Corona: Wie du die Musikszene jetzt unterstützen kannst

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„Und ich hab mich entschieden / ich werde alles dafür geben / für ein gutes wildes Leben.
(Tilman Rossmy und Dirk von Lowtzow: „Dieses gute wilde Leben“) 

Für uns, die wir Popkultur lieben, gehört es unbedingt dazu: sich glückselig in den Armen liegen, schwitzend tanzen, Blicke und Biere tauschen, Hände schütteln und Wangen aneinanderdrücken, das Offene und Bunte feiern, das Wilde und Verletzliche zelebrieren, zusammen singen und durchdrehen, crowdsurfen und die Musik emporheben, Oberflächen anfassen und uns tief berühren lassen. 

Musik verbindet, erst recht in den Zeiten von Corona

Nun hat sich die Lage bezüglich des Corona-Virus in den vergangenen Tagen hierzulande massiv verändert. „Social distancing“ ist das neue Schlagwort. Und auch bei mir haben sich Einstellung und Verhalten aufgrund der Ansagen von Medizinern und Behörden in dieser Woche gewandelt. Von „normal verhalten und Hände waschen“ hin zu der Frage: Wie kann ich mich und andere schützen? Wo gehe ich hin und wie viele Leute werden dort sein? Was ist vernünftig?

Um die Ansteckungsgefahr mit dem Corona-Virus zu verringern, pausiert auch in Hamburg derzeit an vielen Orten das kulturelle Leben. Es hagelt Absagen von Konzerten, Parties und Tourneen. Gerade für Akteure, Musikerinnen und Künstler ohne die Unterstützung von Staat oder Großunternehmen kann die Situation sehr schnell existenziell bedrohlich werden. Deshalb ist nun Solidarität gefragt. Damit aus „Social distancing“ keine Isolation der Herzen wird. Und damit das gute wilde Leben nicht langfristig verschwindet. Denn Pop, Clubs, Konzerte, Kultur, DJ-Sets, Tanzen, Raven, Feiern bedeuten: Freiheit. Vor allem aber: Musik verbindet. Auch mental. Emotional. Und genau diese Energie brauchen wir in unserer Gesellschaft. Immer wieder und jetzt erst recht. 

Daher hier sechs Vorschläge, wie sich die Musikszene in Zeiten von Corona unterstützen lässt:

1. In Da Clubspende

Du hast die Karten vom Konzert bereits vor Wochen gekauft? Und du hast das Gefühl, dass Du das Geld nicht gerade dringend selbst benötigst? Dann gib das Ticket nicht zurück, sodass das Geld dem Veranstalter als Kompensation erhalten bleibt. Danach kannst du dir das Ticket voller Stolz unters Kopfkissen legen und von der nächsten wilden Clubnacht träumen.

2. Shop around the clock: Merchandise und Tonträger kaufen

Du hockst zuhause im Corona-Einsiedelquartier und denkst: Jetzt ist der ideale Zeitpunkt, die Garderobe via Online-Shopping aufzustocken? Dann gehe nicht über Los und nicht auf die großen Plattformen, sondern begib dich geradewegs zum Online-Shop Deiner Lieblingsband und Deines favorisierten Clubs. Decke dich ein mit Shirts, Mützen und 1 a Hamsterkauf-Beuteln. Kaufe Poster und Prints, um dein Quarantäne-Quartier zu schmücken. Und, da war doch was, genau: Tonträger. Bestelle Platten, CDs und Tapes, um deinen Support  und deine Liebe auszudrücken. 

3. Stream a little dream with me

Dir fällt daheim die Decke auf den Kopf? Dann bietet es sich immer an, eine Runde durch die eigene Bude zu tanzen. Du hast zwar brav Tonträger gekauft (Punkt 2). Aber da Klicks und Hits und Verweilzeiten dieser Tage eben eine eigene Währung sind und (zumindest ein wenig) Geld bedeuten: Gehe auf Streamingplattformen und steuere die Band an, die du unterstützen möchtest. Oder entdecke direkte noch mindestens zwölf neue Darlings. Abonniere YouTube-Kanäle. Verteile noch mehr Facebook- und Instagram-Herzen als sonst. Erstelle Playlisten mit jenen Bands, die Gehör finden sollen. Dann: aufdrehen, abgehen und das Internet seine Zählarbeit machen lassen. 

4. Get the watchparty started

Du bist traurig, deine liebste Musikerin und einen voller Vorfreude erwarteten Popkünstler nicht live sehen zu können? Wie schön wäre es, das Internet neben all den Corona-Nachrichten mit Musik zu füllen. Die Idee: Bands, Sängerinnen und Musiker streamen ihre Konzerte und Sets von zuhause aus oder aus dem Proberaum in die sozialen Medien. Clubs zeigen Konzerte online. Diese Watchparties kombinieren sie dann mit einem Vergütungsmodell, zum Beispiel über die Spendenfunktion bei Facebook. Wenn alle Zuschauerinnen und Zuschauer einen Euro pro gespieltem Song geben würden, wäre schon einiges gewonnen. Und die, die gerade keine Kohle übrighaben, könnten die Show mit positiven Kommentaren befeuern. Denn zusammen ist man weniger allein.
Ob solche Aktionen unter dem Gema-Radar fliegen oder die Verwertungsgesellschaft da mal alle Augen zudrücken könnte, müsste geklärt werden. Was mich zu meinem nächsten Punkt bringt.

5. Information, Baby!

Du möchtest auf dem Laufenden bleiben, wie du der hiesigen Musikszene helfen kannst? Hamburger Pop-Institutionen wie das Clubkombinat, RockCity und die Interessengemeinschaft Hamburger Musikwirtschaft bemühen sich derzeit, auf die Situation der Branche während Corona aufmerksam zu machen. Sie koordinieren und unterstützen, sie liefern  rechtliche Informationen und bemühen sich, eine valide Faktenlage zu schaffen. RockCity ermittelt zum Beispiel gerade in einer Blitzumfrage, in welchem Ausmaß Musikerinnen, Bands, DJs, Veranstalter, Bookerinnen, Clubbetreiber und Festivalorganisatoren von der Corona-Krise betroffen sind. Der Verein erfragt etwa, wieviele Absagen einen Künstler bereits ereilt haben und wie hoch der vermutliche Schaden ausfällt. Diese Fakten sind wichtig, um bei den Regierungen von Bund und Ländern konkrete Summen zur Hilfe einfordern zu können.  

6. Ich glaub’ noch immer an Solidarity City

Du möchtest, dass „die da oben“ auch an die Popszene denken und nicht nur an die Auswirkungen auf den Dax mit X? An verschiedenen Stellen wurden Bund und Länder bereits dazu aufgerufen, in Zeiten von Corona vor allem freiberufliche Musiker, Popkünstlerinnen sowie Akteure aus der Branche zu unterstützen. Und Kulturministerin Monika Grütters hat bereits Hilfe zugesagt. Aber es ist gut und wichtig, mit Nachdruck zu zeigen, dass Kultur keine Nebensache ist, auf die sich langfristig verzichtet lässt. Auf der Seite Openpetition läuft derzeit zum Beispiel ein Aufruf des Sängers David Erler mit folgendem Ziel: „Hilfen für Freiberufler und Künstler während des Corona-Shutdowns“. Also: Suche dir einen Appell, den du für sinnvoll hältst, und zeige Flagge für die (Pop)Kultur.

Und überhaupt: Umarmt euch im Geiste und wascht euch die Hände, lasst eure Herzen weiter wild pochen und feiert die Musik. 

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Open Club Day: Safari durch St. Paulis Spielstätten

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Tagsüber auf dem Hamburger Kiez unterwegs zu sein, ist für mich die ehrlichere Variante. Keine Dunkelheit, die das Triste einhüllt. Kein Neonlicht, das das Schäbige ausblendet. Die großen kleinen Glücksversprechen leuchten noch nicht so stark. Die Bürgersteige sind noch nicht so überladen mit Suchenden und Torkelnden, Glotzenden und sich bald Vermählenden. Ein ganz normales besonderes Viertel ist St. Pauli vor den Abendstunden. Ich mag diese Atmosphäre sehr, wenn der Stadtteil noch nicht nächtlich verwandelt ist. Von daher bin ich sofort dabei, als das Clubkombinat Hamburg am frühen Samstagnachmittag zum dritten Open Club Day lädt. Und ich bin offenbar nicht die einzige.

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Gut hundert Menschen warten vor dem Kaiserkeller auf der Großen Freiheit, um an der popkulturellen Tour zum Open Club Day teilzunehmen. Unser Guide Jan-Kristian Nickel vom Clubkombinat, der uns in den kommenden drei Stunden von Club zu Club führen wird, ist offensichtlich erstaunt ob des Zuspruchs. Und ich bin begeistert, wie gemischt die Gruppe für diese Club Safari ist. Junge  Hamburger, Zugezogene, aber auch viele Ältere schieben sich die Treppe in den legendären Club hinab. Ein Mann erzählt mir, dass seine Frau und er um die Ecke gewohnt haben. Ihren Hochzeitsunterricht hätten sie vor 40 Jahren in der gegenüberliegenden St. Joseph Kirche gehabt. Die läutet dann auch direkt mal, als wolle sie auf sich aufmerksam machen. Ich liebe solche Geschichten. Sie zeigen, dass St. Pauli viel mehr ist als ein von Touristen geflutetes Amüsierquartier.

Station 1: Kaiserkeller — von den Beatles bis zu Gothic Rock

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Bookerin Alina Gast (schwarzer Hoodie) und Jan-Kristian Nickel vom Clubkombinat (rechts) begrüßen die Gäste bei der ersten Station des Open Club Day auf St. Pauli

Unten im Kaiserkeller erläutert Bookerin Alina Gast kurz und knackig die bewegte Historie des 1959 eröffneten Clubs. Die sogenannte Beatles-Lounge erinnert daran, wie Gründer Bruno Koschmider die späteren Fab Four in dem Kellerladen spielen ließ. Mittlerweile hat der Kaiserkeller einen starken Fokus auf Partys zwischen Metal, Gothic und Rock. Und donnerstags treten Newcomerbands auf. Dass noch unbekannte Gruppen Auftrittsmöglichkeiten brauchen, ist immer wieder Thema auf dieser Tour zum Open Club Day. Und dass Clubs aufgrund steigender Mieten gleichzeitig bekannte Acts brauchen, die den Club füllen.

Die Philosophie des Open Club Day — europaweite Solidarität

Um auf die diversen Problemlagen aufmerksam zu machen, wurde 2018 europaweit der Open Club Day ins Leben gerufen. Vor allem soll dieser Tag aber die tolle Arbeit der Spielstätten zeigen. Das Herzblut. Das Know-how. Die Inspiration, die von Livemusik ausgeht. Konzerte und Clubkultur sind Teil des europäischen Selbstverständnisses. Deshalb öffnen mehr als 115 Clubs in 15 Ländern Europas ihre Türen für Gäste. Auch für jene, die sich womöglich nicht mehr im Nachtleben tummeln. Oder deren Freunde zu bequem sind, wie mir eine junge Teilnehmerin erzählt. An diesem Tag kann sie bestimmt gute Argumente sammeln, um ihre Leute mal zu einem Club-Bummel auf der Reeperbahn zu bewegen.

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Die Beatles Lounge im Kaiserkeller

Beim Open Club Day geht es darum, Hemmschwellen abzubauen. Die Anbindung an die Nachbarschaft und die Stadt ist ebenso wichtig wie das Empowerment von Clubbetreibern und Veranstalterinnen. „Der Open Club Day verbindet lokale Bühnen in ganz Europa in einer starken solidarischen Bewegung, die ihre Bedeutung als kulturelle, ökonomische und soziale Akteure bekräftigt“, heißt es auf der Seite zum Open Club Day.

Ich selbst habe mit 15, 16 Jahren angefangen, in Clubs zu gehen (die damals noch Discos hießen). Und ich kann gar nicht genug betonen, wie persönlichkeitsfördernd all die Stunden in diesen musikalischen, subkulturellen und freiheitlichen Zusammenhängen waren. Gemeinschaft, Eigensinn, Kunst, Konflikt, Tanz, Utopie. All das lässt sich in Clubs lernen.

Station 2: Lehmitz — auf dem Tresen tanzen

Lehmitz, Bar, Reeperbahn, Open Club Day, Hamburg, St. Pauli, ClubkombinatIn Hamburg existiert zum Glück (noch) eine unglaubliche Vielfalt, um Livemusik zu erleben und in ganz eigene popkulturelle Welten abzutauchen. Zum Beispiel die nächste Station auf unserer Tour. Das traditionsreiche Lehmitz. Eine wilde Kneipe. Und eine der wenigen inhabergeführten Läden auf dem Kiez.

Lehmitz, Bar, Reeperbahn, Open Club Day, Hamburg, St. Pauli, Clubkombinat, JägermeisterSeit 20 Jahren steht Bea Schulz hinterm Tresen, neben den auch schon mal „gepullert“ wird, wie sie unserer Gruppe erzählt. Diese mit allen Wassern und Schnäpsen gewaschene Frau hat bestimmt Anekdoten von St. Pauli bis zum Mond und zurück parat. Die Bühne im Lehmitz sei jedenfalls zu klein, weshalb die Gitarristen gerne mal auf der Bar spielen. Bea jongliert dann die Biere zwischen den Beinen der Musiker. Grandios.

Station 3: Häkken — 1, 2, 3, Soundcheck

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Die Band Smoothica auf der Bühne des Häkken

Die Tour zum Open Club Day zieht weiter ins Häkken im 2015 eröffneten Klubhaus St. Pauli. Kontrastprogramm. Klare Betonästhetik. Viel Licht. Und ein Balkon, der den Blick freigibt auf den Spielbudenplatz. Alex Schmitz, Chef für den reibungslosen Ablauf im Club an diesem Tag, erläutert das Geschehen auf der kleinen Bühne. Die junge Hamburger Band Smoothica, die einen feinen Mix aus Soul und Pop produziert, ist gerade beim Soundcheck.

Station 4: Bahnhof St. Pauli — Gema-Gebühren und Discokugelglanz

Bahnhof Pauli, Club, St. Pauli, Open Club DayZwei Etagen tiefer wiederum begegnen wir dem wie immer charmant schlecht gelaunten Alban Qoku, der im Bahnhof Pauli gerade auf die Band Twin Temple aus Los Angeles wartet.

Alban Qoku, Bahnhof Pauli, Club, St. Pauli, Metal, Rock, Mixer, CablesSatanischer Doo-Wop steht am Abend auf dem Programm. Klingt spannend. Bevor die Musik ertönt, schmiert Alban aber erst einmal ein paar Brötchen für die Crew. Eigentlich ist er Booker. Aber im Club-Betrieb hat letztlich niemand nur eine Aufgabe. Alban erläutert sehr realistisch, womit Spielstätten von Gema-Gebühren bis zu Ticketpreisentwicklungen zu kämpfen haben. Und auf Wunsch wirft er dann noch die große Discokugel an in diesem coolen Laden, der wie ein U-Bahn-Schacht gestaltet ist.

Station 5: Molotow — mit dem Fotoapparat durch den Karate-Keller

Aus der Dunkelheit geht es wieder hoch auf den Kiez und zur letzten Station des Open Club Day. Ins Molotow, über das ich bereits mehrfach hier auf dem Blog geschrieben habe, unter anderem über das Festival Burger Invasion. Fenja Möller, zuständig für Booking, PR und Produktion, erläutert die wechselvolle Raumsituation des 1990 eröffneten Molotow. Von den baufälligen Esso-Häusern am anderen Ende der Reeperbahn zog der Club über eine Interimslocation in das heutige dreigeschossige Domizil am Nobistor. Langfristige Zukunft: ungewiss.

An diesem Nachmittag ist es aber erst einmal amüsant und schön zu beobachten, wie die Damen und Herren mit ihren Fotoapparaten zum Beispiel den wunderbar räudigen Karate-Keller erkunden. Eine Mini-Bühne unter dem Hauptsaal des Molotow, die äußerst wichtig ist gerade für Newcomerbands.

 

Abschluss des Open Club Day: Polittalk zur Clubkultur

Open Club Day, Hamburg, St. Pauli, Clubkombinat, Molotow, MusicclubWie bedeutend solche Freiräume für die Musikstadt Hamburg sind, darum geht es in dem Polittalk am frühen Abend. Auf der Bühne des Molotow diskutieren unter dem Motto „Quo Vadis, Clubkultur 2020?“: Hansjörg Schmidt (SPD), René Gögge (Grüne), Ria Schröder (FDP), Dietrich Wersich (CDU) und Norbert Hackbusch (Die Linke) mit Thore Debor, Geschäftsführer des Clubkombinat Hamburg. Zudem sitzen auch Abgesandte einiger Spielstätten wie Nochtspeicher, Gängeviertel und Stubnitz im Publikum.

Als Interessenvertretung der Spielstätten- und Veranstaltungsszene hat das Clubkombinat sogenannte Wahlprüfsteine erarbeitet. Anhand dieser Eckpunkte prüft der Verein, was die einzelnen Parteien in Sachen Clubkultur in Hinblick auf die Hamburger Bürgerschaftswahl am 23. Februar 2020 planen. Die Themen der Diskussion gestalten sich umfangreich: Einrichtung eines Schallschutzfonds, Open-Air-Flächen im Hafenbereich, Bezüge aus der Tourismustaxe, Kulturschutzgebiete für Clubs, Bekämpfung von Mietwucher und die generelle Philosophie der Musikstadt Hamburg.

Leuchtturmprojekte versus Basisförderung?

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Thore Debor, Geschäftsführer des Clubkombinat Hamburg, im Gespräch mit René Gögge (Grüne), Ria Schröder (FDP), Dietrich Wersich (CDU), Hansjörg Schmidt (SPD) und Norbert Hackbusch (Die Linke) auf der Bühne des Molotow (v.l.)

Diskussionsleiter Thore legt den Fokus insgesamt stark auf den finanziellen Aspekt. Mit dem Live Concert Account hat das Clubkombinat gemeinsam mit der Kulturbehörde ein Instrument geschaffen, mit dem Clubs unkompliziert ihre Gema-Gebühren erstattet bekommen. Momentan sind 240.000 Euro von der Kulturbehörde im Topf. Zudem 35.700 Euro aus der Clubstiftung, die Gelder mit Hilfe eines eigenen Ticketing-Modells generiert. 2019 wurden so 59 Clubs mit 6022 Veranstaltungen und 726.000 Gästen gefördert.

Ich führe diese Zahlen deshalb so detailliert auf, da sie zeigen: Clubkultur ist kein Peanutsgeschäft. Und Livemusik verbindet. Hansjörg Schmidt von der SPD erklärt, dass nach wie vor ein gigantisches Missverhältnis bestehe zu der Unterstützung anderer Kulturbereiche. Die Privattheater etwa erhielten Millionen. Das Clubkombinat fordert daher eine Erhöhung des Live Concert Accounts auf 800.000 Euro. Ein konkretes Bekenntnis zu dieser Summe bleibt jedoch, gerade von den regierenden Parteien, aus.

Nobert Hackbusch von Die Linke setzt die Basisförderung, wie sie der Live Concert Account bietet, in Kontrast zu der „Wunderschatulle“, mit der der SPD-Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs (und sein CDU-Kollegen Rüdiger Kruse) Kulturgelder nach Hamburg bringen. Allein das Reeperbahn Festival erhält künftig 20 Millionen Euro zusätzliche Bundesmittel, wurde im November 2019 verkündet.

Mit der Kita in den Club?

Die Frage ist, wie sinnvoll popkulturelle Grabenkämpfe sind im Stile von: Wir wollen einen Teil von Eurem Kuchen. Schließlich lenkt ein Event wie das Reeperbahn Festival den Blick auch positiv auf die Clubkultur. Aber Hamburg müsse sich schon fragen, meint Thore, wie es um das Verhältnis von Basisförderung und Leuchtturmprojekten bestellt ist.

Ein Bewusstsein für Clubkultur und Livemusik zu schaffen, beginnt — so eine Stimme aus dem Publikum — bereits im Kindesalter. Wieso soll jedes Kind einmal die Elbphilharmonie besichtigen, aber nicht einen Musikclub auf St. Pauli? So ließe sich ein „Kulturbegriff für alle“ langfristig gewiss besser gestalten. Es bleibt viel zu tun.

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Biggy Pop – Take Five: Meine Hamburger Pop-Woche

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Bei „Biggy Pop – Take Five“ geht es heute um meine ganz persönliche Popwoche, aus der ich fünf Aspekte herausgepickt habe. Und das war gar nicht so einfach. Denn in dem Zeitfenster, in dem wir uns gerade befinden, ist schlichtweg irre viel los.

Die Sommerferien sind vorbei. Das musikalische Leben nimmt auch jenseits von Open Airs wieder Fahrt auf. Und bevor das Reeperbahn Festival popkulturell alles in einem großen Strudel absorbiert, bitten Veranstalter und Netzwerker noch einmal um unsere bestenfalls ungeteilte Aufmerksamkeit. Tage und vor allem Abende, an denen ich mich hervorragend fünfteilen könnte, ohne dass es in Hamburg langweilig würde.

Die hier herausgestellten Punkte von „Biggy Pop – Take Five“ sollen vor allem abbilden, wie vielfältig die hiesige Szene agiert. Und beim Lesen möchte ich definitiv dazu anregen, rauszugehen und mitzumischen. Viel Spaß!

1. Sommerfest von Clubkombinat und Popup Records

Auf dem Gelände von Sommer in Altona mit seinem hübschen Zirkuszelt lud die Bahrenfelder Plattenfirma Popup Records am Montag gemeinsam mit dem Clubkombinat Hamburg zum Sommerfest. Ein lauschiges Hallo von rund 300 passionierten Pop-Arbeitern und Musik-Nerds in unmittelbarer Nähe zur Reeperbahn.

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Für mich hatte der Abend noch eine besondere Bedeutung. Denn das Clubkombinat, das sich für die Belange der Hamburger Spielstätten einsetzt, feiert in diesem Jahr seinen 15. Geburtstag — und ich durfte eine vierteilige Dokumentation zum Jubiläum verfassen. Zudem erzählt ein Film die Geschichte des Vereins, dessen Dreh ich journalistisch begleitet habe. 

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Fotos: Clubkombinat

An diesem Abend wurde jedoch nicht nur getrunken und geredet, sondern auch öffentlich diskutiert. Unter dem Titel „15 Jahre Clubkombinat — Music was my first love“ unterhielten sich Susanne „Leo“ Leonhard (Docks/Prinzenbar), Claudia Mohr (Waagenbau), Holger Jass (Ex-Onkel Pö) und der Rapper Das Bo. Moderiert wurde der Talk von meiner grandiosen NDR-Kollegin Siri Keil, die mit mir zum Team des neuen Formats Nachtclub Überpop gehört. Ich liebe es, wenn auf einem Fleck derart geballtes Pop-Engagement zusammenkommt. 

2. MusicHHwomen MeetUp

Unglaublich viel popkulturelle Kompetenz und Leidenschaft war am Dienstag beim Netzwerktreffen der Initiative MusicHHwomen zu erleben. Bei schwül-dampfenden Höchsttemperaturen versammelten sich Popkünstlerinnen und Musiker, Journalistinnen, PR-Fachfrauen, Veranstalterinnen, Labelmitarbeiterinnen, Bookerinnen, Technikerinnen und Musikmalocherinnen unterm Dach der Bar Kleiner Donner in der Schanze. Die Community hat sich 2017 mit dem Ziel gegründet, all den coolen Ladies aus dem Business eine Plattform zu bieten. Der Verein RockCity Hamburg, treibende Kraft hinter diesem Netzwerk, bot einen ersten Einblick in die MusicHHwomen-Datenbank, die offiziell zum Reeperbahn Festival gelauncht wird. 

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Ich bin immer wieder stark beeindruckt, welch konstruktive Atmosphäre das RockCity-Team zu erzeugen versteht. An diesem Abend durfte ich als eine von vier Speakerinnen von meinem Werdegang als Musikjournalistin und Texterin erzählen. Im Anschluss wurden wir Expertinnen an Tische gesetzt, um individuell Fragen zu beantworten. Ich bin ganz baff, mit wie viel Elan und Persönlichkeit zahlreiche Frauen in die Branche drängen. Dutzende inspirierende Gespräche und Kurz-Coachings später radelte ich erfüllt nach Hause.

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Doreen Schimk von Warner Music im Gespräch, fotografiert von Julia Schwendtner (ebenso obiges Foto)

Besonders nachhaltig bin ich von den anderen Speakerinnen und ihren Geschichten begeistert: Die einflussreiche Musikmanagerin Rita Flügge-Timm erzählte klug davon, wie sie ihren Weg ins Musikgeschäft fand und welche Begegnungen von Falco über Roger Cicero bis zu Udo Lindenberg sie in ihrem Schaffen geprägt haben. Promotion-Powerhouse Doreen Schimk von Warner Music berichtete leidenschaftlich von ihrer Flucht aus der DDR 1988, vom Engagement in der Roten Flora bis hin zu ihrer heutigen Major-Position mit Dutzenden Mitarbeitern. Und Pianistin Gudrun Lehmann schilderte aufschlussreich, warum sie bevorzugt Musik für Filme und Serien komponiert — und weshalb sie sich für Pro Quote Film einsetzt. Moderiert wurde diese anregende Sause von Sängerin Sarajane.

3. Neue Konzertorte für Hamburg

Das altehrwürdige Hansa Theater ist eigentlich ein Ort für bunte Varieté-Abende mit dressierten Tieren und bauchredenden Menschen, mit Artisten und Clowns. Jetzt haben sich die Betreiber Thomas Collien und Ulrich Waller entschlossen, das Haus am Steindamm nahe des Hauptbahnhofs erstmals für Konzerte zu öffnen. Gemeinsam mit dem Musikjournalisten Stefan Krulle gründeten sie den St. George Club — benannt nach dem Viertel, in dem das plüschige Theater mit seinen knapp 500 Sitzen beheimatet ist. Den Anfang machte am Mittwoch — bei gefühlt 50 Grad Raumtemperatur — der Jazztrompeter Nils Wülker mit seiner Band. Ein eindringliches Konzert, dessen guter Sound große Lust macht auf mehr Musik im Hansa Theater. 

Ich freue mich immer, wenn sich in der Stadt weitere Spielstätten finden, wo Pop zu erleben ist. Von daher bin ich sehr gespannt auf die neue Open-Air-Fläche, die nun für die Saison 2020 angekündigt wurde. Im Juli nächsten Jahres will STP Hamburg Konzerte auf dem Gelände vor dem Volksparkstadion eine Reihe von Konzerten mit bis zu 20.000 Besuchern veranstalten. Als erste bestätigte Show treten am 11. Juli 2019 die Rapper Alligatoah, Pimpulsiv, DNP und Sudden alias Trailerpark auf. Eingeweiht wurde das Areal bereits im August 2017 mit einem ausverkauften Konzert der dänischen Band Volbeat. Weitere Ankündigungen sollen in den kommenden Wochen folgen.

4. Aktuelle Alben aus Hamburg

Onejiru, Record, Cover, Higher Than High, Singer, Hamburg, KeniaWie rührig die Hamburger Pop-Szene ist, lässt sich zum Glück nicht nur an Arbeiten im Hintergrund ablesen, sondern auch an neuen Veröffentlichungen. In der Popkolumne des Hamburger Abendblatts schreibe ich über die aktuellen Alben von Sängerin und Aktivistin Onejiru, von Slacker-Queen Ilgen-Nur, von der Soul-Supergroup namens Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen sowie von Keele, deren Album ich zudem bereits auf dem Blog besprochen habe.

5. Auflegen auf der Hedi

Für mich ist es immer ein ganz besonderes Erlebnis, auf der Barkasse Frau Hedi Musik aufzulegen. Meistens agiere ich solo als Biggy Pop — natürlich immer verstärkt durch ein tolles Skipper- und Barteam.

DJ, Biggy Pop, Frau Hedi, boat, cruise, Hamburg, Harbour, Club, PartyDiesen Samstag geht es jedoch mit meinem heiß geliebten Radiokollektiv Das Draht an Bord. Normalerweise produzieren wir journalistisch kuratierte Sendungen für das Internetradio Byte FM. Ab 19.30 Uhr geht es mit Soul, Hiphop, Indierock und Pop aber wogend  über die Elbe. Ich liebe es, die Atmosphäre unter den Anwesenden musikalisch aufzugreifen und mit meinem Set zu euphorisieren. Außerdem: Hafen und Herzblut, Schnaps und Sound — mehr Sommer geht kaum. Kommt gerne vorbei, es gibt noch Karten. 

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