„Plattkinner“ von Wiebke Colmorgen: Pop schnacken

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Wenn jemand, mit dem ich mich freundschaftlich verbunden fühle, an einem Projekt arbeitet, fiebere ich automatisch mit. Von daher bin ich sehr gespannt und auch ein wenig stolz, diese Woche zum Releasekonzert des Buchs „Plattkinner“ zu gehen. Wiebke Colmorgen hat beim kleinen feinen Hamburger Verlag Junius dieses Songbook mit Kinderliedern auf Plattdeutsch herausgebracht. Und um die Veröffentlichung zu feiern, hat sie stilecht in die Hanseplatte geladen, den Plattenladen für Musik aus Hamburg.

Plattkinner, Buch, Plattdeutsch, Plattdeutsches Buch des Jahres 2018, Wiebke Colmorgen, Hardy Kayser, Tanja Esch, Songs, Pop, Platt, Hanseplatte, Illustraion, Musik, Kinder, Hamburg Wiebke ist für mich ein norddeutsches Original für die heutige Zeit. Also ein Rolemodel im besten Sinne. Im Vorwort („Wat vörweg“) zu „Plattkinner“ erzählt Wiebke, dass sie auf einem Bauernhof in Schleswig-Holstein aufgewachsen ist. Und wer das Glück hat, sich länger mit ihr zu unterhalten, kann viele lustige und auch nachdenkliche Geschichten von ihr hören. Über das Leben auf dem Dorf. Aber auch über die Sehnsucht nach der großen Stadt.

Wiebke arbeitet einerseits als Sprachförderkraft in einer Kindertagesstätte, andererseits spricht sie zum Beispiel die plattdeutschen Nachrichten beim Radiosender NDR 90,3. Und sie ist ein richtiges Popkulturgewächs, hat beim Label gearbeitet und einen tolle Interviewreihe mit Musikern geführt. All diese Leidenschaften sind spürbar in die „Plattkinner“ geflossen. Und all diese Facetten verkörpert Wiebke auch bei der Sause in der Hanseplatte.

Mit Gitarrist Hardy Kayser hat Wiebke die Songs für Kinder geschrieben

Im blau-weißen Seemannshemd samt Gummistiefeln steht sie zwischen Plattenregalen und Hamburg-Artikeln wie Tassen und T-Shirts, um ihre plattdeutschen Lieder zu singen. Unterstützt wird sie dabei von Hardy Kayser an der Gitarre.

Plattkinner, Buch, Plattdeutsch, Plattdeutsches Buch des Jahres 2018, Wiebke Colmorgen, Hardy Kayser, Tanja Esch, Songs, Pop, Platt, Hanseplatte, Illustraion, Musik, Kinder, HamburgDer Hamburger Musiker und Songschreiber hat bereits mit Künstlern wie Ina Müller, Annett Louisan, Gustav Peter Wöhler, Ernst Kahl und Rocko Schamoni gearbeitet. Und gemeinsam mit Wiebke hat er die zehn Lieder geschrieben und komponiert, die „Plattkinner“ als CD beiliegt – mit Gesang sowie als Instrumentals. Denn das Ziel ist es, Klein und Groß zum Mitsingen zu animieren. Sei es bei einem swingenden Stück wie „Hey, Maccaroni“ oder bei einer countryesken Nummer wie „Ohauerha“.

So’n Schiet, Schietwedder und Schietbüddel

In „Plattkinner“ sind die Songs auf Platt mit Noten abgedruckt. Zudem gibt es eine deutsche Übersetzung und Begriffserklärungen. Zum Beispiel zum Wort „Plattdüütsch“. Oder zu Folgendem: „So’n Schiet darf man auf Hochdeutsch nicht sagen. Op Platt geht das aber, weil es netter klingt. Man kennt das Wort Schiet auch von Ausdrücken wie Schietwedder oder Schietbüddel, der sogar als nettes Kosewort gebraucht wird.“

Derlei Ausführungen gefallen mir äußerst gut, denn das Thema Plattdeutsch wird nicht dogmatisch mit dem Zeigefinger präsentiert, sondern locker und spielerisch. Wiebke möchte die Sprache ihrer Familie einfach unverkrampft in den heutigen Gebrauch integrieren und so für weitere Vielfalt sorgen. Zu diesem Zweck veranstaltet sie auch Lesungen und Konzerte in Schulklassen und Bücherhallen. Und dass Wiebke gut mit Kindern kann, springt in der Hanseplatte sofort über.

Plattkinner, Buch, Plattdeutsch, Plattdeutsches Buch des Jahres 2018, Wiebke Colmorgen, Hardy Kayser, Tanja Esch, Songs, Pop, Platt, Hanseplatte, Illustraion, Musik, Kinder, HamburgBrav sitzen die Kleinen vorne auf dem Boden, während die Erwachsenen von hinten über ihre Köpfe gucken. Wiebke und Hardy starten, verstärkt durch die jungen Sängerinnen Matilda und Clara, mit dem sehr schönen, leicht schunkeligen Chanson „Parlez-vous Platt“.

Zu „Kiek mal“ – halb Rock, halb Rap – können die Kinder mitmachen

Wiebke singt mit heller warmer Stimme und schaut ihr kleines Publikum sehr aufmerksam an. Die lauschen andächtig, dürfen später aber auch richtig mitmachen. Zu „Kiek mal“ – halb Rock, halb Rap – hat sich Wiebke eine Choreografie ausgedacht. Und nicht wenige Kinder stehen auf, um mitzutanzen und mitzusingen.

Musik für Kinder hat ja in den vergangenen Jahren einen unglaublichen Boom erlebt. Deine Freunde machen Hip-Hop, Krawall und Remmidemmi. Und die Band Randale zeigt den Kids, wie Hardrock funktioniert.

Eigensinnige Figuren von Illustratorin Tanja Esch

Die „Plattkinner“ sehe ich mit ihrem akustischen Flair am ehesten in der Nähe von „Unter meinem Bett“. In der Musikreihe spielen Künstler wie Bernd Begemann, Gisbert zu Knyphausen und Desiree Klaeukens eigens gedichtete Stücke für Kinder.

Plattkinner, Buch, Plattdeutsch, Plattdeutsches Buch des Jahres 2018, Wiebke Colmorgen, Hardy Kayser, Tanja Esch, Songs, Pop, Platt, Hanseplatte, Illustraion, Musik, Kinder, HamburgBei „Plattkinner“ kommt als Bonus hinzu, dass viele plattdeutsche Begriffe schlichtweg lustig klingen und daher – nicht nur – für Kinder besonders faszinierend sein dürften. Namen wie „Klaus Kleckerkluemp“ und „Silke Snappsnuut“ zum Beispiel.

Zudem ist das Buch prall gefüllt mit entzückenden Bildern von Illustratorin Tanja Esch. Ihre Figuren besitzen einen eigensinnigen Charme. Ausdrucksstarke Persönlichkeiten, die die kleinen Leserinnen und Leser nicht für dumm verkaufen. Zu sehen sind ihre farbenfrohen Charaktere derzeit auch im Schaufenster der Hanseplatte. Nicht wenige Erwachsene sind vor dem Laden bei Waffeln und Getränken ins Plaudern geraten, inwiefern sie selbst oder ihre Eltern früher Platt gesprochen haben. „Plattkinner“ ist daher auch ein Buch, das Generationen verbindet – mit Musik und Humor, mit Liebe zum Platt und zum Pop.

“Plattkinner” ist plattdeutsches Buch des Jahres 2018

Kein Wunder, dass das Institut für niederdeutsche Sprache und die Carl-Toepfer-Stiftung „Plattkinner“ soeben zum plattdeutschen Buch des Jahres gekürt hat. Das freut mich riesig. Glückwunsch, Wiebke – toll gemacht!

Weiterhin schön und gut und aktuell aus Hamburg:
Poems For Jamiro: “Human” (Schwesterherz)
Neonschwarz: „Clash“ (Audiolith Records)
Patrick Siegfried Zimmer: „Memories I – X“ (PSZ Recordings)

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Let’s talk about money, let’s talk about love

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Wie lässt sich mit Musik Geld verdienen? Und was bedeutet das eigentlich, ein sogenanntes Independent-Label zu führen? Diese Fragen sind Dauerbrenner der Branche und werden dieser Tage erneut intensiv diskutiert – auch in Hamburg.

In der aktuellen Ausgabe des Wirtschaftsmagazins „Brand Eins“ porträtiert Journalist Nils Wischmeyer die beiden Hamburger Plattenfirmen Tapete Records und Grand Hotel van Cleef. Der Artikel legt dar, dass das Pop-Geschäft längst nicht das glamouröse Business ist, für das manche es noch halten mögen.

Tapete Records und Grand Hotel van Cleef: die Mischkalkulierer

Beide Unternehmungen gründeten sich 2002, direkt nach dem großen Einbruch der Branche durch Onlinetauschbörsen wie Napster. Grand Hotel van Cleef setzt auf ein zugespitztes Portfolio mit Kettcar und Tomte als Zugpferde und Cashkühe. Tapete Records wiederum holt seinen Profit über die Vielfalt von Newcomern wie Zimt bis zu etablierteren Bands wie Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen.

Doch beide leben längst nicht mehr nur vom Tonträgerverkauf. Stattdessen mischkalkulieren Tapete Records und Grand Hotel van Cleef, indem sie mit Musikverlag, Booking, Promotion, Sublabel und Merchandise weitere Einkunftsquellen geschaffen haben. Entsprechend quasi-optimistisch trägt der „Brand Eins“-Beitrag den Untertitel „nicht das Ende vom Lied“.

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Bands im Miniaturformat, gesehen im Monkeys Music Club

Interessant finde ich, dass der Text auch konkrete Zahlen nennt: „25 Platten bringt Tapete Records jährlich auf den Markt und verbucht rund 1,2 Millionen Euro Umsatz. 2016 blieben davon rund 36.000 Euro Gewinn übrig, nicht mehr als bei einem kleinen örtlichen Handwerksbetrieb“, heißt es in dem Artikel. Grand Hotel van Cleef habe im vergangenen Jahr „eine Million Euro Umsatz und 117.000 Euro Gewinn gemacht. Zum Vergleich: Universal verbuchte im selben Zeitraum einen Umsatz von 5,7 Milliarden Euro.“ Zudem holen sich beide Labels unter anderem Unterstützung von der Labelförderung Hamburg.

Wolfgang Müller: “konnte Platte nicht ins Plus hieven”

Die Bilanz zeigt: Reich werden Tapete Records und Grand Hotel van Cleef sowie deren Mitarbeiter nicht. Aber das Herzblut reicht zum Überleben. Und beide Labels gehören noch zu den solideren Marken des hiesigen Popmarktes. Noch härter zu kämpfen haben kleinere Firmen oder Künstler im Selbstverlag.

Der Hamburger Musiker Wolfgang Müller hat am 20. Oktober auf seiner offiziellen Facebookseite einen Post veröffentlicht, der wenig positiv klingt. Er erzählt, dass er „das letzte Album trotz vieler toller Kritiken, toller Konzerte und teilweise immerhin 5-stelligen Plays bei Spotify nicht ins Plus hieven“ konnte. Kaum jemand kaufe mehr Tonträger und die Erlöse aus Streaming seien viel zu niedrig. Das führe dazu, dass selbst bekanntere Musiker ihr neues Album nun einfach via Soundcloud kostenlos ins Netz stellen.

Pascal Finkenauer: Songs kostenlos online

Jüngst ist das geschehen bei Pascal Finkenauer und seiner Platte „Lichter sehen“. Der Hamburger Singer-Songwriter hat schöne schwere Lieder zwischen einflüsterndem Gesang, dunklem Pathos und intensiver Spoken-Word-Performance geschaffen. Songs, die sich nicht einfach nebenbei weghören lassen. Und die deswegen besonderer Aufmerksamkeit bedürfen. Nun stehen diese Stücke online. Doch was bedeutet das?

Besser kostenlos gehört werden als gar nicht. Songs als Visitenkarte. Ohne Einnahmen, aber auch ohne Abgaben an einen Vertragspartner, ein Label etwa. Doch wer sorgt dann für den Schub an Aufmerksamkeit? Und macht das Einzelkämpfen nicht mürbe auf Dauer?

Ideen für ein faires Bezahlmodell im Streaming

Wolfgang Müller hat seine Reflexionen und Ideen auf seiner Webseite noch einmal detailliert ausgeführt. Für ihn ist Streaming langfristig gesehen alternativlos. Aber dass Musiker bloß auf Crowdfunding, Spenden und Förderung setzen, um ihre Lieder dann kostenlos publizieren zu können, ist für ihn kein tragfähiges Modell. Er plädiert für ein faires Bezahlmodell beim Streamen. Das soll maßgeblich so funktionieren: Ab einer gewissen Häufigkeit, die eine Person einen einzelnen Song hört, bezahlt er oder sie dafür. So ließen sich die Gewinne gerechter aufteilen.

Mir gefällt es sehr gut, dass da jemand nicht nur jammert, sondern sich aktiv Gedanken macht, wie sich eine Situation verbessern lässt. Ich denke dennoch, dass der Prozess des Transits für viele Musiker weiterhin äußerst herausfordernd sein wird. Zumal auch das in den vergangenen Jahren boomende Live-Geschäft für unbekanntere Bands nicht die Goldgrube ist, zu der es gerne erklärt wird.

Um noch einmal mit Wolfgang Müller zu sprechen: „So viele Sonder-Boxen, Vinyl-Platten oder Turnbeutel kann man gar nicht verkaufen, um den Verlust der Einnahmen durch CD-Verkäufe zu kompensieren.

Simon Love in Hamburg: großes Konzert vor kleinem Publikum

Simon Love, UK, Band, musician, Concert, Monkeys Music Club, Hamburg, PopAll diese Überlegungen, Informationen und Diskussionen gehen mir durch den Kopf, als ich am Dienstagabend zum Konzert von Simon Love in den Monkeys Music Club aufbreche. Der Brite ist mit seinem zweiten Soloalbum – da schließt sich der Kreis – bei Tapete Records unter Vertrag.

Die Platte „Sincerly, S. Love x“ präsentiert Simon Love in Altona, einige Häuser abseits der Fabrik im Hinterhof in direkter Nachbarschaft zum Projekt barner 16. Nicht gerade Kiez-Laufweite. Zudem regnet und stürmt es bereits den ganzen Tag. Ein Dilemma: Im Sommer war es vielen zu heiß, um in Clubs zu gehen. Und wenn dann im kühleren Herbst das Hamburger Schietwetter tobt, bleiben nicht wenige lieber zuhause auf dem Sofa. Ich bin also sehr gespannt, wer und wie viele Gäste wohl anwesend sein werden bei diesem Konzert.

Monkeys Music Club: rustikaler bis unverwüstlicher Charme

Das Monkeys hat im Februar 2015 das damalige Kir abgelöst und fokussiert sich auf Subkulturen von Punk über Ska und Reggae bis zur Sixties-Szene. Besondere Gemütlichkeit verleiht ein eigener separater Pub im Club. Aber auch ansonsten besitzt das Monkeys einen rustikalen bis unverwüstlichen Charme mit großer Rundumtheke in der Mitte und einer Bühne schräg dahinter, vor der etwa 100 bis 150 Leute Platz finden dürften.

Simon Love, UK, Band, musician, Concert, Monkeys Music Club, Hamburg, PopAn diesem Abend zähle ich mit viel Wohlwollen – Personal und Bandanhang mitgerechnet – 20 Personen, die der wirklich tollen Musik von Simon Love lauschen. Der Sänger, Gitarrist und Pianist ist mit seinen „old romantics“ angereist. Vier Bandmitglieder, die Schlagzeug, Trompete, Bass und Keyboard spielen. Nicht zu vergessen ein Skelett namens Freddy, das in der Ecke steht, ein Simon-Love-Shirt trägt und hoffentlich nicht das baldige Ende dieser Band andeutet.

Liebe zahlt keine Miete

Wenn mehr Leute vor als auf der Bühne stehen, wird gespielt“, erklärt mir ein alter Showgeschäftshase aus dem kleinen Publikum. Zum Glück. Denn der Auftritt ist wirklich richtig gut. Simon Love entwickelt fantastische Harmonien und einen famosen Humor, was sich nie und nimmer als reines Nerdwissen anlesen lässt. Dafür bedarf es neben Know-how eben auch Intuition, einer gewissen Grundschrulligkeit sowie, genau, Liebe. „Love“ steht in fetten Lettern auf der Verkleidung um Simons Piano. Und der Pilzkopf erzählt uns von den absurden, missglückten und hoffnungsvollen Facetten des Beziehungsspiels.

Simon Love, UK, Band, musician, Concert, Monkeys Music Club, Hamburg, Pop Von der aktuellen Platte gefällt mir „Joey Ramone“ am besten. Eine Ode an den schlaksigen Sänger der Ramones, deren „1 2 3 4“, „Hey Ho“ und Handclap-Appeal er in eine beach-boy-selige Nummer verwandelt. Da geht der Himmel ganz weit auf. Grandios ist aber auch der Albumopener „God Bless The Dick Who Let You Go“. Eine wahrhaftige wie hoch melodische Hymne, die den Weg lobpreist, den die Liebe zum lyrischen Ich genommen hat.

Sofort wünsche ich dem Künstler, einen solch wunderschönen Song in einem großen Konzertsaal vor tausenden Menschen mit Streichern und Bläsern und allem Pipapo aufführen zu können. Im Monkeys wiederum fühle ich mich sofort als Teil einer verschworenen Gemeinschaft, die gerade etwas sehr Besonderes erleben darf. Und deshalb umso euphorischer klatscht und jubelt.

Geld wurde an diesem Abend gewiss nicht verdient. Und Liebe zahlt keine Miete. Das Thema wird mich weiter beschäftigen. Aber Love bringt uns zusammen. Immer wieder. Danke vielmals dafür.

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Elbphilharmonie oder Pooca Bar? Zwei Hamburger Musikorte

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In den vergangenen Tagen habe ich zwei sehr verschiedene Hamburger Musikorte besucht. Elbphilharmonie und Pooca Bar. Konzertsaal der Superlative und Club im Kleinstformat. Hafencity und Kiez. Ich liebe es, mich in dieser Stadt in solch unterschiedliche Atmosphären und Klangwelten begeben zu können.

In der Elbphilharmonie ist alles glatt, poliert, geschliffen. Ich sitze im Großen Saal an einer der Brüstungen und streiche mit meinen Händen über das matte Holz, das sich warm und geschmeidig anfühlt. In der Pooca Bar auf St. Pauli scheint der Laden hingegen durch Aufkleber zusammengehalten zu werden. Schicht um Schicht ummantelt das Mischpult. Alles ist uneben. Alles atmet Rauch, Schweiß, Geschichten.

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Nils Wogram und die NDR Bigband in der Elbphilharmonie

Ich muss an den Satz denken, den der kubanische Pianist Omar Sosa in der Elbphilharmonie gesagt hat. Er spielt dort zum 60. Jubiläum der renommierten Reihe NDR Jazzkonzerte. Ebenso wie Posaunist Nils Wogram, die NDR Bigband und Joshua Redman. Sosa, eine Art Schamane des Jazz und eine unglaublich charismatische Persönlichkeit, erklärt sinngemäß: Alle Menschen, die an einem Ort zusammenkommen, um Musik zu machen und zu hören, erzeugen eine bestimmte Energie. Und der Raum speichert diese ganz besondere Kraft ein ums andere Mal.

Elbphilharmonie und Pooca Bar, Omar Sosa und The Courettes

Mir gefällt der Gedanke sehr gut, dass an einer Spielstätte alle dort bereits stattgefundenen Konzerte nachhallen und -schwingen. Und diese Idee eint Kleinstkaschemme und Luxusarchitektur. Die Musik ist und bleibt das, was zählt.

The Courettes, Pooca Bar, St. Pauli, Garage, Sixties, Rock 'n' Roll, concert, live, Club, crowd, sign, red, light Samstag in der Pooca Bar: Das dänisch-brasilianische Duo The Courettes explodiert mit seinem Garage- und Sixties-Songs. Und der Sound hallt so verzerrt durch alte Mikros und Verstärker, dass ein raues Tosen durch die dicht gedrängte Menge fährt. Donnerstag in der Elbphilharmonie: Omar Sosa und seine beiden Mitmusiker laden afro-kubanische Mystik mit Tanz und Liebe auf. Die Instrumente von der Geige bis zur Trommel erklingen so exakt und detailliert, als ließen sich die einzelnen Töne von einem imaginären Baum pflücken.

Ein feiner Wechsel der emotionalen Zustände

Bei den Courettes spielt Sängerin Flavia Couri ihre Gitarre dermaßen krachend, dass die Akkorde von den Füßen aus den Körper durchdringen und bis unter meine Schädeldecke knallen. Ihr Mann Martin schickt unterdessen vom Schlagzeug aus akustisch Pfeil um Pfeil durch unsere Herzen. Yilian Canizares wiederum, Sängerin und Geigerin bei Omar Sosa, singt dermaßen intensiv, als steige ihre Stimme aus einer tiefen Trance auf. Kurz darauf verbreitet der Gesang der Kubanerin leichte warme Lebensfreude. Ein feiner Wechsel der emotionalen Zustände.

The Courettes, Pooca Bar, St. Pauli, Garage, Sixties, Rock 'n' Roll, concert, live, Club, crowd, merchandise In der Pooca Bar stößt sich Flavia mit den feiernden Fans in der ersten Reihe fast den Kopf, so nah sind sich Band und Publikum. In der Elbphilharmonie ist der Abstand durch die Sitzreihen stets gegeben.

Musiker zum Anfassen nah oder kontemplatives Zuhören. Ekstatisches Miteinander im Rock ‘n’ Roll oder sitzende Mitwippvertiefung im Jazz. Für mich ist das eine nicht besser oder schlechter als das andere. Aus beiden Abenden nehme ich viel Energie mit. Und der Applaus als Ehrbekundung für die Künstler ist universell.

Subvention oder alleine klarkommen?

Der große Unterschied ist das Zustandekommen der jeweiligen Konzerte in Elbphilharmonie und Pooca Bar. Für beide Veranstaltungen sind Tickets für ungefähr 15 Euro zu haben. Wie kann das sein?

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Omar Sosa, Yilian Canizares und Gustavo Ovalles (v.l.) in der Elbphilharmonie

Das Elbphilharmonie-Konzert ist hoch subventioniert, während die Pooca Bar weitestgehend privatwirtschaftlich alleine klarkommen muss. Zwar hilft eine Initiative wie die Clubstiftung Hamburg. Aber das ist vom finanziellen Wums her natürlich nicht vergleichbar mit städtischen oder öffentlich-rechtlichen Geldern.

Aufkleberwand für Mäzene

Mir ist gar nicht daran gelegen, das eine gegen das andere aufzurechnen. Mir geht es um die Vielfalt in der Musikstadt Hamburg. Und in der Pooca Bar treten eben nicht nur in der Szene bekanntere Acts wie The Courettes auf, die bereits ihr eigenes Publikum ziehen. Der sympathisch plüschige Laden auf dem Hamburger Berg dient vor allem auch als Bühne für noch unbekannte lokale Bands, die dort die Chance für erste Shows erhalten.

In der Elbphilharmonie sind auf den Foyerstufen Plaketten montiert – mit den Namen jener Menschen, die dem Konzertsaal mindestens 10.000 Euro gespendet haben. Wäre es nicht fantastisch, die gut Betuchten dieser Stadt würden es als ebenso attraktiv ansehen, sich in der Pooca Bar zu verewigen, nachdem sie großzügig Geld gegeben haben?

Ich denke da zum Beispiel an eine Ehrenaufkleberwand für Mäzene. Das würde den Laden auf mehr als einer Ebene zusammenhalten. Und was ebenfalls gewährleistet wäre: positive Energie.

The Courettes sind beheimatet bei der Hamburger Plattenfirma Sounds Of Subterrania.

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Organisch elektrisch: Poems For Jamiro und ihr Album „Human“

Ich sehe zwei Frauen Hinterkopf an Hinterkopf. Ihre Haare sind in einer Computeranimation miteinander verbunden. Die beiden wirken wie eine Einheit. Wie ein Bergmassiv. Die Blicke sind klar und ruhig. Irgendwo zwischen Melancholie und Zuversicht. Das Artwork ziert das Cover des neuen zweiten Albums von Poems For Jamiro. Das Starke, Kantige des Bildes gefällt mir sehr.

Der Mix aus fotografierten Gesichtern und verfremdetem Haar, gestaltet von 2erpack-Studios, entfaltet eine faszinierende wie irritierende Wirkung. Und in Kombination mit dem Titel der Platte – „Human“ – entsteht ein toller Kontrast. Eine Diskrepanz, die Fragen aufwirft. Wie menschlich sind wir (noch)? Und wie sehr sind wir bereits mit der Technik verwachsen?

Poems For Jamiro, Human, Album, Record, Cover, Pop in Hamburg, Artwort, 2erpack studios, women Der optische Eindruck setzt sich in der Musik fort. Die Hamburger Musikerinnen Nina Müller und Laila Nysten kombinieren analoge Instrumente wie Piano und Violine mit Synthesizer-Sound. Das Organische trifft auf das Elektrische. Auch im Gesang der beiden. Mal tönen ihre Stimmen so nah und pur, als säßen sie neben mir auf dem Sofa. Dann wiederum laden sie ihren Gesang mit Hall und Effekten auf, als flögen sie mit einem durch digitale Welten.

Im Titelsong „Human“ verschachteln Nina und Laila ihren Gesang zum Teil in schöner Komplexität, um ihn an anderer Stelle eher in chorische Höhen zu schrauben. In dieser Nummer sind Dynamik und Ideenreichtum, die Poems For Jamiro erzeugen, besonders fein zu erleben. Das Schlagzeugspiel von Helge Preuss erzeugt streckenweise eine treibende, tribalartige Kraft. Dann wiederum fährt der Sound zurück und schafft Raum für Fragiles.

„I can hear the silence fall“

Dieses geschickt wechselnde Arrangement aus Innehalten und Aufbruch passt gut zu dem Heilungsprozess, der in den Lyrics von „Human“ geschildert wird. Ich stehe sehr auf eigensinnige sprachliche Bilder, die ihre Magie erst allmählich offenbaren. Verse wie „I can hear the silence fall“ oder „I’m setting sails underneath the waves“ sprechen mehr an als nur den Kopf, sondern wirken in tiefer liegenden Schichten nach.

Der Text des Album-Openers „Never Get Home“ ist zwar direkter verfasst, lässt sich aber auf verschiedene Weise interpretieren. Zum einen als Liebeslied. Zum anderen als Ode an das blinde gegenseitige Vertrauen, dass sich die Künstlerinnen vor allem auf Reisen entgegenbringen.

„Larger Than Life“ von den Backstreet Boys

Der Presseinfo entnehme ich, dass Poems For Jamiro mit ihrer Musik bereits durch zahlreiche Länder getourt ist – von Österreich bis nach England, von Dänemark bis nach Island. Die Tatsache, dass die beiden auf Englisch singen, erschließt ein internationales Publikum gewiss zusätzlich. Aber letztlich überzeugt natürlich die Musik.

Eindrücklich zu hören ist das zum Beispiel in „Let The T-Rex Sleep“ – so etwas wie ein Bond-Song, zu dem der Agent nicht steif an der Bar, sondern auf der Tanzfläche eines Clubs ermittelt. Und „Larger Than Life“ von den Backstreet Boys in eine elegante wie cool knisternde Tanznummer zu verwandeln, ist eine sehr hübscher augenzwinkernde Hommage zum Abschluss des Albums.

Poems For Jamiro, Gewinnerinnen bei „Krach + Getöse“

Wie das überhaupt funktionieren kann, im Musikgeschäft erfolgreich und zugleich eigenständig zu agieren, hat Poems For Jamiro unter anderem bei RockCity Hamburg gelernt, dem hiesigen Zentrum für Popularmusik. 2014 gewannen Laila und Nina dessen Förderpreis „Krach + Getöse“, der Coaching und Kontakte, Konzerte und Studioaufenthalte bietet. Damals war Poems For Jamiro als akustisches Singer-Songwriter-Duo gestartet.

Ich bin immer wieder beeindruckt, wenn Künstlerinnen und Künstler ihre Ausrichtung ändern, ergänzen und erweitern, sprich: wenn sie sich weiterentwickeln. Das zeugt für mich von Mut und Lebendigkeit. Und das Ergebnis ist im Fall von „Human“ ein vielfältiges und zugleich homogen klingendes Album, das das Intime mit dem Orchestralen kunstvoll verquickt.

Für mich besitzen die Eigenkompositionen eine unglaublich große Weite. Als würde die Musik über eine offene Fläche wehen. Mit dem Himmel als Limit.

Human“ von Poems For Jamiro erscheint am 19.10.2018 bei Bosworth Creative.
Poems For Jamiro live in Hamburg: 24. Februar, Knust

Diese Woche sonst noch neu in Hamburg:

Alli Neumann: „Hohes Fieber“ (EP, Jive Music), unter anderem angekündigt von den Kollegen von The Mellow Music.

Weiterhin schön und gut und aktuell:

Neonschwarz: „Clash“ (Audiolith Records)
Patrick Siegfried Zimmer: „Memories I – X“ (PSZ Recordings)

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Zeitreise mit Swing: “Schellackträume” mit Starlight Steven

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In der Hamburger Musikszene existieren diese Fixsterne. Menschen, die mit ausdauernder Energie in die Stadt, in ihre Clubs und Läden hinein leuchten. Als ich 1997 nach Hamburg zog, besaß Starlight Steven für mich schnell solch eine Strahlkraft.

Meistens samstags kaufte ich bei ihm und seinem Kollegen André im längst nicht mehr existenten Zardoz am Altonaer Bahnhof meine Schallplatten. Die beiden bildeten für mich in den ersten Monaten und Jahren so etwas wie ein Hamburger Empfangskomitee in Sachen Pop- und Subkultur. Freundlich lächelnd standen sie hinterm Tresen. Steven groß mit wilder Zappa-Mähne. André kleiner und mit braver gescheiteltem Haar.

Starlight Steven, DJ, Platten, Schellackplatten, Tanztee, Swing, Tango, Fox, Retro, Hamburg, Blankenese, Cafe Roederers Den beiden war ein Vinylmackertum, wie es mitunter in anderen Plattenläden herrschte, völlig fremd. Entspannt ließ sich mit ihnen über Neues, Altes und Rares reden. Die zwei ließen einen aber auch angenehm in Ruhe beim Rumgucken und Reinhören.

Ich erstand meistens eine der aktuellen Veröffentlichungen, von denen ich vorab in Musikzeitschriften gelesen hatte, sowie ein, zwei günstige Alben aus der Sparpreiskiste. Das war ein schöner kleiner Ausflug, auf den ich mich stets sehr freute. Und von dem ich mit dem Gefühl heimkehrte, nicht nur tolle Musik angeschafft, sondern mich auch mit der Stadt ein Stück weiter verbunden zu haben.

Die Party schwappte durch Rosi’s Bar

Starlight Steven begegneten wir zudem regelmäßig auf dem Kiez. Vorzugsweise in Rosi’s Bar. Wenn im Blauen Peter bereits das Licht anging und sich im Molotow die Tanzfläche allmählich leerte, ließ sich immer noch hervorragend in diesen angeplüschten Schuppen auf dem Hamburger Berg hineinstolpern. Durch Rosi’s schwappte gerne in den frühen Morgenstunden noch eine exaltierte Party, wenn Starlight Steven irres Rhythmisches von Funk bis Rock ‘n’ Roll auflegte. Wenn wir schon ein wenig aufgelöst von der Nacht in dieser winzigen Kaschemme strandeten, war es stets ein Gefühl von Nachhausekommen, wenn Starlight Steven an den Plattentellern wirkte und wirbelte.

Starlight Steven, DJ, Platten, Schellackplatten, Tanztee, Swing, Tango, Fox, Retro, Hamburg, Blankenese, Cafe Roederers Ich hatte im Laufe der Jahre aus den Augen verloren, was Starlight Steven nun eigentlich so macht. Bis mir eine Freundin erzählte, dass sie eine Sammlung mit Schellackplatten aus dem Nachlass ihres Großvaters an ihn verkauft habe.

So erfuhr ich von der Veranstaltung „Schellackträume“, die unregelmäßig im Café Roederer’s in Blankenese stattfindet. Ganz gesittet am Nachmittag. Mit Tischlämpchen, Kaffee und Kuchen. Das wollten wir uns ansehen.

Starlight Steven am Grammophon

Wir sind früh dran, begrüßen Starlight Steven und beobachten, wie er seine Kisten mit Schellackplatten abstellt und sein Equipment aufbaut. Auf einem Tisch mit hübscher Omadecke positioniert er ein altes Grammophon sowie einen Plattenspieler Modell Phillips 633, den er an einen Lautsprecher anschließt.

Vor allem das Grammophon erzeugt beim Abspielen der Schellackplatten ein derart warmes Knistern, dass sofort das eigene Kopfkino anspringt. Durch wie viele Hände und Generationen die Tonträger wohl schon gewandert sind? Welche Szenen sich zu ihrer Musik abgespielt haben mögen? Und welche historischen Ereignisse?

Starlight Steven, DJ, Platten, Schellackplatten, Tanztee, Swing, Tango, Fox, Retro, Hamburg, Blankenese, Cafe Roederers, Grammophon Die Schellackplatte, frühe Zeugin der Popularkultur, wurde Ende des 19. Jahrhunderts von Emil Berliner erfunden. Starlight Steven, der sich bei seinen Tanztees Sternenlicht Steven nennt, spielt vornehmlich Swing, Fox, Tango, Schlager und Unterhaltungsmusik von den 1920er- bis in die frühen 1950er-Jahre. Bis in jene Ära also, in der die Schellackplatten allmählich von Fabrikaten aus Vinyl abgelöst wurden.

Auf der Suche nach musikalischen Schätzen

Leider können wir nicht allzu lange bleiben. Aber Steven erzählt noch, dass seine Gäste später am Nachmittag auch anfangen würden zu tanzen. Und seine musikalische Bandbreite ist nach wie vor groß. Er legt immer mal wieder Psychedelic und 70ties-Tunes im Hafenbahnhof auf, das nächste Mal am 9. November. Und mit der Party „Flower Power Space Rock“ betreibt er im Molotow seit fast 30 Jahren Hamburgs am längsten laufende Clubreihe. Eine Zeitmaschine hinein in die Hippiedisco.

Ich bin immer äußerst fasziniert, wenn Menschen ihre Liebe zur Musik nicht nur konsequent leben, sondern auch der Entdeckergeist in Sachen Popkultur aktiv bleibt. Steven, der seit 2005 hauptberuflich als Tagesvater arbeitet, ist nach wie vor weiter auf der Suche nach musikalischen Schätzen, die er dann für uns alle zum Leuchten bringt. Schön ist das.

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Neonschwarz: Album „Clash“ – Hiphop, Haltung, Hooray

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Ich mag es sehr, wenn Menschen mit- und sich einmischen. Nicht teflonartig durch die Welt gleiten, sondern Verbindungen herstellen. Die Hamburger Hiphopper Neonschwarz sind, was das angeht, so etwas wie die Supereinmischer und Megaverbindungshersteller. Marie Curry, Johnny Mauser, Captain Gips und DJ Spion Y machen musikalisch, textlich und auch im realen Leben ganz weit auf.

Neonschwarz, Band, Album, Clash, Release, Record, Label, Audiolith, Hiphop, Marie Curry, Johnny Mauser, Spion Y, Captain Gips, Cafe Buena Vista, Hamburg, Diebsteich Zum Release ihres dritten Albums „Clash“ spielt Neonschwarz nicht nur diesen Freitag im Hamburger Gängeviertel. Einen Abend zuvor lädt die Band zudem zur Listening-Session mit Bier und Bingo-Spiel ins hoch charmante kubanische Café Buena Vista am S-Bahnhof Diebsteich. Von Zeckenkids bis zur Seniorin hocken alle vor und in dem gemütlichen Flachbau an den Schienen. Und Betreiber Osmar gibt große Portionen an Essen und Herzlichkeit aus. Ein Abend, der sich anfühlt wie eine Wirklichkeit gewordene Utopie.

„Diggi, das ist Neonschwarz, can you handle it?“

Doch Neonschwarz, 2012 gegründet, ist weit entfernt davon, sich in der eigenen Blase auszuruhen. „Clash“ beginnt zwar – hiphop-typisch – mit einem energiegeladenen Selbstbehauptungssong. Und mit der Beyonce-Gedächtnis-Frage: „Diggi, das ist Neonschwarz, can you handle it?“ Doch im Laufe des Albums packen die „Neonschwizzys“ in ihren akzentuierten Flow viel kritischen Input von der Zeitgeistanalyse bis zur Klaren-Kante-Haltung.

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Neonschwarz fotografiert von Robin Hinsch (v.l.): Marie Curry, Johnny Mauser, Spion Y und Captain Gips.

Der treibende Ausbruchssong „Maradona“ zeigt Leistungsdruck und Durchtaktung unserer Tage den Mittelfinger und beschwört den Mut zum Roadtrip, zum Abenteuer, zum Ungewissen. „Fieber“ schwingt inhaltlich auf einer ähnlichen Frequenz: Stress macht aggro, weshalb die „Schwizzy-Samariter“ anrücken müssen, um den Kurzatmigen das süße Leben zu bringen.

Besonders gut gefällt mir bei dieser Nummer der Wechsel zwischen entspannten Gesangspassagen, Slowmotionrap und Hochgeschwindigkeitssprechgesang. Als sei die Stimme auf einmal auf der Vorspultaste gelandet. Und auch der wohl dosierte Einsatz von Autotune passt zur fiebrigen Atmosphäre und wird nicht einfach als Modeeffekt eingesetzt.

Doppelmoral in der Seifenblase

In „2018“ seziert Neonschwarz im Wortgewitter an tollen orientalischen Klängen, wie dem Erstarken der Rechten zu begegnen ist. Und die Band fragt sich: „Was passiert, wenn sie immer lauter werden, / und schon morgen lauter sind, als die Alarmanlage schreit?“ Doch die vier predigen nicht nur den Konsens im eigenen Umfeld. In „Ananasland“ nehmen sie zudem die Doppelmoral in der eigenen nachbarschaftlichen Seifenblase auseinander: Alle sind öko und kreativ, aber bitte die unhippen Obdachlosen und lauten Clubs aus Blick- und Hörfeld schaffen. „Geistig vertrocknet, moralisch flexibel.“

Der Song ist blitzgescheit, blitzschnell, blitzhumorig. Und musikalisch spannend mit sprödem wütendem Rap, mit Breaks, Samples und sattem Schub. „Und ging mal ganz schlimm was daneben / dann schwingen wir den Besen“, rappt Marie Curry und setzt mal eben einen feinen Seitenhieb auf die blitzblanke(nese) Aufräumaktion in der Schanze nach G20.

Ernsthafte Inhalte mit ultimativem Groove

Neonschwarz schielt nicht mit Provokation und Gangsta-Attitüde nach der Chartsspitze, wie die Crew in „Gleis 13“ mehr als deutlich macht. Was ich wirklich beeindruckend finde: Wie das Quartett auf „Clash“ ernsthafte Inhalte mit ultimativem Groove, Funk und Flow verbindet.

„Verrückt“ zum Beispiel ist ein Motivationssong, der positive Energie gegen den Irrsinn unserer Zeit setzt – und das mit reichlich „Wohoo“-Handclap-Charme. Und Neonschwarz schafft den Spagat, selbst ein Stück wie „Klatsche“ über psychische Störungen und Ängste mit „Hände in die Luft“-Atmosphäre aufzuladen.

Neonschwarz, Band, Album, Clash, Release, Record, Label, Audiolith, Hiphop, Marie Curry, Johnny Mauser, Spion Y, Captain Gips, Cafe Buena Vista, Hamburg, Diebsteich, Candle, Beer, FC St. Pauli, roses Völlig begeistert bin ich, das bei Neonschwarz mit Marie Curry eine Rapperin am Start ist, die von Album zu Album stärker wird. Ihr ist anzuhören, dass sie mit dem ganzen Körper, mit vollem Herzen singt und rappt. Dunkel, kehlig, rau. Mit viel Soul wie in „67“ oder ultracool wie in „Neonröhren“. Oder im lässigen Fluss bei „St. Pauli“, einer angenehm unkitschigen Lokalhymne. Durch die Straßen ziehen zwischen Kiezgebrüll und Dampferqualm, Kleine Pause und Quatschen mit Überdosis Ehrlichkeit. Eine flüchtige Romantik. Ein Hamburg, wie ich es liebe. So wie es auch beim Release-Abend im Café Buena Vista zu spüren ist.

Neonschwarz, Band, Album, Clash, Release, Record, Label, Audiolith, Hiphop, Marie Curry, Johnny Mauser, Spion Y, Captain Gips, Cafe Buena Vista, Hamburg, Diebsteich, Bingo, Game, Luck, Numbers Die Sonne ist mittlerweile irgendwo hinter den Gleisen untergegangen. Drinnen sitzen alle an rustikalen Holztischen, während Audiolith-Labelchef Lars Lewerenz die Zahlen in den Raum ruft, die die Bingo-Trommel ausspuckt. Jung und alt kreuzen die Nummern auf ihren Bingo-Zetteln ab.

Der Erlös aus dem Verkauf der Lose geht zur einen Hälfte an den Verein Cadus, der in Syrien und dem Irak medizinische Hilfe organisiert. Die andere Hälfte fließt an die Hamburger Initiative Oll Inklusiv, die Menschen 60+ hinaus aus der Einsamkeit und hinein in die Clubs bringt. Eben Mitmischen auf allen Ebenen.

Sonst noch neu in Hamburg diese Woche:

Bosse: „Alles ist jetzt“ (Album, Universal) – besprochen von den Kollegen von Musikblog.
Erregung öffentlicher Erregung: „TNG“ (EP, Euphorie Records) – präsentiert von den Kollegen von ByteFM.

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Hamburg und die Soulmusik – keep on dancing

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Ich liebe es, zu Soulmusik zu tanzen. Und in Hamburg ist das zum Glück regelmäßig möglich. Ich höre die euphorischen Songs, ihre bittersüße Note, den warmen Gesang, den treibenden Rhythmus. Und in mir macht es Klick. Die Intuition übernimmt. Und die Erinnerung. Ein Nachhausekommen.

Mein Körper kennt die Bewegungen seit nun fast 30 Jahren. Seit mein drei Jahre älterer Bruder, damals Mod, mich in den späten 80er-Jahren mit in die Villa Körner nahm. Ich war 15, 16 Jahre alt. Und die Partys, Songs und Eindrücke aus dieser Zeit haben sich tief in meine Gedächtnis eingeschrieben.

Rare Perlen aus den 60er- und 70er-Jahren, rau und optimistisch

Ich erinnere mich an ein verwunschen im Wald liegendes Herrenhaus. An Menschen, die smart und sharp aussahen in ihren schmalen Anzügen und eleganten geradlinigen Kleidern. Mode als Code. Als Verbindung. Sehr schön festgehalten hat diese ganz besondere Atmosphäre mein alter Weseler Freund Tobi Dahmen in seiner Graphic Novel „Fahrradmod“.

Mir schien es, als bewegten sich alle in der Villa Körner ein wenig cooler und selbstbewusster als normale Leute. Und dann die Soulmusik. Von Vinyl. Nichts aus dem Fernsehen. Keine Radiohits. Sondern rare Perlen aus den 60er- und 70er-Jahren. Vorwiegend aus dem Norden der USA. Rau und optimistisch. Das Faszinierendste war und ist aber das Tanzen.

Es gibt eine bestimmte Art und Weise, sich zu Soulmusik zu bewegen. Die Beine fliegen geschmeidig und zugleich akzentuiert über die Tanzfläche. Der Blick bleibt oben, stolz, schön. Fortgeschrittene bauen zusätzlich zu den butterweichen Shuffle-Parts noch artistische Elemente wie Drehungen, Kicks und Backflips ein. Je länger ich zu Soulmusik tanze, desto mehr Spaß macht es. Da ich über die Fuß- und Beinarbeit überhaupt nicht mehr nachdenke, sondern mich ganz auf den Flow eines einzelnen Songs einlassen kann.

Soulmusik vom Hamburger DJ-Kollektiv Fortyfive Degrees

In Hamburg lassen sich diese beglückenden Tanzabende zum Beispiel erleben mit dem DJ-Kollektiv Fortyfive Degrees, das seit 2010 aktiv ist. Die aktuellen Resident-DJs Simone Schneider, Holly Holzwarth, Inger und Ms Phyllis legen derzeit in der Skybar des Molotow auf.

Samstag vor einer Woche war es wieder so weit. Ich mag es sehr, dass jede der DJs je nach Plattensammlung und Vorlieben unterschiedliche Stile einbringt – von klassischem Sweet Soul bis zu Modern Soul. Und der Blick durch die Panoramascheiben auf das Ende der Reeperbahn verursacht bei mir in Verbindung mit Soulmusik immer so ein Downtown-Gefühl.

Hamburg Soul Weekender mit lokalen und internationalen DJs

Der Fortyfive-Degrees-Abend war ein prima Warm-Up für den Soul Weekender, der in Hamburg jährlich Anfang Oktober stattfindet – eine Rundumsause mit Tanznächten, Tagsüberparty und Bootstour. Und mit vielen lokalen sowie internationalen DJs – wie etwa Keith Money aus Großbritannien, Dani Herranz aus Spanien, Ash Pederick aus Dänemark, Marc Forrest aus Berlin, Steff Christiansen aus Flensburg sowie Jan Drews, Ralf Mehnert und Baster aus Hamburg.

Hamburg Soul Weekender, Soul, Music, Soulmusik, dancing, Sixties, Seventies, Party, Clubs, Owl, Sticker, Artwork Im Gegensatz zu den Soul-Anhängern, für die Musik und Stil ihren gesamten Way Of Life definieren, werfe ich mich nicht so konstant und intensiv in die Szene. Aber ich liebe es sehr, wenn – wie am Donnerstag – die Kogge auf St. Pauli auf einmal mit lauter britischen Soulfans gefüllt ist, die zwischen Bar und Tischen zu tanzen beginnen. Wenn sich, wie am Samstag, das Gruenspan in einen Ballsaal verwandelt. Und wenn ich stundenlang tanzen kann, weil mich Song um Song auf die Tanzfläche zieht.

Stets steht irgendwo eine Dose Babypuder bereit, das – ausgestreut – dem Boden genau die richtige Geschmeidigkeit verleiht. Neben mir tanzen ein älterer Mann mit Krücke, eine alte Freundin aus Villa-Körner-Zeiten sowie ein junger Typ im Fred-Perry-Hemd. Das Alter ist egal. Die Liebe zum Sound zählt.

Die Soulmusik siegt über meine Erschöpfung

Ich bin dankbar, dass die Veranstalter immer wieder mit reichlich Herzblut Party um Party planen. Denn für mich ist eine Nacht mit Soulmusik, mit all den Leidenschaftlichen und der Energie und dem Tanz, so viel mehr als ein Ausgehabend. Es ist Auspowern, Katharsis, Auftanken.

Die Soulmusik siegt über meine Erschöpfung. Ich schwitze bereits von Herzen, als der Fred-Perry-Typ neben mir beim Beginn des nächsten Songs freudestrahlend ruft: „Weiter geht’s“. Aber sicher doch. Keep on!

Ich weiß, Soulmusik ist for Vinyllovers, aber zum Reinhören empfehle ich diese Playlist auf Spotify.

Auch beim Motte Allnighter lässt sich in Hamburg fein zu Soulmusik tanzen.

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„The Sound of St. Pauli“ – Freunde machen Musik

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Was ich an der Hamburger Musikszene schätze, ist die Fähigkeit, sich zu verbinden und zu verbünden. Sich Komplizen zu suchen. Banden zu bilden. Ich freue mich immer sehr, solche künstlerischen Allianzen mitzuerleben. Denn, wie sang schon die Band Kante: „Wir sind unterwegs und wir sind wieder im Haus / mit neuen Gesichtern und den bekannten Gestalten / wir haben Gitarren, das Klavier und den Bass / wir haben das Schlagzeug, den Gesang und all das / ist in guten Momenten für eine Weile / mehr als die Summe der einzelnen Teile.“

Es geht um den Flow des gemeinsamen Musizierens auf der Bühne. Aber auch um die freundschaftliche Energie dahinter. Zusammen machen und tun, proben und streiten, sich finden und hinausgehen. Und das Publikum spürt, dass es gerade Teil einer Gemeinschaft ist. Von etwas positiv Aufgeladenem. So auch an diesem Mittwoch.

„The Sound of St. Pauli“ – vier Stunden Programm auf dem Spielbudenplatz

Im Rahmen der Initiative „The Sound of St. Pauli“ treten ein gutes Dutzend Popkünster auf dem Spielbudenplatz neben der Reeperbahn auf. Mit vier Stunden Programm – wow. Sie gehören alle zum engeren oder erweiterten Umfeld einer Hamburger Clique, die sich zwischen Pop, Soul und Singer-Songwriter-Sound bewegt. Da ich schon eine ganze Weile das Engagement der beiden Musikerinnen und Macherinnen Miu und Sarajane verfolge, nehme ich die zwei stark als Zugkräfte dieser Runde wahr. Aber ich bin mir sicher, dass in so einer Gruppendynamik jede und jeder ihren und seinen Wirkungsbereich entfaltet.

Miu und Sarajane sind nicht nur Sängerinnen mit jeweils Hammerstimmen, sondern auch schlichtweg – mit Verlaub – coole Bräute. Sie mischen gerne in der Branche mit und ziehen sozial sowie politisch Fäden. Zum Beispiel mit ihrem Projekt „Ladies. Artists. Friends.“, mit dem sie verstärkt Musikerinnen ins Rampenlicht holen.

Dieser Vibe ist auch auf dem Spielbudenplatz deutlich zu spüren. Ich finde es toll, wie selbstverständlich bei diesem Konzert – ganz einfach formuliert – Männer und Frauen zusammen Musik machen. Die Geschlechterungleichheit im Pop wird in diesem Fall nicht wortreich diskutiert, sondern ganz pragmatisch weggespielt.

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Wie ohnehin der Ablauf professionell dahin schnurrt. Magnus Landsberg, so etwas wie ein eierlegender Wollmilchmusiker, hat die Arrangements der Backing-Band erstellt – und spielt selbst Gitarre. Die Musiker an der Rampe können so entspannt alle zehn, fünfzehn Minuten rotieren.

Ich bleibe anderthalb Stunden. Danach bin ich durchgefroren an diesem herbstlichen Abend. Die frischen Brisen wirken wie eine Windmaschine und lassen die Haare der Auftretenden wehen. Etwa bei Norma, die eine eigens auf Friesisch gedichtete Reeperbahn-Hymne singt.

„Wenn dir St. Pauli auf den Geist fällt“

Auch andere Künstler haben extra für „The Sound of St. Pauli“ Kiez-Songs einstudiert. Tim Jaacks – der einzige, der ohne Begleitung alleine nur mit akustischer Gitarre spielt – covert zum Beispiel eine Nummer von Die Sterne: „Wenn dir St. Pauli auf den Geist fällt“. Damit kriegt er mich sofort.

"The Sound Of St. Pauli", concert, St. Pauli, Hamburg, Reeperbahn, Pop, Folk, Soul, Miu, Sarajane, Magnus Landsberg, Norma, Nils Christian Wedtke, Open Air, BID Gefreut habe ich mich über neue Lieder von Nils Christian Wedtke. Nach einigen Jahren Auszeit hat er sich vom Singer-Songwriter-Sound hin zur elektrischen Gitarre bewegt. Das klingt gut, etwa in einem Song über den Winterschlaf. Ein Satz hallt nach: „Ich renne nicht mehr weg, wenn sie Torten schmeißen“. Für mich bedeutet das: Sich einer Situation einfach mal ergeben, auch wenn sie nicht durchweg angenehm ist. Offen sein. Kritik annehmen. Schauen, was passiert. Und sei es, dass Sahne im eigenen Gesicht landet. Könnte ja überraschend gut schmecken.

Beeindruckt hat mich Vivie Ann mit ihrem dunklen eindringlichen Gesang. Eine Stimme mit starker Persönlichkeit. Ihr Song „Lover Boy“ passe zum Kiez, sagt sie.

"The Sound Of St. Pauli", concert, St. Pauli, Hamburg, Reeperbahn, Pop, Folk, Soul, Miu, Sarajane, Magnus Landsberg, Norma, Nils Christian Wedtke, Open Air, BIDUnd als ich mich so umschaue, sehe ich, dass so einiges nach St. Pauli passt. Das Mädchen mit der quietschblauen Perücke, das mit ihrem Vater tanzt. Der volltätowierte durchgepiercte Typ, der begeistert Fotos schießt. Die Touristen in ihren Windjacken. Die Musikfans mit Bier in der Hand.

Beim Stichwort „Aufwertung“ gehen bei vielen die Alarmglocken an

Hinter „The Sound of St. Pauli“ steht der Business Improvement District Reeperbahn+, kurz BID. Deren Ziel ist nach eigener Aussage „die Aufwertung des weltweit bekannten Vergnügungsstandortes Sankt Pauli“. Gerade beim Stichwort „Aufwertung“ gehen bei vielen – auch bei mir – erst einmal die Alarmglocken an. Und die jüngste Initiative, den Kiez zum Weltkulturerbe erklären zu lassen, wird von Betreibern und Anwohnern kontrovers diskutiert. Räudiger Charme versus Disneyland – so in etwa lässt sich eine der Streitlinien beschreiben.

Aktionen für Müllvermeidung sowie gegen Rassismus und Sexismus gefallen mir allerdings. Und auch „The Sound of St. Pauli“ werte ich nicht als „nette Aufhübschungsmaßnahme“. Denn da ist abwechslungsreich Musik aus Hamburg für Hamburg zu erleben. Und die bringt nach demokratischem Prinzip umsonst und draußen Menschen zusammen. Balsam dieser Tage.

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Roller Derby – das neue Fanzine ist da

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Mein Begriff von Popkultur ist weit gefasst. Ganz klar liegt mein Fokus auf Musik. Aber sich nur auf diesen einen Bereich zu fokussieren, würde der ganzen bunten Sache nicht gerecht werden. Literatur, Magazine, Serien, Filme, Fashion können Popkultur sein. Und eben auch Sport. Vor allem im Fall von Roller Derby, jenem famosen Vollkontaktsport, in dem zumeist Frauen hart aber herzlich gegeneinander anfahren.

Neben Training und Turnieren gehört zum Roller Derby ein ganz eigener Kosmos aus DIY-Attitüde, Fankultur und eben Musik, der vor allem eine große Offenheit feiert. Jede und jeder kann mitmachen, unabhängig von Alter, Körperform, Gender und sexueller Orientierung.

In Hamburg skaten die Harbor Girls seit 2008

Bereits in den 1930er-Jahren entstanden, erlebte der Sport um die Jahrtausendwende einen neuen Schub und kam Anfang der Nuller-Jahre von den USA verstärkt nach Europa. In Hamburg skaten die Harbor Girls seit 2008, mittlerweile angedockt an den FC St. Pauli, mit viel Know-how, Coolness und Leidenschaft. Das Grundprinzip ist einfach: Gefahren wird im Oval gegen den Uhrzeigersinn. Die sogenannte Jammerin versucht, am gegnerischen Block vorbeizufahren. Für jede überholte Spielerin gibt es einen Punkt. Nebenbei legt meist ein DJ Musik auf. Die Stimmung ist euphorisch, fair und familiär.

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Fanzine Nr. 2, fotografiert von Derby Digger

Mich hat die gesamte Atmosphäre direkt absolut angesprochen. Als ich im Frühjahr einen Bout, also ein Spiel der Harbor Girls Hamburg besuchte, war ich daher hoch erfreut, dass dort ein neues Fanzine für Roller Derby auslag. Der Derby Digger. Ich las das Heft am nächsten Tag sofort von der ersten bis zur letzten Seite durch, war fasziniert von Vielfalt, Spaß, Professionalität und mir war klar: Ich möchte mitmachen. Rollschuhlaufen ist lange her bei mir, Schreiben jedoch nicht.

Derby Digger, das Fanzine für Roller Derby Kultur, feiert Ausgabe Nr. 2

Ich mailte also Herausgeber Joachim an, der als DJ Luetten in Hamburg auch Clubs und Kneipen mit Ska, Reggae und Rocksteady versorgt. Nun feiert Derby Digger Nr. 2 an diesem Donnerstag seinen Release. Und Luetten sowie yours DJ Biggy Pop legen zu diesem freudigen Anlass gemeinsam auf der Barkasse Frau Hedi auf. Ich bin schon extrem gespannt auf die neue Ausgabe und freue mich auf all die Beiträge der anderen Autoren, zudem auf das Layout von Julia und auf die Fotos, etwa von Regularman.

Mir wurde die Ehre zuteil, ein Porträt von Jammerin Miss Zoffi zu schreiben, das ich hier – in freundlicher Absprache mit Luetten – nun präsentieren darf. Quasi als Appetizer für das restliche Heft, das die Tage auch in der Buchhandlung Schanzenviertel, im Strips & Stories, im Nachladen sowie im Fanladen St. Pauli zu haben sein dürfte. Popkultur auf Papier. Zum Anfassen. Zum Aufheben. Zum Liebhaben.

Artikel aus dem Derby Digger: „Jammen als Way Of Life“ von Biggy Pop

Furchtlosigkeit, Taktik, Ausdauer, Intuition – seit ich 2012 das erste Mal ein Roller-Derby-Spiel erlebte, haben mich die Jammer*innen besonders fasziniert. Ich hatte damals mein Erspartes zusammengekratzt und eine Auszeit vom Job genommen, um einige Wochen in New York leben zu können. Mitten in der Sinnsuche sah ich also bei einem Bout in Brooklyn diese Frauen, wie sie mit Wucht, Spaß und Geschick auf jene zurasten, die ihnen im Weg standen. Wie sie es immer wieder versuchten, bis die Hürden überwunden waren und sie befreit weiter rollen konnten. Ich dachte mir: Wäre es nicht fantastisch, mit dieser Energie sein Leben zu leben?

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Miss Zoffi, fotografiert von Regularman

Ich bin also hoch beglückt, Jahre später mit Sophie alias Miss Zoffi einen Menschen kennenlernen zu dürfen, der Jammen definitiv als Way of Life versteht. Wir treffen uns an einem sonnigen Tag in Berlin und setzen uns zur Mittagspause mit Salat und Schorle an die Spree.

Als erstes fallen mir die windschnittigen Streifen in ihrer Kurzhaarfrisur auf. Nachhaltig angetan bin ich von Sophies entspannter und zugleich leidenschaftlicher Art, mit der sie erzählt: Wie sie im März 2018 in die Hauptstadt gezogen ist, um international bei den Berlin Bombshells (Bear City Roller Derby) zu fahren. Und wie das Derbyverse im Allgemeinen und das Jammen im Besonderen seit sechs Jahren ihr Leben prägt.

Der Sport, das Teamgefühl, die Community. Alles passte

Ich war schockverliebt!“ Das war ihr erstes Gefühl, nachdem eine Arbeitskollegin (Rough Rudie) sie 2012 zum Recruiting Day der Hamburg Harbor Girls mitgenommen hatte. Sophie war von München über Trier und Mainz frisch in die Hansestadt gezogen und wollte Leute kennenlernen. Der Sport, die unterschiedlichen Persönlichkeiten, das Teamgefühl, die Community. Alles passte. Ein neues Zuhause.

Ich hatte vorher gar nichts mit Rollschuhlaufen oder Skaten am Hut. Dann habe ich gemerkt: Ich habe Talent und möchte gucken, wie weit ich kommen kann“, erzählt Sophie. Anfangs habe sie durchaus Hemmungen gehabt, mit Vollspeed auf ein Pack zuzufahren. „Das ist eine mentale Herausforderung.“ Was ihr half: Trainieren. Auf den Skates sicherer werden. Und: Taktik üben. „Wie reagieren die Blocker*innen? Wie kann ich sie austricksen? Ich muss mir vorher einen Plan a, b und c machen“, erklärt Sophie.

Viel gelernt hat sie von erfahrenen Roller-Derby-Profis wie der Berliner Vereinsgründerin Master Blaster. Und bei Bootcamps mit Fahrer*innen aus England und den USA, etwa mit Scald Eagle aus Denver. „Scald Eagle ist riesig und stark, sie kann Bewegungen perfekt analysieren und schneidet durch das Pack wie Butter. Ihre Tipps habe ich aufgesaugt wie ein Schwamm.“

Miss Zoffi: „Ich bin körperlich stärker geworden“

Hochachtung hat Sophie vor den Blocker*innen, die im Training auch ein wenig leiden müssten, wenn die Jammer*innen ihre Einsätze üben. „Leider treffen wir die Blocker*innen dann auch mal in der illegalen Blocking Zone, zum Beispiel im Rücken“, sagt Sophie – und ergänzt amüsiert: „Aber was wäre die Alternative? Rollende Sandsäcke?“ Um ihre Strategie zu verbessern, sei es für sie absolut sinnvoll, im Training immer mal wieder im Pack zu fahren: „Wir Jammer*innen haben oft einen Tunnelblick, während die Blocker*innen den Überblick behalten müssen. Das ist extremes Multitasking.“

Was mich noch interessiert: Wie hat Roller Derby Sophies übriges Leben verändert? „Ich bin körperlich stärker geworden“, erzählt sie. „Ich war zwar vorher auch schon selbstbewusst, aber Roller Derby hat das noch verstärkt. Ich sehe: Ich kann was, ich bin gut darin. Das macht mich stolz und das macht Spaß. Und mich inspiriert, dass so viele andere Frauen ihre Stärke nach außen tragen.“ Wenn Sophie über Roller Derby spricht, ist da ganz viel Wärme und Klarheit in ihrer Stimme. Das ist wirklich ansteckend.

Für Bear City kümmert sich Miss Zoffi zudem um Sponsoringanfragen

Von 2015 bis 2017 spielte Sophie in der Bundesliga für die Harbor Girls, dann wechselte sie nach Berlin, deren A-Team zu den ersten 28 weltweit gehört. Dreimal in der Woche geht sie zum Training, hinzu kommen Sondertrainings und regelmäßige Besuche im Fitnessstudio. Für Bear City kümmert sie sich zudem um Sponsoringanfragen.

Wenn Freunde sagen, Roller Derby sei doch „nur ein Hobby“, muss sie widersprechen. „Am liebsten würde ich das hauptberuflich machen. Andererseits finde ich den DIY-Gedanken toll. Die Frage ist, ob die Leidenschaft auf der Strecke bleibt, wenn der Sport zu stark professionalisiert und kommerzialisiert würde“, sagt sie nachdenklich.

Roller Derby – Liebe von und zu den Fans

Letzten Endes ist Sophie natürlich auch selbst schlichtweg ein riesiger Roller-Derby-Fan. Wenn sie mit dem Team Germany zur WM nach Manchester fährt wie im Februar 2018 oder zu den Big O nach Oregon im Mai diesen Jahres, dann freut sie sich irre, all die Top-Spiele anschauen zu können, zum Beispiel den Bout Australien gegen USA. „Da war schon was los.“

Und dass Fans unvergessliche Momente schaffen können, das hat Sophie selbst mit den Deckhands bei den Harbor Girls erlebt: „Wir hatten ein Spiel gegen Birmingham vor einigen Jahren. Der Gegner hat uns echt niedergemacht. Aber da gab es diese eine Situation, wo ich einen Apex Jump geschafft habe. Danach bin ich auf Knien in Richtung Deckhands gerutscht und alle sind aufgesprungen und haben mir zugejubelt“, erzählt Sophie. „Das ist das tollste Gefühl der Welt, von solchen Fans angefeuert zu werden. Immer, wenn ich mich motivieren möchte, denke ich an diesen Moment zurück.“

Inspiration für alle Kurven und Hürden im Leben

Alle können mitmachen, eine Rolle spielen, sich gegenseitig pushen. Sophie liebt, wie vielfältig das Derbyverse ist. Dass etwa Vereine wie St. Depri ihren Platz in diesem Kosmos finden. Und dass es keine Altersgrenze gibt. „Wenn ich mal als Jammer*in in Rente gehe, würde ich gerne Announcer*in werden“, erzählt Sophie, die bald 30 wird. Und dann blickt sie auf die Spree und sagt noch: „Wenn ich nicht mit Roller Derby angefangen hätte, was ich da alles verpasst hätte – das wäre total verrückt.“

Wow – die Begegnung mit Sophie hallt noch lange nach. Wie sehr sie verkörpert, dass sich Herzlichkeit und Ambition nicht ausschließen, hat mich total begeistert. Und wie die Fahrer*innen gegenseitig ihre eigenen Rolemodels sind und ihre Skills abfeiern. Definitiv eine Inspiration für alle Kurven und Hürden im Leben.

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Konzert für “Viva La Bernie” – das ist Hamburg

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7.000.000 – diese Zahl hängt in knallig grünen Ziffern im Innenhof an der Bernstorffstraße 117 in Altona auf der Grenze zu St. Pauli. Mehr als 100 Menschen leben und arbeiten seit 30 Jahren in dieser Hofgemeinschaft. Handwerker und Künstler wirken in Ateliers, Studios und Werkstätten. Ein gewachsenes, konstruktives Miteinander, das Stadtplaner an anderen Orten Hamburgs erst händeringend neu erschaffen wollen. In der „Bernie“, wie das Areal von Aktiven und Nachbarn liebevoll genannt wird, ist dieser „kreative urbane Mix“ seit Jahrzehnten gelebte Realität.

Viva La Bernie, Bernstorff 117, Bernstorffstraße, Hamburg, backyard, artists, concert, party, hiphop Obwohl ich in der „Bernie“ nicht ansässig bin, ist es auch meine Realität. Mein Bild von Hamburg. Wegen solcher Inseln, wegen des Subkulturellen und schön Spröden bin ich vor mehr als 20 Jahren hergezogen. Wo keine Kanten sind, bleibt nichts hängen. Der Charakter einer Stadt gleitet sonst ab an glatten Glasfassaden.

Mehr als 120 private Kreditgeber und Unterstützer für “Viva La Bernie”

Sieben Millionen – diese unfassbar hohe Summe hat der Verein „Viva La Bernie“ nun in Euro aufgebracht, um sein Refugium von jenem Berliner Investor zurückzukaufen, der das Grundstück vor etwa einem Jahr erstanden hat. Mehr als 120 private Kreditgeber und Unterstützer haben sich zusammengetan, darunter die Musiker Samy Deluxe, Jan Delay, Y’akoto und Rocko Schamoni, die Bands Deichkind, Fünf Sterne Deluxe und Slime, Maler Daniel Richter, Autor Heinz Strunk, Filmemacher Fatih Akin, FC St. Pauli-Präsident Oke Göttlich und die Initiative Viva con Agua.

Viva La Bernie, Bernstorff 117, Bernstorffstraße, Hamburg, backyard, artists, concert, party, hiphop Das ist Hamburg für mich. Dieser Zusammenhalt. Diese Haltung. Dieser Glaube an einen Wert, der sich nicht in einer Summe von sieben Millionen Euro bemessen lässt. Ein Wert für das Seelenheil der Stadt. Für den sozialen Frieden. Für eine Balance zwischen Kaufmannsleben und Kunst.

Am Freitag hat „Viva La Bernie“ in seinen Hof geladen, um diesen Support zu feiern. Und als ich mit vielen anderen gegen halb sieben auf das kleine Gelände ströme, kann ich nicht anders als permanent zu denken: Das ist Hamburg.

Fettes Brot fragt: „Wo sind meine Leute da draußen“

Das ist Hamburg. Wenn Menschen jung und alt, schwarz, weiß und regenbogenbunt zusammenstehen, reden, trinken, lachen, sich umarmen. Kids haben sich mit knallgrünen „Viva La Bernie“-Aufklebern plakatiert. Leute eilen von der Arbeit herbei. Die coolen Hänger mit den schrägen Käppis schauen ganz freundlich. Zwei Graumelierte lehnen beim Rotwein an der Wand, die mit knallgrünen „Viva La Bernie“-Schriftzügen beklebt ist. Ein Banner weht im Wind. Eine entspannte Block-Party.

Das ist Hamburg. Wenn der Bass massiert. Wenn was passiert. Wenn die Rapper der Stadt von einer Brücke zwischen den Hofgebäuden ihre Reime in die Nacht werfen. Wenn Fettes Brot fragt: „Wo sind meine Leute da draußen“. Und wenn alle Leute da sind. Wenn der Hof voll ist. Und die Herzen noch voller. Wenn alle ihren Booty shaken. Und die Mundwinkel nicht mehr runterkommen. Wenn drei schwule Mädchen durch Hamburg gehen, dann bleibt keiner einen Augenblick lang ruhig stehen.

Die Energie, die an diesem Abend erzeugt wird, strahlt bis zum Mond

Das ist Hamburg. Wenn DJ Dynamite unseren Brustkorb pochen lässt. Und wenn D-Flame wie mit eingebautem Megaphon rappt: „Sorry, kein Bock auf deine Story“. Kein Bock auf ein Hamburg, das so sauber ist, dass ich die Schuhe ausziehen muss, wenn ich vor die Türe trete. Stattdessen sehr viel Bock auf Gängeviertel, Moloch, Viktoriakaserne, Golden Pudel Club, Zinnwerke und all die anderen freien Räume.

Viva La Bernie, Bernstorff 117, Bernstorffstraße, Hamburg, backyard, artists, concert, party, hiphop Das ist Hamburg. Wenn Samy Deluxe gemeinsam mit Jan Delay von den Beginnern den Hof beben lässt. Wenn ich kurz befürchte, die ausrastende Menge sorgt für den Abriss des Ganzen. Der Sound bratzt, die Worte treffen. „Ich und du und er und sie und es.“ Türlich türlich kommt da ein Weckruf nach dem anderen. Und eine Euphoriewelle nach der nächsten.

Das ist Hamburg. „Digger, ich bin nicht allein hier / Ich hab’ meine Posse bei mir / Und es geht rampampam / Alle Lampen an!“ Das Soli-Bier ist längst ausverkauft. Hände in die Luft und wir springen, springen, springen. Die Energie, die an diesem Abend bei „Viva La Bernie“ erzeugt wird, strahlt bis zum Mond. Islands in the stream, this is what we are. Und die Insel namens Bernie, sie ist im Flow. Gut so. Bleib so.