Auf den Spuren von Jacques Brel in Brüssel

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Erst neulich habe ich erfahren, dass einer der größten Musiker Belgiens in Schaerbeek geboren wurde. In jenem Stadtviertel also, wo ich mich derzeit mit Freunden für ein Arbeitswohnprojekt in einer Fabriketage einquartiert habe. Die Rede ist von Jacques Brel. Seines Zeichens Chansonnier, Autor, Schauspieler, Regisseur, Lebemann und Charismatiker.

Vor wenigen Tagen wäre er 90 Jahre alt geworden. Ein schöner Anlass, die Fondation Brel in Brüssel aufzusuchen — ein Archiv und Museum, das gänzlich Leben und Werk des Künstlers gewidmet ist. 

Audiotour durch Brüssel: Jacques Brel in 22 Episoden

Jacques Brel, Brussels, Chansonnier, Singer, Tour, Sightseeing, Auditour, Belgium, walk, songsDas Haus am Place de la Vieille Halle aux Blés bietet Besuchern die Möglichkeit, Filme mit und über Jacques Brel anzuschauen. Und seine Laufbahn anhand alter Zeitungsartikel und Dokumente zu erkunden. Doch da die Frühlingssonne lockt und ich es ohnehin liebe, durch die Stadt zu stromern, entscheide ich mich für die „Promenade“, also die Audiotour. Gerät und Kopfhörer lassen sich für zehn Euro ausleihen. In 22 Episoden — wahlweise auf Französisch, Niederländisch oder Englisch — lässt sich auf den Spuren von Jacques Brel wandeln. 

O-Töne von Jacques Brel selbst, von seiner Frau Miche, seinen Kindern und Weggefährten mischen sich mit Erläuterungen eines Erzählers. Und mit zahlreichen Chansons Brels. Eine inspirierende Mischung. Schritt für Schritt, Story für Story, Lied für Lied tauche ich tiefer in Brels Brüssel ein. Vier Stunden lang. Als habe sich eine unsichtbare poetische Matrix auf die Stadt gelegt. Ein 3-D-Hörspiel. Wie losgelöst von den anderen Menschen laufe ich in meiner eigenen Kapsel aus Sound und Zeit durch die Straßen. Und die Passanten erscheinen mir wie Statisten eines Films, zu dem nur ich den Soundtrack höre.  Chansons wie „Je suis un soir d’éte“, „La Bière“, „Jef“ oder „Le Bourgeois“.

Eine urbane Existenz, komplex und voller Kontraste

Jacques Brel, Brussels, Chansonnier, Singer, Tour, Sightseeing, Auditour, Belgium, walk, songsIch erfahre von Kindheit und Karriere. Von favorisierten Orten und kulinarischen Präferenzen. Von Bühnen und Bars. Aber auch von Fluchten in die Fantasie und von sozialkritischen Aspekten. Und natürlich von Brels unbedingtem Glauben an die Kunst. Eine urbane Existenz, die komplex war und voller Kontraste. Die Profanes und Geniales vereinte. Zudem führt die Tour nicht nur durch die Persönlichkeit Jacques Brel, sondern auch zu diversen Sehenswürdigkeiten Brüssels wie dem Grand Place, dem Garten Mont des Arts und dem Place Sainte-Catherine. 

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Jacques-Brel-Streetart neben dem Maison Dandoy.

Die vielen kleinen und großen Geschichten schwingen nach. So erzählt etwa Brels Frau Miche von den 50er-Jahren, als ihr Mann in der Hoffnung auf künstlerischen Erfolg nach Paris aufgebrochen war. Vom Maison Dandoy, einer traditionellen Brüsseler Bäckerei, habe sie ihm seine Lieblingskekse geschickt, die jedoch zerbröselt im französischen Domizil angekommen seien. Mich amüsiert diese Anekdote deshalb, da sich in unserer Schaerbeek’schen Fabriketage ebenfalls diverse Dandoy-Tüten türmen. Genauer gesagt zeigen wir bereits leichte Suchterscheinungen bezüglich des köstlichen Mürbegebäcks. 

Die absolute Verkörperung seiner Chansons

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Das Bozar, aktuell läuft dort das Fantasyfilmfest Bifff.

Ein Zitat, das auf Höhe des Kulturzentrums Bozar eingespielt wird, fasziniert mich besonders. In dem Konzertsaal hatte sich Jacques Brel 1966 von seinem Brüsseler Publikum verabschiedet, bevor er 1967 sein Tourdasein komplett beendete. „Es braucht einen Mann, um einen Song zu schreiben. Aber es benötigt ein Tier, um ein Lied zu singen“, hat Jacques Brel gesagt. Und er habe hinzugefügt: „In den vergangenen Jahren bin ich zu sehr Tier gewesen.“ Ein klarer Ausdruck dessen, dass ihn aufrieb, wofür er berühmt war: die absolute Verkörperung seiner Chansons und all ihrer Emotionen bei Live-Auftritten. Er lebte all die Figuren und ihre Schicksale, die er für seine musikalischen Miniaturen ersonnen hatte.

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Jacques Brel kehrte gerne ein, etwa ins A la Mort Subite nahe der Galeries Saint Hubert.

Natürlich kann ein solcher Rundgang stets nur einen Ausschnitt darstellen. Jacques Brels späte Jahre in der Südsee werden ebenso ausgespart wie die diversen amourösen Liaisons, die parallel zu seiner Ehe stattfanden. Aber vor meinem geistigen Auge tritt er diverse Male auf, dieser junge Mann, wie er sich durch die Brüsseler Kneipen diskutiert und seinen künstlerischen Weg zu finden versucht. Und wie er später als etablierter Star 1968 an der Oper La Monnaie das Musical „Der Mann von La Mancha“ inszeniert. Mit sich selbst in der Hauptrolle und höchst gefeiert.

Völlig im Brel-Sentiment kehre ich zurück zum Place de la Vieille Halle aux Blés. Nachdem ich den Audioguide bei der Fondation Brel abgegeben habe, betrachte ich noch einmal die Statue des Sängers vor dem Haus. Jacques Brel war für seine besondere Physiognomie bekannt. Aber eine so hässliche Büste hat nun wirklich niemand verdient. Womöglich eine (nicht sonderlich subtile) Rache dafür, dass Jacques Brel doch meist woanders lebte als in Belgien. 

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Auf den Spuren von Jacques Brel, hier beim Restaurant Vincent.

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Kanal Centre Pompidou in Brüssel — von der Autogarage zur Kulturstätte

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Für mich gehören zum popkulturellen Leben unbedingt Offspaces, Freiräume sowie um- und zwischengenutzte Orte. Denn an diesen Locations kann ein frei- wie eigensinniger Geist besser wehen als an durch und durch fest interpretierten Stätten. In Hamburg denke ich da etwa an das Gängeviertel, die Viktoria-Kaserne, die gerade wieder in die Saison startenden Hallo Festspiele im Kraftwerk Bille sowie an die Zinnwerke in Wilhelmsburg und den Otzenbunker auf St. Pauli. Letztere kämpfen gerade auf ganz unterschiedlichen Ebenen um ihre Zukunft.

Während der ersten Tage unseres Arbeitswohnprojekts in Brüssel las ich von einem aktuell bespielten Ort im Transit — dem Kanal Centre Pompidou. Und so begebe ich mich von unserer belgischen Fabriketage in ein wesentlich größeres industrielles Ambiente. 

Kanal Centre Pompidou, Brussels, Bruxelles, Art, industrial, Citroën, Garage, Transformation, cultural, travelDas Kanal Centre Pompidou erstreckt sich auf gut 35.000 Quadratmetern in einer ehemaligen Citroën-Garage nordwestlich der City — malerisch rau gelegen am Kanal zwischen den Stadtteilen Schaerbeek, Laken und Molenbeek. Der französische Automobilhersteller nutzte die Hallen seit Mitte der 1930er-Jahre als Showroom sowie als Werkstätten. Ende 2017 schloss der Betrieb und die Region Brüssel kaufte das Areal für gut 20 Millionen Euro. 

Langfristiges Ziel ist es, das Gebäude in ein interaktives und multifunktionales Kulturzentrum umzugestalten. Mit einem Museum für zeitgenössische belgische Kunst, einem Architekturzentrum samt Bibliothek, zudem einem Theater sowie Platz für Tanz, Inszenierungen, Konzerte und großformatige Installationen sowie pädagogische Aktivitäten. 125 Millionen Euro möchte die Region Brüssel investieren. Die Eröffnung ist für das Jahr 2023 geplant. 

Allianz mit dem Centre Pompidou in Paris in der Diskussion

Kanal Centre Pompidou, Brussels, Bruxelles, Art, industrial, Citroën, Garage, Transformation, cultural, travelBevor im Sommer die Umbauarbeiten beginnen, hat die Region Brüssel eine Zwischennutzung installiert. Eine Interimsausstellung, eben das Kanal Centre Pompidou, das vom 5. Mai 2018 bis zum 10. Juni 2019 zugänglich ist. Zu sehen und zu erleben sind Performances, eine öffentliche Filmwerkstatt von Regisseur Michel Gondry sowie einige eigens für den Ort entstandene Arbeiten, unter anderem von belgischen Designern. Hauptsächlich zeigt die weitläufige Schau jedoch Werke, die aus dem Centre Pompidou in Paris entliehen sind. Daher der Name. Diese Allianz wird — zurecht, wie ich finde — heftig diskutiert. Wäre solch eine Transferphase doch eine spannende Chance für lokale und noch unbekannte Künstler, sich auszuprobieren. 

Andererseits finde ich es natürlich toll, dass die Regierung diese zentral gelegene Immobilie nicht für das nächste Shoppingzentrum oder Bürogebäude freigibt. Stattdessen wird Geld in die Hand genommen, um das historische Erbe des modernistischen Baus zu wahren und den Ort in eine Art offene Kulturstadt umzuwidmen. Zudem, so erfahre ich bei einer detaillierten Führung, bestehen zahlreiche Kooperationen in die Nachbarschaft und in die Stadt hinein, um die Bürger an der Entwicklung zu beteiligen. So existiert zum Beispiel ein Programm für Schulklassen im nahe gelegenen Molenbeek.

Das Kanal Centre Pompidou und die Spuren der Vergangenheit

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Mich fasziniert beim Eintreten in das Kanal Centre Pompidou direkt die Weite der Hallen. Und die Tatsache, dass nach dem Auszug von Citroën nichts renoviert wurde. Überall finden sich Spuren der einstigen Bestimmung dieses Ortes. Und im Eingangsbereich erinnert eine mechanische Skulptur von Jean Tinguely direkt an die industrielle Vergangenheit. Alle paar Minuten setzt sich ein schrottreife Ansammlung an Kuriositäten schnarrend und ächzend in Gang. 

Kanal Centre Pompidou, Brussels, Bruxelles, Art, industrial, Citroën, Garage, Transformation, cultural, travelKanal Centre Pompidou, Brussels, Bruxelles, Art, industrial, Citroën, Garage, Transformation, cultural, travelIch finde es äußerst gelungen, dass zahlreiche der Exponate so ausgewählt wurden, dass sie mit dem Gebäude korrespondieren. In einer der Hallen etwa stehen Werke des Minimalismus und Konstruktivismus in wechselvollem Verhältnis zu den Verstrebungen der tragenden Gerüste. So zum Beispiel „Fünf offene Würfel in Form eines Kreuzes“ des US-Amerikaners Sol LeWitt, dem Gründer der Konzeptkunst (1928-2007).

Andere Arbeiten im Kanal Centre Pompidou hinterfragen die Funktion von Architektur an sich. So wie „Pao II — A Dwelling for the Tokyo Nomad Woman“ der Japanerin Toyo Ito. Zwischen zwei Ebenen der Halle schwebt ein transparentes Zelt, das mit Basics wie Liege, Garderobe, Tisch und Stühlen möbliert ist. Ausgehend von den beengten Wohnverhältnissen in ihrer Heimat sowie der erhöhten Flexibilität einer globalisierten Menschheit regt die Künstlerin mit dieser Installation zum Nachdenken an, ob feste Behausungen überhaupt noch zeitgemäß seien. 

Kanal Centre Pompidou, Brussels, Bruxelles, Art, industrial, Citroën, Garage, Transformation, cultural, travelInteressant ist, dass im Kanal Centre Pompidou zahlreiche Skulpturen und viel Videokunst ausgestellt werden, jedoch keine Gemälde. Grund dafür ist schlicht und ergreifend, dass die Hallen größtenteils weder beheizt noch isoliert sind, so dass die Kunst sommerlicher Hitze ebenso standhalten muss wie winterlichem Frost. 

Sich verlieren und John Malkovich sein

Sehr gut gefällt mir das Motto, das in großen Lettern auf dem Faltplan des Kanal Centre Pompidou zu lesen ist: Perdez-Vous. Lose yourself. Ich liebe es in Brüssel ja ohnehin, mich bei meinen Stadtspaziergängen in den Straßen zu verlieren. Und nun werde ich in dieser Industrieanlage sogar noch explizit dazu aufgefordert. Sehr schön. So geht es Fahrbahnschrägen hinauf und hinunter sowie kreuz und quer über die Betonflächen. 

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Der Weg zu den ehemaligen Umkleiden der Angestellten ist kaum zu finden, geht es doch gebückt durch einen halb hohen Durchlass. Wie bei der siebeneinhalbten Etage im Film „Being John Malkovich“. Der Künstler Younes Baba-Ali — in Marokko geboren, heute zwischen Brüssel und Casablanca pendelnd — hat eine Installation geschaffen, die das frühere Leben in der spröden Garderobe auf geisterhafte Art nachhallen lässt.

Kanal Centre Pompidou, Brussels, Bruxelles, Art, industrial, Citroën, Garage, Transformation, cultural, travelEinige Türen der metallenen Spinde hat er mit Motoren versehen, so dass sie sich wie unsichtbar hin- und herbewegen.  Das Quietschen der alten Scharniere erzeugt einen dissonanten Singsang, der jedem Horrorfilm zugute käme. Eine tolle Auseinandersetzung mit dem kollektiven Gedächtnis  und der transformativen Dynamik des Ortes. 

Ein Architekturwettbewerb und Budgetüberschreitungen

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Die Verknüpfung der einstigen Auto-Garage mit der Kunst im Kanal Centre Pompidou symbolisiert eine Arbeit von Gabriel Orozco perfekt. Der mexikanische Konzeptkünstler hat  mit „La DS“ eine komprimierte Version eines Citroën geschaffen, womit er die Gesetze von Massenproduktion und Funktionalität kommentiert und ironisiert. 

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Im ehemaligen Citroën-Showroom wird ebenfalls der Architekturwettbewerb dokumentiert, den die Region Brüssel für die künftige Umgestaltung der Garage ausgeschrieben hatte.

Kanal Centre Pompidou, Brussels, Bruxelles, Art, industrial, Citroën, Garage, Transformation, cultural, travelZu sehen ist auch das Gewinnermodell mit dem Titel „Eine Bühne für Brüssel“, das von einem Zusammenschluss aus Brüsseler, Schweizer und Londoner Architekten eingereicht worden war. Der Siegerentwurf überschreitet das anvisierte Budget von 125 Millionen Euro bereits um 25 Millionen Euro. Kommt mir als Hamburgerin bekannt vor, derlei Kostensteigerungen bei Bauvorhaben. Ich bin jedenfalls gespannt, wie diese Kulturstadt aussehen wird, wenn sie fertig ist. Denn eines steht nach zwei Wochen in der belgischen Hauptstadt bereits fest: Da ich völlig zum Brüssel-Fan geworden bin, werde ich gewiss wiederkommen. 

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Tawsen — Pop und Rap aus dem Herzen Brüssels

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Beim Arbeitswohnprojekt in unserer Brüsseler Fabriketage ist es ruhiger geworden. Nicht, was den Austausch zwischen Matze, Julia und mir angeht. Weiterhin reden wir angeregt über Projekte und Ideen. Doch der Sound um uns herum ist leiser. Die unter uns probenden Bands scheinen seit Tagen ausgeflogen. Und ich staune zudem, wie schnell sich ein Mensch an einen Ort und dessen speziellen Klang gewöhnt. So wie ein täglich getragenes Parfüm seine Intensität zu verlieren scheint, nehme ich weniger Geräusche wahr, je länger ich in unserem vorübergehenden Domizil lebe. Ich höre das Knarren, Knacken und Klackern natürlich noch. Aber es ist zum selbstverständlichen Soundtrack meiner Tage geworden. Höchste Zeit also, neue Töne zu erkunden. In diesem Fall von dem jungen französischsprachigen Sänger Tawsen. 

Tawsen, Singer, Pop, RnB, Rap, Hiphop, Rai, Debut, Record, Release, Al Warda, Concert, Botanique, Brussels, BelgiumTawsen lebt in Brüssel, ist in Italien geboren und hat einen marokkanischen Background. Ich finde es extrem inspirierend, wie in dieser Stadt unterschiedliche Kulturen zusammenkommen. 70 Prozent der Menschen haben einen Migrationshintergrund, was sich in der Musik widerspiegelt. Tawsen zum Beispiel kombiniert in seinem urbanen Pop Elemente von Hiphop und R’n’B mit den  elegischen Gesangslinien des nordafrikanischen Rai und den akzentuierten Rhythmen des Zouk von den Antillen. 

Tawsen feiert den Release seines Debütalbums „Al Warda“

Tawsen, Singer, Pop, RnB, Rap, Hiphop, Rai, Debut, Record, Release, Al Warda, Concert, Botanique, Brussels, BelgiumIm Botanique, dem wunderschönen Konzertareal in unserer Nachbarschaft, feiert Tawsen den Release seines Debütalbums „Al Warda“ in der 250 Leute fassenden Rotonde. Eine tolle Location im Herzen des Botanique mit hoher Kuppel und einer Amphitheater-Architektur, die alle Konzentration auf die Bühne zulaufen lässt.

Der Auftritt von Tawsen beginnt um Punkt 20 Uhr und endet genau eine Stunde später  exakt so, wie vorher auf der Botanique-Seite angekündigt. Ein Service, den ich bereits bei verschiedenen Clubs in Brüssel beobachtet habe. Diese Pünktlichkeit und Vorhersehbarkeit mag spießig oder auch langweilig erscheinen. Ich finde es hingegen absolut angenehm zu wissen, ob ich mich auf ein ein- oder eher dreistündiges Konzerterlebnis einzustellen habe. 

Viel marokkanische Community, hoher Frauenanteil, ganze Familien

Tawsen, Singer, Pop, RnB, Rap, Hiphop, Rai, Debut, Record, Release, Al Warda, Concert, Botanique, Brussels, BelgiumMit seinen äußerst melodischen wie fein rhythmisierten Songs zieht Tawsen an diesem Freitagabend eine freundliche wie cool-schicke Crowd an. Viel marokkanische Community, hoher Frauenanteil, ganze Familien. Die Rotonde ist ausverkauft und die Stimmung von Anfang an elektrisiert.

Auf der Bühne steht eine mit weißen und rosafarbenen Rosen besteckte Wand, davor liegt ein weiß glitzernder Teppich. Das Ambiente passt zur süßen Melodramatik, die Tawsen in seinem Video zum Song „Comme Une Fleur“ erzeugt. Als Fan von Bollywoodfilmen bin ich für so eine hoch dosierte Emotionalität absolut empfänglich. 

Stimme und sanft euphorisierende Art des Künstlers im Fokus

Tawsen betritt die Bühne. Von Anfang an: Kreischen, Tanz, wilde Rufe und Mitsingen bis zur letzten Silbe. Der Sänger freut sich bei jedem Song aufs Neue, dass die Menge seine Lieder erkennt. Einmal legt er sich sogar auf den Boden, lässt das Publikum alleine singen und genießt den Augenblick. Direkt zwei Mal intoniert er mit seinen Fans im Chor die schwelgerische Hymne „Marrakech“.

Tawsen, Singer, Pop, RnB, Rap, Hiphop, Rai, Debut, Record, Release, Al Warda, Concert, Botanique, Brussels, BelgiumWas mich zunächst überrascht: Auf der Bühne ist kein DJ, also keine Musikquelle zu sehen. Die Stimme und sanft euphorisierende Art des Künstlers stehen ganz im Fokus — ein softer Gesang mit schnellen, halb gerappten Einschüben sowie lautmalerischen Linien. Ich bin jedenfalls völlig begeistert von der verbindenden Energie dieser Show. In der Mitte darf die Jugend ausrasten, während oben auf den Stufen dieses Clubamphitheaters Mütter mit Kinder auf dem Arm feiern. Und zum Ende bedankt sich Tawsen minutenlang bei allen Beteiligten — vom Produzenten über Videofilmer und Make-Up-Artist bis hin zum Floristen.

Im Anschluss gehen wir in einer Musikkneipe in unserer Schaerbeek’schen Nachbarschaft noch ein Bier trinken. L’Âne fou heißt die entspannte wie hübsch eingelebte Bar. Verrückter Esel. Ein guter Name, um einen spannenden Brüsseler Abend ausklingen zu lassen. 

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Brüssel, ein Zirkus mit Musik

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Die zweite Woche in Brüssel. Unser Arbeitswohnprojekt findet in seinen Rhythmus zwischen Schreibtisch und Stadtspaziergang. Allerdings sind wir kurzzeitig zu zweit, da Julia für ihren Blog Beautyjagd auf eine Rohstoffmesse nach Paris gereist ist. Matze  durchstreift derweil die ansässigen Weinläden und füllt den Kühlschrank mit verschiedensten Biersorten. Rein zu Forschungszwecken, versteht sich. Mit seinem Blog Chez Matze ist er auch auf Instagram präsent, wo er einige kulinarische Brüssel-Genüsse zeigt. Und ich führe meine musikalische Spurensuche fort. Unter anderem im Konzertsaal Cirque Royal. Doch dazu später mehr. Denn seinen Ausgang nimmt natürlich alles stets in unserem Domizil, einer Fabriketage im Viertel Schaerbeek. 

Cirque Royal, Koninklijk Circus, Brussels, Brüssel, Bruxelles, concerthall, concert, Rufus Wainwright, Rachel Eckroth, circus, theatre, beer, mug, tigerMittlerweile sind mir einige der unter uns probenden Musiker im verwinkelten Gängesystem unseres Hausflurs begegnet. Instrumente schleppend und Boxen schiebend. Ich hatte zwar Französisch in der Schule und an der Uni. Aber ohne Praxis. Weshalb ich nach einem ersten Bonjour meistens ins Englische wechsele. So auch im Gespräch mit den Nachbarn: „Ah, you are the band!“ Gegenfrage: „The band?“ 

In einer kurzen Plauderei erfahre ich, dass in unserer belgischen Factory nicht nur eine Band übt, sondern ein ganzes Kollektiv, bestehend aus mehreren Formationen. Das erklärt auch die wechselnden Sounds und Lautstärken die Woche hindurch. Montag zum Beispiel scheint eher ein krautrockiger Tag zu sein. Ich bin gespannt, welche Klänge und Konstellationen wir noch erleben werden. Unterdessen habe ich eine weitere Konzertstätte in der Nachbarschaft besucht. 

Der Cirque Royal in Brüssel: Plüschsessel für 3500 Gäste

Cirque Royal, Koninklijk Circus, Brussels, Brüssel, Bruxelles, concerthall, concert, Rufus Wainwright, Rachel Eckroth, circus, theatreGut zehn Minuten zu Fuß von uns liegt zwischen botanischem Garten und dem Parc des Bruxelles der Cirque Royal oder, auf Niederländisch, der Koninklijk Circus. Das 1878 eröffnete Gebäude fasst heute 3500 Leute in seinem vieleckigen Rund. In dem imposanten Theater mit seinen angemessen roten Plüschsesseln soll an diesem Abend Singer-Songwriter Rufus Wainwright spielen. Mit meinem Ensemble in Hamburg, den Octavers, singen wir seinen Song „One Man Guy“. Allein aufgrund dieser Verbundenheit musste ich mir am Vortag noch schnell ein Ticket für das Konzert kaufen. 

Den Cirque Royal, der in eine Häuserzeile integriert ist, muss ich kurz suchen, weshalb ich etwas abgehetzt auf meinem Platz oben im Saal auf einem der Balkone ankomme. In zehn Minuten soll Rachel Eckroth, Wainwrights Keyboarderin, mit dem Vorprogramm beginnen. Von Konzerten im Theaterkontext bin ich es in Hamburg gewohnt, dass zum Zeitpunkt des Beginns die Türen geschlossen werden. Doch siehe da: Die Stuhlreihen sind fast alle noch leer, obwohl das Konzert nahezu ausverkauft ist. Und so spielt Eckroth ihre eindringlichen Synthpop-Oden tapfer als Einlaufmusik für das Publikum. 

Illuminierter Himmel und New-York-Kulisse für Rufus Wainwright

Cirque Royal, Koninklijk Circus, Brussels, Brüssel, Bruxelles, concerthall, concert, Rufus Wainwright, Rachel Eckroth, circus, theatreZeit, den Cirque Royal in Ruhe auf mich wirken zu lassen. Die Kuppelkonstruktion erinnert mit seiner kreisrunden Auslassung in der Mitte ein wenig an das Pantheon in Rom. Ein beeindruckender Himmel. Unterschiedlich illuminiert scheint mal die Sonne aufzugehen, mal ein nächtliches Firmament zu leuchten. Sehr schön ist das. Und auch der Hauptakteur des Abends ist offensichtliche fasziniert von diesem Ambiente. Mit seinem Faible für Cabaret, Oper, Drama und Spektakel passt Rufus Wainwright nur zu gut in diese schillernde Location. 

Mit Zylinder auf dem Kopf betritt der Musiker die Bühne. Als Hommage an seine Heimatstadt hängt hinten an der Wand eine gemalte New-York-Kulisse. Mit seiner Band – zwei Mal Keyboard, Gitarre, Bass und Schlagzeug – spielt sich Rufus Wainwright in zwei Sets durch sein höchst abwechslungsreiches wie bewegendes Werk. Puristisch und opulent. Blues und Disco, Kammerpop und Orchestrales, Cineastisches und Zartes. Zwischen Flügel, Gitarre und Sologesang wechselnd. Crooner, Diva, Conférencier. Er feiere gut 30 Jahre Musikkarriere, erzählt er in charmant gebrochenem Französisch. Das Publikum, hingerissen.

Das Traurige, Weise, Fragile, Strahlende

Cirque Royal, Koninklijk Circus, Brussels, Brüssel, Bruxelles, concerthall, concert, Rufus Wainwright, Rachel Eckroth, circus, theatreDer Liederreigen reicht von älteren Songs wie dem elegischen „Barcelona“ bis zu brandaktuellen Stücken wie „Sword Of Damocles“, mit dem er sich explizit an US-Präsident Trump wendet. Umwerfend sind auch die Coverversionen, mit denen er sich vor seinen Heldinnen verneigt. Erstmals singt er eine Nummer von Serge Gainsbourg, die Wainwright derzeit für eine Jane-Birkin-Hommage einstudiert: „La Chanson de Prévert“. Völlig aufgewühlt, mitgenommen und begeistert hat mich seine Interpretation von Joni Mitchells „Both Sides Now“. Die gesamte wahrhaftige Kraft seiner Stimme kommt da zum Schwingen. Im Saal. In mir. Das Traurige, Weise, Fragile, Strahlende. 

Eine univserselle Musik für viele verschiedene Herzen. Links von mir sitzt ein älteres Paar, das Niederländisch redet, rechts von mir eine junge Frau, die Französisch spricht. Der Sound tönt fein, klar und komplex bis zu uns hoch oben auf dem Balkon. Der Abend endet mit „Imaginary Love“, „Going To A Town“ und dem Beatles-Cover „Across The Universe“. Auf meinem Heimweg vom Cirque Royal zu unserer Fabriketage singe ich „One Man Guy“ vor mich hin. Rufus Wainwright hatte den Song mehrstimmig mit Band intoniert. Einer von vielen magischen Momenten dieser Konzertnacht in Brüssel.

Am 13. April spielt Rufus Wainwright ein ausverkauftes Konzert auf Kampnagel in Hamburg.

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Der Sound der Stadt – Brüssel und das Botanique

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Seit einigen Tagen bin ich nun schon in Brüssel, wo ich mich mit zwei lange vertrauten Freunden zu einem Arbeitswohnprojekt zusammengefunden habe. Matze beschäftigt sich auf passionierte wie sachkundige, aber keineswegs elitäre Weise mit Wein, Bier und gastronomischen Genüssen aller Art. Julia schreibt seit fast neun Jahren höchst leidenschaftlich, klug und beeindruckend umfassend über Naturkosmetik rund um den Globus. Auf ihren Blogs Chez Matze und Beautyjagd haben sie bereits über unser Vorhaben geschrieben. Es geht darum, Zeit miteinander zu verbringen, sich auszutauschen und zu inspirieren. Und neue Impulse zu erhalten. Das beginnt bereits bei unserer Unterkunft. 

Factory, Project, Brüssel, Brussels, music, sound, Blogger, LifestyleJulia hat für uns eine umgebaute Fabriketage gefunden. Unser Gastgeber arbeitet als Ausstatter am Theater, weshalb das industrielle Ambiente eine ungeheure Weite atmet und zugleich anregend eingerichtet ist. Jeden Tag entdecken wir neue Details, die in die Wahrnehmung unserer Tage einfließen. Zeichnungen an den Wänden, Kunstbücher, kleine Skulpturen. 

Musikalische Spurensuche in Brüssel

Was mich besonders fasziniert: Solch ein Ort hat seinen ganz eigenen Sound. Und das ist in unserem Fall ganz wortwörtlich zu verstehen. Denn nicht nur das Plätschern in den frei liegenden Rohren oder das Quietschen der Türen birgt einen individuellen Klang. In der Etage unter uns probt ein Jazztrio. Und vor allem der Bass sorgt für eine angenehme rhythmische Grundierung. Ich überlege noch, ob ich mal hinunter gehe und frage, ob ich der Probe ein wenig beiwohnen darf. Oder ob ich einfach mein Kopfkino weiterlaufen lasse und mir ausmale, wer da unter uns wohl so musiziert. 

Factory, Project, Brüssel, Brussels, music, sound, Blogger, Lifestyle, Jazz, TrioVor zwei Tagen ist das Trio offenbar zu einem Auftritt aufgebrochen, weshalb der Eingang voller Instrumente lag. Wo haben sie wohl gespielt? Und wie heißt die Band überhaupt? Ich mag so eine Spurensuche sehr. Wenn sich reale Hinweise mit meiner Imagination vermischen. 

Überhaupt ist Brüssel mit seinem Mix aus Menschen und Einflüssen ein hervorragender Ort, um sich treiben zu lassen. Um an allen Ecken und Enden Impulse zu finden. Auch und vor allem in musikalischer Hinsicht. Ich habe mir vorgenommen, an dieser Stelle noch über einige der Clubs, Plattenläden und popkulturellen Orte zu schreiben, die ich bei meinen Spaziergängen durch die Stadt entdecke. Eine erste Konzert-Location habe ich bereits ganz konkret besucht. 

Der Konzertsaal in der Nachbarschaft: Botanique

Brüssel, Music, Clubs, Popculture, Botanique, Concerts, Alice Merton, PopIn unmittelbarer Nachbarschaft zu unserer belgischen Factory liegt auf der Grenze zwischen den Stadtteilen Saint-Josse-ten-Noode und Schaerbeek das Botanique, auf Niederländisch Kruidtuin. Das Gebäude stammt aus dem 19. Jahrhundert und diente dem umliegenden botanischen Garten einst als Orangerie. Das Thema Gewächshaus greift das Botanique, das seit 1984 ein Veranstaltungsort ist, charmant im Innern auf.

Brüssel, Music, Clubs, Popculture, Botanique, Concerts, Alice Merton, Pop Brüssel, Brussels, Music, Clubs, Popculture, Botanique, Concerts, Elliott Smith, Walk of fame Nach Einlass und Garderobe wandeln die Ankömmlinge zunächst im Halbkreis um die markante Rotunde des Gebäudes herum. Pflanzen ranken über den Köpfen. Und zu den Füßen blühen die Künstler, die bereits im Botanique gespielt haben. Elliott Smith, Oasis, Cat Power — in Umrissen von Blüten stehen Namen und Daten ihrer Auftritte. Ein Flowerwalk of Fame. Schön. 

Mit dieser feinen Einstimmung gelangen die Gäste zu den eigentlichen Spielorten. Zu der 700 Leute fassenden Orangerie, der Rotonde für maximal 250 Personen, der im Keller liegenden Witloof Bar für 200 Menschen sowie einem Café, dem Bota, mit einer Bar für die Getränkeversorgung. Was mir das freundliche Tresenpersonal bei der Bestellung erst erklären muss: Die Bezahlung funktioniert nicht mit Bargeld, sondern mit Tokens — kleinen Silbermünzen, die es an eigens aufgehängten Automaten zu erstehen gilt. „Irgendwie doof für die Barleute wegen des Trinkgelds“, dachte ich noch bei mir, kaufte einen Token und bemerkte erst im Nachhinein, dass der Automat kein Rückgeld gibt. So gerät alles dann doch wieder in Balance. 

Popkulturelle Querverbindungen nach Hamburg

Brüssel, Music, Clubs, Popculture, Botanique, Concerts, Alice Merton, PopIn der Rotonde spielt an diesem Abend Montevideo, eine Band aus Brüssel, ein Hybrid aus Indierock und Electropop. Ich biege jedoch in die Orangerie ab, um Alice Merton zu sehen. Eine junge Künstlerin aus Deutschland, die ich auf mehreren Ebenen spannend finde. Zum einen produziert sie Pop im allerbesten Sinne. Zum anderen steht sie mit ihrer selbst gegründeten Plattenfirma Paper Plane Records für Eigenständigkeit und Selbstverantwortung. 

Vor allem aber verkörpert Alice Merton eine große Internationalität. Die heute 25-Jährige ist in den USA sowie in Kanada aufgewachsen und lebt mittlerweile in Berlin. Aus den vielen Umzügen in ihrer Kindheit und Jugend resultiert auch ihr Hit „No Roots“, in dem sie über den Zustand des Nomadentums singt. Und auch ihre Bandmitglieder kommen aus verschiedenen Ländern, der Drummer aus Frankreich, der Gitarrist aus den USA und der Keyboarder aus Deutschland. 

Brüssel, Music, Clubs, Popculture, Botanique, Concerts, Alice Merton, PopDas erste Mal live erlebt habe ich Alice Merton 2017 auf dem Reeperbahn Festival, wo sie für den Anchor Award für aufstrebende Poptalente nominiert war. Nun hat mich die Hamburger Agentur Community Promotion, die die Kommunikation um Alice Merton im deutschsprachigen Raum betreut, netter Weise hier in Brüssel auf die Gästeliste des Konzerts setzen lassen. Mir gefällt der Gedanke sehr gut, dass alles miteinander verbunden ist. Das Orte jeweils unbedingt anders und eigen sind, jedoch viele Fäden zwischen ihnen geknüpft werden. 

Alice Merton, die lebende Discokugel

Die Orangerie ist ein äußerst dankbarer Saal für Artists und Publikum, denn der Raum erstreckt sich entlang einer breiten Bühne. So entsteht schnell ein Gefühl von Nähe. Alice Merton präsentiert mit natürlicher Grandezza (und trotz Erkältung) Songs ihres Debütalbums „Mint“. Ihre Musik besitzt eine kraftvolle Leichtigkeit, getragen von Alice Mertons Stimme, die sie dunkel kehlig gerappt einsetzt und bis in einen dramatischen Sopran changieren lassen kann. „Honeymoon Heartbreak“, eine der wenigen Balladen, erinnert an eine geringer entschleunigte Lana Del Rey. Bei einem munteren wie komplex arrangierten Song wie „Funny Business“ muss ich kurz an eine tolle Künstlerin wie Lilly Allen denken. 

Brüssel, Music, Clubs, Popculture, Botanique, Concerts, Alice Merton, Pop, Album, MintIhre Songs handeln weniger von Liebe, sondern vielmehr von ihrer persönlichen Entwicklung in den vergangenen Jahren, erzählt Alice Merton. Und diese coole und durchaus feminine Stärke spiegelt sich auch in ihrem Outfit. Ihr schwarzer Catsuit ist mit einer mint-farbenen transparenten Schleppe versehen. Und mit Spiegelsteinen rund um die Taille, so dass Alice Merton je nach Lichteinfall zur lebenden Discokugel wird. 

Aufgrund ihrer Erkältung könne sie nicht so sehr umherhüpfen wie sonst, erklärt Alice Merton dann noch. Ich fühle mich jedoch gut aufgeladen nach meinem ersten Konzertbesuch hier in Brüssel und laufe beschwingt die wenigen Meter durch die Nacht nachhause. Zu unserer Fabriketage mit ihrem ganz eigenen Sound. 

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„Otzenbunker bleibt!“ – Soli-Konzert im Hafenklang

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Einer der Gründe, warum ich nach Hamburg gezogen bin vor vielen Jahren: das Gefühl, dass die Menschen, die nach einem guten wilden Leben suchen, nach einem anderen Denken und Dasein, nicht einfach alleine vor sich hinmachen. Sie schließen sich zusammen, verbünden sich, bilden Komplizenschaften. Mehr als die Summe der einzelnen Teile. Dieser Geist ist nach wie vor zu spüren. Auch wenn er in der jüngeren Vergangenheit zunehmend aktiviert wird und werden muss, um eben diese Gemeinschaft zu retten. Um Orte zu bewahren. Um Freiräume in dieser Stadt weiterhin zu ermöglichen, um sie wachsen und wuchern zu lassen. Wider die Ödnis. 

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Vor einigen Monaten lud das Kollektiv Viva La Bernie zum Open-Air, um ihren zum Verkauf stehenden Hinterhof an der Bernstorffstraße zu verteidigen — und zu feiern. Direkt um die Ecke auf St. Pauli liegt der Otzenbunker. Ein Bau mit rund 40 Übungsräumen, in dem bis vor kurzem an die 120 Bands, Musikerinnen und Künstler probten. Wegen Lärmbeschwerden und Lüftungsproblemen mussten all die Newcomer und Etablierten, all die Hobbyartisten und Profikombos nun im November den Otzenbunker verlassen. Wohin mit der Kunst, mit der Subkultur, mit dem schönen Schmutz und euphorisierenden Lärm in dieser Stadt?

„Otzenbunker bleibt!“ — die Schimmelecken pflegen

Wer Elbphilharmonie kann, muss auch Otzenbunker wollen. Das ist verkürzt formuliert der Tenor eines Kommentars in der Süddeutschen Zeitung vom 11. Januar 2019. Der Journalist Till Briegleb schreibt darin: „Wer ernsthaft eine relevante Musik- und Kulturstadt sein will, der muss auch seine Schimmelecken pflegen.“

Ich schließe mich dieser Ansicht voll und ganz an. Es geht um Vielfalt, um Vielklang. Unter dem Motto „St. Pauli bleibt laut!“ sprechen sich zahlreiche Menschen aus Hamburg für den Erhalt des Otzenbunkers aus. Bands wie Die Goldenen Zitronen und Fettes Brot haben sich ebenso solidarisiert wie Fans des FC St. Pauli. Und wie grandios, divers und laut die Bands aus dem Kiezbau klingen, war jetzt bei einem ersten Soli-Konzert mit dem Titel „Otzenbunker bleibt!“ im Hafenklang zu erleben. 

Für mehr bezahlbare Proberäume in Hamburg

Otzenbunker, St. Pauli bleibt laut!, Hafenklang, Hamburg, musicclub, Club, Solikonzert, Die Sterne, Frank Spilker, Clara Bow, Küken, Die Handlung, Philistines, Die Cigaretten, Shirts, Merchandise, Punkrock, Indie, RockSechs Auftritte, sechs Mal Schub und Schönheit. Und ein Sprecher von „St. Pauli bleibt laut!“ klärt zwischendurch über den Stand der Dinge auf: Die Initiative ist derzeit mit der Kulturbehörde im Gespräch. Ihre Forderungen sind auf der Facebook-Seite von „St. Pauli bleibt laut!“ nachzulesen. In der Erklärung heißt es, der Eigentümer oder die Stadt sollen den Otzenbunker sanieren. Im größeren Kontext geht es zudem darum, dass noch viel mehr bezahlbare Proberäume benötigt werden. Damit die Szene weiterhin brüten und brodeln kann. Ein tolles Aushängeschild wie das Reeperbahn Festival kann nicht ohne wichtige Ausprobierorte wie den Otzenbunker gedacht werden, wenn sich Hamburg tatsächlich Musikstadt nennen möchte. 

Punkrockglücksrausch und Galadressgitarre

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Die Cigaretten

Ich jedenfalls bin noch ganz beseelt von dem famosen Abend im Hafenklang. Von Philistines mit ihrem schwelgerischen, raffinierten und hoch melodiösem Indierock. Von Die Cigaretten mit ihrem nervösen Grungegewitter an hinreißender Kostümierung, an Krümelmonsterbass, Technowestendrums und Galadressgitarre. Von den wie immer großartigen Küken mit ihrer 1234-Energie und kompaktem Punkrockglücksrausch. Von Clara Bow mit coolem Garagenrock samt extra „St. Pauli bleibt laut!“-Shoutout. Von Frank Spilker mit alten immerjungen Sterne-Hits und neuen guten dringlichen Songs plus charmanter Integration eines spontanen Mitsängers auf der Bühne. Und von Die Handlung mit ihrem Supermannsänger sowie smart-faustischem Rock.

All das mag ich. Sehr. An Hamburg. Bitte so bleiben, wild und weird sein.

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Operation Ton: Konferenz, Festival und Kollaborationskonfettikanone

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Ich liebe es, mich gedanklich durchpusten und in positiver Weise verwirren zu lassen. Für die Hamburger Popszene existiert glücklicher Weise ein Format, das prädestiniert ist für anregendes Kreuz- und Querdenken: Operation Ton. Nach einer einjährigen Pause ist der vom Verein RockCity Hamburg erdachte Mix aus Konferenz und Festival Ende März nun zum zwölften Mal am Start.

Menschen aus der Musikbranche finden bei Operation Ton nicht nur geballt praktische Tipps, sondern vor allem hoch konzentriert Ideen und Inspiration. Fernab von staubtrockener Theorie und Zeigefingerbesserwisserei können sich die Gäste zwei Tage und Nächte lang in eine Art kluges, künstlerisches und kommunikatives Bällebad werfen. Alles so schön bunt. Wo ist oben, wo unten? Glieder lockern sich. Perspektiven verschieben sich. Die Anwesenden beginnen, anders auf die Welt im Allgemeinen und die Popkultur im Besonderen zu schauen.

Um diesen informativen wie angenehm spleenigen Spirit von Operation Ton von Anfang an zu feiern, erhalten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zum Auftakt stets kleine Tütchen mit amüsantem Krimskrams. Die Nasenflöte aus einem der vergangenen Jahre liegt nach wie vor bei mir im Regal.

Frank Spilker trifft H.P. Baxxter

Ich erinnere mich an zurückliegende Ausgaben von Operation Ton. An ein Grenzen verschiebendes Gespräch zwischen Frank Spilker von Die Sterne und H.P. Baxxter von Scooter über den Weg ins Popgeschäft. Ebenso an einen Jodelworkshop, der ungeahnte Töne aus allen Beteiligten hervorholte. Ich konnte lernen, wie komplex Soundtüftler ihre Geräte verschalten und wie blitzgescheit Künstler ihr Schaffen organisieren.

Vor allem aber lassen sich bei Operation Ton aufgrund der hohen Dosis cooler Leute ganz entspannt Kontakte knüpfen und Komplizen finden. Eine Kollaborationskonfettikanone. Und um diesen Aspekt der Bandenbildung zu betonen, steht Operation in diesem Jahr unter dem Motto „Unity!“.

Operation Ton eröffnet Pop-Klinik im Feldstraßenbunker

Die Veranstaltung ist so etwas wie eine Operation am offenen Herzen des Patienten Pop. Doch statt zu jammern und die Sache mit der Kunst von vorne herein für tot zu erklären, schickt Operation Ton einen elektrisierenden Stromstoß nach dem anderen durch unsere Systeme. Und auch in diesem Jahr stehen diverse Experten bereit, um die Köpfe der Anwesenden ganz weit zu öffnen. Am 29. und 30. März wird der Medienbunker an der Feldstraße zur Pop-Klinik – mit dem Resonanzraum als Hauptoperationssaal.

Pragmatiker-Hits wie digitales Marketing, In-Ear-Monitoring und der Umgang mit Streaming treffen dann auf freigeistige Workshops. So erläutert die britische Musikerin und Komponistin Lydia Kavina etwa, wie sich ein Theremin spielen lässt. Spannend finde ich persönlich auch die Panels zu ökonomischen und politischen Themen sowie zu Zukunftsfragen. Kultursenator Carsten Brosda hält eine Keynote zur Förderung von Musikerinnen und Musikern. Und eine Runde aus Politik, Stadtplanung und Kunst diskutiert am Freitagabend die Frage „Welche Stadt brauchen Musicmakers heute?“

Katja Ruge spricht mit Gudrun Gut, Siri Keil mit Andrea Rothaug

Vor allem lebt Operation Ton aber von dem Reigen an Persönlichkeiten, die da zu erleben sind. So spricht etwa Fotografin Katja Ruge mit Wave-Ikone Gudrun Gut über DIY und Selbstvermarktung. Und um all den Input angemessen in sich rotieren zu lassen, folgen abends jeweils Konzerte, Lesungen und DJ-Sets. Angekündigt hat sich zum Beispiel Chanteuse Dillon mit einem Solo-Piano-Konzert.

Und wer noch mehr über Operation Ton erfahren möchte: Am 24. März spricht meine NDR-Kollegin Siri Keil im neuen Format „Nachtclub ÜberPop“ mit RockCity-Geschäftsführerin und Operation-Ton-Initiatorin Andrea Rothaug. Die Sendung läuft von 23.05 bis 0 Uhr.

29. + 30. März, jeweils ab 11 Uhr:
Operation Ton – Konferenz & Festival, Resonanzraum u. a.

Ebenfalls interessant: Fazit zum Reeperbahn Festival 2018

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Sophie Rois, Ian McEwan & The Kinks – Literatur und Pop verschränken

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Das Setting erscheint harmlos, die Inhalte sind es nicht. Wenn Schauspielerin Sophie Rois very british zu einer Tasse Tee lädt, geht es am Tisch keineswegs bloß oberflächlich höflich zu. Im Gegenteil.

Unter dem Motto „Have a cup of tea mit Sophie Rois – Songs und Storys über Inzest, Unschuld und Klassenbewusstsein“ präsentiert das Schauspielhaus in Hamburg einen Abend mit Erzählungen des britischen Schriftstellers Ian McEwan sowie Liedern der englischen Band The Kinks. Ich finde es stets sehr spannend, wenn unterschiedliche künstlerische Disziplinen verschränkt werden. Nach dem fulminanten Bowie-Stück, das ich vor einigen Wochen ebenfalls im Schauspielhaus gesehen habe, ist diese Inszenierung wesentlich reduzierter angelegt.

Sophie Rois liest zwei Geschichten Ian McEwans aus den 1970er-Jahren

Sophie Rois, Mark McRae, Clemens Maria Schönborn, Deutsches Schauspielhaus, Hamburg, Ian McEwan, A Cup Of Tea, The Kinks, theatre, music, china, rosenthalAuf der Mitte der Bühne nah an der Rampe steht ein kleiner runder Tisch, der als Teetafel mit einem Porzellanservice eingedeckt ist. Zwei Musiker setzen sich, Marc McRae und Clemens Maria Schönborn, der ebenfalls Regie geführt hat – in dunkle Anzüge gekleidet und mit akustischen Gitarren ausgestattet. Es folgt Sophie Rois. Schwarz-weiß gepunktete Bluse, schwarze Hose, spitze Schuhe, forscher Schritt und ein Lächeln, das cool und herausfordernd ist.

Zwei Geschichten McEwans aus den 1970er-Jahren wird sie lesen. „Erste Liebe, letzte Riten“ und „Homemade/Hausmittel“. In der ersten Story weht die Brise sommerlich hinein in die Wohnung eines jungen Liebespaares. Eine vielschichtige Erzählung zwischen liebestoller Leichtigkeit und sozialer Zerrüttung, zwischen simplen Vergnügungen und einfacher Arbeit.

Eine unaufdringliche Verbindung von Musik und Lesung

Toll finde ich, wie gut und wechselseitig verstärkend die unterschiedlichen akustischen Eindrücke wirken. Sophie Rois lässt uns mit ihrem Vortrag in die Rolle des männlichen lyrischen Ichs schlüpfen. Oftmals sitzt sie mit ihrem Manuskriptstapel in der Hand ganz vorne auf der Kante ihres Stuhls. Sie lädt die Lesung auf. Sie wispert und deklamiert, sie liest mit verschiedenen Stimmen und steigert sich hinein, begibt sich etwa mit dem Protagonisten in eine ausufernde sexuelle Schöpferfantasie.

Wie bei einem guten Soundtrack setzen parallel zum Gelesenen die Gitarren mit sachtem Spiel ein. Sophie Rois unterbricht dann ihren Vortrag, nickt ein wenig mit dem Kopf zum Takt und beginnt zu singen. Rau und zugleich kindlich. Nicht mit dem Druck des Rock, sondern kunstvoll nebenbei. Marc McRae und Clemens Maria Schönborn begleiten sie mit leisem Gesang. Eine schöne entspannte Mehrstimmigkeit. Mir gefällt diese unaufdringliche Verbindung von Musik und Literatur sehr gut. Fließend und organisch.

Die Lieder von The Kinks lassen das Gesagte nachschwingen

Kinks-Songs wie „Pictures In The Sand“ unterstreichen mit ihrem beschwingten Midtempo-Flair nicht nur die sommerliche Atmosphäre, sondern zugleich die Ironie, die Sophie Rois fein herausarbeitet. Und je weiter wir mit der famosen Schauspierin in die Handlung vordringen, desto selbstverständlicher fügen sich die Lieder ein. Sie eröffnen eine weitere Bedeutungsebene, die das Gesagte kommentiert, ergänzt, nachschwingen lässt.

Die anfängliche Hingabe der Hauptfigur zum Leben der Common People, die das Stück „Village Green“ reflektiert, kehrt sich im Laufe dieses Sommers in eine „Dead End Street“. Die Geliebte geht in der Fabrik arbeiten. Und das romantisierte Leben als Aalfischer erweist sich als gescheitertes Unterfangen. Die Umstände drücken. Eine Ratte arbeitet sich durch die Wand in das Liebesnest vor und wird zum Sinnbild für eine verwahrlosende Beziehung.

Die Handlung kippt ins Verstörende

In der zweiten Geschichte wird der Tonfall drastischer. „Homemade/Hausmittel“ scheint zunächst einfach von einem pubertierenden wie hochgradig gewitzten Jungen zu erzählen, der vor dem Google-Zeitalter über Mundpropaganda von einem etwas älteren Freund möglichst viel von den Segnungen des erwachsenen Daseins erfahren möchte. Doch als er den Plan fasst, seine Jungfräulichkeit zu verlieren, indem er sich an seiner kleinen Schwester vergeht, kippt die Handlung ins Verstörende.

Wie die Hauptfigur das Vati-Mutti-Spiel mit der Schwester bis aufs Äußerste vorantreiben will, schildert McEwan detailliert. In die extreme Tragik mischt sich ein starker humoristischer Unterton. Der absolute Tabubruch als sarkastisches Gagfeuerwerk – äußerst irritierend. Und wenn dann kurz vor dem Akt das Gitarristen-Duo die berühmten Kinks-Verse „Girl, you really got me goin’ / you got me so I don’t know what I’m doing“ anstimmt, ist das wie ein Schlag in den Magen. Die Unschuld ist nun endgültig verloren.

Ich merke erst beim Schlussapplaus, dass ich völlig angespannt dagesessen habe. Worte und Musik haben mich mit ihrer hinterlistigen Wucht vollends gepackt. Definitiv ein Abend, der unter die Oberfläche, unter die Haut geht. Der einen nachdenken lässt, zum Beispiel über das Verhältnis von Macht und Ohnmacht. Und der zeigt, dass Pop je nach Kontext immer wieder ganz neu gehört werden kann.

Sophie Rois am Schauspielhaus: „Probleme Probleme Probleme“ von René Pollesch, Uraufführung 6. April 2019

Titelfoto © Ulfig Hartmann Ahrens

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Songwriting-Workshop mit Fjarill – der Musik vertrauen

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Wer kann und darf überhaupt Kunst machen? Wenn es nach dem Hamburger Duo Fjarill geht: alle, jede und jeder. Seit 2004 produzieren Hanmari Spiegel und Aino Löwenmark traumversunkene Musik zwischen Folk, Pop, Jazz und Klassik. Und einige Male im Jahr laden die beiden zudem zu sehr besonderen Singer-Songwriter-Workshops ein. An einem oder mehreren Tagen kommen da ganz unterschiedliche Menschen zusammen, um gemeinsam ein Lied zu erschaffen.

Klingt kompliziert? Ist es überhaupt nicht. Denn Aino und Hanmari gehen ganz leicht und spielerisch an die Sache heran. Innerhalb weniger Stunden verbinden sich da verschiedenste Persönlichkeiten. Ohne dass allerdings die charakterlichen Eigenarten verschwinden. Im Gegenteil: Alles darf hell schillern und dunkel funkeln und sich verwandeln.

Fjarill, Duo, Hamburg, Pop, Hanmari Spiegel, Aino Löwenmark, Walden Studio, Midsommar, music, producing, Workshop, Songwriting, voice, coaching, singing, violin, piano, textingEin handbemaltes Schild weist in Richtung des Walden Studios. Da ich die große Freude habe, Fjarill als Pressetexterin für ihr neues Album „Midsommar“ zu begleiten, kenne ich bereits das hellholzige Refugium am Rande Hamburgs, in dem die beiden ihre Musik komponieren und aufnehmen. Direkt am Wald gelegen. Der hohe Dachgiebel lässt viel Raum zum atmen. Eine Kerze, Sitzkissen, Tulpen in einer Vase. Alles äußerst einladend.

Die Februarfrühlingssonne fällt warm herein, als sich an diesem Samstag 20 Leute nach und nach versammeln. Noch unruhig. Hinaus aus den Mänteln und Jacken. Ankommen. Sich orientieren. Ein erstes Kennenlernen. Der gemeinnützige Arbeitskreis Musik in der Jugend, kurz AMJ, veranstaltet den Workshop an diesem Tag. Daher begrüßen nicht nur Hanmari und Aino freudestrahlend ihre Gäste, sondern auch Christine von Bargen vom Hamburger Landesverband des AMJ.

Etwas Neues hineinwehen lassen

Zur Einstimmung spielen Hanmari und Aino ein eigenes Lied von Fjarill. Und wie die Musik da fein ineinandergreift, sich ausbreitet und unmittelbar berührt, ist überdeutlich die Virtuosität zu erkennen, die die beiden über Jahre und Jahrzehnte an Klavier, Geige und Stimme erlangt haben. Wohl niemand der Anwesenden kann derart komplex musizieren. Doch das zählt an diesem Wintertag nicht.

Fjarill, Duo, Hamburg, Pop, Hanmari Spiegel, Aino Löwenmark, Walden Studio, Midsommar, music, producing, Workshop, Songwriting, voice, coaching, singing, violin, piano, textingEine kurze Vorstellungsrunde ergibt: Manche sind auf dem Weg zum Profimusiker und suchen nach neuen Ansätzen. Andere sind Musiklehrerinnen und erhoffen sich Motivation für den Unterricht. Einige – so wie ich – singen nebenbei und freuen sich auf das Gesangserlebnis an sich. Wiederum andere möchten sich einfach Zeit schenken, in der sie sich beherzt etwas Gutes tun. Handy aus. Keine Ablenkung. Das Fenster öffnen. Etwas Neues hineinwehen lassen. Sich ausprobieren und fokussieren.

Die wenigsten im Raum streben ihren musikalischen Weg hauptberuflich an. Doch was Aino und Hanmari für uns erlebbar machen im Laufe des Tages: Wie sie als Fjarill ans Songwriting herangehen. Wie sich die Inspiration unverkrampft hervorlocken lässt. Und welche kreativen Schritte sie gehen, um neue Songs zu kreieren. Denn wenn sie nicht gerade fertige Texte vertonen, wie auf „Midsommar“ drei Gedichte des schwedischen Literaturpreisträgers Pär Lagerkvist, ist der Prozess folgender, erklärt Aino: erst die Musik, dann die Worte.

Die offene Atmosphäre, die Fjarill herstellt

Am Anfang ist der Sound. Und so laufen wir, nach Aufforderung von Aino und Hanmari, durch das Studio und bilden einfach die Töne, die gerade nach draußen möchten. Manche schüchtern, andere lautstark. Ein dissonanter voller Vielklang. Dass das schnell ganz unbefangen klappt, liegt vor allem an der offenen Atmosphäre, die Fjarill herstellt. Die beiden sind so freigeistig und klar, warmherzig und eigensinnig, dass Kategorien wie gut oder schlecht, cool oder uncool, Soll oder Leistung gar nicht erst an der Oberfläche erscheinen. Es brummt und sirrt und wogt.

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Aino Löwenmark und Hanmari Spiegel (r.) im Walden Studio

In immer weiteren Runden lassen wir Melodien und Rhythmen fließen, wie die Intuition sie uns gerade eingibt. Hanmari beginnt, uns mit Akkorden am Keyboard zu begleiten. Gemeinsam mit Aino hat sie sich diese Grundlage vorab ausgedacht, um das Lied letztlich durch Strophe, Bridge und Refrain zu strukturieren. Wir improvisieren weiter zu dieser Basis. Zunächst noch jede und jeder für sich. Doch damit das Ganze am Ende kein einziger vieltönender Hall bleibt, bittet Aino uns herumzuhorchen, ob nicht jemand im Raum eine ähnliche Gesangslinie anstimmt.

Diese Phase des Workshops finde ich besonders magisch. Denn wie von unsichtbaren Fäden geführt, finden sich kleine Gruppen zusammen, die ähnlich klingen. Schwünge, Höhen, Tempi gleichen sich an. Finden einen Groove. Eine Dynamik, die sich Akkordfolge für Akkordfolge feiner aufeinander einstellt, selbstverständlicher miteinander schwingt, sich voller entfaltet.

Den Song finden: mehr als die Summe der einzelnen Teile

Ich fühle mich sehr aufgehoben in diesem Klang, in diesem Fluss. Mir gefällt es äußerst gut, wie körperlich Fjarill an den Akt des Singens herangeht. Und wie sehr Aino und Hanmari auf die ganz eigene schöpferische Kraft der Musik vertrauen. Darauf, dass aus der Summe der einzelnen Teile etwas Größeres erwächst. 

Fjarill, Duo, Hamburg, Pop, Hanmari Spiegel, Aino Löwenmark, Walden Studio, Midsommar, music, producing, Workshop, Songwriting, voice, coaching, singing, violin, piano, textingDie vier Groove- und Gesangseinheiten, die sich gebildet haben, präsentieren ihre Parts dem restlichen Workshop. Spannend, da kurz vom Akteur zur Zuhörerin zu wechseln. Entstanden ist zum Beispiel eine sehr hohe dramatische Linie, die jedem Metalsong zur Ehre gereichen würde. Aber auch ein tiefer rollender Verlauf, der melancholischere Züge besitzt. Hanmari notiert die Noten der soeben erst gefundenen Melodien, um die verschiedenen Stücke später aneinandersetzen zu können.

Das Texten: von Ängsten, Aus- und Aufbruch

Erst jetzt geht es ans Texten. Fünf Minuten sitzen wir in der Gruppe einfach still da und Hanmari spielt den Song immer und immer wieder auf dem Keyboard, damit wir frei assoziieren können. Im Anschluss erzählen wir, was uns eingefallen ist. Und Aino notiert all die Worte auf einem Clipboard. Interessanter Weise driften die Gedanken in ähnliche Richtungen. Von Ängsten, Aus- und Aufbruch ist die Rede. Viele Tiere tummeln sich zudem in der Runde. Rehe, Storche, sogar Nilpferde. Während manche zu verträumteren Bildern neigen, fordert eine von uns mehr verbale Aggressivität, um einen radikalen Wandel zu signalisieren.

Die Stimmung ist konzentriert und locker zugleich. Lachen. Sich gegenseitig applaudieren. Ein prima Empowerment. Doch ebenfalls eine intensive Angelegenheit. Daher gehen wir dankbar in die Mittagspause. Alle haben etwas fürs Buffet mitgebracht. Ein buntes Schlemmen und Plaudern. Viele, so erfahre ich, kommen aus Hamburg und dem Norden, ein Paar ist allerdings extra aus dem Rheinland angereist. Zudem gibt es einige regelrechte Fjarill-Workshop-Fans, die zum vierten, fünften Mal dabei sind.

Fjarill, Duo, Hamburg, Pop, Hanmari Spiegel, Aino Löwenmark, Walden Studio, Midsommar, music, producing, Workshop, Songwriting, voice, coaching, singing, violin, piano, textingGestärkt geht’s weiter ans konkrete Texten. In kleinen Runden verteilen wir uns im Haus und erdichten auf Grundlage des Brainstormings Zeilen für Strophen, Bridge und Refrain. Ein schönes Pingpong aus Worten, das mal hakt, mal ins Leere läuft, das aber auch erstaunlich schnell Singbares aufs Papier bringt. Plattitüden umschiffen und rätselhaft bleiben – das sind zwei Leitlinien, die sich in meiner Gruppe schnell herauskristallisiert haben.

Der fertige Song: Nuancen verdichten

Als die Runden dann schließlich ihre Werke vorsingen, ist das ein grandioses Überraschungsfeuerwerk. Ganz unterschiedlich sind Duktus und Sprachen. Und dennoch ergibt alles einen Sinn, als es letztlich zusammengefügt wird. Mehrfach singen wir zum großen Finale unseren Song durch. Ein Lied, dass sich aus einem Gefühl der Enge euphorisch aufschwingt. Dass all die Nuancen der Anwesenden mitträgt und zugleich für sich frei fliegen kann – und das auf Englisch, Schwedisch und Deutsch.

Mich fasziniert, dass solch eine Musik, die an nur einem Tag entstanden ist, viele unterschiedliche Emotionen und Denkanstöße verdichten kann. Und dass die Kunstproduktion eben kein leidensvoller Akt sein muss, sondern etwas sehr Positives und Verbindendes bergen kann.

Für mich lebt der Workshop von Fjarill aus der Kombination von Hippie-Attitüde und dem großen musikalischen wie menschlichen Gespür, dass Aino und Hanmari besitzen. Ein Tag, der einen glücklich zurücklässt.

Nächster Workshop (diesmal für Kinder): 1. Juni, Walden Studio

Fjarill live:
28. April: Elbphilharmonie
18. April: offene Generalprobe, Kulturhaus Eppendorf

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„Live at Clouds Hill“ mit Konni Kass und Neøv

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Ich liebe Musikstudios. Die Konzentration auf die Kunst, das Unfertige, das Suchen und Verwerfen sind in den Räumen zu spüren. Und die magischen Momente, wenn sich der Sound zusammenfügt zu etwas Größerem, Ungewöhnlichem, Interessantem, Inspirierendem.

In Hamburg existieren zum Glück zahlreiche solcher Herzkammern der Musik. In einigen durfte ich im Laufe der Jahre schon einmal zu Besuch sein, zum Beispiel in Dennis Rux’ retro-affinen Yeah! Yeah! Yeah! Studios, in Franz Plasas üppig angelegten Home Studios oder im Studio von Produzent Kristian Kühl, wo jüngst viele tolle Hamburger Bands wie Ilgen Nur, Swutscher, Schrottgrenze, Trümmer und Botschaft Alben aufgenommen haben.

Clouds Hill Recordings, Studio, Label, Rothenburgsort, Hamburg, Pop, music, production, magazineEin Studio mit äußerst warmer Aura – und grandiosem handverlesenen Equipment – ist Clouds Hill Recordings in Rothenburgsort. Innerhalb der vergangenen 13 Jahre hat Produzent Johann Scheerer in dem mächtigen Backsteinbau an der Norderelbe nicht nur Refugium und Experimentierfeld für so unterschiedliche Musiker wie Faust, Pete Doherty, Bela B, Boy, Anna Depenbusch oder Bosnian Rainbows geschaffen. Mittlerweile ist zudem ein kompletter Kosmos gewachsen, der den freigeistigen Clouds-Hill-Spirit transportiert. Ein Label, ein Magazin, Mode – und die Reihe „Live at Clouds Hill“.

Das Prinzip dieses Projekts ist denkbar einfach: Musiker, Musikerin oder Band spielen direkt im Studio ein Set vor kleinem Publikum, das maximal 64 Minuten lang ist, also die Länge von zwei analogen Tapes besitzt, wie die Clouds-Hill-Seite informiert. Der Auftritt wird live mitgeschnitten und simultan gemischt, so dass die Aufnahme im Anschluss sofort gemastert und auf Vinyl gepresst werden kann. Ganz unmittelbar.

Finnland und die Färöer Inseln zu Gast bei Clouds Hill Recordings

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Konni Kass, fotografiert von Beinta á Torkilsheyggi

Zu einer solchen Session hat Clouds Hill am Dienstag geladen – mit der finnischen Band Neøv und Konni Kass von den Färöer Inseln. Die Sängerin und Pianistin spielt normaler Weise gemeinsam mit drei weiteren Musikern aus ihrer nordischen Heimat und produziert einen komplex driftenden Electropopsound. Doch an diesem Abend setzt sie sich solo an das sachte beleuchtete Klavier.

Ihre Stimme tönt so voll und fragil und herzensdicht, dass das Publikum einfach dasteht und atmet und zuhört und sonst nichts. Ich liebe diese fokussierte Energie sehr. Etwa 40 Leute gemeinsam in einem Raum, in dem die Musik kurz die Zeit aufzuheben scheint. Der reduzierte Sound lässt Luft zum Assoziieren. Die Akzente des Gesangs und die Anschläge am Piano bestimmen Puls und Fluss der Gedanken.

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Neøv © Clouds Hill

Kompakter, aber nicht minder hypnotisch durchdringt der Sound die Körper beim zweiten Teil des Konzerts mit dem Trio Neøv. Die beiden Brüder Anssi und Samuli Neuvonen an Gitarre und Gesang sowie Schlagzeug erzeugen gemeinsam mit Bassist Ari Autio einen schwelgerisch-verschachtelten Indiepop. Zu hören ist das unter anderem auf ihrem neuen dritten Album „Volant“, das soeben beim Clouds-Hill-Label erschienen ist. Und mit dem Wissen, dass die Neuvonens in der finnischen Seenregion um Juankoski aufgewachsen sind, meine ich sofort, eine sich ausdehnende Landschaft in ihren Songs zu hören. Das Studio wird rau und wild und wunderschön bewuchert durch die sanfte Wucht ihrer Songs.

Reden, rauchen, aufgehoben sein

Clouds Hill Recordings, Studio, Label, Rothenburgsort, Hamburg, Pop, music, production, live, session, concert, NEØV, Band, finland, Konni Kass, faröe islands, interieur, drumsNach dem Konzert strömen Künstler und Gäste wieder ins weitläufige Foyer von Clouds Hill. Ein wenig verwandelt und ein bisschen mehr verbunden stehen alle beisammen bei Drinks und Quiche. Instrumente an den Wänden, ein altes Telefon, Poster, eine Notizwand. Eine entspannte Behaglichkeit. Reden, rauchen, aufgehoben sein.

Ich finde es wirklich toll, dass das Clouds Hill sich immer wieder öffnet und auf seinen Wolkenhügel lädt. Andere bei zu sich zu Hause einzulassen, ist nicht selbstverständlich. Und wenn dort die Musik wohnt – umso schöner.

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