Von einem, der ankam: “Vielleicht in Hamburg” von Die Regierung

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Vielleicht in Hamburg“. Ein solcher Songtitel klingt wie ein Versprechen, aber auch ein wenig vage. Mich jedenfalls hat er sofort angesprochen. Denn Mitte der 90er-Jahre, als ich noch nicht im Norden lebte, da war das für mich eine absolut aufregende Option: „Vielleicht in Hamburg“ auf ein Konzert gehen. „Vielleicht in Hamburg“ wohnen. „Vielleicht in Hamburg“ das gute wilde Leben finden. Hamburg war damals der Platz für mich: Pop und Subkultur, schräge Lieder und schiefe Visagen, sexuell und politisch anders denkend.

Als ich dann noch erfuhr, dass der Song eine neue Nummer von Tilman Rossmy und seiner Band die Regierung ist, lief die Erinnerungsmaschine direkt weiter auf Hochtouren: Ich war gerade nach Hamburg gezogen und saß das erste Mal im Saal 2 am Schulterblatt. Ein Freund hatte den Ort vorgeschlagen. Ich war etwas zu früh, setzte mich ans Fenster, blickte umher und sah doch tatsächlich Tilman Rosmy in der Mitte des Cafés sitzen, wie er in seinen Milchkaffee schaute. Ein freundlicher Dandy. Vielleicht ein wenig müde.

Über seltsame Entertainer und professionelle Fans

In mir breitete sich ein solch ultimatives Zuhausegefühl aus, dass ich es bis heute abrufen kann. Ich war damals, Ende der 90er, schon Fan. Tilman Rossmy war für mich der nölige Poet, der Liebeslieder von verpeilter Schönheit sang. Über Nicole, Charlotte und Corinna. Er schuf aber vor allem lakonisch rockende Studien über Existenzen jenseits der Norm. Über seltsame Entertainer und professionelle Fans, über Künstler und Idioten, über Lebefrauen und -männer. Und in Hamburg war das möglich, dass so ein toller Musiker einfach ganz ruhig neben einem im Café saß.

All diese Bilder liefen also bereits in meinem Kopfkino ab, bevor ich diesen Song gehört habe, der am 17. August 2018 offiziell als Single beim Berliner Label Staatsakt erscheint. Das ist natürlich gefährlich. Stichwort: Erwartung. Und schön. Stichwort: Vorfreude.

Und wie ist es nun, dieses „Vielleicht in Hamburg“?

Musikalisch ist „Vielleicht in Hamburg“ eine Mischung aus Singersongwriter-Charme und verhaltenem Rock mit fein eingewobenen Gitarrenmelodien. Rosmys halb bemüht ausgestoßenes „Uh Ah Uh Ah Ah“ zu Beginn wirkt eher wie ein Rock ‘n’ Roll-Zitat als wirklich ernst gemeint. Mir gefällt das Abgehangene der Nummer sehr gut. Versucht Rosmy, der Anfang August seinen 60. Geburtstag feierte, doch gar nicht erst, hyperaktiv berufsjugendlich rüberzukommen.

In zwei markanten Episoden erzählt uns Tilman Rossmy auf knapp vier Minuten seine eigene Geschichte. Wie er vier oder fünf Akkorde auf der Volkshochschule lernte und ihn die Prognose ereilte: Damit kommt man nicht weit. „Nicht in meiner Heimatstadt, aber vielleicht in Hamburg“, antwortet er in gewohnter Sing-Sprech-Monotonie. Also zieht der Protagonist in die Hansestadt. In ein Acht-Quadratmeter-Zimmer. Im Sorgenbrecher auf dem Kiez findet er Fans und Freunde, die ihm zurufen: „Schön, dass Du jetzt hier bist“.

Und mir zerspringt kurz das Herz vor Freude, dass dieses kleine Lied genau dieses Gefühl verdichtet, angekommen zu sein an einem Ort, wo die Menschen einen womöglich ein bisschen besser verstehen als anderswo. Willkommen zuhause.

Ich muss an diesen Werbespruch eines Brauseherstellers denken: „Unser soziales Netzwerk heißt Tresen“. Rausgehen, sich treffen, austauschen, das Andere umarmen. Genau das gilt es zu tun. Immer wieder.

Vielleicht in Hamburg“ erscheint am 17. August beim Label Staatsakt.
Tilman Rossmy live mit den Flowerpornoes: 23. August, Knust.

 

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Nerds auf der Platte: “König der Möwen” auf Kampnagel

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Wir stellen uns vor, der Plattenladenbesitzer aus dem Film „High Fidelity“ (aus dem Jahr 2000) hätte einfach weitergemacht. Er ist nun älter, weniger zynisch, dafür sehr viel aufgeriebener. Er legt nicht mehr mit überheblichem Blick die neue EP einer Band auf – wissend, dass all die Musiknerds im gut gefüllten Laden die Scheibe tunlichst kaufen werden. Stattdessen kommt lediglich ein Kunde vorbei, der dann auch noch beim Umtausch bescheißt.

Die arrogante Deutungshoheit über Geschmack und Stil ist dem vehementen Zweifel gewichen, überhaupt noch etwas zu sagen zu haben. „Die neue Slime ist überraschend okay“ – solch ein Satz klingt nicht nach Oberchecker, sondern nach einem Flehen, dass das eigene pop- und subkulturelle Wissen noch etwas wert sein darf. Doch Idealismus ist längst Luxus. Und das Anfassen-Wollen, das Vor-Ort-Sein in einem realen Laden wirkt wie ein Auslaufmodell in Zeiten von Streaming, Playlisten und Internetbestellungen.

Willkommen in der Welt von Hans (Andreas Schröders), Betreiber des Plattenladens „Rillenreiter“ im Hamburger Schanzenviertel – und Hauptfigur des Musicals „König der Möwen“, das auf dem diesjährigen Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel Premiere feierte. In zwei Stunden erleben wir als Zuschauer, wie der grundgütige Vinylhöker um Existenz, Identität und Würde ringt. Das Hemd mit Hundemuster spannt über dem Bauch. Das grau umkringelte Gesicht sieht verwittert aus. Die Rechnungen stapeln sich. Der geplante Mitternachtsverkauf der „neuen Toco“ fällt aus.

Die Hängengebliebenen und die Hoffnungsvollen

Die Brechstange, mit der in dieser Inszenierung mitunter Kalauer und Moral präsentiert werden, ist nicht nur sinnbildlich vorhanden, sondern in einer Szene auch tatsächlich zu sehen: Mit ihr wird eine Kiste aufgehebelt, in der sich ein Maskottchen des Stadtmarketings befindet. Eine Skulptur, die offenbar so hässlich und albern ist, dass sie nicht das Licht der Bühne erblicken soll. Doch die Büchse der Pandora ist geöffnet und das Angebot hängt schwelend im Raum, das ach so authentische Liebhabergeschäft doch an die Touristenströme der Hafen City anzudocken. Die Minderheit als Must-have für den Mainstream.

“König der Möwen” ist meilenweit davon entfernt, fünffach gebrochenes Avantgarde-Theater zu sein. Die Story wird – bis auf einige wenige surreale Einschübe – geradeaus erzählt und spart nicht an Stereotypen. Aber ach, möchte ich laut rufen: Es gibt sie ja alle, diese Leute, die Hängengebliebenen und die Hoffnungsvollen und die Halbgewendeten.

Andre (Daniel Hoevels) zum Beispiel, den ehemaligen Underground-Popstar, der seit zwei Jahrzehnten von seinem Rest Fame lebt und sich im „Rillenreiter“ Kaffee und die neue DJ Koze schnorrt. Oder Sanni (Kerstin König), Hans’ junge Angestellte, für die alles „fresh“ ist – und die mitunter vernünftiger wirkt als all die gealterten Bescheidwisser. Und Katja (Eva Löbau), einst Vorzeigelinke, nun Stadtplanerin.

Nicht ständig platt, nicht dauerhaft überhöht

Irgendwo zwischen Kapitalismuskritik und feministischer Diskussion, Soap-Opera-Dialogen und Nerd-Sprech begegnet sich dieses Personal. Wirkt das mitunter zu gewollt? Ja. Wird das an manchen Stellen zu sehr ausgedehnt? Womöglich. Und passt das alles zusammen? Unbedingt. Denn: So ist es, das Leben. Nicht ständig platt, nicht dauerhaft überhöht, sondern meistens irgendwo dazwischen (Und ich persönlich freue mich sehr über Gags wie den Graffiti-Sprayer mit Lackdose-Intoleranz).

Die von Musiker Andreas Dorau, Autor Gereon Klug und Regisseur Patrick Wengenroth entwickelte Dramödie, ein Mix aus Drama und Komödie, ist ein grundsympathisches Stück mit hohem Wahrheitsgehalt und tollen Schauspielern, das wie neuzeitliches Volkstheater daherkommt. An eine Ohnsorg’sche Tür-auf-Tür-zu-Dramaturgie erinnert etwa die Eingangstüre des Plattenladens: Dieses Requisit wird auf der Bühne hin und her geschoben und sorgt für überdeutliche Entrees mit hübschem Palim-Palim-Effekt.

Mir gefällt es gut, dass sich „König der Möwen“ vielen verschiedenen Zuschauerschichten öffnet. Und das liegt nicht zuletzt an der Musik. Eine junge Popband auf Sinnsuche tritt unter wechselnden Namen und Images im „Rillenreiter“ auf. Mal flotte Soul-Kombo, mal schrille Electro-Performer, mal coole Glam-Rocker. Die Songs wandeln auf dem feinen Grat zwischen Persiflage, Zeitgeistanalyse und Hit – allen voran die schmissige Nummer „Feelingsgefühle“ (auch zu finden in meiner  Jukebox “Biggy Hamburg Pop”). Die Prekariats- und Selbstausbeutungshymne „Acht Euro am Tag“ wiederum wirkt wie eine Zusammenfassung von Hans’ Leben. Er selbst mag dieses Lied nicht und stellt es ab. Zu viel Jammern verkauft sich eben nicht gut.

Der Soundtrack zu „König der Möwen“ ist bei Tapete Records erschienen.

 

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Denn davon handeln wir

Da stehe ich nun nach drei Tagen Festival. Die Füße graben Kuhlen in den Strandsand. Der Kopf hängt halb im Sternenhimmel. Müde, drüber, leicht angealstert, Freunde anbei. Alles ist sanft, alles ist gut.

Das Watt En Schlick Fest an der Nordsee ist fast vorüber. Wir warten auf Tocotronic, der finale Auftritt des Wochenendes. Und dann kommt die Band auf die Bühne, die ich seit Mitte der 90er-Jahre Dutzende Male erlebt habe. Geht da noch was zwischen uns heute Abend? Schaffen wir das mit dem Draht, der Energie, einer Art von Bedeutung?

Und dann passiert sie erneut, die Verwandlung. Bei „Electric Guitar“ kurz abgetaucht ins eigene Jugendzimmer, in die Unsicherheiten und Verheißungen. Sehnsucht nach dem guten wilden Leben. Bei „Hi Freaks“ die eigene Merkwürdigkeit herausschreien. Mit „Hey Du“ das vermeintlich Fremde umarmen. Zu „Unwiederbringlich“ die Tränen laufen lassen. An Menschen denken, die nicht mehr da sind und doch ganz anwesend. Die mit einem im Sound stehen und rufen: „Die Füchse im Bau, sie kapitulieren“.

Über die Menge surft ein Mensch. Ein wilder Wirbel. Sänger Dirk von Lowtzow nimmt eines der Plüschtiere, die auf einer Box sitzen, und lässt es sprechen: Die Miesmuschel bedankt sich für 25 Jahre Tocotronic. Gleichfalls. Dafür, immer wieder bewegt zu werden. Dass das nach wie vor funktioniert.

Und genau deshalb möchte ich nun meinen Blog über Pop in Hamburg beginnen. Wegen der verwandelnden Kraft von Musik. Dass der erste Beitrag ausgerechnet außerhalb der Hansestadt spielt und Tocotronic längst keine exklusive Hamburger Band ist, zeigt jedoch bereits, dass ich das Thema nicht mit dem Gartenzaun abstecken möchte. Im Gegenteil: Grenzen sollen offen sein.

Allerdings wohne ich seit mehr als 20 Jahren in Hamburg und bin wegen der Musik hierher gezogen. Und ich liebe es, mich in der Stadt zu bewegen. In ihren Clubs und Kaschemmen. Auf den Dancefloors und neben der Spur. Und zwischen all den grandiosen verrückten Menschen, die zum Teil ihr komplettes Leben (und Sparbuch) der Liebe zu den Tönen widmen.

Ich möchte nicht nur über die Großen und Etablierten schreiben, sondern auch über jene, die (noch) unbekannt sind, die eben erst zart wachsen, die lautstark wenige überglücklich machen. Und die Schicht um Schicht hinzufügen an Dreck und Rock ‘n’ Roll, an Glitzer und Schönheit, an Verzweiflung und Euphorie, an sattem Klang und queren Gedanken. Damit die Stadt dunkel leuchten kann.

Denn davon handeln wir.

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