Sophie Rois, Ian McEwan & The Kinks – Literatur und Pop verschränken

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Das Setting erscheint harmlos, die Inhalte sind es nicht. Wenn Schauspielerin Sophie Rois very british zu einer Tasse Tee lädt, geht es am Tisch keineswegs bloß oberflächlich höflich zu. Im Gegenteil.

Unter dem Motto „Have a cup of tea mit Sophie Rois – Songs und Storys über Inzest, Unschuld und Klassenbewusstsein“ präsentiert das Schauspielhaus in Hamburg einen Abend mit Erzählungen des britischen Schriftstellers Ian McEwan sowie Liedern der englischen Band The Kinks. Ich finde es stets sehr spannend, wenn unterschiedliche künstlerische Disziplinen verschränkt werden. Nach dem fulminanten Bowie-Stück, das ich vor einigen Wochen ebenfalls im Schauspielhaus gesehen habe, ist diese Inszenierung wesentlich reduzierter angelegt.

Sophie Rois liest zwei Geschichten Ian McEwans aus den 1970er-Jahren

Sophie Rois, Mark McRae, Clemens Maria Schönborn, Deutsches Schauspielhaus, Hamburg, Ian McEwan, A Cup Of Tea, The Kinks, theatre, music, china, rosenthalAuf der Mitte der Bühne nah an der Rampe steht ein kleiner runder Tisch, der als Teetafel mit einem Porzellanservice eingedeckt ist. Zwei Musiker setzen sich, Marc McRae und Clemens Maria Schönborn, der ebenfalls Regie geführt hat – in dunkle Anzüge gekleidet und mit akustischen Gitarren ausgestattet. Es folgt Sophie Rois. Schwarz-weiß gepunktete Bluse, schwarze Hose, spitze Schuhe, forscher Schritt und ein Lächeln, das cool und herausfordernd ist.

Zwei Geschichten McEwans aus den 1970er-Jahren wird sie lesen. „Erste Liebe, letzte Riten“ und „Homemade/Hausmittel“. In der ersten Story weht die Brise sommerlich hinein in die Wohnung eines jungen Liebespaares. Eine vielschichtige Erzählung zwischen liebestoller Leichtigkeit und sozialer Zerrüttung, zwischen simplen Vergnügungen und einfacher Arbeit.

Eine unaufdringliche Verbindung von Musik und Lesung

Toll finde ich, wie gut und wechselseitig verstärkend die unterschiedlichen akustischen Eindrücke wirken. Sophie Rois lässt uns mit ihrem Vortrag in die Rolle des männlichen lyrischen Ichs schlüpfen. Oftmals sitzt sie mit ihrem Manuskriptstapel in der Hand ganz vorne auf der Kante ihres Stuhls. Sie lädt die Lesung auf. Sie wispert und deklamiert, sie liest mit verschiedenen Stimmen und steigert sich hinein, begibt sich etwa mit dem Protagonisten in eine ausufernde sexuelle Schöpferfantasie.

Wie bei einem guten Soundtrack setzen parallel zum Gelesenen die Gitarren mit sachtem Spiel ein. Sophie Rois unterbricht dann ihren Vortrag, nickt ein wenig mit dem Kopf zum Takt und beginnt zu singen. Rau und zugleich kindlich. Nicht mit dem Druck des Rock, sondern kunstvoll nebenbei. Marc McRae und Clemens Maria Schönborn begleiten sie mit leisem Gesang. Eine schöne entspannte Mehrstimmigkeit. Mir gefällt diese unaufdringliche Verbindung von Musik und Literatur sehr gut. Fließend und organisch.

Die Lieder von The Kinks lassen das Gesagte nachschwingen

Kinks-Songs wie „Pictures In The Sand“ unterstreichen mit ihrem beschwingten Midtempo-Flair nicht nur die sommerliche Atmosphäre, sondern zugleich die Ironie, die Sophie Rois fein herausarbeitet. Und je weiter wir mit der famosen Schauspierin in die Handlung vordringen, desto selbstverständlicher fügen sich die Lieder ein. Sie eröffnen eine weitere Bedeutungsebene, die das Gesagte kommentiert, ergänzt, nachschwingen lässt.

Die anfängliche Hingabe der Hauptfigur zum Leben der Common People, die das Stück „Village Green“ reflektiert, kehrt sich im Laufe dieses Sommers in eine „Dead End Street“. Die Geliebte geht in der Fabrik arbeiten. Und das romantisierte Leben als Aalfischer erweist sich als gescheitertes Unterfangen. Die Umstände drücken. Eine Ratte arbeitet sich durch die Wand in das Liebesnest vor und wird zum Sinnbild für eine verwahrlosende Beziehung.

Die Handlung kippt ins Verstörende

In der zweiten Geschichte wird der Tonfall drastischer. „Homemade/Hausmittel“ scheint zunächst einfach von einem pubertierenden wie hochgradig gewitzten Jungen zu erzählen, der vor dem Google-Zeitalter über Mundpropaganda von einem etwas älteren Freund möglichst viel von den Segnungen des erwachsenen Daseins erfahren möchte. Doch als er den Plan fasst, seine Jungfräulichkeit zu verlieren, indem er sich an seiner kleinen Schwester vergeht, kippt die Handlung ins Verstörende.

Wie die Hauptfigur das Vati-Mutti-Spiel mit der Schwester bis aufs Äußerste vorantreiben will, schildert McEwan detailliert. In die extreme Tragik mischt sich ein starker humoristischer Unterton. Der absolute Tabubruch als sarkastisches Gagfeuerwerk – äußerst irritierend. Und wenn dann kurz vor dem Akt das Gitarristen-Duo die berühmten Kinks-Verse „Girl, you really got me goin’ / you got me so I don’t know what I’m doing“ anstimmt, ist das wie ein Schlag in den Magen. Die Unschuld ist nun endgültig verloren.

Ich merke erst beim Schlussapplaus, dass ich völlig angespannt dagesessen habe. Worte und Musik haben mich mit ihrer hinterlistigen Wucht vollends gepackt. Definitiv ein Abend, der unter die Oberfläche, unter die Haut geht. Der einen nachdenken lässt, zum Beispiel über das Verhältnis von Macht und Ohnmacht. Und der zeigt, dass Pop je nach Kontext immer wieder ganz neu gehört werden kann.

Sophie Rois am Schauspielhaus: „Probleme Probleme Probleme“ von René Pollesch, Uraufführung 6. April 2019

Titelfoto © Ulfig Hartmann Ahrens

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Songwriting-Workshop mit Fjarill – der Musik vertrauen

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Wer kann und darf überhaupt Kunst machen? Wenn es nach dem Hamburger Duo Fjarill geht: alle, jede und jeder. Seit 2004 produzieren Hanmari Spiegel und Aino Löwenmark traumversunkene Musik zwischen Folk, Pop, Jazz und Klassik. Und einige Male im Jahr laden die beiden zudem zu sehr besonderen Singer-Songwriter-Workshops ein. An einem oder mehreren Tagen kommen da ganz unterschiedliche Menschen zusammen, um gemeinsam ein Lied zu erschaffen.

Klingt kompliziert? Ist es überhaupt nicht. Denn Aino und Hanmari gehen ganz leicht und spielerisch an die Sache heran. Innerhalb weniger Stunden verbinden sich da verschiedenste Persönlichkeiten. Ohne dass allerdings die charakterlichen Eigenarten verschwinden. Im Gegenteil: Alles darf hell schillern und dunkel funkeln und sich verwandeln.

Fjarill, Duo, Hamburg, Pop, Hanmari Spiegel, Aino Löwenmark, Walden Studio, Midsommar, music, producing, Workshop, Songwriting, voice, coaching, singing, violin, piano, textingEin handbemaltes Schild weist in Richtung des Walden Studios. Da ich die große Freude habe, Fjarill als Pressetexterin für ihr neues Album „Midsommar“ zu begleiten, kenne ich bereits das hellholzige Refugium am Rande Hamburgs, in dem die beiden ihre Musik komponieren und aufnehmen. Direkt am Wald gelegen. Der hohe Dachgiebel lässt viel Raum zum atmen. Eine Kerze, Sitzkissen, Tulpen in einer Vase. Alles äußerst einladend.

Die Februarfrühlingssonne fällt warm herein, als sich an diesem Samstag 20 Leute nach und nach versammeln. Noch unruhig. Hinaus aus den Mänteln und Jacken. Ankommen. Sich orientieren. Ein erstes Kennenlernen. Der gemeinnützige Arbeitskreis Musik in der Jugend, kurz AMJ, veranstaltet den Workshop an diesem Tag. Daher begrüßen nicht nur Hanmari und Aino freudestrahlend ihre Gäste, sondern auch Christine von Bargen vom Hamburger Landesverband des AMJ.

Etwas Neues hineinwehen lassen

Zur Einstimmung spielen Hanmari und Aino ein eigenes Lied von Fjarill. Und wie die Musik da fein ineinandergreift, sich ausbreitet und unmittelbar berührt, ist überdeutlich die Virtuosität zu erkennen, die die beiden über Jahre und Jahrzehnte an Klavier, Geige und Stimme erlangt haben. Wohl niemand der Anwesenden kann derart komplex musizieren. Doch das zählt an diesem Wintertag nicht.

Fjarill, Duo, Hamburg, Pop, Hanmari Spiegel, Aino Löwenmark, Walden Studio, Midsommar, music, producing, Workshop, Songwriting, voice, coaching, singing, violin, piano, textingEine kurze Vorstellungsrunde ergibt: Manche sind auf dem Weg zum Profimusiker und suchen nach neuen Ansätzen. Andere sind Musiklehrerinnen und erhoffen sich Motivation für den Unterricht. Einige – so wie ich – singen nebenbei und freuen sich auf das Gesangserlebnis an sich. Wiederum andere möchten sich einfach Zeit schenken, in der sie sich beherzt etwas Gutes tun. Handy aus. Keine Ablenkung. Das Fenster öffnen. Etwas Neues hineinwehen lassen. Sich ausprobieren und fokussieren.

Die wenigsten im Raum streben ihren musikalischen Weg hauptberuflich an. Doch was Aino und Hanmari für uns erlebbar machen im Laufe des Tages: Wie sie als Fjarill ans Songwriting herangehen. Wie sich die Inspiration unverkrampft hervorlocken lässt. Und welche kreativen Schritte sie gehen, um neue Songs zu kreieren. Denn wenn sie nicht gerade fertige Texte vertonen, wie auf „Midsommar“ drei Gedichte des schwedischen Literaturpreisträgers Pär Lagerkvist, ist der Prozess folgender, erklärt Aino: erst die Musik, dann die Worte.

Die offene Atmosphäre, die Fjarill herstellt

Am Anfang ist der Sound. Und so laufen wir, nach Aufforderung von Aino und Hanmari, durch das Studio und bilden einfach die Töne, die gerade nach draußen möchten. Manche schüchtern, andere lautstark. Ein dissonanter voller Vielklang. Dass das schnell ganz unbefangen klappt, liegt vor allem an der offenen Atmosphäre, die Fjarill herstellt. Die beiden sind so freigeistig und klar, warmherzig und eigensinnig, dass Kategorien wie gut oder schlecht, cool oder uncool, Soll oder Leistung gar nicht erst an der Oberfläche erscheinen. Es brummt und sirrt und wogt.

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Aino Löwenmark und Hanmari Spiegel (r.) im Walden Studio

In immer weiteren Runden lassen wir Melodien und Rhythmen fließen, wie die Intuition sie uns gerade eingibt. Hanmari beginnt, uns mit Akkorden am Keyboard zu begleiten. Gemeinsam mit Aino hat sie sich diese Grundlage vorab ausgedacht, um das Lied letztlich durch Strophe, Bridge und Refrain zu strukturieren. Wir improvisieren weiter zu dieser Basis. Zunächst noch jede und jeder für sich. Doch damit das Ganze am Ende kein einziger vieltönender Hall bleibt, bittet Aino uns herumzuhorchen, ob nicht jemand im Raum eine ähnliche Gesangslinie anstimmt.

Diese Phase des Workshops finde ich besonders magisch. Denn wie von unsichtbaren Fäden geführt, finden sich kleine Gruppen zusammen, die ähnlich klingen. Schwünge, Höhen, Tempi gleichen sich an. Finden einen Groove. Eine Dynamik, die sich Akkordfolge für Akkordfolge feiner aufeinander einstellt, selbstverständlicher miteinander schwingt, sich voller entfaltet.

Den Song finden: mehr als die Summe der einzelnen Teile

Ich fühle mich sehr aufgehoben in diesem Klang, in diesem Fluss. Mir gefällt es äußerst gut, wie körperlich Fjarill an den Akt des Singens herangeht. Und wie sehr Aino und Hanmari auf die ganz eigene schöpferische Kraft der Musik vertrauen. Darauf, dass aus der Summe der einzelnen Teile etwas Größeres erwächst. 

Fjarill, Duo, Hamburg, Pop, Hanmari Spiegel, Aino Löwenmark, Walden Studio, Midsommar, music, producing, Workshop, Songwriting, voice, coaching, singing, violin, piano, textingDie vier Groove- und Gesangseinheiten, die sich gebildet haben, präsentieren ihre Parts dem restlichen Workshop. Spannend, da kurz vom Akteur zur Zuhörerin zu wechseln. Entstanden ist zum Beispiel eine sehr hohe dramatische Linie, die jedem Metalsong zur Ehre gereichen würde. Aber auch ein tiefer rollender Verlauf, der melancholischere Züge besitzt. Hanmari notiert die Noten der soeben erst gefundenen Melodien, um die verschiedenen Stücke später aneinandersetzen zu können.

Das Texten: von Ängsten, Aus- und Aufbruch

Erst jetzt geht es ans Texten. Fünf Minuten sitzen wir in der Gruppe einfach still da und Hanmari spielt den Song immer und immer wieder auf dem Keyboard, damit wir frei assoziieren können. Im Anschluss erzählen wir, was uns eingefallen ist. Und Aino notiert all die Worte auf einem Clipboard. Interessanter Weise driften die Gedanken in ähnliche Richtungen. Von Ängsten, Aus- und Aufbruch ist die Rede. Viele Tiere tummeln sich zudem in der Runde. Rehe, Storche, sogar Nilpferde. Während manche zu verträumteren Bildern neigen, fordert eine von uns mehr verbale Aggressivität, um einen radikalen Wandel zu signalisieren.

Die Stimmung ist konzentriert und locker zugleich. Lachen. Sich gegenseitig applaudieren. Ein prima Empowerment. Doch ebenfalls eine intensive Angelegenheit. Daher gehen wir dankbar in die Mittagspause. Alle haben etwas fürs Buffet mitgebracht. Ein buntes Schlemmen und Plaudern. Viele, so erfahre ich, kommen aus Hamburg und dem Norden, ein Paar ist allerdings extra aus dem Rheinland angereist. Zudem gibt es einige regelrechte Fjarill-Workshop-Fans, die zum vierten, fünften Mal dabei sind.

Fjarill, Duo, Hamburg, Pop, Hanmari Spiegel, Aino Löwenmark, Walden Studio, Midsommar, music, producing, Workshop, Songwriting, voice, coaching, singing, violin, piano, textingGestärkt geht’s weiter ans konkrete Texten. In kleinen Runden verteilen wir uns im Haus und erdichten auf Grundlage des Brainstormings Zeilen für Strophen, Bridge und Refrain. Ein schönes Pingpong aus Worten, das mal hakt, mal ins Leere läuft, das aber auch erstaunlich schnell Singbares aufs Papier bringt. Plattitüden umschiffen und rätselhaft bleiben – das sind zwei Leitlinien, die sich in meiner Gruppe schnell herauskristallisiert haben.

Der fertige Song: Nuancen verdichten

Als die Runden dann schließlich ihre Werke vorsingen, ist das ein grandioses Überraschungsfeuerwerk. Ganz unterschiedlich sind Duktus und Sprachen. Und dennoch ergibt alles einen Sinn, als es letztlich zusammengefügt wird. Mehrfach singen wir zum großen Finale unseren Song durch. Ein Lied, dass sich aus einem Gefühl der Enge euphorisch aufschwingt. Dass all die Nuancen der Anwesenden mitträgt und zugleich für sich frei fliegen kann – und das auf Englisch, Schwedisch und Deutsch.

Mich fasziniert, dass solch eine Musik, die an nur einem Tag entstanden ist, viele unterschiedliche Emotionen und Denkanstöße verdichten kann. Und dass die Kunstproduktion eben kein leidensvoller Akt sein muss, sondern etwas sehr Positives und Verbindendes bergen kann.

Für mich lebt der Workshop von Fjarill aus der Kombination von Hippie-Attitüde und dem großen musikalischen wie menschlichen Gespür, dass Aino und Hanmari besitzen. Ein Tag, der einen glücklich zurücklässt.

Nächster Workshop (diesmal für Kinder): 1. Juni, Walden Studio

Fjarill live:
28. April: Elbphilharmonie
18. April: offene Generalprobe, Kulturhaus Eppendorf

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„Live at Clouds Hill“ mit Konni Kass und Neøv

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Ich liebe Musikstudios. Die Konzentration auf die Kunst, das Unfertige, das Suchen und Verwerfen sind in den Räumen zu spüren. Und die magischen Momente, wenn sich der Sound zusammenfügt zu etwas Größerem, Ungewöhnlichem, Interessantem, Inspirierendem.

In Hamburg existieren zum Glück zahlreiche solcher Herzkammern der Musik. In einigen durfte ich im Laufe der Jahre schon einmal zu Besuch sein, zum Beispiel in Dennis Rux’ retro-affinen Yeah! Yeah! Yeah! Studios, in Franz Plasas üppig angelegten Home Studios oder im Studio von Produzent Kristian Kühl, wo jüngst viele tolle Hamburger Bands wie Ilgen Nur, Swutscher, Schrottgrenze, Trümmer und Botschaft Alben aufgenommen haben.

Clouds Hill Recordings, Studio, Label, Rothenburgsort, Hamburg, Pop, music, production, magazineEin Studio mit äußerst warmer Aura – und grandiosem handverlesenen Equipment – ist Clouds Hill Recordings in Rothenburgsort. Innerhalb der vergangenen 13 Jahre hat Produzent Johann Scheerer in dem mächtigen Backsteinbau an der Norderelbe nicht nur Refugium und Experimentierfeld für so unterschiedliche Musiker wie Faust, Pete Doherty, Bela B, Boy, Anna Depenbusch oder Bosnian Rainbows geschaffen. Mittlerweile ist zudem ein kompletter Kosmos gewachsen, der den freigeistigen Clouds-Hill-Spirit transportiert. Ein Label, ein Magazin, Mode – und die Reihe „Live at Clouds Hill“.

Das Prinzip dieses Projekts ist denkbar einfach: Musiker, Musikerin oder Band spielen direkt im Studio ein Set vor kleinem Publikum, das maximal 64 Minuten lang ist, also die Länge von zwei analogen Tapes besitzt, wie die Clouds-Hill-Seite informiert. Der Auftritt wird live mitgeschnitten und simultan gemischt, so dass die Aufnahme im Anschluss sofort gemastert und auf Vinyl gepresst werden kann. Ganz unmittelbar.

Finnland und die Färöer Inseln zu Gast bei Clouds Hill Recordings

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Konni Kass, fotografiert von Beinta á Torkilsheyggi

Zu einer solchen Session hat Clouds Hill am Dienstag geladen – mit der finnischen Band Neøv und Konni Kass von den Färöer Inseln. Die Sängerin und Pianistin spielt normaler Weise gemeinsam mit drei weiteren Musikern aus ihrer nordischen Heimat und produziert einen komplex driftenden Electropopsound. Doch an diesem Abend setzt sie sich solo an das sachte beleuchtete Klavier.

Ihre Stimme tönt so voll und fragil und herzensdicht, dass das Publikum einfach dasteht und atmet und zuhört und sonst nichts. Ich liebe diese fokussierte Energie sehr. Etwa 40 Leute gemeinsam in einem Raum, in dem die Musik kurz die Zeit aufzuheben scheint. Der reduzierte Sound lässt Luft zum Assoziieren. Die Akzente des Gesangs und die Anschläge am Piano bestimmen Puls und Fluss der Gedanken.

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Neøv © Clouds Hill

Kompakter, aber nicht minder hypnotisch durchdringt der Sound die Körper beim zweiten Teil des Konzerts mit dem Trio Neøv. Die beiden Brüder Anssi und Samuli Neuvonen an Gitarre und Gesang sowie Schlagzeug erzeugen gemeinsam mit Bassist Ari Autio einen schwelgerisch-verschachtelten Indiepop. Zu hören ist das unter anderem auf ihrem neuen dritten Album „Volant“, das soeben beim Clouds-Hill-Label erschienen ist. Und mit dem Wissen, dass die Neuvonens in der finnischen Seenregion um Juankoski aufgewachsen sind, meine ich sofort, eine sich ausdehnende Landschaft in ihren Songs zu hören. Das Studio wird rau und wild und wunderschön bewuchert durch die sanfte Wucht ihrer Songs.

Reden, rauchen, aufgehoben sein

Clouds Hill Recordings, Studio, Label, Rothenburgsort, Hamburg, Pop, music, production, live, session, concert, NEØV, Band, finland, Konni Kass, faröe islands, interieur, drumsNach dem Konzert strömen Künstler und Gäste wieder ins weitläufige Foyer von Clouds Hill. Ein wenig verwandelt und ein bisschen mehr verbunden stehen alle beisammen bei Drinks und Quiche. Instrumente an den Wänden, ein altes Telefon, Poster, eine Notizwand. Eine entspannte Behaglichkeit. Reden, rauchen, aufgehoben sein.

Ich finde es wirklich toll, dass das Clouds Hill sich immer wieder öffnet und auf seinen Wolkenhügel lädt. Andere bei zu sich zu Hause einzulassen, ist nicht selbstverständlich. Und wenn dort die Musik wohnt – umso schöner.

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Dirk von Lowtzow erzählt „Aus dem Dachsbau“

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Ich umgebe mich bereits seit geraumer Zeit mit Dachsen. Die Tiere verkörpern für mich eine eigensinnige Kraft. Daher war die Vorfreude enorm, als mir der Verlag Kiepenheuer & Witsch Ende vergangenen Jahres das Buch von Dirk von Lowtzow zuschickte, seines Zeichens Sänger und Gitarrist von Tocotronic. „Aus dem Dachsbau“. 180 Seiten. Die Buchstaben A, B und C des Titels auf dem Cover groß gedruckt.

Ein Alphabet also. Kein Roman. Nichts Gestrecktes und Gespreiztes. Keine Meisterwerke mehr. Stattdessen literarische Miniaturen vom Aufwachsen, Ausbrechen und Ausdehnen. Und so viel sei vorweg gesagt: Dirk von Lowtzow bleibt ganz bei sich. Ich mag das Buch sehr.

Ängste und Fantasien

Am 1. Januar fing ich an zu lesen. Am Anfang ist die Ruhe am größten. Das Heruntergefahrene aus der Zeit zwischen den Jahren schwingt noch nach. Im „Dachsbau“ wehen zum Auftakt Harmoniegesänge und Discobeats von ABBA in die Kindheit hinein wie ein Versprechen.

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Der Dachs, illustriert von Dirk von Lowtzow

Das zweite A ist bereits Alexander gewidmet, Dirk von Lowtzows früh gestorbenem Jugendfreund, der das Buch umarmt und durchzieht. Ganz am Ende offeriert er dem Protagonisten eine zweite Erlösung neben der Musik, um Unrast und Einsamkeit zu entkommen: „Schreib alles auf“, flüstert der Tote dem Freund auf der Bettkante zu.

Das Schreiben als Akt sich zu erinnern. Seine eigene Geschichte aufzuschließen. Ängste und Fantasien zu öffnen. So dass sich Mystery und Hysteria und Hystory verstärken. Und um dann womöglich seinen Frieden zu machen.

Wie der Autor bin ich im bundesrepublikanischen Westen zu Zeiten des Kalten Krieges aufgewachsen. Das Buch stellt die Verbindung her zu dieser Kindheit und Jugend, lässt sie in mir anklingen. Allerdings nicht schlicht zeitkoloriert nacherzählt. Es ist vielmehr ein Nachhall der damaligen Wahrnehmung.

Der zutiefst verinnerlichte kindliche Glaube daran, dass Aliens unsere Erde und Körper beherrschen. Ist das Ausdruck der damals nahenden Pubertät, die einen verwandelte, die Geist und Glieder zu übernehmen schien? Ist es die Furcht, vom Spießbürgerlichen der Umgebung vereinnahmt zu werden? Oder hat eine gesamte Generation so die Angst vor der Bombe kanalisiert? John Carpenter, HR Giger – ein kollektiver Film.

Aliens und Bundesjugendspiele

Bei Dirk von Lowtzow leben die Außerirdischen im Schulmuff zwischen Pausenhof und Biologiesaal, was nicht einer gewissen Drastik und Komik entbehrt: „Gegen Ende des Schuljahres veranstalteten die extraterrestrischen Faschisten regelmäßig sogenannte Bundesjugendspiele, grausame Wettkämpfe, bei denen wir für die militärischen Einsätze der Aliens getestet und ungeeignete Kandidaten aussortiert wurden.“

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So könnte es im Dachsbau aussehen, illustriert von Line Hoven

Das Buch birgt diverse Erlebnisse zwischen Demütigung, Selbsthass und dem Gefühl, fremd zu sein. Das tragischste und traurigste trägt den Titel „Junge Union“. „Aus dem Dachsbau“ reicht all den Unsportlichen und Outsidern die Hand. Die Worte sagen ihnen: stay gold. Denn die fantastischen Welten, die wir damals zu spinnen begonnen haben, tragen uns nun durch die erwachsene Existenz. So springt Dirk von Lowtzow mit uns immer wieder ins Heute. Nach Berlin. Wo mal ein Bär bei ihm wohnt, mal ein Hund, mal Meisen. Eine gute Gesellschaft.

Beim Lesen entsteht nach und nach das Mosaik eines Menschen. Tierische Versatzstücke. Softe Fragmente. Ein Porträt in Plüsch.

Zwischen den Zuständen

Dirk von Lowtzow erzählt von Lebenswegen, die hätten sein können. Als Schauspieler zum Beispiel. Und von solchen, die sich fortsetzten. Mit der Band etwa. Liebe blitzt auf. Perspektiven verschieben sich. Jahre im Ortenaukreis, in Wien, in Hamburg und Berlin. Zudem immer wieder Zustände zwischen den Welten. In Zügen und Hotels, im Kino und beim Flanieren, zwischen Leere und Überreizung. Doch das Biografische ist nie rein faktisch, nie plumpe Jahreszahl, sondern durchzogen von Paralleluniversen und Träumen, von Ausflüchten und geheimen Zeichen.

Dirk von Lowtzow, Aus dem Dachsbau, Buch, Kiepenheuer & Witsch, Hardcover, Tocotronic, Alphabet, Dachs, Pop, Hamburg, Foto, Jutta Pohlmann
Dirk von Lowtzow, fotografiert von Jutta Pohlmann

Aus dem Dachsbau“ ist kein explizites Musikbuch. Doch wer mit den Liedern von Tocotronic vertraut ist, erkennt Querbezüge, Leitmotive und vor allem den Tonfall, diese gewisse Art von melancholischem Witz. Hinzu kommt die popkulturelle Revue, die das Buch fein durchstreift, mit Figuren wie Hedy Lamarr und Hubert Fichte, den Minions und Robocop, Neil Young und David Bowie.

Immer wieder gibt es im „Dachsbau“ Momente des Sich-Verlierens, des Transits. Besonders angerührt hat mich die Episode „Leuchtturm“. Gerade mal gut zwei Seiten lang. Ein Stromern durch den Wald scheint kurz zur Dystopie zu geraten. Mit phosphoreszierenden Pilzen und uneinladenden Betonhöhlen. Doch am Ende wartet eine andere Zone. Dünen, Strand und ein Abschied. Von einem Freund. Von der Kindheit. „Ich erinnere mich an Dinge, die ich noch nicht kennen konnte. Märchen aus der Zukunft“, schreibt Dirk von Lowtzow.

Ich muss daran denken, wie ich mich als Kind mit dem Fahrrad immer weiter und weiter wegbewegte von unserem Zuhause. Straße um Straße eine neue Welt. Ein Abenteuer. Bedrohlich und befreiend zugleich. Eine Ahnung von dem, was kommen mag.

27. März, 20 Uhr, Uebel & Gefährlich: Dirk von Lowtzow liest „Aus dem Dachsbau“

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Biggy Pop – Take Five: Hamburger Songs mit Haltung

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Yeah, Yeah, Yeah! Mein Blog über Popmusik in Hamburg feiert ein kleines feines Jubiläum – den 50. Eintrag. Und aus diesem Anlass habe ich mir eine neues Format überlegt, das ich in unregelmäßigen Abständen präsentieren möchte: Biggy Pop – Take Five.

Die Idee entstand, weil täglich viel neue Songs und Alben sowie zahlreiche Musik-Infos bei mir eintreffen. Mit Biggy Pop – Take Five möchte ich diese popkulturelle Fülle unter verschiedenen Schwerpunkten bündeln. Das können mal fünf spannende Neuigkeiten aus der Hamburger Szene sein, mal fünf kuriose Konzertbeobachtungen, mal fünf interessante Aussagen von Musikern, mal eine Vorschau auf fünf besondere Festivals, mal fünf Tresenweisheiten. Ihr versteht.

Take Five: Songs, die kritisch und konstruktiv auf unsere Zeit blicken

Anfangen möchte ich mit fünf aktuellen Songs aus Hamburg, die meines Erachtens nach kritisch und konstruktiv auf unsere Zeit blicken. Also, I proudly present Biggy Pop – Take Five: Hamburger Songs mit Haltung.

1. Die Goldenen Zitronen: „Katakombe“ („More Than A Feeling“, Buback)

More Than A Feeling, Buback, Die Goldenen Zitronen, Pop, HaltungZugegeben, es ist fast schon vermessen, bei einem Album der Goldenen Zitronen nur einen einzigen Song mit Haltung auswählen zu wollen. Daher fiel mir auch bei „More Than A Feeling“ die Auswahl schwer. Die 13. Platte der Hamburger erscheint am 8. Februar beim Label Buback. Und die querdenkende wie -spielende Crew um Schorsch Kamerun analysiert und assoziiert sich da grandios nervös groovend durch unsere Gegenwart – vom Trump’schen Mauerbau bis zum Hamburger G20-Gipfel.

Stellvertretend für die elf neuen Stücke habe ich mich für den Opener „Katakombe“ entschieden. Unheilvoll dröhnt da der Bass. Und wütend proklamiert Schorsch Kamerun. Er schlüpft in die Stimmen der anderen. Jener, die ihre Fremdenfeindlichkeit mit Lügen zu rechtfertigen versuchen. Gegengeschnitten sind die, die die stumpfen Plattitüden ganz klar hinterfragen und kommentieren. „Sicher das?“ Der Song reproduziert die überreizte Atmosphäre, in der Diskussionen mittlerweile real und online geführt werden dieser Tage. Ein dunkles diskursives Rave-Stück. Und Schorsch Kamerun als Rufer in einer schwarz-weißen Wüste. Eine dringliche Aufforderung, die Hassenden nicht einfach reden zu lassen.

2. Dendemann: „Keine Parolen“ („da nich für!“, Vertigo Berlin)

da nich für, vertigo, Dendemann, Pop, HaltungDendemann, Dickschiff aus der Hamburger Rapszene, mittlerweile Wahlberliner, haut uns im lässigen Flow unsere eigene Bequemlichkeit um die Ohren. „Keine Parolen“ ist zu hören auf seinem neuen Album „da nich für!“, das Ende Januar bei Vertigo Berlin veröffentlicht wurde. Sounds und Beats erzeugen für mich einen beklemmenden Sog. Und der Titel ist so doppeldeutig wie die alltägliche Doppelmoral, die sich eingeschlichen hat. Wenn ich „Dende“ richtig verstehe, moniert er Folgendes: Natürlich will der aufgeklärte Großstädter keine Parolen vom rechten Rand. Aber bei jenen, die sich in ihrem Leben eingerichtet haben, mangelt es häufig an der Bereitschaft, mit eigenen Statements, mit klaren Prinzipien und beherzt artikulierten Haltungen dem erstarkenden Rechtspopulismus entgegenzutreten.

„Unser Rückgrat ist stufenlos verstellbar“, rappt Dende smart, rau und mahnend. Zudem: „Wenig Ehre, viel Desinteresse, kaum Anstand, immer Gästeliste“. Und mit einem hübschen Dreh twistet Dendemann vom Lamento des saturierten Bürgers hinein in den Hit „Alles was ich will (ist die Regierung stürzen)“ aus dem Jahr 1990 von Die Goldenen Zitronen (siehe oben). In „Keine Parolen“ klingt das Goldies-Zitat allerdings arg verzögert und phlegmatisch. Leute, so wird das nichts mit der Revolution.

3. Botschaft: „Herrschaftsfrei“ („Musik verändert nichts“, Tapete Records)

Botschaft, Tapete, Musik verändert nichts, Pop, HaltungIn einem softeren Drive, aber nicht minder gehaltvoll kommt die Selbst- und Sozialkritik bei der Hamburger Band Botschaft daher. Am 8. Februar erscheint bei Tapete Records ihr Debütalbum „Musik verändert nichts“. Das klingt ja zunächst einmal desillusioniert. Der ultrapoppige, leicht schwebende Sound des Quintetts entfaltet seine Wirkung in Kombination mit den Lyrics von Sänger Malte Thran jedoch subtiler. Ein Song wie „Herrschaftsfrei“ erzählt meiner Ansicht nach davon, wie die Gesellschaft und ihre moralischen Vorstellungen bis in unsere innigsten Beziehungen vordringen. Wie selbst unser intimstes Fühlen von Hierarchien durchzogen ist. „Aus Abhängigkeit schöpfst du Vertrauen“, singt Thran. Gibt es sie also, die wahre Liebe, oder ist das alles ein Resultat der Umstände? Muss ich noch weiter drüber nachdenken.

4. Disarstar: „Alice im Wunderland“ („Bohemien“, Warner Music)

Disarstar, Warner, Bohemien, Pop, HaltungMit seinen Aussagen direkt auf die Zwölf gibt uns der Hamburger Rapper Disarstar, dessen Album „Bohemien“ am 15. Februar bei Warner Music veröffentlicht wird. Vorab hat er bereits die Single „Alice im Wunderland“ ausgekoppelt. Der junge Hiphopper ist keiner, der auf Bling, Posen und Drogen setzt, sondern auf Sprechgesang mit Bewusstsein. Zum Magengrubenbeat redet Disarstar – unverkennbar – AfD-Politikerin Alice Weidel ins Gewissen. „Lass das mit der Festung Europa / Geh’ doch wieder ins Büro zu Goldman Sachs / Und spiel’ Poker, Alice“, rappt Disarstar mit tiefem Wumms. Ich bin positiv überrascht, dass ein Majorlabel einen derart meinungsstarken Künstler herausbringt und sich somit deutlich positioniert. Und so beginnt der Infotext zu „Bohemien“ auch mit der Ansage: „Unpolitisch sein? In der heutigen Zeit? Absolut keine Option.“ Word.

5. Neonschwarz: „Der Opi aus dem 2. Stock“ („Clash“, Audiolith)

Clash, Audiolith, Neonschwarz, Pop, HaltungClash“ von den Hamburger Hiphoppern Neonschwarz ist schon seit vergangenen Herbst draußen, aber nicht minder aktuell. „Der Opi aus dem 2. Stock“ ist das Gegenteil von einem Partytrack, sondern eine nachdenkliche Rap-Nummer. Piano- und Bläser-Einschübe zu versiert verschlepptem Beat. Toll arrangiert, ernstes Thema. Marie Curry und ihre Crew erzählen von einem alten Mann, Opfer des Nationalsozialismus, Überlebender des Zweiten Weltkriegs, der traumatisiert und vereinsamt in seiner Wohnung lebt. Er ist schockiert, wie viele die Geschichte verdrängen. Und wie das alte Gedankengut neu erstarkt. Neonschwarz gibt ihm eine Stimme. Never forget.

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„Lazarus“ am Schauspielhaus – David Bowies Art zu verschwinden

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David Bowie schob sich in den vergangenen Jahren wieder verstärkt in mein Leben. Zunächst war da die Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau im Jahr 2014. Draußen Hitze, drinnen kochte es. Schweißperlen glitzerten auf unseren Gesichtern, als wir die strichdünnen Kostüme betrachteten, die der Thin White Duke getragen hatte. Top Of The Pops. Ein Fingerzeig für die nächste Generation. Erweckungserlebnisse in Stoff und Sound.

Ende 2015 tauchte dann der „Blackstar“ auf am Firmament, David Bowies letztes Album. Diese in einen hineinkriechende Musik. Sein Gesang wie eine Prophezeiung. Vertontes Sterben. Ich heftete den dunklen Stern, den das Label mitgeschickt hatte, an meine Handtasche. Ein schwarzes Leuchten als Begleiter. Zwei Tage nach Veröffentlichung der Platte starb Bowie am 10. Januar 2016. Sein Tod sollte ein trauriges Jahr einläuten.

David Bowie im Nachtasyl, David Bowie in der Elbphilharmonie

Zwölf Monate später ging ich im Nachtasyl des Thalia Theaters auf die David-Bowie-Party der tollen Hamburger DJs Marco und Jojo. Ein Abend wie ein Befreiungsschlag. Die Toten leben fort in denen, die auf sie trinken und für sie tanzen. Und David Bowie existierte in allen Anwesenden.

Lazarus, Deutsches Schauspielhaus, Hamburg, Falk Richter, Alexander Scheer, Gala Othero Winter, Pop, David Bowie, Musical, Theater, Stage, Party, Nachtasyl, Star, JewelryIn den Normalos und Steampunks und Dark-Wavern und Glamour-Girls. Jede und jeder kann David Bowie sein. Im Nebel. Zwischen den Projektionen. Sich vertauschende Körper. Das hatte der Künstler selbst so angelegt.

Auch die Musikerinnen Anna Calvi, Laetitia Sadier und Soap & Skin waren Bowie. Im Mai 2015. Gemeinsam mit dem Ensemble stargaze intonierten sie „Blackstar“ und einige Klassiker in der Elbphilharmonie. Und ich saß im Publikumshang und blickte steil von oben auf dieses Tableau. Am meisten berührten mit die Auftritte von Anna Calvi, die das zart Aufgeraute, das Verletzte von David Bowie spürbar machte.

„Lazarus“, ein Nachhall aus Bowies Lebzeiten

David Bowie bevölkert die Stadt. Immer und wieder. Das hat für mich weniger mit Personenkult zu tun. Vielmehr erinnert uns seine Figur fortwährend daran, wie wir uns ständig entwickeln, entpuppen und neu erfinden dürfen.

Zu erleben nun, ganz aktuell, im Schauspielhaus mit „Lazarus“. Wieder so ein Nachhall aus Bowies Lebzeiten hinein in unsere Gegenwart. Sein Musical wurde Ende 2015 in New York erstmals aufgeführt. Als habe er noch einmal alles hineinwerfen wollen in diese Welt. Als müsse er alles zusammenführen. Das Dagewesene und das Kommende.

Sogar das Schauspielhaus selbst hat sich David Bowie anverwandelt

Das Buch „The Men Who Fell To Earth“, in dessen Verfilmung David Bowie 1976 die Hauptrolle spielte, bildet Basis und Ausgangspunkt dieser fiebrigen Revue. Und Alexander Scheer spielt den sehnenden und sterbenden Alien Newton in der Hamburger Adaption. Er ist David Bowie. Und nicht nur er. Alle auf der Bühne schimmern und schillern in dessen Identitäten. Die meisten tragen rot-blondes Bowie-Haar – mal als störrische 80er-Franse, mal als wüster Tilda-Swinton-Bob. Und sogar das Haus selbst hat sich David Bowie anverwandelt.

Ein Ziggy-Stardust-Blitz zuckt beleuchtet durch die ersten Reihen des Saals. Ein Laufsteg. Nicht der Eitelkeiten, sondern einer Existenz, die in wilden Formen und Farben letztmals aufflackert. Ein Loslassen. Ein Abschied vom Grundrauschen der Welt, das auf zig Bildschirmen parallel an uns vorüberzieht.

Er trinkt Gin und glotzt TV

Ronald Reagan und John F. Kennedy sind zu sehen. Maueröffnung und High-School-Shooting. G20 und Olaf Scholz. Elvis und Marilyn. Pop und Politik. All das kann der Außerirdische nach seinen vielen Jahren auf der Erde immer noch nicht fassen. Er trinkt Gin, viel Gin, zerhaut das Eis, schenkt sich ein, setzt sich auf seinen Plexiglasstuhl und glotzt TV. Er hat versucht, ein Menschenimitat zu werden. Er hat diesen Zustand perfektioniert. Er wurde offiziell erfolgreich. Also: reich.

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Alexander Scheer in „Lazarus“ am Deutschen Schauspielhaus, fotografiert von Arno Declair (ebenso das Titelbild)

Versuchen wir das nicht alle – ein gutes Imitat dessen zu werden, was das Menschsein offenbar ausmacht? Und finden wir nicht selbst mitunter, dass wir es nicht vollkommen treffen, das Dasein? Dieses Gefühl, irgendwie off zu sein, nicht gänzlich zu passen, gerät bei „Lazarus“ zum irren Traum. Newton entfremdet sich in seinem Sterben immer weiter von der Welt und findet dabei am Ende womöglich zu sich selbst. Er driftet ab und hört Stimmen, bis seinen Verstand immer mehr Wesen bevölkern, allen voran ein Mädchen, gespielt von Gala Othero Winter.

„Ch-ch-ch-ch-changes“

Anfangs blicke ich leicht überfordert auf diesen knallbunten, von Regisseur Falk Richter inszenierten Bilderreigen. Auf die Parade schriller Kostüme. Auf die Wunderlandschaften, die die Drehbühne preisgibt. Auf das Surreale und den Humor. Mich überkommt kurz die Ahnung und Angst, nur von außen auf dieses von Songs durchzogene Spektakel schauen zu können. Nicht gepackt und berührt zu werden. Doch dann öffnet sich das Stück für mich. Es klickt. Das ist stets ein großes Geschenk, wenn die Emotion einsetzt, wenn sich ein Zugang ergibt. Dies geschieht in einer Szene mit Julia Wieninger.

Die Schauspielerin verkörpert Elly, die mausgraue wie frustrierte Assistentin, die Newton in seinen letzten Tagen ergeben zur Seite steht. In ihr ist dieses Brodeln zu spüren, diese Suche nach mehr. Und dann tritt sie auf den Bühnenblitz und singt David Bowies „Changes“. Es bricht immer heftiger aus ihr heraus. Akustisch. Und optisch. Bis sie in knallgelbem Anzug dasteht. Das mag wie ein übereindeutiger Raupe-Schmetterling-Effekt erscheinen. Aber bei mir wirkt es. Da es sich wahrhaftig anfühlt. Da es innere Sehnsüchte anspricht, für das gesehen zu werden, was wir sind.

Hin zu einem anderen Stern

Newton hingegen scheint der sichtbaren Welt zunehmend abhanden zu kommen. Auch physisch. Steckt er zu Beginn noch in einem voluminösen Schlafrock, wird er in den kommenden Stunden immer dünner. Vom wehenden Leinenanzug bis zur ultraschmalen Jeans. Eine Art von Verschwinden. Die Kunst des Übergangs. Hin zu einem anderen Zustand, einem anderen Stern.

Is There Life On Mars?“ fragt das Mädchen. Ganz pur und nah singt sie. Ist da ein anderes Leben, wenn wir diese Welt verlassen? Was kommt danach? Mehr und mehr werde ich hineingezogen in Newtons Transit, in seine Abschiedsshow. Immer intensiver fühlen sich seine Rückblenden, Ängste und Lichtblicke an, die auf der Bühne erscheinen. Und ich frage mich, was wohl mir nahe stehende Menschen gesehen und gefühlt und gedacht und gehört haben, bevor sie gestorben sind.

Alexander Scheer und Gala Othero Winter, der Tote und das Mädchen

Während Newton mit der Liebe und dem Tod ringt, mit einem in Latex gehüllten Wesen namens Valentine (Tilman Strauß), wird ein Wort immer wieder ausgesprochen: Hoffnung. Und wenn das Mädchen und Newton zum Finale David Bowies „Heroes“ singen, gewinnt für mich die zuversichtliche Seite. Wohin die Reise auch gehen mag. Dieser Song zieht sehr an mir. Und Scheer und Winter singen ihn so dunkel, strahlend und aufrichtig, dass alles da ist. Tränen, Glück und sehr viel dazwischen.

Lazarus, Deutsches Schauspielhaus, Hamburg, Falk Richter, Alexander Scheer, Gala Othero Winter, Pop, David Bowie, Musical, Theater, Stage, New Yorker, Trixie Madell, TicketIch bin dankbar für diesen Abend, der für mich die Verbindung herstellt zwischen uns, die wir noch da sind, und jenen, die bereits gegangen sind. Zwischen Vergangenheit und Zukunft. Sehr viel kommt in diesen zweieinhalb Stunden aufs Schönste zusammen. Die Schauspieler natürlich, allen voran Alexander Scheer, wie er das Zerrissene, die Leere und das Überirdische verkörpert. Aber für mich gibt es auch ganz persönliche Highlights.

Was für eine Freude: Bernadette La Hengst und die Komet-Bar

Bernadette La Hengst, die mich in meinen Zwanzigern nachhaltig inspiriert hat und die schlichtweg eine faszinierend engagierte Künstlerin ist, spielt da in der Band, die die Inszenierung musikalisch auflädt. Einfach so. Was für eine Freude. Auch sie ist David Bowie. Selbstverständlich. Einer der Videoeinspieler wiederum ist offenbar, wenn ich mich nicht völlig verguckt habe, in der Komet-Bar gedreht worden, diesem grandiosen spelunkigen Refugium auf St. Pauli. David Bowie bevölkert die Stadt. Und die Figuren und Stimmungen des Abends leben und wirken in mir weiter die kommenden Tage.

Ich muss an einen Artikel denken, den ich vor einiger Zeit im „New Yorker“ gelesen habe. In der Rubrik „Talk Of The Town“ wird da von dem Mädchen Trixie Madell erzählt, neun Jahre alt und David-Bowie-Fan, seit sie drei ist. Ob Halloween oder Geburtstage – alles wird zum Anlass genommen, sich in eine von Bowies Identitäten zu verwandeln. Das Leben, ein Spiel. Was für eine schöne Idee.

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Sophia Kennedy in der Elbphilharmonie – La La Land mit Irritationen

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Das Konzert von Sophia Kennedy beginnt mit einem langen elektronischen Driften und Wogen, das Mense Reents am Laptop produziert. Ein Sound, der immer mehr durch die Haut zu drücken scheint. Als solle dieses Intro uns durchlässig machen. Alle kommen aus dem Alltag. Sind noch fest in ihren Rollen und Zuständen. Sind noch voll mit ihren Berufen und Befindlichkeiten. Die Musik weicht mich auf, macht mich transparent, lässt andere Möglichkeiten durchschimmern.

Und dann betritt Sophia Kennedy die Bühne. Sie tapert umher. Als müsse sich auch bei ihr der Tag erst setzen. Sie lässt der Unrast ihren Lauf, bevor sie sich an den Flügel begibt und zu singen beginnt, als sei sie einem alten Film entstiegen. So dunkel und dramatisch und sehnsuchtsvoll und cool und warm. Hollywood im Pudel Club. Dort sind wir zwar nicht an diesem Abend, aber dort verorte ich die Musikerin geistig. Nun also Elbphilharmonie. Kleiner Saal. Ein Konzert in der Reihe „Made in Hamburg“. Und draußen in dieser Stadt Schnee und windige Kälte. Drinnen La La Land und schönste Irritationen.

Sophia Kennedy, Mense Reents und die Goldenen Zitronen

Im Frühling 2017 veröffentlichte Sophia Kennedy ihr selbstbetiteltes Debütalbum bei DJ Kozes Label Pampa Records – gemeinsam mit Mense Reents, der seit dem Jahr 2000 multiinstrumental und technikverliebt bei den Goldenen Zitronen wirkt. Ich muss daran denken, wie ich die Zitronen das erste Mal Mitte der 90er-Jahre in Würzburg sah, noch bevor Mense Reents zu der Band stieß. Ständig tauschten die Musiker ihre Positionen und Instrumente. Nichts schien sicher, alles war großartig. Ein menschenfreundliches Gewitter. Beim Konzert von Sophia Kennedy scheint es mir nun, als habe sich dieser Ansatz verfeinert.

Sophia Kennedy, Mense Reents, Pampa Records, Records, Debut, Elbphilharmonie, concert, Made in Hamburg, RockCityDie Lieder sind Pop. Sie sind eingängig und groß. Und doch brodelt immer etwas verfremdet im Hintergrund. Klänge, die das Wohlgefallen mit Merkwürdigkeiten konterkarieren. Beats, Loops und Samples, die uns verschieben auf andere Positionen, in ungewohnte Blickwinkel.

„Wenn ihr es fühlt“

Sophia Kennedy beginnt mit „Baltimore“, einem Song über ihre Heimatstadt in den USA. Bevor sie nach Hamburg zog. Für den meisten Rest des Sets wechselt sie ans Keyboard. Mit „Dizzy Izzy“ erhöhen Mense Reents und sie das Tempo, die Temperatur. Kratzend, nervös, funky. Ungewohnt sei das, vor bestuhltem Saal zu spielen, sagt Sophia Kennedy. Die Gäste könnten ja aufstehen. „Wenn ihr es fühlt.“ Es seien ja alle frei.

Niemand erhebt sich. Doch mental tanzen alle längst unter der Decke des Saals. Das muss doch so sein bei einer exaltierten Disco-Opern-Nummer wie „Something Is Coming My Way“.

Beats gegen die Schädeldecke

Mein Lieblingsstück von Sophia Kennedy ist „Special“. Eine lakonische Außenseiterhymne. „Being lonely makes you special / but being special makes you lonely too“, singt sie und steigt dabei mit ihrer Stimme tief hinab in die Gefühle, aber auch in die Gelassenheit.

Ich mag Konzerte, bei denen die Musik körperlich spürbar wird. Bei Stücken wie „Build Me A House“ knallen die Beats von Innen gegen meine Schädeldecke. In einem Club ginge diesbezüglich bestimmt noch mehr. Aber auch im edlen Konzerthaus kommt das schon ganz gut.

Der Effekt verstärkt sich noch einmal bei „Kimono Hill“ mit seinem Tribalrhythmus. Der Song mündet in eine Gesangspassage, die wie ein minimaler Gospel in den Saal schallt. Sophia Kennedy erzählt da ganz nah und umwerfend, wie sie sich eine Gitarre kauft, um Liebe zu verbreiten. Sie predigt die Intensität. Den Humor. Das Surreale. Die Coolness.

Ein Anzug mit Tomaten

An diesem Abend trägt sie einen weißen Anzug, der unter anderem mit Tomaten bestickt ist. Ich muss an die aufwendigen Fabrikate denken, die der berühmte Schneider Nudie Cohn für Countrystars wie Gram Parsons, Dolly Parton und Hank Williams gefertigt hat. Mir gefällt diese Showverwandlung sehr gut. Passend dazu singt Sophia Kennedy gegen Ende immer wieder die Zeile: „If I were something different“. Jemand anderes sein. Oder viele. Spoken-Word-Performerin, Chansonette, Popsängerin, Jazzerin, Electrolady, R’n’B-Queen, Pianistin, Komponistin, Maschinenbeschwörerin, Traurige, Tröstende, Tanzende, Tomatenträgerin.

Mit all den musikalischen Versatz- und Schmuckstücken der Sophia Kennedy gehen wir durch das Schneewehen nachhause. Und die Welt, sie wirkt ein wenig aufgelöst.

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Die softe Seele: „Groovy Schüssel“ im Pudel Club

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Mitunter kann Ausgehen ganz unaufgeregt sein. Und sehr schön. Zum Wochenausklang gehe ich in den Pudel Club am Hafen. Geduckt unter einem Baugerüst hockt das kleine Haus da. Seit dem Brand 2016 läuft die Sanierung dieses Hamburger Herzstücks. Und seit kurzem liegt der Club komplett in der Hand zweier Stiftungen, was den langjährigen Pudelakteuren mehr gestalterische Freiheit eröffnen soll. Das eigensinnige Eigenleben ist gesichert. Hoffentlich.

An diesem frühen Abend erscheint mir der Pudel Club wie eine leuchtend rote, rauchgeschwängerte Kapsel, die entschleunigt durch Raum und Zeit gleitet. Jeden Freitag lädt der Plattenladen Groove City von 20 bis 23 Uhr in die „Groovy Schüssel“. Der Shop im Karoviertel steht für Rhythmisches von Funk bis Hiphop, von Reggae bis Electro, von Jazz bis zu Staunenswertem aus aller Welt. Und diesem speziellen Groove-City-Geist verbundene DJs laden Betreiberin Marga Glanz und ihr Team freitags in den räudigen Hundeladen.

Sweet und deep Soul bei der „Groovy Schüssel“ im Pudel Club

Ich liebe es sehr, wenn kreuz und quer durch die Stadt solche musikalischen Fäden gezogen werden. Sie halten Hamburg ganz anders zusammen als das viel zitierte Kaufmannsleben. Diese Fäden weben die Stadt aufs Feinste ein. Ohne, dass sie es merkt.

Pudel Club, Golden Pudel Club, Hamburg, St. Pauli, DJ, Soul, PartyBei der „Groovy Schüssel“ spinnen an diesem Abend Inger Schwarz und Imke Keyssler an den Plattenspielern. Inger ist als charismatische DJ und Barfrau oftmals im Komet zu erleben. Und sie zählt zum Kollektiv Fortyfive Degrees, über das ich bereits zum Thema Soulmusik geschrieben habe. Imke gehört zu meiner heiß geliebten Radiogruppe Das Draht, mit der wir beim Internetradio Byte FM seit nun mehr zehn Jahren stilistisch diverse Sendungen produzieren. Imke hat ihre jüngste Radioshow bei Mixcloud hochgeladen – sehr zu empfehlen.

Supersofte Stimmen, die das Herz sachte fluten

Inger und Imke legen auf unter dem Motto „Slow down – sweet and deep soul“. Keine Musik zum aufgekratzten Tanzen. Sondern ein Sound, der uns verlangsamt. Der uns ein wenig unter die Oberfläche des Lebens sinken lässt. Tief eben. Aber ohne dunkel abzudriften. Dafür sorgt die Süße. Die supersoften Stimmen, die das Herz sachte fluten und dann in Zeitlupe überlaufen lassen. Angetrieben von eleganten Arrangements, von extra zarten Streichern, butterweichen Bläsern und Chören, die unsere Seele melancholisch euphorisieren. Die sich in all ihrer Sweetness etwas Schroffes, Aufgerautes bewahrt haben. Eine feine Spannung.

Pudel Club, Golden Pudel Club, Hamburg, St. Pauli, DJ, Soul, Party, Harbour, BoatEs ist schön zu beobachten, wie Inger und Imke im Flow agieren. Mit dem Licht einer kleinen Taschenlampe im Plattenkoffer blättern. Im Wechsel das Vinyl auflegen. Kurz reden. Aus dem Fenster schauen. Bis zur Elbe. Dann den Blick schweifen lassen durch den Raum, der entspannt gefüllt ist.

Mit Liebe aufladen

Später in der Nacht wird an dieser Stelle unter der Discokugel eine andere Energie rotieren. Electro, Beats, Tanz. Wir glühen den Laden vor, laden den Club mit Ruhe und Liebe auf. Einige unterhalten sich zu zweit oder mit mehreren. Andere stehen einfach für sich da. Das mag ich sehr.

Eine Frau hat die Augen geschlossen, wiegt ganz leicht hin und her, zieht ab und zu an ihrer Zigarette. Ein Typ nickt mit dem Kopf zum Takt. Drin in jedem Song. Ich muss daran denken, dass ich mich früher viel häufiger mit Freunden getroffen hat, um einfach gemeinsam Musik zu hören. Die Atmosphäre an diesem Abend im Pudel kommt dem schon sehr nahe. Ich freue mich, dass es Orte in der Stadt gibt, wo sich Menschen alleine wohl fühlen. Ohne einsam zu sein.

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Das neue Album von Rhonda – Soundtrack fürs reisende Herz

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Ich fahre mit dem Zug von einem Termin in Berlin zurück nach Hamburg und höre das neue Album von Rhonda. Kurz bevor ich die Musik anschalte, frage ich mich, ob sich die Songs überhaupt für eine Zugfahrt eignen. Mit Rhonda assoziiere ich vorwiegend Soul und Sixties-Sound. Und mit diesen Genres verbinde ich verstärkt die Tanzfläche.

Doch auf der Strecke zwischen Hauptstadt und Altona sitzt mein Körper still. Ich werde bewegt. Und meine Gedanken wandern durch vorbei wischende Bäume und über dämmernde Felder. Sie bleiben kurz hängen an satt ruhenden Höfen, um dann weiter- und fortgerissen zu werden. Hinter all diesen Fenstern leben Menschen, du hast es immer geahnt.

Rhonda schweift mit mir durch das Panorama

Und höre da: Das neue, nun mehr dritte Rhonda-Album eignet sich hervorragend als Zugfahrmusik. Um dieses Transitgefühl zu begleiten. Bereits der Titel der Platte, die am Freitag beim Hamburger Label Popup Records erscheint, passt sehr gut zum Unterwegssein: „You Could Be Home Now“. Ich könnte zuhause sein. Bin es aber nicht. Der Tag geht zur Neige. Und die Dunkelheit draußen verwandelt die Natur in Schattenrisse. Nur ein paar Windradlichter blinken rot in der Ferne. Sonst ist alles Schwarz, Grün, Grau der Nacht zugeneigt.

Rhonda schweift mit mir durch dieses Panorama. Mit einer Musik, die rau ist und hypnotisch. Die die Melancholie mit warmer Stimme nährt. Und die mit schroffer Intensität langsam in die Seele kriecht.

Desperado-Soul, Americana-Punk, Rock ‘n’ Roll für Drifter und Denker

Lange wirkte Rhonda komplett in Hamburg. Bis Sängerin Milo Milone nach Los Angeles zog. Sofort male ich mir aus, wie sie bei Ausflügen in die Wüstenregionen der USA die Inspiration für „You Could Be Home Now“ fand.

Band, Rhonda, Album, „You Could Be Home Now“, Label, Popup Records, Pop in Hamburg, Pop, Hamburg, Los Angeles, Milo Milone, Ben Shadow, Soul, Rock, Americana, PopDie zwölf Songs lassen sich auch als Desperado-Soul, als Americana-Punk oder als Rock ‘n’ Roll für Drifter und Denker bezeichnen. Die Gitarren suchen Staub aufwirbelnd die Weite. Schlagzeug und Bass spielen in cooler Entschleunigung. Und Milo Milone eröffnet mit ihrem Gesang eine lässige Tiefe.

In einem Song wie „Baby“ kommt die laszive Kraft ihrer Stimme besonders stark zum Ausdruck. Während das Titelstück „You Could Be Home Now“ wie ein geheimnisvoller Bossa Nova brodelt. Mehr gospelreiches Licht dringt in „Why We Stay“ in die Landschaft. Und „Best I Ever Had“ wiederum ist ein Walzer, der aufs Schönste vom Dreck der Straße überzogen scheint.

Eine Garage in Los Angeles

Rhonda macht auf Album Nummer drei Musik für Sehnsüchtige. Für all jene, die wissen, dass Suchen nicht zwangsläufig auch Finden bedeutet. Ein Soundtrack für das reisende Herz, das in uns allen wohnt. Das wie jeder gut genutzte Koffer bereits einige Macken und Schrammen besitzt. Und das dennoch einfach weiter schlägt.

In der Presseinfo zur Platte von Rhonda lese ich, dass alle Vocals in der Garage von Milo Milone in Los Angeles aufgenommen wurden. „Mit offener Türe nach draußen.“ Ein schönes Bild. Alles kann hinein, kann hinaus. Die Freiheit beginnt genau an dieser Schwelle. Und wir fragen uns: Wohin geht die nächste Fahrt?

Rhonda live in Hamburg: 2. Februar, Mojo Club

Biggy Pop empfiehlt:
„Sowas von egal“ (Sampler, bureau b)
Tusq: „The Great Acceleration” (Oktober Promotion)
Poems For Jamiro: „Human” (Schwesterherz)
Neonschwarz: „Clash“ (Audiolith Records)
Patrick Siegfried Zimmer: „Memories I – X“ (PSZ Recordings)

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Ove, Finkenauer und Staring Girl im Knust – der etwas andere Neujahrsempfang

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Das erste Konzert im neuen Jahr. Die Tiere kommen aus ihrem Bau. Sie sind nicht unruhig. Ihre Bewegungen sind eher leicht verpeilt, noch tastend, blinzelnd. Der Ausgehrhythmus für die kommenden Monate wird gerade erst aktiviert. Alles stolpert noch aufs Schönste zwischen müde und vorfreudig. Nur ein Tier kommt nicht. Der Dachs. Zumindest laut Ove, erster auf der Bühne im Hamburger Knust an diesem Abend, der sich ein wenig anfühlt wie das, was in anderen Kreisen Neujahrsempfang genannt wird. Alle haben sich herausgeputzt. Die Wollmützen gewaschen, die Tätowierungen poliert und die Bandshirts nicht gebügelt.

Ove singt noch nicht veröffentlichte Lieder solo zur Akustikgitarre. Alles neu. Eigentlich spielt er mit Band. Und eigentlich singt er nur noch. Keine Saiten mehr. Doch jetzt hat er alle Hände voll zu tun. Und alle Herzen schnell gewonnen.

Ove – wenn der Dachs nicht kommt

Wie bei einem guten Jahresauftakt gibt es Geschichten darüber, sich neu zu erfinden. Ove singt davon, auf sich selbst als Version 2.02 zu warten. „Zum Download bereit“. Und er stellt Fragen, viele Fragen. Alltägliche und versponnene. Ob das Universum manchmal alleine ist etwa. Und dann dieser Jetzt-schon-Hit 2019: „Wenn der Dachs nicht kommt“. So nenne ich das Lied zumindest für mich intern. Womöglich hat der Urheber es anders betitelt.

Knust, Club, concert, Staring Girl, Ove, Pascal Finkenauer, Indie, Rock, Americana, Singer-Songwriter, stage, lights, merchandise, Biggy PopMit seiner ganzen nordfriesischen, leuchtend gelockten und querdenkenden Ovehaftigkeit erzählt uns der Singer-Songwriter von einer misslungenen Nachtwanderung durch einen Wald als Betreuer einer Jugendfreizeit. Nur der Dachs, der hat eben keinen Bock.

Ich freue mich jetzt schon sehr auf Oves neues Album „Abruzzo“, das am 22. Februar bei Tapete Records erscheint. Wenn das Leben dir Zitronen gibt, mache Lieder daraus. Nordseeküste, Mittelmeer und zurück. La dolce vita und schöner Scheitern im Sonnenschein. So stelle ich mir das vor.

Pascal Finkenauer –  Umschlag am Neujahrstag

Auf die Sonne folgen an diesem Abend der Mond und die Sterne. Sänger und Gitarrist Pascal Finkenauer samt Bassist und Schlagzeuger sowie die Band Staring Girl.

Knust, Club, concert, Staring Girl, Ove, Pascal Finkenauer, Indie, Rock, Americana, Singer-Songwriter, stage, lights, merchandise, Biggy PopEs ist gut, Pascal Finkenauer mal wieder auf der Bühne zu erleben. Ich hatte ihn länger nicht dort gesehen. Auch hier scheint Tastendes, Suchendes vor sich zu gehen. Die Triobesetzung ist neu. Der Sound – mal elegisch, kurz mal fast Metal. Der Gesang schraubt sich in die Tiefe. Alles ist ernst. Eine Erinnerung daran, dass nicht alles Licht sein kann. Ein Nachhall all der Unwägbarkeiten, die in uns leben. Finkenauer singt von einem grauen Umschlag, der am Neujahrstag vor der Türe liegt. Ein Bild von sich selbst steckt darin. Wer werden wir sein 2019? Wem werden wir begegnen?

Staring Girl – verschoben am Fluss

Im Knust jedenfalls sind viele unterschiedliche Tiere anwesend. Das ist gut. Und das Rudel, das immer vorne links vor der Bühne steht, ist auch versammelt. Das Musikjahr, es geht wieder los. Und die Hamburger Staring Girl erzählen uns von all dem, was zwischen den Stühlen, zwischen den Zeilen, zwischen dem „Stolpern, Taumeln und Laufen“ geschehen kann. Zu fünft spielen sie. Eine Mehrgenerationenband, früher in großen Teilen für Gisbert zu Knyphausen musizierend.

Knust, Club, concert, Staring Girl, Ove, Pascal Finkenauer, Indie, Rock, Americana, Singer-Songwriter, stage, lights, merchandise, Biggy PopIhr Sound zwischen Indierock und Americana entfaltet eine hypnotische Qualität. Zwischendurch gibt es Tendenzen zum Muckertum, zum ausufernden Gitarrensolo. Das geht mir in anderen Fällen gerne mal auf die Nerven. Bei Staring Girl ist das jedoch gerade noch so wohl dosiert, dass es einen tiefer und tiefer hineinzieht in die Musik.

Sänger und Gitarrist Steffen Nibbe schildert einen Tag am Fluss, an dem alles verschoben ist. So erinnere ich mich zumindest an diesen einen Song. Womöglich habe ich das aber nur kurz geträumt. Denn das sind ja letztlich die besten Konzerte, bei denen sich die eigenen Gedanken mit den Liedern vermischen und sich die Geschichte so fort fort fortschreibt.

Sehr gut gefällt mir auch die Nummer über zwei, die am Küchentisch sitzen. Die trinken und reden und sich küssen. Und das Wissen ist bereits da, dass dieses Beieinander nur kurz sein wird. Dass die Energie nicht ausreichen wird für die Langstrecke. Auch in halb verpassten Chancen liegt Poesie. Nicht nur im Jauchzen, im Trübsal.

Nils ist auch da

Und dann, für Tränen so früh im Jahr, eine Nummer von Nils Koppruch. Ove kommt erneut auf die Bühne, begleitet von Jenny Apelmo alias Felicia Försvann, um gemeinsam mit Steffen Nibbe und Staring Girl den Fink-Song „Wenn du mich suchst“ zu singen. Ich freue mich sehr über diesen All-Star-Act. Denn in der Kunst und in den Herzen lebt und macht alles weiter.

Für seine Lieder wünschte sich Koppruch, dass sie stets auch Gebrauchswert haben sollten: ‘Die Idee war, die Songs einfach zu halten, sodass der, der ein bisschen ‘ne Gitarre festhalten kann, das auch relativ leicht nachmachen kann’, sagte er einst. Zu hoffen ist, dass viele dieser Aufforderung folgen. Denn Musik ist nicht nur gut als Trost, sondern auch gegen das Vergessen“, schrieb ich 2012.

In diesem Sinne ein frohes, gesundes, inspirierendes neues Jahr Euch allen! Geht hinaus aus eurem Bau dann und wann. Tastet und blinzelt. Hebt den Blick und schaut ins Licht.

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