Organisch elektrisch: Poems For Jamiro und ihr Album „Human“

Ich sehe zwei Frauen Hinterkopf an Hinterkopf. Ihre Haare sind in einer Computeranimation miteinander verbunden. Die beiden wirken wie eine Einheit. Wie ein Bergmassiv. Die Blicke sind klar und ruhig. Irgendwo zwischen Melancholie und Zuversicht. Das Artwork ziert das Cover des neuen zweiten Albums von Poems For Jamiro. Das Starke, Kantige des Bildes gefällt mir sehr.

Der Mix aus fotografierten Gesichtern und verfremdetem Haar, gestaltet von 2erpack-Studios, entfaltet eine faszinierende wie irritierende Wirkung. Und in Kombination mit dem Titel der Platte – „Human“ – entsteht ein toller Kontrast. Eine Diskrepanz, die Fragen aufwirft. Wie menschlich sind wir (noch)? Und wie sehr sind wir bereits mit der Technik verwachsen?

Poems For Jamiro, Human, Album, Record, Cover, Pop in Hamburg, Artwort, 2erpack studios, women Der optische Eindruck setzt sich in der Musik fort. Die Hamburger Musikerinnen Nina Müller und Laila Nysten kombinieren analoge Instrumente wie Piano und Violine mit Synthesizer-Sound. Das Organische trifft auf das Elektrische. Auch im Gesang der beiden. Mal tönen ihre Stimmen so nah und pur, als säßen sie neben mir auf dem Sofa. Dann wiederum laden sie ihren Gesang mit Hall und Effekten auf, als flögen sie mit einem durch digitale Welten.

Im Titelsong „Human“ verschachteln Nina und Laila ihren Gesang zum Teil in schöner Komplexität, um ihn an anderer Stelle eher in chorische Höhen zu schrauben. In dieser Nummer sind Dynamik und Ideenreichtum, die Poems For Jamiro erzeugen, besonders fein zu erleben. Das Schlagzeugspiel von Helge Preuss erzeugt streckenweise eine treibende, tribalartige Kraft. Dann wiederum fährt der Sound zurück und schafft Raum für Fragiles.

„I can hear the silence fall“

Dieses geschickt wechselnde Arrangement aus Innehalten und Aufbruch passt gut zu dem Heilungsprozess, der in den Lyrics von „Human“ geschildert wird. Ich stehe sehr auf eigensinnige sprachliche Bilder, die ihre Magie erst allmählich offenbaren. Verse wie „I can hear the silence fall“ oder „I’m setting sails underneath the waves“ sprechen mehr an als nur den Kopf, sondern wirken in tiefer liegenden Schichten nach.

Der Text des Album-Openers „Never Get Home“ ist zwar direkter verfasst, lässt sich aber auf verschiedene Weise interpretieren. Zum einen als Liebeslied. Zum anderen als Ode an das blinde gegenseitige Vertrauen, dass sich die Künstlerinnen vor allem auf Reisen entgegenbringen.

„Larger Than Life“ von den Backstreet Boys

Der Presseinfo entnehme ich, dass Poems For Jamiro mit ihrer Musik bereits durch zahlreiche Länder getourt ist – von Österreich bis nach England, von Dänemark bis nach Island. Die Tatsache, dass die beiden auf Englisch singen, erschließt ein internationales Publikum gewiss zusätzlich. Aber letztlich überzeugt natürlich die Musik.

Eindrücklich zu hören ist das zum Beispiel in „Let The T-Rex Sleep“ – so etwas wie ein Bond-Song, zu dem der Agent nicht steif an der Bar, sondern auf der Tanzfläche eines Clubs ermittelt. Und „Larger Than Life“ von den Backstreet Boys in eine elegante wie cool knisternde Tanznummer zu verwandeln, ist eine sehr hübscher augenzwinkernde Hommage zum Abschluss des Albums.

Poems For Jamiro, Gewinnerinnen bei „Krach + Getöse“

Wie das überhaupt funktionieren kann, im Musikgeschäft erfolgreich und zugleich eigenständig zu agieren, hat Poems For Jamiro unter anderem bei RockCity Hamburg gelernt, dem hiesigen Zentrum für Popularmusik. 2014 gewannen Laila und Nina dessen Förderpreis „Krach + Getöse“, der Coaching und Kontakte, Konzerte und Studioaufenthalte bietet. Damals war Poems For Jamiro als akustisches Singer-Songwriter-Duo gestartet.

Ich bin immer wieder beeindruckt, wenn Künstlerinnen und Künstler ihre Ausrichtung ändern, ergänzen und erweitern, sprich: wenn sie sich weiterentwickeln. Das zeugt für mich von Mut und Lebendigkeit. Und das Ergebnis ist im Fall von „Human“ ein vielfältiges und zugleich homogen klingendes Album, das das Intime mit dem Orchestralen kunstvoll verquickt.

Für mich besitzen die Eigenkompositionen eine unglaublich große Weite. Als würde die Musik über eine offene Fläche wehen. Mit dem Himmel als Limit.

Human“ von Poems For Jamiro erscheint am 19.10.2018 bei Bosworth Creative.
Poems For Jamiro live in Hamburg: 24. Februar, Knust

Diese Woche sonst noch neu in Hamburg:

Alli Neumann: „Hohes Fieber“ (EP, Jive Music), unter anderem angekündigt von den Kollegen von The Mellow Music.

Weiterhin schön und gut und aktuell:

Neonschwarz: „Clash“ (Audiolith Records)
Patrick Siegfried Zimmer: „Memories I – X“ (PSZ Recordings)

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Vertontes Tagebuch: Patrick Siegfried Zimmers Album „Memories I-X“

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Ich freue mich immer, Patrick Siegfried Zimmer in Hamburg durch die Straßen gehen zu sehen. Das schwarze Haar gescheitelt. Der Blick tief und freundlich. Die Kleidung elegant und schlicht. Der Gang entschieden und ruhig. Ein aus der Zeit gefallener Mensch, dessen Erscheinen für mich stets kurz einen Effekt hat wie in manchen Filmen. Da verändert sich mit dem Eintreten einer Figur der Raum, das Tempo, die Wahrnehmung.

Wenn ich Patrick Siegfried Zimmer begegne, scheint die Welt kurz zu einem melancholischen Schwarz-Weiß-Film zu werden. Eine Geschichte, in der die Sinne sensibler eingestellt sind und die Herzen langsamer schlagen. Ein fein justiertes Innehalten. Auf der Moll-Seite des Lebens. Aber nicht ohne Humor.

Patrick Siegfried Zimmer, album, record, MEMORIES I-X, artwork Aufs Schönste verdichtet sich dieses Empfinden auf dem neuen Album „Memories I-X“, das Patrick Siegfried Zimmer diesen Freitag veröffentlicht. Viele kennen den stilbewussten Künstler noch unter seinem Pseudonym finn., unter dem er seit 2003 Musik machte. Doch für eine derart persönliche Platte wie die aktuelle soll offenbar ganz und gar der eigene Namen stehen.

Der Musiker, Designer und Filmemacher („Anhedonia“) öffnet uns sein musikalisches Tagebuch. Er erzählt uns zur Akustikgitarre, zu Streichern, Piano und Bläsern, zu Pfeifen und Glockenschlag von Liebe und Trauer, von Berührungen und Erinnerungen, von Ängsten und der Ewigkeit.

Schwermütige Walzer, brüchige Leichtigkeit

Im Vordergrund ist stets die Stimme von Patrick Siegfried Zimmer. Sie stellt eine warme Nähe her, wie es gute Chansonniers und Country-Sänger können. Die dunklen Kammern des Herzens werden zum Resonanzraum für diesen intensiven wie unaufdringlichen Gesang. Ob in einer geheimnisvollen und zugleich aufwühlenden Ballade wie „Sorrows“, die „Memories I-X“ eröffnet. Oder in einer zarten Lullaby-Nummer wie „Winds“, die den Reigen aus zehn Songs beschließt. Manche Lieder besitzen die Qualität eines schwermütigen Walzers, andere verströmen eine brüchige Leichtigkeit.

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Patrick Siegfried Zimmer, fotografiert von Caroline Polly Fox

Sehr gut gefällt mir, dass eine Nummer wie „Silhouette“ als sachtes Liebeslied daherkommt. Und dann bricht nach gut zwei Minuten ein kleiner beschwingter Shala-Lalala-Part ein. Unvorhergesehen wie unsere merkwürdige wunderschöne Existenz insgesamt.

Besonders spricht mich das Stück „Paris“ an. Vielleicht, weil ich dieser Tage gerade solch eine große Sehnsucht nach dieser Stadt verspüre. Vielleicht aber auch wegen des gospeligen und opulenten Charismas, das Patrick Siegfried Zimmer in diesem dunkel-tänzelnden Chanson versprüht.

Patrick Siegfried Zimmer plant Tagebuch-Projekt bis ins Alter

Für mich ist „Memories I-X“ der ideale Begleiter an einem Tag, an dem ich das erste Mal die Heizung angestellt und mir einen Kalender für das kommende Jahr gekauft habe. Die Tage kürzer, die Innenschau länger. Wir kühlen aus nach einem langen Sommer und müssen uns die Seele wärmen. Wir blicken auf das, was war, und ziehen daraus, was sein könnte. Und die Musik eröffnet uns diese Freiheit.

Mit seinem Werk hat sich Patrick Siegfried Zimmer übrigens einiges vorgenommen. Neun weitere Teile mit Tagebucheinträgen sollen folgen. Stets im Abstand von drei Jahren. Der Künstler wird also ein alter Mann werden. Und bei solch seliger Musik ein erfüllter zudem.

Patrick Siegfried Zimmer live in Hamburg:
Do 27.9., 18 Uhr, Schaufensterkonzert bei Michelle Records
Fr 28.9., 21 Uhr, Nachtasyl im Thalia Theater

Weitere Reviews:
Mint Mind 
Tilman Rossmy

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Nørden Festival: Ausflug in das Bullerbü des Pop

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Gerade als ich dachte, der Gründungsboom bei Festivals würde ein wenig ausklingen, poppte das Nørden Festival in Schleswig an der Schlei auf der Open-Air-Landkarte auf. Das schlicht und schön gestaltete Programmheft versprach ein ambitioniertes Programm aus Musik von Indierock über Soul bis Deutschpop, zudem Artistik und Freiluftaktivitäten wie Bogenschießen, Stand-Up-Paddeling und Sauna. Und das direkt an drei Wochenenden von Ende August bis Mitte September, jeweils von Donnerstag bis Sonntag. Kein ganz kleines Projekt also.

Nørden Festival, Schleswig, Open Air, Festival, Pop, Rock, Design, Hygge Ich bewundere derart kreativen wie unternehmerischen Mut. Und ich liebe es, mir neue Festival-Gelände anzuschauen. Mich interessiert, welche Ideen zutage treten und wie die Macher es schaffen, eine bestimmte Atmosphäre zu erzeugen. Also fahre ich am Freitag mit einer Freundin von Hamburg hoch nach Schleswig-Holstein, um das rden Festival zu erkunden.

Unser erster Eindruck: Wir fühlen uns sofort sehr wohl. Das liegt vor allem an den vielen dunkelrot angestrichenen Holzhütten, die wie hingewürfelt auf der grünen Wiese stehen. Die Häuschen beheimaten Bars und kulinarisches Angebot, den Merchandise-Stand sowie kleine Design- und Mode-Shops. Und auch die Licht- und Tonpulte der Hauptbühne sind in einem der Hütten untergebracht. Wimpel- und Lichterketten, die kreuz und quer über dem Gelände hängen, unterstreichen den malerischen Effekt zusätzlich.

Das Nørden Festival macht spürbar, wie nah wir an Skandinavien leben

Heutzutage wird diese Art von nordischer Heimeligkeit gerne auch bei uns mit dem dänischen Wort Hygge bezeichnet. Für mich ist das allerdings schlichtweg der Bullerbü-Effekt. Ich denke sofort an die Geschichten von Astrid Lindgren, in denen die Kinder sehr selbstbestimmt in der Natur auf Entdeckungsreise gehen. Und dass das rden Festival direkt am Stadtstrand von Schleswig an der Schlei gelegen ist, potenziert den Eindruck von verwunschener Idylle noch einmal.

Das rden Festival macht für mich sehr gut spürbar, wie nah wir in Norddeutschland an Skandinavien leben. Und dass zudem eine starke Verbindung zu den baltischen Ländern existiert. Das schlägt sich an diesem Freitag sehr schön im künstlerischen Programm nieder.

Nørden Festival, Schleswig, Open Air, Festival, Pop, Rock, Design, Hygge, Gløde, Band, musician, Schlei, waterDen Auftakt macht der Musiker Gløde, ein grundsympathischer Typ, der eigentlich mit Band auftritt, an diesem frühen Abend aber solo unterwegs ist. Seine warmherzigen Singer-Songwriter-Lieder singt er – wahlweise zu akustischer Gitarre oder Piano – auf Deutsch oder Dänisch. Ein perfekter Soundtrack, um den Blick von der Bühne über das schilfbewachsene Ufer der Schlei wandern zu lassen und den wilden Formationsflügen der Stare zuzuschauen. Ein ruhiges Gefühl von Freiheit.

„Jetzt ist die Zeit, den Sommer gehen zu lassen, und sich zu freuen, dass er nächstes Jahr wiederkommt“, sagt Gløde ganz freundlich und zuversichtlich.

Carnival Youth singen zum Teil auf Lettisch

Der Herbst zieht äußerst frisch über die Schlei heran. Zehen und Nase werden kalt. Wir trinken daher den ersten Glühwein des Jahres und lauschen, bei einer Hütte direkt am Wasser, dem herzerweiternden mehrstimmigen Gesang von The Notes. Das Trio aus Estland singt Teile seines Repertoires in seiner Landessprache. Mit gefällt das sehr, diesen unvertrauten Klängen zuzuhören. Eine schöne Reise im Kopf lässt sich so beginnen.

Nørden Festival, Schleswig, Open Air, Festival, Pop, Rock, Design, Hygge, Carnival Youth, Band Und fortgeführt wird dieser Ausflug in sprachliche Gefilde mit dem Konzert von Carnival Youth aus Riga, die ebenfalls nicht nur auf Englisch, sondern auch auf Lettisch singen. Eine tolle Kombination ist das zusammen mit dem rhythmusverliebten Indiepop des Quartetts. Harmonien, Tempiwechsel und viele feine musikalische Details ergeben einen hymnischen und mitreißenden Sound. Schon lange habe ich keine Band mehr erlebt, die derartig dauerhaft strahlt bei einem Auftritt. Das macht unglaublich Spaß. Und lädt dazu ein, sich in der mittlerweile hereingebrochenen Dunkelheit warm zu tanzen, um später dann angefüllt und glücklich durch die Nacht zurück nach Hamburg zu fahren.

Das Konzept des Nørden Festivals muss erst noch ankommen

Wieder zuhause, wo die Häuser höher und weniger hölzern sind, lese ich beim Schleswig-Holsteiner Zeitungsverlag ein Interview mit Manfred Pakusius, dem aus Hamburg stammenden Veranstalter des Nørden Festivals. Darin erfahre ich, dass es bei dieser Premiere rund 2000 Dauergäste gab, aber die Resonanz in der Region noch verhalten ausgefallen sei. Einer der Hauptgründe: Das komplexe Konzept müsse erst nach und nach bei den Leuten ankommen.

Nørden Festival, Schleswig, Open Air, Festival, Pop, Rock, Design, Hygge, letters, typographyIch muss gestehen, dass ich mich bei meinem Besuch sehr stark auf die Musik fokussiert habe und die übrigen Angebote wie etwa die Feuer-Akrobatik weniger beachtet habe. Ich mag jedoch den Gedanken, dass jeder Gast seine Vorlieben herauspicken kann. So entsteht eine entspannte Mischung aus Stadtfest und Popfestival, das nicht zu uncool ist für die Jugend und nicht zu wüst für die Älteren. Oder umgekehrt.

Das rden Festival, das mit städtischen, regionalen und europäischen Mitteln gefördert wird, hat mit der Stadt Schleswig einen Fünf-Jahres-Vertrag abgeschlossen. Ich bin gespannt, wie sich dieses anspruchsvolle Projekt entwickelt. Und ich plane fest, im kommenden Jahr wieder hinzufahren – ins Bullerbü-Open-Air-Land im Norden.

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Der Sinnstifter: Nils Wülker präsentiert Live-Album “Decade”

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Muss jedes Tun immer und ständig eine Funktion haben, einem Zweck dienen, ein Resultat erzielen? „Conquering The Useless“ heißt der Song, mit dem Trompeter Nils Wülker sein Live-Album „Decade“ eröffnet. Der Titel gefällt mir überaus gut. Das Unnütze will erobert werden in unserer durchgetakteten, optimierten Welt.

Nils Wülker liefert einen musikalischen Leitfaden für mehr Leichtigkeit

Bei Wülker klingt das erst tastend, dann immer selbstbewusster tänzelnd. Wie ein musikalischer Leitfaden für mehr Leichtigkeit. Und neben Piano und Percussion tritt sein Trompetenspiel zudem in Dialog mit einer E-Gitarre, die diesem ergebnisoffenen Treiben eine weitere dynamische Ebene hinzufügt.

Decade“, übrigens Wülkers zehntes Album, erscheint am 28. September bei Warner Music. Der Musiker ist jüngst von Hamburg nach München gezogen, um den Bergen näher zu sein, in denen er mit Vorliebe wandert. Diese Woche kehrte er jedoch in seine alte Wahlheimt zurück, um seine Platte einer kleinen Gästeschar im schicken Apartmenthaus Das Freytag im Hamburger Stadtteil Uhlenhorst vorzustellen. Nicht etwa live, sondern im Gespräch mit Moderator Hannes Erdmann als Aufzeichnung für den Radiosender 917xFM.

Die Anwesenden lauschen gemeinsam schweigend der Musik

Der schöne Effekt: Neben der Unterhaltung zwischen Künstler und Redakteur lauschen die Anwesenden einfach gemeinsam schweigend der Musik. Da keine Bühnenshow zu betrachten ist, hat dieser Prozess etwas sehr Kontemplatives, Konzentriertes. Und ich muss daran denken, wie ich mich früher viel häufiger mit Freunden zum Musikhören getroffen habe, bevor Songs im Stream ständig und überall verfügbar waren. Wie heilig es war, mit einer neuen Platte jemand anderen zu besuchen und die Aufnahmen zusammen wahrzunehmen, zu analysieren, sich gemeinsam in eine bestimmte Stimmung versetzen zu lassen.

Musik ist nicht Nutzen bringend, aber Sinn stiftend“, sagt Nils Wülker über seinen Song „Conquering The Useless“. Diese Unterscheidung finde ich grandios. Verdeutlicht sie doch, dass Kunst selbstverständlich einen hohen Wert besitzt, aber eben keinen eins zu eins messbaren. In der Werbung erzählen sie uns, dass Waschmittel xy super sauber wäscht. Aber niemand würde sagen, dass Album xy die Seele zu 100 Prozent reinigt – oder bei Metal und Blues womöglich schwärzt. Dafür ist Kulturgenuss zu individuell, zu eigensinnig. Zum Glück.

Wie steht es um das Verhältnis von Komposition und Improvisation?

Nils Wülker, der übrigens ein äußerst entspannt wie freundlich dreinschauender Mensch ist, erzählt dann noch von dem organischen Wechsel zwischen Komposition und Improvisation auf „Decade“. Das eine bedingt das andere. Und während wir einem weiteren Song lauschen, muss ich darüber nachdenken, wie es in meinem eigenen Leben um das Verhältnis von Komposition und Improvisation bestellt ist. Wie viel ist Planung? Wie viel Spontanes lasse ich zu? Wie geerdet bin ich? Und wie frei?

Nils Wülkers Songs sind für mich auch Lektionen darin, unterschiedliche Situationen und Gefühle nicht nur anzunehmen, sondern dem Lauf der Dinge mit einer eigenen Stimme zu begegnen. Jede Emotion, jedes Erlebnis hat ein eigenes Tempo, eine eigene Melodie, einen eigenen Spannungsbogen.

“Decade” ist Jazz, Pop, Funk, Hip Hop

Nils Wülker atmet mit seinem Instrument. Ruhigere Phasen klingen satt und innig – wie in der Nummer „Season“, bei dem der Gesang von Rob Summerfield diesen seelenvollen Eindruck noch verstärkt. Bei anderen Stücken beschleunigen Atmung und Puls. Das Trompetenspiel wird suchender, schneller, euphorischer. Ton um Ton anders. Gehaucht, gedehnt, gestoßen.

Insgesamt, finde ich, birgt Wülkers Musik eine sehr große Wärme. Sie bleibt auf der smoothen Seite des Lebens. Sie ist dem Menschen zugewandt.

Wer Schubladen aufziehen möchte, muss gleich mehrere nehmen: Jazz, Pop, Funk, Hip Hop. Vielleicht bleiben aber auch einfach alle geschlossen. Und wir hören schlichtweg zu.

Nils Wülker live: 25. Oktober 2018, Mojo Club

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“Sommer in Altona”: Country in der City

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Ich bin immer wieder schwer beeindruckt von Menschen, die in einer Wiese nicht bloß eine Wiese sehen, sondern einen Ort, an dem Leute zusammenkommen, Musik hören, sich begegnen. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Eine Wiese darf auch gerne eine Wiese bleiben und nicht jeder Platz in der Stadt muss stets einen Zweck, eine Funktion, einen Nutzen haben. Aber im Fall von „Sommer in Altona“ gefällt mir die temporäre Bespielung des Parks am Nobistor äußerst gut.

Einen Monat lang zeigt uns die Hamburger Platten-, PR- und Bookingfirma Popup Records mit ihrer (von der Stadt unterstützten) Konzertreihe, was im öffentlichen Raum möglich ist zwischen den Polen “kommerzielles Großevent” und “Umsonst-und-Draußen”. Ein hoch sympathisches Pop-Festival direkt vor der Haustüre nämlich, für das niemand Easy-Jet-Open-Air-Hopping quer durch Europa betreiben muss. Und das auf Kooperationen in verschiedene Richtungen setzt.

PR Newman spielt Songs von dringlicher Beiläufigkeit

An diesem Abend präsentiert das Hamburger Label Devil Duck Records vier Bands aus seinem wachsenden Portfolio. Zwei Künstler spielen bei freiem Eintritt im lauschigen Biergarten, zwei Bands treten später im – ausverkauften – Zirkuszelt auf. Ein schöner Kompromiss.

Am Eingang werde ich aufgefordert, für die Alimaus zu spenden, die nahe Tagesstätte für Obdachlose. Denn der „Sommer in Altona“ möchte kein in der Nachbarschaft gelandetes Raumschiff sein, das ohne Kontakt zur Umwelt sein Spektakel aussendet. Kommunikation ist der Schlüssel.

Wie hingewürfelt stehen Biergarnituren und Liegestühle unter alten Bäumen, flankiert von Getränkestand, Käsegrill und Dixi-Klos. Die Sonne scheint milde durch die Blätter über uns, als PR Newman Songs von dringlicher Beiläufigkeit in den Abendhimmel schickt. Ein junger schmaler Typ aus Texas mit Stimme, Gitarre, Mundharmonika und Dylan’eskem Charme. Das PR in seinem Namen steht übrigens für Punkrock. Ein hübscher Beweis dafür, dass Punk nicht zwingend etwas mit Krawall und Lautstärke zu tun haben muss, sondern womöglich vielmehr mit einer gewissen ruppigen, gewitzten bis querdenkenden Attitüde. Und mit einem Gesang, der die Zuhörer fein aufzuwühlen versteht.

Jon Kenzies Laut-Leise-Spiel sorgt für tolle Dynamik

Im Anschluss stellt Devil-Duck-Chef Jörg Tresp den Briten Jon Kenzie vor, den er beim Straßenmusizieren entdeckt hat. Zur akustischen Gitarre singt Kenzie schwelgerische Songs voller Blues, Soul, Folk. Sein Gesang besitzt einen satten warmen Klang, den er wie mit einem inneren Verstärker noch einmal hoch regeln kann, was on the road ohne Mikrofon gewiss von Vorteil ist. Beim „Sommer in Altona“ sorgt sein Laut-Leise-Spiel für eine tolle Dynamik.

Ein wenig scheinen die Lauschenden ringsherum auch den Sommer zu verabschieden. Die Wetteraussichten für die kommenden Tage ist nicht so dolle, der Herbst naht. Noch einmal ohne Jacke dasitzen. Luft auf der Haut. Alles abspeichern. Die Schwangere, die an einem Baum lehnt. Die bärtigen Bikertypen, die so freundlich gucken. Die tätowierten Beine, die aus Kniestrümpfen ragen. Die Gesichter, die die Elbstrandsonne gebräunt hat. Die Wespen, die Bierbecher entern. Die Frau mit Hut und Hund, die übers Grün flaniert. Das Paar, was einfach lächelnd dasitzt.

Drinnen im Zirkuszelt dann Energiewechsel. Mehr Feier als Abend. Mit Whiskey Shivers entern fünf Musiker die Bühne, denen die Spielfreude aus jeder Pore zu tropfen scheint. Die Texaner sind so etwas wie eine Multikulti-Redneck-Band, die einen absolut famosen Mix aus Bluegrass, Hillbilly und Countrymusik spielt. Frontmann Bobby Fitzgerald, seines Zeichens Sänger und Highspeed-Virtuose an der Fiddle, ist eine ärmellose, barfüßige Turbo-Erscheinung samt Vokuhila-Frisur, die er mit größter Selbstverständlichkeit trägt. Die Songs der Whiskey Shivers rasseln und rattern mit Hochgeschwindigkeit in die kleine Arena hinein. Dauergrinsen. Dance op de deel. Es riecht nach Schweiß und Spänen.

The Dead South besticht durch herrlich räudiges Charisma

Eine perfekte Einheizung für The Dead South, dem Hauptact des Abends, zu dem noch wesentlich mehr Leute ins Zirkuszelt strömen. Diverse Fans im Publikum tragen T-Shirts der Band oder haben sich direkt den Look der Combo angeeignet, deren männliche Mitglieder in weißen Hemden mit schwarzen Hosenträgern auftreten. Banjo-Spielerin Eliza Mary Doyle wiederum erinnert in schwarzem Kleid mit roter Blume im Haar an eine Saloon-Lady.

Die Kanadier fabrizieren einen ultra coolen, grandios dreckigen und zugleich äußerst mitreißenden Sound aus Folk, Bluesgrass und Rock ‘n’ Roll. Die Band besticht durch ihr herrlich räudiges Charisma – und die ein oder andere Tanzeinlage. Doch wie die verschiedenen Saiteninstrumente von Mandoline über Cello bis Gitarre fein ineinandergreifen, bringt die Seele noch einmal auf einem anderen Level zum Schwingen. Und die Saunatemperaturen unter der Zeltkuppel lassen den Geist zusätzlich angenehm irrlichtern. Ein musikalischer Desperado-Trip.

Wieder draußen dann: atmen, abkühlen. Und schließlich abreisen. Nach Hause. Mit dem Rad.

Im Winter werde ich an dieser Wiese vorbeifahren. Und an den Sommer denken. In Altona.

Weitere Konzerte für Countrymusiclovers gibt’s bei Yeehaw Hamburg

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Dockville Festival 2018: Dream A Little Dream With Me

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Jedes Mal, wenn ich zu einem Festival fahre, so wie am Freitag zum nunmehr zwölften Dockville in Wilhelmsburg, frage ich mich, was mir der Besuch bringen mag. Was werde ich finden? Was treibt mich an? Die Liebe zur Musik und zu den Menschen, klar. Aber was ist mein Motor für genau diesen einzigen, nicht wiederkehrenden Tag?

Die Antwort erhalte ich, nachdem ich mein Rad bei der famosen Fahrradgarderobe abgegeben habe und Richtung Festivalgelände laufe. Auf dem Rücken der Jeansjacke einer jungen Frau vor mir steht in weiß gepinselten Lettern: „Follow Your Fucking Dreams“. Okay. Danke. Eine der schönsten und zugleich schwierigsten Aufgaben, die es im Leben zu absolvieren gilt, soll also mein Motto sein.

Art, Darko Caramello, Dockville, Festival, Hamburg, Pop, Wilhelmsburg, Openair, musicFestivals sind verdichtete Message-Boards. Alle sind auf Sendung. Mit Sprüchen. Mit Outfits. Mit Expression. Und ich, ich folge nun also meinen verdammten Träumen.

Meine erste Station ist der Auftritt von Aroma, die am frühen Nachmittag die Vorschot-Bühne eröffnen. „Ganz schön undankbar, um diese Uhrzeit zu spielen“, sagt ein Typ in Lederjacke mit Blick auf die wenigen Menschen auf dem Platz. Aber er soll eines Besseren belehrt werden. Denn mit ihrem driftenden Mix aus Electro und Indierock, mit euphorischen Ansagen und einer starken Energie ziehen die Hamburger zusehends mehr Leute an.

Als würde Aroma all diese Farben vertonen

Diese Popband ist die erste, die beim Dockville 2018 alles anfacht. Das Träumen und das Tanzen. Etwa bei dem Mädchen, das einen Regenbogen auf ihr rechtes Schienbein gemalt hat. Als würde Aroma all diese Farben vertonen. Das Nichtgreifbare. Das transparent Schimmernde. Und ich, ich ziehe weiter, auf der Suche nach dem Schatz, nicht am Ende des Regenbogens, sondern mittendrin.

Elmar Karla, art, Dockville, Festival, Pop, Hamburg, MusicIch stoße auf Kunst, die das Dockville stets zu so viel mehr macht als einem reinen Pop-Event. Installationen und Interventionen, Street-Art und Malerei ziehen feine zusätzliche Ebenen durch das Festival, die die Seele animieren und das Hirn durchpusten. Beste Voraussetzungen zum Träumen also. Die bewegliche Skulptur des Künstlers Elmar Karla macht, neben ihrem haptischen Spielspaß, auch nachdenklich. In drei drehbaren Blöcken lassen sich Kopf, Rumpf und Beine von so unterschiedlichen Figuren wie Dagobert Duck, einer Amazone und einem Roboter nach Herzenslust kombinieren, so dass gepuzzelte Geschöpfe entstehen. Geremixte Identitäten sozusagen.

Ein Gorilla speit Seifenblasen

Create Your Own God“ heißt das variable Werk. Und als ich mich so auf dem ehemaligen Industriegelände umgucke, denke ich, dass viele Besucher bereits sehr gut darin sind, ihre eigenen Gottheiten zu erschaffen. Sie haben sich Festival-Totems gebastelt, die sie hochhalten und anbeten und umtanzen als Symbole von Freiheit und Fun. Ein Gorilla speit Seifenblasen. Ein Lama glitzert. Ein Regenschirm lässt Gold regnen.

Dockville, Festival, Hamburg, Pop, Wilhelmsburg, Openair, musicSie alle versammeln sich zu einer Messe nach der anderen. Zum Beispiel zum Auftritt von The Cool Quest aus den Niederlanden, die mit Beats und Groove, Rap und Irrwitz für reichlich Wallung sorgen. Besonders angetan bin ich, dass die Band den lange nicht gehörten Hit „Gypsy Woman (She’s Homeless)“ von Crystal Waters covert. Mit einem housigen „La Da Di Ladida“ im Kopf ziehe ich weiter und denke an erste Diskothekenbesuche. Träumen bedeutet mitunter eben auch, sich zu erinnern. Also quasi rückwärts zu träumen und die Bilder dann ins Heute zu holen.

Träumen darf nicht zielgerichtet sein. Zum Glück ist es der Matrix des Dockville immanent, dass sich die Gäste in dem Festival verlieren. Am besten funktioniert das im verwunschenen Wäldchen jenseits der Butterland-Bühne, von der das Pulsen und Pochen des Hamburger DJ-Kollektivs Tisko herüber weht. Ein perfekter Herzschlag-Soundtrack, um sich auf verschlungenen Pfaden zwischen hochgewachsenem Grün zu verquatschen, zu vergucken, zu verbummeln. Ein Holunderwunderland mit Bühnen und Bars, die es zu entdecken gilt. Ein Dancefloor, der von einem Smiley bewacht wird. Ein Wohnwagen, aus dem Lakritz fließt. Funkelnde Menschen lassen sich in Hängematten nieder und fletzen sich in Astgabelungen. Alice im Dockvilleland.

Das Dockville bietet Raum, sich auszuprobieren, zu erfinden, auszuleben

Ich schaue mich um und denke: The Kids Are Alright. Sie sind bunt und divers, dick und dünn, merkwürdig und schön, groß und klein, aufgekratzt und überfordert, entspannt und neugierig. Sie tragen Wolfsmütze und Lorbeerkranz, pinke Kniestrümpfe und wüst gemusterte Overalls. Klar, die meisten besitzen einen erkennbaren Willen zur Hipness, dies aber eigen und sinnig. Und das Dockville bietet allen einen Raum, um sich auszuprobieren, zu erfinden, auszuleben. Ein Traumbeschleuniger. Ein verantwortungsvoller zudem.

Auf dem Kreativmarkt sind zwischen feinen Illustrationen und „Anti-Nazi-Stickern“ auch Stände von Pro Familia sowie für einen kostenlosen Hörtest zu finden. Auf letzteren verzichte ich, da ich das Ergebnis fürchte, und lasse mich lieber kurz in den nächsten Rave hineinziehen, der vor der Nest-Bühne zum Set des Kollektivs Fischmarkt seinen Staub aufwirbelt. Ein Stampfen und Heulen. Wie ein Rudel auf der Jagd nach Nichts. Schön.

Jakobus Durstewitz, painting, harbour, Dockville, Festival, Hamburg, Pop, Wilhelmsburg, Openair, musicTräumen heißt: loslassen. Nicht immer alles verstehen müssen. So wie bei der Grazer Band Granada, die mit verschwitztem Burschi-Charme auf der Grossschot-Bühne eine von Indierock befeuerte Party entfachen. Ich schnappe einzelne Versatzstücke auf, die nicht in Musik und Mundart untergehen: „Liebend gern bei Dir“, „Körperkultur“, „Scheiß Berlin“.

Mein Hirn versucht noch, sich eigene Geschichten zwischen diesen Worten auszudenken, als ich beim weiteren Stromern auf die Hütte von Jakobus Durstewitz stoße. Der Künstler malt die großformatigen Hafenlandschaften, die die Bühnen des Dockville farbenfroh flankieren. Während des Festivals arbeitet er live an (kleineren) Bildern. Und es ist eine kontemplative Freude, dem freundlichen Herren dabei zuzusehen, wie er besonnen Pinselstrich um Pinselstrich setzt. Leuchtend und melancholisch sind seine Hamburg-Panoramen, die er für 2019 in einem Kalender versammelt hat. Monat für Monat ein Stück Dockville-Bühne, zwölf Seiten Festival-Traum.

Chefboss schießt Blitze aus Gold mit Dancehall, Tanz und Abriss

Von dieser ruhigen Kraft tauche ich ein in eine wilde Performance. Und ich freue mich sehr, dass solche Kontraste auf so dichtem Raum möglich sind. Die Hamburger Formation Chefboss schießt Blitze aus Gold mit ihrer Show aus Dancehall, Tanz und Abriss.

Chefboss, Alice Martin, Maike Mohr, Dockville, Festival, Hamburg, Pop, Wilhelmsburg, Openair, musicAlice Martin rappt so unmittelbar, als läge ihr Herz direkt auf der Straße. Und Maike Mohrs Moves sind getanztes Scratchen: geschmeidig, zuckend, jeden Beat verkörpernd. Die Menge tobt, Handtücher kreisen. „Ich liebe diese Energie. Die gibt’s nur in Hamburg City“, ruft Alice Martin. Und dann feuert Chefboss ihren aktuellen Hit ab: „Hol dein Freak raus“!

Schon wieder so eine Message, ein Motto, ein Auftrag. Aber das soll an einem anderen Tag geschehen. Das Träumen ist gerade so schön. „Let Me Dream While My Heart Is Large“.

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Denn davon handeln wir

Da stehe ich nun nach drei Tagen Festival. Die Füße graben Kuhlen in den Strandsand. Der Kopf hängt halb im Sternenhimmel. Müde, drüber, leicht angealstert, Freunde anbei. Alles ist sanft, alles ist gut.

Das Watt En Schlick Fest an der Nordsee ist fast vorüber. Wir warten auf Tocotronic, der finale Auftritt des Wochenendes. Und dann kommt die Band auf die Bühne, die ich seit Mitte der 90er-Jahre Dutzende Male erlebt habe. Geht da noch was zwischen uns heute Abend? Schaffen wir das mit dem Draht, der Energie, einer Art von Bedeutung?

Und dann passiert sie erneut, die Verwandlung. Bei „Electric Guitar“ kurz abgetaucht ins eigene Jugendzimmer, in die Unsicherheiten und Verheißungen. Sehnsucht nach dem guten wilden Leben. Bei „Hi Freaks“ die eigene Merkwürdigkeit herausschreien. Mit „Hey Du“ das vermeintlich Fremde umarmen. Zu „Unwiederbringlich“ die Tränen laufen lassen. An Menschen denken, die nicht mehr da sind und doch ganz anwesend. Die mit einem im Sound stehen und rufen: „Die Füchse im Bau, sie kapitulieren“.

Über die Menge surft ein Mensch. Ein wilder Wirbel. Sänger Dirk von Lowtzow nimmt eines der Plüschtiere, die auf einer Box sitzen, und lässt es sprechen: Die Miesmuschel bedankt sich für 25 Jahre Tocotronic. Gleichfalls. Dafür, immer wieder bewegt zu werden. Dass das nach wie vor funktioniert.

Und genau deshalb möchte ich nun meinen Blog über Pop in Hamburg beginnen. Wegen der verwandelnden Kraft von Musik. Dass der erste Beitrag ausgerechnet außerhalb der Hansestadt spielt und Tocotronic längst keine exklusive Hamburger Band ist, zeigt jedoch bereits, dass ich das Thema nicht mit dem Gartenzaun abstecken möchte. Im Gegenteil: Grenzen sollen offen sein.

Allerdings wohne ich seit mehr als 20 Jahren in Hamburg und bin wegen der Musik hierher gezogen. Und ich liebe es, mich in der Stadt zu bewegen. In ihren Clubs und Kaschemmen. Auf den Dancefloors und neben der Spur. Und zwischen all den grandiosen verrückten Menschen, die zum Teil ihr komplettes Leben (und Sparbuch) der Liebe zu den Tönen widmen.

Ich möchte nicht nur über die Großen und Etablierten schreiben, sondern auch über jene, die (noch) unbekannt sind, die eben erst zart wachsen, die lautstark wenige überglücklich machen. Und die Schicht um Schicht hinzufügen an Dreck und Rock ‘n’ Roll, an Glitzer und Schönheit, an Verzweiflung und Euphorie, an sattem Klang und queren Gedanken. Damit die Stadt dunkel leuchten kann.

Denn davon handeln wir.

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