Reeperbahn Festival 2020, Tag 1 – check check check

Nun hat es also begonnen, das erste Reeperbahn Festival unter Pandemie-Bedingungen. Und bei dieser Art von popkulturellem Labor-Event ist mir am ersten Tag noch einmal enorm bewusst geworden, wie nachhaltig Corona unser Verhalten prägt. Unser Leben ist kontrollierter geworden. Das wird vor allem beim Zugang zu den Open-Air-Bühnen und Clubs auf St. Pauli deutlich. Bei jedem Einlass gilt es, mit Hilfe eines QR-Codes einzuchecken. Also die eigenen Kontaktdaten auf einer Webseite zu hinterlegen, um potenzielle Infektionsketten nachvollziehbar zu machen. Beim Verlassen der Spielstätte muss sich jede und jeder aber auch wieder aus dem Areal ausloggen. Sonst klappt es nicht mit dem nächsten Einlass. Check-in. Check-out. Check one two. Check check check. 

Dieses Prozedere führt mitunter zu leicht kafkaesken Momenten. Etwa, wenn ich das Festival Village auf dem Heiligengeistfeld verlasse (Check-out), um nach fünf Meter das Gelände für die große Festivalbühne zu betreten (Check-in). Kurz wünschte ich, ich hätte mir für das Reeperbahn Festival eine dieser praktischen Anglerwesten mit vielen Taschen besorgt. Denn gefühlt jongliere ich permanent mit Gegenständen. Handy, Maske, Sonnenbrille, Desinfektionsmittel, zudem der Mantel für den kühleren Abend. Ein stetes Hervorkramen und Verstauen. Aber ach. Natürlich ein hundertfünfzigprozentiges Luxusproblem. Denn wie beglückend ist es doch, so etwas wie ein Festival in diesem Jahr überhaupt erleben zu können. 

Vom Homeoffice-Level auf Festival-Modus umschalten

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Die Fritz Bühne im Festival Village mit Corona-Kästchen, fotografiert von Tom Heinke

Die Band Koko eröffnet das Live-Programm des Reeperbahn Festivals am frühen Mittwochnachmittag auf der kleinen Fritz-Bühne im Festival Village. Mit ihrem Mix aus Electro, Hip-Hop und Indie-Rock bieten sie den perfekten Soundtrack, um von Homeoffice-Level langsam auf Festival-Modus umzuschalten. Festival-Modus 2020, versteht sich. Denn, wie heißt es so schön in einem Hit von Stereo Total: „Wir tanzen im Viereck“. In 1,50 Meter Abstand sind Quadrate auf den Asphaltboden aufgesprüht, in denen je zwei Menschen stehen oder sitzen dürfen. Für Square-Dance-Mini-Raves. 

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Akua Naru, fotografiert von Robin Schmiedebach

Doch da ist diese große Dankbarkeit zu spüren, wieder gemeinsam mit anderen Popkultur feiern zu können. Zum Beispiel bei Sängerin und Spoken-Word-Artistin Akua Naru. Sie habe diverse Corona-Tests machen lassen, um endlich in dieses Mikrofon singen zu dürfen, ruft sie von der großen Open-Air-Bühne auf dem Heiligengeistfeld hinab.

Die ankommenden Musikfans werden dort vom Security-Personal an ihre Plätze geführt. Zwei Stühle, Abstand, zwei Stühle, Abstand. Und so weiter. Ein sehr luftiges Sitzen. Bei Akua Narus Fusionsound aus Soul, Jazz und RnB führt das eher zu einer Lounge-Atmosphäre in der Abendsonne als zu euphorischem Groove in der Menge. 

Umsicht und Freundlichkeit vor den Clubs und Bühnen

Insgesamt fühlt sich dieser erste Festivaltag wie ein gemeinsames Herantasten und Lernen an. Die meisten Gäste scheinen extrem darauf bedacht, gut mitzumachen, damit diese durchaus historische Festivalausgabe gelingt. Selbst bei langen Schlangen vor den Clubs am Abend – etwa vor dem Gruenspan bei International Music oder vorm Molotow für die Band Paar – ist die Stimmung meines Erachtens sehr entspannt bis umsichtig.

Und all den Menschen, die auf den Open-Air-Arealen sowie vor und in den Clubs arbeiten, sei ohnehin ein riesiges Lob ausgesprochen für ihre Geduld und Freundlichkeit. Denn sie sind diejenigen, die nun zu koordinieren haben, dass die Locations Corona-bedingt nur zu etwa einem Fünftel gefüllt sein dürfen. Ohne sie ist Popkultur nichts.

Carsten Brosda: „Es geht darum, Verantwortung zu übernehmen“

Alles in allem fehlt mir der internationale Buzz, der sonst Hamburg in diesen vier Ausnahmetagen im September erfasst. Das Reeperbahn Festival fühlt sich deutlich lokaler an. Und weniger beschwingt, frei, spielerisch. Was für ein Unterschied ist das zum Beispiel zum vergangenen Jahr, wo das Festival für mich mit Guerilla-Networking vor einem Kiosk auf der Reeperbahn begann. Aber als erster Eindruck überwiegt für 2020 die Erkenntnis: Es ist anders, aber es funktioniert. Und auch die Jonglage des Check-in, Check-out habe ich bis zum Ende des ersten Tages halbwegs erlernt. Denn letztlich geht es in diesen merkwürdigen Corona-Tagen nicht nur um das individuelle Musikerleben. 

„Es geht darum, Verantwortung zu übernehmen für unsere Kreativindustrie, für unser Kultur, für die Bildende Kunst, für die kulturelle Infrastruktur, die Clubs, die Plattenfirmen, die Konzertveranstalter, die Backliner, die Verleger und natürlich die Musiker“, erklärt Kultursenator Carsten Brosda bei der Eröffnungsveranstaltung am Mittwochabend, die ich mir am nächsten Morgen im Stream anschaue. Normalerweise tragen all diese Menschen dazu bei, unser Leben zu bereichern. Nun sei es aber unser Job als Gesellschaft, der Musikbranche zu helfen, diese schlimmen Zeiten zu durchzustehen, erläutert Carsten Brosda. 

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Kultursenator Carsten Brosda bei “Doors Open”, fotografiert von Fynn Freund

„Das Reeperbahn Festival ist dieses Jahr ein Zeichen des Überlebens und ein Leuchtfeuer der Hoffnung, dass Livekultur zurückkehren wird. Trotz der Auflagen, die das Virus uns auferlegt“, erklärt der Kultursenator in seiner Ansprache weiter. Es gehe auch darum, so Carsten Brosda, die eigene Verletzlichkeit anzuerkennen. Mit Ängsten umzugehen. Weiterzumachen. Und vor allem: offen zu bleiben für Mitmenschlichkeit. Erst recht in Zeiten, in denen Europa in seiner Flüchtlingspolitik so heftig versage. Musik, besonders live, öffnet diese Emotionen und Haltungen seit jeher. Derzeit ist sie daher wichtiger denn je.

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