Music Business Summer School: Wie funktioniert Marketing im Pop?

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Das fröhliche Pop-Remmidemmi namens Reeperbahn Festival steht vor der Türe — mit seinen mehr als 900 Programmpunkten von Live-Musik über Posterkunst bis hin zu Film. Ich bin dieses Jahr erstmals auch als Moderatorin dabei und bin schon äußerst gespannt auf meine Gesprächsgäste. Doch bevor die große Popsause vom 18. bis 21. September auf St. Pauli steigt, lädt die Interessengemeinschaft Hamburger Musikwirtschaft, kurz IHM, im nun mehr siebten Jahr zu seiner Music Business Summer School. 

Eine Woche lang bieten Profis aus dem Musikgeschäft maßgeschneiderte Seminare und Workshops. Und da die jeweiligen Kurse mit maximal 20 Leuten extra übersichtlich gehalten werden, entstehen schnell anregende Diskussionen. Ich bin großer Fan davon, wenn geballt Know-how zusammenkommt und ein offener Austausch möglich ist. Von daher freue ich mich, dass die IHM mich auch in diesem Jahr als Gasthörerin für einen Tag eingeladen hat. Über meinen ersten Besuch bei der Music Business Summer School habe ich im vergangenen Jahr bereits auf dem Blog geschrieben. 

Music Business Summer School: aus der Branche für die Branche

Ort und Struktur sind gleich geblieben: Erneut kooperiert die IHM mit der Hamburger Media School und nutzt die einladend hellen Räume an der Finkenau. Und wie 2018 befasst sich die Music Business Summer School parallel mit drei Bereichen des Popgeschäfts: Labelarbeit und Vertriebsmangament (Recorded Music), Veranstaltungswirtschaft (Live Entertainment) und Musikverlagswesen (Music Publishing).

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Diese Weiterbildungswoche funktioniert nach dem Prinzip: „aus der Branche für die Branche“. Von daher kommt auch auf Teilnehmerseite bereits reichlich Erfahrung zusammen: Die meisten arbeiten bei Plattenfirmen oder Konzertagenturen, in der Promotion oder in Clubs. Oder sie befinden sich mitten in der Ausbildung und holen sich eine extra Portion Wissen aus erster Hand. 

Marketing bei Warner Music mit Larissa Lüters

Ich habe mir einen Tag ausgesucht, an dem das Thema Marketing im Mittelpunkt steht. Mir gefällt an diesem Bereich, dass das Traditionelle fortwährend mit dem Innovativen kombiniert werden muss. Am Vormittag spricht Larissa Lüters, Senior Brand Manager bei Warner Music, zwei kurzweilige Stunden über ihre Arbeit.

Music Business Summer School, Hamburg Media School, IHM, Tik Tok, Twitch, Marketing, Music Promotion, Pop, Business, Apps, Digital Marketing, Social Media, Workshops, classroomsDas klassische Denken von Albumveröffentlichung zu Albumveröffentlichung sei längst aufgebrochen. Bei Rockbands wie Linkin Park, Slipknot und Panic! At The Disco, die zu Larissas Portfolio gehören, gehe es vielmehr darum, konstant am Aufbau der künstlerischen Marke zu arbeiten. Und das geschieht mit einer Vielzahl von Aktionen, die sich aufgrund der Digitalisierung zunehmend komplexer gestalten. 

Beruhigend zu hören: Auch im Marketing lautet die Devise nicht zwingend „viel hilft viel“. Zunächst gelte es, so erzählt Larissa, die Entfaltung einer Band aufmerksam zu beobachten. Entwickelt sich ein Song — zum Beispiel in den USA oder Groß Britannien — zum Hit, sei das einer von vielen Hinweisen darauf, nun auch im Bereich Deutschland / Österreich / Schweiz aktiv zu werden. 

Von klassischer Pressearbeit bis zum LiveStreaming-Videoportal Twitch

Larissa erläutert, wie sich eine Marketingkampagne planen lässt. Und welche Fragen sich dabei stellen. Welches Produkt möchte ich überhaupt verkaufen? Eine einzelne Single oder ein Album? Welches Ziel verfolgen Künstler und Team langfristig? Welches Budget habe ich? Und wie viel Zeit? Ausführlich stellt Larissa ihren Marketing-Werkzeugkasten vor — von Offline-Maßnahmen wie Plakatierung, Print-Anzeigen und Fan-Events über klassische Pressearbeit bis hin zur stetig wachsenden Zahl von Online-Möglichkeiten. Neben Standard-Social-Media-Plattformen wie Facebook und Instagram geht sie intensiver auf das Live-Streaming-Videoportal Twitch ein. 

Hauptsächlich wird Twitch genutzt, um live Gaming-Sessions zu übertragen — inklusive Kommentierung durch Spieler und Zuschauer. Ein hochgradig interaktives Format, in dem sie Musik sehr zielgerichtet platzieren könne, erklärt Larissa. So lasse sich zum Beispiel filtern, ob ein Song nur bei Minecraft oder etwa überhaupt nicht bei Ballerspielen eingesetzt werden solle. Aber auch im reinen Musikbereich findet Twitch bereits Anwendung. DJs veröffentlichen live ihre Sets, Bands zeigen ihre Proben und Musikfans streamen ihren Besuch bei Festivals.

Beispiel: die Popband Kaleo und ihre Single „Way Down We Go“

Eine Plattform wie Twitch eignet sich natürlich nicht zur Vermarktung jedes Genres. Am Beispiel des Warner-Acts Kaleo zeigt Larissa, wie deren Single „Way Down We Go“ über die TV-Serie „Blindspot“ erfolgreich wurde. Messbar daran, dass zahlreiche Fernsehzuschauer den Song noch während der Ausstrahlung über den Erkennungsdienst Shazam abgerufen hätten. Neben der steten Analyse solcher Zahlen sei jedoch das Bauchgefühl nach wie vor wichtig, betont die Marketing-Expertin.

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In der Mittagspause versammeln sich alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Music Business Summer School auf dem Balkon, der alle Seminarräumen säumt. Die Sonne scheint. Und das Catering hat Zutaten für leckere Bowls bereitgestellt. Zeit, das Gehörte sacken zu lassen. Und sich zu unterhalten. Ich setze mich zu zwei tollen umtriebigen Ladies, die ich schon länger aus der Hamburger Musikszene kenne. 

Vorteile der Music Business Summer School: lernen und netzwerken

Imke Machura betreibt das Netzwerk Raketerei, das Popkünstlerinnen beim Einstieg in die Branche unterstützt. Und sie arbeitet seit fünf Jahren gemeinsam mit dem Jazzposaunist Nils Wogram für dessen Label nWog Records, unter anderem als Produktmanagerin. „Ich habe mir alles selbst beigebracht. Ich nutze die Music Business Summer School, um zu überprüfen, ob ich irgendwo blind spots habe, ob ich also etwas übersehe in meiner Arbeit. Und natürlich bin ich zum Netzwerken hier“, erzählt Imke gut gelaunt. Sie überlegt, sich nächstes Jahr für den Bereich Musikverlagswesen einzuschreiben. 

Julia Nordholz ist DJ, Schauspielerin, Moderatorin, Kulturwissenschaftlerin, Projektmanagerin und seit neuestem Sprecherin des VUT Nord, dem Verband unabhängiger Musikunternehmen. „Mir gefällt vor allem das entspannte Klima, sich auszutauschen. Über die einzelnen Bereiche hinweg können wir über Gemeinsamkeiten und Defizite sprechen“, sagt Julia über die Music Business School. Sie treibt vor allem die Frage um: „Wie lassen sich Independent-Firmen am Musikstandort Hamburg besser unterstützen?“ 

Bereits diese kurze Begegnung zeigt, wie engagiert bei der Music Business Summer School Themen diskutiert werden. Und ein wenig Klassenfahrtsgefühl darf natürlich auch nicht fehlen. So erfahre ich zudem, dass jenseits des Kursprogramms gemeinsame Ausflüge wie eine Barkassenfahrt auf der Elbe oder ein Musikquiz im Gängeviertel anliegen. Doch zunächst gilt es, am Nachmittag weitere Einsichten in die Popbranche zu gewinnen.

Marketing im Live Entertainment mit Experten von FKP Scorpio

Im Bereich Live Entertainment sprechen Katja Wittenstein und Dario Dumancic von der Hamburger Konzertagentur FKP Scorpio über Veranstaltungsmarketing. Die Firma wurde 1990 von Folkert Koopmans gegründet und hat mittlerweile neben Deutschland Büros in sieben weiteren Ländern mit insgesamt 200 Mitarbeitern. FKP ist eine Tochtergesellschaft des Ticket-Unternehmens CTS Eventim und zählt zu den größten Festivalveranstaltern Europas. Ich finde es extrem aufschlussreich, direkten Input aus solch einem hoch professionalisierten Kontext zu erhalten. 

Allein Katjas Vita zeigt, wie sehr sich der Live-Sektor gewandelt hat: Vor 15 Jahren hat sie bei FKP angefangen, damals als „eierlegende Wollmilchsau“, wie sie erzählt. Mittlerweile  hat sich ihr Aufgabenfeld stark fokussiert: Sie ist Director Marketing mit einem Team von 21 Leuten. Dazu gehört seit fünf Jahren auch Dario als Head Of Digital Marketing. 

Welche Kampagnen funktionieren — und welche nicht?

Mir gefällt sehr gut, wie anschaulich und vor allem humorvoll die beiden einen Überblick geben über ihr Gebiet. Katja schlüsselt auf, wer welche Medien nutzt und wie sich so mit dem Marketing entsprechend andocken lässt. Sympathisch: Nach dem Prinzip „aus Fehlern lernen“ zeigen die zwei auch, welche Aktivitäten nicht so gut funktioniert haben. So führte etwa eine TV-Kampagne für die FKP-Festivals Hurricane und Southside 2019 nicht zu gesteigertem Kartenverkauf, obwohl mit The Cure und den Foo Fighters durchaus eine ältere (noch Fernsehen schauende) Zielgruppe zu erreichen gewesen wäre. 

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Bei den vielen Marketing-Beispielen aus dem analogen Bereich, die Katja gibt, finde ich ihre Ausführungen zu den so genannten City Lights besonders interessant. Ich persönlich nehme die beleuchteten Werbeträger im Stadtbild genauso wahr wie geklebte Papierplakate an Bauzäunen. Katja berichtet jedoch, dass die City Lights eine deutlich höhere Werbewirkung erzielen würden als klassische Poster. Zudem fungieren sie — wie etwa eine 360-Grad-Animation von Greenpeace zeigt — als Schnittstelle hin zum Digitalen. 

Konkrete Tipps fürs digitale Marketing

Und somit sind wir an diesem Nachmittag bei der Music Business School in Darios Domäne angelangt. Seine Schilderungen veranschaulichen eindrücklich, wie sehr sich das digitale Marketing in den vergangenen Jahren diversifiziert hat. Gefühlt hätte er eine Woche sprechen können über Webseiten und E-Mail-Marketing, über Apps und Social-Media-Plattformen — und wie sich mit ihnen bis in den Mikrobereich hinein Zielgruppen ansteuern lassen. 

Toll finde ich, dass Dario zahlreiche konkrete Tipps gibt, was aktuell wichtig ist für digitales Marketing: Daten pflegen und analysieren, aber den gesunden Menschenverstand dabei nicht ausschalten. Verstärkt Bewegtbild auf verschiedenen Kanälen anwenden. Zudem gelte: Frequenz ist nicht alles, Ästhetik und Inhalt führen häufig nachhaltiger zum Ziel. Und Dario motiviert dazu, neugierig zu sein auf den steten Wandel, der sich online ereignet. So stellt er auf Nachfrage aus dem Kurs TikTok ausführlicher vor.

Die App TikTok: Adele-Challenge mit Gummibärchen

Dreh- und Angelpunkt der chinesischen App sind die sogenannten Challenges, die durch Hahstags verbreitet werden. Bekannt ist zum Beispiel die Adele-Challenge: Ihr Hit „Someone Like You“ wird da von Usern mit Gummibärchen, Avengers-Figuren oder Getränkedosen nachgestellt. Ein weitere Besonderheit bei TikTok sei der Ansatz, dass man die Plattform auch komplett ohne Registrierung nutzen kann und anderen Accounts nicht folgen muss, um die Inhalte zu konsumieren, erläutert Dario. 

Seine abschließende Erkenntnis lässt sich bestens auf verschiedene Lebensbereiche anwenden: „Es gibt nicht die eine Wahrheit. Also recherchiert, bildet Euch weiter und seid vor allem mutig, Dinge auszuprobieren.“ 

Ich jedenfalls bin auch nach meinem zweiten Besuch sehr angetan von der großen Praxisnähe und konstruktiven wie inspirierenden Atmosphäre bei der Music Business Summer School. Und ich bin gespannt, wie sich das Projekt in den kommenden Jahren weiterentwickeln wird. 

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Nørden Festival: Immer noch die Musik

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„Aufräumen mit Marie Kondo“ ist eine beliebte Netflix-Serie, in der Menschen lernen können, das Volumen an Dingen in den eigenen vier Wänden zu vermindern. Die Poetry-Slammerin Selina Seemann erzählt auf der Bühne des Nørden Festivals in Schleswig ihre ganz eigene Version von Entrümpelung: Sie gerät in einen regelrechten Ausmist-Wahn — so lange, bis ihre Wohnung komplett niederbrennt und nur eine auf ihrer Schulter hockende Socke übrig bleibt. 

Nørden Festival, Schleswig, Baltic Sea, Festival, Open air, Niels Frevert, Grapell, Janos, concerts, art, culture, theatre, literature, schleiDas Bedürfnis nach Reduktion und Übersicht ist in unseren komplexen Tagen offenbar besonders ausgeprägt — wie auch immer wir es dann zu erfüllen versuchen. Insofern passt Selina Seemanns Text hervorragend zu dem Open Air, das an drei Wochenenden noch bis zum 15. September an der Schlei stattfindet.

Auf diesem Blog hatte ich bereits im vergangenen Jahr über meinen ersten Besuch beim Nørden Festival geschrieben. Und über das Konzept, Pop, Kunst, Literatur, Film, Straßentheater sowie Workshop-Angebote aus dem baltischen und skandinavischen Raum zu präsentieren. Um mir anzuschauen, wie sich das Nørden Festival bei seiner zweiten Ausgabe entwickelt hat, fahre ich am Sonntag mit zwei Freundinnen von Hamburg aus Richtung dänische Grenze. 

Nørden Festival: Poetry Slam und schwedischer Pop

Zunächst fällt auf, dass die Buden mit Handwerkskunst und Kulinarischem nun kompakter beieinander stehen. Die kleine Flaniermeile, die direkt beim Eingang beginnt, gefällt mir gut. Und da bei der Gästezahl trotz steigender Tendenz angesichts des großzügigen Geländes weiterhin Luft nach oben ist, freuen sich die Anbieter gewiss über gebündelte Besucherströme.

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Der Schwede Janos auf der Gartenbühne an der Schlei.

Was mir beim Nørden Festival erneut extrem gut gefällt, ist die im besten Sinne entschleunigende Wirkung. Ich bin zwar durchaus Fan von Krawall und Remmidemmi. Aber dass es da nicht — wie bei anderen Open Airs — an jeder Stelle wummert und lockt und kracht und promotet, ist für so einen Spätsommersonntag durchaus angenehm. Wir schlendern zum Strand und über Steg, der ins spiegelglatte Wasser ragt. Und wir betrachten jene, die nur mit einem Handtuch bekleidet dampfend am Ufer stehen, da sie soeben aus dem Sauna-Fass kommen. 

Zeit, sich einzulassen. Zum Beispiel auf den Vortrag der Autorinnen und Autoren beim Norden Slam. Auf Texte wie den von Quinn Christiansen, der mitreißend und überaus amüsant erzählt, wie normal Homosexualität ist. Der Schwede Janos wiederum sieht mit Sonnenbrille, Sweatshirt und Ballonseidenhose aus, als käme er gerade von einem 72-Stunden-Rave. Doch dann singt er auf der lauschigen Gartenbühne mit Blick auf die Schlei schönste Singersongwriter-Oden. Ihm folgen seine Landsleute Grapell, die den Nachmittag mit ihren mehrstimmigen Popharmonien angenehm soft dahindriften lassen.

Niels Frevert: auch mal nach Norden reisen

Besonders freue ich mich beim Nørden Festival auf das Konzert von Niels Frevert am frühen Abend. Seine lebensklugen Songs sind mir seit Jahren gute Begleiter, Katalysatoren und mitunter auch Rettungsanker. Erst zwei Tage zuvor ist sein neues Album „Putzlicht“ erschienen: Gitarrenpop über das Ringen nach Worten und die Suche nach Schönheit. Doch beim Auftritt auf der Hauptbühne setzt er mit seiner Band zunächst auf alte Vertraute. Auf Lieder wie „Baukran“ und „Speisewagen“. Und selbstironisch gibt es die Nummer „Der Typ, der nie übt“. Vor dem Losfahren hätten sie noch proben müssen, sagt Frevert. Nun gut. Hier und da ein verpasster Einsatz. Aber Dynamik und Details der Musik, die sind doch sehr beglückend.

Nørden Festival, Schleswig, Baltic Sea, Festival, Open air, Niels Frevert, Grapell, Janos, concerts, art, culture, theatre, literature, schleiUnd Frevert ist gut aufgelegt. Ein schöner Kontrast zu seinen berührenden Stücken. Toll sei es, erzählt der Musiker, für ein Konzert auch mal nach Norden zu reisen und nicht immer nur nach Süden. Und überhaupt: Wo denn die Schleswiger so ihre Platten kaufen würden. „Haithabu-Vinyl“ rufen einige aus dem Publikum.

Mit Stücken wie „Immer noch die Musik“, „Putzlicht“  und „Als könnte man die Sterne berühren“ kommt dann noch reichlich neues Material. Und die hell tänzelnden Gitarren und der sehnsuchtsvolle Gesang verweben sich mit der Dämmerung und fliegen fort mit den dunklen Vogelschwärmen, die vorbeiziehen. Lichter gehen an. Ein Blinken am Horizont. Als ob das Glück schon immer so war.

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Biggy Pop – Take Five: Meine Hamburger Pop-Woche

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Bei „Biggy Pop – Take Five“ geht es heute um meine ganz persönliche Popwoche, aus der ich fünf Aspekte herausgepickt habe. Und das war gar nicht so einfach. Denn in dem Zeitfenster, in dem wir uns gerade befinden, ist schlichtweg irre viel los.

Die Sommerferien sind vorbei. Das musikalische Leben nimmt auch jenseits von Open Airs wieder Fahrt auf. Und bevor das Reeperbahn Festival popkulturell alles in einem großen Strudel absorbiert, bitten Veranstalter und Netzwerker noch einmal um unsere bestenfalls ungeteilte Aufmerksamkeit. Tage und vor allem Abende, an denen ich mich hervorragend fünfteilen könnte, ohne dass es in Hamburg langweilig würde.

Die hier herausgestellten Punkte von „Biggy Pop – Take Five“ sollen vor allem abbilden, wie vielfältig die hiesige Szene agiert. Und beim Lesen möchte ich definitiv dazu anregen, rauszugehen und mitzumischen. Viel Spaß!

1. Sommerfest von Clubkombinat und Popup Records

Auf dem Gelände von Sommer in Altona mit seinem hübschen Zirkuszelt lud die Bahrenfelder Plattenfirma Popup Records am Montag gemeinsam mit dem Clubkombinat Hamburg zum Sommerfest. Ein lauschiges Hallo von rund 300 passionierten Pop-Arbeitern und Musik-Nerds in unmittelbarer Nähe zur Reeperbahn.

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Für mich hatte der Abend noch eine besondere Bedeutung. Denn das Clubkombinat, das sich für die Belange der Hamburger Spielstätten einsetzt, feiert in diesem Jahr seinen 15. Geburtstag — und ich durfte eine vierteilige Dokumentation zum Jubiläum verfassen. Zudem erzählt ein Film die Geschichte des Vereins, dessen Dreh ich journalistisch begleitet habe. 

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Fotos: Clubkombinat

An diesem Abend wurde jedoch nicht nur getrunken und geredet, sondern auch öffentlich diskutiert. Unter dem Titel „15 Jahre Clubkombinat — Music was my first love“ unterhielten sich Susanne „Leo“ Leonhard (Docks/Prinzenbar), Claudia Mohr (Waagenbau), Holger Jass (Ex-Onkel Pö) und der Rapper Das Bo. Moderiert wurde der Talk von meiner grandiosen NDR-Kollegin Siri Keil, die mit mir zum Team des neuen Formats Nachtclub Überpop gehört. Ich liebe es, wenn auf einem Fleck derart geballtes Pop-Engagement zusammenkommt. 

2. MusicHHwomen MeetUp

Unglaublich viel popkulturelle Kompetenz und Leidenschaft war am Dienstag beim Netzwerktreffen der Initiative MusicHHwomen zu erleben. Bei schwül-dampfenden Höchsttemperaturen versammelten sich Popkünstlerinnen und Musiker, Journalistinnen, PR-Fachfrauen, Veranstalterinnen, Labelmitarbeiterinnen, Bookerinnen, Technikerinnen und Musikmalocherinnen unterm Dach der Bar Kleiner Donner in der Schanze. Die Community hat sich 2017 mit dem Ziel gegründet, all den coolen Ladies aus dem Business eine Plattform zu bieten. Der Verein RockCity Hamburg, treibende Kraft hinter diesem Netzwerk, bot einen ersten Einblick in die MusicHHwomen-Datenbank, die offiziell zum Reeperbahn Festival gelauncht wird. 

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Ich bin immer wieder stark beeindruckt, welch konstruktive Atmosphäre das RockCity-Team zu erzeugen versteht. An diesem Abend durfte ich als eine von vier Speakerinnen von meinem Werdegang als Musikjournalistin und Texterin erzählen. Im Anschluss wurden wir Expertinnen an Tische gesetzt, um individuell Fragen zu beantworten. Ich bin ganz baff, mit wie viel Elan und Persönlichkeit zahlreiche Frauen in die Branche drängen. Dutzende inspirierende Gespräche und Kurz-Coachings später radelte ich erfüllt nach Hause.

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Doreen Schimk von Warner Music im Gespräch, fotografiert von Julia Schwendtner (ebenso obiges Foto)

Besonders nachhaltig bin ich von den anderen Speakerinnen und ihren Geschichten begeistert: Die einflussreiche Musikmanagerin Rita Flügge-Timm erzählte klug davon, wie sie ihren Weg ins Musikgeschäft fand und welche Begegnungen von Falco über Roger Cicero bis zu Udo Lindenberg sie in ihrem Schaffen geprägt haben. Promotion-Powerhouse Doreen Schimk von Warner Music berichtete leidenschaftlich von ihrer Flucht aus der DDR 1988, vom Engagement in der Roten Flora bis hin zu ihrer heutigen Major-Position mit Dutzenden Mitarbeitern. Und Pianistin Gudrun Lehmann schilderte aufschlussreich, warum sie bevorzugt Musik für Filme und Serien komponiert — und weshalb sie sich für Pro Quote Film einsetzt. Moderiert wurde diese anregende Sause von Sängerin Sarajane.

3. Neue Konzertorte für Hamburg

Das altehrwürdige Hansa Theater ist eigentlich ein Ort für bunte Varieté-Abende mit dressierten Tieren und bauchredenden Menschen, mit Artisten und Clowns. Jetzt haben sich die Betreiber Thomas Collien und Ulrich Waller entschlossen, das Haus am Steindamm nahe des Hauptbahnhofs erstmals für Konzerte zu öffnen. Gemeinsam mit dem Musikjournalisten Stefan Krulle gründeten sie den St. George Club — benannt nach dem Viertel, in dem das plüschige Theater mit seinen knapp 500 Sitzen beheimatet ist. Den Anfang machte am Mittwoch — bei gefühlt 50 Grad Raumtemperatur — der Jazztrompeter Nils Wülker mit seiner Band. Ein eindringliches Konzert, dessen guter Sound große Lust macht auf mehr Musik im Hansa Theater. 

Ich freue mich immer, wenn sich in der Stadt weitere Spielstätten finden, wo Pop zu erleben ist. Von daher bin ich sehr gespannt auf die neue Open-Air-Fläche, die nun für die Saison 2020 angekündigt wurde. Im Juli nächsten Jahres will STP Hamburg Konzerte auf dem Gelände vor dem Volksparkstadion eine Reihe von Konzerten mit bis zu 20.000 Besuchern veranstalten. Als erste bestätigte Show treten am 11. Juli 2019 die Rapper Alligatoah, Pimpulsiv, DNP und Sudden alias Trailerpark auf. Eingeweiht wurde das Areal bereits im August 2017 mit einem ausverkauften Konzert der dänischen Band Volbeat. Weitere Ankündigungen sollen in den kommenden Wochen folgen.

4. Aktuelle Alben aus Hamburg

Onejiru, Record, Cover, Higher Than High, Singer, Hamburg, KeniaWie rührig die Hamburger Pop-Szene ist, lässt sich zum Glück nicht nur an Arbeiten im Hintergrund ablesen, sondern auch an neuen Veröffentlichungen. In der Popkolumne des Hamburger Abendblatts schreibe ich über die aktuellen Alben von Sängerin und Aktivistin Onejiru, von Slacker-Queen Ilgen-Nur, von der Soul-Supergroup namens Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen sowie von Keele, deren Album ich zudem bereits auf dem Blog besprochen habe.

5. Auflegen auf der Hedi

Für mich ist es immer ein ganz besonderes Erlebnis, auf der Barkasse Frau Hedi Musik aufzulegen. Meistens agiere ich solo als Biggy Pop — natürlich immer verstärkt durch ein tolles Skipper- und Barteam.

DJ, Biggy Pop, Frau Hedi, boat, cruise, Hamburg, Harbour, Club, PartyDiesen Samstag geht es jedoch mit meinem heiß geliebten Radiokollektiv Das Draht an Bord. Normalerweise produzieren wir journalistisch kuratierte Sendungen für das Internetradio Byte FM. Ab 19.30 Uhr geht es mit Soul, Hiphop, Indierock und Pop aber wogend  über die Elbe. Ich liebe es, die Atmosphäre unter den Anwesenden musikalisch aufzugreifen und mit meinem Set zu euphorisieren. Außerdem: Hafen und Herzblut, Schnaps und Sound — mehr Sommer geht kaum. Kommt gerne vorbei, es gibt noch Karten. 

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Die Höchste Eisenbahn: Pop und Pasta im Molotow

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Es gibt Bands, die strahlen eine große Wärme und Offenheit aus. Etwa, wenn sie singen: „Ich will das Leben / und ich will, dass es mich will“. Zu erleben ist das ganz konkret vor einigen Tagen im Molotow. Die Höchste Eisenbahn aus Berlin hat zum Konzert nach St. Pauli gebeten, um die Veröffentlichung ihres dritten Albums „Ich glaub dir alles“ zu feiern. 

Die Höchste Eisenbahn, Album, Tapete Records, Ich glaub dir alles, Pop, Release, concert, Molotow, Club, Hamburg, St. PauliNach einem vollen Tag hänge ich mit Hirn und Herz noch halb in Arbeitsdingen, als ich am Club ankomme. Der Hinterhof des Molotow dampft vom Regen. Und vom Nudelwasser. Denn Eisenbahner Francesco Wilking verteilt gemeinsam mit Schlagzeuger Max Schröder Pasta samt Soße an die Gäste. Moritz Krämer wiederum – wie Wilking Sänger, Gitarrist und Keyboarder der Band – schenkt Wein aus. Und Bassist Felix Weigt legt im DJ-Container beglückende Popsongs auf.

Die besten Partys finden in der Küche statt. Selbst wenn diese zwischen hohen Mauern auf dem Kiez improvisiert ist. Selbst wenn das Nudelwasser direkt über dem Gullideckel abgegossen wird. Womöglich gerade dann.

Humorvoll in ihren Ansagen, gastfreundlich in ihren Songs

Ein Ankommen in Musik. Gucken und Hallo. Umarmen und Gespräche. Gerade erst gesehen. Eine ganze Weile nicht gesprochen. Ging es neulich noch lange? Nächste Konzerte? Privates und Politik. Dies und das. Reichlich vertraute Gesichter. Und viele neue. Manche sind später in dem Video von Die Höchste Eisenbahn zu sehen, dass nebenbei in einer Ecke des Molotow-Hofs fotografiert wird. 

Die Höchste Eisenbahn, Album, Tapete Records, Ich glaub dir alles, PopWährend in der Küchenecke in Ermangelung weiterer Soße neue Nudelrezepte ausprobiert werden, spielt Die Höchste Eisenbahn ein etwa einstündiges Set. Humorvoll in ihren Ansagen ist die Band. Und gastfreundlich auch in ihren Songs, die eine umarmende Qualität haben.

Was mir bei der neuen Platte wieder super gefällt, ist der ganz eigene Blick auf das, was man Lebenswirklichkeit nennt: irgendwie quer draufgeschaut, mit kluger Leichtigkeit, zudem mit beiläufiger Nonchalance besungen. Die Songs sind im allerbesten Sinne catchy, verspielt, poppig. Rote Luftballons und kleine fiese Monster. Hallo Welt. Hallo Harmonie.

Die Höchste Eisenbahn fabriziert eine Art smarte Disco

Besonders eindrücklich ist mir von diesem Konzert das Stück „Kinder der Angst“ im Kopf geblieben. 80er-Keyboard-Drive, treibender Beat, akzentuiert beschwingte Gitarren, Handclap-Charme und euphorischer Wechselgesang. „Ich sing so lange, bis ihr mich alle liebt“, verkünden Wilking und Krämer. Alles geht so beherzt nach vorne, dass die dunkel dräuenden Wolken am Himmel kurz rosarot erscheinen. Die Höchste Eisenbahn fabriziert eine Art smarte Disco, in der die Angst und die Liebe gemeinsam feiern dürfen. 

Die Höchste Eisenbahn sind Moritz Krämer (Gesang, Texte, Gitarre, Klavier/Synthies), Francesco Wilking (Gesang, Texte, Gitarre, Klavier/Synthies), Felix Weigt (Bass, Klavier/Synthies, Klanglabor), Max Schröder (Schlagzeug, Percussion)
Die Höchste Eisenbahn sind (v.l.) Moritz Krämer (Gesang, Texte, Gitarre, Klavier/Synthies), Felix Weigt (Bass, Klavier/Synthies, Klanglabor), Max Schröder (Schlagzeug, Percussion) und Francesco Wilking (Gesang, Texte, Gitarre, Klavier/Synthies). Fotografiert von Joachim Gern.

Produziert hat das neue Album Moses Schneider (u.a. Annenmaykanntereit, Tocotronic, Dendemann). Erschienen ist es beim Hamburger Label Tapete Records, wo vor zehn Jahren mit „Jedes Tier“ auch das bisher letzte Studioalbum von Wilkings Band Tele erschien. Die Popband kenne ich noch aus ihrer Freiburger Zeit, wo sie sich Anfang der Nuller-Jahre gründete. 

Ich liebe es sehr, wenn bestimmte Stimmen zu Lebensbegleitern werden. Und wenn sich dieser Sound immer wieder wandelt und in neuen Kontexten erscheint. So spannt sich ein popkultureller Bogen von der Vergangenheit bis in die Zukunft, in dem sich die eigene Biografie widerspiegelt. Ein musikalischer Halt. Und ein Aufbruch mit jedem neuen Song. 

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„Kalte Wände“ von Keele — unbequem und gut

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Wer sein Album „Kalte Wände“ nennt, der schaut nicht bloß in die hübsch dekorierten Eigenheime. Der blickt auch in die Keller des Lebens. Und in die mitunter klaustrophobische Enge des eigenen Kopfes. Bereits im Titelsong ihres zweiten Longplayers, der diesen Freitag erscheint, geht die Hamburger Band Keele ans Eingemachte.

Keele, Band, Hamburg, Punkrock, Label, Rookie, Records, Album, Cover, Artwork, Kalte Wände, GuitarsMit rauem Pathos erzählt Sänger Fabian davon, wie schwer es ist, aus Negativspiralen herauszukommen. Wie für den äußeren Schein gelogen wird, während die innere Welt erodiert. Isolation statt Inspiration. 

Diese Gefühlslage spiegelt sich im Sound dieses Punkrock-Fünfers wider. Die Musik bricht sich Bahn als getriebene Sinnsuche, als akzentuierte Wut. Besonders gut gefällt mir die Dynamik der Single „Nullpunkt“: Nervöse Proklamation und melodiöser Ausbruch. Ein Pendeln zwischen guten Vorsätzen und verkaterter Realität, zwischen Utopie und Apathie. 

Bilder und Botschaften entdecken mit Keele

Beheimatet ist Keele bei dem hochgradig sympathischen Label Rookie Records, das über „Kalte Wände“ schreibt: „ein Album, das sich als kalendarischer Rückblick 2018 verstehen lässt und aus den schwierigen Erfahrungen entstanden ist, die die fünf Freunde selbst gemacht oder im nahen Umfeld miterlebt haben“.

Das Gute: Die Texte lassen sich zum Teil eins zu eins verstehen, bieten meistens jedoch interpretatorische Hintertüren. Mehrfaches Hören lohnt sich daher definitiv, um die weitere Details, Bilder und Botschaften zu entdecken. 

Verzweiflungen an der Welt

So könnte „Zwischen toten Nerven“ ein Lied über eine tatsächliche Lähmung sein. Das Stück lässt sich aber auch verstehen als Geschichte darüber, dass nichts sicher ist. Ein Song über Schicksal, Demut und Weitermachen. Keele nimmt uns — wie in „Panem“ — auch mit zu jenen, die vom Sofa aus „Worte schärfen und Pfeile spitzen“. Die ihren Hass abfeuern ins Netz und sich zugleich zuhause in Sicherheit wiegen.

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Es geht um Menschen, die funktionieren und sich dabei so lange fremdgesteuert fühlen, bis sie sich Ausflüchte suchen, etwa in die Spielsucht („Der Weg in den Ruin“).  Das sind mitunter mächtig unbequeme Songs, die einem jedoch dabei helfen, eigene Verzweiflungen an der Welt in Musik zu kanalisieren.

Keele live auf Kalte Wände Tour – präsentiert von Visions, Noisiv und Pfand gehört daneben:
22.08.19 Hamburg, Nochtwache (Releaseparty)
12.09.19 Bremen, Capri Bar
13.09.19 Oberhausen, Druckluft
14.09.19 Düsseldorf, Spilles
27.09.19 Berlin, Schokoladen
28.09.19 Erfurt, Tiko
26.10.19 Hamburg, Knust (Rookiefest 23)
16.11.19 Karlsruhe, P8

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Ein Jahr Biggy Pop Blog über Musik in Hamburg — und darüber hinaus

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Vor einem Jahr habe ich als Biggy Pop diesen Blog über Popmusik in Hamburg begonnen. Nicht auf den Tag genau. Aber mit dem selben Gefühl. Denn wieder liegt — wie Anfang August 2018 — ein Festivalwochenende hinter mir. Und in dieser Stimmung aus Glück und Erschöpfung habe ich angefangen zu schreiben, meine Stimme auszuprobieren, mich freizutexten. Mal poetisch, mal analytisch. Aber immer mit dem Bewusstsein, dass Musik nicht schlicht ein Markt ist, sondern vor allem ein Motor. Zeit also für ein Resümee.

Besonders freut es mich, wenn ich mit dem Blog zu Diskussionen anregen kann, wie etwa mit meinem Fazit zum Reeperbahn Festival. Oder wenn Leserinnen und Leser neue Musik über meine Artikel entdecken, zum Beispiel Alben von Patrick Siegfried Zimmer oder Sarajane. Manche Blog-Formate wie „Biggy Pop — Take Five“ habe ich nicht so konsequent weitergeführt, wie ich es mir vorgenommen hatte. Das liegt vor allem daran, dass ich parallel zum Blog meine Selbstständigkeit als Journalistin, Moderatorin und Texterin aufgebaut habe.

Das Netzwerk hält, trägt, unterstützt

Immer und immer wieder habe ich die viel zitierte Komfortzone verlassen.  Mitunter musste ich mich ob all der neuen Eindrücke einfach flach hinlegen und in die Luft gucken, um alles sacken zu lassen. Was ich aber vor allem erfahren durfte: Das Netzwerk hält, trägt, unterstützt — und öffnet sich. 

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Ich habe schon lange nicht mehr so viele Menschen kennengelernt und so intensiv über Zweifel, Fehler, Erfahrungen, Lernen, Lebenspläne, Mut, Motivation, Haltung, Wünsche, Weitermachen, Ideen und — ja  — Visionen geredet wie in den vergangenen zwölf Monaten. Vor allem aber habe ich gelernt, dass das Anpacken, Machen und Tun die beste Möglichkeit ist, um mit Unsicherheiten umzugehen und eine positive Dynamik in Gang zu setzen. Ein Flow, der mich in ungeahnte Gefilde getragen hat. Als ich vor einem Jahr gestartet bin, wäre ich zum Beispiel nicht im Traum darauf gekommen, dass ich im Frühjahr in Brüssel sitze und junge Bands für den Blog interviewe.

Im Blog neugierig bleiben  laut, leise und mit Zwischentönen

Musik ist bei all diesen Entwicklungen ein steter Begleiter. Zum Beispiel die Alben, zu denen ich bevorzugt schreibe, allen voran „Carrie & Lowell“ von Sufjan Stevens. Songs, die mich fein fokussieren. Bei Konzerten wiederum, wenn der Sound jede Faser durchdringt,  ist der Effekt unmittelbarer. Alles Verspannte scheint aus dem Körper gedrückt zu werden. Livemusik ist die Erlaubnis, alles fühlen zu dürfen. Mit anderen. Wie jetzt mit dem von mir hoch geschätzten Soulsänger Lee Fields und seiner Band The Expressions beim A Summer’s Tale-Festival. Er presst den Schmerz heraus und lässt Liebe regnen.

Wacken Open Air, Wacken 2019, Festival ground, Festival, Holy land, Open Air, Metal, Music, Biggy Pop, Blog, stageIch bin zutiefst überzeugt: Musik verbindet. All die Leute, die beherzt in der Popbranche arbeiten. Und all die Fans, für die es der größte Luxus ist, im Staub vor einer Bühne zu stehen oder im Club zu schwitzen. Für mich ist das nicht bloß eine Romantisierung von Zuständen. Nicht bloß Eskapismus. 

Wacken Open Air, Wacken 2019, Festival ground, Festival, Holy land, Open Air, Metal, Music, Biggy Pop, Blog, stage, Oll InklusivPopkultur kennt kein Alter. Das merke ich immer wieder, wenn ich in Hamburg für Oll Inklusiv unterwegs bin. Die gemeinnützige Initiative bringt Menschen 60 plus in die Clubs der Stadt, auf Konzerte und Festivals. Was nach außen hin schlichtweg wie eine lustige Seniorenparty aussieht, hat einen ernsteren Hintergrund: Einige dieser tollen ollen Leute können sich Veranstaltungstickets nicht leisten oder ihnen fehlt der Schwung, um alleine auszugehen. Die Musik jedoch schafft eine kollektive Energie, die anfängliche Ängste ins Gegenteil umkehrt. 

Freitag besuchten wir mit einer Gruppe innerlich höchst junger Senioritas das Wacken Open Air. Und kaum auf dem Gelände angekommen, plauderten die Ladys mit den wildest aussehenden Typen, posierten mit coolen Metallerinnen für Selfies und nickten eifrig zu den vehementen Klängen von Eluveitie, Black Stone Cherry und Jared James Nichols. Eine Leichtigkeit und Narrenfreiheit, die ich äußerst erstrebenswert finde. So möchte ich alt werden (und auch diesen Blog schreiben): neugierig und offen, laut und leise — und mit allen Zwischentönen.

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Calexico und Iron & Wine im Stadtpark — vertraute Leichtigkeit

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„A lover to slow you down“. Von einem Liebhaber, der die Geschwindigkeit aus dem eigenen Leben nimmt, erzählen Calexico und Iron & Wine bei ihrem Konzert im Hamburger Stadtpark. Und der Lover ist an diesem Abend definitiv die Musik. Mit „Years To Burn“ haben die beiden Bands zum zweiten Mal ein Kooperationsalbum veröffentlicht, dass die Seele entschleunigt. Fein schattierter Folkpop und Country, der sanft den grünen Hügel emporweht.   

Die Blätter der alten Bäume rascheln hoch oben zum mehrstimmigen Gesang. Der Sound ist nah und der Himmel weit. Die Musik lässt den Kopf zur Ruhe kommen, so dass sich das Herz öffnet für Neues. „A night to be born“ — dieser Vers aus dem Titelstück „Years To Burn“ verdichtet das Gefühl schon äußerst gut. Musik, die kurz die Zeit aufzuheben scheint. Die dankbar macht. Für die Verbundenheit im Leben, die die Musik immer wieder herstellt.

Calexico und Iron & Wine, eine nicht krampfhaft forcierte Freundschaft

Ich schaue auf die Freunde, die auf der Wiese um mich herumstehen. Manche kenne ich seit Jahrzehnten, andere noch nicht ganz so lange, einige lernen sich an diesem Abend erst kennen. Alle holen einander Getränke, reden kurz kreuz und quer, lauschen dann wieder lange versonnen ohne zu sprechen der Band. Einzelne wechseln zwischendurch die Perspektive, flanieren durch die bunt gemischte Freiluftmenge und erkunden den neu gestalteten Gastrobereich, um dann irgendwann zur Gruppe zurückzukehren. Eine vertraute Leichtigkeit. 

Calexico, Iron & Wine, Stadtpark, Hamburg, Germany, Open Air, concert, Years To Burn, Album, Folk, Pop, Country, TreesWomöglich fällt mir diese entspannte zwischenmenschliche Chemie an diesem Abend besonders auf, weil sich das Wirken auf der Bühne so organisch anfühlt. Da spielen nicht einfach zwei Bands zufällig aus Coolness-Gründen zusammen. Da ist eine über Jahre gewachsene, aber auch nicht krampfhaft forcierte Freundschaft zu hören. 2005 erschien die erste gemeinsame EP von Calexico und Iron & Wine: „In The Reins“. Seitdem verfolgten beide Gruppen ihre Wege, bis diese Jahre später wieder zusammenliefen.

Joey Burns und Sam Bean im Song-Ping-Pong

Eine zwanglose Liaison, die wohl erheblich beiträgt zur trockenhumorigen Lässigkeit, die die Musiker in ihren Ansagen transportieren. Als das Konzert um kurz vor acht beginnt, wird das Publikum erst einmal mit „good afternoon“ begrüßt. Es sei schon merkwürdig, so mitten am Tag aufzutreten, wenn es noch hell sei. Nun gut, andere nennen das einfach: Sommer. 

Calexico, Iron & Wine, Stadtpark, Open Air, concert, Years To Burn, Album, Folk, Pop, Country, TreesMalerisch hingetupfte Country-Nummern wie „Father Mountain“ wechseln sich an diesem Abend ab mit jazzigen Improvisationen, bei denen sich vor allem Sebastian Steinberg am Kontrabass famos zupfend und trommelnd auslebt. Viel gut dosierte Dynamik erzeugen auch Schlagzeuger John Convertino sowie Rob Burger, der sich vom Keyboard zum Akkordeon und zurück bewegt. Mal rückt — unterstützt von Trompeter Jacob Valenzuela — der Mariachi-Calexico-Anteil in den Vordergrund. Doch vor allem als die beiden Masterminds der Bands eine Weile alleine an der Rampe agieren, schimmert verstärkt der leisetretende Sound von Iron & Wine durch. 

Im munteren Ping-Pong haben Calexicos Joey Burns sowie Sam Bean (Iron & Wine) Songs des jeweils anderen ausgesucht, die ihnen besonders gut gefallen. Gegen Ende spielen sie mit der gesamten Band weitere gemeinsame Nummern, etwa „In Your Own Time“ mit der schönen Zeile „Someone will catch you if you want to fall“. Alles im eigenen Tempo machen. Und dann aufgefangen werden, wenn ich fallen möchte. Von der Musik. Von Freunden. Das ist schon ziemlich toll.

PS: Einen schönen Eindruck von der Kollaboration zwischen Calexico und Iron & Wine vermittelt das aktuelle Tiny Desk Concerts.

Und: Für das Magazin Visions habe ich eine Plattenkritik zu „Years To Burn“ geschrieben.

Mehr Lesestoff für Freiluftfans:

Hurricane Festival 2019 — sunday I’m in love

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Tanju alias Tan LeRacoon: Polit-Songs mit Soul

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Es existieren in der Hamburger Musikszene extrem viele Menschen, die tragen keine klangvollen Namen wie Deichkind oder Ina Müller. Doch sie durchziehen das hiesige Popleben derart fein verästelt, dass sie den gesamten Grund zusammenhalten. Ein weit verzweigtes Wurzelwerk, das nicht nur den Baum mit Energie versorgt, sondern auch mit dem gesamten Mutterboden kommuniziert. Mit dem Humus. Eine solche Persönlichkeit ist für mich Tanju Boerue alias Tan LeRacoon.

Kennengelernt haben wir uns, als Tanju von 2004 bis 2016 gemeinsam mit Anja Büchel die hinreißende Hasenschaukel an der Silbersackstraße betrieb. Ein wildes und warm leuchtendes Wunderland mit skurrilem Retro-Charme. In einer Mischung aus Euphorie, Geduld und Improvisation boten Anja und Tanju damals noch unbekannten Künstlern wie Gisbert zu Knyphausen eine Bühne. Und mit meinem Radiokollektiv Das Draht durfte ich mich erstmals beim öffentlichen Auflegen ausprobieren. Unglaublich familiäre Partys waren das in diesem freigeistigen Labor auf St. Pauli.

Tanju, Timothy Leary und The Slits

Seit Jahren arbeitet Tanju als Musikmanager und Tourbegleiter — und verantwortet die Produktion beim Reeperbahn Festival. Ein professionalisierter „Do it yourself“-Typ mit offener Freundlichkeit. Und ein Mensch, der von Musik durchdrungen ist. Der sich Popgeschichte nicht bloß angelesen, sondern sie mitgeschrieben hat: Im London der 80er-Jahre Punk-Fanzines machen. Im Umfeld des New Yorker Chelsea Hotels in Bands spielen. Mit Hippieguru Timothy Leary in L.A. leben. Die formidable Feministin Ari Up von The Slits als Komplize begleiten. Ein historisches Fabelwesen, das im Hintergrund funkelt.

Tanju Boerue, Tan LeRacoon, album, record, cover, artwork, Funeral Parade Of Roses, musician, Hamburg, The Slits, Reeperbahn Festival, TourmanagerAll diese Erfahrungen lässt Tanju als Tan LeRacoon in seine eigene Musik einfließen. Sein Alter Ego gefällt mir sehr gut, sind Racoons, also Waschbären, doch nicht nur gewitzte, sondern auch gesellige Tiere. Auf Wikipedia findet sich unter anderem folgende Beschreibung: „Aufgrund seiner Anpassungsfähigkeit ist es dem Kulturfolger Waschbär gelungen, urbane Gebiete als Lebensraum zu nutzen.“ Solch ein „verstädterter Waschbär“ ist Tan LeRacoon definitiv. In den Clubs und Kaschemmen nach Nahrung suchend. 

Neues Album „Funeral Parade Of Roses“

2016 veröffentlichte Tanju mit „Dangerously Close To Love“ ein rau knisterndes Folk-Pop-Album. Nun ist mit „Funeral Parade Of Roses“ beim Hamburger Label Légère Recordings seine neue Platte erschienen, die sich stilistisch noch weiter öffnet. Das Spektrum reicht von dunkel nachhallenden Aufnahmen in Bedroom-Atmosphäre über enorm tanzbaren Beat und Soul bis hin zu verzerrtem Post-Punk. 

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Tan LeRacoon, fotografiert von Casa De Chrisso (ebenso das Titelbild)

Tanju erzählt von persönlichen Dämonen, von Aufbruch und Heilung. Anekdotische Blitzlichter flackern auf, an unterschiedlichen Orten rund um den Globus — von Birmingham bis nach New York. Vor allem aber ist sein Album ein wütendes, ein politisches. Die Gitarre bleibt nicht im Folk-Modus, die Bläser setzen nicht bloß gefällige Akzente. Bereits im Opener „Your Own Way“ steigert sich der Sound von etwas Intimem zu einer brodelnden Dringlichkeit. In dem Signature-Song „Tanuki Is Back“ rauscht Tanju mit taumelndem Gesang hinein in satten Soul-Punk. Und mit „I.G.S.“ liefert er einen beschwingten Hand-Clap-Protestsong.

Entfesselter Kapitalismus. Menschen, die in die Flucht getrieben werden. Das Erstarken der Rechten. Sexismus und Homophobie. Krieg und Lügen. Das Verharren in Filterblasen und Komfortzonen. Tanju verhandelt diese Themen in seiner Poesie zwischen somnambulem Fiebertraum und blankem Entsetzen, sucht jedoch letztlich optimistisch nach Lösungen.

Crooner der Zwischentöne

Über seine Motivation sagt er: „Aktiv zu sein, bedeutet ja nicht, schlecht gelaunt durch die Welt zu laufen. Wir können nur Menschen erreichen, wenn wir ihnen Alternativen bieten. Ich versuche meine Anliegen im Dialog zu vermitteln – so schwer das manchmal auch fällt. Es nützt nichts, nur eine Klientel anzusprechen, von der du weißt, dass sie eh deiner Meinung ist.“ 

Um die Bandbreite zwischen ernsten Texten und oftmals gut gelaunter Musik zu realisieren, hat Tanju eine feine Allstar-Band um sich geschart: Linus Lindvall (Golden Kanine), Jens Fricke (Staring Girl, „Gundermann“-Film, Gisbert zu Knyphausen), Dino Joubert und Caroline Blomqvist (MinRu), Felix Roll (Torpus & The Art Directors), Gabor Bertholini (Golden Kanine, The Great Bertholinis), Mattias Larson (Cub & Wolf), Robert Weitkämper (Dr. Ring-Ding, Staring Girl) sowie die Bläser-Sektion von Diazpora. Produziert hat Tanju das Album in Eigenregie, gemischt wurde „Funeral Parade Of Roses“ von Gregor Hennig im Studio Nord in Bremen.

Besonders interessant finde ich die Nummer „Battle Is Over, War Isn’t Won“. Ein geheimnisvoll-verschlepptes Reggae-Stück, in dem Tanju uns in einer Spoken-Word-Performance seine Sicht auf die Lage der Welt einflüstert — und damit auch seine Fragen und Zweifel, seine Überforderung und Erschöpfung. Ein Crooner der Zwischentöne. Ein musikalischer Aktivist.

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Hurricane Festival 2019 — sunday I’m in love

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Auf Festivals gibt es häufig diesen einen Moment, der mich besonders berührt. Der mich  tiefer packt und zugleich leichter macht. Inmitten all des schönen Irrsinns auf freiem Feld mit Musik und Menschen. Beim diesjährigen Hurricane ereignet sich dieser Popglückaugenblick bei der Show von Christine and the Queens. 

Mit Freunden fahre ich nur für den Sonntag als Tagesgast zum alten staubigen Eichenring im norddeutschen Scheeßel. 1998 war ich das erste Mal beim Hurricane. Ich erinnere mich an Tocotronic und Pulp bei brütender Hitze. Die Feuerwehr duschte die Menge gegen den Hitzschlag. Und Jarvis Cocker verlor beim Tanzen auf der Bühne seine Schlappen. Seitdem hat sich das Open Air aufgepumpt. Mit fünf Bühnen, Riesenrad, Supermarkt, Sponsorenpräsenz und Gastroboom sowie 68.000 Gästen in diesem Jahr.

Sookee: bester Flow mit Message

Ein kommerzielles Grundrauschen, mit dem ich mich versöhne, sobald ich als ersten Act des Tages eine Künstlerin wie Sookee erleben kann. Gut gelaunt und im besten Flow haut diese Berliner Rapperin ihre bunten, queeren, antirassistischen Songs hinaus. Und als sie dann mit der wunderbar glitzernden Saskia Lavaux von Schrottgrenze „Hengstin“ von Jennifer Rostock im Remix singt, bin ich sofort drin im positiv aufgeladenen Festivalfeeling. 

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Viel Kritik hatte das Hurricane im Vorfeld eingesackt, nachdem bei der ersten Ankündigungsrunde für 2019 keine einzige Frau auftauchte. Das wirkte tatsächlich extrem piefig in Zeiten, in denen etwa das Primavera Festival in Barcelona ein tolles paritätisches Line-up hinbekommt. Doch der Veranstalter FKP Scorpio zog nach und hob diverse coole Ladys ins Programm. Darunter auch Grossstadtgeflüster, ebenfalls Ur-Berliner Gewächse.

Großstadtgeflüster: Out-of-bed-Boombox

Sängerin Jen Bender amüsiert uns hochgradig mit ihrer entspannten Out-of-bed-Attitüde. Eine lässig groovende Boombox in Batikshirt und Schlabberhose, die die Selbstironie mit großen Löffeln gefrühstückt hat. Ihr Electrorap fährt uns zusammen mit der Hitze dieses Sommertages in die Körper und macht alles shake shake shake. 

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Derart rhythmisiert ziehen wir mitten hinein in den Cloudrap und Ballerhiphop von Yung Hurn aus Wien. Fluffige Wolken hängen auf der Bühne. Und seine Stimme in selbigen. Watteweich verzerrter Gesang untermalt eine Show zwischen Machopose und Proletentum, Kitsch und Gaga, Trap und Schmäh. Muss ich nochmal drüber nachdenken, über das Ganze. Die Kids jedenfalls singen jede Silbe mit, während sie sich Wasser über die glühenden Köpfe kippen. Ich gehe an eine der vielen kostenlosen Trinkstellen und tue es ihnen gleich. 

Hurricane Festival: Das Ich von der Leine lassen

Festival heißt auch, sich den Gegebenheiten hinzugeben. Es bedeutet, Pommes mit sehr viel Soße zu essen. Ein Bier in der Sonne zu trinken und zu fühlen, es seien fünf. Und sich an den anderen Gästen zu erfreuen. An den absent Tanzenden und den im Schatten Dösenden. An den harten Kuttenträger, die sich mit Glitzer schminken. Und an den Mädelscliquen mit den Eddingtattoos. Sich ausprobieren. Das Ich von der Leine lassen. Freundschaft feiern. 

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Das mit dem Partymachen etwas zu streng genommen hat für meinen Geschmack Mike Skinner von The Streets. Ja, lieber Mike, wir alle lieben Dein Debütalbum „Original Pirate Material“ und sind Anfang der Nuller-Jahre hart dazu abgegangen. Aber den gesamten Auftritt beim Hurricane auf eine immer wieder angekündigte Minute zu reduzieren, bei der dann alle kollektiv ausrasten sollen, erschöpft sich als Running Gag dann doch ziemlich schnell. Der Schnellsprech war fresh wie eh und je. Da braucht es diesen sabbeligen Sprung in der Platte doch gar nicht. 

Wolfmother: wilde Locken aus der Ferne

Zur Erholung setzen wir uns bei den australischen Hardrockern von Wolfmother auf die verdorrte Wiese inmitten des Hurricane. Ein feines Durchpusten ist das. In der Ferne sehen wir die wilden Locken von Sänger und Gitarrist Andrew Stockdale auf der Leinwand schwingen. Das wenig druckvolle Konzert der Pathosrocker Interpol wiederum lassen wir von weitem vorüberziehen. Nicht alles hat immer Spannung. Und nicht jeder Sound passt in gleißendes Licht. 

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Was ich beim Hurricane jedoch völlig fasziniert aufsauge, ist — wie bereits erwähnt — die Show von Christine and the Queens. Über ein Porträt im Zeit-Magazin bin ich im vergangenen Herbst so richtig auf die Sängerin aufmerksam geworden. Der Artikel zitiert sie mit dieser hübschen Selbstauskunft: „Ich habe das Gesicht eines jungen Skateboarders, der gerade in die Stadt hineinrast und ein Bier zwischen seinen Fingerspitzen hält.” Großartig.

In ihrer Heimat Frankreich füllt Christine and the Queens Arenen. Beim Hurricane kann ich problemlos in die vorderen Reihen laufen. Interessant, wie sich ein Superstar wenige Hundert Kilometer vom Mutterland entfernt dann wieder ganz neu beweisen muss. Und das tut Héloïse Letissier alias Christine alias Chris dann auch. 

Christine and the Queens: Grenzen verwischen

Zu einem Mix aus 80s- und Electropop, Chanson und Funk liefert sie eine hoch konzentrierte wie unglaublich poetische Performance. Begleitet von einer knackig aufspielenden Band sowie sechs Tänzerinnen und Tänzern erschafft sie ein mitreißendes Musikdrama. Sie erzählt von einem Jungen, der Beyonce sein möchte. Sie inszeniert sich selbst als Mann, ist Michael Jackson und David Bowie. Sie singt von dem Gefühl, ein Freak zu sein. Hinaus zu wollen. Sich auszudrücken. 

Hurricane, Festival, Open Air, Music, Live, concerts, Christine And The Queens, The Cure, Sookee, Pop, Rap, Wave, RockIhre Songs und Choreographien verwischen Grenzen und offenbaren die menschliche Natur. Von verletzlich bis aggressiv. Christine selbst — klein, drahtig, geschmeidig, kurzhaarig, schmalbrüstig, ernst, breit grinsend, sexy, spröde — ist das Kraftzentrum inmitten dieses rhythmischen Panoramas. Der Tanz besitzt eine grandiose Dynamik: Synchrone Gruppenbilder, die immer wieder aufbrechen in individuelle Bahnen. Die Akteure vollführen kleine Szenen von Anziehung und Abstoßen, von Taumeln und Erhebung.

Besonders berührend verdichtet sich diese wunderbar vielschichtige Atmosphäre in dem Hit „Five Dollars“ mit seinem hymnischem Aufbau. Glitzernde Fontänen schießen in die Höhe. Christines Stimme schwingt sich empor, während die Sonne langsam untergeht. Die Haut kühlt sich ab, das Herz füllt sich auf. Ein Moment, in dem sich der eigene Körper mit Sound und Situation komplett verbindet. Alles ist aufgelöst. Alles ist eins. Das kann nur Livemusik. Eine Energie, die für dieses verklärte Strahlen in dreckverschmierten Gesichtern sorgt. 

The Cure: Besuch der alten Dame

Aufgeladen von dieser neuen Liebe laufe ich zur nächsten Bühne, um eine alte zu betrachten: The Cure. Robert Smith wirkt wie die freundliche schrullige Tante, die schon lange nicht mehr zu Besuch war. Die aber immer noch die besten Geschichten zu erzählen hat. Das Make-up ist dick und verschmiert aufgetragen. Ein paar Ketten baumeln exzentrisch um den Hals. Und wie sie sich freut, die Tante, die gesamte Sippe zu sehen. Und umgekehrt. Bestens bei Stimme beglückt uns Robert Smith mit seiner Band mit seinen nocturn verhangenen Smashhits: „Lullaby“, „Friday I’m In Love“, „Close To Me“, „Boys Don’t Cry“. 

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Gegen derart viel Glückseligkeit können die Foo Fighters als Headliner des Hurricane dann nicht mehr anballern. Wir winken Dave Grohl zu, während wir gen Ausgang laufen. Der Pop-Akku ist bis zum Rand gefüllt. Und wir tragen den schönen Schmutz des Festivals nachhause. 

Tolle Fotos vom Hurricane 2019 gibt es bei Sebastian Madej zu sehen.

Biggy Pop beim Watt En Schlick Fest 2018. Oder: Wie alles begann

Denn davon handeln wir

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Newcomerpreis verliehen: fünf Mal Krach+Getöse

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Die Stimme von Moses Schneider kommt vom Band. Aus dem Off können die Anwesenden im Kiez-Club Häkken lauschen, wie der Produzent all die Emotionen schildert, die er hatte, als er diesen einen Song das erste Mal hörte. Der raue Druck, der ihn von Anfang gepackt hat. Die bange Frage, ob die Musik ihn weiter mitnimmt. Die Euphorie, als die Energie anhält. Und die Enttäuschung, dass das Stück nach gerade einmal zwei Minuten abrupt endet. 

„Ich biete Euch an, die zweite Hälfte des Songs mit Euch zu produzieren“, erklärt der akustische Schneider dann noch. Eine feine Offerte von jemandem, der immerhin für so tolle Alben wie „Pure Vernunft darf niemals siegen“ von Tocotronic oder „DMD KIU LIDT“ von Ja, Panik verantwortlich zeichnet. Und genau darum geht beim Hamburger Nachwuchspreis Krach+Getöse, zu dessen Jury Moses Schneider dieses Jahr zählte: Die Hamburger Popinstitution RockCity bringt blitzgescheite und unbedingt offene Musikprofis in Kontakt und Komplizenschaft mit jenen, deren Kunst gerade erst hochkocht. 

Krach+Getöse, Professionalisierungsinterface für Musik aus Hamburg

Ein Jahr lang werden fünf Bands aus der Hansestadt bei Krach+Getöse gedreht und gewendet, gecoacht und gepusht. Sie erhalten Festival-Spots und Studio-Slots, Liebe, Know-how — und jeweils 1200 Euro Preisgeld. Auf dass sie dann bald bei möglichst vielen Hörerinnen und Hörern die von Moses Schneider beschriebenen Gefühlsschübe auslösen können. Auf dass sie in uns nachhallen und uns amüsieren, irritieren, verwandeln.

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Gekürte, Jury und RockCity-Team im Häkken, fotografiert von Tim Rosenbohm (ebenso Titelbild von Summer & the Giantess)

„Ob Haiyti, Ilgen-Nur, Tonbandgerät, FUCK ART, LET‘S DANCE! oder Sarah and Julian – Krach+Getöse ist das Professionalisierungsinterface für junge Musik aus Hamburg. Wir finden die Trüffel und alle helfen mit“, formuliert es RockCity-Chefin Andrea Rothaug. Im elften Jahr verleiht sie mit ihrem Team in einer Kombipackung aus Award-Show und Presse-Konferenz diesen praxisorientierten Preis — unterstützt von der Haspa-Musikstiftung. Krach+Getöse ist für mich im besten Sinne ein kreativer Hochofen, der immer wieder für glühende Popherzen sorgt.

Summer & the Giantess: Auftakt für eine divers klingende Gewinnerriege

„Das sind meine Gewinner“, wusste Krach+Getöse-Juror Moses Schneider jedenfalls sofort. Eine intuitive Klarheit, die sich mit warmer Wucht im Bauch ballt, wenn Musik einen unmittelbar anspricht, erwischt, lodern lässt. Der Sound, der Schneider begeisterte, stammt von dem Hamburger Trio Summer & the Giantess. Da ich selbst die meisten Menschen mit meiner Körpergröße überrage, bin ich natürlich schwer angetan von dem Bandnamen. Und tatsächlich betritt da eine hochgeschossene Lady mit dunklem Flair flankiert von zwei coolen Typen die Bühne. Das ganze Ensemble schreit: We are a fucking band. Fantastisch. Zwischen Alternative Rock und New Wave changiert ihr Sound.

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Gewinnerin Deine Cousine und Jurorin Malonda, fotografiert von Tim Rosenbohm

Summer & the Giantess bilden im Häkken an diesem Mittwochmittag den Auftakt für eine hübsch divers klingende Gewinnerriege bei Krach+Getöse. Als da wären: Deep brodelnder Rap und RnB von Edwin Hosoomel, Juvil mit einem smarten Mix aus Electropop und Hiphop, merkwürdig umwerfender Hiphop von Spnnnk und Empowerment-Rock von Deine Cousine.

Sause mit Klassentreffenatmosphäre

Mit Herz und Hirn belobigt werden die Gekürten von weiteren Jurymitgliedern — von Ole Specht (Tonbandgerät), Sängerin Malonda, Tobias Künzel (Die Prinzen) und Mark Tavassol (Wir sind Helden / Gloria). Der Musiker betont mit Nachdruck, wie viel Vor- und Filterarbeit das RockCity-Team geleistet hat, bevor die Jury sich für Krach+Getöse durch die 250 Acts hören konnte, die zur Auswahl standen. 

Ich freue mich jedenfalls schon sehr darauf, die fünf Bands von bei Krach+Getöse im Laufe des Jahres einmal live zu erleben. Und im nächsten Jahr soll die Verleihung dann sogar abends mit Glam und Drinks stattfinden. Denn so schön die mittägliche Sause mit Klassentreffenatmosphäre ist, so schade ist es doch, dass die meisten dann doch bald zurückeilen müssen an ihre Schreibtische und Wirkungsstätten. Immerhin sorgt der obligatorische Kuchen für nachhaltigen Zuckerkick. Und der restliche Schub, der kommt von all der neuen Musik. 

Noch mehr Newcomer-Liebe:

Introducing: Blu Samu, neuer Star aus Brüssels Hiphop-Boom

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