Reeperbahn Festival — Fazit 2019: Lasst uns reden

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Vier Tage Reeperbahn Festival sind vorüber. Und all die erlebten Konzerte, aber vor allem all die Begegnungen rotieren in mir. Bei der 14. Ausgabe der stetig wachsenden Hamburger Clubsause ging es für mich diesmal vor allem um eines: Kommunikation. Wenn, wie in diesem Jahr, mehr als 50.000 Popfans und darunter 5900 Konferenzteilnehmer zu Konzerten, Kunstprogramm und Diskussionsrunden zusammenkommen, stellt sich ganz automatisch die Frage: Wie tauschen sich all diese Menschen aus?

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Reeperbahn Festival Village, fotografiert von Dario Dumancic (Titelbild von Stephan Wallocha)

Der Einstieg in diese gesprächsintensive Welt namens Reeperbahn Festival war für mich ein Termin, der gar nicht auf dem offiziellen Programm stand: das Nett-Working des Labels Euphorie, der Booking-Agentur Koralle Blau, des Clubs Uebel & Gefährlich sowie weiterer blitzgescheiter Musikakteure aus Hamburg. Was kann einer Großveranstaltung eigentlich Besseres passieren, als dass sich die wirklich coolen Kids an die Sache ranhängen? Solche Off-Aktionen adeln meiner Ansicht nach jedes Mainstream-Event. 

Reeperbahn Festival: vieles in Bewegung gekommen

Das Nett-Working-Team hatte im Guerilla-Style vor den Kiosk an der Reeperbahn Nr. 5 geladen. Als ich dort am frühen Nachmittag ankam, war der Bürgersteig bereits voller munter plaudernder Leute. Ich brauche immer einen Moment, um mich an solch große Ansammlungen zu gewöhnen. Aber die Gastgeber haben alle Eintreffenden so herzlich willkommen geheißen, dass der Übergang wirklich leicht fiel. Das ist für mich eine enorme Qualität: Kontakt aufbauen. Einander wirklich wahrnehmen. Menschen in Verbindung bringen. Und dann war da noch: Sonne. Ein erstes Alster. Und ein zweites. Offene Gesichter. Und sehr lustige Unterhaltungen.

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Neu im Festival Village: die tolle Skate-Disco im Autoscooter vom Rollerskate Jam, fotografiert von Lisa Meinen

Für mich ist bei diesem Reeperbahn Festival vieles in Bewegung gekommen. Sowohl persönlich als auch inhaltlich. Den größten Einfluss hatte meiner Ansicht nach die internationale Initiative Keychange, die sich für Geschlechtergerechtigkeit einsetzt: Bis 2022 sollen ebenso viele weibliche, trans- und non-binäre Künstlerinnen und Künstler auf den Bühnen musizieren, singen, reden, ausrasten und sich zeigen wie Männer.

Keychange und die Folgen

Aus verschiedenen Gründen stand ich einer Quotenregelung lange Zeit mit gemischten Gefühlen gegenüber. Geht es nicht um die Musik an sich, unabhängig von wem sie kommt? Und liefert eine 50/50-Regelung nicht all den Gestrigen noch mehr Argumente, dass eine Frau dann eben nur aufgrund der Statistik und nicht wegen ihrer Qualifikation dort steht, spielt, spricht? 

Wie sich das Reeperbahn Festival in den vergangenen Jahren entwickelt hat, ist jedoch ein äußerst gutes Beispiel dafür, dass eine Quote zu Hundert Prozent sinnvoll ist als Übergangslösung hin zu einer ganz selbstverständlichen Gleichberechtigung. Was für ein Segen, wenn sich Pop derart ausdrücklich mit gesellschaftlich wichtigen Prozessen verbindet. Mich persönlich hat es extrem inspiriert, bei der Eröffnungsveranstaltung engagierte und empathische Ladies wie Charlotte Roche, Peaches und Kate Nash zu erleben. Der Tonfall ändert sich. Die Themen ebenso. Auch in all den Gesprächen, die ich im Laufe des Reeperbahn Festivals geführt habe. 

Der Festival Award Helga: vehementes Querdenkertum

Noch nie habe ich mich in so kurzer Zeit mit so vielen verschiedenen Menschen geballt  und kontrovers über Gleichberechtigung ausgetauscht: Wie überfällig dieser Ausgleich ist. Wie sich Männer in dieser Bewegung positionieren. Und dass „Frauenmusik“ bitte ein für allemal wirklich kein eigenes Genre ist. The times they are a-changin’. Und wie das nun mal so ist bei aufbrechenden Strukturen: Die Kommunikation gestaltet sich in diesem Prozess mitunter ebenfalls durchaus eruptiv. Zu erleben war das unter anderem bei der Verleihung des Festival-Awards Helga am Donnerstag im Imperial Theater. 

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Carsten Schumacher und Bernd Begemann moderierten im Imperial Theater den Helga Award

Ich war in diesem Jahr Teil der Jury für die Kategorie „Inspirierendste Festivalidee“. Gewonnen hat das alínæ lumr, das in der ostdeutschen Provinz mit einem bunt-diversen Programm gegen kulturelle Ödnis und braune Versumpfung ansteuert. Das vehemente Querdenkertum des alínæ lumr-Teams zeigte sich auf der Bühne überdeutlich: Jene, die den Preis entgegennahmen, merkten mit Nachdruck an, dass doch zwei Frauen im nächsten Jahr den Award moderieren könnten. Die beiden Gastgeber Carsten Schumacher und Bernd Begemann, die den Helga auch in diesem Jahr mit gewohnt anarchischer Euphorie angeschoben haben, reagierten erst einmal sichtlich und hörbar verdutzt. Keine angenehme Situation.  

Mir erschien das ganze Szenario wie eine Familienfeier, bei der einiges Ungesagte auf den Tisch kommt: Das anfangs gut gelaunte Fest kippt in den Konflikt, geht aber dennoch weiter. Ob Provokation das Mittel der Wahl sein muss, sei dahingestellt. Und vor allem der teils harsche Tonfall hat mich noch nachdenklicher gestimmt, wie Menschen miteinander umgehen. Und inwiefern die Aggressivität so mancher Diskussion in den sozialen Medien auch vor der eigenen Filterblase sowie dem realen Leben nicht halt macht. Aber langfristig betrachtet kann durch das Tohuwabohu bei den Helga Awards ja durchaus eine konstruktive Kraft entstehen. Ich bin gespannt darauf. 

Bausa statt Foals: Die Schonfrist ist vorbei

Kommunikation kann immer wieder auch schief laufen. Gerade, wenn so viele unterschiedliche Akteure beteiligt sind. So rief es enorme Verwunderung hervor, dass auf der Warner-Nacht am Freitag nach dem krankheitsbedingten Ausfall der Band Foals als Ersatz der Rapper Bausa auftrat. Dessen teils heftig sexistische sowie homophobe Texte laufen der Botschaft der Keychange-Initiative diametral entgegen. Die Kollegen von Kaput — Magazin für Insolvenz und Pop haben auf Facebook eine Aussage des Reeperbahn Festivals veröffentlicht. Das Festival-Team erklärt: Sie halten es für einen Fehler, dass Bausa in der Warner Music Night auftritt. 

Das Statement besagt weiter: „Bausa wurde von Warner Music nach der kurzfristigen Absage der Indie-Band Foals ohne Rücksprache mit uns oder dem Team des Docks als Spielstätte nachträglich in das Line-Up der Warner Music Night genommen. In der vergangenen 14-jährigen engen Zusammenarbeit mit Warner Music wurden wir bislang in die Auswahl aller Künstler*innen einbezogen. Eine Vorgehensweise wie diese hätten wir uns trotz der Kurzfristigkeit auch für diesen Künstler gewünscht.“ Dass sich das Reeperbahn Festival derart ausdrücklich gegenüber einem Majorlabel und wichtigen Partner positioniert, finde ich überraschend — und stark. Die Schonfrist ist definitiv vorbei.

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Clubkultur als Basis: „Molotow must stay“

All diese Prozesse können auf dem Reeperbahn Festival jedoch nur in Gang kommen mit all den grandios arbeitenden Clubs als Grundlage. Das Molotow wählte seine ganz eigene Art der Kommunikation: über Buttons und Aufkleber, die das Team eifrig verteilte. Leider ist der Slogan „Molotow must stay“, der während der Diskussion um die Esso-Häuser entstand, auch am Standort Nobistor wieder aktuell. Steigende Mieten bedeuten eine extrem unsichere Zukunft für das weit über Hamburg hinaus bekannte Zuhause von Indie und Rock. 

Was tun? Das Molotow selbst empfiehlt zunächst: „Geht mehr auf Konzerte. Kauft Merch und versucht so, eine vielfältige Clubkultur am Leben zu erhalten. Das gilt im Übrigen nicht nur für das Molotow, sondern für alle Subkultur-Clubs, die aktive Newcomer-Förderung und spannende Programme abseits des Mainstreams auf die Beine stellen.“ Denn im Endeffekt sind mit dem (nach wie vor) vielfältigen Programm in Hamburg jeden Tag Entdeckungen wie auf dem Reeperbahn Festival zu machen.

Welche Band fandest Du am besten — und warum?

Das ist natürlich integraler Bestandteil des Reeperbahn Festivals: All die Gespräche mit Freunden über Musik. Welche Band fandest Du am besten — und warum? Mich haben unter anderem die Niederländer Feng Suave mit ihrem traumwandlerischen Softrock fasziniert: Die Band spielte ihre Instrumente einfach mit einer unglaublich feinsinnigen Chemie. Wie beglückend sich Stimmen ineinander verweben und aneinander reiben können, durfte ich bei Ider im Häkken erleben. Und der Australier Dobby hat mit seinem frischen Old-School-Rap einfach extrem toll mit dem Publikum kommuniziert. Flow auf und vor der Bühne.

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Dobby in der Molotow Skybar

Das Reeperbahn Festival ist ein Driften durch musikalische und emotionale Zustände. Dahinschmelzen bei Celeste im Imperial Theater. Weinen bei Anna Ternheim in der Elbphilharmonie. Staunen bei The Hormones im Nochtspeicher. Und Ausrasten zu Rebecca Lou im Indra. 

Anna Ternheim, Kaiser Quartett, Elbphilharmonie
Anna Ternheim und das Kaiser Quartett in der Elbphilharmonie, fotografiert von Florian Trykowski

Panels moderieren: „30 Years Of Wacken“

Am Donnerstag habe ich dann zum ersten Mal den Seitenwechsel vollzogen und saß selbst auf der Bühne, um zwei Panels zu moderieren. Und, was soll ich sagen: Es hat unfassbar viel Spaß gemacht. Mit den Festivalgründern Thomas Jensen und Holger Hübner sprach ich im gut gefüllten Schmidtchen über „30 Years Of Wacken“. Mich beeindruckt immer wieder, wenn Menschen mit einer gewissen Punk-Attitüde mit Projekten anfangen und diese dann leidenschaftsgetrieben wachsen. Dieses Machen und Tun, so erzählte Holger, sei nach wie vor das beste Prinzip. Sprich: Planen und Reflektieren gehören natürlich dazu, aber letztlich muss irgendwann das Ausprobieren folgen. 

Das Gespräch habe ich nicht alleine geführt, sondern gemeinsam mit Jon Chapple vom britischen Musikbusinessmagazin IQ. Und das ist ein weiterer Effekt des Reeperbahn Festivals und seiner angegliederten Konferenz: Fachleute aus der ganzen Welt kommen zusammen, reden miteinander, arbeiten gemeinsam. Besonders gefreut hat mich, dass Jon beim International Music Journalism Award des Reeperbahn Festivals zum besten Musikbusinessjournalisten gekürt wurde. Herzlichen Glückwunsch!

Session zu Online-Marketing von Live Events

Mein zweites Panel in einer Suite des Onyx Hotels drehte sich um „Concerts, Content & Communication“, also um Strategien in der digitalen Kommunikation und im Online-Marketing von Live Events. In die Runde konnte ich auch diverse Anregungen aus der Music Business Summer School einbringen, die dem Reeperbahn Festival vorgelagert ist. Ich bin nach wie vor begeistert, wie klug das Konferenz-Team das Panel zusammengestellt hat. 

Meine Fragen gingen an Festival-Profi András Berta aus Ungarn, PR-Stratege Thomas Bohnet aus München und Marketing-Experte Moritz Bremer von Neuland Concerts. Eine beruhigende Erkenntnis aus der Session kam von András: Trotz all der Datenanalyse im Online-Bereich sei die Kommunikation im Live-Bereich nach wie vor ein People’s Business. Sprich: Reden hilft nach wie vor. Thank god!

Magische Momente mit Peaches, Kate Nash und Alyona Alyona

Und dann gab es beim Reeperbahn Festival noch diese magischen Momente, die das Zwischenmenschliche feiern. Jede und jeder wird da seine ganz eigene Geschichte erzählen können. Für mich war es der Moment, als die Jury beim Anchor Award gemeinsam Bowies „Moonage Daydream“ spielte — und Peaches zusammen mit Kate Nash auf einmal ins Publikum stürmte.

Peaches, Anchor Award
Peaches beim Anchor Award, fotografiert von Nadine Wenzlick

Die beiden suchten sich ausgerechnet unsere Sitzreihe aus, um mitten in der Menge ein Arme wedelndes Happening zu starten. Als Peaches auf mich zukam, fühlte ich mich wie ein fünfjähriges Kind, an dessen Geburtstag gerade eine riesige tolle Torte hereingetragen wird. Als sie dann direkt neben mir zur Party animierte, schwankte meine Mimik munter zwischen OMG OMG OMG und Honigkuchenpferdgrinsen. 

Und das Empowerment riss nicht ab: Die ukrainische Rapperin Alyona Alyona gewann den Anchor Award. Eine Persönlichkeit, die im positiven Sinne mehrfach Grenzen überschreitet. Die mit ihren Lyrics nicht auf Nummer sicher geht. Und gerade deshalb zum Austausch anregt. Also: Lasst uns weiter reden. Und natürlich Musik hören. 

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Alyona Alyona meets Biggy Pop, fotografiert von Anne Kleinfeld

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Zum Weiterlesen mein Blick aufs vergangene Jahr:

Reeperbahn Festival 2018, Tag 4 – Finale und Fazit

Tanju alias Tan LeRacoon: Polit-Songs mit Soul

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Es existieren in der Hamburger Musikszene extrem viele Menschen, die tragen keine klangvollen Namen wie Deichkind oder Ina Müller. Doch sie durchziehen das hiesige Popleben derart fein verästelt, dass sie den gesamten Grund zusammenhalten. Ein weit verzweigtes Wurzelwerk, das nicht nur den Baum mit Energie versorgt, sondern auch mit dem gesamten Mutterboden kommuniziert. Mit dem Humus. Eine solche Persönlichkeit ist für mich Tanju Boerue alias Tan LeRacoon.

Kennengelernt haben wir uns, als Tanju von 2004 bis 2016 gemeinsam mit Anja Büchel die hinreißende Hasenschaukel an der Silbersackstraße betrieb. Ein wildes und warm leuchtendes Wunderland mit skurrilem Retro-Charme. In einer Mischung aus Euphorie, Geduld und Improvisation boten Anja und Tanju damals noch unbekannten Künstlern wie Gisbert zu Knyphausen eine Bühne. Und mit meinem Radiokollektiv Das Draht durfte ich mich erstmals beim öffentlichen Auflegen ausprobieren. Unglaublich familiäre Partys waren das in diesem freigeistigen Labor auf St. Pauli.

Tanju, Timothy Leary und The Slits

Seit Jahren arbeitet Tanju als Musikmanager und Tourbegleiter — und verantwortet die Produktion beim Reeperbahn Festival. Ein professionalisierter „Do it yourself“-Typ mit offener Freundlichkeit. Und ein Mensch, der von Musik durchdrungen ist. Der sich Popgeschichte nicht bloß angelesen, sondern sie mitgeschrieben hat: Im London der 80er-Jahre Punk-Fanzines machen. Im Umfeld des New Yorker Chelsea Hotels in Bands spielen. Mit Hippieguru Timothy Leary in L.A. leben. Die formidable Feministin Ari Up von The Slits als Komplize begleiten. Ein historisches Fabelwesen, das im Hintergrund funkelt.

Tanju Boerue, Tan LeRacoon, album, record, cover, artwork, Funeral Parade Of Roses, musician, Hamburg, The Slits, Reeperbahn Festival, TourmanagerAll diese Erfahrungen lässt Tanju als Tan LeRacoon in seine eigene Musik einfließen. Sein Alter Ego gefällt mir sehr gut, sind Racoons, also Waschbären, doch nicht nur gewitzte, sondern auch gesellige Tiere. Auf Wikipedia findet sich unter anderem folgende Beschreibung: „Aufgrund seiner Anpassungsfähigkeit ist es dem Kulturfolger Waschbär gelungen, urbane Gebiete als Lebensraum zu nutzen.“ Solch ein „verstädterter Waschbär“ ist Tan LeRacoon definitiv. In den Clubs und Kaschemmen nach Nahrung suchend. 

Neues Album „Funeral Parade Of Roses“

2016 veröffentlichte Tanju mit „Dangerously Close To Love“ ein rau knisterndes Folk-Pop-Album. Nun ist mit „Funeral Parade Of Roses“ beim Hamburger Label Légère Recordings seine neue Platte erschienen, die sich stilistisch noch weiter öffnet. Das Spektrum reicht von dunkel nachhallenden Aufnahmen in Bedroom-Atmosphäre über enorm tanzbaren Beat und Soul bis hin zu verzerrtem Post-Punk. 

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Tan LeRacoon, fotografiert von Casa De Chrisso (ebenso das Titelbild)

Tanju erzählt von persönlichen Dämonen, von Aufbruch und Heilung. Anekdotische Blitzlichter flackern auf, an unterschiedlichen Orten rund um den Globus — von Birmingham bis nach New York. Vor allem aber ist sein Album ein wütendes, ein politisches. Die Gitarre bleibt nicht im Folk-Modus, die Bläser setzen nicht bloß gefällige Akzente. Bereits im Opener „Your Own Way“ steigert sich der Sound von etwas Intimem zu einer brodelnden Dringlichkeit. In dem Signature-Song „Tanuki Is Back“ rauscht Tanju mit taumelndem Gesang hinein in satten Soul-Punk. Und mit „I.G.S.“ liefert er einen beschwingten Hand-Clap-Protestsong.

Entfesselter Kapitalismus. Menschen, die in die Flucht getrieben werden. Das Erstarken der Rechten. Sexismus und Homophobie. Krieg und Lügen. Das Verharren in Filterblasen und Komfortzonen. Tanju verhandelt diese Themen in seiner Poesie zwischen somnambulem Fiebertraum und blankem Entsetzen, sucht jedoch letztlich optimistisch nach Lösungen.

Crooner der Zwischentöne

Über seine Motivation sagt er: „Aktiv zu sein, bedeutet ja nicht, schlecht gelaunt durch die Welt zu laufen. Wir können nur Menschen erreichen, wenn wir ihnen Alternativen bieten. Ich versuche meine Anliegen im Dialog zu vermitteln – so schwer das manchmal auch fällt. Es nützt nichts, nur eine Klientel anzusprechen, von der du weißt, dass sie eh deiner Meinung ist.“ 

Um die Bandbreite zwischen ernsten Texten und oftmals gut gelaunter Musik zu realisieren, hat Tanju eine feine Allstar-Band um sich geschart: Linus Lindvall (Golden Kanine), Jens Fricke (Staring Girl, „Gundermann“-Film, Gisbert zu Knyphausen), Dino Joubert und Caroline Blomqvist (MinRu), Felix Roll (Torpus & The Art Directors), Gabor Bertholini (Golden Kanine, The Great Bertholinis), Mattias Larson (Cub & Wolf), Robert Weitkämper (Dr. Ring-Ding, Staring Girl) sowie die Bläser-Sektion von Diazpora. Produziert hat Tanju das Album in Eigenregie, gemischt wurde „Funeral Parade Of Roses“ von Gregor Hennig im Studio Nord in Bremen.

Besonders interessant finde ich die Nummer „Battle Is Over, War Isn’t Won“. Ein geheimnisvoll-verschlepptes Reggae-Stück, in dem Tanju uns in einer Spoken-Word-Performance seine Sicht auf die Lage der Welt einflüstert — und damit auch seine Fragen und Zweifel, seine Überforderung und Erschöpfung. Ein Crooner der Zwischentöne. Ein musikalischer Aktivist.

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Hamburg Harbour Festival: Wagnis Newcomer

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Gibt es eigentlich etwas Aufregenderes in der Musikszene als Newcomer? Klar, eine renommierte Musikerin oder einen erfahrenen Popkünstler über Jahre zu begleiten und beim virtuosen Spiel zu erleben, kann ein Hochgenuss sein. Und verleiht unserem Dasein zudem eine vertrauensvolle Beständigkeit. Doch auch die Etablierten haben sich irgendwann zaghaft, zäh oder wütend an die Öffentlichkeit begeben. Ein Schritt hinaus. Und dann noch einer. Ein Sich-Öffnen.

Ich finde diesen Moment hochgradig spannend. Wenn die eigenen Lieder, das eigene Wirken, die eigene Person das erste Mal auf ein Publikum treffen. Ein ultimativ intimer Akt, sich mit der Welt zu verbinden. Es bedarf Übung, sich zu zeigen. Und von daher bin ich immer wieder begeistert, wenn andere Musikverrückte Newcomern eine Plattform bieten. So wie Sebastian Madej mit seinem Festival Hamburg Harbour.

Das popkulturelle Leben in der nordfriesischen Provinz

Vor Kurzem startete der Vorverkauf für die dritte Ausgabe von Hamburg Harbour im Knust im Januar 2019. Und aus diesem Anlass erzählte mir Sebastian, wie sich sein Festival überhaupt entwickelt hat. Lange Jahre hat er in Husum gelebt und pendelte als passionierter Musikfan für zahlreiche Konzerte nach Hamburg. Um das popkulturelle Leben in der nordfriesischen Provinz in Schwung zu bringen, engagierte er sich im Speicher Husum.

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Sebastian Madej, Gründer der Festivals Husum und Hamburg Harbour.

Dieses soziokulturelle Zentrum gestaltet sein Programm demokratisch per Abstimmung. Sebastians Idee eines kleinen feinen Festivals fand offenbar Zustimmung. Und so spielen seit 2011 beim Husum Harbour jährlich im Frühjahr Indie- und Folkpopmusiker sowie Singersongwriter im historischen Backsteingebäude direkt am alten Husumer Hafen. 

Sebastian ist ein beherzter Missionar, der anderen Menschen einfach gerne Musik nahe bringen möchte, die er selbst liebt. Und so kombinierte er bei den vergangenen Husum Harbour Festivals stets so genannte „größere Acts“ als Zugpferde mit noch weniger bekannten Bands. Niels Frevert, Thees Uhlmann, Gisbert zu Knyphausen und Alin Coen zogen dann im Laufe der Jahre auch Fans bis aus Hamburg an die Nordsee. Und zugleich konnte das Publikum dann in einer Tour prima Entdeckungen machen. Etwa Singersongwriter Julian Gerhard, das Folkquintett Dangers Of The Sea oder Sängerin Lina Maly.

Hamburg Harbour: von Husum ins Karoviertel

Mittlerweile lebt Sebastian in Hamburg und ist hauptberuflich in der Musikbranche aktiv. Zunächst war er als Finanzchef für die Agentur Neuland Concerts tätig. Aktuell arbeitet er beim Hamburger Konzertveranstalter Funke Media als Leiter Finanzen für die Bereiche Rechnungswesen, Steuern, Controlling und Beteiligungsmanagement. Leidenschaft für Musik und Kenntnis von Zahlen ist eine äußerst gefragte Kombination im Popgeschäft. Und als hätte Sebastian mit Job, Familie, Konzertbesuchen und dem weiter laufenden Husum Harbour nicht genug zu tun, mischt er nun auch in der Hamburger Szene mit.

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Jonas David
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The Lion And The Wolf

Gemeinsam mit dem Knust im Karoviertel kam die Idee auf, einen Ableger seines charmanten Festivals hoch im Norden in Hamburg aufzuziehen. Und so stieg 2016 das erste Hamburg Harbour Festival mit Acts wie den Isbells und Tim Neuhaus & The Cabinets. Für die dritte Ausgabe 2019 konnte Sebastian vier sehr interessante Acts gewinnen.

Jonas David zieht seine Hörerinnen und Hörer mit fragilem Folkpop unmittelbar auf eine Ebene zwischen Melancholie und Zuversicht. Eine Musik, die uns durchlässiger macht für die guten seelenvollen Dinge. Jonas Davids Qualitäten als Arrangeur und Komponist fanden bereits Anklang bei so unterschiedlichen Projekten wie Matthias Schweighöfers Film „Vaterfreuden“ sowie bei der MTV-Unplugged-Session von Revolverheld.

ROE aus Nordirland: traumwandlerische und zugleich trotzige Attitüde

„Das ist einer dieser Künstler, den noch viel viel mehr Menschen kennenlernen sollen“, sagt Sebastian. Gleiches gilt für Tom George alias The Lion And The Wolf. Der Brite bringt die Gemüter ebenfalls sachte, aber dafür umso tiefgreifender zum Schwingen.

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Provinz, fotografiert von Nico Braun.

Als Freundin von prägnanten Bandnamen wie Küken, Karies oder Pranke bin ich besonders gespannt auf das Quartett Provinz aus Ravensburg. Eine jener Bands, die „in den Startlöchern steht“, wie Sebastian sagt. Sänger Vincent erzählt mit aufgerauter Stimme und intensivem Druck zu schwelgerischem Kammerpop vom Fühlen und Verstehen, von Angst und Liebe.

Das Hamburg Harbour 2019 wird komplettiert von ROE. Auf die nordirische Musikerin trifft der Aspekt Newcomer voll und ganz zu: 19 Jahre ist sie alt und wird direkt als größtes Nachwuchstalent ihrer Heimat gehandelt. In ihren Songs und ihrer Stimme steckt eine traumwandlerische und zugleich trotzige Attitüde, die sie in coole wie detailverliebte Electrosounds hüllt. Das gefällt mir sehr gut und ist eine tolle Klangfarbe für das Festival.

Booking aus Passion

Trotz dieses vielversprechenden Line-Ups ist der Vorverkauf nicht rasant Richtung „ausverkauft“ gestartet. Anders als noch im vergangenen Jahr, als er mit Moritz Krämer einen Künstler mit reichlich Fanbase ankündigen konnte, erzählt Sebastian. Auch für 2019 hatte er versucht, einen populäreren Act als Zugpferd zu buchen. Doch eine Vielzahl an Gründen führte zu freundlichen Absagen.

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ROE

Manche Künstlerinnen und Künstler sind durch kommende größere Auftritt in Hamburg an Gebietsklauseln gebunden. Einige warten lieber auf die Releaseshow zu ihrem nächsten Album. Andere stecken gerade mitten im Entstehungsprozess für neues Material.

Hinzu kommt, dass Sebastian seine Veranstaltungen komplett als Hobby und ehrenamtlich betreibt. Im Zuge dessen zahlt er Künstlern zwar Honorar, kann aber nicht so hohe Gagen bieten wie ein großer Konzertveranstalter.

Nachdenken über Newcomer

Dass ein erlesen kuratiertes Newcomer-Programm nicht genügend Publikum ziehen könnte, erläutert Sebastian, das habe ihn nachdenklich gemacht. Und mich auch. Wenn uns immer ständig alles digital entgegenruft „Jetzt! Neu! Sofort! Hype! Schnell!“, schwindet dann die Motivation, sich im realen Leben für ein paar Stunden wirklich auf Unbekanntes einzulassen? Oder gehen die Menschen einfach lieber auf Nummer sicher, wenn sie schon vor die Türe treten und Geld für ein Konzert ausgeben? Ist womöglich das Angebot in Hamburg einfach viel zu groß?

Klar, es gibt vom Publikum gelernte Konzepte wie das Reeperbahn Festival, das auf Newcomer setzt. Doch das zieht natürlich mit einem ganz anderen finanziellen Wums seine Gäste. Interessanter finde ich da, wie sich die neue Reihe von FKP Scorpio entwickeln wird: Im Januar lädt der Hamburger Konzertveranstalter bereits zum dritten Mal zu „Mucke bei die Fische“, um die „jungen Wilden“ auf die Bühne zu holen. Bands auf dem Sprung mit wenig Live-Erfahrung, von denen sich viele beim kurz zuvor stattfindenden Eurosonic Festival im niederländischen Groningen ausprobiert haben.

Weitere Formate für neue Töne: „Mucke bei die Fische präsentiert“

Unter dem Titel „Mucke bei die Fische präsentiert“ bringt FKP Scorpio seit November nun monatlich Newcomer in unterschiedliche Clubs. „Wer neue Töne hören möchte, wer dabei sein will, wenn junge und aufregende Bands ihr Debüt geben oder sehen möchte, wie sich Künstler entwickeln, die vielleicht schon einmal in der Hansestadt zu Gast waren, ist ab jetzt zum monatlichen Date mit guter Musik verabredet“, heißt es in der Presseinfo zu dem neuen Format.

Das Artwork zu Hamburg Harbour 2019 gestaltete Denise Hennings.

Ich bin wirklich angetan davon, Newcomer so eindeutig in den Fokus zu rücken. Und ich wünsche allen – auch mir selbst – die Muße, sich mit Herz und Hirn auf das Abenteuer zu begeben, Unbekanntes ganz nah an sich heranzulassen. Das muss ja nicht immer mit Überwältigungsgeste geschehen. Es kann auch ein neugieriges Beobachten und Erforschen sein, wie es das wunderschöne Artwork zum Hamburg Harbour 2019 von Denise Hennings zeigt. Ein Mädchen schaut von einem Ruderboot aus in einen Teich und betrachtet die darin umher schwimmenden Koikarpfen mit ihren farbigen Flossen.

Wenn Musik weiterhin so inspirierend schillern soll, braucht sie Publikum. Braucht sie uns. Und wir, wir brauchen sie ja sowieso, die Musik.

Newcomer-Termine:

„Mucke bei die Fische präsentiert“: Skegss, Molotow: 8. Dezember 2018
Hamburg Harbour Festival: 12. Januar 2019, Knust
Mucke bei die Fische: 19. Januar 2019, Molotow
Husum Harbour Festival: 6. & 7. April 2019
Reeperbahn Festival: 18. bis 21. September 2019, St. Pauli

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Reeperbahn Festival 2018, Tag 4 – Finale und Fazit

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All die Musik und all die Menschen, all die Gespräche, Gesichter und Geschichten driften noch drunter und drüber durch Hirn und Herz am Tag nach dem Reeperbahn Festival. Langsam runterkommen. Zeit, Bilanz zu ziehen.

Die Organisation

Auch im 13. Jahr dieser Clubsause denke ich: Wow, was für eine logistische Meisterleistung. An vier Tagen und Nächten gibt es auf St. Pauli rund 500 Konzerte plus Hunderte weitere Veranstaltungen aus Kunst, Film und Konferenzteil an 90 Locations, die hoch professionalisiert bespielt werden. Das Reeperbahn Festival 2018 erlangt zudem einen neuen Besucherrekord: 45.000 Popfans und Konferenzteilnehmer kamen auf den Kiez.

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Gesehen auf einer Jeansjacke im Molotow

Und was mit hundertprozentiger Gewissheit eintritt: der Faktor Zufall. Etwa das kurzfristig krankheitsbedingt abgesagte Konzert von Ibeyi in der Elbphilharmonie. All das will geregelt und kommuniziert werden. Sollte es für solche großen Acts wie beim Theater eine zweite Besetzung geben? Wäre das noch Rock ‘n’ Roll? Aber wäre es nicht auch unfassbar cool, hätte ein Hamburger Newcomer im Großen Saal spontan als Ersatz zur Wandergitarre greifen können?

Die Besucher

Mich faszinieren Festivals immer besonders, wenn jede und jeder dort seine und ihre Nische finden kann. Und durch das Reeperbahn Festival führen Tausende individuelle Wege. Vermutlich würde es gegen Trilliarden Persönlichkeitsrechte verstoßen, die Einlassbänder mit einem Tracker (ähnlich wie bei Vogelbeobachtungen) auszustatten. Aber vier Tage und Nächte lang die Bahnen der Besucher zu verfolgen, wäre extrem spannend. In meinem Freundes- und Bekanntenkreis allein gibt es bereits die unterschiedlichsten Verhaltensweisen zu betrachten.

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Queen Zee im Backyard des Molotow

Die Superorganisierte wechselt mit Stundenplan im Halbstundentakt von einer Band zur nächsten. Die Netzwerkerin ist zu so vielen Meet & Greets eingeladen, das sie erwägt, Tupperschüsseln mitzubringen, um sich die nächsten Monate von den Festivalhäppchen zu ernähren.

Der Ergebnisoffene lässt sich treiben und trudelt von diversen Vor-der-Türe-Schnacks zu Konzerten und zurück. Der Geschäftsmann arbeitet sich von Termin zu Termin und hat maximal drei Bands gesehen. Die Genrefixierte grast sämtliche Hip-Hop-Acts beim Reeperbahn Festival ab. Der Energieeffiziente bleibt die gesamte Festivalzeit im Molotow und vergnügt sich dort vor mittlerweile vier Bühnen (quasi ein Hurricane Festival auf kleinstem Raum). Die Erschöpfte nimmt sich am Freitag einen Festival-Off-Day, um am Samstag ausgeruht in den Endspurt gehen zu können. Und dann gibt es noch die Ticketbesitzerin, deren freier Wille über das Programm siegt – im Stile von: „Es ist so schönes Wetter, ich lege mich jetzt an den Elbstrand“.

Persönlichkeiten 2018

Zwei Menschen sind für mich beim Reeperbahn Festival 2018 herausragend präsent. Beide sind mit ihrem Auftreten und ihren Aussagen so etwas wie der „Talk Of The Festival“. Sie erschaffen einen positiven Buzz. Die Rede ist von Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda und Linda Perry, Sängerin und Songschreiberin der 4 Non Blondes sowie Produzentin, Labelmanagerin und in diesem Jahr Mitglied in der Jury des Newcomer-Awards Anchor.

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Artwork beim Anchor Award

Carsten Brosda gibt optisch im Anzug den seriösen Politiker, ist aber in seinen Worten ein freiheitsliebender Geist. Auf dem Festival ruft er Rede um Rede emphatisch und euphorisierend dazu auf, unsere demokratischen Werte zu verteidigen und mit der Kraft der Musik unseren diversen, offenen Lebensstil zu beflügeln.

Als Gegenbeispiel zu einem freiheitlichen Dasein nennt er einen Vorfall aus den USA: Auf dem Plattencover zu „Songs Of Resistance“ von Marc Ribot will eine Sängerin, die an einem der Songs beteiligt ist, nicht namentlich genannt werden. Sie hat Angst, dass ihre Inhalte der Trump-Regierung missfallen und ihr das Visum entzogen wird. Und Brosda fragt sich: „Wo leben wir eigentlich?“ In was für – im negativen Sinne – irren Zeiten? Bei der Verleihung des Anchor Awards am Samstagabend im St. Pauli Theater wünscht er sich für uns alle vor allem eines: „being different without fear“. Diese Formulierung wiederholt Brosda mehrfach. Starker Applaus.

Linda Perry, das personifizierte „Don’t Fuck With Me“

Definitiv anders – und furchtlos – ist Linda Perry. Die schmale Frau mit dem markanten Hut ist beim Reeperbahn Festival auf Panels und in Interviews zu erleben. Sie ist die Stimme, die permanent sagt: „Aber der Kaiser ist doch nackt“. Eine radikale Wahrheitssucherin und -aussprecherin. Das personifizierte „Don’t Fuck With Me“.

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Die Jury des Anchor Award (v.l.): Linda Perry, Cassandra Steen, Tony Visconti, Skye Edwards und Jason Bentley

Ich kann mir gut vorstellen, dass es nicht zuletzt ihrer famosen Kratzbürstigkeit zu verdanken ist, dass es mit Faces On TV sowie Tamino beim Anchor 2018 direkt zwei Gewinner gibt. Recht unverblümt macht Perry bei der Verleihung deutlich, dass sie von allen acht Nominierten, die die Jury im Laufe des Festivals live erlebt hat, mehr erwartet. An Performance. An Energie. Rock ‘n’ Roll sei schließlich kein 9-to-5-Job. Ihre Ansprüche seien hoch. Auch an sich selbst.

Linda Perry ist ein zähes Biest. Eine Naturgewalt. Einerseits blafft sie den Moderator an, ob er Angst vor ihr habe. Andererseits sorgt sie mit ihrem Auftritt bei der Anchor-Gala für meinen intensivsten Gänsehaut-Moment des Festivals. Gemeinsam mit den Sängerinnen Skye Edwards von Morcheeba und Cassandra Steen von Glashaus interpretiert sie – am Flügel spielend und begleitet vom wunderbaren Kaiser Quartett – ihren Hit „What’s Up“. Eine zarte Reprise. Ich muss mich wirklich zusammenreißen, vor lauter Schönheit nicht loszuheulen.

Entwicklungen

Das Reeperbahn Festival zeigt zunehmend Haltung zu gesellschaftlichen, aber auch brancheninternen Themen. Das gefällt mir.

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Metronomy beim Anchor Award

Der Anchor Award ist – vor allem im Vergleich zum eingestellten, auf Verkaufszahlen basierenden Echo – ein guter Impuls in der Landschaft der Poppreise. Wieso ständig das ohnehin schon Exzellente auszeichnen, wenn doch das Künftige unterstützt werden kann? Der Anchor ist geschmackvoll inszeniert und gehaltvoll in der Auseinandersetzung mit Musik. Das zeigt allein die offensichtliche Uneinigkeit der Jury. Was kann Popkultur denn besseres passieren, als dass sie Anlass zu beherzten Diskussionen ist. Dass sie nicht egal ist. Dass sie lebt.

Mehr Musikerinnen auf den Bühnen

Fantastischer Weise deutlich spürbar sind die Auswirkungen des Keychange-Programms, das der britische Musikfonds PRS Foundation 2017 initiiert hat. Mehr als 100 Musikfestivals aus Europa und Kanada, darunter das Reeperbahn Festival, haben sich verpflichtet, dass 50 Prozent der musikalisch Mitwirkenden bis 2022 Frauen sein sollen. Sprich: mehr Musikerinnen auf den Bühnen. Das heißt vor allem: mehr Abwechslung. Top.

Zu erleben ist das am Samstag zum Beispiel bei den estnischen Rapperinnen von Hoax. Im Karatekeller des Molotow hauen die beiden hochfrequent ihren Sprechgesang heraus. Wut und Humor, Power und Skills. Die Menge feiert das. Yeah!

Ideen fürs Reeperbahn Festival 2019

So ein verdichtetes Popkultur-Erlebnis wie das Reeperbahn Festival wirft bei mir sofort das Kopfkino an, was noch alles möglich wäre. Von daher anbei einige Ideen, Anregungen und Wünsche meinerseits für das Reeperbahn Festival 2019.

1. Noch mehr Vielfalt

Ich wünsche mir noch mehr stilistische Vielfalt, mehr abgefahrenen Kram und vor allem noch mehr Input aus anderen Ländern – ungewohnte Rhythmen, überraschende Melodien, noch mehr unterschiedliche Sprachen aus Südamerika, Afrika und Asien.

2. Kuratierte Abende

Helen Schepers von der Fahrradgarderobe, die ich beim Helga Award kennenlerne, erzählt mir von einem Jazzfestival in den Niederlanden, auf dem einzelne Musiker Abende kuratieren. Eine sehr schöne Idee. Ich wünsche mir als neues Fangirl eine Nacht mit Künstlern, die Linda Perry auswählt. Ein Abend von Jarvis Cocker oder Damon Albarn fände ich ebenfalls fein. Bitte denken Sie groß.

3. Hamburg-Abend

Im Hamburg-Haus im St. Pauli Museum haben sich beim Reeperbahn Festival 2018 hiesige Labels wie Backseat und hfn music präsentiert. Sehr gut ist das. Wie wäre es zudem mit einem Abend ausschließlich mit Acts aus Hamburg? So hätten Besucher von außerhalb die Chance, geballt Talente aus der Hansestadt zu erleben.

4. Open Stage

Das Reeperbahn Festival arbeitet mittlerweile derart professionell, dass mir ein wenig das anarchische Moment fehlt. Wie wäre es als kleines Guerilla-Element mit einer Open Stage am Mittwochabend? Bands könnten sich vor Ort anmelden und werden nach dem Losverfahren auf die Bühne gebeten. Eine Jury oder das Publikum wählt den Gewinner, der dann am nächsten Tag einen Slot im Festival-Programm erhält.

5. Internationale Blogger Battle

Da ich selbst gerade angefangen habe, über Popmusik in Hamburg zu bloggen, bin ich natürlich sehr dafür, dieses Medium zu pushen. Wie wäre es also beim Reeperbahn Festival 2019 mit einer internationalen Blogger Battle? Schreiber (und Podcaster) aus verschiedenen Ländern berichten aus ihrer ganz individuellen Perspektive über das Festival. Ich stelle mir das äußerst inspirierend vor.

6. Schlafbärenquartier

Das Reeperbahn Festival ist in manchen Momenten einfach nur fordernd, ja anstrengend. Mitunter möchte ich als Besucherin einfach nur eine halbe Stunde Ruhe haben, um mich dann wieder frisch auf all die neue Musik einlassen zu können. Wie wäre es daher mit einem (akustisch abgeschotteten oder mit Noise-Cancelling-Headphones versehenen) Ruheraum, einer Chilloutarea, einem Entspannungsseparee? Oder, wie ich es nennen würde, einem Schlafbärenquartier? Gerne mit Massage-Einheit. Danke.

See you next year

Ich jedenfalls bin sehr gespannt auf das Reeperbahn Festival 2019. Jetzt ist ja erstmal ein Jahr Zeit, um sich auszuruhen.

Zum Nachgucken

Wer tolle Fotos vom Reeperbahn Festival sehen möchte, dem seien die Instagram-Accounts von Charles Engelken und Stefan Malzkorn empfohlen.

Zum Nachlesen – mein Reeperbahn Festival 2018
Klaus Voormann: Vernissage zum Reeperbahn Festival
Tag 1 – positiver Schockzustand
Tag 2 – preisverdächtig
Tag 3 – Nachdenken über Musikjournalismus

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Reeperbahn Festival, Tag 3 – Nachdenken über Musikjournalismus

NDR Blue Backstage, NDR, Radio, Live, Show, Club, Pop, Festival, Alte Liebe Bar, Hamburg, hosts, Jan Möller, Siri Keil, Reeperbahn Festival, Boss, Alexander Schulz

Den dritten Tag beim Reeperbahn Festival starte ich am Nachmittag mit zwei Panels zum Thema Musikjournalismus. Eine Diskussionsrunde beschäftigt sich mit der hiesigen Popmedienlandschaft, die andere mit der internationalen.

Ich finde es großartig, dass der Konferenzteil des Reeperbahn Festivals auf vielen verschiedenen Ebenen die Möglichkeit bietet, sich auszutauschen und zu reflektieren. Zum Beispiel über Pop und Politik oder über Geschlechtergerechtigkeit im Musikbusiness. Mich hat das Thema Musikjournalismus an diesem dritten Festivaltag – gedanklich und ganz real – nicht mehr losgelassen. Deshalb möchte ich mich in diesem Blogpost darauf fokussieren, bevor ich dann aufbreche zum großen Finale am vierten und letzten Tag beim Reeperbahn Festival 2018.

Daniel Koch, letzter Chefredakteur der „Intro“, plädiert für Optimismus

Beide Panels – das deutschsprachige wie das internationale – werden moderiert von Johnny Häusler, seines Zeichens Musiker, Journalist und Veranstalter der Web-Konferenz re:publica. Solche Persönlichkeiten live zu erleben, finde ich an und für sich schon immer äußerst spannend.

In beiden Runden skizzieren die Diskutanten kurz die radikalen Einbrüche im Popprintjournalismus. Die „Intro“ in Deutschland, der „New Musical Express“ in Großbritannien und „The Village Voice“ in New York sind nur einige Beispiele für eingestellte gedruckte Musik- und Kulturmagazine. Daniel Koch, letzter Chefredakteur der „Intro“ von 2014 bis 2018, erzählt, dass die kostenlos ausgegebene Zeitschrift über Anzeigen nicht mehr zu finanzieren war. Statt jedoch in ein großes Lamento zu verfallen, plädiert er für Optimismus in unserer Zunft. Da bin ich ganz bei ihm.

Innovative Formate, um mit Menschen in Kontakt zu treten

Daniels Blick nach vorne richtet sich auf innovative Formate, die sich erst noch ausprobieren, aber deutlich wachsen. Zum Beispiel auf den Podcast „Machiavelli“ der WDR-Plattform Cosmo, der Rap und Politik verhandelt. Oder auf „St. Vincent’s Mixtape Delivery Service“. Fans liefern da der Künstlerin Infos zum eigenen Musikgeschmack. Und St. Vincent bastelt ihnen – auf dem Musikkanal Beats 1 von Apple – individuell zugeschnittene Playlisten.

Ich mag den Ansatz, die technischen Neuerungen nicht ständig als Überforderung und Fluch zu verstehen, sondern als Chance, auf neue Art miteinander in Kontakt zu treten. Ich muss dabei immer an meine gute Freundin Anke Mönning von Garnstories denken, die handgefärbte Wolle verkauft. Das klingt zunächst super oldschool. Aber ihre Vermarktung hat sie komplett über Instagram entwickelt. Und mittlerweile verkauft sie ihre knallig-bunten Produkte bis nach Australien.

Lust auf Information und Inspiration statt “boring as fuck”

Auch Mary Anne Hobbs von der BBC sieht Social Media als Werkzeug, ihr Programm zu (neuen) Hörern zu bringen. Zu Herzen gehen mir ihre Ausführungen, wie sie als Teenager mit den Füßen scharrend am Kiosk auf den „New Musical Express“ gewartet hat. Noch auf der Straße habe sie die Zeitschrift nach ihren Lieblingsmusikern und -autoren durchsucht. Nachts habe sie dann das Heft von der ersten bis zur letzten Seite unter der Bettdecke mit Hilfe einer Taschenlampe durchgelesen.

Dieser Enthusiasmus berührt mich nachhaltig. Denn ich bin zutiefst der Überzeugung, dass diese ultimative Lust auf gut geschriebene Texte, auf spannende Geschichten, auf Information und Inspiration nicht einfach versiegt ist mit Abnahme der popkulturellen Printprodukte. Und wenn ein Gast im Publikum anmerkt, Reviews zu lesen sei „boring as fuck“ in Zeiten permanenter Musikverfügbarkeit, dann müssen sich die Medienmacher eben fragen: Wie mache ich mein Storytelling (wieder) spannend?

Salwa Houmsi: kritische Zwischentöne auf Social-Media-Kanälen

Absolut beeindruckt hat mich in diesem Zusammenhang die jüngste Teilnehmerin der Diskussion, Salwa Houmsi. Die 22-Jährige zählt zu den Gewinnerinnen des International Music Journalism Award, der auf dem Reeperbahn Festival vergeben wird. Sie moderiert unter anderem für Radio Fritz in Berlin mit Spezialisierung auf Deutschrap und legt unter dem DJ-Namen Salwa Benz Hiphop und Artverwandtes auf.

Mit mehr als 16.000 Followern auf Instagram ist Salwa definitiv eine Influencerin, auch wenn der Begriff auf dem Panel kontrovers diskutiert wird. Ihren Einfluss und ihre Rolle hinterfragt Salwa klug und unverkrampft. Zum Beispiel wünscht sie sich, in den schnelllebigen sozialen Medien, in denen viel polarisierend über das Prinzip “hop oder top” funktioniert, mehr kritische Zwischentöne einbringen zu können.

Große Strategien und Masterpläne werden auf den beiden Panels in der Kürze der Zeit nicht entworfen. Und die Branche wird definitiv noch lange im Umbruch sein. Ich bin wirklich gespannt, welche Wege sich noch öffnen werden, um über Musik zu berichten und diese den Menschen näher zu bringen.

Live-Radio-Show auf dem Reeperbahn Festival

Eine sehr zeitgemäße Methode ist es, analog zum boomenden Live-Geschäft, direkt mitten hinein ins Leben zu gehen mit journalistischen Formaten. Dass diese Rechnung aufgeht, zeigt sich später an diesem Freitag bei „NDR Blue Backstage“. Vor der Alten Liebe Bar direkt am Spielbudenplatz auf St. Pauli hat sich eine Schlange gebildet, um: Radio zu hören. Wobei “hören” nicht das ausreichende Wort ist. Vielmehr geht es um das Erleben mit allen Sinnen.

NDR Blue Backstage, NDR, Radio, Live, Show, Club, Pop, Festival, Alte Liebe Bar, Hamburg, hosts, Jan Möller, Siri Keil, Reeperbahn Festival, LIFE, Band Die beiden NDR-Moderatoren Siri Keil und Jan Möller empfangen beim Reeperbahn Festival live on air Gäste. Festivalchef Alexander Schulz zum Beispiel erzählt von den Auswirkungen des Sturms auf das Programm an diesem Freitag. Zudem spielen Künstler live im hübsch dekorierten Schaufenster der Bar, etwa die britische Indierockband Life. Siri unterhält sich mit Sänger Mez über die Wut in seinen Lyrics. Und über seine soziale Arbeit mit Jugendlichen.

Die Atmosphäre im Raum ist locker, lebendige Geräusche wie Applaus sind ausdrücklich erwünscht. Schließlich sollen die Hörer, die nicht physisch anwesend sind, sondern an den Empfangsgeräten, ein Gefühl für die Veranstaltung bekommen. Vor Ort wiederum genieße ich sehr, wie sich die Konzentration einer Live-Aufzeichnung auf mich als Besucherin überträgt. Ich bin ganz da und wach und kann mich voll auf Gespräche und Musik fokussieren.

Ich werde ganz gewiss weiter über das Thema Musikjournalismus nachdenken. Und nach diesem Tag auf dem Reeperbahn Festival bin ich mir umso sicherer, dass der Popjournalismus der Zukunft neben Know-how und Handwerk vor allem Charakter, Haltung und Offenheit benötigt. Er braucht neben Information eben auch Identität und Inspiration, zudem Austausch und Komplizenschaft. Ich bleibe optimistisch.

Hier lässt sich nachlesen, wie mein Tag 1 und Tag 2 auf dem Reeperbahn Festival verliefen.

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Reeperbahn Festival, Tag 2 – preisverdächtig

Reeperbahn Festival, Hamburg, Pop, Clubs, Helga Award, Festivals, Hamburger Kneipenchor, Biggy Pop

Wieso besuchen Menschen eigentlich das Reeperbahn Festival? Der stets süffisante wie satirische Kollege Linus Volkmann singt in seinem neuesten Video für das WDR-Format „Cosmo“: „Wer will betrunkene Plattenbosse sehen? Der muss diese Woche nach Hamburg gehen.“ Ha ha, herrlich. Klar, Netzwerken beim Bier gehört gewiss zu diesem Poptrubel dazu. Aber zum Glück geht es ja letztlich doch um: Musik.

Der Täubling, Rap, Hiphop, Bunny, weird, Reeperbahn Festival, Prinzenbar, Hamburg, Clubs, Pop Und viel spannender (sowie hochgradig irritierender) als betrunkene Plattenbosse finde ich zum Beispiel einen rappenden Typen, der aussieht, als habe der Joker aus Batman einen Hasen gefrühstückt. Der Täubling aus Leipzig sorgt am zweiten Tag des Reeperbahn Festivals in der Prinzenbar rasch für Einlassstopp. Zu old-schooligen Beats feuert dieser horrormaskierte Typ wie ein degenerierter Hase Cäsar seine Frontalbeschimpfungen heraus. Flankierend schenkt ein barbrüstiger Lakai Champagner aus und ein androgynes Wesen im Regenmantel tanzt sich schlängelnd um den Hauptperformer herum.

Zwischen Der Täubling und Altın Gün: Kontrast ist Königin

Das Reeperbahn Festival lebt für mich davon, sich wechselbadend in unterschiedliche popmusikalische Zustände begeben zu können. Der Satz „and now to something completely different“ lässt sich hervorragend praktizieren. Das hält die Synapsen auf Trab. Zum Beispiel, wenn es nach Der Täubling direkt zu Altın Gün in den Kaiserkeller geht. Eine Art türkische Variante von Sly And The Family Stone. Satt groovende, psychedelische Funk- und Rock-Energie, die sofort meine innere Lavalampe anschaltet. Das Sextett aus Amsterdam ist toll aufeinander eingespielt. Betörender Gesang, grandios verschachtelte Rhythmik, fließende Melodien von Gitarre, Keyboard und Saz.

Und dies sind nur zwei Beispiele aus der zweiten Nacht des Reeperbahn Festivals, die zeigen: Kontrast ist Königin.

Reeperbahn Festival, Clubs, Italian, Showcase, Aquarama, Sommersalon Begonnen habe ich Tag zwei entspannt am frühen Nachmittag mit Pizza und Focaccia beim Italian Showcase im Sommersalon. Immer mehr Länder schicken, zum Teil über eigene Pop-Export-Büros, ihre vielversprechenden Musiker aufs Reeperbahn Festival. Die Sonne scheint wie ein natürlicher Scheinwerfer auf die Schaufensterbühne dieses kleinen Kiezladens. Und die Band Aquarama aus Florenz spielt einen schönen Surfpop, mit dem sich sehr hübsch in Kommendes driften lässt.

Natürlich ist das Reeperbahn Festival für mich tatsächlich auch eine gute Gelegenheit, Menschen und ihr Musikbusiness kennenzulernen. Ich kann zudem Leute treffen, mit denen ich bisher nur gemailt, aber noch nie von Angesicht zu Angesicht gesprochen habe. So habe ich zum Beispiel ein interessantes Gespräch mit Hele Maurer von Rola Music.

Die Firma mit Sitz in Portland, Wien und neuerdings auch Hamburg bietet Booking, Management und Promotion schwerpunktmäßig für Newcomer. Das finde ich großartig, denn ich liebe es, unbekannte Bands zu entdecken. Haley Heynderickx etwa, eine der Rola-Künstlerinnen, ist eine Amerikanerin mit philippinischen Wurzeln, die einen irisierenden, intensiven sowie warm verzerrten Folkrocksound produziert.

Helga Award, die wahnwitzigste Gala auf dem Reeperbahn Festival

Vom Onyx Hotel, wo viele Business-Meetings stattfinden, eile ich einmal quer über die Reeperbahn zum Imperial Theater. In der plüschigen Spielstätte wird der Helga Award verliehen – ein Preis, der die Festivalkultur des Landes auszeichnet. Und der als die wahnwitzigste Gala des Reeperbahn Festivals gilt.

Reeperbahn Festival, Hamburg, Pop, Clubs, Helga Award, Festivals, Hamburger Kneipenchor, Biggy Pop Initiiert hat diese anarchisch inspirierte Sause der „Festivalguide“ des leider eingestellten Musikmagazins „Intro“. Aber der Helga Award wird fortbestehen, verkündet der einstige „Festivalguide“-Chefredakteur Carsten Schumacher von der Bühne aus. Gemeinsam mit dem hoch charmanten Entertainer Bernd Begemann moderiert er den Abend. Und ich darf eine Laudatio halten darf, worüber ich mich sehr freue.

Im Namen der famosen Initiative Oll Inklusiv, die Menschen 60+ in die Clubs dieser Stadt bringt, überreiche ich den Preis für das „aufregendste Festival für alte Menschen“. Oder, wie ich es nenne: das ollste dollste Festival. Zur Begrüßung auf der Bühne gibt es aber erst einmal ein Bier als Pausenbrot, das mir eine Hand aus einer Klappe reicht. Das nenne ich mal gastfreundlich.

Oll Inklusiv gratuliert dem A Summer’s Tale Festival

Es gewinnt das A Summer’s Tale, das seit vier Jahren in der Lüneburger Heide ein nachhaltig angelegtes Mehrgenerationen-Kulturprogramm bietet. Stephan Thanscheidt vom Veranstalter FKP Scorpio nimmt die lustig schwingende Helga-Trophäe (und eine Flasche Jägermeister) entgegen. Glückwünsch und Prost!

Zu den weiteren Gekürten zählen unter anderem das Watt En Schlick sowie das Dockville Festival, laudatiert von Helen Schepers von der Fahrradgarderobe. Zudem schmettert der Hamburger Kneipenchor unter Leitung von Stefan Waldow inbrünstig einige Lieder. Und unter immer lauter werdenden Helga-Rufen steuert diese etwas andere Award-Show dem großen Finale mit Gruppenfoto entgegen. Eine absolut glückselig machende Veranstaltung, die vor der Türe in anbrechender Dunkelheit weiter gefeiert wird.

Harte Tür bei den VUT Indie Awards

Ich verquatsche mich so schön, dass ich im Anschluss in die Verleihung der VUT Indie Awards im Schmidts Tivoli – trotz braver Anmeldung vorab – nicht mehr hineinkomme. Zu spät dran. Vermutlich sitzen dort all die betrunkenen Plattenbosse, von denen Linus gesprochen hat. Aber harte Tür ist nun mal harte Tür.

Apropos hart. Nachts texte ich wieder mit einer Freundin, die ebenfalls auf dem Reeperbahn Festival unterwegs ist. Und die ich bisher nicht getroffen habe, weil unsere Timetables zu unterschiedlich sind. Ihr Highlight des Tages: Gzuz von 187 Straßenbande am Kiosk stehen sehen. Mmh, diesen Programmpunkt habe ich gar nicht in der Festival-App gefunden. War bestimmt ein Secret Act.

Wie mein erster Tag auf dem Reeperbahn Festival 2018 verlief, lässt sich hier nachlesen.

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Reeperbahn Festival, Tag 1 – positiver Schockzustand

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Es ist Reeperbahn Festival, wenn du mittags mit dem Betreiber des Bioladens um die Ecke bereits erste Konzerttipps austauschst. Und wenn du nachts zuhause noch mit einer Freundin textest, wie denn nun der Auftritt dieser einen Rapperin war, den du verpasst hast. Reeperbahn Festival ist ein State Of Mind. Ein popkulturelles Kraftfeld.

Ich brauche immer eine Weile, um in diesen anderen Aggregatzustand zu wechseln. Die geballte Ladung Mensch plus die hoch dosierte Zahl an Konzerten, die St. Pauli ab Mittwoch auflädt, erzeugt eine Energie, die erst einmal bei mir ankommen muss. 42.000 Besucher werden auf bis zu 500 Konzerten erwartet. Am ersten Festivaltag befinde ich mich daher gerne in einer Art positiven Schockzustand.

Vier Tage Reeperbahn Festival, das bedeutet für mich jedes Mal auch: loslassen lernen. Sich trotz all der Gesprächstermine, Meet & Greet-Veranstaltungen und eben Konzerte zunehmend treiben lassen. Sich der Reizüberflutung hingeben. Und da ich mich möglichst schnell wieder ins Geschehen werfen möchte, anbei flugs einige Schlaglichter des ersten Festivaltags.

Ankommen im Festival Village: Uwe, Folk und grüne Pillen

Ich checke im Festival Village ein, wo ich am Vorabend bereits die Vernissage der Klaus-Voormann-Ausstellung besucht habe. Das temporäre Dorf auf dem Heiligengeistfeld erlebt sein zweites Festival-Jahr und ist wesentlich schöner sowie gemütlicher gestaltet als bei seinem Debüt. Ich treffe Hamburgs womöglich größten Musikfan, nennen wir ihn Uwe. Er plant, am Nachmittag bei Ray Cokes’ Reeperbahn Revue als Gast an die Bühnenbar gebeten zu werden. Was ihm, wie ich später erfahre, auch gelingt. Beeindruckend hartnäckige Leidenschaft.

Auf der Brausehersteller-Bühne spielt der Kanadier Jon Bryant feinen Folk und fragt die Umstehenden, ob es in Hamburg gute Spas gebe. Unverständige Blicke. Wellness kommt definitiv nach dem Festival, nicht währenddessen. Ein Sponsor verteilt Ohrstöpsel, Seifenblasen und giftig grüne Pfefferminzbonbons, die sich nach Mitternacht bestimmt gut als Drogen verkaufen lassen. In einem Container lasse ich mich für die Organisation SOS Mediterranee fotografieren, die sich für die Rettung Schiffbrüchiger im Mittelmeer einsetzt. Eine irritierende Gleichzeitigkeit.

Opening Reeperbahn Festival: Ray, Geld und Aushängeschilder

Im Schmidts Tivoli findet, knackig moderiert von dem alles wegmoderierenden Ray Cokes, die offizielle Eröffnung statt. Bürgermeister Peter Tschentscher spricht ebenso wie Festivalchef Alexander Schulz und die französische Botschafterin Anne-Marie Descôtes. Denn Frankreich ist diesjähriges Partnerland des Reeperbahn Festivals. Sie alle plädieren für eine von Popkultur beförderte offene Gesellschaft. Und sie mahnen an, dass all die Musiker, die uns so eine tolle Zeit bescheren, anständig vergütet gehören. Das ist sehr gut.

Hellhörig gemacht hat mich die Aussage von Andreas Görgen vom Auswärtigen Amt, der das Reeperbahn Festival neben dem Filmfest Berlinale und der Frankfurter Buchmesse als eines der drei kulturellen Aushängeschilder in Deutschland bezeichnet. Wow.

Das Reeperbahn Festival erhält bis Ende 2019 zusätzlich zur bisherigen Unterstützung 2,55 Millionen Euro aus Bundesmitteln. And more to follow. Ich freue mich, dass Popkultur derart gepusht wird. Und gleichzeitig denke ich sofort darüber nach, wie es um die Finanzierung und Förderung all der kleinen und größeren Clubs in Hamburg durchs Jahr hindurch bestellt ist.

Drei Highlights: Alma, Endorphine und Lob den Backlinern

Joel Culpepper in Angie’s Nightclub: Der Sänger aus London bündelt den Geist von James Brown und Prince in seinem stetig groovenden movenden Körper, um sich selbst dann noch mit all den Rappern dieser Welt zu kreuzen. Ein Glücksfall von Festival-Fund, der bereits am frühen Abend zu zwingend tanzender, mitsingender, schwitzender Glückseligkeit führt. Erste Endorphine.

Alma im Docks: Die finnische Sängerin wird von ihrer DJ (geile Metalkutte!) angesagt wie mindestens Beyoncé. Auf die Bühne kommt dann ein pummeliger Emo-Teenager in Schwarz mit langem knallblondem Haar. Famoser Kontrast. Denn dann powert diese Soulstimme samt Beats und Geballer durch den Saal. Pop zwischen cool und happy. Und eine riesige Inspiration, sich einfach mit seinem individuellen Körper, seiner eigenen Art, mit seinem ganzen schönen merkwürdigen fantastischen Selbst in diese Welt zu werfen. Schockverliebt.

1000 Gram im Headcrash: Wir sind eine Viertelstunde vor Konzertbeginn in dieser famos ranzigen Location am Hamburger Berg. Und niemand ist da. Der Barmann füllt gerade den Kühlschrank auf. Ich habe Angst, dass das eine ganz traurige Veranstaltung wird. Doch fünf Minuten vor der Show füllt sich der Raum schlagartig.

Reeperbahn Festival, Clubs, Hamburg, St. Pauli, Pop, France, concerts, Biggy Pop, 1000 Gram, Band, Berlin, Headcrash Die ausgefuchsten Festival-Besucher haben sich verwöhnter Weise bereits daran gewöhnt, dass die fleißigen Stagehands, Backliner und Bühnentechniker mittlerweile ein pünktlich wie am Schnürchen laufendes Event wuppen. Applaus für alle, die nicht im Rampenlicht stehen! Und für die darin sowieso. In diesem Fall 1000 Gram aus Berlin, ein Quintett von schlonziger Liebenswürdigkeit. Hymnischer Slackerrock. Mehrstimmige Gitarren- und Gesangsmelodien. Kurzer 90er-Jahre-Flashback von der allerbesten Sorte.

Und heute ist dann wieder heute.

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Die Music Business Summer School, ein Pop-Intensivkurs

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Das Reeperbahn Festival steht kurz bevor. Längst sind diese vier Tage und Nächte auf St. Pauli nicht nur von Konzerten geprägt, sondern sie bilden mit Konferenzteil und Showcases auch einen wichtigen Treffpunkt für die Popbranche. Ich freue mich schon sehr darauf, derart geballt jede Menge musikverrückte Menschen zu treffen. Das wird ein toller pop-verliebter Ausnahmezustand.

Im Vorfeld dieser schönen Reizüberflutung namens Reeperbahn Festival existiert in Hamburg seit sechs Jahren die Music Business Summer School. An sechs Tagen beschäftigen sich da Akteure aus dem Musikgeschäft in Seminaren intensiv mit den aktuellen Entwicklungen ihrer Branche. Die Dozentinnen und Dozenten kommen mitten aus der Praxis. Das heißt: Neben professionellen Erkenntnissen und Theorien, Arbeitsweisen und Strategien können sie auch viele Tricks und Kniffe weitergeben.

Music Business Summer School, IHM, Hamburg Media School, Pop, Business, Workshop, Learning Ich bin Fan von lebenslangem Lernen. Von daher finde ich die Idee großartig, mit solch einer jährlichen „Schulwoche“ im eigenen Metier am Ball zu bleiben und sich austauschen zu können. Ich freue mich daher sehr, einen Tag als Gasthörerin an der Music Business Summer School 2018 teilzunehmen.

Module in Publishing, Live-Entertainment sowie Label- und Vertriebsarbeit

Der Veranstalter, die Interessengemeinschaft Hamburger Musikwirtschaft, kooperiert mit der Hamburg Media School. Das hat den sehr schönen Vorteil, dass die Seminare in deren charmantem Backsteinbau an der Finkenau stattfinden. Klar, es lässt sich überall lernen. Aber auf so einem Campus mit der Hochschule für Angewandte Wissenschaften sowie der Miami Ad School in Sichtweite komme ich direkt viel mehr in kreative und konzentrierte Stimmung.

Music Business Summer School, IHM, Hamburg Media School, Pop, Business, Workshop, Learning, Poster, Design, CI Die Music Business Summer School startete 2013 mit dem Bereich Publishing, der sich mit Verlagsmanagement beschäftigt. Im vergangenen Jahr kam das (boomende) Segment Live Entertainment, also das Konzertgeschäft hinzu. Ganz neu ist der Zweig Recorded Music, der sich mit Label- und Vertriebsarbeit befasst. Und den ich als erstes besuche.

Marketing lernen von Major- und Indie-Labels

An diesem Vormittag steht beim Recorded-Music-Modul der Music Business Summer School das Thema Marketing auf dem Programm. Maria Kramer, die bei Sony Music / Columbia als Head Of Marketing für den Sektor Dance zuständig ist, steht mit ihrer Arbeit dafür, wie sich die Aufmerksamkeit weg vom Album hin zum einzelnen Song verschiebt. Zwar fokussiert sich die elektronische Tanzmusik schon lange auf einzelne Tracks, die auf dem Dancefloor gut ankommen. Aber das Streaming mit seinen Playlisten hat diesen Trend extrem intensiviert.


Zu Marias Track-Marketing im Genre Dance, aber auch in den Bereichen Rap, Urban und Pop gehört daher auch die genaue Analyse, wann ein Titel wie häufig wie lange gestreamt wurde, wie sich einzelne Videos auf Youtube entwickeln, wie häufig ein Song im Radio gespielt wird, wie oft Hörer den Track über Shazam abfragen und und und. Hinzu kommen Auswertungen der Social-Media-Kanäle des Musikers. Diese Daten dienen dazu, das Potenzial des Künstlers sowie dessen Fan-Struktur zu ermitteln. Vor allem aber kann die Marketing-Abteilung mit Hilfe dieses Monitorings fortwährend laufende und kommende Kampagnen optimieren.

Solche daten-getriebenen Kampagnen mögen dem intuitiv agierenden Popfan erst einmal unromantisch erscheinen. Aber letztlich geht es ja im besten Fall darum, dass der Musiker gehört wird und seinen Lebensunterhalt verdienen kann. „Der Künstler sollte immer im Mittelpunkt stehen.“ Diese Aussage stammt von Nina Stepanek, Deputy Director Marketing International bei Warner Music, die anhand von Superstar Ed Sheeran sehr anschaulich deutlich macht, wie vielfältig eine Marketing-Kampagne im Pop abläuft. Diesmal für ein Album, das je nach Genre zum Glück doch noch seine Hörer findet.

Die Kampagne zu Ed Sheerans Album „÷

Seit 23 Monaten läuft die Kampagne zu Ed Sheerans Album „÷“ nun, erläutert Nina. Angefangen mit einem Showcase in Hamburg im November 2016 über den Vorverkaufsstart zur Tour bis zu digitaler Anzeigenschaltung sowie Video- und Instagram-Aktionen. Dass eine Kampagne so lange so hochtourig läuft, sei ungewöhnlich, erzählt Nina. Bei einem wie Ed Sheeran, der vom Singer-Songwriter in Pubs einen erstaunlichen Aufstieg hingelegt hat, funktioniert aber offenbar einiges anders.

Sehr interessant finde ich zum Beispiel, dass vor dem Album zwei Singles gleichzeitig veröffentlicht wurden – „Shape Of You“ und „Castle On The Hill“. Spannend ist zudem die Überlegung, mit „÷“ im Marketing mehr in die Breite zu gehen und die etwas älteren Hörer abzuholen, nachdem Warner Music mit dem Vorgängeralbum „ד offensichtlich bereits eine junge Zielgruppe erreicht hatte. Die Plattenfirma kooperierte zu diesem Zweck verstärkt mit dem Medium Fernsehen, in diesem Fall unter anderem mit dem Sender Vox, wo Ed Sheeran in kleinen Clips vor und nach den Werbeblöcken erschien.

Überrascht hat mich, mit welchem Feingefühl das Marketing betrieben wird. „Bei der Ed-Sheeran-Kampagne ist ständig etwas passiert. Wir haben aber auch sehr genau die Social-Media-Kommentare beobachtet, um zu sehen, ob wir zu viel Input produzieren, also ob wir zurückfahren müssen, um Luft zu schaffen“, erklärt Nina.

Als kleineres Label mit Glaubwürdigkeit punkten

Sehr gut gefällt mir, dass im Wechsel mit Nina, die ja ein Major Label vertritt, eine Plattenfirmenchefin aus dem Indie-Bereich spricht. Marit Posch ist studierte Juristin und hat klassischen Gesang studiert, bevor sie anfing, im Electro-Bereich zu arbeiten. Das ist – nebenbei bemerkt – etwas, das ich an der Musikbranche sehr liebe: Es gibt keinen Parade-Einstieg ins Business. Und viele Menschen im Pop kommen mit spannenden Biografien um die Ecke, die ich so nicht erwartet hätte.

Marit ist Mitbetreiberin von Monkeytown Records, die unter anderem den Electro-Act Modeselektor veröffentlichen. Sie erläutert, dass sie drei Viertel der Aufgaben, die bei einem großen Label auf verschiedene Abteilungen verteilt werden, selbst erledigt. Etwa Media-Kooperationen und Streaming-Management. Zwar analysiere sie auch Daten, aber längst nicht so umfangreich wie ein Major. Dafür reichen die Kapazitäten einfach nicht aus.

Doch obwohl sie viel spitzer kalkulieren müsse, gebe es eben auch effektive Marketing-Mittel, die im Electro-Bereich eine gute Wirkung erzielen. Remixe anderer Künstler zum Beispiel. Zudem könne ein Indie-Label stärker mit Glaubwürdigkeit punkten und sich so selbst als Marke aufbauen. Das sei das große Ziel: Dass Fans die Platten wegen des Labels kaufen, das als eine Art musikalisches Gütesiegel fungiert.

Music Business Summer School, IHM, Hamburg Media School, Pop, Business, Workshop, Learning, Balcony Nach diesem kompakten und informationsreichen Seminarblock ist bei der Music Business Summer School eine knackige Mittagspause angesagt. Die Teilnehmer, die selbst im Booking, bei Veranstaltern oder Verlagen und bei Plattenfirmen arbeiten, treffen sich auf dem sonnendurchfluteten Balkon der Hamburg Media School zu Essen und Kaffee, zum Durchpusten und Reden. Eine anregende Atmosphäre.

Arndt Scheffler von white label eCommerce spricht über Ticketing

Am Nachmittag geht es für mich in der Music Business Summer School weiter mit dem Bereich Live Entertainment. Und mit einem Vortrag von Arndt Scheffler, der 2012 die Firma white label eCommerce mitbegründet hat. Das Hamburger Unternehmen ist spezialisiert auf verschiedene, individuell zugeschnittene Lösungen, um online Tickets zu verkaufen. Dementsprechend referiert Arndt über das Ticketing und dessen Entwicklungen.

Music Business Summer School, IHM, Hamburg Media School, Pop, Business, Workshop, Learning, Poster, Design, CI Natürlich sei eine technisch einwandfrei laufende Benutzeroberfläche entscheidend für Ticketverkäufe. Keiner sitzt schließlich gerne vor einer Server-Fehlermeldung. Aber was für ihn entscheidend ist: der Content. Der Erfolg liegt für Arndt ganz klar darin, dass verschiedenen Partner vom Künstler über das Management bis hin zum Veranstalter noch enger zusammenarbeiten, um zielgruppenspezifische Angebote zu machen.

Als innovatives Beispiel nennt er die Beautymesse Glow, die kontinuierlich mit ihrer Fanbase kommuniziere. Und die nicht nur Tickets für die jungen Besucherinnen der Messe anbietet, sondern auch Karten für eine Entspannungslounge, in der die Eltern verweilen können.

Ein Fazit der Music Business Summer School: keine Angst vor Veränderung

Die Zukunft liegt für Arndt zudem ganz klar im Digitalen, vor allem in Ticket-Apps auf dem Smartphone und – weiter noch – im Bereich künstliche Intelligenz. Und wie die Marketing-Frauen zuvor ist er ein regelrechter Analyse- und Auswertungsfreak. Für ihn sind diese Tools ein Mittel, um aus Fehlern zu lernen, um reagieren zu können, um sich zu verbessern und um wach zu bleiben.

Sein Credo ist es, nicht an bewährten Strategien festzuhalten und keine Angst vor Veränderung zu haben. Das finde ich überaus inspirierend. Natürlich wird auch sehr viel Unsinn mit neuer Technologie angestellt. Aber dieser positive Ansatz gefällt mir sehr gut, da er über rein daten-getriebenes Verhalten dann doch wieder beim Menschen landet. Und im besten Fall bei der Musik.

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“Reeperbahn Festival” 2018: Biggy Pops tierische Top Ten

"Reeperbahn Festival", Fox, Pop, Hamburg

Jetzt kommt die Zeit, in der die Tiere wieder hinein wollen. Heute früh bin ich bereits von einer kompakten Spinne, einem langbeinigen Exemplar sowie diversen Marienkäfern begrüßt worden. Partytime!

Es wird kälter. Die Tiere sind unruhig. Sie dürfen wieder in die Clubs, ohne dass dieser Einkehrtrieb vom Rausgehzwang unterdrückt wird. Dach und Druck statt Himmel und Heiterkeit.

Passend zu diesem aufkommenden Indoor-Feeling hat die große Hamburger Club-Sause, dasReeperbahn Festival”, nun seinen Timetable für die tollen Tage vom 19. bis 22. September veröffentlicht. Und weil ich heute ohnehin schon über Tiere nachdachte und da ich ja nun irgendwie mal anfangen möchte mit dem Durchhören der vielen angekündigten Festival-Acts, ziehe ich einfach die nun folgende Kategorie an den Haaren beziehungsweise am Fell herbei.

Hier ist sie also:
Biggy Pops Top Ten der tierischen Teilnehmer des “Reeperbahn Festivals”.

Jaguwar: Mi 29.9., 23.20 Uhr, Nochtspeicher

Das Raubtier mit der arty Schreibweise. Ich habe diese Berliner Band Anfang des Jahres bereits in meiner Radiosendung Das Draht auf Byte FM gespielt. Damals war soeben ihr Debütalbum „Ringthing“ beim Hamburger Label Tapete Records erschienen. Ich mag den hall-verliebten, halb ausgetüfftelten, halb hingebretterten Sound des Trios. Der Gesang von Oyèmi Noize lässt mich kurz an Juliana Hatfield denken. Ein Tier, in dessen Adern Wave und Noise und Rock und Pop pulsiert. Und das sich beim Gitarrenspiel gerne auf die Pfoten guckt. Das klingt dunkel und zugleich von der Sonne geküsst.

Goat Girl: Mi 19.9., 0 Uhr, Häkken & Do 20.9., 21.30 Uhr, Knust

Yeah, yeah, yeah! Vier Ladies aus London, die sich dem bockigen Ziegentum im allerbesten Sinne verschrieben haben: Die Hufe gewetzt und das Fell struppig spielt Goat Girl einen coolen, lasziven und angenehm spröden Mix aus Indierock, Sixtiesbeat, Jingle-Jangle-Pop und Postpunk. Als Roller-Derby-Fangirl liebe ich Kampfnamen. Und mit Clottie Cream, Rosy Bones, Naima Jelly and L.E.D. sind bei dieser Band vier Premium-Pseudonyme am Start. Besonders amüsant finde ich das Video zu „The Man“, in dem Goat Girl die Beatles-Hysterie geschlechterumgedreht nachspielen: Auf der Bühne rocken die Ziegen, flennend am Zaun davor hängen die Typen. Mäh, mäh! Ich bin gespannt, wie das beim “Reeperbahn Festival” so zugehen wird.

DeWolff: Do 20.9., 17 Uhr, Molotow Backyard & Fr 21.9., 22.30 Uhr, Knust

Aahuuuu! Meister Isegrim heult gerne laut. Doch als ich DeWolff das erste Mal 2017 beim Festival „Sommer in Altona“ im Zirkuszelt sah, spielte die Band aus den Niederlanden wegen Lärmschutzauflagen das wohl leiseste Konzert ihrer Geschichte. Ich freue mich daher schon sehr darauf, das Trio mit ihrem psychedelischen Südstaatenrock im wortwörtlichen Sinne aufgedreht zu erleben. Ich verspreche mir nicht weniger davon als ein Biest, das gerne im Dreck wühlt und sich im Sound verbeißt.

Lion: Do, 20.9., 21 Uhr, St. Pauli Kirche

Mitunter sind Klischees ja auch was Feines. Wer sich im Popkontext eine Person mit dem Künstlernamen Lion vorstellt, könnte flugs bei Beth Lowen landen – blondbraune Mähne, lauernder Blick und kraftvoller Auftritt. Das Wichtigste jedoch: Diese Löwin besitzt eine Stimme, die nicht sanft schnurrt, sondern wild und rau aus den tiefsten Tiefen emporsteigt. Die Australierin, die es nach England verschlagen hat, ist eine unberechenbare Musikerin, die sich mal scheinbar dösend dem Singer-Songwriter-Sound hingibt, um dann blitzschnell mit der Pranke des Rock ‘n’ Roll zuzuschlagen. Wer sich auf Safari in die St. Pauli Kirche wagt, dürfte dort also eher Aufschrei als Andacht finden.

The Dogs: Do 20.9., 23 Uhr, Karatekeller im Molotow

Und wo wir schon bei Stereotypen sind: Bei einer Band, die The Dogs heißt, stelle ich mir ein paar räudige Typen mit dicken Koteletten und verschwitzten T-Shirts vor, die sich irgendwo zwischen Britpop und Punk bewegen, viel Bier trinken und noch mehr davon verschütten. Nun ja, knapp vorbei ist auch daneben. Die norwegischen Hunde, von denen an dieser Stelle die Rede sein soll, sind äußerst adrette Erscheinungen mit schwarzen Hemden und schnieke zurückgekämmten Haaren. Wenn ich mir ihre Songs zwischen Garagen- und Punkrock so anhöre, beschleicht mich allerdings der Verdacht, dass es live durchaus wüst zugehen könnte bei diesem Rudel. Die Frage ist nur: Sechs kläffende Köter im Karatekeller des Molotow – wo soll da noch das Publikum hin?

Walrus: Fr 21.9., 14 Uhr, Kukuun

Wenn sich Walrösser an Land hieven, machen sie einen recht schwerfälligen Eindruck. Im Wasser hingegen gleiten sie elegant dahin, sie überraschen mit entspannten Drehungen und Wendungen. Ganz so verhält es sich mit der Rockband namens Walrus. Schlurfige Typen, deren Songs so psychedelisch dahin driften und mit Wucht um die Kurve kommen, als schwämme das Robbentier durch ein Korallenriff. Alles so schön bunt hier. Und so angenehm verschwommen. Diese wunderbaren Weirdo-Walrosse stammen übrigens aus Halifax und spielen im Kukuun, dem Haus der Kanadier, die beim “Reeperbahn Festival” traditionell einen großen Aufschlag hinlegen. Da dürfte gewiss einiges an Stimmung überschwappen. Und jetzt alle: „I Am The Walrus“!

Cat Clyde: Fr 21.9., 20.50 Uhr, Schulmuseum

Diese Katze hat den Blues. Und Soul. Und sie besitzt den weiten traurigen Blick, der tief ins Herz des Country hineinzuschauen versteht. In dem Poesiealbum namens Facebook gibt sie an, dass sie alte Westernfilme liebt. Und wir malen uns aus, wie sie dunkel schnurrend diese düsteren Geschichten anschaut, um sie in ihrer Seele abzulagern und später in ihre eigenen schönen Storys zu verwandeln. Dann spielt sie auf ihrer Gitarre Melodien von betörender Schlichtheit, während ihre Stimme zeitlos und facettenreich ertönt. Ein Gesang, der sich in unserer Inneres schleicht, um dort – ganz Katze – zu machen, was er will.

Milkywhale: Sa 22.9., 19.30 Uhr, Häkken

Menschen sollten viel mehr alleine in ihren Wohnungen und Häusern umher tanzen. Unbeobachtet. Albern. Ausgelassen. Sehr schön demonstriert das die junge Isländerin namens Melkorka Sigríður Magnúsdóttir in ihrem Video zu „Birds Of Paradise“, wo sie zu einem feinen, sich euphorisch steigernden Electro-Pop auf Socken durch die Räume tobt. An ihrer Seite jedoch kein milchiger Wal, wie der Name ihres Duos vermuten ließe, sondern ein träge dreinschauender Windhund. Wieso nicht? Je mehr Tiere, desto besser. Die betörenden wie beschwingten Sounds stammen von ihrem Kompagnon Árni Rúnar Hlöðversson, seines Zeichens zudem Mitglied der Band FM Belfast. Spätestens seit dem Roman „Per Anhalter durch die Galaxis“ wissen wir ja, dass sich eine Rakete in einen Wal verwandeln kann. Vielleicht wird es bei diesem Konzert umgekehrt der Fall sein.

Mammal Hands: Sa 22.9., 23.10 Uhr, Resonanzraum

Mammal Hands – Säugetierhände. Willkommen in der Oberkategorie des Tierlichen. Und was fabrizieren sie, die Hände? Jazz. Schwelgerische, atmende, organische, sich in Schlaufen wiederholende und stets leicht variierende, sachte wachsende Musik. Quasi Evolution zum Zuhören. Saxofon, Schlagzeug und Piano sowie Keyboard bilden ein dreiköpfiges wunderschönes Übertier, das beim “Reeperbahn Festival” im Resonanzraum des Feldstraßenbunkers in seinem entsprechenden Habitat zu betrachten ist.

Black Foxxes: Sa 22.9., 23.15 Uhr, Kaiserkeller

Sind Füchse, die sich mit zwei x schreiben, doppelt so schlau und gerissen wie andere? Mag sein. Vielleicht sind sie auch einfach nur wütender und melancholischer. Das britische Trio Black Foxxes nennt seinen Sound selbst Romantic Gloom. Und da erinnern wir uns doch flugs an all die Fabeln, die den Fuchs an und für sich umgarnen. Und an die Nachrichten, die Reineke immer häufiger bei den großen Städten sehen. Wird da das Tier menschlicher oder der Mensch tierischer? Die Black Foxxes jedenfalls sprechen und schreien mit ihrem brachialen Indierock unsere innersten Instinkte an. Fuchs, du hast den Grunge gestohlen. Gut so.

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