Biggy Pop — Take Five: fünf neue Songs aus Hamburg

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Die Uhren sind umgestellt. Der Abend kommt früher. Der Herbst ist die ideale Zeit, sich Geschichten erzählen zu lassen. In dieser Ausgabe meiner Reihe „Biggy Pop — Take Five“ stelle ich fünf neue Lieder vor, die in Hamburg erschienen sind. Welche Stories bergen diese Songs? Was sagen sie aus über die Gegenwart? Inwiefern liefern sie Denkanstöße? Und was für Fantasien beflügeln sie? Mit dabei sind Stücke von fluppe, Die Cigaretten, Lina Maly, Poems For Jamiro und The Kecks.

fluppe — „Aals“ 

fluppe, Aals, Single, Song, Musik, Hamburg, Pop, Take FiveMich faszinieren Geschichten, die stets eine gewisse Rätselhaftigkeit behalten. So ergeht es mir mit „Aals“ von der Hamburger Band fluppe. Mir gefällt das Bild, das Sänger Josef Endicott spröde sprechsingend entwirft: Wie Aale in den Morast hinabgleiten. Weit unten dem Aas begegnen. Dem, was halb zersetzt übrigbleibt. Zum einen lässt sich die Nummer verstehen als (kapitalistischer) Kreislauf von Fressen und Gefressen werden, wie die Band selbst erklärt. Für mich steckt in „Aals“ aber noch eine andere Deutung. „An der Oberfläche ist die Spannung manipuliert“, heißt es in der Mitte des Songs. Für mich transportieren die Lyrics den Wunsch, das allzu Offensichtliche zu verlassen. Tiefgang zu suchen, bedeutet aber immer auch, in die Dunkelheit zu gehen. Zu forschen in unwirtlichen Lebensräumen. Nicht immer klar sehen zu können. Und sich auch mit der eigenen Sterblichkeit zu befassen.

Passend dazu die Musik: eine düstere Dringlichkeit. Auch etwas Unbehagliches. Hinaus aus der Komfortzone. Schubladen lassen sich aufziehen und halb wieder schließen, um daraufhin neue zu öffnen. Post-Punk, Indie-Rock, German Angst, Hamburg Untergrund. Hauptsache, es bewegt. Und das tut Josef Endicott gemeinsam mit Gitarrist Christian Klindworth, Bassist Lars Brunkhorst und Schlagzeuger Antoine Laval. Zu finden ist „Aals“ auf der EP „Billstedt“, die diesen Oktober bei den Hamburger Labels Chateau Lala (digital) und La Pochette Surprise (Tape) erschienen ist. 

Die Cigaretten — „Psychose“

Die Cigaretten, Psychose, fünf neue Lieder, Single, Song, Musik, Pop, Take FiveMit Geschichten, in denen jemand mit Plüschtieren spricht, kriegt man mich ja sofort. Bei der Hamburger Band Die Cigaretten werden die soften Gefährten zu einer Art Ersatzfamilie, während die reale brutal wegzubrechen scheint. Ein Mädchen berät sich in ihrem Zimmer mit ihren Stofftieren. „Doch von unten hört man das Geschrei / etwas bricht in ihr entzwei“, heißt es in „Psychose“. Eine Grunge-Nummer, die zwischen Nachdenklichkeit und Eruption, zwischen Verzweiflung und Wut changiert.

Mir gefällt das Schlaglichtartige des Songs sehr. Wie da mit wenigen Sätzen ein düsteres Panorama entfesselt wird. Ein sozialer Abgrund, der sich aufgrund der Kürze umso heftiger und dunkler auftut. Zu hören ist „Psychose“ auf der EP „Crashkid“, die Die Cigaretten dieser Tage bei Audiolith Records veröffentlicht haben. Besonders beeindruckend ist auch das psychedelisch-filigrane Cover-Artwork von Ruscha Voormann, der Tochter von Illustrator Klaus Voormann.  

Lina Maly — „Fühl“ feat. Antje Schomaker

Lina Maly, Fühl, Antje Schomaker, fünf neue Lieder, Single, Song, Musik, Hamburg, Pop, Take Five„Fühl“ ist ein Song, der nach Intimität und Rückzug klingt. Die Hamburger Sängerin Lina Maly erzählt von Vertrautheit und Geborgenheit. Bei ihr driften diese Begriffe jedoch nicht ins Teezettelchenhafte ab. Vielmehr lässt sie diese vermeintlich einfachen Gefühle vielschichtig schillern. Mit warmer sachter Stimme und puristischem Arrangement zur Gitarre singt Lina Maly von feinen Augenblicken der Nähe, aber auch von deren Flüchtigkeit: „Doch dieses wundersame Schweigen hat kein Bleiben / und manche Dinge sind nur schön, wenn man weiß, sie vergehen.“

Ein Lied, als kommt man nach einem Herbstspaziergang nach Hause. Wenn sich eine wohlige Ruhe ausbreitet. Durch das behutsam angelegte Duett mit Antje Schomaker erhält „Fühl“ weitere schön leuchtende Nuancen. Den Song hat Lina Maly im September auf ihrer EP „Hush Hush / Hamburg“ herausgebracht — und zwar auf ihrem eigenen Label Drei Tulpen Records.  

Poems For Jamiro — „Change“

Poems For Jamiro, Change, fünf neue Lieder, Single, Song, Musik, Hamburg, Pop, Take FiveMit ruhiger Kraft erzählt das Hamburger Duo Poems For Jamiro von Veränderung. „Change“ ist ein eindringlicher Popsongs, der dafür plädiert, sich Zeit zu lassen, um Wandel zu bewirken. „At the very right time in the very right place / we make a change“. Mich spricht der Text sehr an. Denn häufig habe ich das Gefühl, dass ich für Neujustierungen zunächst eine gewisse Gärphase brauche. Und auf einmal fühlen sich Zeit und Ort genau richtig an, um Dinge mit frischem Wind anzugehen. Eine Art innerer Shift, der dazu beiträgt, anders auf Situationen, Menschen und sich selbst zu blicken. Mir gefällt es sehr gut, wie klug und bedacht die Sängerinnen und Multiinstrumentalistinnen Nina Müller und Laila Nysten all die Prozesse verdichten, die zu nachhaltigen Veränderungen führen. Schmerz anerkennen, Vergangenes loslassen, Eigenverantwortung übernehmen.

Ihr poppiger Appell, der noch verstärkt wird durch energetische Drumbeats, lässt sich sowohl auf persönlicher Ebene lesen als auch gesellschaftlich. Und gerade in der aktuellen Corona-Krise, in der sich vieles nach überfordernder Stagnation anfühlt, vermittelt Poems For Jamiro mit „Change“ einen hoffnungsvollen Spirit. Ihre Single ist im Oktober bei dem Hamburger Label Popup Records erschienen.  

The Kecks — „All For Me“

The Kecks, All For Me, Single, Song, Musik, Hamburg, Pop, Take FiveDie merkwürdigen und dunklen Seiten der Liebe lotet die Hamburger Band The Kecks aus. „All For Me“ besitzt eine elegante Melodramatik, wie ich sie etwa bei Jarvis Cocker und Pulp liebe. Andererseits bricht in dem Song auch immer wieder etwas Rohes hervor, das an der Seele reißt. Eine düster-romantische Indie-Ballade, deren Lyrics mich an diesen Blumfeld-Vers erinnern: „Wir sind politisch und sexuell anders denkend“.

„If that seems strange / well, I can’t really help it / cause we’re not arranged like the others“, singt Lennart Uschmann. Und die Gitarre scheint seine Ausführungen ohne Worte fortzusetzen. Erst schlendernd, dann ausbrechend. Das Video zu „All For Me“ unterstreicht den theatralen Charakter der Nummer. Im Stil der Commedia dell’arte betreten maskierte Figuren die Bühne und verfallen allmählich den Obsessionen, von denen Uschmann singt. Das Surreale wird ausgestellt wie in einem Museum. Uschmanns weiß geschminktes Gesicht ist zudem eine feine Verneigung vor David Bowies Verwandlungen zum Harlekin. Ganz bewusst veröffentlichen The Kecks ihre Musik übrigens nach dem DIY-Prinzip. Also: Vorhang auf für diesen tollen Song. 

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Die Höchste Eisenbahn im Musikpavillon & Bilanz der Corona-Saison

Moritz Krämer, Max Schröder, Francesco Wilking, Felix Weigt, Die Höchste Eisenbahn, Sebastian Madej, Musikpavillon, Planten un Blomen, Popup Records, OHA!

Durch die frische Hamburger Nachtluft fliegen rote Luftballons. Real und in Worten. Die wunderbar schlonzige und hochgradig charmante Popgruppe Die Höchste Eisenbahn spielt ein Konzert im Musikpavillon von Planten un Blomen. Projektionen tanzen über die Fassade der retrofuturistischen Bühne und streifen auch die alten Kastanien, die das Publikum umrahmen. Eine Parkphilharmonie. Für Popkultur. Und für magische Momente. Für Merkwürdigkeiten, Reflexion, Melancholie und Humor an Musik. Ein Freiraum, nach dem sich viele sehnen. Erst recht in dieser Corona-Zeit. Doch um diese Magie überhaupt spüren zu können, ist derzeit besonders eines gefragt: Planung. Ich habe mich vor dem Auftritt von Die Höchste Eisenbahn mit Veranstalter Jan Köpke von der Hamburger PR- und Booking-Agentur Popup Records unterhalten. Gemeinsam mit dem Musikunternehmen OHA! Music hat seine Agentur den Musikpavillon im Herzen Hamburgs für Popkonzerte erschlossen und die Open-Air-Reihe „Draussen im Grünen“ initiiert.

Musikerin Anna Depenbusch beschließt das Programm 2020 am 4. Oktober. Wie ist diese erste Saison auf der Bühne in Planten un Blomen unter Pandemie-Bedingungen gelaufen?

Ohne Förderung ein wesentlich dünneres Brett

Draussen im Grünen, Musikpavillon, Planten un Blomen, Popup Records, OHA!„Wir sind total froh, diese tolle Location während der Corona-Zeit bespielen zu können“, erzählt Jan, während das Security-Personal die ersten Gäste — natürlich mit Masken — an einen der 400 Sitzplätze geleitet. Fast 30 Shows haben Popup Records und OHA! Music seit August realisiert. Von Hip-Hop über Kindermusik bis zu Indierock. Etwa ein Drittel der Kosten wurden aus der Open-Air-Förderung der Stadt Hamburg finanziert. Ein Fördertopf, der insgesamt 1,5 Millionen Euro umfasst und die Kulturproduktion unter freiem Himmel in Corona-Zeiten ankurbeln soll. Zahlreiche Veranstalter und Clubs haben daraufhin ihr Outdoor-Programm hochgefahren, etwa das Molotow in seinem Hinterhof oder das Schroedingers im Schanzenpark. 

Jan betont: „Ohne diese Förderung wäre unser Projekt ein wesentlich dünneres Brett geworden. So konnten wir nun mehr Konzerte organisieren, den Bands bessere Deals anbieten und uns auch einen größeren Personalstab leisten.“ 15 Menschen arbeiten bei „Draussen im Grünen“ am Einlass, in der Gastro sowie in der Durchführung. Teile des Teams stammen aus anderen Hamburger Clubs, die noch geschlossen sind. Ein schöner Zusammenhalt, der sich auch in der Atmosphäre auf dem Gelände widerspiegelt. Alles wirkt gut durchdacht und zugleich entspannt. 

Frischer Wind in Planten un Blomen

Ohne Hygiene-Auflagen würden 700 Gäste auf dem Areal Platz finden. Rein rechnerisch sind die jetzigen Konzertabende mit reduzierter Kapazität also nichts, was ungeahnten Reichtum in Krisenzeiten beschert. „Wir kommen hin“, sagt Jan auf die Frage, ob sich „Draussen im Grünen“ denn finanziell lohne. Er hofft allerdings, dass Popup Records und OHA! Music den Musikpavillon langfristiger bespielen dürfen. Also womöglich auch, wenn ein Impfstoff gefunden ist und wieder mehr Menschen im Publikum erlaubt sind. Das hätte auch einen positiven Effekt auf die Nutzung des Parks. „Durch unsere Shows kommen noch einmal ganz andere Leute nach Planten un Blomen. Es weht ein frischerer Wind“, erzählt Jan. 

Artwork, Draussen im Grünen, Designerin, Kati Krüger
Das Artwork zu “Draussen im Grünen” hat Designerin Kati Krüger gestaltet

Der Leiter des Bezirksamts Mitte, Falko Droßmann, steht „Draussen im Grünen“ offenbar positiv gegenüber: „Laue Sommerabende im Park und tolle Konzerte – das passt zusammen“, erklärte er zum Auftakt der Reihe.

In den vergangenen Jahren waren eher leisetretendere Veranstaltungen im Musikpavillon gestattet. Zum Beispiel die Jazz Open und das Wortpicknick, eine Kombination aus Lesung und Singer-Songwriter-Auftritten. Jan hat eine Vermutung, warum in der jüngeren Vergangenheit diese vermeintlich gepflegteren Formate gewünscht waren. Und die führt in eine staunenswerte Episode der Hamburger Popgeschichte.

Hamburger Popgeschichte: Eskalation im Musikpavillon

„Ende der 80er-Jahre haben die Bollock Brothers im Musikpavillon gespielt. Ich war dort als Teenager. Nach vier Liedern hatte sich die Band zerstritten und ist einfach abgehauen. Es dauerte nicht lange, bis all die anwesenden Punks ausgerastet sind“, erzählt Jan. Und er schildert die unterschiedlichen Eskalationsstufen: Erst die Bühne stürmen. Dann die Instrumente klauen. Und schließlich das restliche Inventar anzünden. Fun Fact: Die Hamburger Band Tocotronic hat dieses musikhistorische Ereignis in ihrem Video zu „Aber hier leben nein danke“ nachgespielt. Wusste ich auch noch nicht. Spannend.

Jan Köpke, Popup Records
Jan Köpke, fotografiert von Andreas Hornoff

„Wirklich irre, dass ich jetzt selbst hier Veranstalter bin“, sagt Jan. Und dann erzählt er noch von sechsstelligen Beträgen, die seiner Firma am Anfang der Corona-Zeit weggebrochen sind. „Die Kurzarbeit war da ein wirklicher Segen.“ Interessant ist, wie sich die Musikbranche aufgrund der Pandemie derzeit umgestaltet. Popup Records zum Beispiel ist nicht nur eine PR- und Booking-Agentur, die in den vergangenen Jahren unter anderem den „Sommer in Altona“ organisiert hat, sondern darüberhinaus ja auch ein Label. 

„Viele Künstlerinnen und Künstler wollen derzeit Singles veröffentlichen, um mit ihrer Musik im Gespräch zu bleiben“, sagt Jan. Sprich: Konservierte Musik wird als Visitenkarten und Einnahmequelle wieder wichtiger, wenn die Chancen geringer sind, sich live zu präsentieren. Umso größer sei die Dankbarkeit der Bands, wenn sie dann doch mal wieder vor Publikum spielen können. Und für magische Momente sorgen. So wie Die Höchste Eisenbahn bei der ersten von zwei ausverkauften Shows bei „Draussen im Grünen“.

Die Höchste Eisenbahn und die „fehlenden Tanzlustigkeiten“

„Hallooo“, sagt Gitarrist, Sänger und Keyboarder Moritz Krämer, der die Silben gerne schluffig dehnt und insgesamt gerne einen sympathischen „Gerade aufgestanden“-Eindruck macht. Wirkt natürlich nur so. Denn in Wahrheit wird da blitzgescheit aufgespielt. Es ist aber diese Mischung aus wirklich eingängigen Popmelodien und dieser gewissen Schlendrian-Attitüde, die mich an der Band immer wieder begeistert.

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Moritz Krämer (l.) und Felix Weigt, fotografiert von Sebastian Madej (so auch das Titelbild)

„Ich hoffe, Ihr habt alle eine dicke Jacke oder eine Decke dabei“, sagt Moritz Krämer dann noch. Winter is coming. Und obwohl es tagsüber sonnig und mild war, sinken die Temperaturen mit Einbruch der Dunkelheit rapide. Passend zur Kälte, die in die Knochen zu kriechen droht, kommt der Song „Pullover“. Gefolgt von Ausführungen der Band zum Thema „fehlende Tanzlustigkeiten“. 

Trockenhumorige Monologe und 99 Luftballons

Warmtanzen wäre tatsächlich schön. Lustig ist es dennoch. Zum Beispiel, wenn Krämer einen trockenhumorigen Quarantänemonolog hält, bei dem nicht ganz klar ist, an wen er sich richtet. Eine fast verflossene Liebe? Sein Unterbewusstsein? Oder an Kompagnon Francesco Wilking (der ebenfalls zwischen Mikro, Gitarre und Keyboard wechselt)? Moritz Krämer spricht seine Abhandlungen über Sprachnachrichten, C&A-Hosen sowie seinen Neid auf Musiker Frank Spilker jedenfalls so grandios verzweifelt ins Off, dass sich das Publikum irgendwo zwischen Mitleid und Amüsement bewegt.

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Francesco Wilking, fotografiert von Sebastian Madej

Der gesamte Abend ist ein höchst unterhaltsames Driften. Untermalt durch die wirklich tollen Lichtprojektionen auf die weißen Wände des Musikpavillons. Und wie war Die Höchste Eisenbahn noch gleich in dieses Medley geraten, das mit Nenas „99 Luftballons“ endet?

Abwechslungsreich fügen sich die Songs ineinander. Die beatlesken Harmonien in „Job“. Das zartbittere Sehnen in „Raus aufs Land“. Und das Blumfeld-Intermezzo in „Woher denn“. Wir sind draußen. Draußen auf Kaution. Draußen im Grünen. Was für ein Glück.

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Herzlichen Dank an Sebastian Madej für die Konzertfotos.

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Moritz Krämer, Max Schröder, Francesco Wilking und Felix Weigt (v.l.) sind Die Höchste Eisenbahn, fotografiert von Sebastian Madej

Albrecht Schrader vorm Knust: ultraleichtes Unbehagen

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„Die Zukunft liegt verborgen / sie zieht mich in ihren Bann / weil ich mich an das Morgen / noch nicht erinnern kann“. Diese Zeilen singt Albrecht Schrader zum soften Pianospiel am Ende seines Albums „Diese eine Stelle“. Und wie vortrefflich passen diese Verse auch zu seinem Konzert auf dem Lattenplatz vor dem Hamburger Musikclub Knust. Ein Abend, um den Sommer zu verabschieden. Wenn die Sonnenwärme des Tages noch unter der Haut liegt. Wir kommen im Hellen. In T-Shirts, Hemdsärmeln und Kleidern. Und wir gehen im Dunkeln. Umhüllt von Strickjacken, Mänteln und Halstüchern. 

Albrecht Schrader liefert an diesem Mittwoch den grandiosen Soundtrack zum Transit der Jahreszeiten. Ein Übergang, der in diesem Corona-Jahr 2020 umso bedeutender erscheint. Was wird der Winter bringen? Wohin steuert das Musikleben? Noch fühlt sich die Zusammenkunft der Gäste vor dem Knust an wie ein Nachtreffen zum Reeperbahn Festival. Und wie ein Nachhall der Sommerreihe Knust Acoustics. 

Das rote Leuchten

Schnell versichern wir uns, sich mit dicken Jacken bis in den Winter hinein vor den zahlreichen, teils neu entstandenen Open-Air-Bühnen der Stadt zu treffen. Denn trotz der widrigen Pandemie-Umstände ist das Angebot in Hamburg erstaunlich groß. Allein in dieser Woche verzeichnet die App des Clubkombinats Hamburg 45 Shows. Und bis in den November hinein wächst das Programm täglich. Im Geiste tragen wir bereits Thermolatzhosen und Schneeanzüge im Design unserer Lieblingsbands. 

Albrecht Schrader, Musiker, Band, Knust, Lattenplatz, Koralle Blau, Konzert, open-airDie Zukunft, sie zieht uns in ihren Bann. Denn es soll, es muss ja weitergehen mit Konzerten, mit Popkultur. Weil wir uns nicht nur erinnern möchten. Sondern weil wir inspiriert werden wollen. Jetzt. Und morgen. Weil es den Horizont und die Seele erweitert. Etwa, wenn alles so schön rot leuchtet wie an diesem womöglich letzten Sommerabend. Rot leuchten die wetterfesten Schirme über Tischen und Bänken vorm Knust. Rot leuchtet das frisch gepresste Vinyl des Albums von Albrecht Schrader. Und rot leuchtet auch der Künstler selbst. Rote Hose, rotes Polohemd. Sozusagen der Signature-Look zu „Auf dem Golfplatz“, dem feinen Hit seiner Platte. 

„Ihr seid die Eliten / ich kenn euch allzu sehr“

„Der Ort, wo meine Jugend glüht, ist nicht, wo Hamburg brennt / Tränen fließen unverblümt in mein Polohemd.“ Albrecht Schrader führt uns vom räudigen St. Pauli geradewegs auf den kurzgeschorenen Rasen des Jenischparks. Also auf das Terrain des wohlsituierten Hamburger Westens, in dem er aufgewachsen ist. Wo unter dem gepflegten Äußeren Scham und Traurigkeit schlummern. In ultraleicht flirrenden Popchansons schimmert ein Unbehagen durch. Über die eigene Herkunft, über soziale Ungerechtigkeit.

„Ihr seid die Eliten / ich kenn euch allzu sehr / ich kann oft nicht gut schlafen / weil ich zu euch gehör’“, heißt es in „Wir sind die Eliten“. Eine Art introspektive Systemkritik. Anti-Establishment ohne krakeelende Gitarren. Das Driftende entfaltet einen sanften Druck. Nennen wir es Yacht Rock. Oder Elbvororte-Pop.

Albrecht Schrader, zwischen Rhein und Elbe

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Albrecht Schrader (Gitarre) und Marcel Römer (Schlagzeug), fotografiert von Nils Sløtæn

Nach Jahren in Köln, wo Albrecht Schrader für Jan Böhmermanns Sendung „Neo Magazin Royale“ das Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld leitete, hat es ihn nun zurückgezogen in die alte Heimat. Die Lieder seines aktuellen zweiten Albums pendeln zwischen Rhein und Elbe, zwischen Milieustudien und Liebesreflektionen. Und dann ist da ein Song wie „Marijke Amado“, ursprünglich intoniert mit den Düsseldorf Düsterboys. In dieser chorischen Aufzählung von Fernsehpersönlichkeiten schwingt sehr viel verbummelte Zeit vor dem Fernsehen mit. Bunter Schein. Tristesse galore.  

Große Begeisterung ruft beim Publikum zudem hervor, wie Sänger, Pianist und Gitarrist Albrecht Schrader seine Band samt Instrumentarium vorstellt. Namentlich Katharina Dommisch (Bass, Gesang), Katharina Müller (Keyboards, Gesang) und Marcel Römer (Schlagzeug). So in etwa stelle ich mir eine Autoschau vor, wo zahlreiche Features der Geräte mit glänzenden Worten hervorgehoben werden. Würden Sie diesem Mann ein Instrument abkaufen. Ja, jedes. 

Bis es kalt wird, bleiben wir nach dem Konzert noch vor dem Knust sitzen. Dann radeln wir nachhause. Und nehmen das rote Leuchten mit.

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Reeperbahn Festival 2020, Tag 4 & Fazit – Glück, Sorge und Signale

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Nun ist es also vorbei, das 15. Reeperbahn Festival. Und das erste unter Pandemie-Bedingungen. Mit 140 Talks und Vorträgen, mit Filmen und Kunst, aber vor allem natürlich mit: Konzerten. Die Gemengelage, wie diese außergewöhnliche Veranstaltung denn nun zu bewerten ist, bringt Eric Pfeil, Sänger der Kölner Band Die Realität, besonders gut auf den Punkt. Beim Auftritt im Molotow bedankt er sich zunächst sehr nachdrücklich bei den Organisatoren. Das sei alles beispiellos gut gelaufen. Um dann direkt den Bogen zu schlagen. „Natürlich ist das alles perspektivlos.“ Sprich: Diese vier hoch subventionierten Tage Livemusik in Hamburg können nicht als Präzedenzfall gelten für den normalen Konzertbetrieb in Corona-Zeiten. „Der Winter wird hart“, sagt Eric Pfeil dann noch. Im Anschluss der Song: „Der Sommer ist vorbei.“ Zumindest der trockene Humor hat in Krisenphasen Konjunktur. Pfeils Maske baumelt derweil an seinem Mikroständer. Symbolbild 2020.

Die Realität, Band, Köln, Molotow, bestuhlt, Reeperbahn Festival, Hamburg, St. Pauli, Tag 4, FazitFür mich verdichtet sich in dieser einen Stunde im Molotow am letzten Festivaltag sehr viel. Gefühlt bin ich in diesem Club am Ende der Reeperbahn schon an jeder Ecke ausgerastet, habe getanzt, geschwitzt, getrunken, gelacht, geheult und Musik in jeder Faser gespürt. Dicht an dicht mit Menschen, die Popkultur und Rock’n’Roll ebenso als kollektiv beglückendes Ereignis lieben. Die die Entgrenzung feiern. Die etwas Freies suchen. Nun ist alles kontrollierter. Ich warte in einer Schlange, checke via QR-Code mit meinem Handy ein, desinfiziere meine Hände und nehme auf einem der distanziert angeordneten Stühle vor der Bühne Platz. 

Welche Optionen hat die Musikbranche, um zu überleben?

Mein Herz pendelt während dieses Reeperbahn Festivals permanent zwischen „dass ich das 2020 überhaupt erleben darf“ und „wo ist das gute wilde Leben“. Während ich zu Beginn des Festivals noch verstärkt damit beschäftigt bin, die neuen Pandemie-Abläufe zu erlernen, verschiebt sich meine Stimmung zum Ende hin. In Gedanken und Gesprächen geht es zunehmend darum: Was war das Ganze jetzt? Und: Was wird kommen? Also: Welche Optionen hat die Musikbranche, um in Zeiten von Corona zu überleben? 

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In den vergangenen zwei Jahren war ich sonntags, wenn ich mein Festival-Fazit schrieb, immer erfüllt von diesem unvergleichlichen Gefühl aus Erschöpfung und Euphorie. Jetzt ist es eher ein komplexes Gemisch aus Sorge und Melancholie, Glück, Dankbarkeit und ja, auch Optimismus.

Festival-Organisation in herausfordernden Zeiten

Ein riesengroßes Merci geht raus an das Team des Reeperbahn Festivals und an alle Enthusiasten in den Hamburger Spielstätten. Sie haben das Experiment gewagt, Livemusik erlebbar zu machen in diesen herausfordernden Zeiten. Dabei polarisiert ihr Engagement durchaus. Eine der zentralen Fragen lautet zum Beispiel, ob in Richtung Politik und Gesellschaft ein falsches Signal gesendet wird. Unter dem Motto: Geht doch, läuft doch, ist doch alles prima in der Popkultur. Dazu mehr am Ende dieses Blogposts.

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Diverse Diskussionen drehen sich während des Reeperbahn Festivals um den „Betreuungsschlüssel“ zwischen Security und Gästen. Einigen ist deutlich zu viel Personal anwesend, das checkt und erklärt, ermahnt und einweist. Da die gesamte Veranstaltung ein ultimativer Testballon ist, denke ich mir eher: „Better safe than sorry.“ Zumal alle Arbeitenden auf den Open-Air-Flächen und in den Clubs überaus freundlich sind und sich gerne auch mal auf einen kleinen Schnack einlassen. 

„Die Tasche kenne ich schon“, sagt am vierten Festivaltag einer der Kontrolleure am Einlass zu mir. Das zeugt natürlich einerseits von großer Aufmerksamkeit im Job. Andererseits illustriert es auch sehr anschaulich die Laborsituation dieser Reepandemie-Ausgabe. Das heißt: Gut 8000 Besucherinnen und Besucher an vier Tagen sind eben keine 50.000. Die Corona-Edition des Festival fühlt sich unglaublich lokal an. Und mitunter auch recht leer.

Lokal vor Ort, international im Stream

In den vergangenen Jahren habe ich ausdauernde Konzertgänger, die ich aus der Hamburger Szene kenne, teilweise das gesamte Festival lang nicht gesehen ob des üppigen Angebots. Dieses Mal wundere ich mich fast, wenn ich nicht jeden Tag sämtliche vertrauten Gesichter erspähe. 

Abstand, Punkt, Design, BodenIch habe es sonst immer sehr geliebt, dass die Welt während des Reeperbahn Festivals spürbar zu Gast in Hamburg ist. Verschiedene Sprachen, viele Impulse. Nun ist eher Hamburg zu Gast in Hamburg. Kombiniert mit dem reduzierten Programm (wo war eigentlich der Hip-Hop) hat das eine unglaubliche Entschleunigung zur Folge. Allerdings gehe ich nicht zur Erholung auf ein Festival. Ich möchte, dass es vibriert. Dass ich positiv überfordert bin.

Mir ist ein Satz hängengeblieben von Holger Stein, der sich im Festival-Team darum kümmert, die Gästeströme zu koordinieren. Also er prüft, für welche Konzerte noch Kapazitäten vorhanden sind und welche Shows voll sind. Sein Statement: „Ich mache den Job ja nicht, um eine ruhige Zeit zu haben.“ 

Newcomer Ätna gewinnt Anchor-Award

Eine Ahnung von Internationalität kommt eher in der Streaming-Welt des Reeperbahn Festivals auf. Experten lassen sich für die diesjährige Online-Only-Konferenz eben einfach aus allen Ländern dazuzoomen. Das digital angelegte kostenpflichtige Fachprogramm wird von 1480 Registrierten aus 37 Nationen rund 28.000 Mal angeklickt, teilt das Festivalteam mit. Und wenn drei der Juroren des Newcomer-Awards Anchor aus New York via Bildschirm mit der real in Hamburg anwesenden Moderatorin Hadnet Tesfai sprechen, ist das eine durchaus gelungene Umsetzung.

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Ätna beim Anchor Award 2020 im St. Pauli Theater, fotografiert von Stephan Wallocha

Das Reeperbahn Festival ist und bleibt ein Entdecker-Festival — auch in Zeiten von Corona. Gewonnen hat den renommierten Nachwuchspreis Anchor das hochgradig sympathische Duo Ätna aus Dresden. Und in ihrer Award-Performance tun sie zu ihrem impulsiven Electro-Pop etwas, das selten geworden ist dieser Tage: sie tanzen exzessiv.  

Spielfreude der Bands, Jobs für die Crews

Ich vermisse die durchdrehende Menge. Das Krawall und Remmidemmi zur Livemusik. Die Gäste — alleine oder zu zweit stehend auf Klebepunkten oder sitzend auf Abstand — verhalten sich häufig sehr ruhig und gesittet vor den jeweiligen Bühnen. Wurde die Kulturtechnik des (zumindest leichten) Tanzens verlernt in den vergangenen Isolationsmonaten? Oder fehlt einfach der wohlige Schutz des Gedränges? 

Dennoch funktionieren diese Corona-Konzerte für mich und ich bin insgesamt äußerst positiv überrascht, dass es doch immer wieder berührende Festivalmomente gibt. Denn was für mich wirklich alle äußeren Umstände wettmacht, ist die Spielfreude und Dankbarkeit der Musikerinnen und Musiker, die nach Hamburg gekommen sind (oder sowieso in der Stadt wohnen). „Für diesen Augenblick hat es sich gelohnt, sich monatelang in den Proberaum einzuschließen“, erklärt etwa Fabian Livrée, Sänger der Dortmunder Band Drens, die am vierten Festivaltag auf dem Spielbudenplatz direkt neben der Reeperbahn auftritt. Und ihren rauen wie melodiösen Surfrock in der Nachmittagssonne zu erleben, macht unglaublich viel Spaß. Guter Druck, gute Energie. Und ein guter Sound.

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Extra ausführlich zählt Fabian Livrée die Mitglieder seiner Crew auf. Die Technikschaffenden haben für einige Tage wieder etwas zu tun. Insofern kann das Reeperbahn Festival auch als Signal gelten, dass all die Berufe der Branche weiterhin benötigt werden. Dieses kurze Beschäftigungsintermezzo darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass 2020 schlichtweg eine Katastrophe für das gesamte Popbusiness war und ist.

Signalwirkung Richtung Politik

Vielen Bands auf dem Festival dürfte es wohl so ergangen sein wir Milliarden aus Berlin. Deren Sänger Ben Hartmann ruft von der Festivalbühne auf dem Heiligengeistfeld: „Yeah, heute feiern wir unseren Tourauftakt 2020.“ Applaus und Jubel. „Und dieses Konzert ist zugleich auch unser Tourfinale.“ Bitter.

Reeperbahn Festival, Tag 4, Fazit, SpielbudenplatzVon daher kann von dem diesjährigen Reeperbahn Festival unter Pandemie-Bedingungen nur ein Zeichen ausgehen: Wir haben es versucht. Aber diese Art von Kulturproduktion zu Corona-Zeiten funktioniert nur mit Geld. Sehr viel Geld. Statt der regulären 600.000 Euro Unterstützung von Bund und Land hat das Reeperbahn Festival dieses Jahr zusätzlich 1,3 Millionen Euro erhalten. Das heißt: Rund drei Viertel der Sause sind subventioniert.

Letztlich bräuchte es also für sämtliche in naher Zukunft stattfindenden Konzerte eine Fehlbedarfsförderung in etwa diesem Verhältnis. Solange, bis die Clubs und Hallen wieder Shows mit voller Kapazität fahren können. Also vermutlich, wenn ein Impfstoff gefunden und verbreitet worden ist. 

Festival-Nachlese online und Vorfreude auf 2021

Livemusik und Kulturproduktion darf weder zum Luxus werden, noch gänzlich verschwinden. Die Gesellschaft braucht Hoch-, Sub- und Popkultur, Avantgarde und Mainstream als Motor und Korrektiv, als Inspiration und Projektionsfläche, für Eskapismus und Diskurs. Natürlich war und ist Corona derzeit das alles prägende Thema. Aber im Zuge der Pandemie dürfen die Inhalte nicht auf der Strecke bleiben.

Ich werde mir im Laufe der kommenden Tage gewiss noch einige Aufzeichnungen vom Reeperbahn Festival anschauen. Von Konzerten und Talks, die ich verpasst habe. Autorin Kübra Gümüşay etwa verhandelte im Resonanzraum  im Rahmen des Keychange-Programms die Macht der Sprache. Und Veranstalter Björn Hansen sprach mit anderen Experten über Nachhaltigkeit in der Eventbranche. Es ist Zeit, auch wieder Themen in den Fokus zu rücken. Sich über Haltungen auszutauschen. Und mit diesem Know-how unsere veränderte Zukunft zu gestalten.

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Das “Korea Spotlight”-Areal auf dem Reeperbahn Festival, fotografiert von Fynn Freund (ebenso das Titelbild)

Mit riesiger Freude habe ich gelesen, dass Südkorea im kommenden Jahr Partnerland des Reeperbahn Festivals sein wird. Da ich mich seit einigen Monaten verstärkt mit K-Pop und koreanischen Dramaserien befasse, macht mir das große Lust auf 2021 (hier lässt sich zum Beispiel meine K-Pop-Sendung für den NDR Info Nachtclub Überpop nachhören). Ich hoffe inständig, dass sich in einem Jahr Reisen und Veranstaltungen wieder angemessen realisieren lassen. Wie sagt Drangsal so schön bei seinem Festivalauftritt Freitagnacht: „See you on the other side“. 

Biggy Pop Reeperbahn Festival-Tagebuch 2020:

Vorschau und Konzept — hyprid durch die Pandemie

Tag 1 — check check check

Tag 2 — die Konferenz im Stream

Tag 3 — musikalische Highlights

Stories vom Festival gibt’s in den Highlights bei Biggy Pop auf Instagram

Corona und die Popkultur:

Auf diesem Blog beschäftige ich mich seit März mit den Auswirkungen der Pandemie auf die Popkultur. Die bisherigen Beiträge lassen sich hier nachlesen.

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Reeperbahn Festival, Tag 4, Fazit, Spielbudenplatz

Reeperbahn Festival 2020, Tag 3 – musikalische Highlights

Jettes, Band, Spielbude, Reeperbahn Festival, St. Pauli, Highlights

Tara Nome Doyle, Singer, Piano, Reeperbahn Festival, Knust, Highlights, BetterovDrei Tage des Reeperbahn Festivals 2020 sind nun vorüber. Und wie ich bereits in meinem vorigen Blogpost über die gestreamte Konferenz angekündigt habe: Heute möchte ich von musikalischen Highlights erzählen, die ich bisher auf dem Festival erlebt habe. Denn auch wenn in diesem merkwürdigen Corona-Jahr vieles anders abläuft auf St. Pauli — die Musik berührt nach wie vor. Die Popkultur strauchelt und kämpft heftig, aber sie ist da. Und selbst wenn das Programm des diesjährigen Reeperbahn Festivals deutlich abgespeckt ist, ist es nach wie vor nur möglich, bloß einen Bruchteil des Angebots zu „schaffen“. Da ich mich bald in den vierten und letzten Festivaltag begeben möchte, daher an dieser Stelle auf die Schnelle drei Newcomer-Highlights: Jettes, Betterov sowie Tara Nome Doyle. Und am morgigen Sonntag schreibe ich dann wie auch 2018 und 2019 mein Fazit zum Festival hier auf dem Blog.

Jettes (Freitag, 14.30 Uhr, Spielbude XL) 

Eine hochgradig sympathische Band. Instant verliebt. Da springt bei mir sofort der Motor an, der in den slackernden 90er-Jahren so gut geölt wurde. Äußerst beglückend, wie Jettes den Grunge und Rock’n’Roll ins Heute überführt. Und mit mehrstimmigem Harmonie- und Wechselgesang an spröden Gitarren kriegt man mich ja ohnehin. Das Quartett um Sängerin und Gitarristin Laura Lee besitzt ein Charisma zwischen lässiger Wurstigkeit, Selbstironie und Empowerment. Sie würden Musik „ohne große Innovation, aber mit sehr viel Energie“ machen, hätte im „Spiegel“ gestanden, erzählt Lee zwischen zwei Songs. Und sie kontert trocken: „Das ist ja wohl besser als umgekehrt. Wir wollen den Rock’n’Roll nicht neu erfinden“. Überhaupt Rock’n’Roll zu haben, ist in diesen Tagen ja sowas von Gold wert.

Betterov (Donnerstag, 16.30 Uhr, Fritz Bühne, Festival Village)

Ist das die neue Brüchigkeit oder verhaut sich da gerade jemand grandios im Gesang? Wie so häufig, wenn Musikern bereits ein kleiner Hype vorausgeht, stehe ich erst einmal etwas forschend vor der Bühne. Eine Art neoromantischen Postpunk produziert der junge Mann namens Betterov mit seiner Band. Manche Songs kommen noch ein wenig tastend daher. Aber dann sind da diese Nummern, in denen Stimme und Sound den sonnigen Nachmittag aufs Schönste dunkel durchdringen. „Stille, Stille, Stille in mein Herz hinein“, singt Betterov laut und toll. Einige Leute in ihren Pandemiequadraten vor der sehr hohen Bühne können bereits mitsingen. Das Denkmal vom ollen Bismarck ragt im Hintergrund von St. Pauli gigantomanisch empor. Ein absurder Kontrast zur theatraler Nachdenklichkeit von Betterov, die mir natürlich deutlich lieber ist. Mitunter hatte ich den Eindruck, dass der Künstler seine Lieder über die „Irrenanstalt“ und die „pure Langeweile“ lieber in einem nebelverhangenen Club gespielt hätte als exponiert im gleißenden Tageslicht. Da wäre ich gerne dabei.

Tara Nome Doyle (Freitag, 19.30 Uhr, Knust)

Tara Nome Doyle, Singer, Piano, Reeperbahn Festival, Knust, HighlightsMit sanfter Gewalt nimmt mich die Musik von Tara Nome Doyle unmittelbar gefangen. Die Musikerin mit den norwegisch-irischen Wurzeln singt in beiden Muttersprachen. Sowie in universellen lautmalerischen Klängen, die keiner Übersetzung bedürfen. Ich bin völlig begeistert, was für eine Vielschichtigkeit ihre wuchtig-schwebenden Popchansons entfalten.  Suchend, expressiv und ganz viel dazwischen. Tara Nome Doyle begleitet sich am Piano. Und ihr Mitmusiker setzt an der Gitarre driftende Akzente. Textlich sind ihre Songs kunstgewordenes Leben. Und da spannt Tara Nome Doyle den Bogen wunderbar weit und schillernd. Ob sie nun eine Liebesnacht schildert oder — mein persönliches Highlight — ihre Liebe zu Schnecken metaphorisch verdichtet. 35 Minuten dauert ihr Konzert im Knust im Rahmen der „Wunderkinder“-Reihe des Reeperbahn Festivals. Ein popkultureller Traum, der viel zu schnell vorübergeht.  

* das Titelbild wurde fotografiert von Marvin Contessi

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Reeperbahn Festival 2020, Tag 2 – von der Realität in den Stream

Reeperbahn Festival, Konferenz, Streaming, Studio, Technik

Das Reeperbahn Festival ist nun bereits zwei Tage gelaufen. Und auch wenn dieses Jahr Corona-bedingt vieles anders ist als sonst, bleiben einige Effekte doch gleich. Dieses Festival-Gefühl von „müde und zugleich leicht drüber“ vermengt sich zu einem ganz eigenen Flow. Und meine Stimme wird langsam tiefer und rauer vom vielen Reden. Denn trotz Distanzauflagen ist es zum Glück möglich, sich überall auf St. Pauli mit anderen Musikbegeisterten auszutauschen. Vor Ort habe ich diverse Konzerte real gesehen. Meine Highlights werde ich in einem separaten Blogpost beschreiben. Doch da das Reeperbahn Festival aufgrund der Pandemie als Hybrid-Event angelegt ist, bin ich natürlich auch gespannt auf das gestreamte Konferenz-Programm. 

Reeperbahn Festival, Spielbudenplatz, Biggy Pop
Einlass zur Spielbude XL, fotografiert von Tom Heinke (Titelfoto von Robin Schmiedebach)

Das Team des Reeperbahn Festivals hat wochenlang an einer Online-Plattform gebastelt. Mit einem separaten Konferenz-Ticket sind auf sieben Kanälen Talks zu Themen der Musikbranche live zu erleben. Viele der Gespräche lassen sich dort auch im Nachgang anschauen. Zudem stellen Länder wie Litauen und Regionen wie Nordrhein-Westfalen ihre Popszene in On-Demand-Videos vor. Als Frühstücksfernsehen läuft darüber hinaus ab zehn Uhr morgens den ganzen Tag lang eine Festival-Spezial-Sendung. Dieser „Rooftop Channel“ wird unter anderem moderiert von meiner tollen Kollegin Sara Kelly-Husain und bietet Interviews sowie Hintergrundinfos.  

Die Konferenz im Netz — von Ticketing bis zu TikTok-Marketing

Ich habe mir exemplarisch für das rund 100 Punkte umfassende Programm — von Ticketing bis zu TikTok-Marketing — eine Diskussion ausgesucht. Die von mir hoch geschätzte Lena Ingwersen moderierte ein interessantes Panel zum Thema Musiktourismus. Lena ist Teil der Keychange Initiative, die sich für ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis in der Branche einsetzt. Zudem ist sie Projektmanagerin für das Music Cities Network, das sich der Kooperation zwischen besonders musikaffinen Städten widmet.

Ich durfte ja im vergangenen Jahr während meines einmonatigen Wohnprojekts in Brüssel erleben, wie bereichernd es ist, in die Popszene einer anderen Stadt einzutauchen. Und ich weiß von vielen Menschen aus meinem Umfeld, dass sie definitiv Musiktouristen sind. Dass sie also für Festivals und Konzerte in andere Städte reisen. Und dass sie Orte gezielt besuchen, weil das Musikleben dort besonders vielfältig ist.

Lena Ingwersen, host, Reeperbahn Festival, Konferenz

Musiktourismus als Wirtschaftsfaktor

Diese Reisen sind nicht nur beglückend für all die popkulturell Unternehmungslustigen, sondern sie sind auch ein wachsender ökonomischer Faktor. In der zum Reeperbahn Festival veröffentlichten Studie „Musikwirtschaft in Deutschland 2020“ heißt es: „Während der Umsatz mit U-Elektronik, Diskotheken und audiovisuellen Medien mit Musikinhalten in etwa konstant blieb, wuchsen die über den Musiktourismus erwirtschafteten Umsätze um drei Milliarden Euro und betrugen für das Jahr 2019 somit insgesamt 13 Milliarden Euro. Die Effekte ergeben sich aus den Ausgaben von Musikreisenden. 2019 traten die Deutschen etwa 6,5 Millionen Musikreisen mit Übernachtungen an, wovon allein fast 90 Prozent auf Kurzurlaubsreisen zurückzuführen sind. Hinzukommen noch etwa 361 Millionen Tagesreisen, die durch den Besuch einer speziellen (Musik-)Veranstaltung (z.B. Konzert) motiviert wurden“.

Eine beeindruckende Entwicklung, die durch den eingeschränkten Reiseverkehr in Corona-Zeiten jedoch heftig ausgebremst wird. Der Talk über Musiktourismus präsentiert verschiedene Perspektiven, wie Musikstädte mit der Corona-Krise umgehen. Kultursenator Carsten Brosda schildert die Situation in Hamburg. Kate Becker, Direktorin für Kreativwirtschaft im US-amerikanischen King County, erläutert die Lage in Seattle. Und der Brite Shain Shapiro spricht für den Verband Sound Diplomacy, der gleich mehrere Musikstädte vertritt. Die beiden internationalen Gäste sind online zugeschaltet. Das neue Normal.

Erst die lokale Szene stärken, dann international vermarkten

Jetzt sei genau die Zeit, um zu promoten, wie wichtig Musik auf ganz unterschiedlichen Ebenen ist, erklärt Shain Shapiro. Und er betont, dass die Branche unbedingt als ganzheitliches Ökosystem zu betrachten sei. Mit Musiktourismus als integralem Bestandteil. Carsten Brosda ergänzt: „Zuerst müssen wir das Musikleben der Stadt aufrechterhalten, dann können wir es vermarkten“. Sprich: Erst muss das musikalische Erbe vorhanden sein, eine aktuelle Szene, ein Narrativ.

Hamburg hat zum Glück einige Förderprogramme aufgesetzt, um diese Infrastruktur zu bewahren respektive zu retten. Etwa durch die kurzfristige Förderung von Open-Air-Konzerten. Oder durch den neuen Gagenfond von 500.000 Euro, den die Kulturbehörde nun gemeinsam mit dem Hamburger Verein RockCity aufgelegt hat. Musikerinnen und Musiker können da ihre Defizite ausgleichen, die bei Live-Konzerten mit reduziertem Publikum oder bei kostenfreien Streaming-Konzerten entstanden sind.

Die „music worker“ unterstützen beim Wiederaufbau nach Corona

Die Pandemie habe einige ernsthafte Ungleichheiten innerhalb des musikalischen Ökosystems aufgezeigt, reflektiert Kate Becker. Beim Wiederaufbau nach Corona müsse der Fokus etwa darauf liegen, all die „music worker“ mitzunehmen. Das heißt: All die Beschäftigten in den Clubs und Konzerthallen zu unterstützen, die derzeit ohne Arbeit sind.

Es ist also eine Zeit, die trotz all ihrer Bedrohung und Merkwürdigkeit dazu genutzt werden kann, Versäumnisse und Engpässe der Vergangenheit aufzuzeigen und die Branche als Ganzes in Zukunft widerstandsfähiger zu gestalten. 

Die Konferenz des Reeperbahn Festivals — Lob und Tücken

Auch wenn ich merke, dass es mich stark wieder aufs reale Reeperbahn Festival zieht, bin ich doch froh, mir diese halbe Stunde Zeit genommen zu haben. Insgesamt steht solch ein Streaming-Angebot natürlich immer vor technischen Herausforderungen. So hakte mitunter der Ton oder die Aussagen der zugeschalteten Gäste litten unter starken Feedback-Störungen. Manche Teile des Programms starteten später als geplant. In andere konnte ich mich nicht einklinken. Etwa in das „Matchmaking: Meet The Koreans“. Anhand der Kommentare sah ich, dass ich offenbar nicht die einzige war, der es so erging.

Auch wenn ich die Energie einer Präsenzveranstaltung vermisse, das Nachfragen und die Nachlese vor Ort: Alles in allem ist es absolut bemerkenswert, wie das Reeperbahn Festival die Konferenz in den digitalen Raum gehoben hat. Ich bin gespannt, wie diese Blaupause für die Zukunft angewendet wird. Ob das Hybride beibehalten wird. Oder ob wir, etwa mit einem Impfstoff gegen Covid-19, verstärkt zu Events zurückkehren, in denen die Gäste anwesend sind. 

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Reeperbahn Festival 2020, Tag 1 – check check check

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Nun hat es also begonnen, das erste Reeperbahn Festival unter Pandemie-Bedingungen. Und bei dieser Art von popkulturellem Labor-Event ist mir am ersten Tag noch einmal enorm bewusst geworden, wie nachhaltig Corona unser Verhalten prägt. Unser Leben ist kontrollierter geworden. Das wird vor allem beim Zugang zu den Open-Air-Bühnen und Clubs auf St. Pauli deutlich. Bei jedem Einlass gilt es, mit Hilfe eines QR-Codes einzuchecken. Also die eigenen Kontaktdaten auf einer Webseite zu hinterlegen, um potenzielle Infektionsketten nachvollziehbar zu machen. Beim Verlassen der Spielstätte muss sich jede und jeder aber auch wieder aus dem Areal ausloggen. Sonst klappt es nicht mit dem nächsten Einlass. Check-in. Check-out. Check one two. Check check check. 

Dieses Prozedere führt mitunter zu leicht kafkaesken Momenten. Etwa, wenn ich das Festival Village auf dem Heiligengeistfeld verlasse (Check-out), um nach fünf Meter das Gelände für die große Festivalbühne zu betreten (Check-in). Kurz wünschte ich, ich hätte mir für das Reeperbahn Festival eine dieser praktischen Anglerwesten mit vielen Taschen besorgt. Denn gefühlt jongliere ich permanent mit Gegenständen. Handy, Maske, Sonnenbrille, Desinfektionsmittel, zudem der Mantel für den kühleren Abend. Ein stetes Hervorkramen und Verstauen. Aber ach. Natürlich ein hundertfünfzigprozentiges Luxusproblem. Denn wie beglückend ist es doch, so etwas wie ein Festival in diesem Jahr überhaupt erleben zu können. 

Vom Homeoffice-Level auf Festival-Modus umschalten

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Die Fritz Bühne im Festival Village mit Corona-Kästchen, fotografiert von Tom Heinke

Die Band Koko eröffnet das Live-Programm des Reeperbahn Festivals am frühen Mittwochnachmittag auf der kleinen Fritz-Bühne im Festival Village. Mit ihrem Mix aus Electro, Hip-Hop und Indie-Rock bieten sie den perfekten Soundtrack, um von Homeoffice-Level langsam auf Festival-Modus umzuschalten. Festival-Modus 2020, versteht sich. Denn, wie heißt es so schön in einem Hit von Stereo Total: „Wir tanzen im Viereck“. In 1,50 Meter Abstand sind Quadrate auf den Asphaltboden aufgesprüht, in denen je zwei Menschen stehen oder sitzen dürfen. Für Square-Dance-Mini-Raves. 

Akua Naru, Bühne, Reeperbahn Festival, Hamburg, Clubs, Konzerte, St. Pauli, Konferenz, Musikbranche, Social Distancing, Check-in
Akua Naru, fotografiert von Robin Schmiedebach

Doch da ist diese große Dankbarkeit zu spüren, wieder gemeinsam mit anderen Popkultur feiern zu können. Zum Beispiel bei Sängerin und Spoken-Word-Artistin Akua Naru. Sie habe diverse Corona-Tests machen lassen, um endlich in dieses Mikrofon singen zu dürfen, ruft sie von der großen Open-Air-Bühne auf dem Heiligengeistfeld hinab.

Die ankommenden Musikfans werden dort vom Security-Personal an ihre Plätze geführt. Zwei Stühle, Abstand, zwei Stühle, Abstand. Und so weiter. Ein sehr luftiges Sitzen. Bei Akua Narus Fusionsound aus Soul, Jazz und RnB führt das eher zu einer Lounge-Atmosphäre in der Abendsonne als zu euphorischem Groove in der Menge. 

Umsicht und Freundlichkeit vor den Clubs und Bühnen

Insgesamt fühlt sich dieser erste Festivaltag wie ein gemeinsames Herantasten und Lernen an. Die meisten Gäste scheinen extrem darauf bedacht, gut mitzumachen, damit diese durchaus historische Festivalausgabe gelingt. Selbst bei langen Schlangen vor den Clubs am Abend – etwa vor dem Gruenspan bei International Music oder vorm Molotow für die Band Paar – ist die Stimmung meines Erachtens sehr entspannt bis umsichtig.

Und all den Menschen, die auf den Open-Air-Arealen sowie vor und in den Clubs arbeiten, sei ohnehin ein riesiges Lob ausgesprochen für ihre Geduld und Freundlichkeit. Denn sie sind diejenigen, die nun zu koordinieren haben, dass die Locations Corona-bedingt nur zu etwa einem Fünftel gefüllt sein dürfen. Ohne sie ist Popkultur nichts.

Carsten Brosda: „Es geht darum, Verantwortung zu übernehmen“

Alles in allem fehlt mir der internationale Buzz, der sonst Hamburg in diesen vier Ausnahmetagen im September erfasst. Das Reeperbahn Festival fühlt sich deutlich lokaler an. Und weniger beschwingt, frei, spielerisch. Was für ein Unterschied ist das zum Beispiel zum vergangenen Jahr, wo das Festival für mich mit Guerilla-Networking vor einem Kiosk auf der Reeperbahn begann. Aber als erster Eindruck überwiegt für 2020 die Erkenntnis: Es ist anders, aber es funktioniert. Und auch die Jonglage des Check-in, Check-out habe ich bis zum Ende des ersten Tages halbwegs erlernt. Denn letztlich geht es in diesen merkwürdigen Corona-Tagen nicht nur um das individuelle Musikerleben. 

„Es geht darum, Verantwortung zu übernehmen für unsere Kreativindustrie, für unser Kultur, für die Bildende Kunst, für die kulturelle Infrastruktur, die Clubs, die Plattenfirmen, die Konzertveranstalter, die Backliner, die Verleger und natürlich die Musiker“, erklärt Kultursenator Carsten Brosda bei der Eröffnungsveranstaltung am Mittwochabend, die ich mir am nächsten Morgen im Stream anschaue. Normalerweise tragen all diese Menschen dazu bei, unser Leben zu bereichern. Nun sei es aber unser Job als Gesellschaft, der Musikbranche zu helfen, diese schlimmen Zeiten zu durchzustehen, erläutert Carsten Brosda. 

Kultursenator, Carsten Brosda, Doors Open, Reeperbahn Festival, Hamburg
Kultursenator Carsten Brosda bei “Doors Open”, fotografiert von Fynn Freund

„Das Reeperbahn Festival ist dieses Jahr ein Zeichen des Überlebens und ein Leuchtfeuer der Hoffnung, dass Livekultur zurückkehren wird. Trotz der Auflagen, die das Virus uns auferlegt“, erklärt der Kultursenator in seiner Ansprache weiter. Es gehe auch darum, so Carsten Brosda, die eigene Verletzlichkeit anzuerkennen. Mit Ängsten umzugehen. Weiterzumachen. Und vor allem: offen zu bleiben für Mitmenschlichkeit. Erst recht in Zeiten, in denen Europa in seiner Flüchtlingspolitik so heftig versage. Musik, besonders live, öffnet diese Emotionen und Haltungen seit jeher. Derzeit ist sie daher wichtiger denn je.

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Reeperbahn Festival 2020 — hybrid durch die Pandemie

Heiligengeistfeld, Banner, Reeperbahn Festival, Hamburg

Am morgigen Mittwoch beginnt das Reeperbahn Festival. Ein simpler Satz. Und dennoch hätte ich im Frühjahr nicht gedacht, dass ich ihn auf diesem Blog schreiben würde. Vielmehr erfüllte mich mit dem popkulturellen Shutdown von Konzerten und Festivals eine Zeit lang eine Art tocotronischer „Sag alles ab“-Fatalismus. Nun findet das viertägige Pop-Event statt. Und doch ist in diesem merkwürdigen Corona-Jahr alles anders. Die Sause aus Club-Shows und Konferenz-Programm geht als sogenanntes Hybrid-Festival über die Bühnen. Das heißt: in einem Mix aus gestreamtem Angebot und realem Programm. Wie das wohl wird?

Reeperbahn Festival, LogoNormaler Weise, also ohne weltweite Pandemie, wäre ich Tage vor dem Reeperbahn Festival bereits damit beschäftigt, mir einen Ablaufplan zu erstellen aus Konzerten und Talks, vor allem aber aus beruflichen Meetings. Seien es Eins-zu-eins-Gespräche mit Menschen aus der Branche, zu denen ich sonst nur per Mail in Verbindung stehe. Seien es die vielen Receptions von Platten- und Bookingfirmen, von Lobbyverbänden und Ländervertretungen. Oder seien es all die Drinks, Schnacks und Kennenlerntreffen am Rande. 

Die meisten dieser Networking- und Business-Termine fallen dieses Jahr flach. Und aufgrund des eingeschränkten Reiseverkehrs wird St. Pauli als Austragungsort wesentlich weniger international sein. Das bedauere ich sehr. Aber wer weiß: Womöglich hat diese Reduktion andererseits auch etwas Positives. Eine Konzentration auf das Wesentliche zum Beispiel. Auf die Musik. Ich bin gespannt. 

Hoch subventioniertes „Frühstücksfernsehen“

Der Auftakt zum Reeperbahn Festival gestaltet sich jedenfalls schon einmal anders als in den 14 Jahren zuvor. Statt am ersten Tag meinen Festival-Pass abzuholen, checke ich bereits einen Tag vorher online in die Konferenzplattform ein. In diesem digitalen Raum sind ab Mittwoch früh Panels sowie On-Demand-Präsentationen von Labels und Organisationen zu erleben. Flugs lege ich mir ein Profil an, um im Laufe des Reeperbahn Festivals mit anderen Konferenzgästen in Kontakt treten zu können. Ich bin neugierig, ob das funktioniert. Oder ob die Leute zu bildschirm-müde sind aufgrund all der Zoom- und Skype-Interaktionen in den vergangenen Corona-Monaten.

Screenshot, Reeperbahn Festival, Webseite, Hamburg, Clubs, Konzerte, St. Pauli, Konferenz, MusikbrancheAls eine Art „Frühstücksfernsehen“ bezeichnet Konferenz-Chef Detlef Schwarte das Angebot. Das reale Konzertprogramm rund um den Kiez startet wiederum am frühen Nachmittag. Und zwar stark reduziert und hochgradig gefördert. Gut 9000 statt ansonsten 50.000 Gäste empfängt das Reeperbahn Festival 2020. Und auch die Zahl von rund 160 Programmpunkten für Festivalgänger sowie 100 Talks fürs Fachpublikum ist deutlich niedriger als die Auswahl der Vorjahre. Statt der regulären 600.000 Euro Unterstützung von Bund und Land erhält das Reeperbahn Festival dieses Jahr zusätzlich 1,3 Millionen Euro. Das heißt: Rund drei Viertel der Sause — also sowohl Konzerte als auch Konferenz — sind subventioniert. 

Aufmerksamkeit für Solo-Selbstständige

„Ökonomisch ist das Reeperbahn Festival ein Kunstprodukt“, sagt Festival-Chef Alexander Schulz im „Mopo“-Interview über die Ausgabe 2020. Natürlich lässt sich das Ganze jetzt als hochgezüchtetes Projekt ohne Anbindung an die realen Nöte der Musikbranche abtun. Aber so einfach ist das natürlich nicht. Im Gespräch mit Kollegin Frederike Arns erklärt Schulz weiter, dass in dem „Apparat“ der Kultur- und Veranstaltungswirtschaft 85 Prozent Solo-Selbstständige und Kleinunternehmer beschäftigt sind. Wenn diese wichtigen Akteurinnen und Akteure auf einem Event wie dem Reeperbahn Festival endlich wieder zu tun haben und ihre Arbeit so zudem mehr Aufmerksamkeit erhält, ist schon viel gewonnen. 

Alexander Schulz, Reeperbahn Festival
Alexander Schulz, fotografiert von Jim Kroft (Titelbild fotografiert von Dario Dumancic)

Von vielen Menschen aus meinem Umfeld weiß ich, dass sie ihr Festivalticket für nächstes Jahr haben umbuchen lassen. Die Aussicht auf weniger Konzerte ohne schönes wogendes wie schwitziges Live-Feeling schreckte dann doch viele ab. Neben Open-Air-Shows, zum Beispiel auf dem Heiligengeistfeld und dem Spielbudenplatz, finden in einigen Clubs bestuhlte Indoor-Gigs statt — mit ausgetüfteltem Hygienekonzept, versteht sich.

Old school vor der Bühne oder new school vorm Rechner?

Also: Wie wird es sich anfühlen, das Reeperbahn Festival 2020 (oder wie Musikenthusiast Nils es nennt: das Reepandemie Festival )? Entscheidungen fällen statt Auskundschaften? Schlange stehen statt Stromern? Abstand statt Ausrasten? Oder statt old school vor der Bühne direkt komplett new school vorm Rechner?

Wie wohl und sicher fühlt sich jede und jeder Einzelne dieser Tage in einem Club? Und im großen Bild betrachtet: Können Lösungsansätze zur Krisenbewältigung entwickelt werden? Welche Impulse wird dieses hybride Get-Together aussenden — in die Musikszene und womöglich auch in die Gesellschaft?

Ich bin jedenfalls optimistisch, dass sich auch dieses Jahr anregende Begegnungen ergeben und inspirierende Konzerte ereignen werden. Nur eben anders. Wir alle lernen derzeit unglaublich viel. Über uns. Über andere. Über virtuelles und reales Leben. Jetzt ist die Zeit, in der die Popkultur zeigen kann, wie innovativ sie ist. Und wie verbindend.

Rückblick auf das vergangene Jahr:

Reeperbahn Festival — Fazit 2019: Lasst uns reden

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Katja Ruge zeigt Hamburgs Musikszene im Tempel 1844

Madame Chloé, Katja Ruge, Fotografin, Ausstellung, Vernissage, Tempel 1844, Poolstraße, Hamburg, City, Musikerinnen, Musiker, Fotografie, One Room - One Light

Ich liebe es, unbekannte Plätze in der Stadt zu entdecken. Und noch begeisterter bin ich, wenn diese Orte dann popkulturell aufgeladen werden. Wenn sich Altes und Neues verbindet. Und wenn sich spannende Korrespondenzen ergeben. Von daher war es ein rundum inspirierendes Erlebnis, die Vernissage der Ausstellung „One Room — One Light“ zu besuchen. In den vergangenen Wochen hat die Fotografin Katja Ruge die stilvoll verwitterten Räume des Tempel 1844 genutzt, um Hamburger Musikerinnen und Musiker sowie Menschen aus dem Nachtleben zu inszenieren. 

Hamburg, Ausstellung, Tempel 1844, Fotografie, Architektur
Auf den Fotos: Musiker und Barkeeper David Moon. Im Hintergrund: Die Ruine der Tempelapsis.

Die Fotos genau in der Atmosphäre zu betrachten, wo sie entstanden sind, entfaltet einen ganz eigenen, vielschichtigen Reiz. Und das Wissen, dass dieser Ort womöglich bald nicht mehr existieren wird, lässt eine gewisse Melancholie mitschwingen.

Hamburg, Ausstellung, Tempel 1844, Fotografie, Architektur

Der israelitische Tempelverband ließ Mitte des 19. Jahrhunderts in der Hamburger Innenstadt eine Synagoge errichten. Das Gebäude wurde im Zweiten Weltkrieg von einer Bombe getroffen, sodass heute nur noch die Vorhalle sowie die mächtige halbrunde Apsis aus Backstein erhalten ist, die zunehmend zu verfallen droht. Die Galerie Holthoff betreibt den Tempel 1844 — gelegen in einem Hinterhof an der Poolstraße — derzeit als Kulturstätte. 

Katja Ruge zeigt das Wesentliche, das Überhöhte, Dunkle und Leuchtende

Katja Ruge, Fotografin, Ausstellung, Vernissage, Tempel 1844, Poolstraße, Hamburg, City, Musikerinnen, Musiker, Fotografie, One Room - One LightKatja Ruge kenne ich bereits seit Jahren als passionierte Musikfotografin. Ich bewundere ihre Bandbreite. So hat sie zum Beispiel einen Bildband herausgebracht, der sich auf Spurensuche begibt nach Joy-Division-Sänger Ian Curtis. Katja hat aber mit „Ladyflash“ auch eine Fotoserie rund um unabhängige Frauen im Pop veröffentlicht. Zudem ist sie DJ und Produzentin im schönen Grenzgang zwischen Synthpop, Disco und Electro. Besonders verbunden fühle ich mich ihr, seit sie die Fotos für die Webseite meines Projekts Biggy Pop gemacht hat. 

Katja Ruge ist, wie sich bei der Vernissage im Tempel 1844 erneut zeigt, schlichtweg eine herzliche und coole Persönlichkeit, die es versteht, ganz unterschiedliche Leute zusammenzubringen. Mit ihrer offenen Art, ihrem empathischen Blick und natürlich ihrem fotografischen Know-how erschafft sie Porträts, die das Wesentliche eines Menschen zeigen. Und die zugleich die Künstlerseele zu Tage treten lassen. Das Besondere, das Überhöhte, Extravagante und Merkwürdige, das Nachdenkliche, Dunkle und Leuchtende.

Die Hamburger Musikszene von Felix Kubin bis Sarajane

Felix Kubin, Musiker, Hamburg, Ausstellung, Katja Ruge, Tempel 1844, Hamburg
Felix Kubin in der Ausstellung “One Room – One Light”.

Katja Ruges Bilder sind ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie in Zeiten von Social Distancing durch Kunst sehr viel Nähe und Intimität transportiert werden kann. 

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Digitalism.

Die Noise-Artistin und feministische Aktivistin Leyla Yenirce alias Rosaceae schaut einen da mit eindringlicher Ruhe an. Experimentalmusiker Felix Kubin wiederum guckt so, als wolle er seine Fragen an die Welt durch bloßen Blickkontakt teilen. Und das Electro-Duo Digitalism sitzt in selbstverständlicher Verbundenheit zusammen.

Sarajane, Katja Ruge, Fotografin, Ausstellung, Vernissage, Tempel 1844, Poolstraße, Hamburg, City, Musikerinnen, Musiker, Fotografie, One Room - One Light
Sarajane.

Ich freue mich beim Rundgang durch die Ausstellung sehr, auch Musikerinnen und Musikern zu begegnen, über die ich bereits auf diesem Blog geschrieben habe. Popsängerin Sarajane strahlt wahrhaftige Stärke aus, das Rückgrat im Spiegel aufrecht. DJ und Musiker Jojo Brandt wiederum geht eine feine Liaison ein mit dem morbiden Charme des Ortes. 

Hamburg, Ausstellung, Tempel 1844, Fotografie, Architektur

Spannend ist zudem, dass die Räume teils wie eine Wohnung eingerichtet sind. Ein surreales Szenario, durch das sich anregend lustwandeln lässt. 

Katja Ruge: „One Room — One Light“, bis 11.9.2020, Tempel 1844

* Auf dem Titelbild ist Madame Chloé zu sehen.

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Katja Ruge, Fotografin, Ausstellung, Vernissage, Tempel 1844, Poolstraße, Hamburg, City, Musikerinnen, Musiker, Fotografie, One Room - One Light

Zwei Jahre Biggy Pop Blog — Popkultur in Zeiten von Corona

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Vor zwei Jahren habe ich als Biggy Pop diesen Blog begonnen — über Popkultur in Hamburg und darüber hinaus. „Livemusik ist die Erlaubnis, alles fühlen zu dürfen. Mit anderen“, schrieb ich 2019 in meiner einjährigen Geburtstagsbilanz. Jetzt stehe ich vor der Bäckerei in der Schlange, meine Maske griffbereit und mein Blick fällt auf die nahe Litfaßsäule mit dem Titel „Kultur in Hamburg“. Neben Veranstaltungsplakaten aus dem März und April hängen Corona-Hilfsappelle für die krisengeschüttelte Szene. Das Herz ist im Frühling gestolpert und im Hochsommer gelandet. Wie fühlt es sich also an, dieses Blog-Jubiläum? Und wohin geht die Reise?

Als Journalistin habe ich mich stark damit beschäftigt, wie sich die Krise auf das Popbusiness auswirkt, zum Beispiel in den Corona-Specials der Reihe Nachtclub Überpop auf NDR Info. Oder eben hier auf dem Blog, weshalb ich die entsprechenden Beiträge noch einmal als Corona-Chronik an diesen Post anhänge. Diese Auseinandersetzung hilft mir zum einen ganz persönlich, mental mit der Lage klarzukommen und diese Ausnahmesituation ansatzweise zu begreifen. Vor allem aber hoffe ich, dass ich dazu beitragen kann, auf ganz unterschiedlichen Ebenen eine Öffentlichkeit herzustellen für die Popkultur. 

Die verbindende und innovative Kraft der Musikszene

Wir müssen immer wieder reden über die Ängste und Hoffnungen der Musikerinnen, Musiker und DJs sowie all jener, die Clubs betreiben und in der Branche arbeiten. Ich möchte aber unbedingt auch von der innovativen und verbindenden Kraft erzählen, die die Musikszene gerade jetzt entfaltet. Wir werden noch länger mit dem Virus leben müssen. Und Geld wird weiterhin nötig sein. Aber damit Menschen nach wie vor spenden und damit vor allem die Politik bis ins Detail die psychische, soziale und auch wirtschaftliche Bedeutung der Popkultur erkennt, bedarf es: Kommunikation. 

Wie wir miteinander reden, hat sich in den vergangenen Monaten verändert. Aber jenseits von Verschwörungsideologen nicht unbedingt zum Schlechteren. Wir hören nicht nur der Wissenschaft ausführlicher zu, sondern auch einander. Das erlebe ich bereits im Privaten. Beim Pandemie-gerechten Ausgehen rede ich da stundenlang mit lieben Menschen, die ich aus dem Musikleben kenne. Und mit denen ich sonst oft nur einige Sätze gewechselt habe. Da dann das Konzert begann. Da es zum nächsten Laden weiterging. Oder da ein Song startete, zu dem ich unbedingt auf die Tanzfläche musste. Ich vermisse diese Dynamik. Das Live-Erleben. Den nächtlichen Sog. Die Chance, sich zu verlieren. Um sich anders zu finden. Aber mir gefällt auch diese neue Intensität. 

Den Musikerlebnisspeicher füllen

Welche anderen Seiten an uns lassen wir nun zu? Was lernen wir an anderen kennen? Mir kommt der neue Song samt Video der Hamburger Musikerin Antje Schomaker in den Sinn: „Verschwendete Zeit“. Im retro-modernen Sound und Look irgendwo zwischen The Weeknd und „Stranger Things“ singt sie da von Erneuerung. Die Haare abschneiden, das alte Ich hinter sich lassen und aufbrechen, auch wenn die Zukunft unsicher erscheint. 

Biggy Pop, Blog, Musik, Popkultur, Hamburg, Gitarre, GeburtstagViele Popfans, denen ich derzeit begegne, scheinen all die kleinen feinen Open-Air-Optionen dieses Corona-Sommers aufzusaugen. Akustisches auf Abstand. Leichtes Tanzen im Sitzen. Anflüge von Ausgehen. Den Musikerlebnisspeicher füllen, bevor der ungewisse Herbst anrückt. Bevor es desinfiziert und auf Distanz in den Clubs weitergehen soll. Oder eben nicht. Falls die zweite Welle kommt. Und wir dann wieder „supalonely“ zuhause tanzen. Vielfalt, Subkultur, Brodeln, Schwung, Inspiration und all die zweiten Heimaten in dieser Stadt — was wird daraus? Ich mache mir Sorgen. Und zugleich will, möchte und muss ich hoffen. Auf Solidarität. Auf die Popkultur.

Veröffentlichungen aus Hamburg — Lieder, die da sind

Optimistisch stimmt mich, wie viel Musik allein in Hamburg seit dem Shutdown herausgekommen ist beziehungsweise bald veröffentlicht wird. Catharina Boutari aka Puder pendelt auf ihrem Album „Tomorrowland mit Freunden“ in traumwandlerischer Intensität zwischen Pop und Jazz. Die Punksupergruppe Trixsi slackert sich auf ihrer Platte „Frau Gott“ mit Haltung durch die Widrigkeiten des künstlerischen Daseins. Und die Band Jenobi sendet mit „Hundred Times“ einen wunderbar poppig-verschachtelten Vorboten ihres Albums „Patterns“, das am 18. September bei Grand Hotel erscheinen wird.

Nur drei Beispiele. Lieder, die da sind. Die uns niemand mehr nehmen kann. Die in die Welt reisen, während wir — weitestgehend — zuhause bleiben. Während wir im benachbarten Bundesland an den See fahren, statt in ferne Länder zu fliegen.

Virtuelle popkulturelle Reisen

Nachdem ich 2018 und 2019 verstärkt meine Selbständigkeit als Musikjournalistin und Texterin angeschoben hatte, sollte 2020 das Jahr werden, in dem ich wieder mehr reise. Zwei Wochen im Mai in meiner Schatzstadt New York sollten den Auftakt machen. Zu gerne hätte ich weitere Städte bereist, um wie im März vergangenen Jahres in Brüssel in die Popszene einzutauchen und darüber zu bloggen. Stattdessen stille ich mein Fern- und Fremdweh nun wie viele online. Unter anderem fing ich an, mich mit koreanischer Popkultur zu beschäftigen — inspiriert von den Berichten über die politische Power der K-Pop-Fans.

Vor allem koreanische Dramaserien haben es mir derzeit angetan. Zum einen fasziniert mich, dass sich die Genres darin viel stärker vermischen als hierzulande. Sprich: K-Pop-Songs dienen als Soundtrack, berühmte Sängerinnen und Sänger spielen in den Serien mit, das Unterhaltungsbusiness als solches ist häufig Thema der Handlung und moderne Technologien werden selbstverständlicher in die Geschichte eingebunden. Vor allem aber spricht mich an, wie langsam und poetisch das Storytelling funktioniert. So ein wenig Eskapismus tut äußerst gut angesichts eines ausgefallenen Festivalsommers und insgesamt weniger Möglichkeiten, seine Energien in Live-Kultur zu kanalisieren. 

Natürlich freue ich mich aber sehr darauf, wieder verstärkt über reale Events zu schreiben. Wie diese sich bis zu meinem dritten Blog-Jubiläum gestalten werden, darauf bin ich sehr gespannt.

Biggy Pops Corona-Chronik:

Deichkind in Hamburg: viral real – 8. März 2020

Corona: Wie du die Musikszene jetzt unterstützen kannst – 13. März 2020

Hört die Signale: Lob an das Akustische in Zeiten von Corona – 21. März 2020

Frau Hedi multiplizieren: Zeigt Eure Erinnerungen und bastelt die Barkasse – 7. April 2020

Introducing The Kecks: “Who gives a shit what is between your legs?” – 29. April 2020

Ich vermisse das gute wilde Leben: ein Zwischenstand – 23. Mai 2020

Musikszene Hamburg: die Sache mit dem Streaming – 12. Juni 2020

Krach+Getöse: viel Neues beim Hamburger Newcomer-Preis – 18. Juni 2020

Endlich mal wieder: Livemusik erleben, Menschen begegnen – 28. Juni 2020

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