Musik verschenken? Hannes Wittmer und das Prinzip „Pay What You Want“

Hannes Wittmer, Singersongwriter, Folk, musician, Album, Das große Spektakel, Hamburg, Würzburg, Fotocredit Christoph Naumann

Um keinen Preis – warum ich meine Musik verschenke“. Unter dieser Überschrift schreibt der Singersongwriter Hannes Wittmer, bisher bekannt als Spaceman Spiff, auf seinem Blog, warum er sein aktuelles Album kostenlos als Download veröffentlicht. Und auch wenn er wieder in seiner Geburtsstadt Würzburg lebt, verbuche ich Hannes Wittmer als Hamburger Künstler, da er das popmusikalische Leben der Stadt lange Jahre mit geprägt hat.

Ich hatte jüngst in einem Blogpost bereits die Frage aufgeworfen, inwiefern sich von Popmusik (noch) leben lässt. Von daher finde ich die Ausführungen von Hannes Wittmer äußerst spannend. Das Thema ist höchst präsent. Nicht nur Technik und Strukturen ändern sich. Auch ganze Genres sind im Umbruch beziehungsweise altern unterschiedlich gut. Unter dem Titel „Untergang Obercool“ prognostiziert SZ-Autor Jens-Christian Rabe in seiner Nachlese zum Rolling Stone Weekender etwa die Verrentung des Indierock. Eine schöne steile These, die zu weiteren Diskussionen anregen dürfte. Gut so.

„Eine Radikalkur von der Musikwirtschaft“

Um nicht in alten Mustern stecken zu bleiben, ist Hannes Wittmer einen mutigen Schritt gegangen. Sowohl sein neues, nun erschienenes Album „Das große Spektakel“ als auch seine Konzerttickets bietet er nach dem „Pay What You Want“-Prinzip an. Er nennt dieses Vorgehen „eine Radikalkur von der Musikwirtschaft, ihren Mechanismen und Widersprüchen.“ Seine Gründe: Hannes Wittmer möchte nicht, dass große Player wie Amazon, Apple, Google, Eventim und Spotify automatisch an seinen Songs und Live-Auftritten mitverdienen. Dies geschehe jedoch, sobald er seine Musik über gängige Vertriebswege herausbringt.

Hannes Wittmer, Singersongwriter, Folk, musician, Album, Das große Spektakel, Hamburg, Würzburg, Fotocredit Christoph Naumann
Hannes Wittmer, fotografiert von Christoph Naumann.

Auf einer Metaebene macht sich Hannes Wittmer zudem viele Gedanken darüber, was „Leistungsdruck und Konkurrenzdenken mit unserer Gesellschaft anstellt.“ Sein „Zahl was du willst“-Ansatz ist für den Popmusiker der Versuch, jenseits von Jammerei oder Zynismus eine Alternative auszuprobieren.

Interessant finde ich, wie sich seine Wahrnehmung als Künstler mit den ersten Spenden verändert hat. Hannes Wittmer schreibt: „Ich muss nach wie vor Fahrtkosten, Studiomiete, Gagen und die Rechnung im Supermarkt zahlen, aber für mich sind die Geldbeträge, mit denen ich das alles Finanziere, nun irgendwie mehr an Vertrauen als an Erwartungen gekoppelt.“ So etwas wie ein Befreiungsschlag Richtung Empathie also.

Wie sehr schätzt eine Gesellschaft Input und Inspiration?

Es ist bemerkenswert, wie sehr sich Hannes Wittmer in diesem Prozess öffnet. Und sich dadurch auch angreifbar macht. Nicht nur er selbst reflektiere nun sein Handeln kritischer. Seine Leser, Hörer und Fans sowie Experten aus der Branche tun dies ebenfalls. Warum er zum Beispiel trotz Kapitalismuskritik noch bei Facebook sei, wollen einige wissen. Hannes Wittmer führt aus, dass er ein großes Fass aufgemacht habe und ständig neue Fragen hinzu kämen. Zum Beispiel, ob und wie er denn nun Promotion für seine neue Musik machen soll. Kein einfacher Weg also.

Für mich geht es letztlich darum, wie eine Gesellschaft Input und Inspiration wertschätzt. Also immaterielle Dienste, die Menschen zusammenbringen. Kunst ist im Endeffekt eine Art Fürsorge. So wie zum Beispiel auch Pflege oder lehrende Berufe. Warum sind diese wichtigen aufbauenden wie verbindenden Aufgaben alle tendenziell unterbezahlt? Und unterstützt Hannes Wittmer mit dem von ihm vorgeschlagenen Prozedere womöglich die offenbar schwindende Motivation, für Musik zu zahlen? Also demontiert er seine eigene Reichweite, Relevanz und (Über)Lebensgrundlage? Oder lässt sich anhand seiner Vorschläge eine andere Denkweise und somit eine neue Art der Anerkennung etablieren?

Hannes Wittmer und die Kooperation mit dem Mairisch Verlag

Auf einer konkreteren Ebene stellt sich zudem die Frage: Sollte sich Hannes Wittmers’ Modell durchsetzen, was geschieht mit den Berufen, die rund um Veröffentlichung und Verkauf eines Albums bestehen? Mit Plattenfirmenmitarbeitern, Produktmanagern, Plattenladenbesitzern?

Was das Thema Promotion angeht, hat Hannes Wittmer Unterstützung von dem befreundeten musikaffinen Hamburger Verlag Mairisch erhalten. Mairisch-Chef Daniel Beskos sandte dieser Tage eine Mail aus, die auf das Album aufmerksam macht. Der Verleger wertet die Album-Verschenke als „Experiment, das den Fokus auf Haltung und Selbstreflexion größer und zur gleichen Zeit den Abstand zwischen ihm und seinem Publikum kleiner werden lässt.“ Und er fügt hinzu: „Wir sind gespannt, welchen Weg dies noch nimmt und unterstützen eine solche Position neugierig und aus ganzen Kräften.

„Übung im Miteinander auf kleinster Ebene“

Daniel Beskos verkündet zudem, dass es die Platte ab Februar 2019 „für alle Vinyl-Liebhaber“ in einer limitierten Auflage als LP geben wird. Vorzubestellen beim Mairisch Verlag für 20 Euro und nicht im Handel erhältlich. Ist das nun eine Hintertüre, durch die hindurch dann doch noch zu Fixpreisen Geld verdient wird? Oder handelt es sich lediglich um ein Zugeständnis an Haptik-Liebhaber und Sammler? Potenziell Aufgeregten nimmt Hannes Wittmer sofort den Wind aus den Segeln: Er kündigt an, mögliche Gewinne aus der Vinyl-Variante an „Ärzte ohne Grenzen“ zu spenden.

Letztlich passt die Herangehensweise, mit nahe stehenden Menschen zu arbeiten, gut zu dem Fazit, das Hannes Wittmer zieht. Eine „Übung im Miteinander auf kleinster Ebene“ sei seine Aktion. Wie langfristig solch ein Modell trägt und ob es auch für „größere Acts“ funktioniert, ist gewiss weiterhin zu diskutieren. Ich möchte nun aber noch erzählen, wie „Das große Spektakel“ von Hannes Wittmer überhaupt klingt.

„Das große Spektakel“ von Hannes Wittmer

Das Album startet mit „Fragen“. Eine sachte instrumentierte Lektion in Sachen Demut. Eine warmherzige Weisung, wie entbehrlich wir im großen Lauf der Dinge letztlich sind. Und wie befreiend es sein kann, wenn wir den ein oder anderen Grundsatz hinterfragen. Hannes Wittmer singt vom verlorenen Glauben an „die ewige Angst und das endlose Stapeln“. Dieser Gedanke gefällt mir sehr gut: Jene Verhaltensmuster loszuwerden, die uns hemmen.

Hannes Wittmer, Singersongwriter, Folk, musician, Album, Das große Spektakel, Cover, artwork, Hamburg, Würzburg, Mairisch VerlagSpäter, im Song „Schatten“, erklärt er wiederum, wie Ohnmacht, Angst und Einsamkeit eben auch vertraute Gefühle sind, die uns in gewisser Weise Sicherheit bieten. Und die somit schwer aufzugeben sind. Eine spannende Dynamik. Und eine ehrliche Sicht auf sich selbst.

Der Singersongwriter erzählt davon nicht moralingetränkt, sondern ganz ruhig und nah. Neben der eindringlichen wie zuversichtlichen Stimme von Hannes Wittmer prägen seine Musik Akustikgitarre, Schlagzeug, Percussion und – wenn ich richtig höre – ein Mellotron. Ein Instrument, wie es etwa bei „Strawberry Fields“ von den Beatles bereits zum Einsatz kam. Und das fein driftende Akzente setzt. Ein fantastisches Schweben.

Das Vor und Zurück in der Zweisamkeit

Hannes Wittmer ist ein poetisch Prüfender. In Songs wie „Rom“ lässt der Künstler Romantik auf Realität treffen. Und er lädt uns zum Perspektivwechsel ein. Etwa wenn er wilde Aufbruchsstimmung entfacht und direkt im Anschluss den Alltag einbrechen lässt. „Nichts kann uns aufhalten / außer ein Job / oder eine Familie“, singt er in sanftmütiger Lakonie.

Mit noch nicht tausendfach projizierten Bildern lotet Hannes Wittmer den Mikrokosmos Liebe aus. Die geerbten Zweifel. Sich zu zweit aushalten können. Eigensinn versus Paarbeziehung. Bei ihm ist die Begegnung zweier Menschen nichts Festzementiertes. Besonders gut zum Ausdruck bringt er die Unsicherheiten in „Sollbruchstelle“. In dem Song schildert er das Vor und Zurück in der Zweisamkeit. Die kleinen und großen Fluchten, die sich alle stets offen halten. Und er fragt: „Wie soll das halten / wenn wir alles perforieren?“ Dazu in der Musik ein dunkles Brodeln. Streicher und nervöse Rhythmik. Ein Taumeln. Toll.

Wie sehr lassen wir uns reizüberfluten?

Hannes Wittmer schaut sich selbst auf die Finger. Auf verpasste Chancen. Auf ungenutzte Potenziale. Da dann doch das Toastbrot gekauft und die amerikanische Serie geguckt werden will. Wie sehr wollen wir uns optimieren? Wie sehr müssen wir unsere eigenen Zügel locker lassen? Und wie sehr lassen wir uns reizüberfluten?

Derlei Fragen verhandelt Hannes Wittmer in Songs wie „Affen“ und „Satelliten“. Und wie bereits in seinen Ausführungen zum Thema Vermarktung von Musik begibt er sich weniger in eine Opferhaltung, sondern in die Position eines Suchenden.

Um sein Handeln zu beschreiben, zitiert Hannes Wittmer auf seiner Webseite die Autorin Hannah Arendt, was ich als Schlusswort ebenfalls tun möchte: „Gewonnen wird die Humanität nie in der Einsamkeit und nie dadurch, dass einer sein Werk der Öffentlichkeit übergibt. Nur wer sein Leben und seine Person mit in das Wagnis der Öffentlichkeit nimmt, kann sie erreichen.“

Biggy Pop empfiehlt:
„Sowas von egal“ (Sampler, bureau b)
Tusq: „The Great Acceleration” (Oktober Promotion)
Wiebke Colmorgen: „Plattkinner” (Junius)
Poems For Jamiro: „Human” (Schwesterherz)
Neonschwarz: „Clash“ (Audiolith Records)
Patrick Siegfried Zimmer: „Memories I – X“ (PSZ Recordings)

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„Sowas von egal“ – dunkle Raritäten zum Tanzen

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Ich liebe kulturelle Komplizenschaften. Eine Kooperation, mit der ich so nicht unbedingt gerechnet hätte, ist jene für den Sampler „Sowas von egal“. Bureau B, Sublabel der Hamburger Plattenfirma Tapete Records, hat sich mit den DJs der Partyreihe „Damaged Goods“ zusammengetan. Gemeinsam haben sie die Werkschau „Sowas von egal“ kompiliert. Die Platte versammelt 14 Songs, die laut Untertitel in folgende Kategorie fallen: „German Synth Wave Underground 1980 – 1985“.

Bureau B ist schwerpunktmäßig auf Wiederveröffentlichungen aus dem Krautrockbereich spezialisiert, widmet sich aber auch elektronischer Musik und aktuellen Künstlern. Die Bureau-B-Releases eint meiner Ansicht nach ihre Obskurität im allerbesten Sinne sowie der Wille zum popmusikalischen Wagnis. Auch wenn also die deutschsprachigen Wavesongs auf „Sowas von egal“ nicht gerade nach krautrockigen Improvisationen klingen, passen sie aufgrund ihres avantgardistischen Ansatzes bestens zu Bureau B.

Auf „Sowas von egal“ verdichtet sich das aufkommende Computerzeitalter

Es sind Songs, die ihre Ära widerspiegeln, ohne sich dem Zeitgeist anzubiedern. Stücke, die eine Nische nicht ausleuchten, sondern dunkel schillernd einkleiden. Und deren Hörerinnen und Hörer zum Teil einer verschworenen Gemeinschaft werden dürfen.

Auf „Sowas von egal“ verdichtet sich das aufkommende Computerzeitalter der frühen 80er-Jahre in einem Sound, der auf harte, reduzierte Beats und Melodien aus dem Synthesizer setzt. Die vertonte Elektrifizierung, Mechanisierung und Digitalisierung unserer Existenz. Themen wie die Symbiose von Mensch und Maschine faszinieren und beklemmen zugleich, sie regen einerseits sexuelle Fantasien an und erzählen andererseits von der Einsamkeit vor dem Bildschirm. Intoniert zum Beispiel in „Computermädchen“ von dem Schweizer Duo El Deux. Eine Nummer, die auch mehr als 30 Jahre später hoch aktuell ist.

Die Szene tanzte zum Kalten Krieg

Andere Stücke auf „Sowas von egal“ wiederum sind stärker in ihrer Historie verhaftet. Beispielsweise „Die Russen kommen“ von Berlin Express und „US Invasion“ von Pension Stammheim. Letzteres ist ein nervöses Stück mit Proklamation, das weit entfernt davon ist, reine leichte Partymusik zu sein. Die Szene tanzte zum Kalten Krieg, zum politischen Diskurs, auch zum gezielten Tabubruch.

„Sowas von egal", Cover, Autobahn, Sampler, bureau b, label, german, wave, pop, 80ties, gothic, ndw, djs, damaged goods, record, music Mich fasziniert die stilistische wie inhaltliche Vielfalt auf „Sowas von egal“. So lässt die Formation 08/15 den damaligen Tennishype in einen Song fließen – mit monotonem Beat, realen Spielgeräuschen und einem ganz eigenen lakonischen Humor. In Wiederholung singt eine verzerrte Stimme „1000 gelbe Tennisbälle schlagen sie an ihrer Kelle“. Der Sport wird durch diesen akustischen Kniff zur stupiden Fließbandarbeit und lässt sich somit als Fortsetzung der Leistungsgesellschaft werten.

Das musikalische Erbe glitzert  düster und fein unter der Discokugel

Den DJs von „Damaged Goods“ – Jojo Brandt, Reklovski und Marco Flöß – war es für ihre Reihe wichtig, „eine tanzbare Party abseits von gängigen und überstrapazierten (schwarzen) Elektro-Klischees ins Leben zu rufen“. Dieser so in den Linernotes formulierte Anspruch ist auf „Sowas von egal“ deutlich zu hören.

Ich finde es großartig, dass sich die drei auf die Suche nach Raritäten machen, diese bei „Damaged Goods“ auflegen und somit das klangliche Gestern auf die heutige Tanzfläche bringen. So verstaubt das musikalische Erbe nicht, sondern glitzert weiter düster und fein unter der Discokugel.

Partys zu David Bowie, Nick Cave, The Smiths oder The Cure

Marco und Jojo kenne ich bereits lange aus dem Hamburger Nachtleben. Und die beiden betreiben noch auf weiteren Veranstaltungen klug, charmant und mitreißend popkulturelle Geschichtspflege. Mit Abenden zu David Bowie, Nick Cave, The Smiths oder The Cure appellieren sie an alle Fanherzen. Gleichzeitig bringen die beiden die Nerdseele in uns auf heavy rotation. Denn Marco und Jojo spielen auf diesen Partys immer auch Weggefährten der verehrten Pophelden sowie aktuelle Künstler und Bands, deren Musik zum Werk ihrer Ikonen passt.

Ich erinnere mich gerne an die beiden vergangenen Bowie-Abende 2018 und 2017 jeweils im Januar im Nachtasyl über dem Thalia Theater. Selten habe ich ein derart gemischtes Publikum gesehen. Vom Glamrocker bis zur Steampunkerin, von der Indierockanhängerin bis zum Gothicvertreter. Wie da alle inbrünstig mitsangen und tanzten und sich einfach freudetrunken anstrahlten, hat die Glückseligkeitsakkus schon sehr stark aufgeladen.

Highlight war für mich zudem, dass Marco und Jojo mich mit der mobilen Nebelmaschine durch den Saal laufen ließen. Und alles löste sich aufs Schönste auf um mich herum. Sowas von egal. Sowas von da.

Biggy Pop empfiehlt:
Tusq: „The Great Acceleration” (Oktober Promotion)
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„The Great Acceleration“ von Tusq – mit dem Monstertruck im Slackerrock

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In den vergangenen Wochen und Monaten sind mir immer wieder Songs begegnet, die konkret auf unsere heutige Zeit reagieren. Die Hamburg-Berliner Band Tusq eröffnet ihr neues drittes Album „The Great Acceleration“ direkt mit einer solchen Nummer. „Set Fire“ erzählt davon, wie sich globale Katastrophen beschleunigen, während wir meinen, diesen Monstertruck noch steuern zu können.

Grenzen hochgezogen zwischen Ländern. Asche, die wir atmen. Recht fatalistisch entwirft der Song die Utopie, doch alles in Brand zu stecken, da ohnehin nichts mehr zu retten sei. Positiver interpretiert lässt sich der wiederholte Aufruf „Set Fire“ aber auch als Appell verstehen, aktiv zu werden und die Initialzündung für eine Veränderung zu entfachen.

Mehrstimmiger Harmoniegesang und hell ineinander tänzelnde Gitarren

Mir gefallen Lieder stets sehr gut, die mehr als eine Türe öffnen beim Hören. Bei Tusq kommt hinzu, dass ihr melodieverliebter Indie-Slackerrock mit roher und zugleich optimistischer Energie aufgeladen ist. Ich muss an eine tolle Band wie Weezer denken. Mehrstimmiger Harmoniegesang und hell ineinander tänzelnde Gitarren lassen sehr viel California Sunshine hinein. Gleichzeitig ist der Sound ungeschliffen genug, um im allerbesten Sinn an meiner Seele zu kratzen. Eine Musik, die mich in einen Flow quer zur Welt bringt.

Den Kern von Tusq bilden Sänger und Keyboarder Uli Breitbach sowie Gitarrist Timo Sauer. Schlagzeuger Matthias Frank und Bassist Michael Schlücker komplettieren die 2009 gegründete Band. Um den detailreichen wie hymnischen Indierock von „The Great Acceleration“ aufzunehmen, hat sich das Quartett mit der Aura einiger Ikonen des Genres umgeben. Produziert hat die Platte Gordon Raphael, der schon mit Helden wie The Strokes gearbeitet hat. Aufgenommen hat Tusq die zehn neuen Songs in den Göteborger Svenska Grammofon Studios von Kalle Gustaffson Jerneholm, einst Bassist bei The Soundtrack of our Lives.

Tusq ist die erste auf dem Label von Oktober Promotion

Besonders spannend finde ich aus Hamburger Sicht, dass „The Great Acceleration“ die erste Veröffentlichung auf dem frisch gegründeten Label der Firma Oktober Promotion ist. Ich kenne Oktober-Chef Oliver Bergmann seit Jahren als freundlichen, kompetenten und gewissenhaften Promoter und Manager in Sachen Pop, Folk, Rock und Indie.

Tusq, Band, Hamburg, Berlin, Indie, Rock, Album, Release, The Great Acceleration, Oktober Promotion Ich habe jüngst in einem Blogpost darüber geschrieben, dass sich viele kleine Unternehmen im Musikbusiness breiter aufstellen, um genug zu verdienen. Eine Labeltätigkeit ins Portfolio zu nehmen, ist jedoch gewiss keine ausschließlich finanzielle Entscheidung, sondern vor allem auch eine leidenschaftliche. Ich bin gespannt, welche Alben Oliver Bergmann und seine Mitstreiter in Zukunft noch herausbringen werden.

Der Mensch in den Zahnrädern der Geschichte

Mit dem Album „The Great Acceleration“, das diesen Freitag erscheint, ist dem Oktober-Label jedenfalls ein toller Auftakt gelungen. Ich kann aufs Schönste schwelgen in 90er-Jahre-Nostalgie, die Tusq fein ins Heute überführt und vor allem mit aktuellen Themen versieht.

Bereits das Cover von „The Great Acceleration“ deutet darauf hin, worum es geht: Der Mensch in den Zahnrädern der Geschichte, im Lauf der Zeit, in der Maschinerie der Gesellschaft. Ein hübscher Verweis auf den Film „Modern Times“ von und mit Charlie Chaplin aus dem Jahr 1936. Und somit auch ein Indiz dafür, wie lange uns bereits das wechselvolle Spiel von Existenz und Zeit beschäftigt.

Bela B und Saskia Lavaux als Gorilla im Liebesalltag

Tusq befasst sich jedoch nicht rein mit Politik, sondern auch mit den Auswirkungen des geschwinden Daseins auf unsere Beziehungen. Grandios zu sehen ist das im Video zu „Gorilla Syrup“, in dem sich zwei Menschenaffen durch ihren Liebesalltag lavieren. Hinter den Masken verbergen sich als netter Dreh zwei Hamburger Persönlichkeiten: Ärzte-Drummer Bela B sowie Saskia Lavaux von der Band Schrottgrenze.

Mir persönlich gefällt „Be Happy Now“ sehr gut. Ist es doch erneut ein Song, der gleich mehrere Ebenen eröffnet. Singt das lyrische Ich da von einem Herzgebrochenen, der seiner Liebe hinterher trauert? Oder handelt das Stück von der Distanz innerhalb einer Beziehung? Von einem Partner, der sich eine Zeit lang zurückziehen will oder muss, weil das Leben nicht so gut spielt wie es sollte?

Vor allem die Stimme von Uli Breibach kommt in „Be Happy Now“ schön schlonzig, warm und das richtige Quentchen unsauber um die Ecke. Sehnsucht zum Tanzen. Melancholie zum Ausrasten. Zerissenheit zum Mitsingen. Eine euphorisierende Erschöpfung. Ein Album, was bei mir bestimmt noch länger laufen wird.

Tusq-Releasekonzert: Fr 2.11., Molotow

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Catharina Boutari und ihre Session Tapes – ein Abenteuer aufnehmen

Catharina Boutari, Puder, musician, Singer, guitarist, Hamburg, Rekorder Studio, Session Tapes, Gregor Hennig, Tom Gatza, Max Schneider, recording, live, crowd

Ich habe die große Freude, die Musikerin Catharina Boutari in der kommenden Zeit als Texterin zu begleiten. Ich habe Catharina bereits früh in meiner Hamburger Zeit kennengelernt und erlebe sie seitdem als offene und wagemutige Künstlerin. Ob sie nun mit Pussy Empire Recordings ihr eigenes Label führt oder unter dem Namen Puder ganz eigene wie eigensinnige Popmusik macht.

Es passt sehr gut zu ihrer Persönlichkeit, dass Catharina Boutari Anfang 2017 mit den Session Tapes eine Reihe gestartet hat, die den Prozess, das Experiment und somit letztlich das Leben feiert.

Zwei, drei Stunden, in denen der musikalische Fluss festgehalten wird

Auch für die dritte Runde der Session Tapes, die jetzt anstand, gilt ein vorgegebener Zeitrahmen. Vier Tage Songs schreiben im Studio. Vier Tage, um Ideen und Arrangements zuhause sacken zu lassen. Und um weiter an den Lyrics der Lieder zu feilen. Dann drei Tage Proben mit einer wachsenden Anzahl an Musikern. Und schließlich ein Nachmittag für die Aufnahme im Rekorder Studio von Produzent Jan Rubach auf St. Pauli.

Der Termin, auf den alles zuläuft. Zwei, drei Stunden, in denen der musikalische Fluss der vergangenen Tage festgehalten wird. Der Ausschnitt aus einem Abenteuer. Zudem ein Stück fixierte Intimität. Mir kommt dieser Tomte-Song in den Sinn: „Die Schönheit der Chance“.

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Catharina Boutari (Gesang, Gitarre) inmitten ihrer Session im Rekorder Studio auf St. Pauli.

Ich finde es hochgradig inspirierend, wenn da ein Mensch seine Kunst und sein Können so konzentriert herausfordert. Und das zudem noch öffentlich. Denn Catharina Boutari wirkt nicht allein für sich. Sie finanziert ihre Session Tapes zum Teil mittels Crowdfunding. Und als eines der Goodies dürfen einige Geldgeber bei der Aufnahmesession live dabei sein. Eine Einladung in die Herzkammer der Musik. Da, wo es pulst und pocht.

Seit zwölf Tagen existiert Catharina Boutari in diesem Schaffensfilm

Und so versammeln sich am Samstag rund 20 Leute – Gäste und Musiker – im Wohnzimmer des Rekorder Studios bei Schnittchen und Chips, Kaffee und Kaltgetränken. Catharina Boutari empfängt, redet, strahlt. Sie erzählt mir, dass sie am Morgen die Augen aufgeschlagen hat und sofort knallwach war. Das kann ich mir sehr gut vorstellen. Seit zwölf Tagen existiert sie in diesem Schaffensfilm, in dieser kreativen Energie.

Fünf Songs haben sie geschrieben, erzählt Catharina Boutari ihrem kleinen erlesenen Publikum. Die Lieder wollen und sollen raus. Das ist deutlich zu spüren. Und andererseits sind sie eben erst entstanden. Noch roh, fragil, kaum da. Den letzten Text hat Catharina Boutari am Vorabend fertiggestellt, sagt sie. Eine Trapezartistin.

Die Gäste stehen und sitzen neben und zwischen den Künstlern

Es kann losgehen“, ruft Catharina. Und alle Anwesenden verteilen sich in dem kleinen Aufnahmeraum des Studios. Die Gäste stehen und sitzen neben und zwischen den Künstlern. Über Funkkopfhörer können wir den Mix hören, den alle Stimmen und Instrumente ergeben.

Durch diese unmittelbare Nähe entsteht ein organisches Miteinander. Und ich empfinde es als großen Vertrauensbeweis, dass wir mit all unseren Körpern, mit unserem Atem und womöglich eben auch mit unseren eigenen Geräuschen dabei sein dürfen. Catharina wiederum sagt, dass sie das anwesende Publikum als beruhigend wahrnimmt. Ich mag den Gedanken sehr, dass wir eine Art wechselseitiges Kraftfeld bilden.

Songs, die sich nicht in Wohlbefinden suhlen

Die fünf Songs erzählen „Geschichten vom Ende der Welt“, sagt Catharina. Veröffentlicht werden sie Ende Januar 2019. Ich will nicht zu viel verraten über die einzelnen Stücke. Aber ich bin begeistert, wie Catharina Boutari in ihren Liedern ein zartes Brodeln entfacht. Ein dynamisches Spiel aus Dynamik und Rückzug, aus Songwriter-Sound, Blues, Rock, Chanson, Jazz. Ihre Stimme haucht, flüstert, betört, ruft, proklamiert. Ihr Gesang ist der Leitfaden durch diese wunderschönen Songs, die sich nicht in Wohlbefinden suhlen, sondern ihre Energie aus unserer spannungsgeladenen Welt ziehen. Das Unbehagen macht uns ebenso lebendig wie die Hoffnung.

Catharina Boutari, Puder, musician, Singer, guitarist, Hamburg, Rekorder Studio, Session Tapes, Gregor Hennig, Tom Gatza, Max Schneider, recording, live, crowd Alle Musiker arbeiten hoch fokussiert und zugleich mit improvisatorischem Spaß daran, diese besondere poetische Atmosphäre zu erzeugen. Zum Kernteam gehören Tom Gatza und Gregor Hennig, mit denen Catharina Boutari in den vergangenen Tagen gemeinsam an den Songs gearbeitet hat. Tom ist Komponist und spielt passioniert sowie empathisch Piano, Keyboard und Gitarre.

Gregor ist Produzent und bereichert die Session Tapes mit wunderbar geheimnisvoll tönenden Effektgeräten. Zum Beispiel mit der Harpiye, einem extra von dem Bremer Instrumentenbauer Frank Piesek gefertigten Klangerzeuger. Drei in einen Rahmen gespannte Harfenseiten sowie zwischengeschaltete Mechanik und Elektronik sorgen für rhythmisches Knistern und hypnotische Sounds. Eine Zaubermaschine, die jeden Song mit Magie auflädt.

Einen Tag zum Proben, um eine gemeinsame Chemie zu entwickeln

Komplettiert wird die Band von Schlagzeuger Max Schneider, der auch schon mal zum Handfeger greift, um auf Trommeln und Becken einen lässigen Beat zu kreieren. Hanna Jäger setzt mit ihrem Backgroundgesang zudem feine Akzente. Hinzu kommen Doro Offermann und Tim Rodig an Saxofon und Klarinette, die warme sowie frei fliegende Elemente einfügen. Lediglich einen Tag zum Proben hatte die gesamte Formation, um eine gemeinsame Chemie zu entwickeln.

Catharina Boutari, Puder, musician, Singer, guitarist, Hamburg, Rekorder Studio, Session Tapes, Gregor Hennig, Tom Gatza, Max Schneider, recording, live, crowd Zwischen jedem Song pausiert die Band kurz, um sich zu besprechen. „Meine Habibis, müssen wir das noch mal machen oder war das okay?“, fragt Catharina Boutari. Harmonierten alle Melodieläufe der einzelnen Instrumente? Hat sich jemand verspielt? Sind alle Tonspuren bei Produzent Jan Rubach im Regieraum gut angekommen? Bei zwei Songs dürfen wir als Publikum mitsingen und euphorische Ausrufe einbringen. Ich merke: Ich bin mittendrin in dem Prozess, in der positiven Aufregung – und in der Musik. Was für ein Geschenk.

Ich freue mich, noch tiefer in die Lyrik abtauchen zu können

Nach dem ersten Set dürfen sich alle im Wohnzimmer auslockern, ein Bier trinken, schnacken, frische Luft schnappen. Dann geht es zurück ins Studio, um alle fünf Songs noch einmal zu spielen, zu hören, aufzunehmen.

Ich freue mich, noch tiefer in die Lyrik abtauchen zu dürfen, mich noch intensiver auf die einzelnen Nummern einlassen zu können. Und ich bin sehr beeindruckt, wie Catharina Boutari und ihre Band, ihre Schicksalsgemeinschaft auf Zeit, stets aufs Neue diese eindringliche Stimmung abrufen können. Diesen flirrenden Tiefgang.

Bei jeder Wiederholung erschließt sich die Matrix der Musik ein Stück weiter. Ich nehme andere Details wahr. Die Lieder, die vor kurzem noch fremd waren, werden zu Begleitern. Sie hallen nach auf dem Weg nachhause. Der Prozess, er hört nicht auf.

Biggy Pop empfiehlt:
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„Plattkinner“ von Wiebke Colmorgen: Pop schnacken

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Wenn jemand, mit dem ich mich freundschaftlich verbunden fühle, an einem Projekt arbeitet, fiebere ich automatisch mit. Von daher bin ich sehr gespannt und auch ein wenig stolz, diese Woche zum Releasekonzert des Buchs „Plattkinner“ zu gehen. Wiebke Colmorgen hat beim kleinen feinen Hamburger Verlag Junius dieses Songbook mit Kinderliedern auf Plattdeutsch herausgebracht. Und um die Veröffentlichung zu feiern, hat sie stilecht in die Hanseplatte geladen, den Plattenladen für Musik aus Hamburg.

Plattkinner, Buch, Plattdeutsch, Plattdeutsches Buch des Jahres 2018, Wiebke Colmorgen, Hardy Kayser, Tanja Esch, Songs, Pop, Platt, Hanseplatte, Illustraion, Musik, Kinder, Hamburg Wiebke ist für mich ein norddeutsches Original für die heutige Zeit. Also ein Rolemodel im besten Sinne. Im Vorwort („Wat vörweg“) zu „Plattkinner“ erzählt Wiebke, dass sie auf einem Bauernhof in Schleswig-Holstein aufgewachsen ist. Und wer das Glück hat, sich länger mit ihr zu unterhalten, kann viele lustige und auch nachdenkliche Geschichten von ihr hören. Über das Leben auf dem Dorf. Aber auch über die Sehnsucht nach der großen Stadt.

Wiebke arbeitet einerseits als Sprachförderkraft in einer Kindertagesstätte, andererseits spricht sie zum Beispiel die plattdeutschen Nachrichten beim Radiosender NDR 90,3. Und sie ist ein richtiges Popkulturgewächs, hat beim Label gearbeitet und einen tolle Interviewreihe mit Musikern geführt. All diese Leidenschaften sind spürbar in die „Plattkinner“ geflossen. Und all diese Facetten verkörpert Wiebke auch bei der Sause in der Hanseplatte.

Mit Gitarrist Hardy Kayser hat Wiebke die Songs für Kinder geschrieben

Im blau-weißen Seemannshemd samt Gummistiefeln steht sie zwischen Plattenregalen und Hamburg-Artikeln wie Tassen und T-Shirts, um ihre plattdeutschen Lieder zu singen. Unterstützt wird sie dabei von Hardy Kayser an der Gitarre.

Plattkinner, Buch, Plattdeutsch, Plattdeutsches Buch des Jahres 2018, Wiebke Colmorgen, Hardy Kayser, Tanja Esch, Songs, Pop, Platt, Hanseplatte, Illustraion, Musik, Kinder, HamburgDer Hamburger Musiker und Songschreiber hat bereits mit Künstlern wie Ina Müller, Annett Louisan, Gustav Peter Wöhler, Ernst Kahl und Rocko Schamoni gearbeitet. Und gemeinsam mit Wiebke hat er die zehn Lieder geschrieben und komponiert, die „Plattkinner“ als CD beiliegt – mit Gesang sowie als Instrumentals. Denn das Ziel ist es, Klein und Groß zum Mitsingen zu animieren. Sei es bei einem swingenden Stück wie „Hey, Maccaroni“ oder bei einer countryesken Nummer wie „Ohauerha“.

So’n Schiet, Schietwedder und Schietbüddel

In „Plattkinner“ sind die Songs auf Platt mit Noten abgedruckt. Zudem gibt es eine deutsche Übersetzung und Begriffserklärungen. Zum Beispiel zum Wort „Plattdüütsch“. Oder zu Folgendem: „So’n Schiet darf man auf Hochdeutsch nicht sagen. Op Platt geht das aber, weil es netter klingt. Man kennt das Wort Schiet auch von Ausdrücken wie Schietwedder oder Schietbüddel, der sogar als nettes Kosewort gebraucht wird.“

Derlei Ausführungen gefallen mir äußerst gut, denn das Thema Plattdeutsch wird nicht dogmatisch mit dem Zeigefinger präsentiert, sondern locker und spielerisch. Wiebke möchte die Sprache ihrer Familie einfach unverkrampft in den heutigen Gebrauch integrieren und so für weitere Vielfalt sorgen. Zu diesem Zweck veranstaltet sie auch Lesungen und Konzerte in Schulklassen und Bücherhallen. Und dass Wiebke gut mit Kindern kann, springt in der Hanseplatte sofort über.

Plattkinner, Buch, Plattdeutsch, Plattdeutsches Buch des Jahres 2018, Wiebke Colmorgen, Hardy Kayser, Tanja Esch, Songs, Pop, Platt, Hanseplatte, Illustraion, Musik, Kinder, HamburgBrav sitzen die Kleinen vorne auf dem Boden, während die Erwachsenen von hinten über ihre Köpfe gucken. Wiebke und Hardy starten, verstärkt durch die jungen Sängerinnen Matilda und Clara, mit dem sehr schönen, leicht schunkeligen Chanson „Parlez-vous Platt“.

Zu „Kiek mal“ – halb Rock, halb Rap – können die Kinder mitmachen

Wiebke singt mit heller warmer Stimme und schaut ihr kleines Publikum sehr aufmerksam an. Die lauschen andächtig, dürfen später aber auch richtig mitmachen. Zu „Kiek mal“ – halb Rock, halb Rap – hat sich Wiebke eine Choreografie ausgedacht. Und nicht wenige Kinder stehen auf, um mitzutanzen und mitzusingen.

Musik für Kinder hat ja in den vergangenen Jahren einen unglaublichen Boom erlebt. Deine Freunde machen Hip-Hop, Krawall und Remmidemmi. Und die Band Randale zeigt den Kids, wie Hardrock funktioniert.

Eigensinnige Figuren von Illustratorin Tanja Esch

Die „Plattkinner“ sehe ich mit ihrem akustischen Flair am ehesten in der Nähe von „Unter meinem Bett“. In der Musikreihe spielen Künstler wie Bernd Begemann, Gisbert zu Knyphausen und Desiree Klaeukens eigens gedichtete Stücke für Kinder.

Plattkinner, Buch, Plattdeutsch, Plattdeutsches Buch des Jahres 2018, Wiebke Colmorgen, Hardy Kayser, Tanja Esch, Songs, Pop, Platt, Hanseplatte, Illustraion, Musik, Kinder, HamburgBei „Plattkinner“ kommt als Bonus hinzu, dass viele plattdeutsche Begriffe schlichtweg lustig klingen und daher – nicht nur – für Kinder besonders faszinierend sein dürften. Namen wie „Klaus Kleckerkluemp“ und „Silke Snappsnuut“ zum Beispiel.

Zudem ist das Buch prall gefüllt mit entzückenden Bildern von Illustratorin Tanja Esch. Ihre Figuren besitzen einen eigensinnigen Charme. Ausdrucksstarke Persönlichkeiten, die die kleinen Leserinnen und Leser nicht für dumm verkaufen. Zu sehen sind ihre farbenfrohen Charaktere derzeit auch im Schaufenster der Hanseplatte. Nicht wenige Erwachsene sind vor dem Laden bei Waffeln und Getränken ins Plaudern geraten, inwiefern sie selbst oder ihre Eltern früher Platt gesprochen haben. „Plattkinner“ ist daher auch ein Buch, das Generationen verbindet – mit Musik und Humor, mit Liebe zum Platt und zum Pop.

“Plattkinner” ist plattdeutsches Buch des Jahres 2018

Kein Wunder, dass das Institut für niederdeutsche Sprache und die Carl-Toepfer-Stiftung „Plattkinner“ soeben zum plattdeutschen Buch des Jahres gekürt hat. Das freut mich riesig. Glückwunsch, Wiebke – toll gemacht!

Weiterhin schön und gut und aktuell aus Hamburg:
Poems For Jamiro: “Human” (Schwesterherz)
Neonschwarz: „Clash“ (Audiolith Records)
Patrick Siegfried Zimmer: „Memories I – X“ (PSZ Recordings)

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Let’s talk about money, let’s talk about love

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Wie lässt sich mit Musik Geld verdienen? Und was bedeutet das eigentlich, ein sogenanntes Independent-Label zu führen? Diese Fragen sind Dauerbrenner der Branche und werden dieser Tage erneut intensiv diskutiert – auch in Hamburg.

In der aktuellen Ausgabe des Wirtschaftsmagazins „Brand Eins“ porträtiert Journalist Nils Wischmeyer die beiden Hamburger Plattenfirmen Tapete Records und Grand Hotel van Cleef. Der Artikel legt dar, dass das Pop-Geschäft längst nicht das glamouröse Business ist, für das manche es noch halten mögen.

Tapete Records und Grand Hotel van Cleef: die Mischkalkulierer

Beide Unternehmungen gründeten sich 2002, direkt nach dem großen Einbruch der Branche durch Onlinetauschbörsen wie Napster. Grand Hotel van Cleef setzt auf ein zugespitztes Portfolio mit Kettcar und Tomte als Zugpferde und Cashkühe. Tapete Records wiederum holt seinen Profit über die Vielfalt von Newcomern wie Zimt bis zu etablierteren Bands wie Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen.

Doch beide leben längst nicht mehr nur vom Tonträgerverkauf. Stattdessen mischkalkulieren Tapete Records und Grand Hotel van Cleef, indem sie mit Musikverlag, Booking, Promotion, Sublabel und Merchandise weitere Einkunftsquellen geschaffen haben. Entsprechend quasi-optimistisch trägt der „Brand Eins“-Beitrag den Untertitel „nicht das Ende vom Lied“.

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Bands im Miniaturformat, gesehen im Monkeys Music Club

Interessant finde ich, dass der Text auch konkrete Zahlen nennt: „25 Platten bringt Tapete Records jährlich auf den Markt und verbucht rund 1,2 Millionen Euro Umsatz. 2016 blieben davon rund 36.000 Euro Gewinn übrig, nicht mehr als bei einem kleinen örtlichen Handwerksbetrieb“, heißt es in dem Artikel. Grand Hotel van Cleef habe im vergangenen Jahr „eine Million Euro Umsatz und 117.000 Euro Gewinn gemacht. Zum Vergleich: Universal verbuchte im selben Zeitraum einen Umsatz von 5,7 Milliarden Euro.“ Zudem holen sich beide Labels unter anderem Unterstützung von der Labelförderung Hamburg.

Wolfgang Müller: “konnte Platte nicht ins Plus hieven”

Die Bilanz zeigt: Reich werden Tapete Records und Grand Hotel van Cleef sowie deren Mitarbeiter nicht. Aber das Herzblut reicht zum Überleben. Und beide Labels gehören noch zu den solideren Marken des hiesigen Popmarktes. Noch härter zu kämpfen haben kleinere Firmen oder Künstler im Selbstverlag.

Der Hamburger Musiker Wolfgang Müller hat am 20. Oktober auf seiner offiziellen Facebookseite einen Post veröffentlicht, der wenig positiv klingt. Er erzählt, dass er „das letzte Album trotz vieler toller Kritiken, toller Konzerte und teilweise immerhin 5-stelligen Plays bei Spotify nicht ins Plus hieven“ konnte. Kaum jemand kaufe mehr Tonträger und die Erlöse aus Streaming seien viel zu niedrig. Das führe dazu, dass selbst bekanntere Musiker ihr neues Album nun einfach via Soundcloud kostenlos ins Netz stellen.

Pascal Finkenauer: Songs kostenlos online

Jüngst ist das geschehen bei Pascal Finkenauer und seiner Platte „Lichter sehen“. Der Hamburger Singer-Songwriter hat schöne schwere Lieder zwischen einflüsterndem Gesang, dunklem Pathos und intensiver Spoken-Word-Performance geschaffen. Songs, die sich nicht einfach nebenbei weghören lassen. Und die deswegen besonderer Aufmerksamkeit bedürfen. Nun stehen diese Stücke online. Doch was bedeutet das?

Besser kostenlos gehört werden als gar nicht. Songs als Visitenkarte. Ohne Einnahmen, aber auch ohne Abgaben an einen Vertragspartner, ein Label etwa. Doch wer sorgt dann für den Schub an Aufmerksamkeit? Und macht das Einzelkämpfen nicht mürbe auf Dauer?

Ideen für ein faires Bezahlmodell im Streaming

Wolfgang Müller hat seine Reflexionen und Ideen auf seiner Webseite noch einmal detailliert ausgeführt. Für ihn ist Streaming langfristig gesehen alternativlos. Aber dass Musiker bloß auf Crowdfunding, Spenden und Förderung setzen, um ihre Lieder dann kostenlos publizieren zu können, ist für ihn kein tragfähiges Modell. Er plädiert für ein faires Bezahlmodell beim Streamen. Das soll maßgeblich so funktionieren: Ab einer gewissen Häufigkeit, die eine Person einen einzelnen Song hört, bezahlt er oder sie dafür. So ließen sich die Gewinne gerechter aufteilen.

Mir gefällt es sehr gut, dass da jemand nicht nur jammert, sondern sich aktiv Gedanken macht, wie sich eine Situation verbessern lässt. Ich denke dennoch, dass der Prozess des Transits für viele Musiker weiterhin äußerst herausfordernd sein wird. Zumal auch das in den vergangenen Jahren boomende Live-Geschäft für unbekanntere Bands nicht die Goldgrube ist, zu der es gerne erklärt wird.

Um noch einmal mit Wolfgang Müller zu sprechen: „So viele Sonder-Boxen, Vinyl-Platten oder Turnbeutel kann man gar nicht verkaufen, um den Verlust der Einnahmen durch CD-Verkäufe zu kompensieren.

Simon Love in Hamburg: großes Konzert vor kleinem Publikum

Simon Love, UK, Band, musician, Concert, Monkeys Music Club, Hamburg, PopAll diese Überlegungen, Informationen und Diskussionen gehen mir durch den Kopf, als ich am Dienstagabend zum Konzert von Simon Love in den Monkeys Music Club aufbreche. Der Brite ist mit seinem zweiten Soloalbum – da schließt sich der Kreis – bei Tapete Records unter Vertrag.

Die Platte „Sincerly, S. Love x“ präsentiert Simon Love in Altona, einige Häuser abseits der Fabrik im Hinterhof in direkter Nachbarschaft zum Projekt barner 16. Nicht gerade Kiez-Laufweite. Zudem regnet und stürmt es bereits den ganzen Tag. Ein Dilemma: Im Sommer war es vielen zu heiß, um in Clubs zu gehen. Und wenn dann im kühleren Herbst das Hamburger Schietwetter tobt, bleiben nicht wenige lieber zuhause auf dem Sofa. Ich bin also sehr gespannt, wer und wie viele Gäste wohl anwesend sein werden bei diesem Konzert.

Monkeys Music Club: rustikaler bis unverwüstlicher Charme

Das Monkeys hat im Februar 2015 das damalige Kir abgelöst und fokussiert sich auf Subkulturen von Punk über Ska und Reggae bis zur Sixties-Szene. Besondere Gemütlichkeit verleiht ein eigener separater Pub im Club. Aber auch ansonsten besitzt das Monkeys einen rustikalen bis unverwüstlichen Charme mit großer Rundumtheke in der Mitte und einer Bühne schräg dahinter, vor der etwa 100 bis 150 Leute Platz finden dürften.

Simon Love, UK, Band, musician, Concert, Monkeys Music Club, Hamburg, PopAn diesem Abend zähle ich mit viel Wohlwollen – Personal und Bandanhang mitgerechnet – 20 Personen, die der wirklich tollen Musik von Simon Love lauschen. Der Sänger, Gitarrist und Pianist ist mit seinen „old romantics“ angereist. Vier Bandmitglieder, die Schlagzeug, Trompete, Bass und Keyboard spielen. Nicht zu vergessen ein Skelett namens Freddy, das in der Ecke steht, ein Simon-Love-Shirt trägt und hoffentlich nicht das baldige Ende dieser Band andeutet.

Liebe zahlt keine Miete

Wenn mehr Leute vor als auf der Bühne stehen, wird gespielt“, erklärt mir ein alter Showgeschäftshase aus dem kleinen Publikum. Zum Glück. Denn der Auftritt ist wirklich richtig gut. Simon Love entwickelt fantastische Harmonien und einen famosen Humor, was sich nie und nimmer als reines Nerdwissen anlesen lässt. Dafür bedarf es neben Know-how eben auch Intuition, einer gewissen Grundschrulligkeit sowie, genau, Liebe. „Love“ steht in fetten Lettern auf der Verkleidung um Simons Piano. Und der Pilzkopf erzählt uns von den absurden, missglückten und hoffnungsvollen Facetten des Beziehungsspiels.

Simon Love, UK, Band, musician, Concert, Monkeys Music Club, Hamburg, Pop Von der aktuellen Platte gefällt mir „Joey Ramone“ am besten. Eine Ode an den schlaksigen Sänger der Ramones, deren „1 2 3 4“, „Hey Ho“ und Handclap-Appeal er in eine beach-boy-selige Nummer verwandelt. Da geht der Himmel ganz weit auf. Grandios ist aber auch der Albumopener „God Bless The Dick Who Let You Go“. Eine wahrhaftige wie hoch melodische Hymne, die den Weg lobpreist, den die Liebe zum lyrischen Ich genommen hat.

Sofort wünsche ich dem Künstler, einen solch wunderschönen Song in einem großen Konzertsaal vor tausenden Menschen mit Streichern und Bläsern und allem Pipapo aufführen zu können. Im Monkeys wiederum fühle ich mich sofort als Teil einer verschworenen Gemeinschaft, die gerade etwas sehr Besonderes erleben darf. Und deshalb umso euphorischer klatscht und jubelt.

Geld wurde an diesem Abend gewiss nicht verdient. Und Liebe zahlt keine Miete. Das Thema wird mich weiter beschäftigen. Aber Love bringt uns zusammen. Immer wieder. Danke vielmals dafür.

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Elbphilharmonie oder Pooca Bar? Zwei Hamburger Musikorte

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In den vergangenen Tagen habe ich zwei sehr verschiedene Hamburger Musikorte besucht. Elbphilharmonie und Pooca Bar. Konzertsaal der Superlative und Club im Kleinstformat. Hafencity und Kiez. Ich liebe es, mich in dieser Stadt in solch unterschiedliche Atmosphären und Klangwelten begeben zu können.

In der Elbphilharmonie ist alles glatt, poliert, geschliffen. Ich sitze im Großen Saal an einer der Brüstungen und streiche mit meinen Händen über das matte Holz, das sich warm und geschmeidig anfühlt. In der Pooca Bar auf St. Pauli scheint der Laden hingegen durch Aufkleber zusammengehalten zu werden. Schicht um Schicht ummantelt das Mischpult. Alles ist uneben. Alles atmet Rauch, Schweiß, Geschichten.

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Nils Wogram und die NDR Bigband in der Elbphilharmonie

Ich muss an den Satz denken, den der kubanische Pianist Omar Sosa in der Elbphilharmonie gesagt hat. Er spielt dort zum 60. Jubiläum der renommierten Reihe NDR Jazzkonzerte. Ebenso wie Posaunist Nils Wogram, die NDR Bigband und Joshua Redman. Sosa, eine Art Schamane des Jazz und eine unglaublich charismatische Persönlichkeit, erklärt sinngemäß: Alle Menschen, die an einem Ort zusammenkommen, um Musik zu machen und zu hören, erzeugen eine bestimmte Energie. Und der Raum speichert diese ganz besondere Kraft ein ums andere Mal.

Elbphilharmonie und Pooca Bar, Omar Sosa und The Courettes

Mir gefällt der Gedanke sehr gut, dass an einer Spielstätte alle dort bereits stattgefundenen Konzerte nachhallen und -schwingen. Und diese Idee eint Kleinstkaschemme und Luxusarchitektur. Die Musik ist und bleibt das, was zählt.

The Courettes, Pooca Bar, St. Pauli, Garage, Sixties, Rock 'n' Roll, concert, live, Club, crowd, sign, red, light Samstag in der Pooca Bar: Das dänisch-brasilianische Duo The Courettes explodiert mit seinem Garage- und Sixties-Songs. Und der Sound hallt so verzerrt durch alte Mikros und Verstärker, dass ein raues Tosen durch die dicht gedrängte Menge fährt. Donnerstag in der Elbphilharmonie: Omar Sosa und seine beiden Mitmusiker laden afro-kubanische Mystik mit Tanz und Liebe auf. Die Instrumente von der Geige bis zur Trommel erklingen so exakt und detailliert, als ließen sich die einzelnen Töne von einem imaginären Baum pflücken.

Ein feiner Wechsel der emotionalen Zustände

Bei den Courettes spielt Sängerin Flavia Couri ihre Gitarre dermaßen krachend, dass die Akkorde von den Füßen aus den Körper durchdringen und bis unter meine Schädeldecke knallen. Ihr Mann Martin schickt unterdessen vom Schlagzeug aus akustisch Pfeil um Pfeil durch unsere Herzen. Yilian Canizares wiederum, Sängerin und Geigerin bei Omar Sosa, singt dermaßen intensiv, als steige ihre Stimme aus einer tiefen Trance auf. Kurz darauf verbreitet der Gesang der Kubanerin leichte warme Lebensfreude. Ein feiner Wechsel der emotionalen Zustände.

The Courettes, Pooca Bar, St. Pauli, Garage, Sixties, Rock 'n' Roll, concert, live, Club, crowd, merchandise In der Pooca Bar stößt sich Flavia mit den feiernden Fans in der ersten Reihe fast den Kopf, so nah sind sich Band und Publikum. In der Elbphilharmonie ist der Abstand durch die Sitzreihen stets gegeben.

Musiker zum Anfassen nah oder kontemplatives Zuhören. Ekstatisches Miteinander im Rock ‘n’ Roll oder sitzende Mitwippvertiefung im Jazz. Für mich ist das eine nicht besser oder schlechter als das andere. Aus beiden Abenden nehme ich viel Energie mit. Und der Applaus als Ehrbekundung für die Künstler ist universell.

Subvention oder alleine klarkommen?

Der große Unterschied ist das Zustandekommen der jeweiligen Konzerte in Elbphilharmonie und Pooca Bar. Für beide Veranstaltungen sind Tickets für ungefähr 15 Euro zu haben. Wie kann das sein?

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Omar Sosa, Yilian Canizares und Gustavo Ovalles (v.l.) in der Elbphilharmonie

Das Elbphilharmonie-Konzert ist hoch subventioniert, während die Pooca Bar weitestgehend privatwirtschaftlich alleine klarkommen muss. Zwar hilft eine Initiative wie die Clubstiftung Hamburg. Aber das ist vom finanziellen Wums her natürlich nicht vergleichbar mit städtischen oder öffentlich-rechtlichen Geldern.

Aufkleberwand für Mäzene

Mir ist gar nicht daran gelegen, das eine gegen das andere aufzurechnen. Mir geht es um die Vielfalt in der Musikstadt Hamburg. Und in der Pooca Bar treten eben nicht nur in der Szene bekanntere Acts wie The Courettes auf, die bereits ihr eigenes Publikum ziehen. Der sympathisch plüschige Laden auf dem Hamburger Berg dient vor allem auch als Bühne für noch unbekannte lokale Bands, die dort die Chance für erste Shows erhalten.

In der Elbphilharmonie sind auf den Foyerstufen Plaketten montiert – mit den Namen jener Menschen, die dem Konzertsaal mindestens 10.000 Euro gespendet haben. Wäre es nicht fantastisch, die gut Betuchten dieser Stadt würden es als ebenso attraktiv ansehen, sich in der Pooca Bar zu verewigen, nachdem sie großzügig Geld gegeben haben?

Ich denke da zum Beispiel an eine Ehrenaufkleberwand für Mäzene. Das würde den Laden auf mehr als einer Ebene zusammenhalten. Und was ebenfalls gewährleistet wäre: positive Energie.

The Courettes sind beheimatet bei der Hamburger Plattenfirma Sounds Of Subterrania.

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Organisch elektrisch: Poems For Jamiro und ihr Album „Human“

Ich sehe zwei Frauen Hinterkopf an Hinterkopf. Ihre Haare sind in einer Computeranimation miteinander verbunden. Die beiden wirken wie eine Einheit. Wie ein Bergmassiv. Die Blicke sind klar und ruhig. Irgendwo zwischen Melancholie und Zuversicht. Das Artwork ziert das Cover des neuen zweiten Albums von Poems For Jamiro. Das Starke, Kantige des Bildes gefällt mir sehr.

Der Mix aus fotografierten Gesichtern und verfremdetem Haar, gestaltet von 2erpack-Studios, entfaltet eine faszinierende wie irritierende Wirkung. Und in Kombination mit dem Titel der Platte – „Human“ – entsteht ein toller Kontrast. Eine Diskrepanz, die Fragen aufwirft. Wie menschlich sind wir (noch)? Und wie sehr sind wir bereits mit der Technik verwachsen?

Poems For Jamiro, Human, Album, Record, Cover, Pop in Hamburg, Artwort, 2erpack studios, women Der optische Eindruck setzt sich in der Musik fort. Die Hamburger Musikerinnen Nina Müller und Laila Nysten kombinieren analoge Instrumente wie Piano und Violine mit Synthesizer-Sound. Das Organische trifft auf das Elektrische. Auch im Gesang der beiden. Mal tönen ihre Stimmen so nah und pur, als säßen sie neben mir auf dem Sofa. Dann wiederum laden sie ihren Gesang mit Hall und Effekten auf, als flögen sie mit einem durch digitale Welten.

Im Titelsong „Human“ verschachteln Nina und Laila ihren Gesang zum Teil in schöner Komplexität, um ihn an anderer Stelle eher in chorische Höhen zu schrauben. In dieser Nummer sind Dynamik und Ideenreichtum, die Poems For Jamiro erzeugen, besonders fein zu erleben. Das Schlagzeugspiel von Helge Preuss erzeugt streckenweise eine treibende, tribalartige Kraft. Dann wiederum fährt der Sound zurück und schafft Raum für Fragiles.

„I can hear the silence fall“

Dieses geschickt wechselnde Arrangement aus Innehalten und Aufbruch passt gut zu dem Heilungsprozess, der in den Lyrics von „Human“ geschildert wird. Ich stehe sehr auf eigensinnige sprachliche Bilder, die ihre Magie erst allmählich offenbaren. Verse wie „I can hear the silence fall“ oder „I’m setting sails underneath the waves“ sprechen mehr an als nur den Kopf, sondern wirken in tiefer liegenden Schichten nach.

Der Text des Album-Openers „Never Get Home“ ist zwar direkter verfasst, lässt sich aber auf verschiedene Weise interpretieren. Zum einen als Liebeslied. Zum anderen als Ode an das blinde gegenseitige Vertrauen, dass sich die Künstlerinnen vor allem auf Reisen entgegenbringen.

„Larger Than Life“ von den Backstreet Boys

Der Presseinfo entnehme ich, dass Poems For Jamiro mit ihrer Musik bereits durch zahlreiche Länder getourt ist – von Österreich bis nach England, von Dänemark bis nach Island. Die Tatsache, dass die beiden auf Englisch singen, erschließt ein internationales Publikum gewiss zusätzlich. Aber letztlich überzeugt natürlich die Musik.

Eindrücklich zu hören ist das zum Beispiel in „Let The T-Rex Sleep“ – so etwas wie ein Bond-Song, zu dem der Agent nicht steif an der Bar, sondern auf der Tanzfläche eines Clubs ermittelt. Und „Larger Than Life“ von den Backstreet Boys in eine elegante wie cool knisternde Tanznummer zu verwandeln, ist eine sehr hübscher augenzwinkernde Hommage zum Abschluss des Albums.

Poems For Jamiro, Gewinnerinnen bei „Krach + Getöse“

Wie das überhaupt funktionieren kann, im Musikgeschäft erfolgreich und zugleich eigenständig zu agieren, hat Poems For Jamiro unter anderem bei RockCity Hamburg gelernt, dem hiesigen Zentrum für Popularmusik. 2014 gewannen Laila und Nina dessen Förderpreis „Krach + Getöse“, der Coaching und Kontakte, Konzerte und Studioaufenthalte bietet. Damals war Poems For Jamiro als akustisches Singer-Songwriter-Duo gestartet.

Ich bin immer wieder beeindruckt, wenn Künstlerinnen und Künstler ihre Ausrichtung ändern, ergänzen und erweitern, sprich: wenn sie sich weiterentwickeln. Das zeugt für mich von Mut und Lebendigkeit. Und das Ergebnis ist im Fall von „Human“ ein vielfältiges und zugleich homogen klingendes Album, das das Intime mit dem Orchestralen kunstvoll verquickt.

Für mich besitzen die Eigenkompositionen eine unglaublich große Weite. Als würde die Musik über eine offene Fläche wehen. Mit dem Himmel als Limit.

Human“ von Poems For Jamiro erscheint am 19.10.2018 bei Bosworth Creative.
Poems For Jamiro live in Hamburg: 24. Februar, Knust

Diese Woche sonst noch neu in Hamburg:

Alli Neumann: „Hohes Fieber“ (EP, Jive Music), unter anderem angekündigt von den Kollegen von The Mellow Music.

Weiterhin schön und gut und aktuell:

Neonschwarz: „Clash“ (Audiolith Records)
Patrick Siegfried Zimmer: „Memories I – X“ (PSZ Recordings)

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Zeitreise mit Swing: “Schellackträume” mit Starlight Steven

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In der Hamburger Musikszene existieren diese Fixsterne. Menschen, die mit ausdauernder Energie in die Stadt, in ihre Clubs und Läden hinein leuchten. Als ich 1997 nach Hamburg zog, besaß Starlight Steven für mich schnell solch eine Strahlkraft.

Meistens samstags kaufte ich bei ihm und seinem Kollegen André im längst nicht mehr existenten Zardoz am Altonaer Bahnhof meine Schallplatten. Die beiden bildeten für mich in den ersten Monaten und Jahren so etwas wie ein Hamburger Empfangskomitee in Sachen Pop- und Subkultur. Freundlich lächelnd standen sie hinterm Tresen. Steven groß mit wilder Zappa-Mähne. André kleiner und mit braver gescheiteltem Haar.

Starlight Steven, DJ, Platten, Schellackplatten, Tanztee, Swing, Tango, Fox, Retro, Hamburg, Blankenese, Cafe Roederers Den beiden war ein Vinylmackertum, wie es mitunter in anderen Plattenläden herrschte, völlig fremd. Entspannt ließ sich mit ihnen über Neues, Altes und Rares reden. Die zwei ließen einen aber auch angenehm in Ruhe beim Rumgucken und Reinhören.

Ich erstand meistens eine der aktuellen Veröffentlichungen, von denen ich vorab in Musikzeitschriften gelesen hatte, sowie ein, zwei günstige Alben aus der Sparpreiskiste. Das war ein schöner kleiner Ausflug, auf den ich mich stets sehr freute. Und von dem ich mit dem Gefühl heimkehrte, nicht nur tolle Musik angeschafft, sondern mich auch mit der Stadt ein Stück weiter verbunden zu haben.

Die Party schwappte durch Rosi’s Bar

Starlight Steven begegneten wir zudem regelmäßig auf dem Kiez. Vorzugsweise in Rosi’s Bar. Wenn im Blauen Peter bereits das Licht anging und sich im Molotow die Tanzfläche allmählich leerte, ließ sich immer noch hervorragend in diesen angeplüschten Schuppen auf dem Hamburger Berg hineinstolpern. Durch Rosi’s schwappte gerne in den frühen Morgenstunden noch eine exaltierte Party, wenn Starlight Steven irres Rhythmisches von Funk bis Rock ‘n’ Roll auflegte. Wenn wir schon ein wenig aufgelöst von der Nacht in dieser winzigen Kaschemme strandeten, war es stets ein Gefühl von Nachhausekommen, wenn Starlight Steven an den Plattentellern wirkte und wirbelte.

Starlight Steven, DJ, Platten, Schellackplatten, Tanztee, Swing, Tango, Fox, Retro, Hamburg, Blankenese, Cafe Roederers Ich hatte im Laufe der Jahre aus den Augen verloren, was Starlight Steven nun eigentlich so macht. Bis mir eine Freundin erzählte, dass sie eine Sammlung mit Schellackplatten aus dem Nachlass ihres Großvaters an ihn verkauft habe.

So erfuhr ich von der Veranstaltung „Schellackträume“, die unregelmäßig im Café Roederer’s in Blankenese stattfindet. Ganz gesittet am Nachmittag. Mit Tischlämpchen, Kaffee und Kuchen. Das wollten wir uns ansehen.

Starlight Steven am Grammophon

Wir sind früh dran, begrüßen Starlight Steven und beobachten, wie er seine Kisten mit Schellackplatten abstellt und sein Equipment aufbaut. Auf einem Tisch mit hübscher Omadecke positioniert er ein altes Grammophon sowie einen Plattenspieler Modell Phillips 633, den er an einen Lautsprecher anschließt.

Vor allem das Grammophon erzeugt beim Abspielen der Schellackplatten ein derart warmes Knistern, dass sofort das eigene Kopfkino anspringt. Durch wie viele Hände und Generationen die Tonträger wohl schon gewandert sind? Welche Szenen sich zu ihrer Musik abgespielt haben mögen? Und welche historischen Ereignisse?

Starlight Steven, DJ, Platten, Schellackplatten, Tanztee, Swing, Tango, Fox, Retro, Hamburg, Blankenese, Cafe Roederers, Grammophon Die Schellackplatte, frühe Zeugin der Popularkultur, wurde Ende des 19. Jahrhunderts von Emil Berliner erfunden. Starlight Steven, der sich bei seinen Tanztees Sternenlicht Steven nennt, spielt vornehmlich Swing, Fox, Tango, Schlager und Unterhaltungsmusik von den 1920er- bis in die frühen 1950er-Jahre. Bis in jene Ära also, in der die Schellackplatten allmählich von Fabrikaten aus Vinyl abgelöst wurden.

Auf der Suche nach musikalischen Schätzen

Leider können wir nicht allzu lange bleiben. Aber Steven erzählt noch, dass seine Gäste später am Nachmittag auch anfangen würden zu tanzen. Und seine musikalische Bandbreite ist nach wie vor groß. Er legt immer mal wieder Psychedelic und 70ties-Tunes im Hafenbahnhof auf, das nächste Mal am 9. November. Und mit der Party „Flower Power Space Rock“ betreibt er im Molotow seit fast 30 Jahren Hamburgs am längsten laufende Clubreihe. Eine Zeitmaschine hinein in die Hippiedisco.

Ich bin immer äußerst fasziniert, wenn Menschen ihre Liebe zur Musik nicht nur konsequent leben, sondern auch der Entdeckergeist in Sachen Popkultur aktiv bleibt. Steven, der seit 2005 hauptberuflich als Tagesvater arbeitet, ist nach wie vor weiter auf der Suche nach musikalischen Schätzen, die er dann für uns alle zum Leuchten bringt. Schön ist das.

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Neonschwarz: Album „Clash“ – Hiphop, Haltung, Hooray

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Ich mag es sehr, wenn Menschen mit- und sich einmischen. Nicht teflonartig durch die Welt gleiten, sondern Verbindungen herstellen. Die Hamburger Hiphopper Neonschwarz sind, was das angeht, so etwas wie die Supereinmischer und Megaverbindungshersteller. Marie Curry, Johnny Mauser, Captain Gips und DJ Spion Y machen musikalisch, textlich und auch im realen Leben ganz weit auf.

Neonschwarz, Band, Album, Clash, Release, Record, Label, Audiolith, Hiphop, Marie Curry, Johnny Mauser, Spion Y, Captain Gips, Cafe Buena Vista, Hamburg, Diebsteich Zum Release ihres dritten Albums „Clash“ spielt Neonschwarz nicht nur diesen Freitag im Hamburger Gängeviertel. Einen Abend zuvor lädt die Band zudem zur Listening-Session mit Bier und Bingo-Spiel ins hoch charmante kubanische Café Buena Vista am S-Bahnhof Diebsteich. Von Zeckenkids bis zur Seniorin hocken alle vor und in dem gemütlichen Flachbau an den Schienen. Und Betreiber Osmar gibt große Portionen an Essen und Herzlichkeit aus. Ein Abend, der sich anfühlt wie eine Wirklichkeit gewordene Utopie.

„Diggi, das ist Neonschwarz, can you handle it?“

Doch Neonschwarz, 2012 gegründet, ist weit entfernt davon, sich in der eigenen Blase auszuruhen. „Clash“ beginnt zwar – hiphop-typisch – mit einem energiegeladenen Selbstbehauptungssong. Und mit der Beyonce-Gedächtnis-Frage: „Diggi, das ist Neonschwarz, can you handle it?“ Doch im Laufe des Albums packen die „Neonschwizzys“ in ihren akzentuierten Flow viel kritischen Input von der Zeitgeistanalyse bis zur Klaren-Kante-Haltung.

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Neonschwarz fotografiert von Robin Hinsch (v.l.): Marie Curry, Johnny Mauser, Spion Y und Captain Gips.

Der treibende Ausbruchssong „Maradona“ zeigt Leistungsdruck und Durchtaktung unserer Tage den Mittelfinger und beschwört den Mut zum Roadtrip, zum Abenteuer, zum Ungewissen. „Fieber“ schwingt inhaltlich auf einer ähnlichen Frequenz: Stress macht aggro, weshalb die „Schwizzy-Samariter“ anrücken müssen, um den Kurzatmigen das süße Leben zu bringen.

Besonders gut gefällt mir bei dieser Nummer der Wechsel zwischen entspannten Gesangspassagen, Slowmotionrap und Hochgeschwindigkeitssprechgesang. Als sei die Stimme auf einmal auf der Vorspultaste gelandet. Und auch der wohl dosierte Einsatz von Autotune passt zur fiebrigen Atmosphäre und wird nicht einfach als Modeeffekt eingesetzt.

Doppelmoral in der Seifenblase

In „2018“ seziert Neonschwarz im Wortgewitter an tollen orientalischen Klängen, wie dem Erstarken der Rechten zu begegnen ist. Und die Band fragt sich: „Was passiert, wenn sie immer lauter werden, / und schon morgen lauter sind, als die Alarmanlage schreit?“ Doch die vier predigen nicht nur den Konsens im eigenen Umfeld. In „Ananasland“ nehmen sie zudem die Doppelmoral in der eigenen nachbarschaftlichen Seifenblase auseinander: Alle sind öko und kreativ, aber bitte die unhippen Obdachlosen und lauten Clubs aus Blick- und Hörfeld schaffen. „Geistig vertrocknet, moralisch flexibel.“

Der Song ist blitzgescheit, blitzschnell, blitzhumorig. Und musikalisch spannend mit sprödem wütendem Rap, mit Breaks, Samples und sattem Schub. „Und ging mal ganz schlimm was daneben / dann schwingen wir den Besen“, rappt Marie Curry und setzt mal eben einen feinen Seitenhieb auf die blitzblanke(nese) Aufräumaktion in der Schanze nach G20.

Ernsthafte Inhalte mit ultimativem Groove

Neonschwarz schielt nicht mit Provokation und Gangsta-Attitüde nach der Chartsspitze, wie die Crew in „Gleis 13“ mehr als deutlich macht. Was ich wirklich beeindruckend finde: Wie das Quartett auf „Clash“ ernsthafte Inhalte mit ultimativem Groove, Funk und Flow verbindet.

„Verrückt“ zum Beispiel ist ein Motivationssong, der positive Energie gegen den Irrsinn unserer Zeit setzt – und das mit reichlich „Wohoo“-Handclap-Charme. Und Neonschwarz schafft den Spagat, selbst ein Stück wie „Klatsche“ über psychische Störungen und Ängste mit „Hände in die Luft“-Atmosphäre aufzuladen.

Neonschwarz, Band, Album, Clash, Release, Record, Label, Audiolith, Hiphop, Marie Curry, Johnny Mauser, Spion Y, Captain Gips, Cafe Buena Vista, Hamburg, Diebsteich, Candle, Beer, FC St. Pauli, roses Völlig begeistert bin ich, das bei Neonschwarz mit Marie Curry eine Rapperin am Start ist, die von Album zu Album stärker wird. Ihr ist anzuhören, dass sie mit dem ganzen Körper, mit vollem Herzen singt und rappt. Dunkel, kehlig, rau. Mit viel Soul wie in „67“ oder ultracool wie in „Neonröhren“. Oder im lässigen Fluss bei „St. Pauli“, einer angenehm unkitschigen Lokalhymne. Durch die Straßen ziehen zwischen Kiezgebrüll und Dampferqualm, Kleine Pause und Quatschen mit Überdosis Ehrlichkeit. Eine flüchtige Romantik. Ein Hamburg, wie ich es liebe. So wie es auch beim Release-Abend im Café Buena Vista zu spüren ist.

Neonschwarz, Band, Album, Clash, Release, Record, Label, Audiolith, Hiphop, Marie Curry, Johnny Mauser, Spion Y, Captain Gips, Cafe Buena Vista, Hamburg, Diebsteich, Bingo, Game, Luck, Numbers Die Sonne ist mittlerweile irgendwo hinter den Gleisen untergegangen. Drinnen sitzen alle an rustikalen Holztischen, während Audiolith-Labelchef Lars Lewerenz die Zahlen in den Raum ruft, die die Bingo-Trommel ausspuckt. Jung und alt kreuzen die Nummern auf ihren Bingo-Zetteln ab.

Der Erlös aus dem Verkauf der Lose geht zur einen Hälfte an den Verein Cadus, der in Syrien und dem Irak medizinische Hilfe organisiert. Die andere Hälfte fließt an die Hamburger Initiative Oll Inklusiv, die Menschen 60+ hinaus aus der Einsamkeit und hinein in die Clubs bringt. Eben Mitmischen auf allen Ebenen.

Sonst noch neu in Hamburg diese Woche:

Bosse: „Alles ist jetzt“ (Album, Universal) – besprochen von den Kollegen von Musikblog.
Erregung öffentlicher Erregung: „TNG“ (EP, Euphorie Records) – präsentiert von den Kollegen von ByteFM.

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