Ove, Finkenauer und Staring Girl im Knust – der etwas andere Neujahrsempfang

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Das erste Konzert im neuen Jahr. Die Tiere kommen aus ihrem Bau. Sie sind nicht unruhig. Ihre Bewegungen sind eher leicht verpeilt, noch tastend, blinzelnd. Der Ausgehrhythmus für die kommenden Monate wird gerade erst aktiviert. Alles stolpert noch aufs Schönste zwischen müde und vorfreudig. Nur ein Tier kommt nicht. Der Dachs. Zumindest laut Ove, erster auf der Bühne im Hamburger Knust an diesem Abend, der sich ein wenig anfühlt wie das, was in anderen Kreisen Neujahrsempfang genannt wird. Alle haben sich herausgeputzt. Die Wollmützen gewaschen, die Tätowierungen poliert und die Bandshirts nicht gebügelt.

Ove singt noch nicht veröffentlichte Lieder solo zur Akustikgitarre. Alles neu. Eigentlich spielt er mit Band. Und eigentlich singt er nur noch. Keine Saiten mehr. Doch jetzt hat er alle Hände voll zu tun. Und alle Herzen schnell gewonnen.

Ove – wenn der Dachs nicht kommt

Wie bei einem guten Jahresauftakt gibt es Geschichten darüber, sich neu zu erfinden. Ove singt davon, auf sich selbst als Version 2.02 zu warten. „Zum Download bereit“. Und er stellt Fragen, viele Fragen. Alltägliche und versponnene. Ob das Universum manchmal alleine ist etwa. Und dann dieser Jetzt-schon-Hit 2019: „Wenn der Dachs nicht kommt“. So nenne ich das Lied zumindest für mich intern. Womöglich hat der Urheber es anders betitelt.

Knust, Club, concert, Staring Girl, Ove, Pascal Finkenauer, Indie, Rock, Americana, Singer-Songwriter, stage, lights, merchandise, Biggy PopMit seiner ganzen nordfriesischen, leuchtend gelockten und querdenkenden Ovehaftigkeit erzählt uns der Singer-Songwriter von einer misslungenen Nachtwanderung durch einen Wald als Betreuer einer Jugendfreizeit. Nur der Dachs, der hat eben keinen Bock.

Ich freue mich jetzt schon sehr auf Oves neues Album „Abruzzo“, das am 22. Februar bei Tapete Records erscheint. Wenn das Leben dir Zitronen gibt, mache Lieder daraus. Nordseeküste, Mittelmeer und zurück. La dolce vita und schöner Scheitern im Sonnenschein. So stelle ich mir das vor.

Pascal Finkenauer –  Umschlag am Neujahrstag

Auf die Sonne folgen an diesem Abend der Mond und die Sterne. Sänger und Gitarrist Pascal Finkenauer samt Bassist und Schlagzeuger sowie die Band Staring Girl.

Knust, Club, concert, Staring Girl, Ove, Pascal Finkenauer, Indie, Rock, Americana, Singer-Songwriter, stage, lights, merchandise, Biggy PopEs ist gut, Pascal Finkenauer mal wieder auf der Bühne zu erleben. Ich hatte ihn länger nicht dort gesehen. Auch hier scheint Tastendes, Suchendes vor sich zu gehen. Die Triobesetzung ist neu. Der Sound – mal elegisch, kurz mal fast Metal. Der Gesang schraubt sich in die Tiefe. Alles ist ernst. Eine Erinnerung daran, dass nicht alles Licht sein kann. Ein Nachhall all der Unwägbarkeiten, die in uns leben. Finkenauer singt von einem grauen Umschlag, der am Neujahrstag vor der Türe liegt. Ein Bild von sich selbst steckt darin. Wer werden wir sein 2019? Wem werden wir begegnen?

Staring Girl – verschoben am Fluss

Im Knust jedenfalls sind viele unterschiedliche Tiere anwesend. Das ist gut. Und das Rudel, das immer vorne links vor der Bühne steht, ist auch versammelt. Das Musikjahr, es geht wieder los. Und die Hamburger Staring Girl erzählen uns von all dem, was zwischen den Stühlen, zwischen den Zeilen, zwischen dem „Stolpern, Taumeln und Laufen“ geschehen kann. Zu fünft spielen sie. Eine Mehrgenerationenband, früher in großen Teilen für Gisbert zu Knyphausen musizierend.

Knust, Club, concert, Staring Girl, Ove, Pascal Finkenauer, Indie, Rock, Americana, Singer-Songwriter, stage, lights, merchandise, Biggy PopIhr Sound zwischen Indierock und Americana entfaltet eine hypnotische Qualität. Zwischendurch gibt es Tendenzen zum Muckertum, zum ausufernden Gitarrensolo. Das geht mir in anderen Fällen gerne mal auf die Nerven. Bei Staring Girl ist das jedoch gerade noch so wohl dosiert, dass es einen tiefer und tiefer hineinzieht in die Musik.

Sänger und Gitarrist Steffen Nibbe schildert einen Tag am Fluss, an dem alles verschoben ist. So erinnere ich mich zumindest an diesen einen Song. Womöglich habe ich das aber nur kurz geträumt. Denn das sind ja letztlich die besten Konzerte, bei denen sich die eigenen Gedanken mit den Liedern vermischen und sich die Geschichte so fort fort fortschreibt.

Sehr gut gefällt mir auch die Nummer über zwei, die am Küchentisch sitzen. Die trinken und reden und sich küssen. Und das Wissen ist bereits da, dass dieses Beieinander nur kurz sein wird. Dass die Energie nicht ausreichen wird für die Langstrecke. Auch in halb verpassten Chancen liegt Poesie. Nicht nur im Jauchzen, im Trübsal.

Nils ist auch da

Und dann, für Tränen so früh im Jahr, eine Nummer von Nils Koppruch. Ove kommt erneut auf die Bühne, begleitet von Jenny Apelmo alias Felicia Försvann, um gemeinsam mit Steffen Nibbe und Staring Girl den Fink-Song „Wenn du mich suchst“ zu singen. Ich freue mich sehr über diesen All-Star-Act. Denn in der Kunst und in den Herzen lebt und macht alles weiter.

Für seine Lieder wünschte sich Koppruch, dass sie stets auch Gebrauchswert haben sollten: ‘Die Idee war, die Songs einfach zu halten, sodass der, der ein bisschen ‘ne Gitarre festhalten kann, das auch relativ leicht nachmachen kann’, sagte er einst. Zu hoffen ist, dass viele dieser Aufforderung folgen. Denn Musik ist nicht nur gut als Trost, sondern auch gegen das Vergessen“, schrieb ich 2012.

In diesem Sinne ein frohes, gesundes, inspirierendes neues Jahr Euch allen! Geht hinaus aus eurem Bau dann und wann. Tastet und blinzelt. Hebt den Blick und schaut ins Licht.

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Hamburg Harbour Festival: Wagnis Newcomer

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Gibt es eigentlich etwas Aufregenderes in der Musikszene als Newcomer? Klar, eine renommierte Musikerin oder einen erfahrenen Popkünstler über Jahre zu begleiten und beim virtuosen Spiel zu erleben, kann ein Hochgenuss sein. Und verleiht unserem Dasein zudem eine vertrauensvolle Beständigkeit. Doch auch die Etablierten haben sich irgendwann zaghaft, zäh oder wütend an die Öffentlichkeit begeben. Ein Schritt hinaus. Und dann noch einer. Ein Sich-Öffnen.

Ich finde diesen Moment hochgradig spannend. Wenn die eigenen Lieder, das eigene Wirken, die eigene Person das erste Mal auf ein Publikum treffen. Ein ultimativ intimer Akt, sich mit der Welt zu verbinden. Es bedarf Übung, sich zu zeigen. Und von daher bin ich immer wieder begeistert, wenn andere Musikverrückte Newcomern eine Plattform bieten. So wie Sebastian Madej mit seinem Festival Hamburg Harbour.

Das popkulturelle Leben in der nordfriesischen Provinz

Vor Kurzem startete der Vorverkauf für die dritte Ausgabe von Hamburg Harbour im Knust im Januar 2019. Und aus diesem Anlass erzählte mir Sebastian, wie sich sein Festival überhaupt entwickelt hat. Lange Jahre hat er in Husum gelebt und pendelte als passionierter Musikfan für zahlreiche Konzerte nach Hamburg. Um das popkulturelle Leben in der nordfriesischen Provinz in Schwung zu bringen, engagierte er sich im Speicher Husum.

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Sebastian Madej, Gründer der Festivals Husum und Hamburg Harbour.

Dieses soziokulturelle Zentrum gestaltet sein Programm demokratisch per Abstimmung. Sebastians Idee eines kleinen feinen Festivals fand offenbar Zustimmung. Und so spielen seit 2011 beim Husum Harbour jährlich im Frühjahr Indie- und Folkpopmusiker sowie Singersongwriter im historischen Backsteingebäude direkt am alten Husumer Hafen. 

Sebastian ist ein beherzter Missionar, der anderen Menschen einfach gerne Musik nahe bringen möchte, die er selbst liebt. Und so kombinierte er bei den vergangenen Husum Harbour Festivals stets so genannte „größere Acts“ als Zugpferde mit noch weniger bekannten Bands. Niels Frevert, Thees Uhlmann, Gisbert zu Knyphausen und Alin Coen zogen dann im Laufe der Jahre auch Fans bis aus Hamburg an die Nordsee. Und zugleich konnte das Publikum dann in einer Tour prima Entdeckungen machen. Etwa Singersongwriter Julian Gerhard, das Folkquintett Dangers Of The Sea oder Sängerin Lina Maly.

Hamburg Harbour: von Husum ins Karoviertel

Mittlerweile lebt Sebastian in Hamburg und ist hauptberuflich in der Musikbranche aktiv. Zunächst war er als Finanzchef für die Agentur Neuland Concerts tätig. Aktuell arbeitet er beim Hamburger Konzertveranstalter Funke Media als Leiter Finanzen für die Bereiche Rechnungswesen, Steuern, Controlling und Beteiligungsmanagement. Leidenschaft für Musik und Kenntnis von Zahlen ist eine äußerst gefragte Kombination im Popgeschäft. Und als hätte Sebastian mit Job, Familie, Konzertbesuchen und dem weiter laufenden Husum Harbour nicht genug zu tun, mischt er nun auch in der Hamburger Szene mit.

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Jonas David
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The Lion And The Wolf

Gemeinsam mit dem Knust im Karoviertel kam die Idee auf, einen Ableger seines charmanten Festivals hoch im Norden in Hamburg aufzuziehen. Und so stieg 2016 das erste Hamburg Harbour Festival mit Acts wie den Isbells und Tim Neuhaus & The Cabinets. Für die dritte Ausgabe 2019 konnte Sebastian vier sehr interessante Acts gewinnen.

Jonas David zieht seine Hörerinnen und Hörer mit fragilem Folkpop unmittelbar auf eine Ebene zwischen Melancholie und Zuversicht. Eine Musik, die uns durchlässiger macht für die guten seelenvollen Dinge. Jonas Davids Qualitäten als Arrangeur und Komponist fanden bereits Anklang bei so unterschiedlichen Projekten wie Matthias Schweighöfers Film „Vaterfreuden“ sowie bei der MTV-Unplugged-Session von Revolverheld.

ROE aus Nordirland: traumwandlerische und zugleich trotzige Attitüde

„Das ist einer dieser Künstler, den noch viel viel mehr Menschen kennenlernen sollen“, sagt Sebastian. Gleiches gilt für Tom George alias The Lion And The Wolf. Der Brite bringt die Gemüter ebenfalls sachte, aber dafür umso tiefgreifender zum Schwingen.

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Provinz, fotografiert von Nico Braun.

Als Freundin von prägnanten Bandnamen wie Küken, Karies oder Pranke bin ich besonders gespannt auf das Quartett Provinz aus Ravensburg. Eine jener Bands, die „in den Startlöchern steht“, wie Sebastian sagt. Sänger Vincent erzählt mit aufgerauter Stimme und intensivem Druck zu schwelgerischem Kammerpop vom Fühlen und Verstehen, von Angst und Liebe.

Das Hamburg Harbour 2019 wird komplettiert von ROE. Auf die nordirische Musikerin trifft der Aspekt Newcomer voll und ganz zu: 19 Jahre ist sie alt und wird direkt als größtes Nachwuchstalent ihrer Heimat gehandelt. In ihren Songs und ihrer Stimme steckt eine traumwandlerische und zugleich trotzige Attitüde, die sie in coole wie detailverliebte Electrosounds hüllt. Das gefällt mir sehr gut und ist eine tolle Klangfarbe für das Festival.

Booking aus Passion

Trotz dieses vielversprechenden Line-Ups ist der Vorverkauf nicht rasant Richtung „ausverkauft“ gestartet. Anders als noch im vergangenen Jahr, als er mit Moritz Krämer einen Künstler mit reichlich Fanbase ankündigen konnte, erzählt Sebastian. Auch für 2019 hatte er versucht, einen populäreren Act als Zugpferd zu buchen. Doch eine Vielzahl an Gründen führte zu freundlichen Absagen.

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ROE

Manche Künstlerinnen und Künstler sind durch kommende größere Auftritt in Hamburg an Gebietsklauseln gebunden. Einige warten lieber auf die Releaseshow zu ihrem nächsten Album. Andere stecken gerade mitten im Entstehungsprozess für neues Material.

Hinzu kommt, dass Sebastian seine Veranstaltungen komplett als Hobby und ehrenamtlich betreibt. Im Zuge dessen zahlt er Künstlern zwar Honorar, kann aber nicht so hohe Gagen bieten wie ein großer Konzertveranstalter.

Nachdenken über Newcomer

Dass ein erlesen kuratiertes Newcomer-Programm nicht genügend Publikum ziehen könnte, erläutert Sebastian, das habe ihn nachdenklich gemacht. Und mich auch. Wenn uns immer ständig alles digital entgegenruft „Jetzt! Neu! Sofort! Hype! Schnell!“, schwindet dann die Motivation, sich im realen Leben für ein paar Stunden wirklich auf Unbekanntes einzulassen? Oder gehen die Menschen einfach lieber auf Nummer sicher, wenn sie schon vor die Türe treten und Geld für ein Konzert ausgeben? Ist womöglich das Angebot in Hamburg einfach viel zu groß?

Klar, es gibt vom Publikum gelernte Konzepte wie das Reeperbahn Festival, das auf Newcomer setzt. Doch das zieht natürlich mit einem ganz anderen finanziellen Wums seine Gäste. Interessanter finde ich da, wie sich die neue Reihe von FKP Scorpio entwickeln wird: Im Januar lädt der Hamburger Konzertveranstalter bereits zum dritten Mal zu „Mucke bei die Fische“, um die „jungen Wilden“ auf die Bühne zu holen. Bands auf dem Sprung mit wenig Live-Erfahrung, von denen sich viele beim kurz zuvor stattfindenden Eurosonic Festival im niederländischen Groningen ausprobiert haben.

Weitere Formate für neue Töne: „Mucke bei die Fische präsentiert“

Unter dem Titel „Mucke bei die Fische präsentiert“ bringt FKP Scorpio seit November nun monatlich Newcomer in unterschiedliche Clubs. „Wer neue Töne hören möchte, wer dabei sein will, wenn junge und aufregende Bands ihr Debüt geben oder sehen möchte, wie sich Künstler entwickeln, die vielleicht schon einmal in der Hansestadt zu Gast waren, ist ab jetzt zum monatlichen Date mit guter Musik verabredet“, heißt es in der Presseinfo zu dem neuen Format.

Das Artwork zu Hamburg Harbour 2019 gestaltete Denise Hennings.

Ich bin wirklich angetan davon, Newcomer so eindeutig in den Fokus zu rücken. Und ich wünsche allen – auch mir selbst – die Muße, sich mit Herz und Hirn auf das Abenteuer zu begeben, Unbekanntes ganz nah an sich heranzulassen. Das muss ja nicht immer mit Überwältigungsgeste geschehen. Es kann auch ein neugieriges Beobachten und Erforschen sein, wie es das wunderschöne Artwork zum Hamburg Harbour 2019 von Denise Hennings zeigt. Ein Mädchen schaut von einem Ruderboot aus in einen Teich und betrachtet die darin umher schwimmenden Koikarpfen mit ihren farbigen Flossen.

Wenn Musik weiterhin so inspirierend schillern soll, braucht sie Publikum. Braucht sie uns. Und wir, wir brauchen sie ja sowieso, die Musik.

Newcomer-Termine:

„Mucke bei die Fische präsentiert“: Skegss, Molotow: 8. Dezember 2018
Hamburg Harbour Festival: 12. Januar 2019, Knust
Mucke bei die Fische: 19. Januar 2019, Molotow
Husum Harbour Festival: 6. & 7. April 2019
Reeperbahn Festival: 18. bis 21. September 2019, St. Pauli

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Neu entdeckt: Herr D.K. und Botschaft im Knust

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Wie kommen eigentlich neue Bands in mein Leben? Auf vielen Wegen, klar. Aber meistens tauchen sie schlichtweg auf in der eigenen (zugegebener Maßen auf Pop fokussierten) Wahrnehmung. Ein Freund postet ein Video auf Facebook. Eine Freundin erzählt von einer Vorband, die sie gesehen hat. Ich lese erste kleine Sympathiebekundungen auf Blogs und in den sozialen Netzwerken. Da beginnt etwas zu kursieren.

Im „New Yorker“ gibt es die schöne Rubrik „The Talk Of The Town“ mit Notizen, Neuig- und Merkwürdigkeiten. Und dieses Stadt- oder Szenegespräch findet durchaus auch in Hamburg statt. Wenn etwas brodelt. Oder sachte wächst. Und ich liebe es, dieses Gefühl von Anfang, Aufregung und auch Risiko mitzuerleben, das dieser Phase innewohnt. Aus diesem Grund schaue ich mir wahnsinnig gerne Bands an, die ich neu für mich entdeckt habe. Die noch unbekannter sind. Die gerade erst aufbrechen in dieses weite Feld namens Öffentlichkeit. In mir regt sich dann eine Mischung aus Entdeckergeist und Mitfiebern. Hinzu kommt die Magie des Noch-Nicht-So-Routinierten.

Herr D.K. – trunkene Qualität

Ich freue mich daher sehr auf diesen Donnerstagabend im Knust, in dessen Café gleich zwei Hamburger Bands spielen, die ich bereits eine Weile auf dem Zettel habe: Herr D.K. und Botschaft.

Auf Herr D.K. stieß ich Anfang des Jahres über ihr Video zu dem Song „Weißt du wieso“ – ein schöner Schwarz-Weiß-Clip, der auf einem Live-Auftritt im Molotow basiert. Allein wegen der Location war mein Interesse natürlich schon einmal geweckt. Aber nicht nur deshalb.

Da war dieser Sound zwischen Erschöpfung und Zuversicht. Wie ich als Hörerin mit der dunklen Stimme des Sängers hinein schlurfen kann in den Song, um dann mit den Gitarren schneller mitzulaufen. Dazu die nachdenkliche, rätselhafte Lyrik. „Wenn du dich aus dir selbst vertreibst“ heißt es da. Und „Bier wird langsam zu Champagner.“ Die dekadente Variante von „Wasser zu Wein“. Das gefällt mir.

Herr D.K., Band, Pop in Hamburg, Konzert, Knust, ClubDie Nummer „Weißt du wieso“ spielt Herr D.K. an diesem Abend im Knust als erstes. Ein sehr guter Start. Ich hatte die Band bereits im Sommer bei den „Knust Acoustics“ in der reduzierten Variante erlebt. Jetzt komplett zu fünft und verstärkt auf der Bühne hat ihr Sound einen fein justierten Wumms. Der tiefe Gesang besitzt eine trunkene Qualität. Lavieren durchs Leben. Mit der Innenschau nach Außen gehen. Was ist das? Indie-Chanson, Kaschemmen-Folk, Schlendrian-Rock? Ich gehe da jedenfalls gerne mit.

Botschaft – keine Parolen, keine blöden

Der Auftritt von Herr D.K. mit seinem dunklen Charisma ergänzt sich sehr gut mit der ersten Band des Abends, Botschaft. Ich fühle mich ein wenig so, als würde ich musikalisch vom Spätsommer in den Herbst geleitet. Botschaft mit ihren hellen Gitarrenläufen, mit dem hohen Gesang, mit ihrer ganzen Popverliebheit driften hinüber auf die sonnenbeschienene Seite der Melancholie.

In der Tradition von Popbands mit Anspruch wie Die Sterne loten sie aus, wie sich das Ich im Kollektiv bewegt, wie es sich positioniert und manipuliert, wie es scheitert und strebt. Da äußert sich ein Unbehagen. Aber keine Parolen, keine blöden. Sondern klug gedacht und komplex gemacht.

Wie einst bei der so genannten Hamburger Schule bin ich angetan davon, wie sich unsexy deutsche Worte mit einem Groove kombinieren lassen. Als solle das Herz heavy pulsieren, aber das Hirn dann bitte doch noch mitdenken. „Herrschaftsfrei“ ist solch ein schön sperriges Wort. „Man kann vom Bedürfnis abstrahieren“ ist solch ein Satz. Zu finden ist er in dem Song „Niederlage“, über dessen Video ich vor einiger Zeit erstmals auf die Band aufmerksam wurde.

Bundesjugendspiele, Schützenfest, Subkulturerweckung

Wirklich berührt hat mich jedoch der neue Clip zu der Nummer „Sozialisiert in der BRD“, ein Zusammenschnitt aus Homevideos von Sänger und Gitarrist Malte Thran aus den 80er- und 90er-Jahren sowie TV-Schnipseln von MTV bis Zapfenstreich, von Kohl bis Lilo Wanders. Bundesjugendspiele, Schützenfest, Subkulturerweckung. Gemeinsam mit der Musik ist das keine Ha-Ha-Retro-Show im Best-Of-Format, sondern eher eine funky flirrende Reflexion, wohin das eigene Aufwachsen führt. „In die Karrieren sortiert“ ist eine Formulierung, die hängen bleibt.

Mir versetzt das beim Anschauen einen nostalgischen Stich. Szenen steigen auf, an die ich lange nicht gedacht habe. Weihnachtsfeste mit Musikvortrag. Die Identität zusammen puzzeln im Medienkonsum. Die Wurschtigkeit der Pubertät. Das Behütete als Privileg und das Überdenken desselben. Und ich muss an eine Freundin denken, die im Osten aufgewachsen ist. Wie selbstverständlich lebe ich eigentlich mit meinem westlichen Blick? Ich bin froh, wenn Kunst derart anregend ist.

Komplizenschaften im Popleben

Das Tolle an diesem Abend ist zudem, wie sich das Hamburger Popleben stets weiter fortschreibt. Und das auch mittels Komplizenschaften. In beiden Bands spielen diverse Musiker, die auch in andere Projekte involviert sind oder waren. Bei Herr D.K. etwa Timo Meinen von der ehemaligen Punkrockband Findus am Schlagzeug, bei Botschaft am Bass Peter Tiedeken, einst bei Station 17 und The Robocop Kraus.

Herr D.K. hat soeben seine EP „Zwischen uns“ veröffentlicht, Botschaft bringt Anfang 2019 ihr Debütalbum heraus. Ich bin und bleibe gespannt.

Das Konzert ist für die Reihe „RockCity On Air“ mitgeschnitten worden und geht am 7. November bei NDR Info auf Sendung.

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Von einem, der ankam: “Vielleicht in Hamburg” von Die Regierung

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Vielleicht in Hamburg“. Ein solcher Songtitel klingt wie ein Versprechen, aber auch ein wenig vage. Mich jedenfalls hat er sofort angesprochen. Denn Mitte der 90er-Jahre, als ich noch nicht im Norden lebte, da war das für mich eine absolut aufregende Option: „Vielleicht in Hamburg“ auf ein Konzert gehen. „Vielleicht in Hamburg“ wohnen. „Vielleicht in Hamburg“ das gute wilde Leben finden. Hamburg war damals der Platz für mich: Pop und Subkultur, schräge Lieder und schiefe Visagen, sexuell und politisch anders denkend.

Als ich dann noch erfuhr, dass der Song eine neue Nummer von Tilman Rossmy und seiner Band die Regierung ist, lief die Erinnerungsmaschine direkt weiter auf Hochtouren: Ich war gerade nach Hamburg gezogen und saß das erste Mal im Saal 2 am Schulterblatt. Ein Freund hatte den Ort vorgeschlagen. Ich war etwas zu früh, setzte mich ans Fenster, blickte umher und sah doch tatsächlich Tilman Rosmy in der Mitte des Cafés sitzen, wie er in seinen Milchkaffee schaute. Ein freundlicher Dandy. Vielleicht ein wenig müde.

Über seltsame Entertainer und professionelle Fans

In mir breitete sich ein solch ultimatives Zuhausegefühl aus, dass ich es bis heute abrufen kann. Ich war damals, Ende der 90er, schon Fan. Tilman Rossmy war für mich der nölige Poet, der Liebeslieder von verpeilter Schönheit sang. Über Nicole, Charlotte und Corinna. Er schuf aber vor allem lakonisch rockende Studien über Existenzen jenseits der Norm. Über seltsame Entertainer und professionelle Fans, über Künstler und Idioten, über Lebefrauen und -männer. Und in Hamburg war das möglich, dass so ein toller Musiker einfach ganz ruhig neben einem im Café saß.

All diese Bilder liefen also bereits in meinem Kopfkino ab, bevor ich diesen Song gehört habe, der am 17. August 2018 offiziell als Single beim Berliner Label Staatsakt erscheint. Das ist natürlich gefährlich. Stichwort: Erwartung. Und schön. Stichwort: Vorfreude.

Und wie ist es nun, dieses „Vielleicht in Hamburg“?

Musikalisch ist „Vielleicht in Hamburg“ eine Mischung aus Singersongwriter-Charme und verhaltenem Rock mit fein eingewobenen Gitarrenmelodien. Rosmys halb bemüht ausgestoßenes „Uh Ah Uh Ah Ah“ zu Beginn wirkt eher wie ein Rock ‘n’ Roll-Zitat als wirklich ernst gemeint. Mir gefällt das Abgehangene der Nummer sehr gut. Versucht Rosmy, der Anfang August seinen 60. Geburtstag feierte, doch gar nicht erst, hyperaktiv berufsjugendlich rüberzukommen.

In zwei markanten Episoden erzählt uns Tilman Rossmy auf knapp vier Minuten seine eigene Geschichte. Wie er vier oder fünf Akkorde auf der Volkshochschule lernte und ihn die Prognose ereilte: Damit kommt man nicht weit. „Nicht in meiner Heimatstadt, aber vielleicht in Hamburg“, antwortet er in gewohnter Sing-Sprech-Monotonie. Also zieht der Protagonist in die Hansestadt. In ein Acht-Quadratmeter-Zimmer. Im Sorgenbrecher auf dem Kiez findet er Fans und Freunde, die ihm zurufen: „Schön, dass Du jetzt hier bist“.

Und mir zerspringt kurz das Herz vor Freude, dass dieses kleine Lied genau dieses Gefühl verdichtet, angekommen zu sein an einem Ort, wo die Menschen einen womöglich ein bisschen besser verstehen als anderswo. Willkommen zuhause.

Ich muss an diesen Werbespruch eines Brauseherstellers denken: „Unser soziales Netzwerk heißt Tresen“. Rausgehen, sich treffen, austauschen, das Andere umarmen. Genau das gilt es zu tun. Immer wieder.

Vielleicht in Hamburg“ erscheint am 17. August beim Label Staatsakt.
Tilman Rossmy live mit den Flowerpornoes: 23. August, Knust.

 

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