Catharina Boutari und ihre Session Tapes – ein Abenteuer aufnehmen

Ich habe die große Freude, die Musikerin Catharina Boutari in der kommenden Zeit als Texterin zu begleiten. Ich habe Catharina bereits früh in meiner Hamburger Zeit kennengelernt und erlebe sie seitdem als offene und wagemutige Künstlerin. Ob sie nun mit Pussy Empire Recordings ihr eigenes Label führt oder unter dem Namen Puder ganz eigene wie eigensinnige Popmusik macht.

Es passt sehr gut zu ihrer Persönlichkeit, dass Catharina Boutari Anfang 2017 mit den Session Tapes eine Reihe gestartet hat, die den Prozess, das Experiment und somit letztlich das Leben feiert.

Zwei, drei Stunden, in denen der musikalische Fluss festgehalten wird

Auch für die dritte Runde der Session Tapes, die jetzt anstand, gilt ein vorgegebener Zeitrahmen. Vier Tage Songs schreiben im Studio. Vier Tage, um Ideen und Arrangements zuhause sacken zu lassen. Und um weiter an den Lyrics der Lieder zu feilen. Dann drei Tage Proben mit einer wachsenden Anzahl an Musikern. Und schließlich ein Nachmittag für die Aufnahme im Rekorder Studio von Produzent Jan Rubach auf St. Pauli.

Der Termin, auf den alles zuläuft. Zwei, drei Stunden, in denen der musikalische Fluss der vergangenen Tage festgehalten wird. Der Ausschnitt aus einem Abenteuer. Zudem ein Stück fixierte Intimität. Mir kommt dieser Tomte-Song in den Sinn: „Die Schönheit der Chance“.

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Catharina Boutari (Gesang, Gitarre) inmitten ihrer Session im Rekorder Studio auf St. Pauli.

Ich finde es hochgradig inspirierend, wenn da ein Mensch seine Kunst und sein Können so konzentriert herausfordert. Und das zudem noch öffentlich. Denn Catharina Boutari wirkt nicht allein für sich. Sie finanziert ihre Session Tapes zum Teil mittels Crowdfunding. Und als eines der Goodies dürfen einige Geldgeber bei der Aufnahmesession live dabei sein. Eine Einladung in die Herzkammer der Musik. Da, wo es pulst und pocht.

Seit zwölf Tagen existiert Catharina Boutari in diesem Schaffensfilm

Und so versammeln sich am Samstag rund 20 Leute – Gäste und Musiker – im Wohnzimmer des Rekorder Studios bei Schnittchen und Chips, Kaffee und Kaltgetränken. Catharina Boutari empfängt, redet, strahlt. Sie erzählt mir, dass sie am Morgen die Augen aufgeschlagen hat und sofort knallwach war. Das kann ich mir sehr gut vorstellen. Seit zwölf Tagen existiert sie in diesem Schaffensfilm, in dieser kreativen Energie.

Fünf Songs haben sie geschrieben, erzählt Catharina Boutari ihrem kleinen erlesenen Publikum. Die Lieder wollen und sollen raus. Das ist deutlich zu spüren. Und andererseits sind sie eben erst entstanden. Noch roh, fragil, kaum da. Den letzten Text hat Catharina Boutari am Vorabend fertiggestellt, sagt sie. Eine Trapezartistin.

Die Gäste stehen und sitzen neben und zwischen den Künstlern

Es kann losgehen“, ruft Catharina. Und alle Anwesenden verteilen sich in dem kleinen Aufnahmeraum des Studios. Die Gäste stehen und sitzen neben und zwischen den Künstlern. Über Funkkopfhörer können wir den Mix hören, den alle Stimmen und Instrumente ergeben.

Durch diese unmittelbare Nähe entsteht ein organisches Miteinander. Und ich empfinde es als großen Vertrauensbeweis, dass wir mit all unseren Körpern, mit unserem Atem und womöglich eben auch mit unseren eigenen Geräuschen dabei sein dürfen. Catharina wiederum sagt, dass sie das anwesende Publikum als beruhigend wahrnimmt. Ich mag den Gedanken sehr, dass wir eine Art wechselseitiges Kraftfeld bilden.

Songs, die sich nicht in Wohlbefinden suhlen

Die fünf Songs erzählen „Geschichten vom Ende der Welt“, sagt Catharina. Veröffentlicht werden sie Ende Januar 2019. Ich will nicht zu viel verraten über die einzelnen Stücke. Aber ich bin begeistert, wie Catharina Boutari in ihren Liedern ein zartes Brodeln entfacht. Ein dynamisches Spiel aus Dynamik und Rückzug, aus Songwriter-Sound, Blues, Rock, Chanson, Jazz. Ihre Stimme haucht, flüstert, betört, ruft, proklamiert. Ihr Gesang ist der Leitfaden durch diese wunderschönen Songs, die sich nicht in Wohlbefinden suhlen, sondern ihre Energie aus unserer spannungsgeladenen Welt ziehen. Das Unbehagen macht uns ebenso lebendig wie die Hoffnung.

Catharina Boutari, Puder, musician, Singer, guitarist, Hamburg, Rekorder Studio, Session Tapes, Gregor Hennig, Tom Gatza, Max Schneider, recording, live, crowd Alle Musiker arbeiten hoch fokussiert und zugleich mit improvisatorischem Spaß daran, diese besondere poetische Atmosphäre zu erzeugen. Zum Kernteam gehören Tom Gatza und Gregor Hennig, mit denen Catharina Boutari in den vergangenen Tagen gemeinsam an den Songs gearbeitet hat. Tom ist Komponist und spielt passioniert sowie empathisch Piano, Keyboard und Gitarre.

Gregor ist Produzent und bereichert die Session Tapes mit wunderbar geheimnisvoll tönenden Effektgeräten. Zum Beispiel mit der Harpiye, einem extra von dem Bremer Instrumentenbauer Frank Piesek gefertigten Klangerzeuger. Drei in einen Rahmen gespannte Harfenseiten sowie zwischengeschaltete Mechanik und Elektronik sorgen für rhythmisches Knistern und hypnotische Sounds. Eine Zaubermaschine, die jeden Song mit Magie auflädt.

Einen Tag zum Proben, um eine gemeinsame Chemie zu entwickeln

Komplettiert wird die Band von Schlagzeuger Max Schneider, der auch schon mal zum Handfeger greift, um auf Trommeln und Becken einen lässigen Beat zu kreieren. Hanna Jäger setzt mit ihrem Backgroundgesang zudem feine Akzente. Hinzu kommen Doro Offermann und Tim Rodig an Saxofon und Klarinette, die warme sowie frei fliegende Elemente einfügen. Lediglich einen Tag zum Proben hatte die gesamte Formation, um eine gemeinsame Chemie zu entwickeln.

Catharina Boutari, Puder, musician, Singer, guitarist, Hamburg, Rekorder Studio, Session Tapes, Gregor Hennig, Tom Gatza, Max Schneider, recording, live, crowd Zwischen jedem Song pausiert die Band kurz, um sich zu besprechen. „Meine Habibis, müssen wir das noch mal machen oder war das okay?“, fragt Catharina Boutari. Harmonierten alle Melodieläufe der einzelnen Instrumente? Hat sich jemand verspielt? Sind alle Tonspuren bei Produzent Jan Rubach im Regieraum gut angekommen? Bei zwei Songs dürfen wir als Publikum mitsingen und euphorische Ausrufe einbringen. Ich merke: Ich bin mittendrin in dem Prozess, in der positiven Aufregung – und in der Musik. Was für ein Geschenk.

Ich freue mich, noch tiefer in die Lyrik abtauchen zu können

Nach dem ersten Set dürfen sich alle im Wohnzimmer auslockern, ein Bier trinken, schnacken, frische Luft schnappen. Dann geht es zurück ins Studio, um alle fünf Songs noch einmal zu spielen, zu hören, aufzunehmen.

Ich freue mich, noch tiefer in die Lyrik abtauchen zu dürfen, mich noch intensiver auf die einzelnen Nummern einlassen zu können. Und ich bin sehr beeindruckt, wie Catharina Boutari und ihre Band, ihre Schicksalsgemeinschaft auf Zeit, stets aufs Neue diese eindringliche Stimmung abrufen können. Diesen flirrenden Tiefgang.

Bei jeder Wiederholung erschließt sich die Matrix der Musik ein Stück weiter. Ich nehme andere Details wahr. Die Lieder, die vor kurzem noch fremd waren, werden zu Begleitern. Sie hallen nach auf dem Weg nachhause. Der Prozess, er hört nicht auf.

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