“Sommer in Altona”: Country in der City

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Ich bin immer wieder schwer beeindruckt von Menschen, die in einer Wiese nicht bloß eine Wiese sehen, sondern einen Ort, an dem Leute zusammenkommen, Musik hören, sich begegnen. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Eine Wiese darf auch gerne eine Wiese bleiben und nicht jeder Platz in der Stadt muss stets einen Zweck, eine Funktion, einen Nutzen haben. Aber im Fall von „Sommer in Altona“ gefällt mir die temporäre Bespielung des Parks am Nobistor äußerst gut.

Einen Monat lang zeigt uns die Hamburger Platten-, PR- und Bookingfirma Popup Records mit ihrer (von der Stadt unterstützten) Konzertreihe, was im öffentlichen Raum möglich ist zwischen den Polen “kommerzielles Großevent” und “Umsonst-und-Draußen”. Ein hoch sympathisches Pop-Festival direkt vor der Haustüre nämlich, für das niemand Easy-Jet-Open-Air-Hopping quer durch Europa betreiben muss. Und das auf Kooperationen in verschiedene Richtungen setzt.

PR Newman spielt Songs von dringlicher Beiläufigkeit

An diesem Abend präsentiert das Hamburger Label Devil Duck Records vier Bands aus seinem wachsenden Portfolio. Zwei Künstler spielen bei freiem Eintritt im lauschigen Biergarten, zwei Bands treten später im – ausverkauften – Zirkuszelt auf. Ein schöner Kompromiss.

Am Eingang werde ich aufgefordert, für die Alimaus zu spenden, die nahe Tagesstätte für Obdachlose. Denn der „Sommer in Altona“ möchte kein in der Nachbarschaft gelandetes Raumschiff sein, das ohne Kontakt zur Umwelt sein Spektakel aussendet. Kommunikation ist der Schlüssel.

Wie hingewürfelt stehen Biergarnituren und Liegestühle unter alten Bäumen, flankiert von Getränkestand, Käsegrill und Dixi-Klos. Die Sonne scheint milde durch die Blätter über uns, als PR Newman Songs von dringlicher Beiläufigkeit in den Abendhimmel schickt. Ein junger schmaler Typ aus Texas mit Stimme, Gitarre, Mundharmonika und Dylan’eskem Charme. Das PR in seinem Namen steht übrigens für Punkrock. Ein hübscher Beweis dafür, dass Punk nicht zwingend etwas mit Krawall und Lautstärke zu tun haben muss, sondern womöglich vielmehr mit einer gewissen ruppigen, gewitzten bis querdenkenden Attitüde. Und mit einem Gesang, der die Zuhörer fein aufzuwühlen versteht.

Jon Kenzies Laut-Leise-Spiel sorgt für tolle Dynamik

Im Anschluss stellt Devil-Duck-Chef Jörg Tresp den Briten Jon Kenzie vor, den er beim Straßenmusizieren entdeckt hat. Zur akustischen Gitarre singt Kenzie schwelgerische Songs voller Blues, Soul, Folk. Sein Gesang besitzt einen satten warmen Klang, den er wie mit einem inneren Verstärker noch einmal hoch regeln kann, was on the road ohne Mikrofon gewiss von Vorteil ist. Beim „Sommer in Altona“ sorgt sein Laut-Leise-Spiel für eine tolle Dynamik.

Ein wenig scheinen die Lauschenden ringsherum auch den Sommer zu verabschieden. Die Wetteraussichten für die kommenden Tage ist nicht so dolle, der Herbst naht. Noch einmal ohne Jacke dasitzen. Luft auf der Haut. Alles abspeichern. Die Schwangere, die an einem Baum lehnt. Die bärtigen Bikertypen, die so freundlich gucken. Die tätowierten Beine, die aus Kniestrümpfen ragen. Die Gesichter, die die Elbstrandsonne gebräunt hat. Die Wespen, die Bierbecher entern. Die Frau mit Hut und Hund, die übers Grün flaniert. Das Paar, was einfach lächelnd dasitzt.

Drinnen im Zirkuszelt dann Energiewechsel. Mehr Feier als Abend. Mit Whiskey Shivers entern fünf Musiker die Bühne, denen die Spielfreude aus jeder Pore zu tropfen scheint. Die Texaner sind so etwas wie eine Multikulti-Redneck-Band, die einen absolut famosen Mix aus Bluegrass, Hillbilly und Countrymusik spielt. Frontmann Bobby Fitzgerald, seines Zeichens Sänger und Highspeed-Virtuose an der Fiddle, ist eine ärmellose, barfüßige Turbo-Erscheinung samt Vokuhila-Frisur, die er mit größter Selbstverständlichkeit trägt. Die Songs der Whiskey Shivers rasseln und rattern mit Hochgeschwindigkeit in die kleine Arena hinein. Dauergrinsen. Dance op de deel. Es riecht nach Schweiß und Spänen.

The Dead South besticht durch herrlich räudiges Charisma

Eine perfekte Einheizung für The Dead South, dem Hauptact des Abends, zu dem noch wesentlich mehr Leute ins Zirkuszelt strömen. Diverse Fans im Publikum tragen T-Shirts der Band oder haben sich direkt den Look der Combo angeeignet, deren männliche Mitglieder in weißen Hemden mit schwarzen Hosenträgern auftreten. Banjo-Spielerin Eliza Mary Doyle wiederum erinnert in schwarzem Kleid mit roter Blume im Haar an eine Saloon-Lady.

Die Kanadier fabrizieren einen ultra coolen, grandios dreckigen und zugleich äußerst mitreißenden Sound aus Folk, Bluesgrass und Rock ‘n’ Roll. Die Band besticht durch ihr herrlich räudiges Charisma – und die ein oder andere Tanzeinlage. Doch wie die verschiedenen Saiteninstrumente von Mandoline über Cello bis Gitarre fein ineinandergreifen, bringt die Seele noch einmal auf einem anderen Level zum Schwingen. Und die Saunatemperaturen unter der Zeltkuppel lassen den Geist zusätzlich angenehm irrlichtern. Ein musikalischer Desperado-Trip.

Wieder draußen dann: atmen, abkühlen. Und schließlich abreisen. Nach Hause. Mit dem Rad.

Im Winter werde ich an dieser Wiese vorbeifahren. Und an den Sommer denken. In Altona.

Weitere Konzerte für Countrymusiclovers gibt’s bei Yeehaw Hamburg

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Dockville Festival 2018: Dream A Little Dream With Me

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Jedes Mal, wenn ich zu einem Festival fahre, so wie am Freitag zum nunmehr zwölften Dockville in Wilhelmsburg, frage ich mich, was mir der Besuch bringen mag. Was werde ich finden? Was treibt mich an? Die Liebe zur Musik und zu den Menschen, klar. Aber was ist mein Motor für genau diesen einzigen, nicht wiederkehrenden Tag?

Die Antwort erhalte ich, nachdem ich mein Rad bei der famosen Fahrradgarderobe abgegeben habe und Richtung Festivalgelände laufe. Auf dem Rücken der Jeansjacke einer jungen Frau vor mir steht in weiß gepinselten Lettern: „Follow Your Fucking Dreams“. Okay. Danke. Eine der schönsten und zugleich schwierigsten Aufgaben, die es im Leben zu absolvieren gilt, soll also mein Motto sein.

Art, Darko Caramello, Dockville, Festival, Hamburg, Pop, Wilhelmsburg, Openair, musicFestivals sind verdichtete Message-Boards. Alle sind auf Sendung. Mit Sprüchen. Mit Outfits. Mit Expression. Und ich, ich folge nun also meinen verdammten Träumen.

Meine erste Station ist der Auftritt von Aroma, die am frühen Nachmittag die Vorschot-Bühne eröffnen. „Ganz schön undankbar, um diese Uhrzeit zu spielen“, sagt ein Typ in Lederjacke mit Blick auf die wenigen Menschen auf dem Platz. Aber er soll eines Besseren belehrt werden. Denn mit ihrem driftenden Mix aus Electro und Indierock, mit euphorischen Ansagen und einer starken Energie ziehen die Hamburger zusehends mehr Leute an.

Als würde Aroma all diese Farben vertonen

Diese Popband ist die erste, die beim Dockville 2018 alles anfacht. Das Träumen und das Tanzen. Etwa bei dem Mädchen, das einen Regenbogen auf ihr rechtes Schienbein gemalt hat. Als würde Aroma all diese Farben vertonen. Das Nichtgreifbare. Das transparent Schimmernde. Und ich, ich ziehe weiter, auf der Suche nach dem Schatz, nicht am Ende des Regenbogens, sondern mittendrin.

Elmar Karla, art, Dockville, Festival, Pop, Hamburg, MusicIch stoße auf Kunst, die das Dockville stets zu so viel mehr macht als einem reinen Pop-Event. Installationen und Interventionen, Street-Art und Malerei ziehen feine zusätzliche Ebenen durch das Festival, die die Seele animieren und das Hirn durchpusten. Beste Voraussetzungen zum Träumen also. Die bewegliche Skulptur des Künstlers Elmar Karla macht, neben ihrem haptischen Spielspaß, auch nachdenklich. In drei drehbaren Blöcken lassen sich Kopf, Rumpf und Beine von so unterschiedlichen Figuren wie Dagobert Duck, einer Amazone und einem Roboter nach Herzenslust kombinieren, so dass gepuzzelte Geschöpfe entstehen. Geremixte Identitäten sozusagen.

Ein Gorilla speit Seifenblasen

Create Your Own God“ heißt das variable Werk. Und als ich mich so auf dem ehemaligen Industriegelände umgucke, denke ich, dass viele Besucher bereits sehr gut darin sind, ihre eigenen Gottheiten zu erschaffen. Sie haben sich Festival-Totems gebastelt, die sie hochhalten und anbeten und umtanzen als Symbole von Freiheit und Fun. Ein Gorilla speit Seifenblasen. Ein Lama glitzert. Ein Regenschirm lässt Gold regnen.

Dockville, Festival, Hamburg, Pop, Wilhelmsburg, Openair, musicSie alle versammeln sich zu einer Messe nach der anderen. Zum Beispiel zum Auftritt von The Cool Quest aus den Niederlanden, die mit Beats und Groove, Rap und Irrwitz für reichlich Wallung sorgen. Besonders angetan bin ich, dass die Band den lange nicht gehörten Hit „Gypsy Woman (She’s Homeless)“ von Crystal Waters covert. Mit einem housigen „La Da Di Ladida“ im Kopf ziehe ich weiter und denke an erste Diskothekenbesuche. Träumen bedeutet mitunter eben auch, sich zu erinnern. Also quasi rückwärts zu träumen und die Bilder dann ins Heute zu holen.

Träumen darf nicht zielgerichtet sein. Zum Glück ist es der Matrix des Dockville immanent, dass sich die Gäste in dem Festival verlieren. Am besten funktioniert das im verwunschenen Wäldchen jenseits der Butterland-Bühne, von der das Pulsen und Pochen des Hamburger DJ-Kollektivs Tisko herüber weht. Ein perfekter Herzschlag-Soundtrack, um sich auf verschlungenen Pfaden zwischen hochgewachsenem Grün zu verquatschen, zu vergucken, zu verbummeln. Ein Holunderwunderland mit Bühnen und Bars, die es zu entdecken gilt. Ein Dancefloor, der von einem Smiley bewacht wird. Ein Wohnwagen, aus dem Lakritz fließt. Funkelnde Menschen lassen sich in Hängematten nieder und fletzen sich in Astgabelungen. Alice im Dockvilleland.

Das Dockville bietet Raum, sich auszuprobieren, zu erfinden, auszuleben

Ich schaue mich um und denke: The Kids Are Alright. Sie sind bunt und divers, dick und dünn, merkwürdig und schön, groß und klein, aufgekratzt und überfordert, entspannt und neugierig. Sie tragen Wolfsmütze und Lorbeerkranz, pinke Kniestrümpfe und wüst gemusterte Overalls. Klar, die meisten besitzen einen erkennbaren Willen zur Hipness, dies aber eigen und sinnig. Und das Dockville bietet allen einen Raum, um sich auszuprobieren, zu erfinden, auszuleben. Ein Traumbeschleuniger. Ein verantwortungsvoller zudem.

Auf dem Kreativmarkt sind zwischen feinen Illustrationen und „Anti-Nazi-Stickern“ auch Stände von Pro Familia sowie für einen kostenlosen Hörtest zu finden. Auf letzteren verzichte ich, da ich das Ergebnis fürchte, und lasse mich lieber kurz in den nächsten Rave hineinziehen, der vor der Nest-Bühne zum Set des Kollektivs Fischmarkt seinen Staub aufwirbelt. Ein Stampfen und Heulen. Wie ein Rudel auf der Jagd nach Nichts. Schön.

Jakobus Durstewitz, painting, harbour, Dockville, Festival, Hamburg, Pop, Wilhelmsburg, Openair, musicTräumen heißt: loslassen. Nicht immer alles verstehen müssen. So wie bei der Grazer Band Granada, die mit verschwitztem Burschi-Charme auf der Grossschot-Bühne eine von Indierock befeuerte Party entfachen. Ich schnappe einzelne Versatzstücke auf, die nicht in Musik und Mundart untergehen: „Liebend gern bei Dir“, „Körperkultur“, „Scheiß Berlin“.

Mein Hirn versucht noch, sich eigene Geschichten zwischen diesen Worten auszudenken, als ich beim weiteren Stromern auf die Hütte von Jakobus Durstewitz stoße. Der Künstler malt die großformatigen Hafenlandschaften, die die Bühnen des Dockville farbenfroh flankieren. Während des Festivals arbeitet er live an (kleineren) Bildern. Und es ist eine kontemplative Freude, dem freundlichen Herren dabei zuzusehen, wie er besonnen Pinselstrich um Pinselstrich setzt. Leuchtend und melancholisch sind seine Hamburg-Panoramen, die er für 2019 in einem Kalender versammelt hat. Monat für Monat ein Stück Dockville-Bühne, zwölf Seiten Festival-Traum.

Chefboss schießt Blitze aus Gold mit Dancehall, Tanz und Abriss

Von dieser ruhigen Kraft tauche ich ein in eine wilde Performance. Und ich freue mich sehr, dass solche Kontraste auf so dichtem Raum möglich sind. Die Hamburger Formation Chefboss schießt Blitze aus Gold mit ihrer Show aus Dancehall, Tanz und Abriss.

Chefboss, Alice Martin, Maike Mohr, Dockville, Festival, Hamburg, Pop, Wilhelmsburg, Openair, musicAlice Martin rappt so unmittelbar, als läge ihr Herz direkt auf der Straße. Und Maike Mohrs Moves sind getanztes Scratchen: geschmeidig, zuckend, jeden Beat verkörpernd. Die Menge tobt, Handtücher kreisen. „Ich liebe diese Energie. Die gibt’s nur in Hamburg City“, ruft Alice Martin. Und dann feuert Chefboss ihren aktuellen Hit ab: „Hol dein Freak raus“!

Schon wieder so eine Message, ein Motto, ein Auftrag. Aber das soll an einem anderen Tag geschehen. Das Träumen ist gerade so schön. „Let Me Dream While My Heart Is Large“.

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Konzertreihe Knust Acoustics – ein Marktplatz für Musik

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Da, wo ich herkomme, vom Niederrhein, gehen die Leute gerne an einem festen Tag in der Woche auf den Markt, um eine Erbsensuppe zu essen, um sich zu treffen, um zu klönen. Niemand muss sich groß verabreden. Es ist klar, dass immer ein vertrautes Gesicht vor Ort sein wird. Und Neulinge werden munter in die Runde integriert.

An diese offene Atmosphäre muss ich denken, als ich mal wieder die Knust Acoustics auf dem Lattenplatz im Karoviertel besuche. Seit 2011 treten im Juni, Juli und August immer mittwochs zwischen 18 und 20 Uhr drei Bands mit reduzierten Sound-Arrangements unter freiem Himmel auf. Die Menschen kommen von ihrer Arbeit oder von Zuhause. Manche noch im weißen Bürohemd, andere im Bandshirt. Und alle mit einem Gesichtsausdruck, aus dem sich der Alltag langsam verabschiedet und sich für etwas anderes öffnet. Für Begegnung, Musik, womöglich eine kleine Verwandlung.

Alles hat seinen Platz bei den Knust Acoustics

Familien und Freundescliquen, gut eingegroovte Paare und frisch Verliebte, Musikfans und Geselligkeitssuchende lassen sich an Biergarnituren und auf Klappstühlen nieder. In den ersten Reihen sitzen die Zuhörer, die sich voll und ganz auf die Konzerte konzentrieren möchten. Hinten hocken die Quatscher, die mit guter Backgroundmusik ihren Feierabendplausch abhalten wollen. Alles hat seinen Platz bei den Knust Acoustics. Solange die Unterhaltungen nicht die Songs übertönen.

Leise ist okay“, erklärt Siebeth. Der Mann mit dem sportiven Trucker-Look ist – um im Bild zu bleiben – der Chefmarktbeschicker des Ganzen. Er ist Booker, Veranstalter, Moderator, Musiker, Netzwerker sowie Kopf und Seele der Knust Acoustics. Mit seinem hoch charmanten Format bereichert er nicht nur den Pop in Hamburg, sondern ist mittlerweile auch in den lauschigen Hof des Berliner Kesselhauses expandiert. Und wer weiß, wohin ihn die Liebe zu handgemachter Herzensmusik noch führt.

Amtlich angefüttert wird die Acoustics-Gemeinde vor Ort jedenfalls durch das Sammelalbum zur Konzertreihe. Jeden Mitwoch verteilt Siebeth Sticker, auf denen die Künstler der Saison zu sehen sind und die Fans in ein schmales Programmheft einkleben können. Eifrige Aufkleber-Tauschaktionen befriedigen nicht nur den Wunsch, ein komplettes Album vollzumachen, sondern lassen zugleich neue Kontakte entstehen. Schön.

Siebeths Acoustics-Konzept basiert übrigens auf Spenden. Doch in Hamburg hat er nach Jahren des Hutkreisens aufgrund mauer Zahlungsmoral eine Box am Eingang mit einer Spendenempfehlung von fünf Euro aufgestellt. In Berlin hingegen funktioniert das Prinzip Freiwilligkeit laut Veranstalter noch bestens.

Dass die „Arm, aber sexy“-Hauptstadt offenbar eher für Kunst zahlen mag als Pfeffersackhausen, ist an unserem Tisch direkt Thema. An diesem Abend ist eine Stunde vor Beginn bereits Hamburgs womöglich größter Musikfan am Start. Nennen wir ihn Uwe. Wir setzen uns zu ihm in die erste Reihe direkt vor der kleinen überdachten Bühne und reden, trinken, vertreiben irritierende Wespen und wünschen uns lustige Hummeln herbei. Der Platz füllt sich. Hallo, Umarmungen, Vorfreude.

Lutz Rode erinnert uns an Sänger von Jan Plewka bis Serge Gainsbourg

Das Bemerkenswerte an den Knust Acoustics ist die stilistische Bandbreite der Künstler. An diesem Mittwoch wandelt der Hamburger Phil Siemers mit fein justiertem Jazz, Soul und Pop sowie deutschsprachigen Texten auf den Spuren von Roger Cicero und Stefan Gwildis. Der Berliner Indiepop-Chansonnier Lutz Rode wiederum lässt uns mit Lonesome-Cowboy-Charme und reichlich aufgerauter Stimme an Sänger von Jan Plewka bis Serge Gainsbourg denken. Die größte Überraschung ist für mich jedoch der Auftritt von Fuck Art, Let’s Dance.

Fuck Art Let's Dance, Knust Acoustics, Band, Concert, Open Air, Festival, Club, Pop in HamburgDas Hamburger Quartett steht eigentlich für electro-rock ‘n’ rolligen Abriss in schwitzigen Clubs wie Molotow oder Uebel & Gefährlich (der Song “Übersleep” ist unter anderem zu finden in meiner Playlist “Biggy Hamburg Pop”). Für die Knust Acoustics haben Sänger und Gitarrist Nico Cham sowie Gitarrist Romeo Sfendules jedoch einige Songs neu arrangiert.

Das Ergebnis: Zwei Akustikgitarren, die melodisch spannend ineinandergreifen. Ein Gesang, der markerschütternd schön strahlen kann. Und ganz viel Energie, die trotz des ruhigeren Settings bei uns im Publikum ankommt. Als die Zwei dann noch gemeinsam mit allen auf dem Platz singen, denke ich: Das ist dann doch besser als Erbsensuppe. Nahrung für die Seele.

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Von einem, der ankam: “Vielleicht in Hamburg” von Die Regierung

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Vielleicht in Hamburg“. Ein solcher Songtitel klingt wie ein Versprechen, aber auch ein wenig vage. Mich jedenfalls hat er sofort angesprochen. Denn Mitte der 90er-Jahre, als ich noch nicht im Norden lebte, da war das für mich eine absolut aufregende Option: „Vielleicht in Hamburg“ auf ein Konzert gehen. „Vielleicht in Hamburg“ wohnen. „Vielleicht in Hamburg“ das gute wilde Leben finden. Hamburg war damals der Platz für mich: Pop und Subkultur, schräge Lieder und schiefe Visagen, sexuell und politisch anders denkend.

Als ich dann noch erfuhr, dass der Song eine neue Nummer von Tilman Rossmy und seiner Band die Regierung ist, lief die Erinnerungsmaschine direkt weiter auf Hochtouren: Ich war gerade nach Hamburg gezogen und saß das erste Mal im Saal 2 am Schulterblatt. Ein Freund hatte den Ort vorgeschlagen. Ich war etwas zu früh, setzte mich ans Fenster, blickte umher und sah doch tatsächlich Tilman Rosmy in der Mitte des Cafés sitzen, wie er in seinen Milchkaffee schaute. Ein freundlicher Dandy. Vielleicht ein wenig müde.

Über seltsame Entertainer und professionelle Fans

In mir breitete sich ein solch ultimatives Zuhausegefühl aus, dass ich es bis heute abrufen kann. Ich war damals, Ende der 90er, schon Fan. Tilman Rossmy war für mich der nölige Poet, der Liebeslieder von verpeilter Schönheit sang. Über Nicole, Charlotte und Corinna. Er schuf aber vor allem lakonisch rockende Studien über Existenzen jenseits der Norm. Über seltsame Entertainer und professionelle Fans, über Künstler und Idioten, über Lebefrauen und -männer. Und in Hamburg war das möglich, dass so ein toller Musiker einfach ganz ruhig neben einem im Café saß.

All diese Bilder liefen also bereits in meinem Kopfkino ab, bevor ich diesen Song gehört habe, der am 17. August 2018 offiziell als Single beim Berliner Label Staatsakt erscheint. Das ist natürlich gefährlich. Stichwort: Erwartung. Und schön. Stichwort: Vorfreude.

Und wie ist es nun, dieses „Vielleicht in Hamburg“?

Musikalisch ist „Vielleicht in Hamburg“ eine Mischung aus Singersongwriter-Charme und verhaltenem Rock mit fein eingewobenen Gitarrenmelodien. Rosmys halb bemüht ausgestoßenes „Uh Ah Uh Ah Ah“ zu Beginn wirkt eher wie ein Rock ‘n’ Roll-Zitat als wirklich ernst gemeint. Mir gefällt das Abgehangene der Nummer sehr gut. Versucht Rosmy, der Anfang August seinen 60. Geburtstag feierte, doch gar nicht erst, hyperaktiv berufsjugendlich rüberzukommen.

Die Regierung, Tilman Rossmy, Cover, Single, Vielleicht in Hamburg, Song, Pop in HamburgIn zwei markanten Episoden erzählt uns Tilman Rossmy auf knapp vier Minuten seine eigene Geschichte. Wie er vier oder fünf Akkorde auf der Volkshochschule lernte und ihn die Prognose ereilte: Damit kommt man nicht weit. „Nicht in meiner Heimatstadt, aber vielleicht in Hamburg“, antwortet er in gewohnter Sing-Sprech-Monotonie. Also zieht der Protagonist in die Hansestadt. In ein Acht-Quadratmeter-Zimmer. Im Sorgenbrecher auf dem Kiez findet er Fans und Freunde, die ihm zurufen: „Schön, dass Du jetzt hier bist“.

Und mir zerspringt kurz das Herz vor Freude, dass dieses kleine Lied genau dieses Gefühl verdichtet, angekommen zu sein an einem Ort, wo die Menschen einen womöglich ein bisschen besser verstehen als anderswo. Willkommen zuhause.

Ich muss an diesen Werbespruch eines Brauseherstellers denken: „Unser soziales Netzwerk heißt Tresen“. Rausgehen, sich treffen, austauschen, das Andere umarmen. Genau das gilt es zu tun. Immer wieder.

Vielleicht in Hamburg“ erscheint am 17. August beim Label Staatsakt.
Tilman Rossmy live mit den Flowerpornoes: 23. August, Knust.

 

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Nerds auf der Platte: “König der Möwen” auf Kampnagel

Wir stellen uns vor, der Plattenladenbesitzer aus dem Film „High Fidelity“ (aus dem Jahr 2000) hätte einfach weitergemacht. Er ist nun älter, weniger zynisch, dafür sehr viel aufgeriebener. Er legt nicht mehr mit überheblichem Blick die neue EP einer Band auf – wissend, dass all die Musiknerds im gut gefüllten Laden die Scheibe tunlichst kaufen werden. Stattdessen kommt lediglich ein Kunde vorbei, der dann auch noch beim Umtausch bescheißt.

Die arrogante Deutungshoheit über Geschmack und Stil ist dem vehementen Zweifel gewichen, überhaupt noch etwas zu sagen zu haben. „Die neue Slime ist überraschend okay“ – solch ein Satz klingt nicht nach Oberchecker, sondern nach einem Flehen, dass das eigene pop- und subkulturelle Wissen noch etwas wert sein darf. Doch Idealismus ist längst Luxus. Und das Anfassen-Wollen, das Vor-Ort-Sein in einem realen Laden wirkt wie ein Auslaufmodell in Zeiten von Streaming, Playlisten und Internetbestellungen.

Willkommen in der Welt von Hans (Andreas Schröders), Betreiber des Plattenladens „Rillenreiter“ im Hamburger Schanzenviertel – und Hauptfigur des Musicals „König der Möwen“, das auf dem diesjährigen Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel Premiere feierte. In zwei Stunden erleben wir als Zuschauer, wie der grundgütige Vinylhöker um Existenz, Identität und Würde ringt. Das Hemd mit Hundemuster spannt über dem Bauch. Das grau umkringelte Gesicht sieht verwittert aus. Die Rechnungen stapeln sich. Der geplante Mitternachtsverkauf der „neuen Toco“ fällt aus.

Die Hängengebliebenen und die Hoffnungsvollen

Die Brechstange, mit der in dieser Inszenierung mitunter Kalauer und Moral präsentiert werden, ist nicht nur sinnbildlich vorhanden, sondern in einer Szene auch tatsächlich zu sehen: Mit ihr wird eine Kiste aufgehebelt, in der sich ein Maskottchen des Stadtmarketings befindet. Eine Skulptur, die offenbar so hässlich und albern ist, dass sie nicht das Licht der Bühne erblicken soll. Doch die Büchse der Pandora ist geöffnet und das Angebot hängt schwelend im Raum, das ach so authentische Liebhabergeschäft doch an die Touristenströme der Hafen City anzudocken. Die Minderheit als Must-have für den Mainstream.

“König der Möwen” ist meilenweit davon entfernt, fünffach gebrochenes Avantgarde-Theater zu sein. Die Story wird – bis auf einige wenige surreale Einschübe – geradeaus erzählt und spart nicht an Stereotypen. Aber ach, möchte ich laut rufen: Es gibt sie ja alle, diese Leute, die Hängengebliebenen und die Hoffnungsvollen und die Halbgewendeten.

Andre (Daniel Hoevels) zum Beispiel, den ehemaligen Underground-Popstar, der seit zwei Jahrzehnten von seinem Rest Fame lebt und sich im „Rillenreiter“ Kaffee und die neue DJ Koze schnorrt. Oder Sanni (Kerstin König), Hans’ junge Angestellte, für die alles „fresh“ ist – und die mitunter vernünftiger wirkt als all die gealterten Bescheidwisser. Und Katja (Eva Löbau), einst Vorzeigelinke, nun Stadtplanerin.

Nicht ständig platt, nicht dauerhaft überhöht

Irgendwo zwischen Kapitalismuskritik und feministischer Diskussion, Soap-Opera-Dialogen und Nerd-Sprech begegnet sich dieses Personal. Wirkt das mitunter zu gewollt? Ja. Wird das an manchen Stellen zu sehr ausgedehnt? Womöglich. Und passt das alles zusammen? Unbedingt. Denn: So ist es, das Leben. Nicht ständig platt, nicht dauerhaft überhöht, sondern meistens irgendwo dazwischen (Und ich persönlich freue mich sehr über Gags wie den Graffiti-Sprayer mit Lackdose-Intoleranz).

Die von Musiker Andreas Dorau, Autor Gereon Klug und Regisseur Patrick Wengenroth entwickelte Dramödie, ein Mix aus Drama und Komödie, ist ein grundsympathisches Stück mit hohem Wahrheitsgehalt und tollen Schauspielern, das wie neuzeitliches Volkstheater daherkommt. An eine Ohnsorg’sche Tür-auf-Tür-zu-Dramaturgie erinnert etwa die Eingangstüre des Plattenladens: Dieses Requisit wird auf der Bühne hin und her geschoben und sorgt für überdeutliche Entrees mit hübschem Palim-Palim-Effekt.

Mir gefällt es gut, dass sich „König der Möwen“ vielen verschiedenen Zuschauerschichten öffnet. Und das liegt nicht zuletzt an der Musik. Eine junge Popband auf Sinnsuche tritt unter wechselnden Namen und Images im „Rillenreiter“ auf. Mal flotte Soul-Kombo, mal schrille Electro-Performer, mal coole Glam-Rocker. Die Songs wandeln auf dem feinen Grat zwischen Persiflage, Zeitgeistanalyse und Hit – allen voran die schmissige Nummer „Feelingsgefühle“ (auch zu finden in meiner  Jukebox “Biggy Hamburg Pop”). Die Prekariats- und Selbstausbeutungshymne „Acht Euro am Tag“ wiederum wirkt wie eine Zusammenfassung von Hans’ Leben. Er selbst mag dieses Lied nicht und stellt es ab. Zu viel Jammern verkauft sich eben nicht gut.

Der Soundtrack zu „König der Möwen“ ist bei Tapete Records erschienen.

 

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Watt En Schlick: Denn davon handeln wir

Da stehe ich nun nach drei Tagen Festival. Die Füße graben Kuhlen in den Strandsand. Der Kopf hängt halb im Sternenhimmel. Müde, drüber, leicht angealstert, Freunde anbei. Alles ist sanft, alles ist gut.

Das Watt En Schlick Fest an der Nordsee ist fast vorüber. Wir warten auf Tocotronic, der finale Auftritt des Wochenendes. Und dann kommt die Band auf die Bühne, die ich seit Mitte der 90er-Jahre Dutzende Male erlebt habe. Geht da noch was zwischen uns heute Abend? Schaffen wir das mit dem Draht, der Energie, einer Art von Bedeutung?

Und dann passiert sie erneut, die Verwandlung. Bei „Electric Guitar“ kurz abgetaucht ins eigene Jugendzimmer, in die Unsicherheiten und Verheißungen. Sehnsucht nach dem guten wilden Leben. Bei „Hi Freaks“ die eigene Merkwürdigkeit herausschreien. Mit „Hey Du“ das vermeintlich Fremde umarmen. Zu „Unwiederbringlich“ die Tränen laufen lassen. An Menschen denken, die nicht mehr da sind und doch ganz anwesend. Die mit einem im Sound stehen und rufen: „Die Füchse im Bau, sie kapitulieren“.

Über die Menge surft ein Mensch. Ein wilder Wirbel. Sänger Dirk von Lowtzow nimmt eines der Plüschtiere, die auf einer Box sitzen, und lässt es sprechen: Die Miesmuschel bedankt sich für 25 Jahre Tocotronic. Gleichfalls. Dafür, immer wieder bewegt zu werden. Dass das nach wie vor funktioniert.

Und genau deshalb möchte ich nun meinen Blog über Pop in Hamburg beginnen. Wegen der verwandelnden Kraft von Musik. Dass der erste Beitrag ausgerechnet außerhalb der Hansestadt spielt und Tocotronic längst keine exklusive Hamburger Band ist, zeigt jedoch bereits, dass ich das Thema nicht mit dem Gartenzaun abstecken möchte. Im Gegenteil: Grenzen sollen offen sein.

Allerdings wohne ich seit mehr als 20 Jahren in Hamburg und bin wegen der Musik hierher gezogen. Und ich liebe es, mich in der Stadt zu bewegen. In ihren Clubs und Kaschemmen. Auf den Dancefloors und neben der Spur. Und zwischen all den grandiosen verrückten Menschen, die zum Teil ihr komplettes Leben (und Sparbuch) der Liebe zu den Tönen widmen.

Ich möchte nicht nur über die Großen und Etablierten schreiben, sondern auch über jene, die (noch) unbekannt sind, die eben erst zart wachsen, die lautstark wenige überglücklich machen. Und die Schicht um Schicht hinzufügen an Dreck und Rock ‘n’ Roll, an Glitzer und Schönheit, an Verzweiflung und Euphorie, an sattem Klang und queren Gedanken. Damit die Stadt dunkel leuchten kann.

Denn davon handeln wir.

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