schreng Schreng & La La und — wie sich in dieser knackigen Dreiviertelstunde herausstellt — so etwas wie ein freundlicher Entertainerberserker. Pascow-Shirt, Tattoos in Edding-Ästhetik, Verschwitzt-Verschmitztes an Freddiemercuryschnurrbart.

Das Set beginnt mit „Autobahn“. Ein grob bretternder Song über die vermeintliche Freiheit auf vier Rädern. Die Texte gehen direkt ins Hirn, die Riffs sofort in jede Faser. Die Energie ist unmittelbar nervös und angenehm drüber. Es geht um merkwürdige Mechanismen in unserer Gesellschaft. Um Doppelmoral und Nihilismus. Und um die überreizte Künstlerexistenz im angeblich normalen Alltag. Wer ist denn hier verrückt?

Trixsi — „so wenig Set und so viel Abend“

Mechenbier wünscht Trauma und Tobsucht einen guten Morgen. Drahtseilakte, die das Umfeld mit offenen Mündern verfolgt. Das Publikum jedenfalls, das wird schnell klar, ist sowas von bereit, Trixsi in ihrem taumelnden Fallen aufzufangen. Trotz „so wenig Set und so viel Abend“, wie Mechenbier anmerkt, und erst einmal Schnaps ordert. Zur Überbrückung, zur Befeuerung. 

Vinyl-Singles gibt es auch zu kaufen für ’nen Zehner, herausgebracht von den Freunden von Rookie Records, den guten Hamburger Geistern für schönen rauen Sound. Überhaupt: die Musik. Wie lange gibt es die Band schon? Fühlt und hört sich an, als sei das nicht erst soeben hochgekocht, das ganze Ding. Toller abwechslungsreicher Wumms. Ein Song über jene, die sich abgehängt fühlen, digital und überhaupt, erinnert mich in seiner Dynamik an Nada Surfs „Popular“. Intensive Proklamation, melodiöse Ausbrüche. „Ab Morgen“ wiederum ist eine beschwingt krachende Indierock-Midtempo-Nummer. Ein Punk-Chanson zwischen Shouting und schön gesungen. 

„Als mir noch alles scheißegal war, war ich sieben oder neun“, singt Mechenbier dann später noch. Dieser Spirit weht mich an. Einfach mal zusammen Sachen machen. Zu spüren auch bei der Vorband. Da standen auf einmal fast komplett die eigentlich 2016 aufgelösten Findus auf der Bühne. „Wir sind… Wir wissen auch nicht, wer wir sind“, erklärt Sänger Lüam. Das Brodeln, es geht weiter. 

Zum Weiterlesen:

Interview mit Abramowicz zum Album „The Modern Times“: „Rock ’n’ Roll ist der beste Rat- und Haltgeber“

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Sarajane und ihr Album „Fuel“: Pop und Empowerment

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Es existiert ja diese neuzeitliche Redewendung „What would Beyoncé do?“, um  kleine und große Lebensaufgaben zu lösen. Um sich eine tägliche Dosis an Selbstliebe, Motivation und Großartigkeit abzuholen. In Bezug auf Hamburg und die Musikszene lautet für mich die Frage immer häufiger: „What would Sarajane do?“ Vor wenigen Tagen ist ihr zweites Album „Fuel“ auf dem eigenen Label McNificent Music erschienen. Hoch konzentrierter Treibstoff in Sachen Empowerment. Einmal volltanken mit Pop und Stimme, bitte.   

Sarajane ist so etwas wie ein Multifunktionsantrieb. Ich liebe die Social-Media-Storys, mit denen die in Hamburg lebende Britin ihre Arbeit als unabhängige Künstlerin flankiert. Klar ließe sich sagen: Das gehört halt dieser Tage dazu, online präsent zu sein. Sich zu vermarkten. Doch die Art und Weise, wie Sarajane ihre Community anspricht und im doppelten Sinne aufbaut, ist einfach smart und menschlich, energiegeladen und inspirierend.

Sarajane ruft dazu auf, sich gegenseitig zu unterstützen

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Sarajane, fotografiert von Annemone Taake (3)

Dabei trägt Sarajane keineswegs permanent eine rosarote Brille. Im Gegenteil. Ihr geht es darum, das Kopfsteinpflaster in Highheels entlangzulaufen, wie sie im Song „Cobblestones“ singt. Sprich: Hürden mit Stil zu nehmen. Daran zu wachsen. Und im Anschluss noch eigensinniger, reifer und schöner unterwegs zu sein. 

Jedes Mal, wenn ihre markante Haartolle und ihr wacher Blick in den Instagram-Storys auftauchen, freue ich mich auf eine aufmunternde Ansprache. Auf eine kleine aufrichtige Geschichte. Und auf Einblicke, wie Sarajane ihre Karriere in der Popbranche ohne eine große Plattenfirma im Rücken gestaltet. Ob wir sie nun im Studio oder in ihrer Küche begleiten, bei Konzerten oder auf den Straßen Hamburgs: Stets transportiert Sarajane, den optimistischen Vibe, mit dem ihr Album prall gefüllt ist. 

„You are fuel“ lautet ihre Devise. Das heißt: Sie ruft dazu auf, sich gegenseitig zu unterstützen. Zu pushen und zu supporten. Sich und andere nicht kleinzureden, sondern das Positive zu stärken. „Geh raus. Mach Dein Ding. Jede und jeder ist unterschiedlich. Das ist das Gute. Versuche nicht, jemand anderes zu sein. Wir brauchen dich so wie du bist.“ So lautet Sarajanes Botschaft. 

Sarajane, das ist Mission und Vision, Beat und Seele

Eine Popdiva zu werden (und schlichtweg Mensch zu sein), ist nicht bloß Glanz und Glitzer. Das lässt sich von Sarajane lernen. Sie erzählt von langen Arbeitstagen. Von Müdigkeit — und trotzdem weitermachen. Vom Videodreh während der Menstruation. Vom Adrenalinkick nach einem Auftritt. Sich Ängste eingestehen. Sich nicht ständig entschuldigen. Sich feiern. Wir kochen, tanzen und fiebern mit ihr. Ungeschminkt. Mit Make-up. Oder auf dem Weg vom Purem zum Glam. Sarajane, das ist Alltag und Euphorie. Mission und Vision. Beat und Seele. Und sehr viel Charakterstärke. 

Sarajane, Singer, Soul, R 'n' B, Pop, Hamburg, Album, Fuel, McNificent MusicMir gibt Sarajane als Persönlichkeit, mit in ihren Storys und ihrer Musik stets eine riesengroße Portion Schwung mit. Und zwar nicht flugs oberflächlich, sondern tatsächlich wie ein Treibstoffschub von Innen. „I would love for people to listen to it in the morning and get their groove on“, sagt Sarajane über ihr Album „Fuel“. Musik, die den Gang gerader und die Hüften geschmeidiger macht. Die den Kopf durchlüftet und das Herz weitet. 

Sound, der Pop von R’n’B über Reggae bis Electro auslotet

„Bullets Out Of Love“, ihre erste Single, verdichtet Sarajanes Message sehr gut. Zu Pianopowerpop an druckvollen Chören predigt sie mit viel Soul, all dem Hasssprech und der Negativfixierung mit Liebe zu begegnen. Entstanden ist dieser positive Protestsong während des G20-Gipfels in Hamburg. „Als ich in Hamburg-Altona in meiner Wohnung saß, die Helikopter über mir kreisten und der Gestank von brennenden Autos ins Zimmer zog, war ich so wütend auf den Zustand der Welt, das ich dachte, man muss jetzt was ändern“, erzählt Sarajane.

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Cover zu Sarajanes Album „Fuel“

Aufgewachsen ist die Sängerin als Älteste von sechs Geschwistern in einer britisch-deutschen Patchwork-Familie. Anzupacken, auf andere zu achten und Menschen Mut zu machen, wenn es ihnen nicht gut geht, sei daher zu ihrer Lebensaufgabe geworden. Deshalb wolle sie kraftvolle, stärkende Musik machen. Das ist ihr mit „Fuel“ — aufgenommen im Hamburger Hafenklang Studio sowie im Boogie Park — definitiv gelungen. Mit ihrer Band erzeugt sie einen vielseitigen Sound, der Pop von R’n’B über Reggae bis Electro auslotet. 

Ihre Stimme schillert tief in der Ballade „Guess Who’s Back In Town“. Sie tönt bluesrockig in einer Nummer wie „Get Up 10“. Und in „Do It Again Now“ betört Sarajane mit Beyoncé-esker Coolness. „Die Schlagkraft einer Rihanna mit dem Soul von Adele“ habe ihr Produzent diesen Stil genannt — in dem natürlich ganz viel Sarajane selbst steckt. Wenn sie singt, geht nicht lieblich die Sonne auf. Sarajane ist dann die Sonne selbst. Mit der Energie, andere zu verbrennen, die ihr dumm kommen. Dem Rest gibt sie reichlich ab von ihrer Wärme und ihrem Strahlen.

Mehr Empowerment:
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Interview mit Abramowicz zum Album „The Modern Times“: „Rock ’n’ Roll ist der beste Rat- und Haltgeber“

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Vor einigen Wochen schrieb mich die Hamburger Rockband Abramowicz an und erzählte mir von ihrem anstehenden Debütalbum. Damals steckte ich noch mitten in meinem Brüsseler Arbeitswohnprojekt, weshalb wir ein Interview per Mail verabredeten. Mittlerweile ist „The Modern Times“ erschienen. Ich bin zurück in Hamburg. Und Sänger und Gitarrist Sören Warkentin hat mir die Antworten auf meine Fragen geschickt.

Ich kenne Abramowicz seit Jahren als Hausband des Molotow. Auf ihrem ersten Longplayer zeigen die fünf Freunde, dass sie wesentlich mehr sind als die local heroes des heiß geliebten Kiezclubs. Gleichzeitig transportiert „The Modern Times“ sehr viel der glückseligmachenden räudigen Energie einer rock ’n’ rolligen Nacht.

Abramowicz Mitte Mai mitternachts im Molotow

„Alles in allem sprechen wir hier von einer Band, der ein Album voller wundervoller Geschichten, beeindruckend eingängiger Momente und vielen Gänsehaut versprechenden und authentisch mitten ins Herz treffenden Hits gelungen ist“, sagt Jörkk Mechenbier über das Album. Der Love A-Kopf ist neben diversen anderen Persönlichkeiten aus der Hamburger Musikszene im feinen Abramowicz-Video zu „This Is Not My City“ zu sehen.

Einen Artikel und eine Rezension zu „The Modern Times“ gibt es unter anderem zu lesen bei den Kollegen der „Visions“ (für die ich seit Kurzem ebenfalls schreibe). In diesem Monat sind Sören sowie seine Bandkollegen Niki Loew (Gesang, Bass), Nils Warkentin (Drums), Sascha Blohm (Gesang, Gitarre) und Finn Grunewald (Keys) zudem live auf Tour zu erleben. Ich jedenfalls freue mich schon sehr auf das mitternächtliche Konzert von Abramowicz am 11. Mai im — na klar — Molotow. Und zur Einstimmung gibt es nun das Interview mit Sören. Viel Spaß.

Sound und Gesang klingen auf „The Modern Times“ noch dringlicher und akzentuierter als auf der 2016er-EP „Call The Judges“. Mit welchem Impuls, welchem Ansatz seid Ihr an das Album herangegangen? 

Zunächst war klar, dass wir nach unseren ersten zwei EPs endlich ein komplettes Album schreiben und produzieren wollten. 2016 und 2017 waren wir so viel auf Tour, dass wir kaum Zeit gefunden haben, an neuen Songs zu arbeiten. Wir haben uns 2018 dann bewusst eine Auszeit vom Touren genommen, um die Platte zu schreiben. Wenn man von einem Ansatz sprechen möchte, dann ging es uns einfach darum, die bestmögliche Platte zu machen und alles aus den Songs rauszuholen. Wir haben keine thematischen Schwerpunkte gesetzt, weder in Bezug auf die Texte noch auf die Musik. Es war eher so, dass wir uns die Songs immer wieder vorgenommen haben und so lange daran gearbeitet haben, bis wir zufrieden waren. 

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Abramowicz, fotografiert von Sascha Lepp (3)

Fiel es schwer, Euer Debütalbum loszulassen — also zu sagen: Jetzt müssen die Songs auch mal hinaus in die Welt? 

Wir haben uns und unserer Musik einem Prozess ausgesetzt, der theoretisch endlos hätte weitergeführt werden können. Schreiben, umschreiben, verwerfen und so weiter. Wir sind aber definitiv eine Band, die den Fokus auf das Livespielen an sich legt. Von daher freuen wir uns auf die anstehende Tour und sind insofern eher froh, dass die Platte endlich das Licht der Welt erblickt hat. Auch wenn wir uns bewusst keine Deadline für das Schreiben der Songs gesetzt haben. Im Rückblick hätten wir wahrscheinlich einiges anders gemacht. Aber ich denke, da kommt man als Kunstschaffender nie raus. Abgesehen davon sind inzwischen ja auch einige Tage ins Land gegangen. Und es gibt Leute, die gar nicht mehr damit gerechnet haben, dass wir tatsächlich noch eine Platte veröffentlichen. Wir haben von verschiedenster Seite gehört, dass es eigentlich schon zu spät sei, ein „Debüt“ zu veröffentlichen, da all die Energie, die wir aus den ersten EPs ziehen konnten, verpufft sei. Aber da haben wir — nach dem Motto „gut Ding will Weile haben“ — immer drübergestanden. 

The Modern Times, Album, Debut, Abramowicz, Band, Indie, Rock, Rock 'n' Roll, Punkrock, Hamburg, Music, Scene, Molotow, Label, Radicalis, Interview, Sören Warkentin, Singer, GuitaristEurem Artwork nach zu urteilen sind „The Modern Times“ im wahrsten Sinne des Wortes zum Heulen. Wie kam es zu Titel und Covergestaltung des Albums? 

Wir haben nach etwas wie der Quintessenz des Albums gesucht. Dabei sind wir auf den Titel gestoßen, der auch in der Zeile „Welcome to the Modern Times – are you happy, are you satisfied?“ zum Tragen kommt. Ich betrachte mich als Texter eher als einen Beobachter und weniger als jemanden, der Dinge bewertet. In diesem Sinne drehen sich die Songs oft um Zustandsbeschreibungen. Auf dem Cover ist Saschas kleine Schwester an ihrem Geburtstag zusehen. Das Bild ist in den 70er-Jahren entstanden. Wir fanden das Kontrastierende, das dem Foto in Bezug auf den Titel innewohnt, super interessant. Mir ist klar, dass vieles von dem, was ich erzähle, so oder so ähnlich schon in früheren Zeiten gesehen oder erlebt wurde. Und wahrscheinlich wird sich das in Zukunft auch nicht ändern beziehungsweise wiederholen. Das Leben spielt dir Streiche und du begegnest Situationen, denen du dich nicht aussetzen möchtest. Ich denke, es ist ein Charakteristikum des Menschlichen, sich durchbeißen zu wollen. Und daran zu glauben, dass beschissene Situationen vorübergehen und die Sonne irgendwann wieder scheint. Uns ging es also nicht darum rumzuheulen. Eher darum, Hoffnung zu verbreiten. Vielleicht versuchen wir also nur, die tröstende Schulter des kleinen Mädchens auf dem Cover zu sein. 

Songs wie „Blood Red Letters“ oder auch „Mountains“ vermitteln für mich ganz stark: Ich kann nicht alles versprechen, nicht das perfekte Paket bieten, ich scheitere, mache Fehler, aber ich versuche es weiter, ich bleibe am Start und beginne zur Not immer wieder neu. Eigentlich auch eine gute Philosophie fürs Musikmachen, oder?

Ich denke, dass ist nicht nur eine gute Philosophie fürs Musikmachen. Wir leben heute in verrückten Zeiten, in denen alte Gewissheiten in Frage gestellt werden. In denen die Leute sich ihre Miete nicht mehr leisten können und das Klima auf den Kollaps zusteuert etc. etc. Jetzt könnten wir den Kopf in den Sand stecken und sagen: „Fuck it – wir sind am Ende“. Aber ich glaube, so tickt der Mensch nicht. Das gilt auf der gesellschaftlichen, wie auf der individuellen Ebene. Klar sind wir schwach, aber immer noch stark genug, uns unsere Schwäche einzugestehen.
Ich schreibe mir ständig irgendwelche Textschnipsel ins Handy, setze mich dann mit der Gitarre hin und gucke was passiert. Die Inspiration verknüpfe ich dann meistens mit Erinnerungen, die mir sagen, warum ich diesen Satz oder dieses Wort aufgeschrieben habe. 

Wie sieht die Rollenverteilung bei Euch in der Band aus? Wer schreibt die Songs, wer die Texte? Und, wenn Ihr mögt: Wer übernimmt Organisatorisches, wer sorgt für den Comic Relief etc.? 

Ich habe – ehrlich gesagt – keine Ahnung, was Comic Relief bedeutet. Bei uns sieht es auf jeden Fall so aus, dass meistens ich oder Sascha mit einer Idee in den Proberaum kommen und wir drauflos jammen. Manchmal entstehen dann schnell Songideen. Manchmal werden die Sachen einfach verworfen und wir kramen sie vielleicht irgendwann nochmal hervor. Auf der Platte sind Songideen zu Songs geworden, die schon älter sind als unsere erste EP. Was das Organisatorische angeht, sind wir schon viel professioneller geworden. Allerdings würde ich uns immer noch als eher chaotischen Haufen beschreiben. Deswegen hat es auch so lange gedauert, bis ich Dir auf Deine Fragen Antworten gebe. Sorry dafür! 

Wo, mit wem und wie lief die Produktion des Albums ab?

Als wir das Gefühl hatten, genügend Material für die Platte zu haben, sind wir ins Watt’n Sound Studio an die Nordsee gefahren und haben vier bis fünf Tage konzentriert daran gearbeitet, aus den Ideen Songs zu formen. Dann hatten wir insgesamt vier Vorproduktionssessions in Hamburg zusammen mit Paul Konopacka. Wir haben Songs live eingespielt, Paul hat alles roh gemixt und wir haben an den Songs gefeilt. Paul hat definitiv auch aktiv ins Songwriting eingegriffen und jeden Song noch besser gemacht. Die Aufnahmen an sich haben wir dann wieder im Watt’n Sound Studio gemacht — mit Kristian Kühl und Paul Konopacka. Ich glaube, wir waren zehn Tage an der Nordsee und danach ungefähr 14 Tage im Studio von Kristian in Hamburg. Während der Sessions hat sich nochmal vieles verändert. Wir haben ohne Ende Gitarrenpedale etc. ausprobiert und hatten Probleme, die richtigen Effekte wieder zu finden, als wir angefangen haben, für die Tour zu proben. Kristian, Paul und wir als Band haben versucht, das alles so entspannt wie möglich zu machen und eine freundschaftliche „Feel-Good“-Atmosphäre zu schaffen. Ich glaube, das ist uns auch ganz gut gelungen. Wir hatten in jedem Fall super viel Spaß, haben viel gelacht und viel getrunken. Good Times halt! 

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Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit der Schweizer Plattenfirma Radicalis, die ja erst 2018 eine Dependance in Hamburg eröffnet hat und erst seit Kurzem in die Labelaktivität eingestiegen ist? 

Wir kennen Alex Beyer, der einer derjenigen ist, die die Dependance eröffnet haben, schon seit unserer ersten EP. Damals hatte er zusammen mit Lukas Heger und Matthias Brinkmann das Label „Sportklub Rotterdamm“ gegründet und wir waren der erste Release auf diesem Label. Bei der zweiten Platte haben sich der Sportklub und Uncle M die Arbeit geteilt. Als es darum ging, das Album zu veröffentlichen, haben wir als erstes bei Alex angeklopft. Und zum Glück hat das alles mehr als gut funktioniert. Alex ist für uns sowas wie der große Bruder der Band. Aber alle Leute bei Radicalis, insbesondere auch Christoph Hallerberg, sind einfach großartig. Ich glaube, wir können einfach nur dankbar sein. Denn wir können sagen, dass die Jungs einfach einhunderprozentig hinter uns und unserer Band stehen. Das ist wirklich ein schönes Gefühl! 

Ein Stück wie „Brooklyn“ transportiert eine große Sehnsucht. Und in einer Nummer wie „Wild Rover“ singt Ihr im Chor: „We salute the night / to forget the day“. Lässt sich Rock’n’Roll, also das gute wilde, den Herzschlag beschleunigende Leben in den „modernen Zeiten“ überhaupt noch real leben? Oder ist Rock ’n’ Roll womöglich wieder mehr Gegenmodell denn je in unserer zunehmend durchgetakteten Gesellschaft? 

Vielleicht ist der Rock ’n’ Roll, wie wir ihn verstehen, gerade in diesen Zeiten der beste Rat- und Haltgeber. Und vielleicht glaube ich deshalb, dass er nie untergehen wird. Wenn wir diese Zeilen singen, wollen wir an das vielleicht manchmal Unvernünftige, aber dadurch Tröstende appellieren. Egal wie beschissen dein Tag war, für ein paar Momente hast du die Möglichkeit, davor abzuhauen. Für mich gibt es keine andere Form als die Musik, die das vermitteln kann. 

„You’ve been the first on the dance floor / and the last one to leave.“ Bei dieser Zeile kommt mir die Hamburger Rock ’n’ Roll-Instanz Molotow in den Sinn, mit der Ihr eng verbunden seid. Was bedeutet Euch diese Club-Heimat? 

Nils und ich arbeiten dort noch. Sascha war mal Hausmeister. Niki stand hinterm Tresen und Finn auf der guten Seite des Tresens. Außerdem hat uns der Laden früh die Möglichkeit gegeben, live zu spielen. Von daher sind und werden wir dem Laden immer verbunden bleiben. Abgesehen davon liefert das Nachtleben generell und das Molotow im Speziellen eine super Inspirationsquelle für Songs. 

„In the town for the rich and the famous / there will be no dirt no more“, heißt es im Song „Not My City“. Wie nehmt Ihr als Hamburger Band die popkulturelle Entwicklung in der Stadt wahr? Wird es härter, sich den schönen Schmutz und die subkulturellen Ecken zu erobern? Oder gibt es durchaus ein Bewusstsein, wie wichtig das künstlerische Leben jenseits von Elbphilharmonie und Musicals ist? 

In politischer Hinsicht muss das alles sicherlich problematisch bewertet werden. Wir hatten bis vor Kurzem, so wie 120 andere Bands, im Otzenbunker unseren Proberaum, der auf behördliche Anweisung hin dichtgemacht wurde. Ich glaube, dass viele Leute nach St. Pauli kommen, um diesen „schönen Schmutz“ zu erleben. Dass das alles aber nicht portofrei zu haben ist, wird gerne vergessen. Ich habe nichts gegen „hochkulturelle“ Stätten à la Elbphilharmonie. Man muss nur aufpassen, dass der Fokus nicht komplett verschoben wird. Und ich denke, dass niemand ein echtes Interesse an dem fortwährenden Ausverkauf der Stadt Hamburg und der Städte im Allgemeinen haben kann. Die echten Geschichten findet und erlebt man eben nicht hinter hochglanzpolierten Fassaden. 

Vielen Dank für dieses spannende Interview und Dein Interesse!

Merci für die Antworten — und die Musik!

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Arbeitswohnprojekt in Brüssel: Fazit — und alle Kapitel des belgischen Biggy Pop-Tagebuchs

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Wow. Schon ist unser Arbeitswohnprojekt in Brüssel wieder vorbei. Ich befinde mich auf dem Rückweg nach Hamburg. Und auch meine Freunde Julia vom Naturkosmetikblog Beautyjagd sowie Matthias vom Gastroblog Chez Matze sind bereits abgereist. Für mich waren die vergangenen Wochen auf mehreren Ebenen inspirierend, weshalb ich hier ein kleines Fazit ziehen möchte.  

Eine unserer Erkenntnisse: Ein anderes Leben ist möglich. Diese Einsicht ist zu großen Teilen durch unsere Unterkunft motiviert. Für unser Arbeitswohnprojekt haben wir uns in einer Fabriketage im Stadtteil Schaerbeek einquartiert. Unser Vermieter, der sonst in dem großzügig bemessenen und industriell geprägten Loft wohnt, ist von Haus aus Kulissenbauer fürs Theater. Und so lebten wir für eine Zeit in seinem Interieur, in seiner Gedankenwelt, seiner Aura. Allein diese andere Umgebung löste uns bereits aus gewohnten Bahnen heraus. 

Arbeitswohnprojekt zwischen Recherche und Stromerlust

Hoch interessant war, wie wir drei unsere Tage gestalteten. Welchen Arbeitsrhythmus die eine und der andere wählte. Und wie wir uns jeweils die Stadt erschlossen. Je nach Mentalität überwogen Recherche oder Stromerlust. Bei den gemeinsamen Mahlzeiten erzählten wir uns dann, woran wir gerade schrieben. Und was wir in den vielfältigen Brüsseler Vierteln alles entdeckt haben. 

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Beim Manneken Pis um die Ecke: Arlequin Records, Rue du Chêne 7, Bruxelles

Womit wir bei einem weiteren wichtigen Faktor bei solch einem Arbeitswohnprojekt wären: der Kommunikation. Die Grundvoraussetzungen waren gut: Drei Freunde, die sich lange kennen und mögen. Und zudem drei Menschen mit Erkundungsfreude, die das Soziale ebenso lieben wie das alleinige Unterwegssein. Damit wir jedoch nicht alle drei in unseren jeweiligen Fachgebieten und Leidenschaften einschrullten und herumnerdeten, haben wir  hin und wieder Workshops gemacht. 

Wozu inspiriert mich der Aufenthalt? Welche Aufgaben möchte ich in den kommenden Monaten anpacken? Welche Träume habe ich im Leben? Und was für gemeinsame Aktivitäten könnten aus unserem Arbeitswohnprojekt in Zukunft erwachsen? In kurzen Einheiten von zehn, fünfzehn Minuten brainstormte jede und jeder zu derlei Fragen schreibend für sich. Im Anschluss trugen wir unsere Assoziationen vor und gaben einander Feedback. Ein toller Pool an Impulsen. Mir gefiel diese Art von gesteuerter Kommunikation sehr, da sich so die Energie und Ideenfülle in unserem Arbeitswohnprojekt noch einmal ganz anders bündeln ließ.  Ich bedanke mich jedenfalls von Herzen bei Julia und Matthias für diese kreative Komplizenschaft, die gewiss ihre Fortführung findet.

Städteübergreifende Probleme für Kulturschaffende

Auf beruflicher Ebene bin ich nach wie vor hoch beglückt, wie bereichernd sich die musikalische Spurensuche in Brüssel gestaltet hat. Wie gut ich in den äußerst abwechslungsreichen Popkosmos der Stadt eintauchen konnte. Und wie offen die Szene samt ihrer Akteure ist. Diese Erfahrung bestärkt mich in meiner Philosophie, dass Musik eine ultimative verbindende Kraft besitzt. Dass sich Begegnungen oftmals unmittelbarer gestalten, wenn die Musik als Mittler fungiert. 

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Nahe der Halles de Saint-Géry: der Plattenladen Doctor Vinyl, Rue de la Grande Ile 1, 1000 Bruxelles, Belgien

Zugleich sind die Probleme, mit denen Kulturschaffende in Großstädten konfrontiert sind, oftmals ähnlich, stellte ich fest. Stadtteile werden gentrifiziert. Mieten steigen. In Brüssel ziehen deshalb viele Kreative derzeit in den Südwesten der Stadt, zum Beispiel nach Anderlecht. In dem rau charmanten Viertel eröffnete mit dem Volta etwa jüngst ein Musikzentrum: In einer alten Textfabrik finden sich Proberäume, Studios, eine Konzertbühne sowie Räume für Workshops. Ich habe es leider nicht bis dorthin geschafft. Aber ich brauche ja auch Gründe, um wiederzukommen. 

Die Welt erkunden mit Musik

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Beim Botanique: Balades Sonores, Rue Royale 173

Auch den unfassbar vielen Plattenläden in Brüssel ließen sich ganze Kapitel widmen. Ich habe stellvertretend in diesem Blogpost einige Fotos von Recordstores eingefügt, die ich in den vergangenen Wochen gemacht habe. Zudem gibt es am Ende dieses Textes noch eine Linksammlung, die komprimiert alle Artikel meines Aufenthalts aufführt. Mein Brüsseler Biggy Pop-Tagebuch sozusagen. 

Mich motiviert unser Arbeitswohnprojekt in Brüssel definitiv dazu, einerseits noch offener zu sein. Und andererseits meiner Intuition, meinem Know-how und meiner Stimme noch mehr zu vertrauen. Das mag zunächst paradox klingen. Aber für mich bedeutet dies im Idealzustand: Wenn ich in mir selbst zuhause bin, kann ich die Welt umso besser erkunden. Im besten Fall mit Musik, versteht sich.

Das Brüsseler Biggy Pop-Tagebuch

Kapitel 1:
Der Sound der Stadt — Brüssel und das Botanique (inkl. Konzert Alice Merton)

Kapitel 2:
Brüssel, ein Zirkus mit Musik (inkl. Konzert Rufus Wainwright)

Kapitel 3:
Tawsen — Pop und Rap aus dem Herzen Brüssels

Kapitel 4:
Kanal Centre Pompidou — von der Autogarage zur Kulturstätte

Kapitel 5:
Auf den Spuren von Jacques Brel — eine musikalische Tour durch Brüssel

Kapitel 6:
Indies Keeping Secret und Record Store Day in Brüssel (inkl. Konzerte von The Brother Brothers, Portland & Beautiful Badness)

Kapitel 7:
WBM belgische Popförderung, angesagte Bands & europäischer Geist (inkl. Konzert L’Or Du Commun)

Kapitel 8:
Introducing: Namdose, eine belgisch-französische Supergroup

Kapitel 9:
Introducing: Blu Samu, neuer Star aus Brüssels Hiphop-Boom

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Mitten in der Brüsseler City: Caroline Music, Boulevard Anspach 101

Introducing: Blu Samu, neuer Star aus Brüssels Hiphop-Boom

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Wer meine Arbeit als Musikjournalistin bereits länger verfolgt, der weiß, dass ich es liebe, Newcomer kennenzulernen. Ich finde es einfach hochgradig inspirierend, zu verfolgen, welche neuen Ideen und Inhalte, Sounds und Energien gerade entstehen.

Insofern freue ich mich sehr, während meiner Zeit in Brüssel Salomé Dos Santos alias Blu Samu zu treffen. Ihres Zeichens äußerst angesagte Sängerin und Rapperin, die Sprachen, Stile und Welten in ihrer hochgradig sympathischen und angenehm eigensinnigen Persönlichkeit vereint.  

Blu Samu, von Portugal nach Belgien

Wir treffen uns nahe des Clubs Ancienne Belgique im Café Moka. Dass ihre 2018 erschienene EP ebenso heißt wie dieser kleine verwinkelte Laden, sei Zufall, erklärt Blu Samu. Und sie blickt wach unter ihren wilden braunen Locken empor. Im Moka gebe es einfach den besten Cappuccino der Stadt. Und der Titel ihres ersten Albums? Der stamme von ihrer Großmutter in Portugal, wo sie bis zu ihrem sechsten Lebensjahr lebte. „Moka“ habe ihre Oma sie genannt. Weil sie eben halb Kaffee, halb Milch sei. 

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Blu Samu, fotografiert von Yaqine Hamzaoui.

Und schon befinden wir uns mitten drin in der Geschichte von Blu Samu. Dieser jungen und extrem talentierten Musikerin, die Soul und Hiphop so elegant zu verbinden weiß, dass einem Ikonen wie Lauryn Hill und Erykah Badu in den Sinn kommen. Die aber zugleich eine ungemeine Streetsmartness transportiert, was ihren Songs einen kantigen Dreh gibt. 

Den Großteil ihrer Kindheit und Jugend wuchs Blu Samu bei ihrer Mutter im flämischen Antwerpen auf, also im niederländisch-sprachigen Teil Belgiens. „Ich habe mich immer schon für Kultur interessiert — für Kunst, Musik, Design und Filme“, erzählt sie. Die ersten popkulturellen Einflüsse seien Hit-CDs gewesen, die ihre Mutter mitbrachte. Von diesen Best-Of-Samplern aus machte sich Blu Samu auf die Suche nach ihren musikalischen Vorlieben. Und landete bei Hiphop und Soul. 

Brüsseler WG mit einem halben Dutzend Rappern, DJs und Produzenten

Als 19-Jährige schrieb sie mit „Trapped“ ihren ersten Song. Und entdeckte die befreiende Kraft des Rap. „Ich habe vorher bereits Gedichte und Kurzgeschichten geschrieben“, sagt Blu Samu. Aber angetrieben von der Musik könne sie ihre Gefühle viel besser kanalisieren. „Ich war damals in einer wirklich üblen Clique unterwegs. Ich hatte Schulden und habe zudem einen wichtigen Menschen verloren. Ich wollte unbedingt raus aus dieser Situation“, erzählt sie. Erlebnisse wie diese verarbeitet die Künstlerin in ihren Lyrics. Hiphop helfe ihr, persönlich zu wachsen. Und: „Die Musik macht einfach unglaublich Spaß“. 

Vor drei Jahren zog Blu Samu nach Brüssel und tauchte direkt in die pulsierende Hiphop-Szene der belgischen Hauptstadt ein. Lange Zeit wohnte sie mit einem halben Dutzend Rappern, DJs und Produzenten in einem Haus im Viertel Laeken, sodass sie gemeinsam täglich an Beats und Versen basteln konnten. Nach wie vor kooperiert sie eng mit ihren guten Freunden von der Hiphop-Crew Le77. Und mit dem momentan extrem aufstrebenden Rapper Zwangere Guy. Auf dessen aktuellem Album „Wie Is Guy?“ rappt Blu Samu erstmals in der Sprache ihrer frühen Kindheit, auf Portugiesisch. Dunkel lässig groovend.

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Blu Samu, fotografiert von Hamza Seriak (3).

Die meisten ihrer Texte spricht und singt sie auf Englisch. Mitunter fügt sie französische Passagen ein. Die Sprache ihrer Jugend hat sie jedoch bisher nicht im Repertoire. „Ich mag nicht, wie meine Rap- und Gesangsstimme auf Niederländisch klingt.“

Was für ein künstlerischer Luxus, aus einem solchen Reichtum an Worten schöpfen zu können. Ein, wie ich finde, riesengroßer Pluspunkt der belgischen Musikszene insgesamt. 

„Wir möchten beweisen, dass wir nicht bloß ein Hype sind“

Gerade der Hiphop erlebt in Brüssel einen wahnsinnigen Boom. Die Atmosphäre unter den einzelnen Crews sei jedoch nicht von Konkurrenzdruck oder Egomanie geprägt, erläutert Blu Samu. Vielmehr unterstützen sich alle gegenseitig, um sich gemeinsam weiterzuentwickeln. „Wir möchten beweisen, dass wir nicht bloß ein Hype sind, der wieder vergeht. Wir wollen Hiphop aus Belgien auf eine Karte bringen mit Künstlern aus den USA und Großbritannien. Wir sind hungrig und durstig“, sagt Blu Samu und lacht. 

Ihr jedenfalls könnte ein internationaler Erfolg durchaus gelingen. Ihr raue Stimme klingt überaus wahrhaftig und verbindet sich mit ihrem coolen Charisma zu einer Energie, die schnell auf das Publikum überspringt. Sie liefert sowohl akzentuierten Sprechgesang wie in der Nummer „GanGang“ als auch geschmeidigen Soul wie in „Sade Blu“. Zudem schwingt in ihren Songs das portugiesische Saudade mit. Jene Mischung aus Weltschmerz, Melancholie und Nostalgie, die an der Seele zieht und uns tief im Innern zu berühren versteht. Diese Stimmung verbirgt sich in Blu, also im Blau ihres Künstlernamens. 

Blu Samu, Rap, Hiphop, singer, rapper, belgian, Portuguese, Brussels, Belgian, musicscene, moka, WBM, female artist, portraitIn „I Run“, ihrem ersten Hit, verhandelt sie geschickt das wechselvolle Verhältnis zwischen Aufbruch und Heimweh. Zwischen realer Familie und jener Heimat, die Freunde bilden. Das erste Video, das ich von und mit Blu Samu gesehen habe, ist der Clip zum Song „Nathy“ (featuring Peet). Am Ende dieser schwarz-humorigen Story erledigt sie diverse Widersacher mit der Macht ihrer Stimme. Und dabei zeigt sie, wie ich finde, ebenfalls starkes schauspielerisches Talent. So überrascht es kaum, dass sie gerade mitten in den Dreharbeiten zu einem Kurzfilm steckt, als wir uns im Café Moka treffen. 

„Clumsy Queen“, eine Hymne für alle Ungeschickten

Ihre natürliche Präsenz entfaltet sich vor allem live auf der Bühne. „Jedes Mal meine Ängste überwinden, jedes Mal die Zeit meines Lebens haben.“ So beschreibt Blu Samu ihre Emotionen bei Konzerten. Sie selbst bezeichnet sich übrigens als Feministin, die hofft, dass dieser Begriff bald unnötig wird. Viel lieber möchte sie sich Equalist nennen. Mit Shoutouts an all ihre Homies, an die Guys ebenso wie an die Ladys.

Mir gefällt zudem, dass Blu Samu selbstkritisch und -ironisch ist. Eine gute Kombination. Der ihr ganz eigene Witz kommt zum Beispiel in dem Song „Clumsy Queen“ zum Ausdruck, eine Hymne für alle Ungeschickten. „Ich bin wirklich tollpatschig. Ständig schmeiße ich Sachen um, verliere Schlüssel oder mein Telefon. Das ist ein Fluch“, erzählt Blu Samu und wirbelt mit ihren Händen durch die Luft. „Ich möchte all jenen diesen Song widmen, denen es geht wie mir. Und die sich dennoch immer wieder voller Liebe und aus den richtigen Gründen auf die Reise machen.“ 

Ich hoffe jedenfalls, dass sich unsere Wege wieder kreuzen werden. Und dass so eine spannende Newcomerin bald auch einmal in Hamburg zu erleben sein wird. Für ein Entdecker-Event wie das Reeperbahn Festival beispielsweise wäre Blu Samu perfekt.  

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Namdose, eine belgisch-französische Supergroup

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Wie ich bereits in meinem Blogpost über Popförderung in Belgien angekündigt habe, möchte ich die Band Namdose noch einmal in einem extra Beitrag vorstellen. Et voilà!

Ich treffe Diego Leyder, Gitarrist der Band, auf ein Bier in der Bar Le Coq in der Nähe des Kulturzentrums Beursschouwburg im Brüsseler Zentrum. Ein entspannter Typ, der sehr passioniert und reflektiert von seiner Musik erzählen kann. Besonders spannend finde ich — neben dem Sound an sich — die Bedingungen, mit denen Kreative in dieser Stadt wirken können.

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Beeindruckend: In Belgien existiert eine staatliche Förderung, die hauptberuflich arbeitenden Künstlern eine monatliche Unterstützung sichert. Das seien keine Riesensummen, aber so viel, dass es für Miete und Grundversorgung reicht, erzählt Diego. Sehr dankbar sei er für dieses System. Ermöglicht es ihm doch seit Jahren, sich auf seine Musik zu konzentrieren. Und sich auszuprobieren. Zum Beispiel mit seinem aktuellen Projekt Namdose. 

Die Band BRNS und diverse Auftritte in Hamburg

Seit 2010 spielt Diego gemeinsam mit Antoine Meersseman (Bass, Synthesizer) und Tim Philippe (Gesang, Schlagzeug) in der Band BRNS (gesprochen: brains). Live treten sie verstärkt von wechselnden Keyboardern auf. Mit ihrem eindringlichen Mix aus Postpunk und elektronisch aufgeladenen Soundlandschaften haben sie bereits mehr als 300 Konzerte absolviert. Somit gehört das Trio zu den meist tourenden belgischen Bands der vergangenen Jahre. Regelmäßig unterstützt vom Popexportbüro Wallonie-Bruxelles Musiques. 

In Hamburg hat BRNS ebenfalls diverse Shows auf die Bühne gebracht. Diego wischt im Kalender seines Handys und zählt auf: Knust, Kleiner Donner, Gruenspan und Molotow. Zudem spielten sie 2013 an verschiedenen Locations des Reeperbahn Festivals, von der Millerntorgallery bis zu Ray’s Reeperbahn Revue. Nicht schlecht. Am Hamburger Publikum schätze er, dass die Leute einerseits sehr aufmerksam zuhörten, anderseits eben auch feiern möchten. Eine gute Balance sei das.  

Namdose, aus Live-Energie entstanden

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Namdose, fotografiert von Manou Milon (Titelbild fotografiert von Sacha Vernaeve).

Aus der Live-Energie ist 2018 auch das Projekt Namdose entstanden. Damals stand bei BRNS ein Konzert für das Festival Les Nuits im Brüsseler Konzertsaal Botanique an. Am selben Abend sollte auch Ropoporose aus der kleinen französischen Stadt Vendôme im „Bota“ auftreten. Das Duo bewegt sich zwischen Dream- und Noisepop. Und besteht aus dem Drummer und Gitarristen Romain sowie seiner Schwester Pauline Benard (Gesang, Gitarre, Synthesizer, Percussion).

Im Vorfeld des „Bota“-Gigs entstand der Wunsch, einige Songs zusammen zu spielen. Von dieser Idee unter Zugzwang gesetzt, entwickelten BRNS und Ropoporose sieben Songs in zwölf Tagen für ein gemeinsames 40-minütiges Set. 

Die Kooperation funktionierte derart gut, dass beide Formationen zu einer Art belgisch-französischen Supergroup fusionierten. Zu Namdose eben. Mit „S/T“ folgte im Februar 2019 bald ein gemeinsames Album auf dem Label Yotanka, das über [PIAS] vertrieben wird. Und der Tourkalender für dieses Jahr füllt sich — unter anderem mit Terminen bei der c/o Pop in Köln. 

Slackertum trifft auf Postrock trifft auf Orchestrales

Die begrenzte Zeit, die die Musiker hatten, um für Namdose Material zu komponieren, hat ihr Schaffen beflügelt. „Das Musikmachen in diesem neuen Kontext ist sehr befreiend. Mit BRNS tüfteln wir oft länger über unseren Stücken. Mit Namdose lerne ich, dass Songwriting auch schneller und einfacher möglich ist. Der Stil ist dadurch direkter und auch verspielter“, erzählt Diego. Wie ein Urlaub von alten Mustern. Das gefällt mir sehr gut.

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Namdose, fotografiert von Manou Milon.

Die Songs von Namdose entfalten für mich eine komplexe wie hoch melodiöse Sogwirkung. Repetitive Rhythmen und verschachtelte Harmonien bilden die Basis für eruptive, noisige wie kontrastreiche Gebilde, die sich kurze Zeit später voller Wonne in Pop auflösen. Zarter Gesang reibt sich mit wütenden Chören. Slackertum trifft auf Postrock trifft auf Orchestrales. Namdose öffnet die Türen ganz weit und lädt zu einer feinen Party, bei der sich Teile von Pavement und Stereolab unter die Gäste zu mischen scheinen. Als Inspiration nennt das Kollektiv Gruppen wie Arcade Fire, Animal Collective, Flaming Lips, Clues und Blonde Redhead. 

Diego selbst bezeichnet den Sound von Namdose schlichtweg als Pop, der sich für ihn dieser Tag ohnehin durch immer neue Kreuzungen auszeichnet. „Mir gefällt die Vorstellung, dass unsere Songs mit ihren eingängigen Hooks direkt beim ersten Hören funktionieren. Und jedes weitere Mal lassen sich dann neue Aspekte und Schichten entdecken“, sagt der Musiker. In jedem Fall gilt: Diese energiegeladene Fusion ist mehr als die Summe ihrer einzelnen Teile.

Konzerte inmitten des Publikums     

Die besondere Art, wie BRNS und Ropoporose in ihrer neuen Konstellation kommunizieren, zeigt sich ganz offensichtlich bei ihren Konzerten. Namdose spielt gerne inmitten des Publikums, so dass sich die Bandmitglieder anschauen und Zeichen geben können. „Das steigert das Selbstbewusstsein als Gruppe“, erzählt Diego. „Und wir können besser untereinander Witze machen.“ Auch für das Publikum sei das spannend. Denn wann können Konzertbesucher zum Beispiel hinter dem Schlagzeuger stehen und dessen Arbeit detailliert betrachten. 

Ich hoffe, ich werde Namdose in diesem Jahr noch live sehen können. Und ich bin sehr gespannt, wie sich das Projekt weiterentwickeln wird. Denn das Ganze ist für mich ein gutes Beispiel, wie unglaublich inspirierend kluge Komplizenschaften sein können.

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WBM — belgische Popförderung, angesagte Bands und europäischer Geist

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Ein Aspekt, den ich bei unserem Arbeitswohnprojekt in Brüssel besonders schätze: Dass ein europäischer Geist, Vibe und Buzz besonders stark zu spüren ist. Das liegt weniger an der Nähe zum europäischen Parlament.

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Das Europaparlament mit Vogelstraußskulptur davor.

Vielmehr sind es all die unterschiedlichen Impulse, die in der Mitte Europas zu spüren sind. Auf der Achse zwischen Skandinavien und Spanien sowie zwischen Großbritannien und Osteuropa. In den Straßen und Bahnen sind nicht nur die beiden offiziellen Sprachen Brüssels zu hören, also Französisch und Niederländisch plus diverse Dialekte. Deutsch, Polnisch, Englisch, Arabisch, afrikanische Sprachen, Spanisch, Italienisch, Türkisch und alles, was die bunt zusammengesetzte Bevölkerung sonst noch an verbalen Backgrounds mitbringt, fügt sich zu einer klangvollen akustischen Collage. 

Signifikantes Symbol für diese Vielstimmigkeit Brüssels ist die Skulptur Pasionaria. Der Künstler Emilio Lopez-Menchero installierte 2006 ein überdimensionales Megafon nahe des belebten Gare du Midi, das allen Migranten der Stadt gewidmet ist. Vorbeikommende sollen die kleine Treppe emporsteigen und in den Trichter all ihr Glück und ihre Sorgen hineinrufen. So verbinde sich das Individuum mit dem öffentlichen Raum. Und die Worte mischen sich mit dem starken Verkehr auf der Kreuzung von Avenue Stalingrad und Boulevard du Midi. 

Pasionaria, Brussels, megaphone, art, sculpture, Avenue Stalingrad, Belgium, soundÄußerst inspirierend finde ich, dass all diese verschiedenen Einflüsse stark in der Popmusikszene Brüssels und Belgiens widerhallen. In meinem Blogpost über das Konzert des Rappers Tawsen habe ich solche stilistischen Verquickungen bereits geschildert. 

Von Hamburg nach Brüssel, von Factory 92 zu WBM

Eine Agentur, die zuhause in Hamburg sehr intensiv europäisch vernetzt arbeitet, ist Factory92. Ein hochgradig musikaffines Team von zehn Leuten ist darauf spezialisiert, europaweite PR- und Marketingkampagnen in der Popbranche zu organisieren. Bands aus anderen Ländern hilft Factory92, in Österreich, der Schweiz und Deutschland Konzerte zu spielen und auf dem deutschsprachigen Markt Fuß zu fassen. Die Agentur kooperiert zudem mit renommierten Festivals wie dem Sziget in Budapest und dem Roskilde bei Kopenhagen.

Als die Factory92-Chefs Jan Clausen und Christian Holl Buhl mitbekamen, dass ich einige Wochen in Brüssel verbringe, fragten sie direkt, ob sie mir Gesprächspartner vor Ort vermitteln sollen. Ein Angebot, dass ich sehr gerne wahrnehme. Und so fahre ich von unserem Viertel Schaerbeek mit der Straßenbahn 93 gut 20 Minuten in den Stadtteil Ixelles.

Am Place Flagey treffe ich Julien Fournier, seines Zeichens Direktor von Wallonie-Bruxelles Musiques, kurz WBM. Das dort ansässige Musikexportbüro versorgt Popkünstler mit den strukturellen und finanziellen Mitteln, um international erfolgreich zu werden. Bands mit Potenzial reisen mit WBM zum Beispiel zum Reeperbahn Festival nach Hamburg oder zum Eurosonic nach Groningen, um sich bei Showcases zu präsentieren.

Popförderung in Belgien zwischen Brüssel, Wallonie und Flandern

Pop, Export office, Wallonie Bruxelles Musique, Brussels, Music, Julien FournierBeim Mittagessen erklärt Julien, dass nicht nur Belgien, sondern auch dessen Popförderstruktur in zwei Hälften geteilt ist. Entsprechend der Demographie kümmert sich Flandern im Norden primär um niederländischsprachige Acts. Die Wallonie im Süden Belgiens, die Julien mit seinem fünfköpfigen Team vertritt, ist fokussiert auf französischsprachige Musiker. Künstler wiederum, die in der Region Brüssel leben, können theoretisch von beiden Seiten Unterstützung erhalten. In der Regel entscheiden sie sich aber früher oder später für WBM oder das das flämische Pendant, das Flanders Arts Institute.

Da Belgien mit seinen rund 11.5 Millionen Einwohnern ohnehin kein gerade großes Land ist, treten Bands im Ausland unter der Dachmarke „Belgium Booms“ auf, erzählt Julien. Das ist durchaus sinnvoll. „Aus Nordrhein-Westfalen“ oder „aus Rheinland-Pfalz“ — mit solchen Labels würde das deutsche Exportbüro, die Initiative Musik, ihre Bands bei einem internationalem Festival wie etwa der SX/SW in Texas wohl auch nicht zwingend anpreisen.

Paris als Instanz für französischsprachigen Pop

Für das Exportbüro Wallonie und Brüssel sei eine der Herausforderungen, erfahre ich, sich ins Verhältnis zu setzen zum großen Popmusiknachbarn Frankreich. Momentan erlebe französischsprachiger Hiphop in Belgien einen Boom. Allerdings fungiere Paris wie eine Instanz, die ein Qualitätsgütesiegel für französischsprachige Musik vergibt. Sprich: Wer es in diesem Segment wirklich zu etwas bringen möchte, muss es erst in der französischen Hauptstadt schaffen und sich beim dortigen Publikum einen Namen machen.

Um sich eigenständiger zu positionieren, möchte sich Julien mit WBM stärker auf belgische Acts konzentrieren, die weird und edgy sind. Die Ecken und Kanten haben. Die lieber verschlungene Pfade beschreiten, als mit ihrem Sound mitten über die breite kommerzielle Straßen zu brettern.

Belgische Acts, auf die zu achten ist: Blu Samu, Juicy und Namdose

WBM setzt beispielsweise auf Blu Samu, eine junge belgische Rapperin mit portugiesischen Wurzeln, die in ihren Lyrics Englisch und Französisch kombiniert. Julien empfiehlt zudem das Duo Juicy, zwei junge Frauen, die mit Keyboards und Gitarre eine cool groovende Liaison aus Pop und R’n’B erzeugen. 

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Namdose, fotografiert von Manou Milon.

Äußerst umtriebig ist auch das Kollektiv Namdose, das aus der französischen Band Ropoporose und der belgischen Formation BRNS besteht. Eine Art grenzüberschreitende Supergroup, die irrisierenden Indie- und Avantgarde-Pop produziert. Mich erinnert das Ganze an die frühen Stereolab. Mit Diego Leyder, dem Gitarristen der Band, habe ich mich die Tage auf ein Bier getroffen. Namdose und ihre Aktivitäten stelle ich daher in einem gesonderten Blogpost vor.

Dem Hype glauben: französischsprachiger Hiphop mit L’Or du Commun

Der Unterschied zwischen wallonisch und flämisch geprägter Musikszene reicht sogar bis in die Clubkultur hinein, erläutert Julien von WBM. So sei das Botanique in unserer Schaerbeek’schen Nachbarschaft, das ich direkt zu Beginn unserer Brüsseler Zeit erkundet habe, der bevorzugte Ort für französischsprachige Acts (siehe Titelbild dieses Blogposts). Das Ancienne Belgique, kurz AB, sei wiederum Anlaufstelle für Künstler aus der Region Flandern. Die Grenzen seien jedoch fließend. Und in beiden Locations treten zudem internationale Acts auf. 

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Die drei französischsprachigen Rapper Primero, Swing und Loxley haben 2012 als Crew zusammengefunden. Nach diversen EPs erschien Ende 2018 ihr erster Longplayer „Sapiens“ auf dem Label LaBrique. Auf ihrem Album beschäftigt sich L’Or du Commun mit der menschlichen Natur. Ohne moralischen Zeigefinger, aber durchaus reflektiert und politisch verhandeln die jungen Belgier gesellschaftliche Verhältnisse sowie unser digitalisiertes Dasein. 

Ancienne Belgique, die perfekte Konzerthalle?

Das Venue selbst kommt für mich in Sachen Sound und Aufteilung schon sehr nah heran an die perfekte Spielstätte. Der rechteckige Innenraum sowie die flankierenden zweigeschossigen Galerien rechts und links fassen 2000 Leute stehend. An der Rückseite ragt in der ersten Etage zudem ein Balkon mit 700 Sitzplätze empor. Das gesamte Ambiente des Ancienne Belgique leuchtet in roter Wärme, hat aber zugleich einen angenehm rauen Charme. 

Ancienne Belgique, AB, Boulevard Ansbach, Brüssel, Music, Clubs, Popculture, Concerts, Pop, Brussels, Flanders, French music scene, WBM, Wallonie Bruxelles Musique, L'Or Du CommunL’Or du Commun spielen eine anderthalbstündige Show, bei der die Menge vom ersten Beat bis zum letzten Reim springt und mitsingt. Eine tolle elektrisierende Atmosphäre, die durch den hervorragenden Klang noch befeuert wird. Auf der Bühne sind neben dem Trio nicht nur zwei DJs aktiv, sondern auch diverse Gastsänger und -rapper. Zudem springen immer wieder besonders enthusiastische Anhänger auf die Bühne, die von der Crew umarmt und in ihre wilden Tänze integriert werden. Ich bin gespannt, ob eine derart tolle Combo ihren Weg bis nach Deutschland findet. Zu wünschen wäre es.    

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Auf zu unbekannten Orten: Indies Keeping Secrets und Record Store Day in Brüssel

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In den vergangenen Tagen unseres Arbeitswohnprojekts in Brüssel durfte ich die Popkultur der Stadt auf ganz unterschiedlichen Ebenen kennenlernen. Ich bin sehr angetan von der Gastfreundschaft, Offenheit und Diversität der hiesigen Szene. An dieser Stelle möchte ich von zwei Konzerten erzählen, die ich an Spielstätten jenseits der gängigen Clubkultur erlebt habe. Und zwar von der Initiative Indies Keeping Secrets sowie vom Record Store Day. 

Indies Keeping Secrets: Konzerte an geheimen Orten

Bei meinen Recherchen über Popmusik in Brüssel stieß ich auf ein Team, dass geheime Konzerte an ungewöhnlichen Locations veranstaltet. Das Ganze läuft unter dem charmanten Namen Indies Keeping Secrets. In versteckten Gärten und auf privaten Dachterrassen, in Schlössern und Fabriken, im Comic-Museum und in einem Swimmingpool war die Initiative schon zu Gast. Ich meldete mich also voller Neugierde für den Newsletter an. Und bereits wenige Tage später erhielt ich die Nachricht, dass bald ein weiterer Auftritt anstünde. Ein Countryfolkduo. Ort: geheim. 

Ich reservierte kostenfreie Tickets. Und anderthalb Tage vor dem angekündigten Datum bekam ich erneut Post mit Uhrzeit und Treffpunkt. Ich fühlte mich an frühere Zeiten als Pfadfinderin erinnert. Meine Schnitzeljagdfreude war definitiv geweckt. So eine Spurensuche fände ich in meiner Hamburger Heimat bereits spannend genug. In einer mir noch nicht so vertrauten Stadt ist diese Praxis natürlich ungleich aufregender. Und zudem eine tolle Möglichkeit, eine weitere unbekannte Ecke Brüssels kennenzulernen.

Country aus New York in einer belgischen Fabrikhalle

Und so brechen wir von unserer Fabriketage im Stadtteil Schaerbeek auf nach Saint Gilles im Südwesten der Stadt. An einem Pavillon auf dem Place Bethléem versammeln sich um kurz vor acht nach und nach an die 150 Leute. Wir sind ein wenig zu sehr damit beschäftigt, zu plaudern und die auf dem Platz fußballspielenden Kinder zu beobachten. Deshalb sehen und hören wir gar nicht, wer da das Signal zum Aufbruch gegeben hat. Jedenfalls setzt sich die Menge wie von Zauberhand geführt in Bewegung. Wir hinterher. 

Indies Keeping Secrets, Concerts, Brussels, Belgium, Indie, Pop, Music, Band, country, folk, The Brother BrothersWie eine Demonstration ohne Schilder laufen wir durch einige Straßen und kehren schließlich in eine renovierte wie lichtdurchflutete Fabrikhalle ein. Auf Stühlen und Teppichen sowie stehend verteilt sich das Publikum im Raum. Und eine der Initiatorinnen von Indies Keeping Secrets erklärt uns, dass wir uns im Palazzo befinden, einem neu eröffneten Coworkingspace für Kreative. Die Künstlerinnen und Künstler schenken Bier an einer improvisierten Bar aus. Und dann beginnt auch schon das Konzert. Auftritt: The Brother Brothers. 

Indies Keeping Secrets, Concerts, Brussels, Belgium, Indie, Pop, Music, Band, country, folk, The Brother BrothersDie Zwillingsbrüder David und Adam Moss aus New York spielen empfindsamen Country, Folk und Bluegrass. Gitarre, Geige und Cello sowie mehrstimmiger Gesang ergeben einen feinen Fluss. Ihrer hoch harmonischen Musik ist anzuhören, dass die zwei eben schon ihr gesamtes Leben lang zusammen verbringen. Dass sie im wahrsten Sinne des Wortes eingegroovt sind.

Besonders im Ohr ist mir ihr Song „Ocean’s Daughter“. Die Brüder erzählen, dass die Nummer nach den heftigen Waldbränden an der Westküste der USA entstanden sei. Stundenland seien sie die Küste hoch nach Kanada durch Rauch gefahren. Eine Erfahrung, die die Musiker motivierte, ein Lied zum Thema Klimawandel zu schreiben. Mit dem „Banjo Song“ haben sie aber auch einen genretypischen Liebeskummersong im Repertoire. Und bei dem schnelleren „In The Nighttime“ wird sogar gejodelt. 

Spende im Nutellaglas

Seit fünf Jahren organisieren die Leute von Indies Keeping Secrets einmal im Monat ihre geheimen Gigs. Ein Pendant existiert zudem in Barcelona. Ich muss natürlich sofort darüber nachdenken, ob solch eine Reihe nicht auch in Hamburg gut funktionieren würde. Allerdings sei es gar nicht so einfach, erfahren wir noch, immer wieder außergewöhnliche Stätten zu finden. 

Am Ausgang bedanken wir uns bei The Brother Brothers für ihr schönes  Konzert. Und wir geben eine Spende für den Abend in ein Nutellaglas. Dann geht es durch die Straßen Brüssels zurück zu unserer Fabriketage. Es ist noch einmal richtig kalt geworden mitten im Frühling. Aber das Herz, das ist gut gewärmt.

Record Store Day bei Chez Pias in Brüssel

Seit elf Jahren feiern unabhängige Plattenläden einmal im Jahr den Record Store Day. Mehr als 2000 Geschäfte weltweit machen so auf ihr musikalisches Know-how aufmerksam. Zahlreiche Sammlerinnen und Sammler werden zudem angelockt durch limitierte Vinyl-Editionen, die an diesem Tag erscheinen. In den sozialen Netzwerken habe ich verfolgt, wie sich der Hamburger Plattenladen Michelle Records für den zu erwartenden Ansturm rüstet. Und in Brüssel wollte ich natürlich auch ein wenig Record-Store-Day-Luft schnuppern. 

Record Store Day, Vinyl, Chez Pias, Band, Portland, Beautiful Badness, Pias, Record LabelSo begebe ich mich nach einem leckeren afrikanischen Essen im Stadtteil Matonge und nach exquisiter Nascherei beim Chocolatier Laurent Gerbaut zum Plattenladen Chez Pias. Zwischen spröden, an diesem Samstag verwaisten Bürohäusern steht da eine Bühne auf der Straße. Das Duo Portland produziert zart driftenden Dreampop an Keyboard und Gitarre. Und ihr Auftritt wird in einem Wohnwagen daneben auf Vinyl mitgeschnitten. Rund 50 Leute lauschen. Ein echtes Nerdfest. Die Dichte an mit Platten gefüllten Jutebeuteln ist hoch. 

Plattenladen als geschmackvoll eingerichtetes Aushängeschild

Im Anschluss spielt im Innern Beautiful Badness, das Projekt des belgischen Komponisten Gabriel Sesboué, einen Mix aus Neoklassik und Electropop. Zeit, sich untermalt von den pulsierenden Klängen ein wenig umzuschauen. Der Plattenladen Chez Pias ist das geschmackvoll eingerichtete Aushängeschild und zugleich Foyer der renommierten Plattenfirma Play It Again Sam, kurz [PIAS]. 

Record Store Day, Vinyl, Chez Pias, Band, Portland, Beautiful Badness, Pias, Record LabelAnfang der 1980er-Jahre in Brüssel gegründet, spicken namenhafte Acts wie Agnes Obel, Oasis, die Arctic Monkeys und Tom Waits die [PIAS]-Historie. Und einige der bekanntesten Albumcover hängen groß gezogen an den Wänden — von The Prodigys „The Fat Of The Land“ bis zu Nick Caves „The Boatsman’s Call“. Zu den weltweit agierenden Büros zählt auch eines in Hamburg mit Sitz nahe St. Katharinen bei der Speicherstadt. 

Und zum Artist-Roster von [PIAS] gehören ebenfalls die Österreicherin Soap & Skin sowie der Berliner Jungstötter. Dessen wunderbar schwelgerisches Album „Love Is“ zählt für mich zu den frühen Highlights des Musikjahres 2019. Am Sonntag spielen beide im nahe gelegenen Botanique. Ein weiterer popkultureller Abend in Brüssel, auf den ich mich extrem freue. 

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