WBM — belgische Popförderung, angesagte Bands und europäischer Geist

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Ein Aspekt, den ich bei unserem Arbeitswohnprojekt in Brüssel besonders schätze: Dass ein europäischer Geist, Vibe und Buzz besonders stark zu spüren ist. Das liegt weniger an der Nähe zum europäischen Parlament.

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Das Europaparlament mit Vogelstraußskulptur davor.

Vielmehr sind es all die unterschiedlichen Impulse, die in der Mitte Europas zu spüren sind. Auf der Achse zwischen Skandinavien und Spanien sowie zwischen Großbritannien und Osteuropa. In den Straßen und Bahnen sind nicht nur die beiden offiziellen Sprachen Brüssels zu hören, also Französisch und Niederländisch plus diverse Dialekte. Deutsch, Polnisch, Englisch, Arabisch, afrikanische Sprachen, Spanisch, Italienisch, Türkisch und alles, was die bunt zusammengesetzte Bevölkerung sonst noch an verbalen Backgrounds mitbringt, fügt sich zu einer klangvollen akustischen Collage. 

Signifikantes Symbol für diese Vielstimmigkeit Brüssels ist die Skulptur Pasionaria. Der Künstler Emilio Lopez-Menchero installierte 2006 ein überdimensionales Megafon nahe des belebten Gare du Midi, das allen Migranten der Stadt gewidmet ist. Vorbeikommende sollen die kleine Treppe emporsteigen und in den Trichter all ihr Glück und ihre Sorgen hineinrufen. So verbinde sich das Individuum mit dem öffentlichen Raum. Und die Worte mischen sich mit dem starken Verkehr auf der Kreuzung von Avenue Stalingrad und Boulevard du Midi. 

Pasionaria, Brussels, megaphone, art, sculpture, Avenue Stalingrad, Belgium, soundÄußerst inspirierend finde ich, dass all diese verschiedenen Einflüsse stark in der Popmusikszene Brüssels und Belgiens widerhallen. In meinem Blogpost über das Konzert des Rappers Tawsen habe ich solche stilistischen Verquickungen bereits geschildert. 

Von Hamburg nach Brüssel, von Factory 92 zu WBM

Eine Agentur, die zuhause in Hamburg sehr intensiv europäisch vernetzt arbeitet, ist Factory92. Ein hochgradig musikaffines Team von zehn Leuten ist darauf spezialisiert, europaweite PR- und Marketingkampagnen in der Popbranche zu organisieren. Bands aus anderen Ländern hilft Factory92, in Österreich, der Schweiz und Deutschland Konzerte zu spielen und auf dem deutschsprachigen Markt Fuß zu fassen. Die Agentur kooperiert zudem mit renommierten Festivals wie dem Sziget in Budapest und dem Roskilde bei Kopenhagen.

Als die Factory92-Chefs Jan Clausen und Christian Holl Buhl mitbekamen, dass ich einige Wochen in Brüssel verbringe, fragten sie direkt, ob sie mir Gesprächspartner vor Ort vermitteln sollen. Ein Angebot, dass ich sehr gerne wahrnehme. Und so fahre ich von unserem Viertel Schaerbeek mit der Straßenbahn 93 gut 20 Minuten in den Stadtteil Ixelles.

Am Place Flagey treffe ich Julien Fournier, seines Zeichens Direktor von Wallonie-Bruxelles Musiques, kurz WBM. Das dort ansässige Musikexportbüro versorgt Popkünstler mit den strukturellen und finanziellen Mitteln, um international erfolgreich zu werden. Bands mit Potenzial reisen mit WBM zum Beispiel zum Reeperbahn Festival nach Hamburg oder zum Eurosonic nach Groningen, um sich bei Showcases zu präsentieren.

Popförderung in Belgien zwischen Brüssel, Wallonie und Flandern

Pop, Export office, Wallonie Bruxelles Musique, Brussels, Music, Julien FournierBeim Mittagessen erklärt Julien, dass nicht nur Belgien, sondern auch dessen Popförderstruktur in zwei Hälften geteilt ist. Entsprechend der Demographie kümmert sich Flandern im Norden primär um niederländischsprachige Acts. Die Wallonie im Süden Belgiens, die Julien mit seinem fünfköpfigen Team vertritt, ist fokussiert auf französischsprachige Musiker. Künstler wiederum, die in der Region Brüssel leben, können theoretisch von beiden Seiten Unterstützung erhalten. In der Regel entscheiden sie sich aber früher oder später für WBM oder das das flämische Pendant, das Flanders Arts Institute.

Da Belgien mit seinen rund 11.5 Millionen Einwohnern ohnehin kein gerade großes Land ist, treten Bands im Ausland unter der Dachmarke „Belgium Booms“ auf, erzählt Julien. Das ist durchaus sinnvoll. „Aus Nordrhein-Westfalen“ oder „aus Rheinland-Pfalz“ — mit solchen Labels würde das deutsche Exportbüro, die Initiative Musik, ihre Bands bei einem internationalem Festival wie etwa der SX/SW in Texas wohl auch nicht zwingend anpreisen.

Paris als Instanz für französischsprachigen Pop

Für das Exportbüro Wallonie und Brüssel sei eine der Herausforderungen, erfahre ich, sich ins Verhältnis zu setzen zum großen Popmusiknachbarn Frankreich. Momentan erlebe französischsprachiger Hiphop in Belgien einen Boom. Allerdings fungiere Paris wie eine Instanz, die ein Qualitätsgütesiegel für französischsprachige Musik vergibt. Sprich: Wer es in diesem Segment wirklich zu etwas bringen möchte, muss es erst in der französischen Hauptstadt schaffen und sich beim dortigen Publikum einen Namen machen.

Um sich eigenständiger zu positionieren, möchte sich Julien mit WBM stärker auf belgische Acts konzentrieren, die weird und edgy sind. Die Ecken und Kanten haben. Die lieber verschlungene Pfade beschreiten, als mit ihrem Sound mitten über die breite kommerzielle Straßen zu brettern.

Belgische Acts, auf die zu achten ist: Blu Samu, Juicy und Namdose

WBM setzt beispielsweise auf Blu Samu, eine junge belgische Rapperin mit portugiesischen Wurzeln, die in ihren Lyrics Englisch und Französisch kombiniert. Julien empfiehlt zudem das Duo Juicy, zwei junge Frauen, die mit Keyboards und Gitarre eine cool groovende Liaison aus Pop und R’n’B erzeugen. 

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Namdose, fotografiert von Manou Milon.

Äußerst umtriebig ist auch das Kollektiv Namdose, das aus der französischen Band Ropoporose und der belgischen Formation BRNS besteht. Eine Art grenzüberschreitende Supergroup, die irrisierenden Indie- und Avantgarde-Pop produziert. Mich erinnert das Ganze an die frühen Stereolab. Mit Diego Leyder, dem Gitarristen der Band, habe ich mich die Tage auf ein Bier getroffen. Namdose und ihre Aktivitäten stelle ich daher in einem gesonderten Blogpost vor.

Dem Hype glauben: französischsprachiger Hiphop mit L’Or du Commun

Der Unterschied zwischen wallonisch und flämisch geprägter Musikszene reicht sogar bis in die Clubkultur hinein, erläutert Julien von WBM. So sei das Botanique in unserer Schaerbeek’schen Nachbarschaft, das ich direkt zu Beginn unserer Brüsseler Zeit erkundet habe, der bevorzugte Ort für französischsprachige Acts (siehe Titelbild dieses Blogposts). Das Ancienne Belgique, kurz AB, sei wiederum Anlaufstelle für Künstler aus der Region Flandern. Die Grenzen seien jedoch fließend. Und in beiden Locations treten zudem internationale Acts auf. 

Ancienne Belgique, AB, Boulevard Ansbach, Brüssel, Music, Clubs, Popculture, Concerts, Pop, Brussels, Flanders, French music scene, WBM, Wallonie Bruxelles Musique, L'Or Du CommunL'Or Du Commun, Album, Cover, Sapiens, Rap, Hiphop, Pop, Music, Brussels, BelgiumUm die Wallonie-Flandern-These in puncto Konzerthallen direkt einmal zu widerlegen, gehe ich am Abend ins Ancienne zum Auftritt der angesagten Hiphopper L’Or du Commun.

Die drei französischsprachigen Rapper Primero, Swing und Loxley haben 2012 als Crew zusammengefunden. Nach diversen EPs erschien Ende 2018 ihr erster Longplayer „Sapiens“ auf dem Label LaBrique. Auf ihrem Album beschäftigt sich L’Or du Commun mit der menschlichen Natur. Ohne moralischen Zeigefinger, aber durchaus reflektiert und politisch verhandeln die jungen Belgier gesellschaftliche Verhältnisse sowie unser digitalisiertes Dasein. 

Ancienne Belgique, die perfekte Konzerthalle?

Das Venue selbst kommt für mich in Sachen Sound und Aufteilung schon sehr nah heran an die perfekte Spielstätte. Der rechteckige Innenraum sowie die flankierenden zweigeschossigen Galerien rechts und links fassen 2000 Leute stehend. An der Rückseite ragt in der ersten Etage zudem ein Balkon mit 700 Sitzplätze empor. Das gesamte Ambiente des Ancienne Belgique leuchtet in roter Wärme, hat aber zugleich einen angenehm rauen Charme. 

Ancienne Belgique, AB, Boulevard Ansbach, Brüssel, Music, Clubs, Popculture, Concerts, Pop, Brussels, Flanders, French music scene, WBM, Wallonie Bruxelles Musique, L'Or Du CommunL’Or du Commun spielen eine anderthalbstündige Show, bei der die Menge vom ersten Beat bis zum letzten Reim springt und mitsingt. Eine tolle elektrisierende Atmosphäre, die durch den hervorragenden Klang noch befeuert wird. Auf der Bühne sind neben dem Trio nicht nur zwei DJs aktiv, sondern auch diverse Gastsänger und -rapper. Zudem springen immer wieder besonders enthusiastische Anhänger auf die Bühne, die von der Crew umarmt und in ihre wilden Tänze integriert werden. Ich bin gespannt, ob eine derart tolle Combo ihren Weg bis nach Deutschland findet. Zu wünschen wäre es.    

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Auf zu unbekannten Orten: Indies Keeping Secrets und Record Store Day in Brüssel

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In den vergangenen Tagen unseres Arbeitswohnprojekts in Brüssel durfte ich die Popkultur der Stadt auf ganz unterschiedlichen Ebenen kennenlernen. Ich bin sehr angetan von der Gastfreundschaft, Offenheit und Diversität der hiesigen Szene. An dieser Stelle möchte ich von zwei Konzerten erzählen, die ich an Spielstätten jenseits der gängigen Clubkultur erlebt habe. Und zwar von der Initiative Indies Keeping Secrets sowie vom Record Store Day. 

Indies Keeping Secrets: Konzerte an geheimen Orten

Bei meinen Recherchen über Popmusik in Brüssel stieß ich auf ein Team, dass geheime Konzerte an ungewöhnlichen Locations veranstaltet. Das Ganze läuft unter dem charmanten Namen Indies Keeping Secrets. In versteckten Gärten und auf privaten Dachterrassen, in Schlössern und Fabriken, im Comic-Museum und in einem Swimmingpool war die Initiative schon zu Gast. Ich meldete mich also voller Neugierde für den Newsletter an. Und bereits wenige Tage später erhielt ich die Nachricht, dass bald ein weiterer Auftritt anstünde. Ein Countryfolkduo. Ort: geheim. 

Ich reservierte kostenfreie Tickets. Und anderthalb Tage vor dem angekündigten Datum bekam ich erneut Post mit Uhrzeit und Treffpunkt. Ich fühlte mich an frühere Zeiten als Pfadfinderin erinnert. Meine Schnitzeljagdfreude war definitiv geweckt. So eine Spurensuche fände ich in meiner Hamburger Heimat bereits spannend genug. In einer mir noch nicht so vertrauten Stadt ist diese Praxis natürlich ungleich aufregender. Und zudem eine tolle Möglichkeit, eine weitere unbekannte Ecke Brüssels kennenzulernen.

Country aus New York in einer belgischen Fabrikhalle

Und so brechen wir von unserer Fabriketage im Stadtteil Schaerbeek auf nach Saint Gilles im Südwesten der Stadt. An einem Pavillon auf dem Place Bethléem versammeln sich um kurz vor acht nach und nach an die 150 Leute. Wir sind ein wenig zu sehr damit beschäftigt, zu plaudern und die auf dem Platz fußballspielenden Kinder zu beobachten. Deshalb sehen und hören wir gar nicht, wer da das Signal zum Aufbruch gegeben hat. Jedenfalls setzt sich die Menge wie von Zauberhand geführt in Bewegung. Wir hinterher. 

Indies Keeping Secrets, Concerts, Brussels, Belgium, Indie, Pop, Music, Band, country, folk, The Brother BrothersWie eine Demonstration ohne Schilder laufen wir durch einige Straßen und kehren schließlich in eine renovierte wie lichtdurchflutete Fabrikhalle ein. Auf Stühlen und Teppichen sowie stehend verteilt sich das Publikum im Raum. Und eine der Initiatorinnen von Indies Keeping Secrets erklärt uns, dass wir uns im Palazzo befinden, einem neu eröffneten Coworkingspace für Kreative. Die Künstlerinnen und Künstler schenken Bier an einer improvisierten Bar aus. Und dann beginnt auch schon das Konzert. Auftritt: The Brother Brothers. 

Indies Keeping Secrets, Concerts, Brussels, Belgium, Indie, Pop, Music, Band, country, folk, The Brother BrothersDie Zwillingsbrüder David und Adam Moss aus New York spielen empfindsamen Country, Folk und Bluegrass. Gitarre, Geige und Cello sowie mehrstimmiger Gesang ergeben einen feinen Fluss. Ihrer hoch harmonischen Musik ist anzuhören, dass die zwei eben schon ihr gesamtes Leben lang zusammen verbringen. Dass sie im wahrsten Sinne des Wortes eingegroovt sind.

Besonders im Ohr ist mir ihr Song „Ocean’s Daughter“. Die Brüder erzählen, dass die Nummer nach den heftigen Waldbränden an der Westküste der USA entstanden sei. Stundenland seien sie die Küste hoch nach Kanada durch Rauch gefahren. Eine Erfahrung, die die Musiker motivierte, ein Lied zum Thema Klimawandel zu schreiben. Mit dem „Banjo Song“ haben sie aber auch einen genretypischen Liebeskummersong im Repertoire. Und bei dem schnelleren „In The Nighttime“ wird sogar gejodelt. 

Spende im Nutellaglas

Seit fünf Jahren organisieren die Leute von Indies Keeping Secrets einmal im Monat ihre geheimen Gigs. Ein Pendant existiert zudem in Barcelona. Ich muss natürlich sofort darüber nachdenken, ob solch eine Reihe nicht auch in Hamburg gut funktionieren würde. Allerdings sei es gar nicht so einfach, erfahren wir noch, immer wieder außergewöhnliche Stätten zu finden. 

Am Ausgang bedanken wir uns bei The Brother Brothers für ihr schönes  Konzert. Und wir geben eine Spende für den Abend in ein Nutellaglas. Dann geht es durch die Straßen Brüssels zurück zu unserer Fabriketage. Es ist noch einmal richtig kalt geworden mitten im Frühling. Aber das Herz, das ist gut gewärmt.

Record Store Day bei Chez Pias in Brüssel

Seit elf Jahren feiern unabhängige Plattenläden einmal im Jahr den Record Store Day. Mehr als 2000 Geschäfte weltweit machen so auf ihr musikalisches Know-how aufmerksam. Zahlreiche Sammlerinnen und Sammler werden zudem angelockt durch limitierte Vinyl-Editionen, die an diesem Tag erscheinen. In den sozialen Netzwerken habe ich verfolgt, wie sich der Hamburger Plattenladen Michelle Records für den zu erwartenden Ansturm rüstet. Und in Brüssel wollte ich natürlich auch ein wenig Record-Store-Day-Luft schnuppern. 

Record Store Day, Vinyl, Chez Pias, Band, Portland, Beautiful Badness, Pias, Record LabelSo begebe ich mich nach einem leckeren afrikanischen Essen im Stadtteil Matonge und nach exquisiter Nascherei beim Chocolatier Laurent Gerbaut zum Plattenladen Chez Pias. Zwischen spröden, an diesem Samstag verwaisten Bürohäusern steht da eine Bühne auf der Straße. Das Duo Portland produziert zart driftenden Dreampop an Keyboard und Gitarre. Und ihr Auftritt wird in einem Wohnwagen daneben auf Vinyl mitgeschnitten. Rund 50 Leute lauschen. Ein echtes Nerdfest. Die Dichte an mit Platten gefüllten Jutebeuteln ist hoch. 

Plattenladen als geschmackvoll eingerichtetes Aushängeschild

Im Anschluss spielt im Innern Beautiful Badness, das Projekt des belgischen Komponisten Gabriel Sesboué, einen Mix aus Neoklassik und Electropop. Zeit, sich untermalt von den pulsierenden Klängen ein wenig umzuschauen. Der Plattenladen Chez Pias ist das geschmackvoll eingerichtete Aushängeschild und zugleich Foyer der renommierten Plattenfirma Play It Again Sam, kurz [PIAS]. 

Record Store Day, Vinyl, Chez Pias, Band, Portland, Beautiful Badness, Pias, Record LabelAnfang der 1980er-Jahre in Brüssel gegründet, spicken namenhafte Acts wie Agnes Obel, Oasis, die Arctic Monkeys und Tom Waits die [PIAS]-Historie. Und einige der bekanntesten Albumcover hängen groß gezogen an den Wänden — von The Prodigys „The Fat Of The Land“ bis zu Nick Caves „The Boatsman’s Call“. Zu den weltweit agierenden Büros zählt auch eines in Hamburg mit Sitz nahe St. Katharinen bei der Speicherstadt. 

Und zum Artist-Roster von [PIAS] gehören ebenfalls die Österreicherin Soap & Skin sowie der Berliner Jungstötter. Dessen wunderbar schwelgerisches Album „Love Is“ zählt für mich zu den frühen Highlights des Musikjahres 2019. Am Sonntag spielen beide im nahe gelegenen Botanique. Ein weiterer popkultureller Abend in Brüssel, auf den ich mich extrem freue. 

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Tawsen — Pop und Rap aus dem Herzen Brüssels

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Beim Arbeitswohnprojekt in unserer Brüsseler Fabriketage ist es ruhiger geworden. Nicht, was den Austausch zwischen Matze, Julia und mir angeht. Weiterhin reden wir angeregt über Projekte und Ideen. Doch der Sound um uns herum ist leiser. Die unter uns probenden Bands scheinen seit Tagen ausgeflogen. Und ich staune zudem, wie schnell sich ein Mensch an einen Ort und dessen speziellen Klang gewöhnt. So wie ein täglich getragenes Parfüm seine Intensität zu verlieren scheint, nehme ich weniger Geräusche wahr, je länger ich in unserem vorübergehenden Domizil lebe. Ich höre das Knarren, Knacken und Klackern natürlich noch. Aber es ist zum selbstverständlichen Soundtrack meiner Tage geworden. Höchste Zeit also, neue Töne zu erkunden. In diesem Fall von dem jungen französischsprachigen Sänger Tawsen. 

Tawsen, Singer, Pop, RnB, Rap, Hiphop, Rai, Debut, Record, Release, Al Warda, Concert, Botanique, Brussels, BelgiumTawsen lebt in Brüssel, ist in Italien geboren und hat einen marokkanischen Background. Ich finde es extrem inspirierend, wie in dieser Stadt unterschiedliche Kulturen zusammenkommen. 70 Prozent der Menschen haben einen Migrationshintergrund, was sich in der Musik widerspiegelt. Tawsen zum Beispiel kombiniert in seinem urbanen Pop Elemente von Hiphop und R’n’B mit den  elegischen Gesangslinien des nordafrikanischen Rai und den akzentuierten Rhythmen des Zouk von den Antillen. 

Tawsen feiert den Release seines Debütalbums „Al Warda“

Tawsen, Singer, Pop, RnB, Rap, Hiphop, Rai, Debut, Record, Release, Al Warda, Concert, Botanique, Brussels, BelgiumIm Botanique, dem wunderschönen Konzertareal in unserer Nachbarschaft, feiert Tawsen den Release seines Debütalbums „Al Warda“ in der 250 Leute fassenden Rotonde. Eine tolle Location im Herzen des Botanique mit hoher Kuppel und einer Amphitheater-Architektur, die alle Konzentration auf die Bühne zulaufen lässt.

Der Auftritt von Tawsen beginnt um Punkt 20 Uhr und endet genau eine Stunde später  exakt so, wie vorher auf der Botanique-Seite angekündigt. Ein Service, den ich bereits bei verschiedenen Clubs in Brüssel beobachtet habe. Diese Pünktlichkeit und Vorhersehbarkeit mag spießig oder auch langweilig erscheinen. Ich finde es hingegen absolut angenehm zu wissen, ob ich mich auf ein ein- oder eher dreistündiges Konzerterlebnis einzustellen habe. 

Viel marokkanische Community, hoher Frauenanteil, ganze Familien

Tawsen, Singer, Pop, RnB, Rap, Hiphop, Rai, Debut, Record, Release, Al Warda, Concert, Botanique, Brussels, BelgiumMit seinen äußerst melodischen wie fein rhythmisierten Songs zieht Tawsen an diesem Freitagabend eine freundliche wie cool-schicke Crowd an. Viel marokkanische Community, hoher Frauenanteil, ganze Familien. Die Rotonde ist ausverkauft und die Stimmung von Anfang an elektrisiert.

Auf der Bühne steht eine mit weißen und rosafarbenen Rosen besteckte Wand, davor liegt ein weiß glitzernder Teppich. Das Ambiente passt zur süßen Melodramatik, die Tawsen in seinem Video zum Song „Comme Une Fleur“ erzeugt. Als Fan von Bollywoodfilmen bin ich für so eine hoch dosierte Emotionalität absolut empfänglich. 

Stimme und sanft euphorisierende Art des Künstlers im Fokus

Tawsen betritt die Bühne. Von Anfang an: Kreischen, Tanz, wilde Rufe und Mitsingen bis zur letzten Silbe. Der Sänger freut sich bei jedem Song aufs Neue, dass die Menge seine Lieder erkennt. Einmal legt er sich sogar auf den Boden, lässt das Publikum alleine singen und genießt den Augenblick. Direkt zwei Mal intoniert er mit seinen Fans im Chor die schwelgerische Hymne „Marrakech“.

Tawsen, Singer, Pop, RnB, Rap, Hiphop, Rai, Debut, Record, Release, Al Warda, Concert, Botanique, Brussels, BelgiumWas mich zunächst überrascht: Auf der Bühne ist kein DJ, also keine Musikquelle zu sehen. Die Stimme und sanft euphorisierende Art des Künstlers stehen ganz im Fokus — ein softer Gesang mit schnellen, halb gerappten Einschüben sowie lautmalerischen Linien. Ich bin jedenfalls völlig begeistert von der verbindenden Energie dieser Show. In der Mitte darf die Jugend ausrasten, während oben auf den Stufen dieses Clubamphitheaters Mütter mit Kinder auf dem Arm feiern. Und zum Ende bedankt sich Tawsen minutenlang bei allen Beteiligten — vom Produzenten über Videofilmer und Make-Up-Artist bis hin zum Floristen.

Im Anschluss gehen wir in einer Musikkneipe in unserer Schaerbeek’schen Nachbarschaft noch ein Bier trinken. L’Âne fou heißt die entspannte wie hübsch eingelebte Bar. Verrückter Esel. Ein guter Name, um einen spannenden Brüsseler Abend ausklingen zu lassen. 

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Der Sound der Stadt – Brüssel und das Botanique

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Seit einigen Tagen bin ich nun schon in Brüssel, wo ich mich mit zwei lange vertrauten Freunden zu einem Arbeitswohnprojekt zusammengefunden habe. Matze beschäftigt sich auf passionierte wie sachkundige, aber keineswegs elitäre Weise mit Wein, Bier und gastronomischen Genüssen aller Art. Julia schreibt seit fast neun Jahren höchst leidenschaftlich, klug und beeindruckend umfassend über Naturkosmetik rund um den Globus. Auf ihren Blogs Chez Matze und Beautyjagd haben sie bereits über unser Vorhaben geschrieben. Es geht darum, Zeit miteinander zu verbringen, sich auszutauschen und zu inspirieren. Und neue Impulse zu erhalten. Das beginnt bereits bei unserer Unterkunft. 

Factory, Project, Brüssel, Brussels, music, sound, Blogger, LifestyleJulia hat für uns eine umgebaute Fabriketage gefunden. Unser Gastgeber arbeitet als Ausstatter am Theater, weshalb das industrielle Ambiente eine ungeheure Weite atmet und zugleich anregend eingerichtet ist. Jeden Tag entdecken wir neue Details, die in die Wahrnehmung unserer Tage einfließen. Zeichnungen an den Wänden, Kunstbücher, kleine Skulpturen. 

Musikalische Spurensuche in Brüssel

Was mich besonders fasziniert: Solch ein Ort hat seinen ganz eigenen Sound. Und das ist in unserem Fall ganz wortwörtlich zu verstehen. Denn nicht nur das Plätschern in den frei liegenden Rohren oder das Quietschen der Türen birgt einen individuellen Klang. In der Etage unter uns probt ein Jazztrio. Und vor allem der Bass sorgt für eine angenehme rhythmische Grundierung. Ich überlege noch, ob ich mal hinunter gehe und frage, ob ich der Probe ein wenig beiwohnen darf. Oder ob ich einfach mein Kopfkino weiterlaufen lasse und mir ausmale, wer da unter uns wohl so musiziert. 

Factory, Project, Brüssel, Brussels, music, sound, Blogger, Lifestyle, Jazz, TrioVor zwei Tagen ist das Trio offenbar zu einem Auftritt aufgebrochen, weshalb der Eingang voller Instrumente lag. Wo haben sie wohl gespielt? Und wie heißt die Band überhaupt? Ich mag so eine Spurensuche sehr. Wenn sich reale Hinweise mit meiner Imagination vermischen. 

Überhaupt ist Brüssel mit seinem Mix aus Menschen und Einflüssen ein hervorragender Ort, um sich treiben zu lassen. Um an allen Ecken und Enden Impulse zu finden. Auch und vor allem in musikalischer Hinsicht. Ich habe mir vorgenommen, an dieser Stelle noch über einige der Clubs, Plattenläden und popkulturellen Orte zu schreiben, die ich bei meinen Spaziergängen durch die Stadt entdecke. Eine erste Konzert-Location habe ich bereits ganz konkret besucht. 

Der Konzertsaal in der Nachbarschaft: Botanique

Brüssel, Music, Clubs, Popculture, Botanique, Concerts, Alice Merton, PopIn unmittelbarer Nachbarschaft zu unserer belgischen Factory liegt auf der Grenze zwischen den Stadtteilen Saint-Josse-ten-Noode und Schaerbeek das Botanique, auf Niederländisch Kruidtuin. Das Gebäude stammt aus dem 19. Jahrhundert und diente dem umliegenden botanischen Garten einst als Orangerie. Das Thema Gewächshaus greift das Botanique, das seit 1984 ein Veranstaltungsort ist, charmant im Innern auf.

Brüssel, Music, Clubs, Popculture, Botanique, Concerts, Alice Merton, Pop Brüssel, Brussels, Music, Clubs, Popculture, Botanique, Concerts, Elliott Smith, Walk of fame Nach Einlass und Garderobe wandeln die Ankömmlinge zunächst im Halbkreis um die markante Rotunde des Gebäudes herum. Pflanzen ranken über den Köpfen. Und zu den Füßen blühen die Künstler, die bereits im Botanique gespielt haben. Elliott Smith, Oasis, Cat Power — in Umrissen von Blüten stehen Namen und Daten ihrer Auftritte. Ein Flowerwalk of Fame. Schön. 

Mit dieser feinen Einstimmung gelangen die Gäste zu den eigentlichen Spielorten. Zu der 700 Leute fassenden Orangerie, der Rotonde für maximal 250 Personen, der im Keller liegenden Witloof Bar für 200 Menschen sowie einem Café, dem Bota, mit einer Bar für die Getränkeversorgung. Was mir das freundliche Tresenpersonal bei der Bestellung erst erklären muss: Die Bezahlung funktioniert nicht mit Bargeld, sondern mit Tokens — kleinen Silbermünzen, die es an eigens aufgehängten Automaten zu erstehen gilt. „Irgendwie doof für die Barleute wegen des Trinkgelds“, dachte ich noch bei mir, kaufte einen Token und bemerkte erst im Nachhinein, dass der Automat kein Rückgeld gibt. So gerät alles dann doch wieder in Balance. 

Popkulturelle Querverbindungen nach Hamburg

Brüssel, Music, Clubs, Popculture, Botanique, Concerts, Alice Merton, PopIn der Rotonde spielt an diesem Abend Montevideo, eine Band aus Brüssel, ein Hybrid aus Indierock und Electropop. Ich biege jedoch in die Orangerie ab, um Alice Merton zu sehen. Eine junge Künstlerin aus Deutschland, die ich auf mehreren Ebenen spannend finde. Zum einen produziert sie Pop im allerbesten Sinne. Zum anderen steht sie mit ihrer selbst gegründeten Plattenfirma Paper Plane Records für Eigenständigkeit und Selbstverantwortung. 

Vor allem aber verkörpert Alice Merton eine große Internationalität. Die heute 25-Jährige ist in den USA sowie in Kanada aufgewachsen und lebt mittlerweile in Berlin. Aus den vielen Umzügen in ihrer Kindheit und Jugend resultiert auch ihr Hit „No Roots“, in dem sie über den Zustand des Nomadentums singt. Und auch ihre Bandmitglieder kommen aus verschiedenen Ländern, der Drummer aus Frankreich, der Gitarrist aus den USA und der Keyboarder aus Deutschland. 

Brüssel, Music, Clubs, Popculture, Botanique, Concerts, Alice Merton, PopDas erste Mal live erlebt habe ich Alice Merton 2017 auf dem Reeperbahn Festival, wo sie für den Anchor Award für aufstrebende Poptalente nominiert war. Nun hat mich die Hamburger Agentur Community Promotion, die die Kommunikation um Alice Merton im deutschsprachigen Raum betreut, netter Weise hier in Brüssel auf die Gästeliste des Konzerts setzen lassen. Mir gefällt der Gedanke sehr gut, dass alles miteinander verbunden ist. Das Orte jeweils unbedingt anders und eigen sind, jedoch viele Fäden zwischen ihnen geknüpft werden. 

Alice Merton, die lebende Discokugel

Die Orangerie ist ein äußerst dankbarer Saal für Artists und Publikum, denn der Raum erstreckt sich entlang einer breiten Bühne. So entsteht schnell ein Gefühl von Nähe. Alice Merton präsentiert mit natürlicher Grandezza (und trotz Erkältung) Songs ihres Debütalbums „Mint“. Ihre Musik besitzt eine kraftvolle Leichtigkeit, getragen von Alice Mertons Stimme, die sie dunkel kehlig gerappt einsetzt und bis in einen dramatischen Sopran changieren lassen kann. „Honeymoon Heartbreak“, eine der wenigen Balladen, erinnert an eine geringer entschleunigte Lana Del Rey. Bei einem munteren wie komplex arrangierten Song wie „Funny Business“ muss ich kurz an eine tolle Künstlerin wie Lilly Allen denken. 

Brüssel, Music, Clubs, Popculture, Botanique, Concerts, Alice Merton, Pop, Album, MintIhre Songs handeln weniger von Liebe, sondern vielmehr von ihrer persönlichen Entwicklung in den vergangenen Jahren, erzählt Alice Merton. Und diese coole und durchaus feminine Stärke spiegelt sich auch in ihrem Outfit. Ihr schwarzer Catsuit ist mit einer mint-farbenen transparenten Schleppe versehen. Und mit Spiegelsteinen rund um die Taille, so dass Alice Merton je nach Lichteinfall zur lebenden Discokugel wird. 

Aufgrund ihrer Erkältung könne sie nicht so sehr umherhüpfen wie sonst, erklärt Alice Merton dann noch. Ich fühle mich jedoch gut aufgeladen nach meinem ersten Konzertbesuch hier in Brüssel und laufe beschwingt die wenigen Meter durch die Nacht nachhause. Zu unserer Fabriketage mit ihrem ganz eigenen Sound. 

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