Biggy Pop – Take Five: Meine Hamburger Pop-Woche

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Bei „Biggy Pop – Take Five“ geht es heute um meine ganz persönliche Popwoche, aus der ich fünf Aspekte herausgepickt habe. Und das war gar nicht so einfach. Denn in dem Zeitfenster, in dem wir uns gerade befinden, ist schlichtweg irre viel los.

Die Sommerferien sind vorbei. Das musikalische Leben nimmt auch jenseits von Open Airs wieder Fahrt auf. Und bevor das Reeperbahn Festival popkulturell alles in einem großen Strudel absorbiert, bitten Veranstalter und Netzwerker noch einmal um unsere bestenfalls ungeteilte Aufmerksamkeit. Tage und vor allem Abende, an denen ich mich hervorragend fünfteilen könnte, ohne dass es in Hamburg langweilig würde.

Die hier herausgestellten Punkte von „Biggy Pop – Take Five“ sollen vor allem abbilden, wie vielfältig die hiesige Szene agiert. Und beim Lesen möchte ich definitiv dazu anregen, rauszugehen und mitzumischen. Viel Spaß!

1. Sommerfest von Clubkombinat und Popup Records

Auf dem Gelände von Sommer in Altona mit seinem hübschen Zirkuszelt lud die Bahrenfelder Plattenfirma Popup Records am Montag gemeinsam mit dem Clubkombinat Hamburg zum Sommerfest. Ein lauschiges Hallo von rund 300 passionierten Pop-Arbeitern und Musik-Nerds in unmittelbarer Nähe zur Reeperbahn.

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Für mich hatte der Abend noch eine besondere Bedeutung. Denn das Clubkombinat, das sich für die Belange der Hamburger Spielstätten einsetzt, feiert in diesem Jahr seinen 15. Geburtstag — und ich durfte eine vierteilige Dokumentation zum Jubiläum verfassen. Zudem erzählt ein Film die Geschichte des Vereins, dessen Dreh ich journalistisch begleitet habe. 

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Fotos: Clubkombinat

An diesem Abend wurde jedoch nicht nur getrunken und geredet, sondern auch öffentlich diskutiert. Unter dem Titel „15 Jahre Clubkombinat — Music was my first love“ unterhielten sich Susanne „Leo“ Leonhard (Docks/Prinzenbar), Claudia Mohr (Waagenbau), Holger Jass (Ex-Onkel Pö) und der Rapper Das Bo. Moderiert wurde der Talk von meiner grandiosen NDR-Kollegin Siri Keil, die mit mir zum Team des neuen Formats Nachtclub Überpop gehört. Ich liebe es, wenn auf einem Fleck derart geballtes Pop-Engagement zusammenkommt. 

2. MusicHHwomen MeetUp

Unglaublich viel popkulturelle Kompetenz und Leidenschaft war am Dienstag beim Netzwerktreffen der Initiative MusicHHwomen zu erleben. Bei schwül-dampfenden Höchsttemperaturen versammelten sich Popkünstlerinnen und Musiker, Journalistinnen, PR-Fachfrauen, Veranstalterinnen, Labelmitarbeiterinnen, Bookerinnen, Technikerinnen und Musikmalocherinnen unterm Dach der Bar Kleiner Donner in der Schanze. Die Community hat sich 2017 mit dem Ziel gegründet, all den coolen Ladies aus dem Business eine Plattform zu bieten. Der Verein RockCity Hamburg, treibende Kraft hinter diesem Netzwerk, bot einen ersten Einblick in die MusicHHwomen-Datenbank, die offiziell zum Reeperbahn Festival gelauncht wird. 

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Ich bin immer wieder stark beeindruckt, welch konstruktive Atmosphäre das RockCity-Team zu erzeugen versteht. An diesem Abend durfte ich als eine von vier Speakerinnen von meinem Werdegang als Musikjournalistin und Texterin erzählen. Im Anschluss wurden wir Expertinnen an Tische gesetzt, um individuell Fragen zu beantworten. Ich bin ganz baff, mit wie viel Elan und Persönlichkeit zahlreiche Frauen in die Branche drängen. Dutzende inspirierende Gespräche und Kurz-Coachings später radelte ich erfüllt nach Hause.

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Doreen Schimk von Warner Music im Gespräch, fotografiert von Julia Schwendtner (ebenso obiges Foto)

Besonders nachhaltig bin ich von den anderen Speakerinnen und ihren Geschichten begeistert: Die einflussreiche Musikmanagerin Rita Flügge-Timm erzählte klug davon, wie sie ihren Weg ins Musikgeschäft fand und welche Begegnungen von Falco über Roger Cicero bis zu Udo Lindenberg sie in ihrem Schaffen geprägt haben. Promotion-Powerhouse Doreen Schimk von Warner Music berichtete leidenschaftlich von ihrer Flucht aus der DDR 1988, vom Engagement in der Roten Flora bis hin zu ihrer heutigen Major-Position mit Dutzenden Mitarbeitern. Und Pianistin Gudrun Lehmann schilderte aufschlussreich, warum sie bevorzugt Musik für Filme und Serien komponiert — und weshalb sie sich für Pro Quote Film einsetzt. Moderiert wurde diese anregende Sause von Sängerin Sarajane.

3. Neue Konzertorte für Hamburg

Das altehrwürdige Hansa Theater ist eigentlich ein Ort für bunte Varieté-Abende mit dressierten Tieren und bauchredenden Menschen, mit Artisten und Clowns. Jetzt haben sich die Betreiber Thomas Collien und Ulrich Waller entschlossen, das Haus am Steindamm nahe des Hauptbahnhofs erstmals für Konzerte zu öffnen. Gemeinsam mit dem Musikjournalisten Stefan Krulle gründeten sie den St. George Club — benannt nach dem Viertel, in dem das plüschige Theater mit seinen knapp 500 Sitzen beheimatet ist. Den Anfang machte am Mittwoch — bei gefühlt 50 Grad Raumtemperatur — der Jazztrompeter Nils Wülker mit seiner Band. Ein eindringliches Konzert, dessen guter Sound große Lust macht auf mehr Musik im Hansa Theater. 

Ich freue mich immer, wenn sich in der Stadt weitere Spielstätten finden, wo Pop zu erleben ist. Von daher bin ich sehr gespannt auf die neue Open-Air-Fläche, die nun für die Saison 2020 angekündigt wurde. Im Juli nächsten Jahres will STP Hamburg Konzerte auf dem Gelände vor dem Volksparkstadion eine Reihe von Konzerten mit bis zu 20.000 Besuchern veranstalten. Als erste bestätigte Show treten am 11. Juli 2019 die Rapper Alligatoah, Pimpulsiv, DNP und Sudden alias Trailerpark auf. Eingeweiht wurde das Areal bereits im August 2017 mit einem ausverkauften Konzert der dänischen Band Volbeat. Weitere Ankündigungen sollen in den kommenden Wochen folgen.

4. Aktuelle Alben aus Hamburg

Onejiru, Record, Cover, Higher Than High, Singer, Hamburg, KeniaWie rührig die Hamburger Pop-Szene ist, lässt sich zum Glück nicht nur an Arbeiten im Hintergrund ablesen, sondern auch an neuen Veröffentlichungen. In der Popkolumne des Hamburger Abendblatts schreibe ich über die aktuellen Alben von Sängerin und Aktivistin Onejiru, von Slacker-Queen Ilgen-Nur, von der Soul-Supergroup namens Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen sowie von Keele, deren Album ich zudem bereits auf dem Blog besprochen habe.

5. Auflegen auf der Hedi

Für mich ist es immer ein ganz besonderes Erlebnis, auf der Barkasse Frau Hedi Musik aufzulegen. Meistens agiere ich solo als Biggy Pop — natürlich immer verstärkt durch ein tolles Skipper- und Barteam.

DJ, Biggy Pop, Frau Hedi, boat, cruise, Hamburg, Harbour, Club, PartyDiesen Samstag geht es jedoch mit meinem heiß geliebten Radiokollektiv Das Draht an Bord. Normalerweise produzieren wir journalistisch kuratierte Sendungen für das Internetradio Byte FM. Ab 19.30 Uhr geht es mit Soul, Hiphop, Indierock und Pop aber wogend  über die Elbe. Ich liebe es, die Atmosphäre unter den Anwesenden musikalisch aufzugreifen und mit meinem Set zu euphorisieren. Außerdem: Hafen und Herzblut, Schnaps und Sound — mehr Sommer geht kaum. Kommt gerne vorbei, es gibt noch Karten. 

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Newcomerpreis verliehen: fünf Mal Krach+Getöse

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Die Stimme von Moses Schneider kommt vom Band. Aus dem Off können die Anwesenden im Kiez-Club Häkken lauschen, wie der Produzent all die Emotionen schildert, die er hatte, als er diesen einen Song das erste Mal hörte. Der raue Druck, der ihn von Anfang gepackt hat. Die bange Frage, ob die Musik ihn weiter mitnimmt. Die Euphorie, als die Energie anhält. Und die Enttäuschung, dass das Stück nach gerade einmal zwei Minuten abrupt endet. 

„Ich biete Euch an, die zweite Hälfte des Songs mit Euch zu produzieren“, erklärt der akustische Schneider dann noch. Eine feine Offerte von jemandem, der immerhin für so tolle Alben wie „Pure Vernunft darf niemals siegen“ von Tocotronic oder „DMD KIU LIDT“ von Ja, Panik verantwortlich zeichnet. Und genau darum geht beim Hamburger Nachwuchspreis Krach+Getöse, zu dessen Jury Moses Schneider dieses Jahr zählte: Die Hamburger Popinstitution RockCity bringt blitzgescheite und unbedingt offene Musikprofis in Kontakt und Komplizenschaft mit jenen, deren Kunst gerade erst hochkocht. 

Krach+Getöse, Professionalisierungsinterface für Musik aus Hamburg

Ein Jahr lang werden fünf Bands aus der Hansestadt bei Krach+Getöse gedreht und gewendet, gecoacht und gepusht. Sie erhalten Festival-Spots und Studio-Slots, Liebe, Know-how — und jeweils 1200 Euro Preisgeld. Auf dass sie dann bald bei möglichst vielen Hörerinnen und Hörern die von Moses Schneider beschriebenen Gefühlsschübe auslösen können. Auf dass sie in uns nachhallen und uns amüsieren, irritieren, verwandeln.

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Gekürte, Jury und RockCity-Team im Häkken, fotografiert von Tim Rosenbohm (ebenso Titelbild von Summer & the Giantess)

„Ob Haiyti, Ilgen-Nur, Tonbandgerät, FUCK ART, LET‘S DANCE! oder Sarah and Julian – Krach+Getöse ist das Professionalisierungsinterface für junge Musik aus Hamburg. Wir finden die Trüffel und alle helfen mit“, formuliert es RockCity-Chefin Andrea Rothaug. Im elften Jahr verleiht sie mit ihrem Team in einer Kombipackung aus Award-Show und Presse-Konferenz diesen praxisorientierten Preis — unterstützt von der Haspa-Musikstiftung. Krach+Getöse ist für mich im besten Sinne ein kreativer Hochofen, der immer wieder für glühende Popherzen sorgt.

Summer & the Giantess: Auftakt für eine divers klingende Gewinnerriege

„Das sind meine Gewinner“, wusste Krach+Getöse-Juror Moses Schneider jedenfalls sofort. Eine intuitive Klarheit, die sich mit warmer Wucht im Bauch ballt, wenn Musik einen unmittelbar anspricht, erwischt, lodern lässt. Der Sound, der Schneider begeisterte, stammt von dem Hamburger Trio Summer & the Giantess. Da ich selbst die meisten Menschen mit meiner Körpergröße überrage, bin ich natürlich schwer angetan von dem Bandnamen. Und tatsächlich betritt da eine hochgeschossene Lady mit dunklem Flair flankiert von zwei coolen Typen die Bühne. Das ganze Ensemble schreit: We are a fucking band. Fantastisch. Zwischen Alternative Rock und New Wave changiert ihr Sound.

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Gewinnerin Deine Cousine und Jurorin Malonda, fotografiert von Tim Rosenbohm

Summer & the Giantess bilden im Häkken an diesem Mittwochmittag den Auftakt für eine hübsch divers klingende Gewinnerriege bei Krach+Getöse. Als da wären: Deep brodelnder Rap und RnB von Edwin Hosoomel, Juvil mit einem smarten Mix aus Electropop und Hiphop, merkwürdig umwerfender Hiphop von Spnnnk und Empowerment-Rock von Deine Cousine.

Sause mit Klassentreffenatmosphäre

Mit Herz und Hirn belobigt werden die Gekürten von weiteren Jurymitgliedern — von Ole Specht (Tonbandgerät), Sängerin Malonda, Tobias Künzel (Die Prinzen) und Mark Tavassol (Wir sind Helden / Gloria). Der Musiker betont mit Nachdruck, wie viel Vor- und Filterarbeit das RockCity-Team geleistet hat, bevor die Jury sich für Krach+Getöse durch die 250 Acts hören konnte, die zur Auswahl standen. 

Ich freue mich jedenfalls schon sehr darauf, die fünf Bands von bei Krach+Getöse im Laufe des Jahres einmal live zu erleben. Und im nächsten Jahr soll die Verleihung dann sogar abends mit Glam und Drinks stattfinden. Denn so schön die mittägliche Sause mit Klassentreffenatmosphäre ist, so schade ist es doch, dass die meisten dann doch bald zurückeilen müssen an ihre Schreibtische und Wirkungsstätten. Immerhin sorgt der obligatorische Kuchen für nachhaltigen Zuckerkick. Und der restliche Schub, der kommt von all der neuen Musik. 

Noch mehr Newcomer-Liebe:

Introducing: Blu Samu, neuer Star aus Brüssels Hiphop-Boom

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Operation Ton: Konferenz, Festival und Kollaborationskonfettikanone

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Ich liebe es, mich gedanklich durchpusten und in positiver Weise verwirren zu lassen. Für die Hamburger Popszene existiert glücklicher Weise ein Format, das prädestiniert ist für anregendes Kreuz- und Querdenken: Operation Ton. Nach einer einjährigen Pause ist der vom Verein RockCity Hamburg erdachte Mix aus Konferenz und Festival Ende März nun zum zwölften Mal am Start.

Menschen aus der Musikbranche finden bei Operation Ton nicht nur geballt praktische Tipps, sondern vor allem hoch konzentriert Ideen und Inspiration. Fernab von staubtrockener Theorie und Zeigefingerbesserwisserei können sich die Gäste zwei Tage und Nächte lang in eine Art kluges, künstlerisches und kommunikatives Bällebad werfen. Alles so schön bunt. Wo ist oben, wo unten? Glieder lockern sich. Perspektiven verschieben sich. Die Anwesenden beginnen, anders auf die Welt im Allgemeinen und die Popkultur im Besonderen zu schauen.

Um diesen informativen wie angenehm spleenigen Spirit von Operation Ton von Anfang an zu feiern, erhalten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zum Auftakt stets kleine Tütchen mit amüsantem Krimskrams. Die Nasenflöte aus einem der vergangenen Jahre liegt nach wie vor bei mir im Regal.

Frank Spilker trifft H.P. Baxxter

Ich erinnere mich an zurückliegende Ausgaben von Operation Ton. An ein Grenzen verschiebendes Gespräch zwischen Frank Spilker von Die Sterne und H.P. Baxxter von Scooter über den Weg ins Popgeschäft. Ebenso an einen Jodelworkshop, der ungeahnte Töne aus allen Beteiligten hervorholte. Ich konnte lernen, wie komplex Soundtüftler ihre Geräte verschalten und wie blitzgescheit Künstler ihr Schaffen organisieren.

Vor allem aber lassen sich bei Operation Ton aufgrund der hohen Dosis cooler Leute ganz entspannt Kontakte knüpfen und Komplizen finden. Eine Kollaborationskonfettikanone. Und um diesen Aspekt der Bandenbildung zu betonen, steht Operation in diesem Jahr unter dem Motto „Unity!“.

Operation Ton eröffnet Pop-Klinik im Feldstraßenbunker

Die Veranstaltung ist so etwas wie eine Operation am offenen Herzen des Patienten Pop. Doch statt zu jammern und die Sache mit der Kunst von vorne herein für tot zu erklären, schickt Operation Ton einen elektrisierenden Stromstoß nach dem anderen durch unsere Systeme. Und auch in diesem Jahr stehen diverse Experten bereit, um die Köpfe der Anwesenden ganz weit zu öffnen. Am 29. und 30. März wird der Medienbunker an der Feldstraße zur Pop-Klinik – mit dem Resonanzraum als Hauptoperationssaal.

Pragmatiker-Hits wie digitales Marketing, In-Ear-Monitoring und der Umgang mit Streaming treffen dann auf freigeistige Workshops. So erläutert die britische Musikerin und Komponistin Lydia Kavina etwa, wie sich ein Theremin spielen lässt. Spannend finde ich persönlich auch die Panels zu ökonomischen und politischen Themen sowie zu Zukunftsfragen. Kultursenator Carsten Brosda hält eine Keynote zur Förderung von Musikerinnen und Musikern. Und eine Runde aus Politik, Stadtplanung und Kunst diskutiert am Freitagabend die Frage „Welche Stadt brauchen Musicmakers heute?“

Katja Ruge spricht mit Gudrun Gut, Siri Keil mit Andrea Rothaug

Vor allem lebt Operation Ton aber von dem Reigen an Persönlichkeiten, die da zu erleben sind. So spricht etwa Fotografin Katja Ruge mit Wave-Ikone Gudrun Gut über DIY und Selbstvermarktung. Und um all den Input angemessen in sich rotieren zu lassen, folgen abends jeweils Konzerte, Lesungen und DJ-Sets. Angekündigt hat sich zum Beispiel Chanteuse Dillon mit einem Solo-Piano-Konzert.

Und wer noch mehr über Operation Ton erfahren möchte: Am 24. März spricht meine NDR-Kollegin Siri Keil im neuen Format „Nachtclub ÜberPop“ mit RockCity-Geschäftsführerin und Operation-Ton-Initiatorin Andrea Rothaug. Die Sendung läuft von 23.05 bis 0 Uhr.

29. + 30. März, jeweils ab 11 Uhr:
Operation Ton – Konferenz & Festival, Resonanzraum u. a.

Ebenfalls interessant: Fazit zum Reeperbahn Festival 2018

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Helgen in der Elbphilharmonie – eine warme Welle

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Du hat ein Sendebedürfnis wie ‘n Fernsehturm“, singt die Band Helgen. Und dieser Satz, er ließe sich auch als Zustandsbeschreibung der Hamburger Musikszene lesen. Ob Kontroversrock von Lafote oder Klugpop von Michy Reincke, ob Soundtracksongs von Erobique oder Hintersinniges von Clickclickdecker – in den vergangenen Tagen ist irre viel tolle Musik in dieser Stadt erschienen. Keine Lieder, die alle dem selben Fahrwasser folgen. Verschiedenes. Spannendes. Sehr Gutes.

Um diese Vielfalt ein Stück weit auch in ihren klassisch geprägten Hallen abzubilden, hat die Elbphilharmonie die Reihe „Made in Hamburg“ ins Leben gerufen. Eine Kooperation mit RockCity Hamburg, dem Verein für Künstlerpflege und -beflügelung. Hiesige Musikerinnen und Popkünstler spielen in unregelmäßigen Abständen im Kleinen Saal des Konzerthauses. Darunter Bernd Begemann, Christian Naujoks, Poems For Jamiro und The Other Shi. Electro-Chanteuse, Komponistin und Sprachartistin Sophia Kennedy folgt im Februar 2019.

Helgen, Band, Hamburg, Made in Hamburg, Konzertreihe, Elbphilharmonie, Rockcity, Pop, Rock, Helgen Schulz, Timon Schempp, Niklas Beck, Singer, Guitar, Drums, Keyboard, BaseIch habe vor einigen Wochen ja bereits über die Spannbreite in Hamburg vom kleinen Club bis hin zum großen Saal geschrieben. Über die Unterschiede zwischen Elbphilharmonie und Pooca Bar. Das Konzerthaus ist nun mal keine Kaschemme. Zum Glück. Denn Musik funkelt und schimmert auf jeder Bühne auf ihre besondere Art und Weise. Ort und Publikum prägen den Sound. Und jeder Künstler, jede Band lädt definitiv die Location mit individuellem Charisma und eigenen Klängen auf. Ein schönes Wechselspiel, das nachhallt.

Helgen, von Marokko zurück nach Hamburg

Die drei Hamburger von Helgen sind derzeit Spezialisten darin, an höchst unterschiedlichen Orten aufzutreten. Gerade kehren sie von einer Tour mit dem Goethe Institut zurück. In Marokko haben sie in einer Schulaula vor ausrastenden Teenagern gespielt. Tanzen vom ersten bis zum letzten Song. „Keine Angst, müsst Ihr jetzt nicht“, sagt Sänger und Gitarrist Helge Schulz im Angesicht des sitzenden Publikums im kleinen Saal der Elbphilharmonie.

Die Bühne ist wohl temperiert ausgeleuchtet. Die Ordnerinnen achten darauf, dass niemand mit dem Handy fotografiert. Der Holzboden strahlt eine begagliche Ruhe aus. Die konzentrierte Aura gefällt mir sehr gut an diesem Montagabend. Nach einem Tag mit vielen Terminen. Mit Hin und Her. Mit Reden, Reden, Reden und Regen.

Die Sechziger und Siebziger wehen vorbei ins Heute

Der erste Song trifft mich wie eine warme Welle, die mich wie in Zeitlupe umspült. Ein sanfter Druck aus Surfsound. Die Sechziger und Siebziger wehen vorbei ins Heute. Der Hall, das Offene, Weite klingt grandios nah in diesem Raum, mit dieser Band. Eine Wucht, die mich entspannt.

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Helgen sind (v.l.): Helge Schulz (Gesang, Gitarre), Timon Schepp (Schlagzeug) und Niklas Beck (Bass).

Endlich geht’s mir wieder schlecht“, singt Helge – lässig und akzentuiert zugleich – zu heller Gitarrenmelodie und feiner Percussion von Schlagzeuger Timon Schempp. Ein angenehmes Driften, zu dem Niklas Beck am Bass den Pulsschlag liefert.

Das Trio spielt zahlreiche Songs ihres Debütalbums „Halb oder gar nicht“. Der kleine Hit „Fernsehturm“ klingt so, als lebe der Indiepop nun auf einer tropischen Insel. „Peter & Paul“ gerät zum rock ‘n’ rolligen Feger. Der neue Song „300 Nonnen“ wiederum macht mit seiner versiert galoppierenden Rhythmik und den fein harmonischen Chören Lust auf das kommende Album, das Helgen in den kommenden Monaten schreiben möchte.

Ich bin wirklich angetan von der Dynamik dieses Konzerts. Von den psychedelischen bis funkrockigen Exkursen, die aber nie in plumpes Muckertum ausarten. Und von den reduzierten Stücken wie etwa „Nackt“, die die Band auch als Oden an den Ort intoniert. Mit akustischen Gitarren, mit Kontrabass und Glockenspiel.

Eine gewisse Sunshine-Qualität

Etwas fällt ab von mir. Eine Art inspirierter Flow setzt ein. Denn trotz der mitunter um die Ecke gedachten bis ernsten Themen über zwischenmenschliche Umwege und Ehrlichkeiten besitzt die Musik von Helgen im Kern stets eine gewisse Sunshine-Qualität.

Das Publikum jedenfalls holt die Band mit seinem Jubel mehrfach für Zugaben zurück auf die Bühne. Darunter auch Hamburgs womöglich größter Musikfan. Nennen wir ihn Uwe. Die Clique Musikbegeisterter um ihn herum scheint von Mal zu Mal größer zu werden. Kein Wunder, zelebriert Uwe doch jeden Konzertbesuch vom vorfreudigen Vorabgetränk bis zur Nachlese mit sachverständiger Euphorie.

Wer solche Fans hat, braucht sich um die Szene nicht zu sorgen. „Made in Hamburg“ sehr schön und gut. „Being in Hamburg“ noch viel besser. An einem Abend wie diesem.

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Organisch elektrisch: Poems For Jamiro und ihr Album „Human“

Ich sehe zwei Frauen Hinterkopf an Hinterkopf. Ihre Haare sind in einer Computeranimation miteinander verbunden. Die beiden wirken wie eine Einheit. Wie ein Bergmassiv. Die Blicke sind klar und ruhig. Irgendwo zwischen Melancholie und Zuversicht. Das Artwork ziert das Cover des neuen zweiten Albums von Poems For Jamiro. Das Starke, Kantige des Bildes gefällt mir sehr.

Der Mix aus fotografierten Gesichtern und verfremdetem Haar, gestaltet von 2erpack-Studios, entfaltet eine faszinierende wie irritierende Wirkung. Und in Kombination mit dem Titel der Platte – „Human“ – entsteht ein toller Kontrast. Eine Diskrepanz, die Fragen aufwirft. Wie menschlich sind wir (noch)? Und wie sehr sind wir bereits mit der Technik verwachsen?

Poems For Jamiro, Human, Album, Record, Cover, Pop in Hamburg, Artwort, 2erpack studios, women Der optische Eindruck setzt sich in der Musik fort. Die Hamburger Musikerinnen Nina Müller und Laila Nysten kombinieren analoge Instrumente wie Piano und Violine mit Synthesizer-Sound. Das Organische trifft auf das Elektrische. Auch im Gesang der beiden. Mal tönen ihre Stimmen so nah und pur, als säßen sie neben mir auf dem Sofa. Dann wiederum laden sie ihren Gesang mit Hall und Effekten auf, als flögen sie mit einem durch digitale Welten.

Im Titelsong „Human“ verschachteln Nina und Laila ihren Gesang zum Teil in schöner Komplexität, um ihn an anderer Stelle eher in chorische Höhen zu schrauben. In dieser Nummer sind Dynamik und Ideenreichtum, die Poems For Jamiro erzeugen, besonders fein zu erleben. Das Schlagzeugspiel von Helge Preuss erzeugt streckenweise eine treibende, tribalartige Kraft. Dann wiederum fährt der Sound zurück und schafft Raum für Fragiles.

„I can hear the silence fall“

Dieses geschickt wechselnde Arrangement aus Innehalten und Aufbruch passt gut zu dem Heilungsprozess, der in den Lyrics von „Human“ geschildert wird. Ich stehe sehr auf eigensinnige sprachliche Bilder, die ihre Magie erst allmählich offenbaren. Verse wie „I can hear the silence fall“ oder „I’m setting sails underneath the waves“ sprechen mehr an als nur den Kopf, sondern wirken in tiefer liegenden Schichten nach.

Der Text des Album-Openers „Never Get Home“ ist zwar direkter verfasst, lässt sich aber auf verschiedene Weise interpretieren. Zum einen als Liebeslied. Zum anderen als Ode an das blinde gegenseitige Vertrauen, dass sich die Künstlerinnen vor allem auf Reisen entgegenbringen.

„Larger Than Life“ von den Backstreet Boys

Der Presseinfo entnehme ich, dass Poems For Jamiro mit ihrer Musik bereits durch zahlreiche Länder getourt ist – von Österreich bis nach England, von Dänemark bis nach Island. Die Tatsache, dass die beiden auf Englisch singen, erschließt ein internationales Publikum gewiss zusätzlich. Aber letztlich überzeugt natürlich die Musik.

Eindrücklich zu hören ist das zum Beispiel in „Let The T-Rex Sleep“ – so etwas wie ein Bond-Song, zu dem der Agent nicht steif an der Bar, sondern auf der Tanzfläche eines Clubs ermittelt. Und „Larger Than Life“ von den Backstreet Boys in eine elegante wie cool knisternde Tanznummer zu verwandeln, ist eine sehr hübscher augenzwinkernde Hommage zum Abschluss des Albums.

Poems For Jamiro, Gewinnerinnen bei „Krach + Getöse“

Wie das überhaupt funktionieren kann, im Musikgeschäft erfolgreich und zugleich eigenständig zu agieren, hat Poems For Jamiro unter anderem bei RockCity Hamburg gelernt, dem hiesigen Zentrum für Popularmusik. 2014 gewannen Laila und Nina dessen Förderpreis „Krach + Getöse“, der Coaching und Kontakte, Konzerte und Studioaufenthalte bietet. Damals war Poems For Jamiro als akustisches Singer-Songwriter-Duo gestartet.

Ich bin immer wieder beeindruckt, wenn Künstlerinnen und Künstler ihre Ausrichtung ändern, ergänzen und erweitern, sprich: wenn sie sich weiterentwickeln. Das zeugt für mich von Mut und Lebendigkeit. Und das Ergebnis ist im Fall von „Human“ ein vielfältiges und zugleich homogen klingendes Album, das das Intime mit dem Orchestralen kunstvoll verquickt.

Für mich besitzen die Eigenkompositionen eine unglaublich große Weite. Als würde die Musik über eine offene Fläche wehen. Mit dem Himmel als Limit.

Human“ von Poems For Jamiro erscheint am 19.10.2018 bei Bosworth Creative.
Poems For Jamiro live in Hamburg: 24. Februar, Knust

Diese Woche sonst noch neu in Hamburg:

Alli Neumann: „Hohes Fieber“ (EP, Jive Music), unter anderem angekündigt von den Kollegen von The Mellow Music.

Weiterhin schön und gut und aktuell:

Neonschwarz: „Clash“ (Audiolith Records)
Patrick Siegfried Zimmer: „Memories I – X“ (PSZ Recordings)

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