Corona: Wie du die Musikszene jetzt unterstützen kannst

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„Und ich hab mich entschieden / ich werde alles dafür geben / für ein gutes wildes Leben.
(Tilman Rossmy und Dirk von Lowtzow: „Dieses gute wilde Leben“) 

Für uns, die wir Popkultur lieben, gehört es unbedingt dazu: sich glückselig in den Armen liegen, schwitzend tanzen, Blicke und Biere tauschen, Hände schütteln und Wangen aneinanderdrücken, das Offene und Bunte feiern, das Wilde und Verletzliche zelebrieren, zusammen singen und durchdrehen, crowdsurfen und die Musik emporheben, Oberflächen anfassen und uns tief berühren lassen. 

Musik verbindet, erst recht in den Zeiten von Corona

Nun hat sich die Lage bezüglich des Corona-Virus in den vergangenen Tagen hierzulande massiv verändert. „Social distancing“ ist das neue Schlagwort. Und auch bei mir haben sich Einstellung und Verhalten aufgrund der Ansagen von Medizinern und Behörden in dieser Woche gewandelt. Von „normal verhalten und Hände waschen“ hin zu der Frage: Wie kann ich mich und andere schützen? Wo gehe ich hin und wie viele Leute werden dort sein? Was ist vernünftig?

Um die Ansteckungsgefahr mit dem Corona-Virus zu verringern, pausiert auch in Hamburg derzeit an vielen Orten das kulturelle Leben. Es hagelt Absagen von Konzerten, Parties und Tourneen. Gerade für Akteure, Musikerinnen und Künstler ohne die Unterstützung von Staat oder Großunternehmen kann die Situation sehr schnell existenziell bedrohlich werden. Deshalb ist nun Solidarität gefragt. Damit aus „Social distancing“ keine Isolation der Herzen wird. Und damit das gute wilde Leben nicht langfristig verschwindet. Denn Pop, Clubs, Konzerte, Kultur, DJ-Sets, Tanzen, Raven, Feiern bedeuten: Freiheit. Vor allem aber: Musik verbindet. Auch mental. Emotional. Und genau diese Energie brauchen wir in unserer Gesellschaft. Immer wieder und jetzt erst recht. 

Daher hier sechs Vorschläge, wie sich die Musikszene in Zeiten von Corona unterstützen lässt:

1. In Da Clubspende

Du hast die Karten vom Konzert bereits vor Wochen gekauft? Und du hast das Gefühl, dass Du das Geld nicht gerade dringend selbst benötigst? Dann gib das Ticket nicht zurück, sodass das Geld dem Veranstalter als Kompensation erhalten bleibt. Danach kannst du dir das Ticket voller Stolz unters Kopfkissen legen und von der nächsten wilden Clubnacht träumen.

2. Shop around the clock: Merchandise und Tonträger kaufen

Du hockst zuhause im Corona-Einsiedelquartier und denkst: Jetzt ist der ideale Zeitpunkt, die Garderobe via Online-Shopping aufzustocken? Dann gehe nicht über Los und nicht auf die großen Plattformen, sondern begib dich geradewegs zum Online-Shop Deiner Lieblingsband und Deines favorisierten Clubs. Decke dich ein mit Shirts, Mützen und 1 a Hamsterkauf-Beuteln. Kaufe Poster und Prints, um dein Quarantäne-Quartier zu schmücken. Und, da war doch was, genau: Tonträger. Bestelle Platten, CDs und Tapes, um deinen Support  und deine Liebe auszudrücken. 

3. Stream a little dream with me

Dir fällt daheim die Decke auf den Kopf? Dann bietet es sich immer an, eine Runde durch die eigene Bude zu tanzen. Du hast zwar brav Tonträger gekauft (Punkt 2). Aber da Klicks und Hits und Verweilzeiten dieser Tage eben eine eigene Währung sind und (zumindest ein wenig) Geld bedeuten: Gehe auf Streamingplattformen und steuere die Band an, die du unterstützen möchtest. Oder entdecke direkte noch mindestens zwölf neue Darlings. Abonniere YouTube-Kanäle. Verteile noch mehr Facebook- und Instagram-Herzen als sonst. Erstelle Playlisten mit jenen Bands, die Gehör finden sollen. Dann: aufdrehen, abgehen und das Internet seine Zählarbeit machen lassen. 

4. Get the watchparty started

Du bist traurig, deine liebste Musikerin und einen voller Vorfreude erwarteten Popkünstler nicht live sehen zu können? Wie schön wäre es, das Internet neben all den Corona-Nachrichten mit Musik zu füllen. Die Idee: Bands, Sängerinnen und Musiker streamen ihre Konzerte und Sets von zuhause aus oder aus dem Proberaum in die sozialen Medien. Clubs zeigen Konzerte online. Diese Watchparties kombinieren sie dann mit einem Vergütungsmodell, zum Beispiel über die Spendenfunktion bei Facebook. Wenn alle Zuschauerinnen und Zuschauer einen Euro pro gespieltem Song geben würden, wäre schon einiges gewonnen. Und die, die gerade keine Kohle übrighaben, könnten die Show mit positiven Kommentaren befeuern. Denn zusammen ist man weniger allein.
Ob solche Aktionen unter dem Gema-Radar fliegen oder die Verwertungsgesellschaft da mal alle Augen zudrücken könnte, müsste geklärt werden. Was mich zu meinem nächsten Punkt bringt.

5. Information, Baby!

Du möchtest auf dem Laufenden bleiben, wie du der hiesigen Musikszene helfen kannst? Hamburger Pop-Institutionen wie das Clubkombinat, RockCity und die Interessengemeinschaft Hamburger Musikwirtschaft bemühen sich derzeit, auf die Situation der Branche während Corona aufmerksam zu machen. Sie koordinieren und unterstützen, sie liefern  rechtliche Informationen und bemühen sich, eine valide Faktenlage zu schaffen. RockCity ermittelt zum Beispiel gerade in einer Blitzumfrage, in welchem Ausmaß Musikerinnen, Bands, DJs, Veranstalter, Bookerinnen, Clubbetreiber und Festivalorganisatoren von der Corona-Krise betroffen sind. Der Verein erfragt etwa, wieviele Absagen einen Künstler bereits ereilt haben und wie hoch der vermutliche Schaden ausfällt. Diese Fakten sind wichtig, um bei den Regierungen von Bund und Ländern konkrete Summen zur Hilfe einfordern zu können.  

6. Ich glaub’ noch immer an Solidarity City

Du möchtest, dass „die da oben“ auch an die Popszene denken und nicht nur an die Auswirkungen auf den Dax mit X? An verschiedenen Stellen wurden Bund und Länder bereits dazu aufgerufen, in Zeiten von Corona vor allem freiberufliche Musiker, Popkünstlerinnen sowie Akteure aus der Branche zu unterstützen. Und Kulturministerin Monika Grütters hat bereits Hilfe zugesagt. Aber es ist gut und wichtig, mit Nachdruck zu zeigen, dass Kultur keine Nebensache ist, auf die sich langfristig verzichtet lässt. Auf der Seite Openpetition läuft derzeit zum Beispiel ein Aufruf des Sängers David Erler mit folgendem Ziel: „Hilfen für Freiberufler und Künstler während des Corona-Shutdowns“. Also: Suche dir einen Appell, den du für sinnvoll hältst, und zeige Flagge für die (Pop)Kultur.

Und überhaupt: Umarmt euch im Geiste und wascht euch die Hände, lasst eure Herzen weiter wild pochen und feiert die Musik. 

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Musik, Reflexion und Neustarts im Herbst

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In den vergangenen Wochen ist es ein wenig ruhiger zugegangen auf diesem Blog über Musik in Hamburg. Das liegt zum einen daran, dass ich viel gearbeitet und organisiert, mich engagiert und Kontakte gepflegt habe. Zum anderen habe ich nach gut einem Jahr Selbstständigkeit und Bloggen das Bedürfnis, innere Einkehr zu halten. Zu reflektieren und Ideen für die Zukunft zu entwickeln. Begünstigt wird dieser Prozess, diese Gär- und Entwicklungsphase, durch die Jahreszeit. Ich liebe den Herbst, da er einerseits die Seele durchpustet und andererseits im Dunklen alles mehr zur Ruhe kommt. 

Diese beiden Seiten spiegeln sich bei mir aktuell auch im Musikhören wider. Ich genieße es zum Beispiel außerordentlich, mich bei einem Festival wie dem Molotow Cocktail mit neuer lauter und wilder Musik aus Hamburg vollzusaugen. Umgehauen hat mich etwa eine Band wie Glue Teeth, die ihren intensiven Mix aus Hardcore und Postpunk bis in die letzte Faser hinein zelebriert. Und ein großes Lob geht wie immer an das Molotow selbst, das einem ermöglicht, soviel positives Brodeln aus dieser Stadt live zu erleben. 

Der Soundtrack, um die Gedanken zu sortieren

Joshua Radin, Albumcover, Musik, Singersongwriter, record, Here Right NowZuhause höre ich momentan wiederum viel leise aufspielende Musikerinnen und Musiker. Ich brauche einen ruhigeren Soundtrack, um meine Gedanken zu sortieren. Um noch stärker zu sondieren, wohin die Reise gehen soll. Und um all diese Anregungen und Ziele aufzuschreiben. 

Seit einigen Wochen auf Dauerrotation ist zum Beispiel der US-amerikanische Singersongwriter Joshua Radin mit seinem sachte gepickten Gitarrenspiel auf „Here, Right Now“. Auch der berückende Pianopop von June Cocó hat eine feine anregende Wirkung. Ihr neues Album „Fantasies & Fine Lines“ erreichte mich bereits vor einigen Wochen. Und ich freue mich schon sehr auf ihr Releasekonzert am Freitag in der Hebebühne in Altona. 

Improvisation von Sofia Härdig und Inspiration von Anna Ternheim

Zum Glück kommt auch beruflich derzeit viel Musik zu mir, die meinem November-Gefühl entspricht. Die also diese Mischung aus Bilanzieren und Aufbrechen unterstützt. Für das Visions-Magazin habe ich beispielsweise das frei atmende Artrockwerk „This Big Hush“ der Schwedin Sofia Härdig besprochen. Eine Platte, die überdeutlich macht, wie wichtig Improvisation ist. Wie gut das Leben klingt, wenn neue Impulse hineinwehen dürfen. 

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Anna Ternheim, fotografiert von Chris Shonting

Sehr prägend war für mich in den vergangenen Wochen auch das Album „A Space For Lost Time“ von Anna Ternheim. Für die Radiosendung NDR Nachtclub Überpop habe ich die schwedische Musikerin in Berlin zum Interview getroffen. Für mich ist es eine große Inspiration, wie offen Anna Ternheim über ihre Lyrics, über Liebe und Tod, Ängste und Selbstverantwortung spricht. 

20 Pfund an Angst verloren

Mit dem Titel „A Space For Lost Time“, so erzählte Anna Ternheim, möchte sie einen inneren Raum eröffnen, wo jede und jeder das Gefühl bekommt, dass Dinge möglich sind. Dass wir neue Entscheidungen treffen können. Dass es nicht zu spät ist. Und dass man verpasste Chancen auch nachholen kann. Vielleicht ist das einfach eine Frage der inneren Haltung, des State Of Mind, sagte sie. 

Es sei nicht einfach aus der Komfortzone herauszutreten. Aber Anna Ternheim habe persönlich das Gefühl: Jedes Mal, wenn sie diesen Schritt gewagt hat, sei sie belohnt worden. Ob sie nun eine Beziehung beendete, die zu nichts geführt hat. Oder ob sie etwas unternommen hat, von dem ihr alle abgeraten haben. Jedes Mal, wenn sie etwas getan hat, was sie für wichtig hielt, obwohl es hart und anstrengend war, sei sie mit einem guten Gefühl belohnt worden. Sie könne dann wieder atmen. Als ob sie 20 Pfund an Angst verloren habe.

Anna Ternheim erklärte dann noch: Die Art und Weise, wie wir einen beherzten, verändernden Schritt das eine Mal gegangen sind, bedeutet nicht, dass wir ein für alle mal herausgefunden haben, wie das Ganze funktioniert. Diese fortwährende Suche nicht schleifen zu lassen, sondern mutig und neugierig zu bleiben, finde ich sehr erstrebenswert. Deswegen habe ich mich in der jüngeren Vergangenheit besonders gerne mit Neustarts beschäftigt.

Zu Gast bei Say Say: Neustart mit Hip-Hop

Say Say, Soulful Hiphop radio, Hamburg, radio, Host, Freddy Staudacher, Morning Show, MusikIch war zum Beispiel zu Gast in der Morningshow von Say Say, einem Hamburger Webradio für soulful Hip-Hop. Moderator Freddy Staudacher hat seinen Sender im Frühjahr 2018 gegründet, nachdem er Jahre lang als gut verdienender Businessanwalt gearbeitet hatte. Wer ihn im entspannten Flow an Mikro und Plattenspielern erlebt, der merkt schnell, dass seine Umorientierung hin zur Musik genau richtig war.

Im Studio auf Kampnagel habe ich eine Stunde lang über meinen eigenen journalistischen Werdegang, über meine musikalische Sozialisation und übers Auflegen auf der Barkasse Frau Hedi gesprochen. Und wir haben von mir mitgebrachtes Vinyl gespielt — von Aretha Franklins „Don’t Go Breaking My Heart“ bis zu Bobby Hebbs „Sunny“, von der Rock Steady Crew über Lauryn Hill und Charles Bradley bis zu Mary J Blige.

Der Hamburger Musikpreis, verschlankt am Start

Neu aufgestellt hat sich auch der Hamburger Musikpreis, ehemals Hans genannt. Vergeben wird die Auszeichnung von der Interessengemeinschaft Hamburger Musikwirtschaft, kurz IHM. Nach einer Pause im vergangenen Jahr ging der Hamburger Musikpreis nun mit fünf Kategorien neu und verschlankt an den Start. Im Vordergrund standen die nominierten Newcomer, die bei der Verleihung im Mojo Club auch alle drei auftraten. Elaborierter hypnotischer Rock von Monako, Gesamtkunstwerk-Electropop von Kuoko und wütend-feministischer Hip-Hop von One Mother, die letztlich auch das Preisgeld von 5000 Euro mit nachhause nahmen.

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One Mother beim Hamburger Musikpreis, fotografiert von Thomas Ertmer

In diesem Jahr war ich Teil der Jury. In meinem Blogpost über das Landesrockfestival in Rostock hatte ich bereits geschildert, wie gerne ich mit anderen passioniert über Musik spreche. Das war auch in der aktuellen Hamburger Runde der Fall. Einfach fielen die finalen Entscheidungen für den Hamburger Musikpreis allerdings nicht.

Unsere langen Vorschlagslisten galt es auf drei Nominierte pro Kategorie einzudampfen. Und viele Herzblutfavoriten blieben dabei auf der Strecke. Natürlich lässt sich dementsprechend immer über den Sinn und Zweck von Preisen an sich streiten. Aber Streit ist ja eben auch: Austausch, Dialog, Kommunikation. Und all das gab es auch nach der offiziellen Verleihung im Mojo reichlich.

Pop, Präsenz, Polarisierung

Die Reaktionen auf Preis und Veranstaltung reichten von schlimm bis klasse. Ein gehörig polarisierendes Spektrum. Manche monierten hakende Einspieler, abwesende Künstler und ein wenig lokalpatriotisches Moderatorenduo (aus Köln). Manche hätten sich mehr Pop-Präsenz gewünscht. Und mehr Aufmerksamkeit beim anwesenden Branchenpublikum. Andere lobten den anarchischen Charme der Gala. Und wieder andere freuten sich, dass ansonsten weniger sichtbare Acts und innovative Projekte gewonnen haben.

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Kuoko beim Hamburger Musikpreis, fotografiert von Thomas Ertmer

Das Kollektiv EQ Booking, das sich für Diversität im Musikbusiness einsetzt, erhielt den Preis in der Kategorie „Beste Freunde“. Das stetig wachsende Netzwerk musikHHwomen wurde als Initiative des Jahres geehrt. Und Künstler des Jahres wurde der geschmeidig brummkreiselnde Musiker Carsten Erobique Meyer. Die Kollegin Nele Hinner hat für den Musikblog Soundkartell einen ausführlichen Rückblick über den Abend geschrieben.

Lieblingslieder brauchen Freiräume

Zum Lieblingslied 2019 kürte die Jury Deichkinds „Richtig gutes Zeug“. Ich durfte die Laudatio in dieser Kategorie halten. Besonders wichtig war mir zu betonen: Solch ein Hit, solch ein Krachersong, der alle anderen zu überragen scheint, ist definitiv kein One-Hit-Wonder. Sprich: Solche Nummern entstehen nicht aus dem Nichts. Wer ein Lieblingslied schreibt, hat in der Regel schon zahlreiche andere Lieder geschrieben. Es bedarf also Herzblut, Know-how, Zeit und auch Zweifel, um ein Lieblingslied zu schreiben. Und: Freiräume. Wir in Hamburg müssen immer wieder darauf achten, dass diese erhalten bleiben, wachsen und gedeihen.

Damit das kreative Brodeln und Gären weitergehen kann. Damit die Musik weiter spielt. Damit wir uns entwickeln können.

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Music Business Summer School: Wie funktioniert Marketing im Pop?

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Das fröhliche Pop-Remmidemmi namens Reeperbahn Festival steht vor der Türe — mit seinen mehr als 900 Programmpunkten von Live-Musik über Posterkunst bis hin zu Film. Ich bin dieses Jahr erstmals auch als Moderatorin dabei und bin schon äußerst gespannt auf meine Gesprächsgäste. Doch bevor die große Popsause vom 18. bis 21. September auf St. Pauli steigt, lädt die Interessengemeinschaft Hamburger Musikwirtschaft, kurz IHM, im nun mehr siebten Jahr zu seiner Music Business Summer School. 

Eine Woche lang bieten Profis aus dem Musikgeschäft maßgeschneiderte Seminare und Workshops. Und da die jeweiligen Kurse mit maximal 20 Leuten extra übersichtlich gehalten werden, entstehen schnell anregende Diskussionen. Ich bin großer Fan davon, wenn geballt Know-how zusammenkommt und ein offener Austausch möglich ist. Von daher freue ich mich, dass die IHM mich auch in diesem Jahr als Gasthörerin für einen Tag eingeladen hat. Über meinen ersten Besuch bei der Music Business Summer School habe ich im vergangenen Jahr bereits auf dem Blog geschrieben. 

Music Business Summer School: aus der Branche für die Branche

Ort und Struktur sind gleich geblieben: Erneut kooperiert die IHM mit der Hamburger Media School und nutzt die einladend hellen Räume an der Finkenau. Und wie 2018 befasst sich die Music Business Summer School parallel mit drei Bereichen des Popgeschäfts: Labelarbeit und Vertriebsmangament (Recorded Music), Veranstaltungswirtschaft (Live Entertainment) und Musikverlagswesen (Music Publishing).

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Diese Weiterbildungswoche funktioniert nach dem Prinzip: „aus der Branche für die Branche“. Von daher kommt auch auf Teilnehmerseite bereits reichlich Erfahrung zusammen: Die meisten arbeiten bei Plattenfirmen oder Konzertagenturen, in der Promotion oder in Clubs. Oder sie befinden sich mitten in der Ausbildung und holen sich eine extra Portion Wissen aus erster Hand. 

Marketing bei Warner Music mit Larissa Lüters

Ich habe mir einen Tag ausgesucht, an dem das Thema Marketing im Mittelpunkt steht. Mir gefällt an diesem Bereich, dass das Traditionelle fortwährend mit dem Innovativen kombiniert werden muss. Am Vormittag spricht Larissa Lüters, Senior Brand Manager bei Warner Music, zwei kurzweilige Stunden über ihre Arbeit.

Music Business Summer School, Hamburg Media School, IHM, Tik Tok, Twitch, Marketing, Music Promotion, Pop, Business, Apps, Digital Marketing, Social Media, Workshops, classroomsDas klassische Denken von Albumveröffentlichung zu Albumveröffentlichung sei längst aufgebrochen. Bei Rockbands wie Linkin Park, Slipknot und Panic! At The Disco, die zu Larissas Portfolio gehören, gehe es vielmehr darum, konstant am Aufbau der künstlerischen Marke zu arbeiten. Und das geschieht mit einer Vielzahl von Aktionen, die sich aufgrund der Digitalisierung zunehmend komplexer gestalten. 

Beruhigend zu hören: Auch im Marketing lautet die Devise nicht zwingend „viel hilft viel“. Zunächst gelte es, so erzählt Larissa, die Entfaltung einer Band aufmerksam zu beobachten. Entwickelt sich ein Song — zum Beispiel in den USA oder Groß Britannien — zum Hit, sei das einer von vielen Hinweisen darauf, nun auch im Bereich Deutschland / Österreich / Schweiz aktiv zu werden. 

Von klassischer Pressearbeit bis zum LiveStreaming-Videoportal Twitch

Larissa erläutert, wie sich eine Marketingkampagne planen lässt. Und welche Fragen sich dabei stellen. Welches Produkt möchte ich überhaupt verkaufen? Eine einzelne Single oder ein Album? Welches Ziel verfolgen Künstler und Team langfristig? Welches Budget habe ich? Und wie viel Zeit? Ausführlich stellt Larissa ihren Marketing-Werkzeugkasten vor — von Offline-Maßnahmen wie Plakatierung, Print-Anzeigen und Fan-Events über klassische Pressearbeit bis hin zur stetig wachsenden Zahl von Online-Möglichkeiten. Neben Standard-Social-Media-Plattformen wie Facebook und Instagram geht sie intensiver auf das Live-Streaming-Videoportal Twitch ein. 

Hauptsächlich wird Twitch genutzt, um live Gaming-Sessions zu übertragen — inklusive Kommentierung durch Spieler und Zuschauer. Ein hochgradig interaktives Format, in dem sie Musik sehr zielgerichtet platzieren könne, erklärt Larissa. So lasse sich zum Beispiel filtern, ob ein Song nur bei Minecraft oder etwa überhaupt nicht bei Ballerspielen eingesetzt werden solle. Aber auch im reinen Musikbereich findet Twitch bereits Anwendung. DJs veröffentlichen live ihre Sets, Bands zeigen ihre Proben und Musikfans streamen ihren Besuch bei Festivals.

Beispiel: die Popband Kaleo und ihre Single „Way Down We Go“

Eine Plattform wie Twitch eignet sich natürlich nicht zur Vermarktung jedes Genres. Am Beispiel des Warner-Acts Kaleo zeigt Larissa, wie deren Single „Way Down We Go“ über die TV-Serie „Blindspot“ erfolgreich wurde. Messbar daran, dass zahlreiche Fernsehzuschauer den Song noch während der Ausstrahlung über den Erkennungsdienst Shazam abgerufen hätten. Neben der steten Analyse solcher Zahlen sei jedoch das Bauchgefühl nach wie vor wichtig, betont die Marketing-Expertin.

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In der Mittagspause versammeln sich alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Music Business Summer School auf dem Balkon, der alle Seminarräumen säumt. Die Sonne scheint. Und das Catering hat Zutaten für leckere Bowls bereitgestellt. Zeit, das Gehörte sacken zu lassen. Und sich zu unterhalten. Ich setze mich zu zwei tollen umtriebigen Ladies, die ich schon länger aus der Hamburger Musikszene kenne. 

Vorteile der Music Business Summer School: lernen und netzwerken

Imke Machura betreibt das Netzwerk Raketerei, das Popkünstlerinnen beim Einstieg in die Branche unterstützt. Und sie arbeitet seit fünf Jahren gemeinsam mit dem Jazzposaunist Nils Wogram für dessen Label nWog Records, unter anderem als Produktmanagerin. „Ich habe mir alles selbst beigebracht. Ich nutze die Music Business Summer School, um zu überprüfen, ob ich irgendwo blind spots habe, ob ich also etwas übersehe in meiner Arbeit. Und natürlich bin ich zum Netzwerken hier“, erzählt Imke gut gelaunt. Sie überlegt, sich nächstes Jahr für den Bereich Musikverlagswesen einzuschreiben. 

Julia Nordholz ist DJ, Schauspielerin, Moderatorin, Kulturwissenschaftlerin, Projektmanagerin und seit neuestem Sprecherin des VUT Nord, dem Verband unabhängiger Musikunternehmen. „Mir gefällt vor allem das entspannte Klima, sich auszutauschen. Über die einzelnen Bereiche hinweg können wir über Gemeinsamkeiten und Defizite sprechen“, sagt Julia über die Music Business School. Sie treibt vor allem die Frage um: „Wie lassen sich Independent-Firmen am Musikstandort Hamburg besser unterstützen?“ 

Bereits diese kurze Begegnung zeigt, wie engagiert bei der Music Business Summer School Themen diskutiert werden. Und ein wenig Klassenfahrtsgefühl darf natürlich auch nicht fehlen. So erfahre ich zudem, dass jenseits des Kursprogramms gemeinsame Ausflüge wie eine Barkassenfahrt auf der Elbe oder ein Musikquiz im Gängeviertel anliegen. Doch zunächst gilt es, am Nachmittag weitere Einsichten in die Popbranche zu gewinnen.

Marketing im Live Entertainment mit Experten von FKP Scorpio

Im Bereich Live Entertainment sprechen Katja Wittenstein und Dario Dumancic von der Hamburger Konzertagentur FKP Scorpio über Veranstaltungsmarketing. Die Firma wurde 1990 von Folkert Koopmans gegründet und hat mittlerweile neben Deutschland Büros in sieben weiteren Ländern mit insgesamt 200 Mitarbeitern. FKP ist eine Tochtergesellschaft des Ticket-Unternehmens CTS Eventim und zählt zu den größten Festivalveranstaltern Europas. Ich finde es extrem aufschlussreich, direkten Input aus solch einem hoch professionalisierten Kontext zu erhalten. 

Allein Katjas Vita zeigt, wie sehr sich der Live-Sektor gewandelt hat: Vor 15 Jahren hat sie bei FKP angefangen, damals als „eierlegende Wollmilchsau“, wie sie erzählt. Mittlerweile  hat sich ihr Aufgabenfeld stark fokussiert: Sie ist Director Marketing mit einem Team von 21 Leuten. Dazu gehört seit fünf Jahren auch Dario als Head Of Digital Marketing. 

Welche Kampagnen funktionieren — und welche nicht?

Mir gefällt sehr gut, wie anschaulich und vor allem humorvoll die beiden einen Überblick geben über ihr Gebiet. Katja schlüsselt auf, wer welche Medien nutzt und wie sich so mit dem Marketing entsprechend andocken lässt. Sympathisch: Nach dem Prinzip „aus Fehlern lernen“ zeigen die zwei auch, welche Aktivitäten nicht so gut funktioniert haben. So führte etwa eine TV-Kampagne für die FKP-Festivals Hurricane und Southside 2019 nicht zu gesteigertem Kartenverkauf, obwohl mit The Cure und den Foo Fighters durchaus eine ältere (noch Fernsehen schauende) Zielgruppe zu erreichen gewesen wäre. 

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Bei den vielen Marketing-Beispielen aus dem analogen Bereich, die Katja gibt, finde ich ihre Ausführungen zu den so genannten City Lights besonders interessant. Ich persönlich nehme die beleuchteten Werbeträger im Stadtbild genauso wahr wie geklebte Papierplakate an Bauzäunen. Katja berichtet jedoch, dass die City Lights eine deutlich höhere Werbewirkung erzielen würden als klassische Poster. Zudem fungieren sie — wie etwa eine 360-Grad-Animation von Greenpeace zeigt — als Schnittstelle hin zum Digitalen. 

Konkrete Tipps fürs digitale Marketing

Und somit sind wir an diesem Nachmittag bei der Music Business School in Darios Domäne angelangt. Seine Schilderungen veranschaulichen eindrücklich, wie sehr sich das digitale Marketing in den vergangenen Jahren diversifiziert hat. Gefühlt hätte er eine Woche sprechen können über Webseiten und E-Mail-Marketing, über Apps und Social-Media-Plattformen — und wie sich mit ihnen bis in den Mikrobereich hinein Zielgruppen ansteuern lassen. 

Toll finde ich, dass Dario zahlreiche konkrete Tipps gibt, was aktuell wichtig ist für digitales Marketing: Daten pflegen und analysieren, aber den gesunden Menschenverstand dabei nicht ausschalten. Verstärkt Bewegtbild auf verschiedenen Kanälen anwenden. Zudem gelte: Frequenz ist nicht alles, Ästhetik und Inhalt führen häufig nachhaltiger zum Ziel. Und Dario motiviert dazu, neugierig zu sein auf den steten Wandel, der sich online ereignet. So stellt er auf Nachfrage aus dem Kurs TikTok ausführlicher vor.

Die App TikTok: Adele-Challenge mit Gummibärchen

Dreh- und Angelpunkt der chinesischen App sind die sogenannten Challenges, die durch Hahstags verbreitet werden. Bekannt ist zum Beispiel die Adele-Challenge: Ihr Hit „Someone Like You“ wird da von Usern mit Gummibärchen, Avengers-Figuren oder Getränkedosen nachgestellt. Ein weitere Besonderheit bei TikTok sei der Ansatz, dass man die Plattform auch komplett ohne Registrierung nutzen kann und anderen Accounts nicht folgen muss, um die Inhalte zu konsumieren, erläutert Dario. 

Seine abschließende Erkenntnis lässt sich bestens auf verschiedene Lebensbereiche anwenden: „Es gibt nicht die eine Wahrheit. Also recherchiert, bildet Euch weiter und seid vor allem mutig, Dinge auszuprobieren.“ 

Ich jedenfalls bin auch nach meinem zweiten Besuch sehr angetan von der großen Praxisnähe und konstruktiven wie inspirierenden Atmosphäre bei der Music Business Summer School. Und ich bin gespannt, wie sich das Projekt in den kommenden Jahren weiterentwickeln wird. 

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Branchentreff im Mojo Club: What’s up, Hans?

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Die Musikbranche, was ist das eigentlich genau? Klar – alle, die in irgendeiner Form vom und im Popbusiness leben. Aber in erster Linie handelt es sich doch vor allem um: Menschen. Und einige von diesen kommen am Donnerstag im Mojo Club unter der Reeperbahn zum Branchentreff zusammen.

Geladen hat die Interessengemeinschaft Hamburger Musikwirtschaft, kurz IHM, in der sich rund 100 Unternehmen aus der Branche versammeln. Und die unter anderem die Music Business Summer School ausrichtet. „Hans Up!“ heißt die Veranstaltung an diesem Novemberabend. In Analogie zum Hamburger Musikpreis Hans, der 2018 nach neun Jahren pausiert. Die IHM möchte die Auszeichnung überdenken und für 2019 neu ausrichten.

Ein neuer Musikpreis für Hamburg

Alex Schulz, IHM-Vorstand und Chef des Reeperbahn Festivals, erläutert in einer kurzen Ansprache, dass das Netzwerk bis kommenden Sommer ein neues Konzept mit neuem Namen und neuem Programm für den Musikpreis erstellen möchte. Im Hamburger Abendblatt habe ich über die Hintergründe dieses Prozesses geschrieben.

Ich finde es gut, sich Zeit zu nehmen, um bisherige Muster zu reflektieren und nach anderen Wegen zu suchen. Gute Entwicklungen brauchen Gärphasen und Gespräche. Veränderungsprozesse müssen ein paar Schlaufen drehen dürfen, damit nicht zu Beginn das Ziel ohnehin schon fest steht. Und im Wandel sollten sich die Fenster ganz weit öffnen, damit frische Ideen hineinkommen. Wie wichtig eine Mischung aus Elan und Geduld, Fokus und Eigendynamik ist, merke ich verstärkt, seit ich mich vor einigen Monaten selbstständig gemacht habe.

Ist eine klassische Gala noch zeitgemäß?

In Bezug auf einen Musikpreis stellt sich unter anderem die Frage: Wie lässt sich die Wertschätzung für die Popkünstler der Stadt, für ihre Musik und ihre Teams in Zukunft gestalten? Ich bin äußerst gespannt, welche Ansätze sich die IHM überlegen wird.

Setzt eine solche Ehrung auf große Namen, auf Stars und Glamour? Oder beleuchtet die Auszeichnung eher die Vielfalt der hiesigen Szene? Ist eine klassische Gala mit Moderation, Laudatio und Trophäenüberreichung noch zeitgemäß? Oder sollte eine solche Veranstaltung viel mehr die Kommunikation ins Zentrum rücken? So wie beim Branchentreff im Mojo Club.

Herzlicher Respekt

Was mir an der Hamburger Popszene sehr gut gefällt, ist die Verlässlichkeit der Akteure. Das mag – etwa im Vergleich zum flirrenden fluktuierenden Berlin – mitunter provinziell erscheinen. Aber ich mag das familiäre Gefühl, Menschen zu begegnen, die ich zum Teil schon seit Jahren kenne. Mit denen ich gerne arbeite und spreche.

Die Bussi-Bussi-Botox-Quote und die Peinliche-Poser-Frequenz ist bei solch einem Branchentreff verschwindend gering. Und wer gerade nicht so gut miteinander kann, hat genügend Raum, um sich aus dem Weg zu gehen. Die anwesenden Akteure begegnen sich, soweit ich das überblicken kann, in der Regel mit professioneller Freundlichkeit und mit herzlichem Respekt bis hin zu freundschaftlicher Verbundenheit.

Branchentreff, Mojo Club, Hamburg, IHM, Hans, Musikpreis, Hans Up, Reeperbahn, Club, Event, Music, St. Pauli, gettogether, Biggy Pop, Blogger, Pop, JournalistBei manchen reicht es für eine kurze Umarmung, bis sie, er oder ich in andere Unterhaltungen driften. Manche sehe ich am anderen Ende des Saals und verliere sie aus den Augen. Mit anderen rede ich länger. Über anstehende Konzerte und Projekte. Über das vergangene Jahr und die aktuelle Stimmung. Über den Wandel im Journalismus und wie sich Musikevents nachhaltiger ausrichten lassen. Auch über Privates. Der eine ist gerade Vater geworden. Die andere bekommt ein Kind. Bei der nächsten ist die Tochter bereits aufgebrochen, um zu studieren.

Ein Branchentreff braucht Neuzugänge und Durchlässigkeit

Apropos Nachwuchs: So ein Branchentreff wirkt gerne einmal wie ein „closed shop“. Damit eine solche Sache nicht dauerhaft als selbstreferentielles System öde in und um sich kreist, braucht es dringend immer wieder Neuzugänge. Querdenkende Persönlichkeiten, junge Leute, andere Kulturen. Eine Durchlässigkeit.

Zudem vermisse ich an diesem Abend die Hamburger Musiker selbst. Mehr Mix ist gut, denke ich. Denn um die Popartisten und ihre Kunst geht es ja letztlich. Und zum Glück läuft tatsächlich auch Musik beim Branchentreff. Der überaus sympathische Byte-FM-Kollege, DJ und IHM-Mitarbeiter Norman Müller alias Digital Norman legt Electro, Funk, Kraut und Disco auf.

Nach einem solchen Abend schwirrt mir immer ein wenig der Kopf. Und ich überlege am nächsten Morgen, mit wem ich mich alles worüber unterhalten habe. Solch ein Branchentreff brauche ich definitiv nicht jede Woche. Aber ich bin dankbar um die Verbundenheit, die bei solchen Anlässen immer wieder entsteht. Wie gesagt: Es geht schließlich um die Menschen. Und im besten Fall um die gemeinsame Leidenschaft für Musik.

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Die Music Business Summer School, ein Pop-Intensivkurs

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Das Reeperbahn Festival steht kurz bevor. Längst sind diese vier Tage und Nächte auf St. Pauli nicht nur von Konzerten geprägt, sondern sie bilden mit Konferenzteil und Showcases auch einen wichtigen Treffpunkt für die Popbranche. Ich freue mich schon sehr darauf, derart geballt jede Menge musikverrückte Menschen zu treffen. Das wird ein toller pop-verliebter Ausnahmezustand.

Im Vorfeld dieser schönen Reizüberflutung namens Reeperbahn Festival existiert in Hamburg seit sechs Jahren die Music Business Summer School. An sechs Tagen beschäftigen sich da Akteure aus dem Musikgeschäft in Seminaren intensiv mit den aktuellen Entwicklungen ihrer Branche. Die Dozentinnen und Dozenten kommen mitten aus der Praxis. Das heißt: Neben professionellen Erkenntnissen und Theorien, Arbeitsweisen und Strategien können sie auch viele Tricks und Kniffe weitergeben.

Music Business Summer School, IHM, Hamburg Media School, Pop, Business, Workshop, Learning Ich bin Fan von lebenslangem Lernen. Von daher finde ich die Idee großartig, mit solch einer jährlichen „Schulwoche“ im eigenen Metier am Ball zu bleiben und sich austauschen zu können. Ich freue mich daher sehr, einen Tag als Gasthörerin an der Music Business Summer School 2018 teilzunehmen.

Module in Publishing, Live-Entertainment sowie Label- und Vertriebsarbeit

Der Veranstalter, die Interessengemeinschaft Hamburger Musikwirtschaft, kooperiert mit der Hamburg Media School. Das hat den sehr schönen Vorteil, dass die Seminare in deren charmantem Backsteinbau an der Finkenau stattfinden. Klar, es lässt sich überall lernen. Aber auf so einem Campus mit der Hochschule für Angewandte Wissenschaften sowie der Miami Ad School in Sichtweite komme ich direkt viel mehr in kreative und konzentrierte Stimmung.

Music Business Summer School, IHM, Hamburg Media School, Pop, Business, Workshop, Learning, Poster, Design, CI Die Music Business Summer School startete 2013 mit dem Bereich Publishing, der sich mit Verlagsmanagement beschäftigt. Im vergangenen Jahr kam das (boomende) Segment Live Entertainment, also das Konzertgeschäft hinzu. Ganz neu ist der Zweig Recorded Music, der sich mit Label- und Vertriebsarbeit befasst. Und den ich als erstes besuche.

Marketing lernen von Major- und Indie-Labels

An diesem Vormittag steht beim Recorded-Music-Modul der Music Business Summer School das Thema Marketing auf dem Programm. Maria Kramer, die bei Sony Music / Columbia als Head Of Marketing für den Sektor Dance zuständig ist, steht mit ihrer Arbeit dafür, wie sich die Aufmerksamkeit weg vom Album hin zum einzelnen Song verschiebt. Zwar fokussiert sich die elektronische Tanzmusik schon lange auf einzelne Tracks, die auf dem Dancefloor gut ankommen. Aber das Streaming mit seinen Playlisten hat diesen Trend extrem intensiviert.


Zu Marias Track-Marketing im Genre Dance, aber auch in den Bereichen Rap, Urban und Pop gehört daher auch die genaue Analyse, wann ein Titel wie häufig wie lange gestreamt wurde, wie sich einzelne Videos auf Youtube entwickeln, wie häufig ein Song im Radio gespielt wird, wie oft Hörer den Track über Shazam abfragen und und und. Hinzu kommen Auswertungen der Social-Media-Kanäle des Musikers. Diese Daten dienen dazu, das Potenzial des Künstlers sowie dessen Fan-Struktur zu ermitteln. Vor allem aber kann die Marketing-Abteilung mit Hilfe dieses Monitorings fortwährend laufende und kommende Kampagnen optimieren.

Solche daten-getriebenen Kampagnen mögen dem intuitiv agierenden Popfan erst einmal unromantisch erscheinen. Aber letztlich geht es ja im besten Fall darum, dass der Musiker gehört wird und seinen Lebensunterhalt verdienen kann. „Der Künstler sollte immer im Mittelpunkt stehen.“ Diese Aussage stammt von Nina Stepanek, Deputy Director Marketing International bei Warner Music, die anhand von Superstar Ed Sheeran sehr anschaulich deutlich macht, wie vielfältig eine Marketing-Kampagne im Pop abläuft. Diesmal für ein Album, das je nach Genre zum Glück doch noch seine Hörer findet.

Die Kampagne zu Ed Sheerans Album „÷

Seit 23 Monaten läuft die Kampagne zu Ed Sheerans Album „÷“ nun, erläutert Nina. Angefangen mit einem Showcase in Hamburg im November 2016 über den Vorverkaufsstart zur Tour bis zu digitaler Anzeigenschaltung sowie Video- und Instagram-Aktionen. Dass eine Kampagne so lange so hochtourig läuft, sei ungewöhnlich, erzählt Nina. Bei einem wie Ed Sheeran, der vom Singer-Songwriter in Pubs einen erstaunlichen Aufstieg hingelegt hat, funktioniert aber offenbar einiges anders.

Sehr interessant finde ich zum Beispiel, dass vor dem Album zwei Singles gleichzeitig veröffentlicht wurden – „Shape Of You“ und „Castle On The Hill“. Spannend ist zudem die Überlegung, mit „÷“ im Marketing mehr in die Breite zu gehen und die etwas älteren Hörer abzuholen, nachdem Warner Music mit dem Vorgängeralbum „ד offensichtlich bereits eine junge Zielgruppe erreicht hatte. Die Plattenfirma kooperierte zu diesem Zweck verstärkt mit dem Medium Fernsehen, in diesem Fall unter anderem mit dem Sender Vox, wo Ed Sheeran in kleinen Clips vor und nach den Werbeblöcken erschien.

Überrascht hat mich, mit welchem Feingefühl das Marketing betrieben wird. „Bei der Ed-Sheeran-Kampagne ist ständig etwas passiert. Wir haben aber auch sehr genau die Social-Media-Kommentare beobachtet, um zu sehen, ob wir zu viel Input produzieren, also ob wir zurückfahren müssen, um Luft zu schaffen“, erklärt Nina.

Als kleineres Label mit Glaubwürdigkeit punkten

Sehr gut gefällt mir, dass im Wechsel mit Nina, die ja ein Major Label vertritt, eine Plattenfirmenchefin aus dem Indie-Bereich spricht. Marit Posch ist studierte Juristin und hat klassischen Gesang studiert, bevor sie anfing, im Electro-Bereich zu arbeiten. Das ist – nebenbei bemerkt – etwas, das ich an der Musikbranche sehr liebe: Es gibt keinen Parade-Einstieg ins Business. Und viele Menschen im Pop kommen mit spannenden Biografien um die Ecke, die ich so nicht erwartet hätte.

Marit ist Mitbetreiberin von Monkeytown Records, die unter anderem den Electro-Act Modeselektor veröffentlichen. Sie erläutert, dass sie drei Viertel der Aufgaben, die bei einem großen Label auf verschiedene Abteilungen verteilt werden, selbst erledigt. Etwa Media-Kooperationen und Streaming-Management. Zwar analysiere sie auch Daten, aber längst nicht so umfangreich wie ein Major. Dafür reichen die Kapazitäten einfach nicht aus.

Doch obwohl sie viel spitzer kalkulieren müsse, gebe es eben auch effektive Marketing-Mittel, die im Electro-Bereich eine gute Wirkung erzielen. Remixe anderer Künstler zum Beispiel. Zudem könne ein Indie-Label stärker mit Glaubwürdigkeit punkten und sich so selbst als Marke aufbauen. Das sei das große Ziel: Dass Fans die Platten wegen des Labels kaufen, das als eine Art musikalisches Gütesiegel fungiert.

Music Business Summer School, IHM, Hamburg Media School, Pop, Business, Workshop, Learning, Balcony Nach diesem kompakten und informationsreichen Seminarblock ist bei der Music Business Summer School eine knackige Mittagspause angesagt. Die Teilnehmer, die selbst im Booking, bei Veranstaltern oder Verlagen und bei Plattenfirmen arbeiten, treffen sich auf dem sonnendurchfluteten Balkon der Hamburg Media School zu Essen und Kaffee, zum Durchpusten und Reden. Eine anregende Atmosphäre.

Arndt Scheffler von white label eCommerce spricht über Ticketing

Am Nachmittag geht es für mich in der Music Business Summer School weiter mit dem Bereich Live Entertainment. Und mit einem Vortrag von Arndt Scheffler, der 2012 die Firma white label eCommerce mitbegründet hat. Das Hamburger Unternehmen ist spezialisiert auf verschiedene, individuell zugeschnittene Lösungen, um online Tickets zu verkaufen. Dementsprechend referiert Arndt über das Ticketing und dessen Entwicklungen.

Music Business Summer School, IHM, Hamburg Media School, Pop, Business, Workshop, Learning, Poster, Design, CI Natürlich sei eine technisch einwandfrei laufende Benutzeroberfläche entscheidend für Ticketverkäufe. Keiner sitzt schließlich gerne vor einer Server-Fehlermeldung. Aber was für ihn entscheidend ist: der Content. Der Erfolg liegt für Arndt ganz klar darin, dass verschiedenen Partner vom Künstler über das Management bis hin zum Veranstalter noch enger zusammenarbeiten, um zielgruppenspezifische Angebote zu machen.

Als innovatives Beispiel nennt er die Beautymesse Glow, die kontinuierlich mit ihrer Fanbase kommuniziere. Und die nicht nur Tickets für die jungen Besucherinnen der Messe anbietet, sondern auch Karten für eine Entspannungslounge, in der die Eltern verweilen können.

Ein Fazit der Music Business Summer School: keine Angst vor Veränderung

Die Zukunft liegt für Arndt zudem ganz klar im Digitalen, vor allem in Ticket-Apps auf dem Smartphone und – weiter noch – im Bereich künstliche Intelligenz. Und wie die Marketing-Frauen zuvor ist er ein regelrechter Analyse- und Auswertungsfreak. Für ihn sind diese Tools ein Mittel, um aus Fehlern zu lernen, um reagieren zu können, um sich zu verbessern und um wach zu bleiben.

Sein Credo ist es, nicht an bewährten Strategien festzuhalten und keine Angst vor Veränderung zu haben. Das finde ich überaus inspirierend. Natürlich wird auch sehr viel Unsinn mit neuer Technologie angestellt. Aber dieser positive Ansatz gefällt mir sehr gut, da er über rein daten-getriebenes Verhalten dann doch wieder beim Menschen landet. Und im besten Fall bei der Musik.

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