Miu mit „Modern Retro Soul“: Sängerin und Strippenzieherin

Miu, Modern Retro Soul, Album, Cover, Music, record, Porträt, Singer, Soul, Jazz, Hamburg

Es gibt diesen einen prägnanten Satz auf dem neuen Album von Miu, der in mir direkt auf Heavy Rotation gegangen ist. Das liegt zum einen daran, dass der Song dazu einfach ungemein cool und beschwingt ins Herz hineinspaziert. Mit tänzelnder Orgel, pointierten Bläsersätzen und Mius lässig schillerndem Gesang.

Zum anderen erfasst dieser Satz aber auch bestens den künstlerischen Kosmos, den die Hamburger Musikerin um sich herum geschaffen hat. „I am working so hard / to make it look easy“, singt Miu auf ihrer dritten Platte „Modern Retro Soul“, die diesen Freitag erscheint. 

Wer bringt heutzutage denn noch ein Doppelalbum heraus?

Miu, Modern Retro Soul, Album, Cover, Music, record, Porträt, Singer, Soul, Jazz, Hamburg
alle Fotos von Zauke Photography

Oh ja, was hat diese Frau hart gearbeitet, um etwas wirklich Großes und Poetisches zu erschaffen. Wer bringt heutzutage denn noch ein Doppelalbum heraus? Und das dann auch noch als Independent-Künstlerin ohne Plattenfirma im Rücken? „Sing doch auf Deutsch“. Oder: „Veröffentliche doch lieber nur Singles nacheinander“. Allen Vermarktungstipps zum Trotz hat Miu ihr Ding durchgezogen. Und das mit Hilfe ihrer Fans, ihrer Freunde und ihrer ganz besonderen Energie. 

Ich habe Miu vor fünf Jahren bei einem Interview kennengelernt, das wir in ihrer damaligen Wohnung in Eidelstedt geführt haben. Ihre Katzen streiften ums Klavier. Und Marilyns Konterfei grüßte von der Wand. Damals hat mich Mius Charisma sofort angesteckt. Eine verspielte Ernsthaftigkeit. Augenzwinkernd und zugleich klar im Gespräch. In Musik und Stil wiederum verkörperte Miu für mich immer schon die Symbiose aus alter Seele und frischem Wind, aus old school und Zeitgeist.

Und das ist genau die Bandbreite, die sie auf „Modern Retro Soul“ wagt. Ihr Sound speist sich deutlich hörbar aus einer immensen Liebe für Ikonen des Soul, Jazz und Blues. Sie umarmt aber zugleich aktuelle Einflüsse von Pop bis Indierock.  Ella Fitzgerald trifft auf die Black Keys, Diana Ross auf Alabama Shakes. 

Miu, Sängerin und Songschreiberin, Geschäfts- und Do-It-Yourself-Frau

Da ist zum Beispiel „9 Lives“. Eine dunkel vibrierende Selbstbehauptungshymne, die einen mit sattem Beat und Twist auf die Tanzfläche zieht. Und mindestens neun Leben scheint Miu tatsächlich zu haben. Sie ist nicht nur Sängerin, Songschreiberin und Komponistin. Sie ist zugleich Geschäfts- und Do-It-Yourself-Frau, Labelbetreiberin und Alle-Strippen-Zieherin — etwa, wenn es darum geht, „mal eben“ Drehs für ihre Videos in Paris oder Spanien zu organisieren.

Miu, Modern Retro Soul, Album, Cover, Music, record, Porträt, Singer, Soul, Jazz, Hamburg

Zudem ist Miu leidenschaftliche Lobby-Arbeiterin: Mit Ladies.Artists.Friends. holt sie künstlerische Komplizinnen auf die Bühne. Bei RockCity, dem Hamburger Zentrum für Popularmusik, engagiert sie sich für fairere Bedingungen im Musikschaffen. Und bei der Hamburg School of Music gibt sie ihr Know-how als Dozentin weiter. Da ich als Selbstständige selbst ständig viele Bälle parallel in der Luft zu halten habe, inspirieren mich derart zupackende Menschen immer sehr. 

„Fuck You Very Much“, munter-wütender Abgesang auf die Musikbranche

Ihre Festanstellung als Marketing-Expertin in einer Werbeagentur hat Miu längst gekündigt, um sich mit Haut und Haaren ihrer Kunst zu widmen. Sicherheiten derart konsequent loszulassen, bedingt ja immer auch, sich seinen eigenen Ängsten zu stellen. Und dieser Mut, diese Lebensklugheit klingen in vielen ihrer aktuellen Songs an. Etwa in „Moving Out“. Ein Aufbruchssong, der bluesig brodelt. In dem die Gitarren spannungsgeladen verzerren. Und in dem Mius Stimme trotzig strahlt. 

Miu, Modern Retro Soul, Album, Cover, Music, record, Porträt, Singer, Soul, Jazz, HamburgSehr gut gefällt mir ebenfalls „Fuck You Very Much“. Ein munter-wütender Abgesang auf die Musikbranche und all ihre vermeintlichen gut gemeinten Ratschläge: „Nimm doch lieber zehn Kilo ab, dann bist du bestimmt erfolgreicher“. Oder: „Wir können dich nicht bezahlen für dein Konzert, aber dafür bekommst du ja die Aufmerksamkeit.“

Miu konnte es nicht mehr hören und hat lieber ihre Community mobilisiert. Mittels Crowdfunding hat sie mehr als 22.000 Euro für die Produktion von „Modern Retro Soul“ akquiriert. Als Dankeschön warten nun selbst gestrickte Mützen und Wohnzimmerkonzerte auf ihre vielen Sponsoren. 

Musikerinnen wie Amanda Palmer machen es derzeit eindrucksvoll vor, dass sich im Pop jenseits von gängigen Strukturen neue Finanzierungswege erschließen lassen. Palmer lässt sich nach einem Mitgliederprinzip von ihren „Patrons“ langfristig bei Projekten fördern. Das bedeutet im Umkehrschluss vor allem: eine intensive Interaktion mit der eigenen Community.

Neu justieren, dem eigenen Sound nachspüren

Auch Miu tauscht sich auf vielen verschiedenen Ebenen mit ihren Fans aus. Über Social Media und in ihrem eigenen Podcast „Modus Miu“ erzählt sie regelmäßig von ihren Aktivitäten rund um Album und Auftritte, etwa von den Aufnahmen zu „Modern Retro Soul“ im Studio Nord bei Produzent Gregor Henning. Und ihre Community hat auch ein Wörtchen mitzureden: Miu lässt zum Beispiel abstimmen, wie ihr Merchandise aussehen soll.

Musik auf all diesen Ebenen zu erschaffen, zu verbreiten und mit der eigenen Persönlichkeit zu beleben, ist exakt Mius Sache. Dass ist ihr in jeder Begegnung — ob nun online oder offline — deutlich anzumerken. Doch all das zu jonglieren, ist eben auch: „working hard to make it look easy“. In ihrer Minidoku zu „Modern Retro Soul“ (wann auch immer sie die noch gedreht und geschnitten hat) erzählt Miu offen von der Belastung als Berufsmusikerin dieser Tage. Dass sie sich nach ihren beiden ersten Alben erst einmal wieder neu justieren musste. Viel Musik hören. Ihrem eigenen Sound nachspüren. Um dann nach und nach Einflüsse von außen herein zu lassen.

Instrumentelle Bandbreite von Mellotron bis zu Streichern

Ihr Partner, der Musiker und Produzent Magnus Landsberg, hat sich bei „Modern Retro Soul“ ebenso eingebracht wie zahlreiche befreundete Popkünstlerinnen und -künstler, etwa Kristoffer Hünecke von Revolverheld und Ben Schadow von Rhonda, die Soloartisten Jonathan Jeremiah und Emma Longard, Songschreiberin Jim Button und Sängerin Sarajane. 

Miu, Modern Retro Soul, Album, Cover, Music, record, Porträt, Singer, Soul, Jazz, HamburgDass das Album organisch gewachsen ist, ist deutlich zu hören. Sowohl musikalisch mit einer instrumentellen Bandbreite von Mellotron bis zu Streichern, als auch inhaltlich. „Modern Retro Soul“ lotet unsere Existenz aus. Von einem düsteren Drama wie „Holy Grail“ bis zum verheißungsvollen Schmelz von „So Much More“.

„Modern Retro Soul war für mich eine Reise, bei der ich den Sinn wiedergefunden habe, warum ich eigentlich Musik mache“, sagt Miu. Ich bin wirklich gespannt, wohin ihr Weg mit dieser Platte führen wird. Und wie sie all die neuen Nummern mit ihrer Band umsetzen wird. Live habe ich Miu bereits in unterschiedlichsten Locations erlebt — vom lauschigen Gartenfest bis zur Elbphilharmonie.

Für mein Empfinden, hat Miu mit ihrem Doppelalbum auf mehreren Ebenen riesige Sprünge hingelegt. Ihre Stimme ist noch vielfältiger geworden. Erdig, verletzlich, cool, selbstbewusst, aufregend, leuchtend. Die Stücke sind feiner arrangiert, detailverliebter. Sie hat sich stilistisch geöffnet. Und ist doch umso mehr sie selbst. 

Follow my blog with Bloglovin

Tanju alias Tan LeRacoon: Polit-Songs mit Soul

Tanju Boerue, Tan LeRacoon, album, record, cover, artwork, Funeral Parade Of Roses, musician, Hamburg, The Slits, Reeperbahn Festival, Tourmanager

Es existieren in der Hamburger Musikszene extrem viele Menschen, die tragen keine klangvollen Namen wie Deichkind oder Ina Müller. Doch sie durchziehen das hiesige Popleben derart fein verästelt, dass sie den gesamten Grund zusammenhalten. Ein weit verzweigtes Wurzelwerk, das nicht nur den Baum mit Energie versorgt, sondern auch mit dem gesamten Mutterboden kommuniziert. Mit dem Humus. Eine solche Persönlichkeit ist für mich Tanju Boerue alias Tan LeRacoon.

Kennengelernt haben wir uns, als Tanju von 2004 bis 2016 gemeinsam mit Anja Büchel die hinreißende Hasenschaukel an der Silbersackstraße betrieb. Ein wildes und warm leuchtendes Wunderland mit skurrilem Retro-Charme. In einer Mischung aus Euphorie, Geduld und Improvisation boten Anja und Tanju damals noch unbekannten Künstlern wie Gisbert zu Knyphausen eine Bühne. Und mit meinem Radiokollektiv Das Draht durfte ich mich erstmals beim öffentlichen Auflegen ausprobieren. Unglaublich familiäre Partys waren das in diesem freigeistigen Labor auf St. Pauli.

Tanju, Timothy Leary und The Slits

Seit Jahren arbeitet Tanju als Musikmanager und Tourbegleiter — und verantwortet die Produktion beim Reeperbahn Festival. Ein professionalisierter „Do it yourself“-Typ mit offener Freundlichkeit. Und ein Mensch, der von Musik durchdrungen ist. Der sich Popgeschichte nicht bloß angelesen, sondern sie mitgeschrieben hat: Im London der 80er-Jahre Punk-Fanzines machen. Im Umfeld des New Yorker Chelsea Hotels in Bands spielen. Mit Hippieguru Timothy Leary in L.A. leben. Die formidable Feministin Ari Up von The Slits als Komplize begleiten. Ein historisches Fabelwesen, das im Hintergrund funkelt.

Tanju Boerue, Tan LeRacoon, album, record, cover, artwork, Funeral Parade Of Roses, musician, Hamburg, The Slits, Reeperbahn Festival, TourmanagerAll diese Erfahrungen lässt Tanju als Tan LeRacoon in seine eigene Musik einfließen. Sein Alter Ego gefällt mir sehr gut, sind Racoons, also Waschbären, doch nicht nur gewitzte, sondern auch gesellige Tiere. Auf Wikipedia findet sich unter anderem folgende Beschreibung: „Aufgrund seiner Anpassungsfähigkeit ist es dem Kulturfolger Waschbär gelungen, urbane Gebiete als Lebensraum zu nutzen.“ Solch ein „verstädterter Waschbär“ ist Tan LeRacoon definitiv. In den Clubs und Kaschemmen nach Nahrung suchend. 

Neues Album „Funeral Parade Of Roses“

2016 veröffentlichte Tanju mit „Dangerously Close To Love“ ein rau knisterndes Folk-Pop-Album. Nun ist mit „Funeral Parade Of Roses“ beim Hamburger Label Légère Recordings seine neue Platte erschienen, die sich stilistisch noch weiter öffnet. Das Spektrum reicht von dunkel nachhallenden Aufnahmen in Bedroom-Atmosphäre über enorm tanzbaren Beat und Soul bis hin zu verzerrtem Post-Punk. 

Tanju Boerue, Tan LeRacoon, album, record, cover, artwork, Funeral Parade Of Roses, musician, Hamburg, The Slits, Reeperbahn Festival, Tourmanager
Tan LeRacoon, fotografiert von Casa De Chrisso (ebenso das Titelbild)

Tanju erzählt von persönlichen Dämonen, von Aufbruch und Heilung. Anekdotische Blitzlichter flackern auf, an unterschiedlichen Orten rund um den Globus — von Birmingham bis nach New York. Vor allem aber ist sein Album ein wütendes, ein politisches. Die Gitarre bleibt nicht im Folk-Modus, die Bläser setzen nicht bloß gefällige Akzente. Bereits im Opener „Your Own Way“ steigert sich der Sound von etwas Intimem zu einer brodelnden Dringlichkeit. In dem Signature-Song „Tanuki Is Back“ rauscht Tanju mit taumelndem Gesang hinein in satten Soul-Punk. Und mit „I.G.S.“ liefert er einen beschwingten Hand-Clap-Protestsong.

Entfesselter Kapitalismus. Menschen, die in die Flucht getrieben werden. Das Erstarken der Rechten. Sexismus und Homophobie. Krieg und Lügen. Das Verharren in Filterblasen und Komfortzonen. Tanju verhandelt diese Themen in seiner Poesie zwischen somnambulem Fiebertraum und blankem Entsetzen, sucht jedoch letztlich optimistisch nach Lösungen.

Crooner der Zwischentöne

Über seine Motivation sagt er: „Aktiv zu sein, bedeutet ja nicht, schlecht gelaunt durch die Welt zu laufen. Wir können nur Menschen erreichen, wenn wir ihnen Alternativen bieten. Ich versuche meine Anliegen im Dialog zu vermitteln – so schwer das manchmal auch fällt. Es nützt nichts, nur eine Klientel anzusprechen, von der du weißt, dass sie eh deiner Meinung ist.“ 

Um die Bandbreite zwischen ernsten Texten und oftmals gut gelaunter Musik zu realisieren, hat Tanju eine feine Allstar-Band um sich geschart: Linus Lindvall (Golden Kanine), Jens Fricke (Staring Girl, „Gundermann“-Film, Gisbert zu Knyphausen), Dino Joubert und Caroline Blomqvist (MinRu), Felix Roll (Torpus & The Art Directors), Gabor Bertholini (Golden Kanine, The Great Bertholinis), Mattias Larson (Cub & Wolf), Robert Weitkämper (Dr. Ring-Ding, Staring Girl) sowie die Bläser-Sektion von Diazpora. Produziert hat Tanju das Album in Eigenregie, gemischt wurde „Funeral Parade Of Roses“ von Gregor Hennig im Studio Nord in Bremen.

Besonders interessant finde ich die Nummer „Battle Is Over, War Isn’t Won“. Ein geheimnisvoll-verschlepptes Reggae-Stück, in dem Tanju uns in einer Spoken-Word-Performance seine Sicht auf die Lage der Welt einflüstert — und damit auch seine Fragen und Zweifel, seine Überforderung und Erschöpfung. Ein Crooner der Zwischentöne. Ein musikalischer Aktivist.

Follow my blog with Bloglovin

Interview mit Abramowicz zum Album „The Modern Times“: „Rock ’n’ Roll ist der beste Rat- und Haltgeber“

The Modern Times, Album, Debut, Abramowicz, Band, Indie, Rock, Rock 'n' Roll, Punkrock, Hamburg, Music, Scene, Molotow, Label, Radicalis, Interview, Sören Warkentin, Singer, Guitarist

Vor einigen Wochen schrieb mich die Hamburger Rockband Abramowicz an und erzählte mir von ihrem anstehenden Debütalbum. Damals steckte ich noch mitten in meinem Brüsseler Arbeitswohnprojekt, weshalb wir ein Interview per Mail verabredeten. Mittlerweile ist „The Modern Times“ erschienen. Ich bin zurück in Hamburg. Und Sänger und Gitarrist Sören Warkentin hat mir die Antworten auf meine Fragen geschickt.

Ich kenne Abramowicz seit Jahren als Hausband des Molotow. Auf ihrem ersten Longplayer zeigen die fünf Freunde, dass sie wesentlich mehr sind als die local heroes des heiß geliebten Kiezclubs. Gleichzeitig transportiert „The Modern Times“ sehr viel der glückseligmachenden räudigen Energie einer rock ’n’ rolligen Nacht.

Abramowicz Mitte Mai mitternachts im Molotow

„Alles in allem sprechen wir hier von einer Band, der ein Album voller wundervoller Geschichten, beeindruckend eingängiger Momente und vielen Gänsehaut versprechenden und authentisch mitten ins Herz treffenden Hits gelungen ist“, sagt Jörkk Mechenbier über das Album. Der Love A-Kopf ist neben diversen anderen Persönlichkeiten aus der Hamburger Musikszene im feinen Abramowicz-Video zu „This Is Not My City“ zu sehen.

Einen Artikel und eine Rezension zu „The Modern Times“ gibt es unter anderem zu lesen bei den Kollegen der „Visions“ (für die ich seit Kurzem ebenfalls schreibe). In diesem Monat sind Sören sowie seine Bandkollegen Niki Loew (Gesang, Bass), Nils Warkentin (Drums), Sascha Blohm (Gesang, Gitarre) und Finn Grunewald (Keys) zudem live auf Tour zu erleben. Ich jedenfalls freue mich schon sehr auf das mitternächtliche Konzert von Abramowicz am 11. Mai im — na klar — Molotow. Und zur Einstimmung gibt es nun das Interview mit Sören. Viel Spaß.

Sound und Gesang klingen auf „The Modern Times“ noch dringlicher und akzentuierter als auf der 2016er-EP „Call The Judges“. Mit welchem Impuls, welchem Ansatz seid Ihr an das Album herangegangen? 

Zunächst war klar, dass wir nach unseren ersten zwei EPs endlich ein komplettes Album schreiben und produzieren wollten. 2016 und 2017 waren wir so viel auf Tour, dass wir kaum Zeit gefunden haben, an neuen Songs zu arbeiten. Wir haben uns 2018 dann bewusst eine Auszeit vom Touren genommen, um die Platte zu schreiben. Wenn man von einem Ansatz sprechen möchte, dann ging es uns einfach darum, die bestmögliche Platte zu machen und alles aus den Songs rauszuholen. Wir haben keine thematischen Schwerpunkte gesetzt, weder in Bezug auf die Texte noch auf die Musik. Es war eher so, dass wir uns die Songs immer wieder vorgenommen haben und so lange daran gearbeitet haben, bis wir zufrieden waren. 

The Modern Times, Album, Debut, Abramowicz, Band, Indie, Rock, Rock 'n' Roll, Punkrock, Hamburg, Music, Scene, Molotow, Label, Radicalis, Interview, Sören Warkentin, Singer, Guitarist
Abramowicz, fotografiert von Sascha Lepp (3)

Fiel es schwer, Euer Debütalbum loszulassen — also zu sagen: Jetzt müssen die Songs auch mal hinaus in die Welt? 

Wir haben uns und unserer Musik einem Prozess ausgesetzt, der theoretisch endlos hätte weitergeführt werden können. Schreiben, umschreiben, verwerfen und so weiter. Wir sind aber definitiv eine Band, die den Fokus auf das Livespielen an sich legt. Von daher freuen wir uns auf die anstehende Tour und sind insofern eher froh, dass die Platte endlich das Licht der Welt erblickt hat. Auch wenn wir uns bewusst keine Deadline für das Schreiben der Songs gesetzt haben. Im Rückblick hätten wir wahrscheinlich einiges anders gemacht. Aber ich denke, da kommt man als Kunstschaffender nie raus. Abgesehen davon sind inzwischen ja auch einige Tage ins Land gegangen. Und es gibt Leute, die gar nicht mehr damit gerechnet haben, dass wir tatsächlich noch eine Platte veröffentlichen. Wir haben von verschiedenster Seite gehört, dass es eigentlich schon zu spät sei, ein „Debüt“ zu veröffentlichen, da all die Energie, die wir aus den ersten EPs ziehen konnten, verpufft sei. Aber da haben wir — nach dem Motto „gut Ding will Weile haben“ — immer drübergestanden. 

The Modern Times, Album, Debut, Abramowicz, Band, Indie, Rock, Rock 'n' Roll, Punkrock, Hamburg, Music, Scene, Molotow, Label, Radicalis, Interview, Sören Warkentin, Singer, GuitaristEurem Artwork nach zu urteilen sind „The Modern Times“ im wahrsten Sinne des Wortes zum Heulen. Wie kam es zu Titel und Covergestaltung des Albums? 

Wir haben nach etwas wie der Quintessenz des Albums gesucht. Dabei sind wir auf den Titel gestoßen, der auch in der Zeile „Welcome to the Modern Times – are you happy, are you satisfied?“ zum Tragen kommt. Ich betrachte mich als Texter eher als einen Beobachter und weniger als jemanden, der Dinge bewertet. In diesem Sinne drehen sich die Songs oft um Zustandsbeschreibungen. Auf dem Cover ist Saschas kleine Schwester an ihrem Geburtstag zusehen. Das Bild ist in den 70er-Jahren entstanden. Wir fanden das Kontrastierende, das dem Foto in Bezug auf den Titel innewohnt, super interessant. Mir ist klar, dass vieles von dem, was ich erzähle, so oder so ähnlich schon in früheren Zeiten gesehen oder erlebt wurde. Und wahrscheinlich wird sich das in Zukunft auch nicht ändern beziehungsweise wiederholen. Das Leben spielt dir Streiche und du begegnest Situationen, denen du dich nicht aussetzen möchtest. Ich denke, es ist ein Charakteristikum des Menschlichen, sich durchbeißen zu wollen. Und daran zu glauben, dass beschissene Situationen vorübergehen und die Sonne irgendwann wieder scheint. Uns ging es also nicht darum rumzuheulen. Eher darum, Hoffnung zu verbreiten. Vielleicht versuchen wir also nur, die tröstende Schulter des kleinen Mädchens auf dem Cover zu sein. 

Songs wie „Blood Red Letters“ oder auch „Mountains“ vermitteln für mich ganz stark: Ich kann nicht alles versprechen, nicht das perfekte Paket bieten, ich scheitere, mache Fehler, aber ich versuche es weiter, ich bleibe am Start und beginne zur Not immer wieder neu. Eigentlich auch eine gute Philosophie fürs Musikmachen, oder?

Ich denke, dass ist nicht nur eine gute Philosophie fürs Musikmachen. Wir leben heute in verrückten Zeiten, in denen alte Gewissheiten in Frage gestellt werden. In denen die Leute sich ihre Miete nicht mehr leisten können und das Klima auf den Kollaps zusteuert etc. etc. Jetzt könnten wir den Kopf in den Sand stecken und sagen: „Fuck it – wir sind am Ende“. Aber ich glaube, so tickt der Mensch nicht. Das gilt auf der gesellschaftlichen, wie auf der individuellen Ebene. Klar sind wir schwach, aber immer noch stark genug, uns unsere Schwäche einzugestehen.
Ich schreibe mir ständig irgendwelche Textschnipsel ins Handy, setze mich dann mit der Gitarre hin und gucke was passiert. Die Inspiration verknüpfe ich dann meistens mit Erinnerungen, die mir sagen, warum ich diesen Satz oder dieses Wort aufgeschrieben habe. 

Wie sieht die Rollenverteilung bei Euch in der Band aus? Wer schreibt die Songs, wer die Texte? Und, wenn Ihr mögt: Wer übernimmt Organisatorisches, wer sorgt für den Comic Relief etc.? 

Ich habe – ehrlich gesagt – keine Ahnung, was Comic Relief bedeutet. Bei uns sieht es auf jeden Fall so aus, dass meistens ich oder Sascha mit einer Idee in den Proberaum kommen und wir drauflos jammen. Manchmal entstehen dann schnell Songideen. Manchmal werden die Sachen einfach verworfen und wir kramen sie vielleicht irgendwann nochmal hervor. Auf der Platte sind Songideen zu Songs geworden, die schon älter sind als unsere erste EP. Was das Organisatorische angeht, sind wir schon viel professioneller geworden. Allerdings würde ich uns immer noch als eher chaotischen Haufen beschreiben. Deswegen hat es auch so lange gedauert, bis ich Dir auf Deine Fragen Antworten gebe. Sorry dafür! 

Wo, mit wem und wie lief die Produktion des Albums ab?

Als wir das Gefühl hatten, genügend Material für die Platte zu haben, sind wir ins Watt’n Sound Studio an die Nordsee gefahren und haben vier bis fünf Tage konzentriert daran gearbeitet, aus den Ideen Songs zu formen. Dann hatten wir insgesamt vier Vorproduktionssessions in Hamburg zusammen mit Paul Konopacka. Wir haben Songs live eingespielt, Paul hat alles roh gemixt und wir haben an den Songs gefeilt. Paul hat definitiv auch aktiv ins Songwriting eingegriffen und jeden Song noch besser gemacht. Die Aufnahmen an sich haben wir dann wieder im Watt’n Sound Studio gemacht — mit Kristian Kühl und Paul Konopacka. Ich glaube, wir waren zehn Tage an der Nordsee und danach ungefähr 14 Tage im Studio von Kristian in Hamburg. Während der Sessions hat sich nochmal vieles verändert. Wir haben ohne Ende Gitarrenpedale etc. ausprobiert und hatten Probleme, die richtigen Effekte wieder zu finden, als wir angefangen haben, für die Tour zu proben. Kristian, Paul und wir als Band haben versucht, das alles so entspannt wie möglich zu machen und eine freundschaftliche „Feel-Good“-Atmosphäre zu schaffen. Ich glaube, das ist uns auch ganz gut gelungen. Wir hatten in jedem Fall super viel Spaß, haben viel gelacht und viel getrunken. Good Times halt! 

The Modern Times, Album, Debut, Abramowicz, Band, Indie, Rock, Rock 'n' Roll, Punkrock, Hamburg, Music, Scene, Molotow, Label, Radicalis, Interview, Sören Warkentin, Singer, Guitarist

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit der Schweizer Plattenfirma Radicalis, die ja erst 2018 eine Dependance in Hamburg eröffnet hat und erst seit Kurzem in die Labelaktivität eingestiegen ist? 

Wir kennen Alex Beyer, der einer derjenigen ist, die die Dependance eröffnet haben, schon seit unserer ersten EP. Damals hatte er zusammen mit Lukas Heger und Matthias Brinkmann das Label „Sportklub Rotterdamm“ gegründet und wir waren der erste Release auf diesem Label. Bei der zweiten Platte haben sich der Sportklub und Uncle M die Arbeit geteilt. Als es darum ging, das Album zu veröffentlichen, haben wir als erstes bei Alex angeklopft. Und zum Glück hat das alles mehr als gut funktioniert. Alex ist für uns sowas wie der große Bruder der Band. Aber alle Leute bei Radicalis, insbesondere auch Christoph Hallerberg, sind einfach großartig. Ich glaube, wir können einfach nur dankbar sein. Denn wir können sagen, dass die Jungs einfach einhunderprozentig hinter uns und unserer Band stehen. Das ist wirklich ein schönes Gefühl! 

Ein Stück wie „Brooklyn“ transportiert eine große Sehnsucht. Und in einer Nummer wie „Wild Rover“ singt Ihr im Chor: „We salute the night / to forget the day“. Lässt sich Rock’n’Roll, also das gute wilde, den Herzschlag beschleunigende Leben in den „modernen Zeiten“ überhaupt noch real leben? Oder ist Rock ’n’ Roll womöglich wieder mehr Gegenmodell denn je in unserer zunehmend durchgetakteten Gesellschaft? 

Vielleicht ist der Rock ’n’ Roll, wie wir ihn verstehen, gerade in diesen Zeiten der beste Rat- und Haltgeber. Und vielleicht glaube ich deshalb, dass er nie untergehen wird. Wenn wir diese Zeilen singen, wollen wir an das vielleicht manchmal Unvernünftige, aber dadurch Tröstende appellieren. Egal wie beschissen dein Tag war, für ein paar Momente hast du die Möglichkeit, davor abzuhauen. Für mich gibt es keine andere Form als die Musik, die das vermitteln kann. 

„You’ve been the first on the dance floor / and the last one to leave.“ Bei dieser Zeile kommt mir die Hamburger Rock ’n’ Roll-Instanz Molotow in den Sinn, mit der Ihr eng verbunden seid. Was bedeutet Euch diese Club-Heimat? 

Nils und ich arbeiten dort noch. Sascha war mal Hausmeister. Niki stand hinterm Tresen und Finn auf der guten Seite des Tresens. Außerdem hat uns der Laden früh die Möglichkeit gegeben, live zu spielen. Von daher sind und werden wir dem Laden immer verbunden bleiben. Abgesehen davon liefert das Nachtleben generell und das Molotow im Speziellen eine super Inspirationsquelle für Songs. 

„In the town for the rich and the famous / there will be no dirt no more“, heißt es im Song „Not My City“. Wie nehmt Ihr als Hamburger Band die popkulturelle Entwicklung in der Stadt wahr? Wird es härter, sich den schönen Schmutz und die subkulturellen Ecken zu erobern? Oder gibt es durchaus ein Bewusstsein, wie wichtig das künstlerische Leben jenseits von Elbphilharmonie und Musicals ist? 

In politischer Hinsicht muss das alles sicherlich problematisch bewertet werden. Wir hatten bis vor Kurzem, so wie 120 andere Bands, im Otzenbunker unseren Proberaum, der auf behördliche Anweisung hin dichtgemacht wurde. Ich glaube, dass viele Leute nach St. Pauli kommen, um diesen „schönen Schmutz“ zu erleben. Dass das alles aber nicht portofrei zu haben ist, wird gerne vergessen. Ich habe nichts gegen „hochkulturelle“ Stätten à la Elbphilharmonie. Man muss nur aufpassen, dass der Fokus nicht komplett verschoben wird. Und ich denke, dass niemand ein echtes Interesse an dem fortwährenden Ausverkauf der Stadt Hamburg und der Städte im Allgemeinen haben kann. Die echten Geschichten findet und erlebt man eben nicht hinter hochglanzpolierten Fassaden. 

Vielen Dank für dieses spannende Interview und Dein Interesse!

Merci für die Antworten — und die Musik!

Follow my blog with Bloglovin

Das neue Album von Rhonda – Soundtrack fürs reisende Herz

Band, Rhonda, Album, „You Could Be Home Now“, Label, Popup Records, Pop in Hamburg, Pop, Hamburg, Los Angeles, Milo Milone, Ben Shadow, Soul, Rock, Americana, Pop

Ich fahre mit dem Zug von einem Termin in Berlin zurück nach Hamburg und höre das neue Album von Rhonda. Kurz bevor ich die Musik anschalte, frage ich mich, ob sich die Songs überhaupt für eine Zugfahrt eignen. Mit Rhonda assoziiere ich vorwiegend Soul und Sixties-Sound. Und mit diesen Genres verbinde ich verstärkt die Tanzfläche.

Doch auf der Strecke zwischen Hauptstadt und Altona sitzt mein Körper still. Ich werde bewegt. Und meine Gedanken wandern durch vorbei wischende Bäume und über dämmernde Felder. Sie bleiben kurz hängen an satt ruhenden Höfen, um dann weiter- und fortgerissen zu werden. Hinter all diesen Fenstern leben Menschen, du hast es immer geahnt.

Rhonda schweift mit mir durch das Panorama

Und höre da: Das neue, nun mehr dritte Rhonda-Album eignet sich hervorragend als Zugfahrmusik. Um dieses Transitgefühl zu begleiten. Bereits der Titel der Platte, die am Freitag beim Hamburger Label Popup Records erscheint, passt sehr gut zum Unterwegssein: „You Could Be Home Now“. Ich könnte zuhause sein. Bin es aber nicht. Der Tag geht zur Neige. Und die Dunkelheit draußen verwandelt die Natur in Schattenrisse. Nur ein paar Windradlichter blinken rot in der Ferne. Sonst ist alles Schwarz, Grün, Grau der Nacht zugeneigt.

Rhonda schweift mit mir durch dieses Panorama. Mit einer Musik, die rau ist und hypnotisch. Die die Melancholie mit warmer Stimme nährt. Und die mit schroffer Intensität langsam in die Seele kriecht.

Desperado-Soul, Americana-Punk, Rock ‘n’ Roll für Drifter und Denker

Lange wirkte Rhonda komplett in Hamburg. Bis Sängerin Milo Milone nach Los Angeles zog. Sofort male ich mir aus, wie sie bei Ausflügen in die Wüstenregionen der USA die Inspiration für „You Could Be Home Now“ fand.

Band, Rhonda, Album, „You Could Be Home Now“, Label, Popup Records, Pop in Hamburg, Pop, Hamburg, Los Angeles, Milo Milone, Ben Shadow, Soul, Rock, Americana, PopDie zwölf Songs lassen sich auch als Desperado-Soul, als Americana-Punk oder als Rock ‘n’ Roll für Drifter und Denker bezeichnen. Die Gitarren suchen Staub aufwirbelnd die Weite. Schlagzeug und Bass spielen in cooler Entschleunigung. Und Milo Milone eröffnet mit ihrem Gesang eine lässige Tiefe.

In einem Song wie „Baby“ kommt die laszive Kraft ihrer Stimme besonders stark zum Ausdruck. Während das Titelstück „You Could Be Home Now“ wie ein geheimnisvoller Bossa Nova brodelt. Mehr gospelreiches Licht dringt in „Why We Stay“ in die Landschaft. Und „Best I Ever Had“ wiederum ist ein Walzer, der aufs Schönste vom Dreck der Straße überzogen scheint.

Eine Garage in Los Angeles

Rhonda macht auf Album Nummer drei Musik für Sehnsüchtige. Für all jene, die wissen, dass Suchen nicht zwangsläufig auch Finden bedeutet. Ein Soundtrack für das reisende Herz, das in uns allen wohnt. Das wie jeder gut genutzte Koffer bereits einige Macken und Schrammen besitzt. Und das dennoch einfach weiter schlägt.

In der Presseinfo zur Platte von Rhonda lese ich, dass alle Vocals in der Garage von Milo Milone in Los Angeles aufgenommen wurden. „Mit offener Türe nach draußen.“ Ein schönes Bild. Alles kann hinein, kann hinaus. Die Freiheit beginnt genau an dieser Schwelle. Und wir fragen uns: Wohin geht die nächste Fahrt?

Rhonda live in Hamburg: 2. Februar, Mojo Club

Biggy Pop empfiehlt:
„Sowas von egal“ (Sampler, bureau b)
Tusq: „The Great Acceleration” (Oktober Promotion)
Poems For Jamiro: „Human” (Schwesterherz)
Neonschwarz: „Clash“ (Audiolith Records)
Patrick Siegfried Zimmer: „Memories I – X“ (PSZ Recordings)

Follow my blog with Bloglovin

Vertontes Tagebuch: Patrick Siegfried Zimmers Album „Memories I-X“

Patrick Siegfried Zimmer, album, record, MEMORIES I-X, artwork

Ich freue mich immer, Patrick Siegfried Zimmer in Hamburg durch die Straßen gehen zu sehen. Das schwarze Haar gescheitelt. Der Blick tief und freundlich. Die Kleidung elegant und schlicht. Der Gang entschieden und ruhig. Ein aus der Zeit gefallener Mensch, dessen Erscheinen für mich stets kurz einen Effekt hat wie in manchen Filmen. Da verändert sich mit dem Eintreten einer Figur der Raum, das Tempo, die Wahrnehmung.

Wenn ich Patrick Siegfried Zimmer begegne, scheint die Welt kurz zu einem melancholischen Schwarz-Weiß-Film zu werden. Eine Geschichte, in der die Sinne sensibler eingestellt sind und die Herzen langsamer schlagen. Ein fein justiertes Innehalten. Auf der Moll-Seite des Lebens. Aber nicht ohne Humor.

Patrick Siegfried Zimmer, album, record, MEMORIES I-X, artwork Aufs Schönste verdichtet sich dieses Empfinden auf dem neuen Album „Memories I-X“, das Patrick Siegfried Zimmer diesen Freitag veröffentlicht. Viele kennen den stilbewussten Künstler noch unter seinem Pseudonym finn., unter dem er seit 2003 Musik machte. Doch für eine derart persönliche Platte wie die aktuelle soll offenbar ganz und gar der eigene Namen stehen.

Der Musiker, Designer und Filmemacher („Anhedonia“) öffnet uns sein musikalisches Tagebuch. Er erzählt uns zur Akustikgitarre, zu Streichern, Piano und Bläsern, zu Pfeifen und Glockenschlag von Liebe und Trauer, von Berührungen und Erinnerungen, von Ängsten und der Ewigkeit.

Schwermütige Walzer, brüchige Leichtigkeit

Im Vordergrund ist stets die Stimme von Patrick Siegfried Zimmer. Sie stellt eine warme Nähe her, wie es gute Chansonniers und Country-Sänger können. Die dunklen Kammern des Herzens werden zum Resonanzraum für diesen intensiven wie unaufdringlichen Gesang. Ob in einer geheimnisvollen und zugleich aufwühlenden Ballade wie „Sorrows“, die „Memories I-X“ eröffnet. Oder in einer zarten Lullaby-Nummer wie „Winds“, die den Reigen aus zehn Songs beschließt. Manche Lieder besitzen die Qualität eines schwermütigen Walzers, andere verströmen eine brüchige Leichtigkeit.

Patrick Siegfried Zimmer, album, record, MEMORIES I-X, artwork
Patrick Siegfried Zimmer, fotografiert von Caroline Polly Fox

Sehr gut gefällt mir, dass eine Nummer wie „Silhouette“ als sachtes Liebeslied daherkommt. Und dann bricht nach gut zwei Minuten ein kleiner beschwingter Shala-Lalala-Part ein. Unvorhergesehen wie unsere merkwürdige wunderschöne Existenz insgesamt.

Besonders spricht mich das Stück „Paris“ an. Vielleicht, weil ich dieser Tage gerade solch eine große Sehnsucht nach dieser Stadt verspüre. Vielleicht aber auch wegen des gospeligen und opulenten Charismas, das Patrick Siegfried Zimmer in diesem dunkel-tänzelnden Chanson versprüht.

Patrick Siegfried Zimmer plant Tagebuch-Projekt bis ins Alter

Für mich ist „Memories I-X“ der ideale Begleiter an einem Tag, an dem ich das erste Mal die Heizung angestellt und mir einen Kalender für das kommende Jahr gekauft habe. Die Tage kürzer, die Innenschau länger. Wir kühlen aus nach einem langen Sommer und müssen uns die Seele wärmen. Wir blicken auf das, was war, und ziehen daraus, was sein könnte. Und die Musik eröffnet uns diese Freiheit.

Mit seinem Werk hat sich Patrick Siegfried Zimmer übrigens einiges vorgenommen. Neun weitere Teile mit Tagebucheinträgen sollen folgen. Stets im Abstand von drei Jahren. Der Künstler wird also ein alter Mann werden. Und bei solch seliger Musik ein erfüllter zudem.

Patrick Siegfried Zimmer live in Hamburg:
Do 27.9., 18 Uhr, Schaufensterkonzert bei Michelle Records
Fr 28.9., 21 Uhr, Nachtasyl im Thalia Theater

Weitere Reviews:
Mint Mind 
Tilman Rossmy

Follow my blog with Bloglovin